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Russland verstehen

Freitag, 15. Juni 2018 von Piper Verlag


Begeben Sie sich mit unseren Autoren auf eine faszinierende Reise nach Russland und lernen Sie das größte Land der Erde besser kennen.

Große Geschichte und individuelle Schicksale von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Sibiriens vergessene Klaviere

Auf der Suche nach der Geschichte, die sie erzählen

„Eine außerordentliche Reise durch Musik, Exil und Landschaft.“ Edmund de Waal

Sibirien - das ist unerbittliche Kälte und enorme Weite. Sibirien, dieses Gefängnis ohne Dach, ist aber ebenso von verblüffender Schönheit. Welch bedeutende Rolle ausgerechnet hier Klaviere als Symbol europäischer Kultur spielen, zeigt die Britin Sophy Roberts auf ihrer extravaganten Spurensuche. Ihre Erkundungen führen tief in das Herz der Geschichte und erzählen uns nicht weniger von der Gegenwart.

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Zwischen Freundschaft und Vorurteilen: Das deutsch-russische Verhältnis

Blick ins Buch
Fremde FreundeFremde Freunde

Deutsche und Russen – Die Geschichte einer schicksalhaften Beziehung

Während Wladimir Putin sein Land auf eine gefahrvolle Reise in eine postwestliche Zukunft schickt, fragen sich die Deutschen ratlos: Haben wir Russland verstanden? Die Russland-Expertin Katja Gloger erklärt die heutige Situation aus der tausendjährigen deutsch-russischen Geschichte heraus und erzählt davon, was Deutsche und Russen einander schenkten – und was sie einander antaten.

Enthält Gespräche mit Gerhard Schröder, Michail Gorbatschow, Joachim Gauck und Daniil Granin.

Eine junge Deutsche namens Sophie, die, als 17-Jährige nach Moskau geschickt, zur Zaren- und Gattenmörderin wird und als Katharina II. Weltgeschichte schreibt; ein Koffer voller Bilder, die gestohlen werden, was sich als ihre Rettung erweist; eine mondäne Schauspielerin, von den Boulevardblättern gefeiert, die aus Liebe nach Russland emigriert, um dort dem grausamen Lagersystem zum Opfer zu fallen; ein Berufsrevolutionär, der aus einer Moabiter Gefängniszelle heraus Kontakte in höchste Kreise pflegt; eine belagerte, verhungernde Stadt, in der bei eisiger Kälte ein Orchester Beethovens Neunte spielt und damit Hitler widersteht – Katja Gloger erzählt von der eng verwobenen Geschichte der Deutschen und der Russen, die tragisch ist und auch schön. Beide Länder waren einander Verheißung – und zu oft führten solche Utopien ins Verderben.

Die Autorin wirbt für einen vorurteilslosen Blick auf Russland und erinnert an die besondere Verantwortung, die die Deutschen Russland gegenüber tragen. In jedem Kapitel wird deutlich, wie die deutsch-russische Geschichte die Gegenwart prägt. Darüber hinaus hat Katja Gloger persönliche Gespräche mit Staatsmännern, Historikern und mit Menschen geführt, die Krieg und Verfolgung erlebten – und heute für Versöhnung kämpfen.

„Lebendig und fundiert führt Katja Gloger durch die schon ein Jahrtausend währende gemeinsame Geschichte von Deutschen und Russen – mit all ihren Blütezeiten und schrecklichen Abgründen. Der Blick auf die aktuellen Beziehungen erhält so historische Tiefenschärfe. Ein wichtiges und notwendiges Buch, gerade angesichts neuerlicher Entfremdungstendenzen.“
Dr. Jürgen Zarusky

Chefredakteur der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

„Dieses Buch macht unsere gemeinsame Geschichte verständlich.“
Sigmar Gabriel

Vorwort
Moskau, Russlands Herz. Kaum eine Millionenstadt könnte moderner sein, attraktiver, europäischer. Eine „smart city“, jung und zukunftsweisend. Hoch recken sich die gläsernen Türme des Geschäftszentrums „Moskwa-City“; neu angelegt die eleganten Promenaden entlang des Moskwa-Ufers, Fahrradwege. Eine Stadt, beinahe schon wieder sowjetisch sauber geputzt. Und doch: Wenn man abends zusammensitzt in den Küchen und erzählt, macht sich Traurigkeit breit, eine gewisse Hoffnungslosigkeit gar. Als ob man ahnt, dass sich doch nichts ändert. Dass man doch nichts ändern kann.
So nah scheinen uns dieses Land und seine Menschen – und sind zugleich doch so weit entfernt. Wladimir Putin, Präsident eines vermeintlich neuen Russland, hat sein Land auf eine gefahrvolle Reise geschickt. Sie führt weg von Europa.
Alternativlos soll der Kurs sein, den dieses Russland in eine postwestliche Zukunft eingeschlagen hat, alternativlos wie sein Präsident, der nun seit beinahe zwei Jahrzehnten herrscht, zunehmend einem, ja, Zaren gleich. Dieses Russland zeigt sich als unberechenbare Großmacht, eine nukleare Weltmacht von Rang in einer multipolaren Welt, in der wieder um Geopolitik und um Einflusszonen gerungen wird. In dieser nunmehr ent-fesselten Welt soll das Konzept des Westens auf den Abfallhaufen der Geschichte gekehrt werden; diese großartige Idee von Demokratie, universalen Menschenrechten und multilateralem Miteinander – eine Idee, die ja auch vom Westen selbst immer wieder verraten wurde.
Vielmehr gilt: „Russia First“. Eine vermeintlich souveräne, zunehmend einsame, revisionistische Macht, die keine Grenzen zu kennen scheint. Und doch: Dieses Russland, Putins Russland, ist ein Koloss auf tönernen Füssen.
Wie groß das Misstrauen geworden ist, wie sehr man sich in den vergangenen Jahren einander entfremdet hat. Vor allem in Deutschland bleibt man bekümmert zurück, ratlos. Was ist geblieben von „strategischer Partnerschaft“, dem Wunsch nach Ausgleich, Frieden und Freundschaft? Wird doch in keinem anderen westlichen Land so leidenschaftlich um Russland und seine Zukunft gerungen wie in Deutschland. In keinem anderen Land finden sich so viele „Russland-Versteher“ – auch im besten Sinne des Wortes. Deutsche und Russen – Russen und Deutsche: zwei Länder, zwei Völker, die seit tausend Jahren voneinander nicht lassen können. Immer wieder schrieb diese Beziehung Weltgeschichte – im Guten wie im sehr Bösen. Sie war – und ist – von Gegensätzen und Widersprüchen geprägt: von Vorurteilen und tiefer Furcht, auch von Hass. Aber auch von tiefer Freundschaft und gegenseitiger Bewunderung, gar Verklärung. Noch immer macht man eine Seelenverwandtschaft aus. Und heißt es nicht, einen russischen Dichter aus dem Zusammenhang gerissen zitierend, mit dem Verstand sei Russland nicht zu begreifen? „An Russland kann man nur glauben!“
Man kann sein Herz an Russland und seine wunderbaren Menschen verschenken, vielleicht muss man es sogar. Tragen doch die Deutschen eine besondere Verantwortung gegenüber Russland und seinen Menschen. Den Verstand aber, den darf man dabei keinesfalls verlieren. Es gilt vielmehr, den kühlen Blick zu bewahren und sich den oft so bitteren Realitäten dieses Landes zu stellen.
Dieses Buch möchte Einblicke geben in unsere faszinierende gemeinsame Geschichte, die tragisch ist und auch schön. Es soll dazu beitragen, Russland zu entschlüsseln und zu verstehen. Es berichtet davon, wie wir vor tausend Jahren als erfolgreiche Fernhändler zueinander fanden – damals, als die Ostsee unser Weltmeer war. Es erzählt von mutigen deutschen Entdeckern in den endlosen Weiten Sibiriens und natürlich von Katharina der Großen, Russlands deutscher Kaiserin, dieser außergewöhnlichen Frau mit dem feinen Gespür für die Nuancen des Möglichen. Es führt an die Frontlinie des Kalten Krieges, als Deutschland geteilt und die DDR das westlichste Land des Ostens war – die „Perle in der Krone des sowjetischen Imperiums“, wie es in Moskau hieß. Es erzählt von Krieg und Frieden, von Siegen und Niederlagen, von Schuld und Sühne, von einer merkwürdigen Sehnsucht auch. Wie wir uns aneinander berauschten, die „russische Seele“ und das „deutsche Wesen“ suchend, zwei sich missverstanden fühlende Kulturnationen mit dem fatalen Anspruch, dass an ihnen die Welt genese.
Russland – ein Traumland, „das an Gott grenzt“, wie es Rainer Maria Rilke verklärte. Ein Land voller romantischer Utopisten, unverdrossen an der Zukunft bauend. Ein Land, nicht West, nicht Ost. Bis heute nicht.
Wie lange sie eine Furcht vor der Freiheit teilten, der autoritären, der totalitären Versuchung erlagen. Fanden sich Deutsche wie Russen Anfang des 20. Jahrhunderts doch in tiefer Verbundenheit auch gegen die vermeintlichen Verführungen des modernen Westens. Dabei führten deutsch-russische Sonderwege immer ins Unheil. Während des Ersten Weltkrieges ermöglichte das deutsche Kaiserreich dem kommunistischen Berufsrevolutionär Wladimir Lenin die Rückkehr aus dem Exil nach Russland. Der von ihm angezettelte Staatsstreich – die Oktoberevolution – führte Russland in ein Jahrhundert des Terrors. Der andere deutsch-russische Sonderweg endete in 1939 in der Weltkriegsallianz zweier Massenmörder, Hitler und Stalin.
Eine Erzählung über Deutsche und Russen muss den Blick in den Abgrund der Vergangenheit richten, diese unaussprechliche Schuld. Was man nicht sehen will und doch sehen muss. Viel zu lange lagen die monströsen Verbrechen der Deutschen im Vernichtungskrieg gegen die Völker der Sowjetunion im Schatten der deutschen Erinnerung. Doch auch in Putins Russland bleibt die brüchige Wahrheit unter dem pompös inszenierten Siegesmythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ begraben.
Auf vielen Reisen durch Russland durfte ich immer wieder Menschen kennenlernen, auch deren Kinder und Enkel, die mir von diesem Krieg berichteten, den realen Schlachtfeldern und denen der Erinnerung. Wie sie die Deutschen hassten und ihnen dann doch verziehen, barmherzig mit ihrer ganzen feinen russischen Seele. Nicht ich, die Deutsche, durfte sie um Verzeihung bitten. Im Gegenteil: Sie reichten mir die Hand. Ihnen gilt meine Dankbarkeit. Sie ist verbunden mit der Hoffnung, dass wir uns eines nicht so fernen Tages gemeinsam unserer Geschichte stellen können, offenen Herzens voneinander lernend.
Daher steht zu Beginn dieses Buches die Würdigung eines Mannes, dem es zufiel, die Welt friedlich zu verändern: Michail Gorbatschow. Lange verstanden wir nicht, dass er in seinem eigenen Land an dem scheiterte, was wohl wirklich unmöglich war. Seine Perestroika stellte sich als letzte sowjetische Utopie heraus. Und doch: Mit ihm begann das Ende des Kalten Krieges. Er ermöglichte die deutsche Einheit und in gewisser Weise auch die europäische Einigung. Ein Mann von Skrupel, glaubte Michail Gorbatschow fest an die Zukunft seines Landes in einem gemeinsamen Europäischen Haus. Dieses Jahr 1989, das schon ferne Vergangenheit scheint, es bleibt mit ihm verbunden, ein Jahr der Wunder. Tage, die zeigten, was möglich sein kann. Und dass alles auch wieder zerfallen kann.


