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Russland verstehen

Freitag, 15. Juni 2018 von Piper Verlag


WM-Gastgeber Russland: Kein Ausrichter war in den letzten Jahren umstrittener  und gleichzeitig so faszinierend. Begeben Sie sich mit unseren Autoren auf eine faszinierende Reise und lernen Sie das größte Land der Erde besser kennen.

Zehn Tipps für Russland-Reisende

von Stephan Orth

Moskau, Sankt Petersburg, Baikalsee: Populäre Touristenziele in Russland lassen sich an einer Hand abzählen. Dabei gibt es im größten Land der Erde noch viel mehr zu erleben - mit diesen Tipps des Autors von Couchsurfing in Russland!
 
»Immer wieder wurde ich auf meiner Reise von Russen für verrückt erklärt – weil sie nicht verstehen, warum ich ausgerechnet ihr schroffes, riesiges Land besuchte, anstatt nach Thailand oder Mallorca zu fahren. Aber ich mag Orte, die authentisch, normal, nicht perfekt sind, denn sie fühlen sich echter an als Regionen, die wegen der vielen Touristen längst zu Folklore-Vergnügungsparks verkommen sind.
 
Russland abseits von Roter Platz, Wolga-Flusskreuzfahrt und Sankt-Petersburg-Museumstour ist kein Reiseziel für jedermanns Geschmack. Die meisten Städte sind keine Schönheiten, die Menschen wirken schroff (bis man sie ein bisschen kennenlernt), die Distanzen sind enorm.
 
Und doch kann man diesem Land verfallen, wenn man sich darauf einlässt. Diese zehn Tipps helfen dabei.«
 

Ersten Eindrücken misstrauen 

Wer einen russischen Shop, einen Marktplatz oder ein Restaurant betritt, löst damit meist etwa die Freude aus, die man auch einer mittelgroßen Kakerlake auf der Türschwelle entgegenbringen würde. Zunächst wird man ignoriert, dann als Störfaktor empfunden, weil man die hochverdiente Arbeitspause unterbricht. Zuletzt wird der Preis in einem Ton verkündet, wie ihn Filmbösewichter für Sätze wie »Mach ihn kalt« verwenden. 

Und doch habe ich es mehrfach erlebt, dass die Stimmung umschlägt. Ich fragte in brüchigem Russisch nach dem Weg zum Bahnhof, und plötzlich nahm sich mein Gegenüber alle Zeit der Welt, um es mir zu erklären und fragte nach meiner Reise und Herkunft. Ich bestellte noch einen Nachschlag von den Blini, und die Wirtin gab mir den Kaffee aus. Oft zahlt sich ein bisschen Geduld und Lockerheit aus, um den Menschen die Chance zum Auftauen zu geben.
 

Den Altai besuchen

Eine der spektakulärsten Straßen des Landes führt von Gorno-Altaisk nach Kosh-Agach im sibirischen Altai-Gebirge. Ein Roadtrip zwischen Viertausendern, mit wilden Kamelen und reißenden Flüssen am Wegesrand und schweißtreibenden Abenden im Banja-Dampfbad. Für die schönsten Wander- oder Jeeptouren in die Wildnis sollten Outdoor-Fanatiker allerdings etwas Vorlauf einplanen: Dafür brauchen sie, zum Beispiel in der Nähe der 4800 Meter hohen Belukha, ein Permit, das Monate im Voraus beantragt werden muss.

 

Abergläubisch werden

Russen setzen sich vor Reisen auf ihren Koffer, streicheln die Nasen von Skulpturen, pfeifen nicht in geschlossenen Räumen, gucken nicht in zerbrochene Spiegel. Kaum ein Land hat mehr abergläubische Traditionen, und gerne erzählen die Einheimischen ausländischen Besuchern davon. Ob was dran ist, kann jeder unterwegs selber testen, beispielsweise, wenn es darum geht, was ein Juckreiz je nach betroffener Körperregion über die eigene Zukunft aussagt. Nase: Ein Besäufnis steht bevor. Lippe: Es wird geküsst. Linke Hand: Es gibt Geld. Rechte Hand: Man wird einen Freund Treffen. Hals: Es wird gefeiert. Oder es gibt eine Schlägerei. Oder beides. Wenn alles gleichzeitig juckt, sollten Sie trotz aller Vorfreude zum Arzt.
 

Nedoperepil auf den Suschnjak warten

Natürlich ist keine Reise komplett ohne eine Workshop im landestypischen Konsum des »ehrlichsten Drinks der Welt« (weil Wodka nicht schmeckt, sondern nur der Rauscherzeugung dient). Wichtigste Regeln: Getränk niemals mischen und viel Fingerfood dazu, zum Beispiel eingelegte Steinpilze, kalt geräucherten Hecht oder Kartoffeln mit Dill. Das Tischgespräch lockern Diskussionen über folgende Vokabeln auf, die es nur im Russischen gibt: Zapoi (Zustand mehrtägiger Trunkenheit), nedoperepil (betrunkener, als gesund ist, aber nicht so betrunken, wie man sein könnte), suschnjak (das Gefühl im Hals nach einer durchzechten Nacht).

 

Schwanensee angucken

Es gibt wohl keinen besseren Ort, um ins Ballett zu gehen, als das Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg. Dieses Jahr erlebt das Traditionshaus seine 236. Saison, geändert hat sich seit der Eröffnung wenig. Prachtvolle Bühnenbilder, knarzende Holzdielen, ein riesiger Kronleuchter an der Decke. Und jeden Abend erschaffen Tänzer und Musiker etwas, das man zur Zeit kaum mit Russland assoziiert: Leichtigkeit, Schönheit und Eleganz.

 

Zug fahren

Natürlich verleiten die immensen Distanzen dazu, Flüge zu buchen. Doch ohne eine längere Zugreise mit Übernachtungspritsche, Instant-Nudel-Abendessen und ein paar Drinks hat man Russland nicht verstanden. Auf Reisen in Sibirien bekommt man einen echten Eindruck der tatsächlichen Größe des Landes, wenn man 18 Stunden am Stück durch einen immer gleich aussehenden Birkenwald fährt.
 

Leningrad hören 

Die Texte und YouTube-Videos der Rockband Leningrad präsentieren überzeichnete Bilder des exzessiven Lebens junger Russen. Und doch steckt, wie in jeder gelungenen Karikatur, auch einige Wahrheit darin. Millionenfach werden die Songs angeklickt, und der für vulgäre Ausfälle bekannte Sänger Sergeij Schnurow lebt den Rock'n'Roll wie kein Zweiter. Zur Reisevorbereitung empfohlen (aber wegen der vielen Wörter aus der Vulgärsprache »Russischer Mat« nicht in Anwesenheit konservativer Muttersprachler anhören)!

 

Kyrillisch lernen 

Während die russische Sprache eine ziemliche Herausforderung ist, sind die Schriftzeichen leichter zu meistern, als man denkt. Wer sich ein paar Tage lang intensiv damit beschäftigt, kann bald problemlos Ortsschilder, Speisekarten und Reklametafeln lesen. Und da viele Worte deutschen oder englischen Begriffen ähneln, hilft das enorm bei der Orientierung unterwegs.
 

Multikulti erleben

Einige Minderheiten haben sich eine ganz eigene Kultur bewahrt, man kann sich wie auf einer Weltreise fühlen, ohne Russland zu verlassen. Die buddhistisch geprägte Republik Kalmückien erinnert mit ihren Tempeln eher an Tibet als an Moskau, bei einem Kehlkopfgesang-Konzert in der Republik Tuwa fühlt man sich wie in der Mongolei. 

Und in Yakutsk, der kältesten Großstadt der Welt, kann man probieren, wie vergorene Stutenmilch oder im Eisblock servierter Fisch schmeckt, und alles über eine Mythologie dekorativer Elfenwesen lernen, die dem »Herr der Ringe« Konkurrenz machen könnten.
 

Pelmeni essen 

Die mit Hackfleisch gefüllten Teigtaschen mit Smetana (Schmand) machen süchtig. Das ändert selbst das Wissen, dass ihr Name wörtlich übersetzt »Ohrenbrot« bedeutet, nicht mehr. In der Stadt Ischwesk in Udmurtien wurde der Russen-Ravioli sogar ein mehrere Meter hohes Denkmal errichtet. Zurecht.

Blick ins Buch
Couchsurfing in RusslandCouchsurfing in RusslandCouchsurfing in Russland

Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde

Oligarchen und Kartoffelbauern, Kalaschnikows und eingemachte Gurken, orthodoxe Christen und Hippies – Stephan Orth, seit über zehn Jahren als Couchsurfer unterwegs, begibt sich auf die Suche nach dem wahren Russland, jenseits von dem, was Nachrichten und Propaganda daraus machen. Er fährt von Moskau über Wolgograd bis Grosny im Süden, von Jekaterinburg über Irkutsk und den Baikalsee nach Wladiwostok im Osten. Dabei stößt er nicht nur auf Putinanhänger, Waffennarren und wodkabeseelte Machos, sondern auch auf viel Herzlichkeit, unentdeckte Attraktionen und großartige Landschaften. Von Couch zu Couch, von Gastgeber zu Gastgeber ergibt sich ein differenzierteres und persönlicheres Bild. Mitreißend erzählt Stephan Orth von haarsträubenden Abenteuern und überraschenden Begegnungen.
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Angekommen

Hinter der Absperrung geht es 500 Meter in die Tiefe, wir stehen am Rand eines riesigen Kraters. »Willkommen am Arschloch der Welt!«, ruft die Leiterin der Dezernate Kultur und Jugend der Stadtverwaltung. Sie hält ihr Handy hoch, um ein paar Selfies unserer kleinen Gruppe zu knipsen. Lächeln. Klick. Victory-Zeichen. Klick. Arme hochreißen, »Ein bisschen näher zusammen!«. Klick. »Und jetzt alle richtig bescheuert gucken!« Klickklickklick. Wie Teenager am Schloss Neuschwanstein oder am Roten Platz.
Die Luft riecht nach Schwefel und verbranntem Holz, die Abendsonne hängt tief am Himmel und taucht den staubigen Dunst ringsum in rötliches Licht. Sonnenuntergangsromantik auf Apokalyptisch. Am Geländer der Aussichtsplattform hängen Liebesschlösser mit den Namen von Hochzeitspaaren. Julija und Sascha. Schenja und Sweta. Wjatscheslaw und Marija. Der Bund fürs Leben, besiegelt am Eingang zur Hölle, ein Treueschwur an der absurdesten Touristenattraktion des Planeten.
Ich kenne die Menschen nicht, mit denen ich Gruppenfotos mache. Gerade haben sie mich an einem winzigen Flughafen abgeholt, an dem mehr Hubschrauber als Flugzeuge parken und mehr ausrangierte Flugzeuge als solche, die noch starten und landen können.
Sie kamen zu dritt: die Kulturbeauftragte, die Referentin für industrielle Angelegenheiten und der Student. Unterhalten haben wir uns bislang nicht, dafür war die Musik zu laut. Im Lada Priora mit der Heckscheibenaufschrift »Street Hunters« vibrierten die Sitzpolster. Der Fahrstil des Studenten und seine Angewohnheit, bei Tempo 75 beide Hände vom Lenker zu nehmen, um sie im Takt in der Luft herumwirbeln zu lassen, kennzeichneten ihn als jemanden, der schon mit zwanzig nicht mehr viel vom Leben erwartet.
Wo zum Teufel bin ich?
Antwort von Wikipedia: Mirny, Republik Jakutien, Ferner Osten Russlands, 37 188 Einwohner laut Zensus von 2010. Bürgermeister Sergej Alexandrow, Postleitzahlen 678 170 bis 678 175 sowie 678 179.
Antwort von Google Maps: zwischen Tschernyschewskij, Almasny, Tas-Jurjach, Tschamtscha, Lensk, Suntar, Scheja Malykaj, Njurba, Werchnewiljujsk, Nakanno, Oljokminsk und Morkoka. Die Bezeichnung »Nachbarorte« wäre allerdings irreführend, sie befinden sich in einem Radius von 400 Kilometern um Mirny verteilt.
Der Reiseführer antwortet: nichts. Dem »Lonely Planet« ist Mirny ein bisschen zu lonely.
Und meine Antwort? Genau da, wo ich hinwollte. Selfies vor Neuschwanstein kann jeder, zum Taj Mahal muss niemand mehr hinfahren, weil es schon sieben Milliarden Fotos davon gibt. Ich habe genug Schönheit auf Reisen gesehen, um nun bereit für das andere Extrem zu sein. Nicht die Hässlichkeit einer Kakerlake auf dem Küchenboden oder eines kaputten Autoreifens im Straßengraben. Peanuts. Ich meine Anti-Ästhetik von einem Ausmaß, dass einem die Sinne schwinden. Reisen als Horrorfilm oder Thriller, David Fincher statt Rosamunde Pilcher, Hässlichkeit mit Wow-Effekt, Hässlichkeit mit Geschichte. Nur die Normalnull ist langweilig, interessant wird es an den Extrempunkten der Ästhetikskala. Alles eine Frage der Wahrnehmung, nach welchen Kriterien man ein Reiseziel auswählt.
Das »Arschloch der Welt«, so lautet der lokale Spitzname, ist eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. Jahrzehntelange Arbeit, ausgefuchste Statik. Die zweitgrößte Anlage ihrer Art, weltweit. Und einen versteckten Schatz gibt es auch. So weit, so Weltkulturerbe-Kandidat. Gleichzeitig ist die offene Mine von Mirny nun wirklich keine Augenweide, allein das Wort »Weide« würde ja implizieren, dass hier irgendetwas wächst. Jahrzehntelang wurden Diamanten ausgebuddelt, ein paar Gramm Edelstein pro Tonne Boden. Glitzernde Reichtümer, verborgen irgendwo im Morast.
Schrägwände aus grauem Erdreich führen nach unten, ein paar rostige Rohre sind noch von den Förderanlagen übrig. Am gegenüberliegenden Kraterrand, 1200 Meter entfernt, wirken die achtstöckigen Wohnblocks von Mirny wie eine Legolandschaft.