„Ich habe an die Türen der Geschichte geklopft, und sie taten sich auf“
Michail Gorbatschow, ein Mann von Skrupel, ermöglichte die deutsche Einheit. Ihm fiel es zu, die Welt zu verändern. Über einen, der sich zu grenzenloser Freundschaft entschloss – und auch von mächtigen Männern des Westens grenzenlos enttäuscht wurde. Eine Würdigung.

Eigentlich war dieser Donnerstag, der 9. November 1989, ein vergleichsweise normaler Arbeitstag für Michail Gorbatschow. Für den Nachmittag war die allwöchentliche Sitzung des Politbüros anberaumt, des immer noch mächtigen Entscheidungsgremiums. Eher Routine – wenn man in Moskau überhaupt noch von Routine sprechen konnte. Vier Jahre zuvor, im März 1985, hatten die greisen Männer im Politbüro mit einer revolutionären Entscheidung den vergleichsweise jungen Michail Gorbatschow zum „GenSek“ ernannt. Der selbstbewusste Gorbatschow, damals 54 Jahre alt und für Landwirtschaft zuständig, sollte das Unmögliche vollbringen: die Stabilität des Systems wahren und zugleich tief greifende Reformen wagen; vor allem an der bröckelnden ökonomischen Front. „Alles war marode, das ganze System. Es konnte so nicht weitergehen“, lautete Gorbatschows schlichte Analyse über den wahren Zustand der nuklearen Supermacht Sowjetunion. Sein Land war bestenfalls noch ein Koloss auf tönernen Füßen, in dem fast jeder zweite Rubel des Staatshaushalts für das Militär ausgegeben wurde und es noch nicht einmal mehr gelang, funktionierende Kühlhäuser für Kartoffeln zu bauen.
Er begann eine Reise ins Ungewisse. Uskorenie: Beschleunigung durch Wirtschaftsreformen; Glasnost: Transparenz und Meinungsfreiheit und schließlich Perestroika: der grundlegende gesellschaftliche Umbau. Auf diesen drei Säulen sollte eine runderneuerte Sowjetunion stehen. Innenpolitisch sollte sie eine Reform des Sozialismus und der verknöcherten kommunistischen Partei einleiten, außenpolitisch die Block-Konfrontation des Kalten Krieges überwinden. Gorbatschow musste zu Abrüstungsvereinbarungen kommen und die Wirtschaftsbeziehungen zur kapitalistischen Welt ausbauen. Die knappen Ressourcen mussten dringend vom militärischen auf den zivilen Bereich umgeleitet werden – sonst drohte der ökonomische Zusammenbruch.
„Neues politisches Denken“ nannte Gorbatschow das außenpolitische Konzept, das den Abschied von der verknöcherten Ideologie einleiten sollte: „Der Gedanke, dass Krieg die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln sein soll, ist hoffnungslos veraltet.“1 Sicherheit war kein Nullsummenspiel mehr, sondern nur noch gemeinsam zu erreichen.
Jung, dynamisch, durchaus charmant und eine schöne Frau an seiner Seite, die Agrarsoziologin Raissa Gorbatschowa, war Gorbatschow zum Darling des Westens geworden. Mit US-Präsident Ronald Reagan hatte er sich nach anfänglichem Krach während eines Gipfels in Reykjavik zusammengerauft und sich innerhalb weniger Monate im Dezember 1987 auf ein historisches Abrüstungsabkommen geeinigt: den INF-Vertrag über die Abschaffung der nuklearen Mittelstreckenraketen.2 „Die Sowjets sind ja menschliche Wesen“, stellte man in Washington erstaunt fest. Gorbatschow sei ein echter „Agent des Wandels“.3
Gorbatschows Ziel, die Beendigung des Kalten Krieges, erforderte eine grundlegende Veränderung der Beziehungen zu den USA. Dies aber war ohne eine wie auch immer geartete Lösung der „deutschen Frage“ nicht möglich, so Gorbatschows Berater Anatolij Tschernjaew: „Die ›deutsche Frage‹ war der Schlüssel zur Schaffung der für die Perestroika erforderlichen äußeren Bedingungen.“4 In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel hatte Gorbatschow selbst die Bedeutung der deutsch-sowjetischen Beziehungen unterstrichen: Von ihnen „hängt viel ab, sowohl für Europa als auch, ohne zu übertreiben, für die ganze Welt“.5
Der INF-Vertrag bahnte den Weg: Er sah den Abzug von US-Mittelstreckenraketen in Europa vor. Damit wurde auch ein entscheidendes Hindernis auf dem Weg zu einer möglichen strategischen Verständigung mit der Bundesrepublik beseitigt – die in der Bundesrepublik stationierten amerikanischen Pershing-2-Raketen, die als direkte Bedrohung der sowjetischen Sicherheit betrachtet wurden.6
In Bezug auf die Bundesrepublik und ihren Kanzler Helmut Kohl hatte sich Michail Gorbatschow allerdings das Recht auf einen gewissen Argwohn genommen. Er wartete mehr als drei Jahre mit der Kontaktaufnahme auf höchster Ebene. Er hatte Kohl mit kalkulierter Missachtung gestraft, nachdem der ihn in einem Interview 1986 faktisch mit dem Nazi-Hetzer Joseph Goebbels verglichen hatte.7 Das hatte ihm Gorbatschow lange nicht verziehen. Außerdem: Kohl sei ein Mann der Amerikaner. Und eine besondere „intellektuelle Leuchte“ sei er auch nicht gerade.8
Andererseits: Er wollte sich eine mögliche neue Deutschlandpolitik keinesfalls von seinem Intimfeind, SED-Chef Erich Honecker, durchkreuzen lassen.9 Längst lebte Honecker „in einer anderen Welt“. In der DDR habe man Perestroika schon seit Jahren umgesetzt, behauptete der! Honecker hatte das entscheidende Diktum in Gorbatschows neuer Politik nicht verstehen wollen: Moskau würde sich nicht mehr in innere Angelegenheiten der sozialistischen Bruderstaaten einmischen. „Jetzt sind alle gleich“, hatte Gorbatschow bereits 1985 erklärt.10 Militärische Interventionen à la Breschnew waren schlicht keine Option mehr.11
Gorbatschow suchte den Westkontakt: Er empfing Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Franz Josef Strauß; las Genscher die Leviten: Die Bundesrepublik unterstütze die „militante“ Politik der USA.12 In seinem Gespräch mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1987 schloss Gorbatschow allerdings die Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr aus. Die Geschichte werde entscheiden, sagte er, irgendwann.13
Wenig später präsentierte der sowjetische Deutschlandexperte und Militärhistoriker Wjatscheslaw Daschitschew einen ungeheuerlich scheinenden Vorschlag: Ein vereintes, allerdings neutrales Deutschland diene den sowjetischen Interessen am besten. Man beschuldigte ihn des „Defätismus.“14 Unklar ist, ob Gorbatschow das Papier Daschitschews kannte oder gar begrüßte – jedenfalls setzte er sich über die germanisty hinweg, die Deutschlandexperten im Zentralkomitee um Valentin Falin, die seine Leute wegen ihrer knallharten Positionen zur Unantastbarkeit des europäischen Status quo ironisch auch „Die Berliner Mauer“ nannten.15 Er entschloss sich zur Freundschaft, und er nahm es persönlich. Während eines ersten Besuchs Helmut Kohls in Moskau am 28. Oktober 1988 brach das Eis. Dort war der Kanzler ganz „Bürger Kohl“, ein Kind des Krieges. Da saßen sie im Katharinensaal des Kreml, begleitet nur von ihren Beratern Anatolij Tschernjaew und Horst Teltschik. Da gab es kein ideologisches Geplänkel, da sprachen zwei Männer über „psychologische Elemente“, wie es Kohl nannte. Sie sprachen über die Gräuel des Krieges, ihre Familien, die Toten, die Lehren aus der Geschichte. Damals habe er gespürt, dass er Kohl vertrauen könne, sagte Gorbatschow später. Und bald waren die beiden per Du.16
Die frenetischen Begrüßungen während seines ersten Staatsbesuchs in der Bundesrepublik im Juni 1989 überraschten und rührten Gorbatschow. Die Westdeutschen bejubelten seine Frau Raissa und ihn, schenkten Blumen, reichten ihm ihre Kinder für ein Erinnerungsfoto. Die Westdeutschen waren ganz anders, als er selbst geglaubt hatte. Auch Gorbatschow war lange ein Gefangener der eigenen Propaganda.17
Man mag es naiv nennen oder romantisch, sentimental oder gar selbstmörderisch – doch er hatte sich entschlossen, den Ozean des Misstrauens zu queren. Auch den Deutschen gegenüber vertrat er, wie er sagte, die universellen „allgemeinmenschlichen“ Werte. Er hoffte auf andere Politiker guten Willens mit der Bereitschaft zu vertrauen – vor allem in der Bundesrepublik.
So wie der Schlüssel zur deutschen Einheit in Moskau lag, führte Moskaus Weg nach Europa über Bonn und Berlin.
Außerdem versprach sich Gorbatschow dringend notwendige wirtschaftliche Unterstützung von den Westdeutschen. Während Kohl bei Gorbatschows Staatsbesuch 1989 abends mit Blick auf den Rhein über den „Fluss der Geschichte“ und die deutsche Einheit räsonierte, die so sicher kommen werde, wie der Rhein zum Meer fließe, fragte Gorbatschow nach deutscher Hilfe für die faktisch zahlungsunfähige Sowjetunion und auch nach Unterstützung, falls es zu Versorgungsschwierigkeiten in Moskau und Leningrad käme.18
Zugleich leistete er sich kühnste Visionen: Die von ihm propagierten „allgemeinmenschlichen Werte“ sollten die Klammer für eine Annäherung der beiden Militärblöcke Nato und Warschauer Pakt bilden, die in fernerer Zukunft vielleicht sogar verschmelzen könnten, irgendwie. So ähnlich jedenfalls hatte es Gorbatschow am 6. Juli 1989 in einer Rede vor dem Europarat in Straßburg skizziert. Sein Bauplan für das später so oft beschworene und nie gebaute „Gemeinsame Europäische Haus“ folgte dem Gedanken der Konvergenz: Er sah ein vereintes Europa vor, einen gewaltigen Wirtschaftsraum vom Atlantik bis zum Ural. Ein neues, sozusagen gesamtdemokratisches Europa unter Einschluss einer reformierten Sowjetunion. „In diesem Europa sehen wir unsere eigene Zukunft.“19