Im Jahr 2004 legte Russlands Edelstein-Gigant Alrosa die »Mir«-Mine – der Name bedeutet »Frieden« – aus einem simplen Grund still: weil der Abgrund bald Gebäude der Stadt verschlungen hätte, wenn die Bagger ihn noch weiter ausgebaut hätten. Nun arbeiten die Diamantenschürfer im Untertagebau weiter.
»Kommen viele Touristen her?«, frage ich die Kulturbeauftragte.
»Haha, nein, eigentlich nur die Einwohner«, antwortet sie. »Deshalb haben wir dich zu dritt abgeholt, das ist schon etwas Besonderes.« Aber gerade sei ein Filmemacher aus Italien da, der nächstes Jahr einen Spielfilm drehen will. »Ich gehe morgen zum Casting, kannst ja mitkommen. Aber jetzt machen wir erst mal eine Stadttour!«
In ihren besten Jahren galt »Mir« als die ertragreichste Diamantenmine der Welt. 342,5 Karat wog der größte Diamant, der hier ausgegraben wurde. Er ist zitronengelb, so groß wie eine Cocktailtomate und mehrere Millionen Euro wert. Ein Sensationsfund verdient einen sensationellen Namen, also nannte man ihn »26. Kongress der Kommunistischen Partei der Sowjetunion«. Auch der »60. Jahrestag des Komsomol« (200,7 Karat) wurde hier freigesprengt. Nicht jedoch »70 Jahre Sieg im Großen Patriotischen Krieg« (76,07 Karat), der stammt aus der Jubilejnaja-Mine weiter nördlich.
»Bist du angeschnallt?«, fragt der Student, dann rasen wir in Schlangenlinien über Schotterpisten Richtung Stadt. Vorbei an einem Hügel mit der Aufschrift »Mir 1957 – 2004«, auf dem riesige ausrangierte Bagger stehen. Der Lada hüpft über Schlaglöcher, die Reifen quietschen, und die Arme des Studenten tanzen. Die beiden Damen von der Stadtverwaltung singen lauthals einen Song von Elbrus Dschanmirsojew mit: Ich bin ein brodjaga, ein Landstreicher ohne Geld, und ich heirate trotzdem die schönste Frau. Nach einigen Wochen unterwegs bin ich es gewohnt, herzlich begrüßt zu werden, aber ein solches Empfangskomitee habe ich noch nicht erlebt. Wegen der Musikbegleitung fällt die erste Stadtführung wenig detailliert aus und besteht darin, dass die beiden Frauen von der Rückbank Ortsbezeichnungen nach vorne brüllen. »Hauptstraße, Uliza Lenina! Stadtzentrum! Schule! Bibliothek! Kirche! Feuerwache! Kriegsdenkmal! Stalinbüste!«
Schmucklose Beton-Hochhäuser, viele ziemlich neu, und zweistöckige lang gezogene Holzbauten aus früheren Jahren säumen die Straßen. Kein Eingang ist ebenerdig, denn alle Häuser sind auf Stelzen gebaut, wegen des Permafrostbodens. Ohne diese Podeste würde durch die Heizungswärme im ostsibirischen Winter der Boden schmelzen, die Gebäude würden absinken. »Du solltest im Januar wiederkommen, da wird es minus vierzig, manchmal minus fünfzig Grad!«, ruft die Referentin für industrielle Angelegenheiten.
Bei Stalin steigen wir kurz aus. Der bärtige Diktator aus dunkelgrauem Stein blickt stolz in Richtung Stadtzentrum, er trägt eine oben zugeknöpfte Uniform mit Sowjetstern am Revers. Auf Stalins Befehl wurde in den Fünfzigerjahren in der Republik Jakutien massiv nach Diamanten gesucht, weil Sanktionen des Westens Russland in eine Wirtschaftskrise katapultiert hatten. Nur deshalb entdeckte man hier die Mine, nur deshalb errichtete man eine Stadt.
Laut Sockel wurde die überlebensgroße Büste 2005 aufgestellt, zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes. Ich bringe meine Überraschung zum Ausdruck, hier ein Denkmal des Schreckensherrschers vorzufinden. »Im ganzen Land gibt es nur zwei oder drei Stalinstatuen, eine andere steht in Murmansk«, sagt die Kulturbeauftragte. Es habe zunächst Proteste gegeben. »Dann wurde abgestimmt, und viele Kriegsveteranen waren dafür. Bei uns geht es noch etwas kommunistischer zu als anderswo. Komm, wir zeigen dir dein Zimmer.«
Kurz darauf biegt der Lada mit Discosound in die Straße »40 Jahre Oktober« ein. Das wäre auch ein schöner Name für einen Diamanten, gemeint ist nicht der Monat, sondern die Revolution. Wir halten vor einem Holzhaus mit blauen Wänden, natürlich auf Stelzen. Die Kulturbeauftragte führt mich in den ersten Stock und schließt die schief in den Angeln hängende Tür mit der Nummer elf auf. »Normalerweise ist das eine Unterkunft für Lehrer, die in Mirny arbeiten«, sagt sie und gibt mir den Schlüssel. Mein Zimmer ist auf mindestens 35 Grad geheizt und enthält eine Schlafcouch, einen Kleiderständer und einen Flachbildfernseher. Hier darf ich kostenlos für die nächsten drei Tage wohnen.