„Die Menschen in Russland verstanden, dass wir uns versöhnen mussten“
Es gehört zur Tragik des Michail Gorbatschow, dass die Politiker des Westens – und in seinem eigenen Land – bald andere Pläne für Europas neue Ordnung hatten. Während er noch in bester Absicht an den Erfolg einer Reform der Sowjetunion glaubte, hatte man im Westen schon registriert, wie groß der Widerstand gegen ihn war. Und wie mächtig die Zentrifugalkräfte, die er in den Sowjetrepubliken freigesetzt hatte: Dort hatten sich nationale Unabhängigkeitsbewegungen formiert. In ihrem Windschatten segelnd, witterten Parteichefs, Funktionäre und Geheimdienstgeneräle ihre große Chance: durch „nationale“ Unabhängigkeit von Moskau selbst Macht und Kontrolle über Ressourcen zu gewinnen, Milliardenprofite einzustreichen.
Ob in einzelnen Sowjetrepubliken wie im Baltikum20 oder Georgien, ob in Moskau, Polen, der Tschechoslowakei und in der DDR – überall demonstrierten Zehntausende friedlich. Woche um Woche, Monat um Monat. Vom unbeugsamen Bürgerwillen auf friedliche Veränderung und Dialog hatte sich Gorbatschow ja auch Anfang Oktober 1989 in Ost-Berlin überzeugen können. Zwar musste er zum 40. Jahrestag des Bestehens der DDR öffentlich noch gute Miene zur inszenierten Parteitristesse machen. Aber natürlich waren ihm die begeisterten „Gorbi, Gorbi“-Rufe selbst junger SED-Aktivisten nicht entgangen, ihre Plakate. Er kannte auch die an ihn gerichteten Bitten der DDR-Bürgerbewegung, kein zweites „Tiananmen“ zuzulassen.21
Er werde ihn öffentlich nicht brüskieren, aber auch kein Wort der Unterstützung für Honecker vorbringen, hatte Gorbatschow vor seiner Abreise erklärt. „Ich unterstütze die Republik und die Revolution.“22 Hinter den Kulissen aber haderte er heftig mit Honecker, der ihm oberlehrerhaft vorgehalten hatte, dass – ganz anders als in der DDR – in sowjetischen Geschäften sogar Salz und Streichhölzer fehlten. Wütend bezeichnete Gorbatschow ihn später als mudak, als „absoluten Vollidioten“,23 der nicht verstehen wolle, was in seinem eigenen Land passiere – nichts anderes als der unaufhaltsame Zusammenbruch des SED-Regimes: „Der Drang der Deutschen nach Wiedervereinigung war unbezwingbar.“24
Wie die anderen Warschauer-Pakt-Staaten war auch die DDR „auf sich allein gestellt“. Weder Berlin 1953 noch Budapest und Warschau 1956 würde sich wiederholen und auch nicht Prag 1968. In seiner Ost-Berliner Rede am 6. Oktober 1989 hatte sich Gorbatschow festgelegt. Dabei hatte er ausgerechnet den slawophilen Dichter Fjodor Tjutschew zitiert: „Zur Einheit … wird man mit Eisen nur und Blut getrieben. … Doch wir versuchen es mit Liebe – wer recht hat, wird die Zukunft dann entscheiden.“25 Und wer zu spät käme? Verweigerer würden sich selbst bestrafen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“26 Nur einen Monat später fiel die Mauer.
Noch fast dreißig Jahre später blieben die deutsche Wiedervereinigung und die in den Jahren darauf folgende Osterweiterung von Nato und EU Gegenstand bitterer Vorwürfe aus Moskau. Der Westen, allen voran die USA, habe ein festes Versprechen gebrochen, die Nato werde nicht nach Osten erweitert, erläuterte auch Präsident Wladimir Putin seinen ausländischen Besuchern in teilweise quälend langen Monologen jedes Mal aufs Neue. Doch Nato und EU seien immer weiter nach Osten vorgerückt. Russland habe den Deutschen doch die Wiedervereinigung ermöglicht, ja, gar geschenkt. Konnte man da nicht zu Recht Verständnis für die „Rückkehr der Krim in den Bestand der Russischen Föderation“ erwarten: „Ich glaube daran, dass mich die Europäer verstehen, vor allem die Deutschen.“27
Auch Michail Gorbatschow äußerte sich immer wieder voller Bitterkeit: Der Westen habe sich zum Sieger des Kalten Krieges erklärt, Russlands Schwäche ausgenutzt. Die USA hätten begonnen, ein „Mega-Imperium“ zu errichten, und das Monopol auf Führung in der Welt erhoben. Vielleicht würden sie sich die Hände reiben, „wie toll man die Russen über den Tisch gezogen“ habe. Über eine Ausdehnung der Nato gen Osten sei nie gesprochen worden. Und in der harten deutschen Reaktion auf die russische Annexion der Krim sah Gorbatschow gar den Versuch, eine neue Teilung Europas zu erreichen.28
Er gab einer tiefen Enttäuschung Ausdruck, die er sich lange nicht eingestehen wollte. Immer bestand er darauf, dass Russen und Deutsche Freunde seien. Für ihn war die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands zwar ein Geschenk der Geschichte – deren Verlauf aber hatte er mit seiner Perestroika erheblich beschleunigt. Ich hatte Michail Gorbatschow 1990 als junge Korrespondentin des Stern in Moskau kennengelernt. Im Laufe der Jahre hatten wir immer wieder miteinander gesprochen. Der Frage nach seinem Verhältnis zu Helmut Kohl wich er stets aus: Man mache keinen Gegner Kohls mehr aus ihm, sagte er, schon gar nicht nach dessen Tod im Juni 2017. Es war, als ob er sich das Gefühl deutscher Zuneigung und Dankbarkeit um jeden Preis erhalten wolle. Aber natürlich wusste Gorbatschow: Nicht er, sondern Helmut Kohl gehörte zu den Gewinnern des Kalten Krieges. In gewisser Weise war es ein Sieg auf seine Kosten.