Wahrheit Nummer 18:
Ich fühle mich willkommen. Willkommen am Arschloch der Welt.

Moskau
Einwohner: 11,5 Millionen
Föderationskreis: Zentralrussland


Bürokratie

Sechs Wochen vorher.

Wer auf Couchsurfing.com das Profil von Genrich aus Moskau aufruft, sollte sich für die folgende Stunde nichts vornehmen. Zumindest, wenn es nach Genrich aus Moskau geht.
Er schreibt: »Wer mich um einen Schlafplatz bittet, bestätigt damit, die Prinzipien des Zusammenlebens, die ich in meinem Profil aufgelistet habe, gelesen und verstanden zu haben, und verspricht, sich an sie zu halten.«
Oben links steht das Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes, der auf der polierten Motorhaube eines Geländewagens sitzt. Er hat kaum Haare auf dem Kopf, dafür einen Vollbart, der den späten Dostojewskij neidisch gemacht hätte, und mustert den Betrachter mit ernsten Augen und tiefen Skepsisfalten auf der Stirn. Man könnte sich das Bild gut an der »Mitarbeiter des Monats«-Fotowand eines Inkasso-Unternehmens vorstellen.
Darunter erwarten den Leser 27 Bildschirmseiten mit Text. Ich erfahre, dass Genrich 31 Jahre alt ist und sich für A-capella-Gesang, Linguistik, Kochrezepte, orthodoxen Glauben, Motorräder, Poesie und »Auf-dem-Tisch-Tanzen« interessiert. In der Kategorie »Lieblingsfilme« listet er unter anderem »Easy Rider«, alles von Emir Kusturica und die »Deutsche Wochenschau« auf. Er spricht fließend Englisch, Französisch, Russisch, Deutsch, Polnisch und Ukrainisch und lernt gerade Altgriechisch, Arabisch, Georgisch und Latein.
Herzstück der Profilseite ist ein kompliziertes Regelwerk, wie sich ein Gast zu verhalten hat, verteilt auf mehrere Google-Dokumente mit Titeln wie »WICHTIGE NACHRICHT VON MIR FÜR DICH«, »Früher habe ich viel Zeit verschwendet« und »Wenn ich Gäste habe, lebe ich mit ihnen«. Falls Google-Dokumente an dem Ort, an dem sich der Leser gerade befindet, nicht zugänglich sind, gibt es dasselbe Schriftstück noch einmal über einen Link des russischen Yandex-Servers, verbunden mit dem Hinweis: »Und ja, das ist von Festlandchina aus zugänglich.«
Bei der Lektüre erfahre ich unter anderem:
●    dass bei Genrich keine zehn Zwerge hausen, die hinter jedem Besucher herwischen und den Boden staubsaugen,
●    dass seine Wohnung kein Backpacker-Hostel ist
●    und dass er sich dem Prinzip des »rationalen Egoismus« verbunden fühlt, weshalb er nur Leute einlädt, die er interessant findet.
Eine halbe Din-A4-Seite widmet er einem Satz, den er niemals in einer E-Mail lesen möchte, er lautet: »Ich bin offen, unkompliziert, mag Reisen und freue mich, neue Leute kennenzulernen.« Klingt doch ganz vernünftig? Nicht für Genrich. Eine solche Selbstbeschreibung findet er auf einem Online-Reiseportal trivial und nichtssagend. Und da man diesen Satz vermutlich aus einem anderen Profil kopiert habe, sei das heutzutage doch nur »eine Art zu sagen: ›Ich bin ein fauler Idiot.‹«
Apropos: Ein weiterer Klick führt zur »Checkliste für Couch-Anfragen« für »extrem Vielbeschäftigte und extrem Faule«. Das weckt Hoffnungen, den Bewerbungsprozess beschleunigen zu können. Ist aber eine Falle. Auf dem Bildschirm erscheint ein Formular, in dem neun Häkchen gesetzt werden müssen, die ¬zusammengenommen eine Art Eid ergeben: »Ich werde keine Copy/Paste-Anfrage senden«, »Meine Entscheidung, diese Person zu kontaktieren, hat einen tiefer gehenden Grund, den ich in meiner E-Mail erwähnen werde und von dem ich denke, dass er dem Gastgeber gefallen wird«, »Ich habe den hier verlinkten Artikel zu Prinzipien des Zusammenlebens gelesen, werde mich daran halten und werde im Fall einer Kontaktaufnahme alle Punkte erwähnen, in denen mein Verständnis von Gastfreundlichkeit abweicht«.
Der dazugehörige Link führt – wie gesagt, es ist eine Falle – zu einem 79 Bildschirmseiten umfassenden Dokument auf der Seite WikiHow.com mit Gedanken und Illustrationen zu Themen wie Pünktlichkeit, Körperhygiene, Gastgeschenke, Verweildauer und Klobenutzung.
Klickt man nun, zurück im Ankreuzformular, auf »Kann losgehen!«, ohne alle neun Häkchen gesetzt zu haben, erscheint an jedem fehlenden Feld der Hinweis »Ich würde mit Nachdruck vorschlagen, dass du diesen Punkt nicht überspringst« nebst einem schwarzen Ausrufezeichen in gelbem Kreis. Ein harter Brocken, dieser Genrich. Aber mich reizen harte Brocken, also schreibe ich ihm: »Priwjet, liebes Backpacker-Hostel ›Genrich‹! Ich bin offen, unkompliziert, mag Reisen und freue mich, neue Leute kennenzulernen. Hast du eine Couch für mich?«

Auch die deutsche Nationalmannschaft bereitet sich neben dem Fußballtraining auf ihre Russlandreise vor, um nicht in kulturelle oder politische Fettnäpfchen zu treten. Mats Hummel liest dafür 100 Gramm Wodka von Fedy Gareis. Mehr dazu im Artikel der Frankfurter Rundschau.

Das Reisebuch wurde 2016 mit dem ITB BuchAwards ausgezeichnet. Die Begründung der Jury: »Ganz fein und in einer wunderbar lesbaren Sprache verwebt Gareis persönliche Erinnerungen mit aktuellen Erfahrungen und Entdeckungen in Großstädten, auf dem Land, in Staat und Gesellschaft, welche die “Seele Russlands” fühl- und nachvollziehbar werden lässt.«
 

Blick ins Buch
100 Gramm Wodka100 Gramm Wodka

Auf Spurensuche in Russland

Was hat es mit dem geheimnisvollen Himbeersee auf sich, an dem seine Großmutter unter Stalin zehn Jahre in einem Straflager war? Wie kam es, dass seine Mutter den Geburtsort »Soda-Kombinat« im Pass trägt? Fredy Gareis wächst als Kind von Russlanddeutschen auf – mit vielen offenen Fragen. Und so macht er sich mit 39 Jahren selbst auf, das Riesenland im Osten zu erkunden. Drei Monate fährt er mit einem alten Militärjeep, mit dem Zug und per Anhalter quer durch Russland, wandelt auf den Spuren seiner Familie, setzt das Puzzle seiner Kindheit zusammen, übersteht Wodkaexzesse, macht hinreißende Zufallsbekanntschaften und versucht nebenbei zu ergründen, wie die Menschen im Land von Putin wirklich denken und fühlen.
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Ein Ende, ein Anfang

Mutter weint.

Wir stehen auf dem Parkplatz vor unserem Hochhaus; ihr Schluchzen ist das einzige Geräusch zwischen den Betonmauern der Sozialbauten. Es ist Samstagmorgen, fünf Uhr. Die Nacht verabschiedet sich, und der Tag bricht an.

»Fahr du, bitte«, sagt sie mit matter Stimme und drückt mir den Schlüssel in die Hand.

Ich starte den Motor und lenke den Wagen durch die Häuserreihen zum Autobahnanschluss Rüsselsheim-Mitte, fahre auf die Rampe und gebe Gas. »Nicht so schnell«, mahnt mich meine Mutter. Sie hat kein Interesse, allzu rasch ans Ziel zu kommen.

Über den Zuckerrübenfeldern der Riedlandschaft steigt langsam die Sonne auf und taucht alles in ein helles Orange. Der Himmel ist sattblau und wolkenlos. Wann habe ich meine Mutter zum letzten Mal weinen sehen?

Ein Opel Astra setzt zum Überholen an. Ohne Eile zieht er an uns vorbei. Ich schaue hinüber. Hinter den halb offenen Scheiben ein Pärchen: sie mit einer Zigarette in der Hand, er mit einem Hut auf dem Kopf. Beide lachen, auf dem Dach liegen zwei Surfbretter. Leise höre ich meine Mutter neben mir wieder schluchzen.

Wenige Autos auf der Straße. Man braucht schon einen guten Grund, um um fünf Uhr morgens an einem Samstag unterwegs zu sein: eine Geburt, eine Hochzeit, eine Familienfeier. Oder man fährt in den Urlaub.

Der Opel setzt sich vor uns auf die rechte Spur und fährt langsam davon. Ich lege meine rechte Hand auf Mutters Oberschenkel, aber sie nimmt sie nicht. Sie ist damit beschäftigt, sich die Tränen aus den Augen zu wischen.

Im Gegensatz zu den Distanzen, die meine Familie einst in Russland zurücklegen musste, sind die 65 Kilometer zwischen Rüsselsheim und Mannheim ein Katzensprung. Jeden Sonntag sind wir diese Strecke gefahren, um Großmutter zu besuchen.

Wir passieren eine Fabrik zu unserer Rechten, aus deren Fassade sich eine Metalllippe hervorschiebt. Sie hat mich schon immer an ein trotziges Gesicht erinnert und gleichzeitig angekündigt, dass wir bald da sein würden. Gleich säße ich an Großmutters Tisch, vor mir einen Teller Borschtsch mit einer Haube Smetana, russischem Schmand, später würde ich im Wohnzimmer fernsehen, während sich die Verwandtschaft in der Küche verschanzte und sich mit klirrenden Wodkagläsern zuprostete.

Ich fahre von der Autobahn ab, vorbei an einem heruntergekommenen Bau, der früher als Lager für Russlanddeutsche diente, und parke im Stadtteil Rheinau direkt vor Großmutters Wohnung. Sie saß immer am Fenster und wartete auf uns, winkte, und ein Lächeln schlich über ihr Gesicht, während wir aus dem Auto stiegen.

Diesmal bewegen sich die Gardinen nicht.

Wortlos gehen wir auf das Haus zu. Mutter weint immer noch. Ich will sie in den Arm nehmen, aber sie läuft so schnell die Treppe hoch, dass ich kaum hinterherkomme. Sie stolpert durch die Tür, durch den kleinen Flur ins Schlafzimmer und fällt direkt vor Großmutters Bett auf die Knie.

Großmutter liegt auf dem Rücken, der Körper kerzengerade, die Hände über dem Bauch gefaltet, die Lippen schon blau.

Mutter greift nach diesen Händen, die vor Jahrzehnten im sibirischen Straflager mit Eisenstangen Soda gebrochen haben. Jetzt ist die Haut durchscheinend, von Äderchen durchzogen, dünn wie Pergament, und ich bilde mir ein, ein Knistern zu hören, als Mutter die starren Hände der Toten anhebt und an ihr Gesicht legt.

Oh Mamutschka … oh Mamutschka.

Ich muss an meinen Besuch bei meiner Großmutter vor ein paar Wochen denken. »Ich bin müde«, klagte sie, »ich will schon lange nicht mehr.« Ständig war sie krank, der Mann verstorben, die Verwandten wohnten weit weg. Vielleicht, dachte ich, fehlt ihr auch eine Aufgabe – so wie damals, als es darum ging, Stalin und Sibirien zu überleben und die Familie nach Deutschland zu bringen.