Nichts von dem war zu erahnen an jenem Donnerstag, dem 9. November 1989. Bundeskanzler Helmut Kohl war auf Arbeitsbesuch in Polen; auf die Fragen des Gewerkschaftsführers Lech Wałęsa nach der Lage in der DDR und einem möglichen „Abriss“ der Mauer antwortete er, ein derartiger Ablauf sei unwahrscheinlich.29 Allerdings beriet in Ost-Berlin der Ministerrat über eine neue Reiseverordnung für die Bürger der DDR. Auf eine diesbezügliche beunruhigte Anfrage des sowjetischen Botschafters in der DDR hieß es aus Moskau, Grenzregelungen seien Angelegenheit der DDR. Das Politbüro der KPdSU erörterte die Wirtschaftslage sowie die Einberufung des Volksdeputierten-Kongresses. Die DDR stand nicht auf der Tagesordnung. Wohl auch, weil man erst eine Woche zuvor am Moskauer „Alten Platz“ über die Lage im deutschen Bruderstaat gesprochen hatte: Demonstrationen, die katastrophale Wirtschaftslage, eine mögliche Wiedervereinigung. Wie sollte die Sowjetunion darauf reagieren? Außenminister Eduard Schewardnadse flirtete mit einer revolutionären Idee: „Wir sollten ›die Mauer‹ selbst abbauen.“30 Aber das hatte wohl niemand der anwesenden älteren Herren wirklich ernst genommen.
Als die Mauer am 9. November 1989 infolge einer schicksalhaften bürokratischen Fehlentscheidung gegen 23.30 Uhr – um 1.30 Uhr Moskauer Zeit – dann wirklich fiel, war Michail Gorbatschow längst zu Bett gegangen. Da bahnte sich ein Ereignis von weltgeschichtlichem Rang an – aber niemand weckte ihn. Es sei nicht nötig gewesen, sagte er uns während eines langen Gesprächs in Moskau: „Ich erfuhr die Details am anderen Morgen, das war früh genug. Denn unsere Position war von Anfang an klar – ganz egal, welches Geschrei es auch gegeben haben mag. Wir konnten diese Mauer nicht mehr halten. Wir wussten: Mit einem geteilten Deutschland kann man in Europa nicht leben, mit einer Zeitbombe. Die Menschen in Russland verstanden, dass wir uns versöhnen mussten. Nicht trotz, sondern gerade wegen des Krieges; dass man einander verzeihen muss. Wir haben unsere Toten beerdigt.“31
Michail Gorbatschow hatte seine Toten beerdigt, die Geister der Vergangenheit. Doch er vergaß nie. „Ich habe alles gesehen“, sagte er.

„. . . dass es Menschen gibt, die man Deutsche nennt“
„Wie Jesus Christus“ sei er auf die Welt gekommen, witzelte seine Tochter Irina einmal, geboren am 2. März 1931 auf dem Stroh in der Vorratskammer einer Bauernkate im winzigen Dorf Priwolnoje in der weiten Steppe im tiefen russischen Süden, quasi am Fuße des Kaukasus. Seine Eltern lebten ein armes Kolchosenleben, das sich kaum von der Leibeigenschaft unterschied. Die ersten Worte, die er lernte, waren ukrainisch – seine Mutter war eine Ukrainerin. Als kleines Kind überlebte er Stalins Zwangskollektivierung. Während des Großen Hungers 1933 starb fast jeder zweite Bewohner des Dorfes, darunter auch drei der fünf Geschwister seines Vaters. Die Zwangsrequirierung des letzten Saatguts, die Verzweiflung, das stumme Hungersterben. Die Wahrheit war zu schrecklich, um ausgesprochen zu werden. Beide Großväter, einer von ihnen Vorsitzender der Kolchose, gerieten in Stalins Terrormaschine. Sie wurden wegen „Trotzkismus“ und „Sabotage“ verhaftet und zum Holzfällen nach Sibirien deportiert. „Die Nachbarn besuchten uns nicht mehr, nur noch nachts. Unser Haus war das Haus eines Volksfeinds.“32
Ein Foto zeigt den Fünfjährigen mit seinen Großeltern, spindeldürr, mit raspelkurzem blondem Haar, so groß und ernst die Augen. Barfuß steht das kleine Kind im Schlamm.33
Seine erste Begegnung mit den Deutschen war eine kindlich-süße, erzählte er uns: „Einmal, ich war noch klein, da nahm mich mein Vater mit in ein Nachbardorf, eine Siedlung der Russlanddeutschen; setzte mich auf den Pferdewagen, wir fuhren los. In einem kleinen Geschäft verkaufte man Lebkuchen in Hasen- und Bärenform, sie waren dick mit weißem Zuckerguss verziert, und sie schmeckten wunderbar. Damals habe ich zum ersten Mal erfahren, dass es Menschen gibt, die man Deutsche nennt. Ich beschloss, dass es gute Menschen waren.“
Der Junge war zehn Jahre alt, als der Krieg begann. Per Lautsprecher wurde die Rede des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow auf der Dorfstraße übertragen. Bald kamen die berittenen Boten des örtlichen Wehrkreiskommandos, sie brachten die Einberufungsbescheide für die Männer des Dorfes. Im August 1941 musste auch Gorbatschows Vater Sergej an die Front. Aus Priwolnoje wurde ein Dorf der Greise, Frauen und halb verhungerten Kinder, die bereits im klirrend kalten Winter 1941 kaum etwas zu essen oder zum Anziehen hatten.
Man hörte, dass die Wehrmacht in einigen Städten zum Teil überschwänglich empfangen wurde.34 Im August 1942 besetzten deutsche Infanterietruppen das Dorf. Die Deutschen plünderten Priwolnoje, holten sich das Vieh, fällten die Obstbäume in den kleinen, privaten Gärten. Seine Mutter musste Zwangsarbeit leisten. In der kleinen Hütte der Familie Gorbatschow quartierte sich ein deutscher Soldat ein, er hieß Hans und schien ein freundlicher Mann.
Bald verbreiteten sich furchtbare Nachrichten über Massenerschießungen in den Städten des Kreises Stawropol,35 in Krasnodar, Kislowodsk, Mineralnye Wody … Allein hier, im Vorland des Kaukasus, ermordeten die Deutschen und ihre Helfershelfer Zehntausende Menschen, die meisten von ihnen Juden, aber auch behinderte Kinder, sogenannte Partisanen und Kommunisten, die Funktionsträger.
Bis Priwolnoje drangen die Gerüchte über die kleinen Lastwagen, in denen die Menschen mit Gas umgebracht wurden. „Schwarze Raben“ nannte man sie oder duschegubki, die Seelentöter. Die Einsatzgruppe D von SD und SS sowie ihre ukrainischen und „volksdeutschen“ Hilfstruppen mordeten mit diesen mobilen Gaskammern.
Seine Mutter hatte panische Angst vor den Deutschen – aber auch vor den eigenen Leuten, den Denunzianten und Stalins Häschern. Sie hörte aber auch von einer bevorstehenden „Aktion“ der Wehrmacht gegen die Familien von Kommunisten. Sie war für den 26. Januar 1943 geplant. Davon wäre auch Gorbatschows Familie betroffen gewesen. Seine Mutter versteckte ihren Sohn in einem Stall einer nahegelegenen Schweinefarm hinter dem Dorf: „Doch am 21. Januar 1943 befreiten sowjetische Truppen Priwolnoje.“36 Er hatte Glück, zu überleben.
Sie waren befreit, aber alles war zerstört, geplündert, Vieh und Lebensmittel geraubt, die Häuser verbrannt. Sie hausten in Lehmhütten; die Frauen spannten sich vor die Pflüge und zogen sie durch den tiefen Schlamm. Michail Gorbatschow überlebte mit einer Handvoll Mais am Tag. Schließlich machte sich seine Mutter auf den Weg. Sie musste ihren Jungen allein zurücklassen, sie hatte keine Wahl. Erst nach 15 Tagen kehrte sie zurück. Sie hatte einen Anzug und ein Paar Stiefel ihres Mannes gegen einen Sack Mais eintauschen können.
Seinen Vater, der bereits offiziell für tot erklärt worden war, sah Michail Gorbatschow zum ersten Mal 1944 für zwei Tage wieder: „Alle Kleider hatte ich aufgetragen. Wir hatten nichts. Wir haben selbst notdürftig Stoff gewebt. Die Sandalen hatte ich selbst gemacht, aus eingeweichter Baumrinde. So stand ich also da.“ Er sagte: „Und dafür haben wir gekämpft?“37
Die Erfahrung absoluter Gewalt, dieses Ausgeliefertsein, prägte auch Gorbatschows Kindheit. Er machte eine klassische sowjetsozialistische Karriere, arbeitete sich hoch vom Mähdrescherfahrer zum Absolventen der Juristischen Fakultät der Universität Moskau, stieg vom einfachen Parteimitglied zum Generalsekretär mit nahezu unbegrenzter Macht auf. Er glaubte an den Sozialismus, dieses Ideal des Friedens, der Gerechtigkeit. Er war ein schestidesjatnik, einer aus der Generation der „Sechziger“. Sie wollten an den Prager Frühling 1968 anknüpfen und durch gesellschaftliche Öffnung einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz erreichen. Die „Sechziger“ waren keine Dissidenten wie etwa jene sieben Mutigen, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz ein Transparent mit der Aufschrift „Für eure und unsere Freiheit“ entfalteten. Aber auch die „Sechziger“ wollten endlich freier atmen.
Jahrzehnte existierten für Gorbatschow zweierlei Deutsche. Es gab „Unsere“ und: „Nicht Unsere“, die Westdeutschen. Lange vertrat Michail Gorbatschow die „offizielle“ Sicht auf die Westdeutschen: die Bundesrepublik als düsterer Hort revanchistischer Kräfte mit Hang zum Militarismus. 1975 besuchte er als Mitglied einer Delegation zum 30. Jahrestag des Sieges im Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal die Bundesrepublik, es war seine zweite Westreise. Damals war er Parteichef des Gebietes Stawropol, eine der sowjetischen Kornkammern. Eine nicht ganz unwichtige Position, aber weit weg von den Schalthebeln der Macht in Moskau. Beim Kauf von Souvenirs stritt er mit einem Frankfurter Tankstellenbesitzer über die Ursachen der deutschen Teilung. Damals zumindest machte er die Westmächte verantwortlich, nicht Stalin.38 Die Teilung Deutschlands schien Gorbatschow eine logische Folge des Krieges, der Preis, den die Deutschen für die Sicherheit der Sowjetunion zahlen mussten.
Eine erste Annäherung gelang ihm mithilfe der Ostdeutschen. Eine Studentengruppe aus der DDR kam Anfang der siebziger Jahre zu Besuch nach Stawropol. Man traf sich im örtlichen Restaurant, trank, sang Lieder. „Es war die DDR, die für uns Russen zum Tor zu den Deutschen wurde“, schrieb er, „die erste Schritte zur menschlichen Versöhnung ermöglichte.“39

Auf der Suche nach dem „Möglichen in der Sphäre des Ungewöhnlichen“
Am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Mauer, fasste Gorbatschows engster außenpolitischer Berater Anatolij Tschernjaew die historische Dimension der Ereignisse in seinem Tagebuch zusammen: „… hier ist das Ende von Jalta, das Finale für das Stalin’sche Erbe und für die Zerschlagung von Hitler-Deutschland … Das ist, was Gorbatschow ›angerichtet‹ hat. Er hat sich als wahrhaft groß erwiesen, weil er den Gang der Geschichte gespürt und ihr geholfen hat, einen ›natürlichen Lauf‹ zu nehmen.“40
Und auch wir, westdeutsche Korrespondenten in der Sowjetunion, wurden in den kommenden Monaten überall im Land freudig begrüßt und beglückwünscht zum Fall der Mauer. Es sei wie mit Geschwistern, erklärte man uns: Auch ein Volk könne auf Dauer nicht getrennt bleiben. Sicher hätten die Deutschen aus dem Krieg gelernt, es sei schließlich auch eine Frage der historischen Gerechtigkeit; und manchmal rührte uns diese Herzensfreundlichkeit zu Tränen.
Nur ein knappes Jahr später war Deutschland wiedervereinigt – und das in der Nato. Es glich einem Wunder. Großdiplomatie, Gorbatschow und Kohl umhüllt vom „Mantel der Geschichte“. Russen und Deutsche schienen auf dem Weg „privilegierter Zusammenarbeit“ in eine gemeinsame, friedliche Zukunft, in der Deutschland die Sowjetunion ab- und unterstützen könnte. Man wähnte sich in der Tradition Bismarcks, sah die deutsch-sowjetischen Beziehungen als „Stützpfeiler“ des zukünftigen gesamteuropäischen Hauses.41 Doch wie man im Lauf der Jahre aus Akten und Erinnerungen rekonstruieren konnte, hat dieses Bild mit den Fakten nur wenig zu tun. Denn weniger Gorbatschow als vielmehr US-Präsident George Bush und Bundeskanzler Helmut Kohl bestimmten die neue geostrategische Agenda. Gorbatschow unterschätzte die Dynamik des Prozesses und die Einigkeit zwischen Helmut Kohl und George Bush, dem der Kanzler allemal mehr vertraute als ihm, dem Russen. Der Ordnungsanspruch der USA galt ganz Europa. Wie polterte Präsident George Bush im Laufe der Verhandlungen: „Zum Teufel damit. Wir haben die Oberhand gewonnen und nicht sie. Wir können nicht zulassen, dass die Sowjets eine Niederlage in einen Sieg ummünzen.“42
Helmut Kohl sah es kaum anders. Glasklar dessen Urteil, das er später in nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Gesprächen über Gorbatschow fällte, ganz Machtpolitiker: Die Schwäche Moskaus sei ursächlich gewesen für den Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur in der DDR: Nicht „der Heilige Geist sei über die Plätze in Leipzig gekommen und habe die Welt verändert“, sondern der „Bimbes“ sei ausschlaggebend gewesen; Gorbatschow habe erkennen müssen, dass er das Regime nicht halten konnte.43
Für die USA, die Nato und Kanzler Kohl galt es in diesen Monaten nach dem Wunderjahr 1989, so rasch als möglich unwiderrufliche Fakten zu schaffen.44 Die deutsche Wiedervereinigung in der Nato war das Ziel, nicht Erhalt der DDR oder einer wie auch immer gearteten Konföderation.45 Auch wenn Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Überschwang von einem gemeinsamen Europa von Lissabon bis Wladiwostok und einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur schwärmte: Der Stärkung der Nato war das Ziel, nicht ihre Auflösung oder gar die Verschmelzung der beiden militärischen Blöcke. Gorbatschow glaubte, die Deutschen wollten ein neutrales Deutschland, blockfrei. Doch eine deutsche Neutralität lehnten die USA und die Bundesregierung immer ab. Das maximale Zugeständnis des Westens war die Erklärung von London 1990, in der sich die Nato-Mitglieder bereit erklärten, die Nato zu entdämonisieren. Über den Prozess der „Entfeindung“ – einen Gewaltverzicht – solle sie sich in eine „politische Organisation“ transformieren.
Die deutsche Frage stellte Gorbatschow vor eine doppelte Herausforderung: Von einer raschen Lösung hing nicht nur das für ihn entscheidende strategische Verhältnis zu den USA ab, sondern auch das ökonomische und damit letztlich auch das politische Überleben der Sowjetunion. „Wir können uns die Einheit kaufen, und zwar mit Geld“, hieß es in einem Bericht der BRD-Botschaft in Moskau im Januar 1990 nach Bonn. „Sicherheitspolitische Konzessionen würden wahrscheinlich gar nicht nötig.“46 In der Tat: Kredite und Hilfszusagen an die Not leidende Sowjetunion wurden die schärfste Waffe im Ringen um die Wiedervereinigung in der Nato. Der damalige stellvertretende US-Sicherheitsberater und spätere Verteidigungsminister Robert Gates formulierte die Strategie später unnachahmlich amerikanisch-kühl so: „Wir wollten die Sowjets so bestechen, dass sie Deutschland verlassen würden.“47
Während der Verhandlungen über die Wiedervereinigung zeigte sich die Bundesregierung großzügig. Mitte Februar 1990 schickte sie Lebensmittel, Schuhe und Bekleidung im Wert von 220 Millionen Mark in die Sowjetunion. Als der Sowjetunion Mitte Mai 1990 der Staatsbankrott drohte, der sowjetische Außenminister um einen 20-Milliarden-Mark-Kredit bat und auch deutsche Banken, die größten Gläubiger der Sowjetunion, Alarm schlugen, schickte Kohl seinen Berater Teltschik sowie die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen und der Dresdner Bank nach Moskau. Kohl erkannte eine historische Gelegenheit: „Jetzt gilt es“, instruierte er Teltschik, „alle Chancen zu nutzen und keine zu versäumen.“ Die Mission der Banker war so geheim, dass in der Sondermaschine der Bundeswehr noch nicht einmal eine Passagierliste geführt werden durfte. Umgehend leistete die Bundesregierung eine Kredit-Bürgschaft von fünf Milliarden Mark.48
Die Hoffnung auf langfristige ökonomische Unterstützung und ein umfassendes Handelsabkommen mit den USA war wahrscheinlich einer der entscheidenden Gründe dafür, dass Michail Gorbatschow am 31. Mai 1990 während des Gipfeltreffens in Washington zur Überraschung aller Beteiligten unerwartet der Wiedervereinigung Deutschlands in der Nato faktisch zustimmte. So schockiert waren die Mitglieder der sowjetischen Delegation, dass sie sich auf dem Rasen vor dem Weißen Haus heftig gestikulierend stritten. Sein Vertrauter Anatolij Tschernjaew sprach später von „spontanen Äußerungen“, dann wieder äußerte er die Vermutung, Gorbatschow habe das Verhältnis zu Bush nicht strapazieren wollen.49 Teilnehmer der US-Delegation gingen davon aus, Gorbatschow sei bei der Formulierung der gemeinsamen Erklärung schlicht auf dem falschen Fuß erwischt worden.50 Möglicherweise hatte sein Zugeständnis auch damit zu tun, dass er sich im Westen wohlverstanden fühlte. Dort schätze man die Größe dessen, „was er geschaffen hat“, so Tschernjaew, „und bei uns – geschlossene Unflätigkeit“.51 Gorbatschow begründete sein inkohärentes Vorgehen mit ziemlich wolkigen Worten: „Politik aber ist hin und wieder die Suche nach dem Möglichen in der Sphäre des Ungewöhnlichen.“52 Seine fast flehentliche Bitte um Finanzhilfen in Höhe von bis zu 20 Milliarden Dollar lehnten die USA ab.
Gorbatschows Washingtoner Zugeständnis bedeutete den entscheidenden Durchbruch für den Westen. Nur einen Monat später erhielt Kohl auf dem Gipfel am rauschenden Kaukasus-Bach in Archys auch Gorbatschows Einverständnis zur uneingeschränkten Souveränität eines wiedervereinigten Deutschland in der Nato. Für seine Kritiker ein ungeheuerlich unprofessioneller Akt „politischen Masochismus“.53 Gorbatschow erhielt zwölf Milliarden Mark zur Finanzierung des sowjetischen Truppenabzugs aus der DDR, dazu einen zinslosen Kredit von gerade einmal drei Milliarden Mark für die sowjetische Regierung. Wenig später ließ ihn auch die internationale Gemeinschaft mit seiner Bitte um umfangreiche Finanzhilfe kühl abblitzen.54
Es entwickelte sich ein merkwürdiger Widerspruch: Einerseits, sozusagen auf der persönlichen Ebene, begrüßten viele Menschen in der Sowjetunion die deutsche Wiedervereinigung. Aber der Verlust der DDR, „Kronjuwel“ eines einst scheinbar so mächtigen Imperiums, symbolisierte andererseits zugleich die totale Kapitulation vor dem Westen. Es schien, als kippe Gorbatschow den glorreichen sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg endgültig auf den Kehrichthaufen der Geschichte, verschleudere nationale Würde gegen ein paar Dollar, D-Mark und verlogene Schmeicheleien. Was bliebe dann noch von einem sowjetischen Leben, von all den Opfern? Nur noch Erinnerungstrümmer.
Gorbatschow habe sich unter Alkohol setzen, beeinflussen und ausnutzen lassen, hieß es quasi amtlich im Jahr 2016, als Schulklasse um Schulkasse durch die Ausstellung „Russland – meine Geschichte“ am Moskauer Manege-Platz geführt wurde. Legenden von Verrat und Betrug, Material für nützliche Dolchstoßlegenden: Ständig hätten die angeblichen Partner aus dem Westen die Sowjetunion erniedrigt und betrogen.55 Dass er die DDR am Ende auch noch in einer „Geschenkverpackung“56 an die BRD überreicht haben soll, gehört wiederum zur Dolchstoßlegende vom Verrat Gorbatschows an der Sowjetunion.
Eine konsistente Deutschlandstrategie entwickelte Gorbatschow nicht, auch das gehört zur Geschichte seines Scheiterns. Er lavierte, probierte, vielleicht ließ er sich von den Ereignissen zu sehr treiben. Er hätte entschlossener, konsequenter und wohl auch vernünftiger handeln können, weniger selbstgefällig. Doch mit der Lösung der deutschen Frage fiel innerhalb kürzester Zeit die erdrückende „ökonomische und moralische Last der Konfrontation“ mit dem Westen von der Sowjetunion ab.57 Für das Land eröffneten sich bis dahin unvorstellbare Möglichkeiten und Chancen auf eine Verbesserung der ökonomischen Lage und eine demokratische Entwicklung. Diese Chancen wurden nicht genutzt. So wie Erich Honecker zum Totengräber der DDR wurde, fanden sich die Totengräber der Sowjetunion vor allem in der damaligen Sowjetunion. Dort markierte das annus mirabilis 1989 nicht nur das Ende einer Supermacht – es bedeutete auch die Befreiung einer Machtelite von Angst, Schuld, Einschränkungen und Ideologie, von jeglicher Loyalität zu ihrem Land.58 Nicht die vermeintliche Verschwörung angeblich feindlicher Westler führte zur Implosion der Sowjetunion, sondern die eigenen strukturellen Schwächen und unendliche Gier. Bald krallte sich eine neue Elite an die Macht, die in Wahrheit die alte Elite geblieben war. Reformunwillig nahm sie sich ein ganzes Land als Beute.