Ich lasse meine Mutter allein und gehe in die Küche, setze mich an den Tisch mit der dicken Plastikdecke, die an den Ecken mit Metallklemmen befestigt ist. Nie wieder wird meine Großmutter mir ein Stück Napoleontorte abschneiden, nie wieder werden wir gemeinsam Kaffee aus einer Untertasse schlürfen, nie wieder vor der kleinen Stereoanlage sitzen und den Schlagerklassiker von Dschinghis Khan schmettern: »Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand – Russland ist ein schönes Land, hahahaha!« Bald wird die Wohnung leer geräumt sein, und alles, was sich hier drin befindet, wird nur noch in meiner Erinnerung existieren. Dabei hätte ich noch so viele Fragen an meine Großmutter gehabt.

Ihre Stimme erfüllt meinen Kopf.

»Propaganda!«, schallte es aus der Küche. »Propaganda!« Und dabei knallte Großmutter ein Glas auf den Tisch – wahrscheinlich verschüttete sie Wodka; alles so laut, dass es bis ins Wohnzimmer zu hören war.

Den Rest konnte ich nicht verstehen, denn die anwesende Verwandtschaft unterhielt sich auf Russisch. Ich war zehn Jahre alt und selbst in der Sowjetunion geboren, aber zu der Welt hinter der Küchentür hatte ich keinen Zugang. Ich durfte noch dabei zuschauen, wie Großmutter mehrere Laibe Brot auf den Tisch legte, riesige Einmachgläser mit sauren Tomaten öffnete, geräucherten Hering aufschnitt, eine Schüssel mit Pelmeni, Teigtaschen, in die Mitte stellte und an jedes Tischende eine Flasche Wodka mit blauem Etikett. Doch dann hieß es für mich: ab ins Wohnzimmer! Die Diskussionen wurden immer hitziger – ich musste den Fernseher lauter stellen. Heute weiß ich: In der Küche war Russland oder, besser, die Sowjetunion. Da wurden die Erinnerungen an den Kommunismus wach, an die Straflager, an den Hunger. Ins Wohnzimmer verscheucht, saß dort die nächste Generation, die damit nichts mehr zu tun haben sollte.

»Was wir erlebt haben, soll dich nichts angehen«, sagte Großmutter immer. »Das hier ist ein anderes Leben. Wir haben all das durchgestanden, damit ihr es einmal besser habt.«

Meine Oma war 1976 über das Durchgangslager Friedland nach Mannheim ausgesiedelt, ein Jahr später folgte ihre Tochter mit mir. Mit dem Grenzübertritt wollte meine Mutter die Sowjetunion für immer hinter sich lassen. Sie passte sich an, wie man sich nur anpassen kann, wurde bisweilen deutscher als die Deutschen und weigerte sich, zu Hause Russisch zu reden.

Jahre später, als ich anfing, mich mit meiner Familienbiografie und damit mit Russland zu beschäftigen, fiel mir der Ausweis meiner Mutter in die Hände. Als Geburtsort steht da: »Soda-Kombinat, UdSSR«. Das Straflager, in dem Großmutter elf Jahre lang für Stalin schuften musste und schließlich ihre Tochter gebar. Mutter riss mir den Ausweis aus der Hand und sagte nur: »Das geht dich nichts an!«

Sie schämt sich bis heute für diesen Eintrag, für dieses bürokratische Überbleibsel aus der Ära Stalin, das sie bis an ihr Lebensende begleiten wird.

Erst in späteren Jahren begann Großmutter, mir am Küchentisch Geschichten zu erzählen – vom Werben der deutschstämmigen Zarin Katharina der Großen um Siedler vor allem aus der alten Heimat, vom langen Treck Zehntausender Deutscher, Schweizer und Elsässer in den Osten, vom Leben der Kolonisten an der Wolga und in Bessarabien, vom Straflager in Sibirien, aber auch von der Enttäuschung, dass sie in Deutschland nicht das Zuhause gefunden hatte, von dem sie in der fernen Weite der sibirischen Steppe geträumt hatte.

»Weißt du, Fredy, der Himmel hängt auch hier nicht voller Geigen. In Russland waren wir die Fritzen. In Deutschland sind wir die Russen. So richtig gehören wir nirgendwo dazu.«

Sie starb, wie alle Großmütter, viel zu früh.

Am Ende bleiben mir 600 Euro in einem Umschlag, zwei Fotoalben mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Menschen, deren Namen ich nicht kenne und deren Vergangenheit mir fremd ist, zwei Ordner mit Unterlagen über die Umsiedlung, ein Adressbüchlein, ein maschinengeschriebener Lebenslauf, der 1976 schließt, als wäre der Neuanfang das Ende.

Ich blättere eine Weile durch die Unterlagen, diese Dokumente der Migration, der Enteignung und der Verfolgung, und erinnere mich gleichzeitig daran, wie sehr Großmutter die Seifenoper »Reich und Schön« liebte. Sie verpasste nie eine Folge. Dann gehe ich wieder ins Schlafzimmer zu meiner Mutter. Sie kniet immer noch am Bett. Auf dem Nachttisch stehen ein paar gerahmte Fotos, sie zeigen meine Oma stolz in einem Pelzmantel, eine goldene Brosche am Revers. Nie trat sie ungeschminkt vor die Tür; als es mit der Gesundheit bergab ging, wollte sie noch nicht mal die Verwandtschaft empfangen, damit keiner sah, wie es um sie stand.

Wie lange werde ich sie so lebendig noch im Gedächtnis behalten? Wie lange wird es dauern, bis diese Bilder anfangen zu schwinden und ich mich nicht mehr daran erinnern kann, dass sie immer nur Chanel N°5 benutzte und die Speisekammer so vollgestopft mit eingemachter Marmelade war, dass der nächste Weltkrieg für diejenigen, die bei meiner Großmutter Unterschlupf gefunden hätten, sehr süß geworden wäre?

Durch die Balkontür weht ein Luftzug herein, und ich rieche die Lilien aus dem kleinen Park, der direkt an die Wohnung grenzt. Die Vorhänge flattern sanft. Ich knie neben meiner Mutter nieder. Wir weinen gemeinsam. Es ist ein Ende, und es ist ein Anfang.