Die Nato-Osterweiterung: Gebrochene Versprechen?
Seitdem muss die Mär angeblich gebrochener Versprechen in der Frage der Nato-Osterweiterung als innenpolitischer Tranquilizer und außenpolitisches Totschlagsargument herhalten. Sie diente Putin zur Legitimation des Georgienkrieges 2008 und der Annexion der Krim 2014. Das Problem dabei ist nur: Während der Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung gab kein westliches Staatsoberhaupt eine feste Zusicherung oder ging gar eine juristisch bindende Verpflichtung ein, dass sich die Nato nicht nach Osten ausdehnen werde. Formale Zusicherungen in Bezug auf die Nato betrafen allein das Staatsgebiet der damaligen DDR, für das ein Verbot der Stationierung ausländischer Truppen vereinbart wurde.
Gorbatschow forderte nie eine schriftliche Vereinbarung. Er stellte auch keine Klarheit über die nicht ganz unwichtige Frage her, was eigentlich unter „Osten“ zu verstehen sei – das Staatsgebiet der DDR oder auch das Territorium des Warschauer Paktes? Mal erklärte er, dass Deutschland gleichzeitig Mitglied des Warschauer Paktes und der Nato sein könne; dann wieder überlegte er eine Mitgliedschaft der Sowjetunion in der Nato oder erging sich in luftigen Andeutungen. Offenbar hoffte er lange auf ein neutrales Gesamtdeutschland. Hatte ihm nicht die ostpolitische Legende der SPD, Egon Bahr, bei einem Besuch erläutert, in der Bundesrepublik wolle „praktisch niemand“ die Wiedervereinigung beschleunigen und dass sich die Nato keinesfalls auf Mitteleuropa ausweiten dürfe?59 Die Deutschen würden sich dem Gedanken der Blockfreiheit im Rahmen einer gesamteuropäischen Sicherheitsordnung nähern – seiner Vision eines gemeinsamen europäischen Hauses.60 Vielleicht glaubte er wirklich, ihm werde das Unmögliche gelingen.
Wahr ist aber auch: Die taktisch begründeten Sondierungen gewiefter Politiker, darunter US-Außenminister James Baker und auch Helmut Kohl, konnten in Moskau sehr wohl den Eindruck einer vagen Zusage erwecken, die Nato werde sich nach der deutschen Wiedervereinigung nicht nach Osten ausdehnen. Um dem Sicherheitsbedürfnis der Sowjetunion entgegenzukommen, aber auch um möglichen Forderungen nach einem neutralen Status Deutschlands entgegenzutreten, positionierte sich Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Januar 1990 mit einer Rede an der Evangelischen Akademie in Tutzing: „Eine Ausdehnung des Nato-Territoriums nach Osten, d. h. näher an die Grenze der Sowjetunion heran, wird es nicht geben. Diese Sicherheitsgarantien sind für die Sowjetunion und ihr Verhalten bedeutsam.“61 Auch die Einlassung von US-Außenminister James Baker nur wenige Tage später in Moskau, die Nato eventuell „nicht um einen Zentimeter“62 nach Osten zu erweitern, konnte – und sollte – Gorbatschow in mehrere Richtungen interpretieren. Auch Kohl selbst sicherte Gorbatschow zu, was wie ein Bekenntnis zur Position Genschers und Bakers klang – aber nicht war: „Natürlich könne die Nato ihr Gebiet nicht auf das heutige Gebiet der DDR ausdehnen.“
Gegenüber westlichen Gesprächspartnern äußerte Hans-Dietrich Genscher mehrmals strikt vertraulich, es gelte sicherzustellen, dass die Nato territorial nicht näher an die Grenze der Sowjetunion heranrücke. Neben ihm waren offenbar der britische Außenminister Douglas Hurd63 und der französische Staatspräsident François Mitterrand zu einem entsprechenden Angebot an Gorbatschow bereit. Für eine kurze Zeit Anfang 1990 schloss sich auch US-Außenminister James Baker dem Gedanken an – unklar, ob aus rein taktischen Erwägungen oder mangels besserer Alternative. Als Gorbatschow während des Gesprächs mit dem texanischen Banker erklärte, eine Erweiterung der Nato sei „unakzeptabel“, antwortete Baker: „Dem stimmen wir zu.“ Das konnte man in Moskau durchaus als Zusicherung interpretieren.64
Am 24. Februar 1990 setzte US-Präsident George Bush möglichen westlichen Avancen ein realpolitisches Ende: Es werde keine substanziellen Kompromisse in Bezug auf die Nato geben, erklärte er dem Kanzler in Camp David. Die Sowjetunion sei nicht in der Lage, die Beziehungen Deutschlands zur Nato zu diktieren, befand Bush.65
Seinem engsten außenpolitischen Vertrauten Anatolij Tschernjaew zufolge waren für Gorbatschow die strategischen Beziehungen zu den USA von übergeordneter Bedeutung, nicht die Frage der deutschen Wiedervereinigung in der Nato. Am 4. Mai 1990 schrieb er ihm: „Michail Sergejewitsch! … Es ist völlig offensichtlich, dass Deutschland in der Nato sein wird. Und wir haben keinerlei wirkliche Hebel, uns dem entgegenzustemmen. … Ob Schützenpanzer oder Haubitzen der Bundeswehr an der Oder-Neiße oder der Elbe oder sonstwo stehen werden, das beeinflusst die reale Sicherheit der Sowjetunion nicht. Wir müssen uns mit diesem Fakt abfinden.“ Weiter führte Tschernjaew aus: „Überlegungen, dass in der Folge auch Polen Mitglied der Nato würde und die Grenzen des Blocks an die sowjetischen Grenzen vorrücken, auch dies sind Überlegungen von gestern, aus Zeiten des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges.“ Eine nukleare Abrüstung sei „mit einer Politik der Erpressung“ nicht zu erreichen. Und mit einem neuen Wettrüsten könne die Sowjetunion ökonomisch nicht mithalten: „Wir benötigen unsere Reserven für die Perestroika.“66
Wahrscheinlich wollte Gorbatschow nach allen Seiten offen bleiben. Er war so selbstbewusst zu glauben, er könne den Prozess lenken. Die strukturelle Ambivalenz seiner Politik aber richtete sich wenig später gegen ihn selbst.
Jahrzehnte später wagte Gorbatschow einen Blick zurück. Vielleicht habe auch er während seiner Zeit im Kreml an jener „Krankheit“ gelitten, die er jetzt bei seinem Nachfolger Wladimir Putin diagnostizierte: „Übergroßes Selbstvertrauen.“ Putin, sagte Gorbatschow, sehe sich gleich hinter Gott. „Vielleicht sogar neben ihm.“67
Am Ende, im Dezember 1991, als die Sowjetunion von seinem Intimfeind, dem russischen Präsidenten Boris Jelzin, abgewickelt wurde, konnte es gar nicht schnell genug gehen. Innerhalb von 24 Stunden sollte Gorbatschow seine Wohnung und die Präsidentenresidenz räumen. Seine Immunität wurde aufgehoben, öffentliche Auftritte wurden untersagt. „Ich hatte Ausreiseverbot. Und meine Pension schrumpfte zeitweise auf umgerechnet zwei Dollar.“68
Eine offizielle Verabschiedung für den Friedensnobelpreisträger gab es nie.
„Er gab uns die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen“
In der von ihm gegründeten Gorbatschow-Stiftung lagert sein Archiv, hier fanden letzte Getreue Arbeit und ein Einkommen. Um Schindluder mit seinem Namen zu verhindern, ließ er die Bezeichnungen „Gorbi“ und „Gorby“ sowie das rote Feuermal auf seinem Schädel als Handelsmarken registrieren. Man benannte eine bolivianische Orchideenart nach ihm, Maxillaria gorbatschowii, und eine britische Rose nach seiner verstorbenen Frau Raissa. Er gründete die Umweltschutzorganisation „Green Cross International“, die ohne Einfluss blieb. Als er mit dem Charme des Unbelehrbaren 1996 für das Amt des russischen Präsidenten kandidierte, erhielt Michail Gorbatschow 0,51 Prozent der Stimmen. Als er sich einmal kritisch über Putin äußerte, ließ der ihm ausrichten, er solle den Mund halten.69
Nie erreichte er die Qualität eines notorischen Elder Statesman wie etwa Helmut Schmidt oder eines geschäftstüchtigen Weltenretters wie Bill Clinton, noch wurde ihm der späte Ruhm eines Helmut Kohl zuteil. Im Ausland verdiente Gorbatschow mit Büchern und Vorträgen; er vermarktete seinen Namen mit Werbung für Pizza Hut und Louis Vuitton, es war nicht immer eine glückliche Wahl.
Im eigenen Land erst angefeindet, dann vergessen, blieb Michail Gorbatschow die vertraute, dankbare Zuneigung der Deutschen70 – auch wenn sein Name in all den Reden während des europäischen Traueraktes für Helmut Kohl nicht fiel. Der „Vater der Einheit“ kaufte das Hubertus-Schlössl in Rottach-Egern am Tegernsee, dort zog seine Tochter Irina ein; seine beiden Enkelinnen leben in Berlin. Seine gesundheitlichen Probleme ließ er meist in deutschen Krankenhäusern behandeln.
Wir trafen ihn zu einem Gespräch in den Räumen seiner Stiftung in Moskau. Er nahm sich mehrere Stunden Zeit, manchmal schien er müde. Sichtbar gealtert, hatte er mehrere Operationen hinter sich, Rücken, die Schlagader, er kämpfte mit einer Diabetes. Oft schwieg er lange – als ob er in sich hineinhorchen würde. „Manchmal gehe ich die Treppe herunter und vergesse, warum“, sagte er.
Er hatte gerade sein wohl persönlichstes Buch veröffentlicht: Alles zu seiner Zeit.71 Hatte dafür seine Kindheitserinnerungen diktiert und über die Vergänglichkeit des Ruhms reflektiert. Vor allem aber war es ein Buch der Trauer. Nie überwand er den Tod seiner Frau Raissa, der Liebe seines Lebens. Auch sie ein Kind des Krieges und des Terrors, jener grenzenlosen sowjetischen Gewalt, die ein ganzes Land prägte.
Er fühlte sich schuldig an ihrem Leiden und ihrem Tod. „Ich hätte sie schützen müssen“, sagte er uns. Sie litt unter den Anfeindungen und der öffentlichen Häme, die ihrem Mann entgegenschlugen. Während des Putschversuchs im August 1991 gegen Gorbatschow erlitt sie einen kleinen Schlaganfall. Sie konnte nicht sprechen, die rechte Hand war gelähmt, später folgten Netzhautblutungen und Depressionen. Unter dem Eindruck des Putschversuchs verbrannte Raissa Gorbatschowa 52 Liebesbriefe; er selbst 25 Notizbücher mit dienstlichen Aufzeichnungen. Sie hatte Angst, sie könnten in fremde Hände gelangen. Als er 1992 aus der Präsidentenwohnung auszog, entdeckten Gorbatschows Mitarbeiter überall Abhörgeräte. Die ganze Wohnung war voll davon.
Als Raissa Gorbatschowa an Leukämie erkrankte, wurde sie über drei Monate in Münster behandelt. Es war zu spät. Sie starb am 20. September 1999.
Er selbst wollte damals nicht mehr weiterleben. Er zwang sich dann doch dazu, und dies hatte auch mit der Anteilnahme der Deutschen am Schicksal seiner Frau zu tun. Körbeweise Briefe an sie gingen damals in der Uniklinik Münster ein. Er hat es den Deutschen nie vergessen.
Und doch – es nagte an ihm. Die Hybris der Politiker im Westen, ihre Kaltschnäuzigkeit und Härte, ja, auch die seines Freundes Helmut Kohl: „Als ob alles ihr Verdienst gewesen sei. Als ob alles – auch die deutsche Wiedervereinigung – ohne Russland möglich gewesen sei“, sagte er mit ein wenig Bitterkeit. „Manchmal hatte ich den Eindruck, einige im Westen wollten mich an der Nase herumführen, und vielleicht haben sie mir in Wahrheit nie wirklich vertraut. Ich vertrat für sie wohl die falschen Ideale.“72
Sein eigenes Land aber ist inzwischen in die Zeit vor ihm zurückgekehrt. Überall um ihn herum richten sich die Menschen wieder einmal in der trügerischen Sicherheit eines autoritären Systems ein. „Er gab uns die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen“, sagt die Moskauer Politologin Lilija Schewzowa. „Doch wir nutzten diese Chance nicht. Gorbatschow hatte kein Glück mit uns – doch er war ein Glücksfall für uns. Es wird noch lange dauern, bis wir dies verstehen.“73
Letztlich zwang sich Michail Gorbatschow dazu, ein „glücklicher Reformer“ zu sein. „Ich habe die Macht nie um der Macht willen angestrebt, und vielleicht kann man sagen: Ich hatte Glück“, sagte er uns an jenem Moskauer Nachmittag in seinem Büro. „Ich habe an die Türen der Geschichte geklopft, und sie taten sich auf.“74
Er öffnete uns die Welt. Wer kann das schon von sich sagen.

Bücher über Putin

Ein wilder Streifzug durch ein Land, das auf der Suche nach sich selbst ist

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Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde

Das erste Russland-Buch ohne Bären und Balalaikas!

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Ein wilder Streifzug durch ein Land, das auf der Suche nach sich selbst ist.

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Drei Monate. Quer durch Russland.

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Auf Spurensuche in Russland

Was hat es mit dem geheimnisvollen Himbeersee auf sich, an dem seine Großmutter unter Stalin zehn Jahre in einem Straflager war? Wie kam es, dass seine Mutter den Geburtsort „Soda-Kombinat“ im Pass trägt? Fredy Gareis wächst als Kind von Russlanddeutschen auf – mit vielen offenen Fragen. Und so macht er sich mit 39 Jahren selbst auf, das Riesenland im Osten zu erkunden. Drei Monate fährt er mit einem alten Militärjeep, mit dem Zug und per Anhalter quer durch Russland, wandelt auf den Spuren seiner Familie, setzt das Puzzle seiner Kindheit zusammen, übersteht Wodkaexzesse, macht hinreißende Zufallsbekanntschaften und versucht nebenbei zu ergründen, wie die Menschen im Land von Putin wirklich denken und fühlen.

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Moskau: harte Schale, großes Herz.

Gebrauchsanweisung für Moskau

Moskau für Einsteiger und Fortgeschrittene: Matthias Schepp zeigt uns, wie Russen ihre Kinder erziehen. Welche Geheim­nisse auf dem Roten Platz zu entde­cken sind. Warum der Straßenverkehr wie ein Brennglas den Charakter der Moskauer aufscheinen lässt. Worin sich die heiße Klub- und Discoszene von der in Barcelona oder Berlin unterscheidet. Wie die Mos­kauer heiraten und wie sie ihre Toten ehren. Wie sich die Stadt zwischen Stalin-Wolkenkratzern, Platten­bauten und Adelspalästen neu erschafft. Wa­rum Inseln und Schlösser auf Moskaus Millionärsmesse der Renner sind. Wie die orthodoxe Kirche ihre Macht ausübt. Was man beim Wodkatrinken wissen sollte und weshalb Sie in der Banja, der russischen Sauna, unbedingt einen Filzhut tragen müssen.

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Ein Roman, der die Grenzen zwischen Realität und Surrealität verschwimmen lässt

Die Reise nach Petuschki

Ein Poem

Dieser Roman ist ein singuläres Meisterwerk - und es ist zweifellos ein hochprozentiger Text der Weltliteratur. Seit 1978 hat sich die absurde Schilderung einer Sauftour, die innerhalb der russischen Literatur ihresgleichen sucht, vom Geheimtip zum Dauerseller gewandelt.