 

Санкт-Петербург:
Der Westen im Osten

Die fremde Seele

Ein paar Jahre später, an einem Sonntag im August, sitze ich im Flugzeug Richtung Sankt Petersburg, und alles, was ich unter mir sehe, ist ein grünes Meer aus Bäumen.

Hinter mir liegen Interviews mit Bekannten und Verwandten. Ein Treffen mit meinem Vater, den ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Abende, an denen ich über meiner Reiseroute brütete, und Nächte, in denen ich auf Russisch träumte.

Jetzt schwinden die Kilometer bis zur Ankunft in dem Land, das sich über neun Zeitzonen erstreckt, doppelt so groß wie die USA ist, dabei aber nur halb so viele Einwohner hat. Ein Land, von dem es heißt, dass man es nicht mit dem Verstand fassen kann. Ein Land, dessen Seele mir so fremd ist wie der dunkle Wald da unter mir – und das doch die Heimat meiner Familie war.

Neben mir sitzen zwei Frauen. »Und Sie, junger Mann? Was haben Sie in Russland vor?«, spricht mich die deutlich Ältere der beiden an.

»Ich will mir ein Auto kaufen und bis zum Pazifik fahren«, antworte ich wahrheitsgemäß.

»Sie wollen sich ein Auto in Russland kaufen?« Beide schauen mich ungläubig an. »Und bis zum Pazifik? Durch die Taiga? Wieso das denn?«

»Warum denn nicht?«

»Aber in der Taiga ist absolut nichts, da wird man von der Leere verschluckt!«, gibt die Ältere zu bedenken.

»So schlimm wird es hoffentlich nicht sein. Ich war schon an ganz anderen Orten.«

»Vielleicht«, entgegnet die junge Frau skeptisch, »aber die Taiga ist anders. Da herrschen Gesetze, die du nicht kennst. Die Bären werden dich zum Frühstück verspeisen!«

Dann wendet sie sich der alten Dame zu, und die beiden fangen an, sich über die Situation in der Ukraine zu unterhalten. Vor Kurzem erst hat Russland die Krim annektiert; ich höre sie davon reden, dass man den ukrainischen Drecksäcken und Verrätern, diesen Faschisten, keinen Meter geben dürfe. Und schon sind wir bei Putin. Wie gut es sei, einen Mann an der Spitze des Staates zu haben, der mit der so oft zitierten silnaja ruka regiere, der eisernen Faust.

Ungewöhnlich ist das nicht. Es gibt eine Denkschule, die besagt, dass Russland für immer eine Autokratie sein werde, dass westliche Regierungsformen in diesem Riesenland schlicht nicht funktionierten. Es sei einfach zu groß und zu chaotisch, Macht könne unter diesen Umständen nicht dezentralisiert werden. Im Gegenteil: Nur mit eiserner Faust lasse sich das gigantische Reich zusammenhalten. Vielleicht ist diese Argumentation zu einfach, dennoch zieht sich das Phänomen wie ein roter Faden durch die russische Geschichte, von den frühesten Herrschern bis heute.

Schließlich setzt die Maschine unter dem Applaus der Passagiere auf, rollt aus und entlässt uns in das brandneue Terminal des Flughafens Pulkowo, in dem die Böden und die Glasflächen auf Hochglanz poliert sind und die Zöllnerinnen in Miniröcken und auf Stöckelschuhen umherlaufen. Das Klack-klack, die Vorliebe der russischen Frauen für Absätze, wird mich über 12.000 Kilometer bis nach Magadan am Pazifik begleiten.

Meine Mutter will nie wieder einen Fuß in dieses Land setzen, aber ich stehe jetzt hier und warte, bis die Beamtin in dem Glaskasten meinen Pass stempelt. Ein russisches Sprichwort kommt mir in den Sinn: »Du suchst den gestrigen Tag – er ist bereits vergangen.« Maybe so. Aber ohne Gestern kein Heute, oder?

In der U-Bahn rattere ich Richtung Stadtzentrum. Das Innenlicht flackert. Vom Band Informationen in der Landessprache über die nächsten Stationen. Ich hoffe, dass sich mein verschüttetes Russisch möglichst schnell wieder zutage fördern lässt, sodass ich nicht stumm durch dieses Land laufen werde wie einst meine Vorfahren. Daher kommt der Begriff für die Deutschen: nemetz – stumm. Bei der großen Einwanderungswelle im 18. Jahrhundert wurden alle Ausländer so bezeichnet: »Einen Deutschen nennt man bei uns jeden«, schrieb Nikolai Gogol 1832, »der aus einem fremden Land stammt, sei er nun Franzose oder Großkaiserlicher oder Schwede, immer ist er ein Deutscher.« Während die anderen Völker im Laufe der Zeit andere Namen bekamen, blieb der Begriff »stumm« an den Deutschen haften, das war das namentliche Schicksal der größten Einwanderergruppe.

Am Newski-Prospekt, der Hauptader der Stadt, erblicke ich wieder das Licht der Welt. Bei 32 Grad im Schatten läuft mir nach ein paar Minuten schon der Schweiß über den Rücken. Ich suche mein Hotel auf diesem endlosen Boulevard, dessen Häuserzeilen früher Metzger, Bäcker und Fischverkäufer beherbergten und wo vor knapp 100 Jahren 150.000 Arbeiter marschierten und »Brot, Brot, Brot!« skandierten. Bewaffnet mit Messern und Hämmern, stellten sie sich gegen die Kräfte des Zarenregimes. Bald war die Monarchie der Romanows am Ende, und die Symbole der Revolution – die gebrochene Kette und die strahlende Sonne – erschienen auf Bannern und Zeitungsköpfen.

Heute reiht sich am Schauplatz der Russischen Revolution, die am Ende das zaristische Joch durch das kommunistische ersetzte, Restaurant an Restaurant; ihre Markisen hängen träge in der schwülen Luft. Die Männer auf den Terrassen ignorieren die zahllosen Frauen in luftigen Kleidchen und auf klippenhohen High Heels. Ein alltäglicher Anblick, an den sie sich schon lange gewöhnt haben. Sie interessieren sich eher für die BMWs und Audis und deren Fahrer, die an der roten Ampel mit nervösen Sohlen die Maschinen hochjagen und dann bei Grün über den Boulevard donnern, als gäben die Lichter das Signal für die Daytona 500. Das kraftvolle Röhren der Motoren hallt von den historischen Mauern wider, aber die Palais und Kirchen haben in den drei Jahrhunderten ihres Bestehens schon ganz anderes erlebt.

Alessia ist so zierlich, dass sie in ihrem SUV nahezu verschwindet. Sie hat grüne Augen, ist 27 und die Freundin einer Freundin aus Berlin, die sich bereit erklärt hat, mir einen ersten Überblick über Sankt Petersburg zu verschaffen. »Steig ein«, sagt sie, und ich ziehe die Tür des BMW hinter mir zu.

Handzahm fahren wir den Newski-Prospekt entlang, vorbei an den Touristenmassen, den zahlreichen Kanälen, der riesigen Kasaner Kathedrale. Nach einer Brücke machen wir eine Kehrtwende, sodass ich einen Panoramablick auf diese bombastische Stadt habe, die in der untergehenden Sonne glüht. Die Wolken leuchten fast purpurn.

Der Maßstab der Fünfmillionenstadt, ihre Größe und Wirkung sind fast surreal: die unendlichen Boulevards, die weitläufigen Plätze und die Weißen Nächte, wenn die Sonne fast nicht untergeht. Eine Stadt der Ausblicke und des Lichts, errichtet mit den Idealen der Aufklärung von einem jungen Zaren, der sich in den westlichen Ländern gebildet hatte.

Als Peter der Große die Stadt 1703 gründete, rümpfte der russische Adel kollektiv die Nase: ein sumpfiges Loch an der Mündung der Newa im abgelegenen Nordwesten des Reichs, am Finnischen Meerbusen? Unerhört! Aber bald schon sollte Petersburg der alten Hauptstadt Moskau den Rang streitig machen und zukünftige Generationen inspirieren. Auch wenn zu Beginn der Adel noch per Dekret in die neue Stadt beordert werden musste.

Peters Lebensstil würde man heute unter der Kategorie »work hard – play hard« verbuchen. Er trank und feierte tatsächlich wie ein Großer, während er gleichzeitig Russlands Gesellschaft und Politik von Grund auf umkrempelte, um endlich auf Augenhöhe mit den Großmächten Frankreich, Großbritannien und Spanien zu gelangen. Alexander Puschkin, der Vater der russischen Literatur, spricht ein gutes Jahrhundert später in seinem Gedicht »Der eherne Reiter« davon, dass Peter mit seiner Stadt »ein Fenster nach Europa hin« geöffnet habe.

Das Fenster mag der Herrscher geöffnet haben, gebaut aber haben es Zehntausende Leibeigene, die zwangsrekrutiert worden waren und während der Schufterei für Peters Vision an Skorbut, der Ruhr, an Hunger und Erschöpfung starben.

Alessia arbeitet für eine Filmproduktionsfirma, und Sankt Petersburg ist für sie die schönste Stadt der Welt. Trotzdem denkt sie darüber nach, ihr und ihrem Land den Rücken zu kehren.

»Es wird immer schlimmer«, meint sie, als wir unsere kleine Rundfahrt fortsetzen und an der Universität vorbeikommen. »Schon jetzt darf man nichts Negatives mehr über die Annexion der Krim sagen. Aber viele denken natürlich auch ganz anders darüber, finden es gut, wie Putin das Land führt.«

An einem Park hält Alessia an, und wir steigen aus. »Hast du schon was gegessen?« Ohne meine Antwort abzuwarten, stellt sie sich in die Schlange eines Imbisses.

»Hier.« Kurze Zeit später drückt sie mir einen Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade in die Hand. »Sind zwar nicht die besten der Stadt, schmecken aber ganz ordentlich.« Dazu reicht sie mir ein Gläschen Wodka. Sto gramm – 100 Gramm. Eine gängige Trinkgröße in diesem Land.

»Willkommen in Russland«, sagt sie, warnt mich aber im selben Atemzug: »Pass auf, im Glas ertrinken hier mehr Menschen als im Meer.«

Wir setzen uns auf eine Parkbank und beobachten das Treiben. In der Mitte des Platzes sprudelt eine Fontäne. Um den Brunnen torkeln mehrere Männer in blau-weiß gestreiften Shirts und mit Käppi auf dem Kopf. Einige liegen bewusstlos auf dem Boden, andere werden von ihren Kameraden aus dem Delirium geohrfeigt, nur damit diese ihnen gleich die nächste Flasche in die Hand drücken können.

»Was ist denn hier los?«, frage ich verwundert.

»Heute ist der Tag der Seestreitkräfte«, erklärt Alessia.

»Und an dem betrinkt man sich einfach hemmungslos?«

»Ja, das artet immer etwas aus. Aber keine Angst, die sind alle so blau, die tun dir nichts.« Dennoch rät mir Alessia, wie später viele andere, auch zur Vorsicht in ihrem Land: »Vor allem in den Dörfern. Ich würde da nie aus dem Auto steigen. Da laufen mir viel zu viele Betrunkene rum, und auf die Polizei kannst du auch nicht zählen – die ist komplett korrupt.«

»Ich dachte, Putin bekämpft die Korruption.«

»Stimmt auch, aber du wirst da draußen schon merken, dass Moskau verdammt weit weg ist«, entgegnet sie mit ernster Miene.

Ich lehne mich zurück und genieße meinen Pfannkuchen. Ein Junge läuft aufgedreht über den Platz, direkt in einen Pulk pickender Tauben hinein. Ihre Mahlzeit endet in aufgescheuchtem Durcheinander. Der kollektive Flügelschlag übertönt kurz das Gejohle der Besoffenen am Brunnen, die sich so feuchtfröhlich in den Armen liegen, als wären sie siegreich aus einem Krieg zurückgekehrt. Ich muss daran denken, dass die aktuelle politische Lage bereits an den Kalten Krieg erinnert und momentan nichts darauf hindeutet, dass sich das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen in nächster Zeit entspannen könnte.

Die 100 Gramm Wodka brennen mir in der Kehle. Wahrscheinlich sollte ich mich daran gewöhnen. In meinem Kopf höre ich, wie in der Küche meiner Großmutter die Gläser klirren.

 

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