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Eine Liebe, die nicht sein darf

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Das Haus zur besonderen Verwendung

Roman

Russland, 1915: In einem kleinen Dorf verhindert der Bauernsohn Georgi ein Attentat. Zum Dank ruft Zar Nikolaus II. den tapferen Jungen nach Sankt Petersburg, wo er ihn zum Leibwächter seines einzigen Sohnes ernennt. In den prunkvollen Sälen des Winterpalais begegnet Georgi auch der schönen Zarentochter Anastasia. Sie verlieben sich, wohl wissend, dass diese Liebe nicht sein darf. Doch Georgi ist entschlossen, für Anastasia bis zum Äußersten zu gehen …

1981


Meine Mutter und mein Vater führten keine glückliche Ehe.
Seit ich ihre Gesellschaft zum letzten Mal ertragen musste, sind Jahre verstrichen, Jahrzehnte, doch es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht an sie denke, allerdings nie länger als ein oder zwei Augenblicke. Ein kurzes Wispern der Erinnerung, so leicht wie Sojas Atem an meinem Hals, wenn sie nachts neben mir schläft. So sanft wie ihre Lippen auf meiner Wange, wenn sie mich im ersten Morgenlicht küsst. Ich kann nicht sagen, wann genau meine Eltern gestorben sind. Ich weiß nichts über ihr Ableben, einmal abgesehen von der Gewissheit, dass sie nicht mehr unter uns weilen. Doch ich denke an sie. Ich denke noch immer an sie.
Ich habe mir stets vorgestellt, dass mein Vater, Daniil Wladjewitsch, als Erster der beiden gestorben ist. Zur Zeit meiner Geburt war er bereits in seinen frühen Dreißigern, und soweit ich mich erinnern kann, war er nie bei guter Gesundheit. Ich weiß noch, wie ich mir als Kind in unserer bescheidenen Holz-Isba im Dorf Kaschin die winzigen Ohren zuhielt, um die grässlichen Geräusche seines Siechtums abzuwehren – wenn er würgte und keuchte und seinen blutigen Auswurf in das Feuer spuckte, das in unserem kleinen Herd vor sich hin loderte. Heute vermute ich, dass er irgendein Problem mit den Lungen hatte. Ein Emphysem vielleicht. Doch das ist schwer zu sagen. Es gab keine Ärzte, die sich um ihn hätten kümmern können. Es gab keine Arznei. Und seine vielen Gebrechen ertrug er nicht mit Fassung oder Würde. Nein, wenn er litt, so mussten wir ebenfalls leiden.
Seine Stirn ragte auf eine groteske Weise hervor, daran erinnere ich mich auch noch. Ein gewaltiger Höcker von missgebildeten Deckknochen mit kleineren Ausdehnungen zu beiden Seiten, die Haut straff gespannt vom Haaransatz bis zum Nasenrücken, was seine Augenbrauen nach oben zerrte und seinem Gesicht einen ständig beunruhigten Ausdruck verlieh.
Meine ältere Schwester, Liska, erzählte mir einmal, das Ganze gehe auf ein Missgeschick bei der Geburt zurück, auf einen inkompetenten Arzt, der das Kind am Schädel statt an den Schultern gepackt habe, als es aus dem Mutterleib auftauchte, und dabei zu kräftig auf den weichen, noch nicht gefestigten Knochen gedrückt habe. Vielleicht war es aber auch die Schuld einer faulen Hebamme, die unachtsam mit dem Kind einer anderen Frau umgegangen war. Seine Mutter erlebte das Wesen nicht mehr, das sie zur Welt gebracht hatte, das verunstaltete Baby mit seinem missgebildeten Schädel. Der Vorgang, meinem Vater das Leben zu geben, hatte meine Großmutter das ihrige gekostet. Das war damals nichts Ungewöhnliches und nur selten ein Anlass zur Trauer; man betrachtete es fatalistisch als eine Art Ausgleich der Natur. Selbstverständlich nahm sich mein Großvater wenig später eine neue Frau, die sein Kind aufziehen sollte.
Als ich ein Junge war, erschraken die anderen Kinder in unserem Dorf, wenn sie meinen Vater auf der Straße in ihre Richtung kommen sahen – wenn er von der Landarbeit nach Hause zurückkehrte, mit unstet umherhuschendem Blick, oder wenn er die Faust schüttelnd aus der Hütte eines Nachbarn kam, nach einem weiteren Streit über Geldschulden oder vermeintliche Beleidigungen. Die Kinder gaben ihm Spottnamen, und sie genossen den Nervenkitzel, ihm diese lauthals nachzurufen – sie nannten ihn Zerberus, nach dem dreiköpfigen Wachhund der Unterwelt, und sie verhöhnten ihn, indem sie sich die Kolpaks vom Kopf zogen und die Hände an die Stirn pressten, um dann wie verrückt damit zu wedeln und ein schrilles Kriegsgeschrei anzustimmen. Sie hatten keine Hemmungen, sich vor mir, seinem einzigen Sohn, derartig aufzuführen. Ich war damals klein und schwach. Sie hatten keine Angst vor mir. Sie schnitten Grimassen hinter seinem Rücken und äfften ihn nach, indem sie wie er auf den Boden spuckten, und wenn er sich nach ihnen umdrehte und laut schrie wie ein verletztes Tier, so stoben sie auseinander wie auf einen Acker geschleuderte Samenkörner, um ebenso schnell zu verschwinden. Sie lachten ihn aus; sie fanden ihn zugleich gruselig, monströs und abscheulich.
Im Unterschied zu ihnen hatte ich Angst vor meinem Vater, denn er war sehr freigebig mit seinen Fausthieben, und seine Gewaltausbrüche taten ihm hinterher nicht einmal leid.
Ich habe keinen Grund, es mir so vorzustellen, aber ich male mir aus, wie er, kurz nachdem ich an jenem kalten Morgen im März aus dem Eisenbahnwaggon in Pskow geflohen war, eines Abends nach Hause zurückkehrte und von Bolschewiki überfallen wurde, als Vergeltung für das, was ich getan hatte. Ich sehe mich selbst, wie ich in Todesangst über die Bahngleise haste und im Wald dahinter verschwinde, während er auf seinem Heimweg die Straße entlangschlurft, keuchend und stoßweise hustend, ohne zu ahnen, dass er in Lebensgefahr schwebt. In meiner Eitelkeit stelle ich mir vor, dass mein Verschwinden große Schande über meine Familie und unser kleines Dorf gebracht hatte, eine Schmach, die nach Vergeltung schrie. Ich stelle mir eine Gruppe von jungen Männern aus unserem Dorf vor – in meinen Träumen sind es stets vier Männer, große, hässliche, brutale Typen –, die mit Knüppeln über ihn herfallen und ihn von der Straße in die Dunkelheit einer schmalen Gasse zerren, um ihn dort ohne Zeugen totschlagen zu können. Ich höre ihn nicht um Gnade flehen, denn das wäre nicht seine Art gewesen. Ich sehe das Blut auf den Steinen, wo er liegt. Ich erhasche einen flüchtigen Blick auf eine Hand, die sich langsam bewegt, eine zitternde Hand mit sich verkrampfenden Fingern. Eine Hand, die schließlich erstarrt.
Denke ich an meine Mutter, Julia Wladimirowna, so stelle ich mir vor, dass Gott sie ein paar Jahre später zu sich rief, als sie in ihrem Bett lag, hungrig, entkräftet, mit meinen wehklagenden Schwestern an ihrer Seite. Ich kann mir nicht vorstellen, welches Elend sie nach dem Tod meines Vaters zu erdulden hatte, und ich will es auch nicht wissen, denn obwohl sie eine herzlose Frau war, die mich zu jedem Zeitpunkt meiner Kindheit spüren ließ, wie wenig sie mich mochte, war sie doch meine Mutter, und ein solcher Mensch ist heilig. Ich male mir aus, wie meine älteste Schwester Asja ihr ein kleines Porträtfoto von mir zwischen die Hände steckt, als Mutter diese zum letzten Mal zum Gebet faltet, um sich in stiller Bußfertigkeit darauf vorzubereiten, ihrem Schöpfer gegenüberzutreten. Der Schleier ist an ihrem dünnen Hals zusammengerafft, ihr Gesicht ist weiß, ihre Lippen sind bleich mit einem Stich ins Bläulichgrüne. Asja mochte mich, aber sie beneidete mich um mein Entkommen aus unserer dörflichen Enge. Auch daran erinnere ich mich. Einmal begab sie sich auf die Suche nach mir, doch als sie mich gefunden hatte, zeigte ich ihr die kalte Schulter – etwas, wofür ich mich heute noch schäme.
Natürlich muss es nicht so gewesen sein. Das Leben meiner Mutter, meines Vaters und meiner Schwestern kann auch völlig anders geendet haben: glücklich, tragisch, gemeinsam, voneinander getrennt, friedlich, gewaltsam, doch ich habe keine Möglichkeit, dies in Erfahrung zu bringen. Es gab nie einen Moment, wo ich hätte zurückkehren können, nie eine Gelegenheit, Asja oder Liska zu schreiben oder sogar Tajla, die sich womöglich nicht mehr an ihren großen Bruder Georgi erinnerte, den Helden und die Schande ihrer Familie. Zu ihnen zurückzukehren, hätte sie alle in Gefahr gebracht, es hätte mich in Gefahr gebracht, es hätte Soja in Gefahr gebracht.
Doch egal, wie viele Jahre verstrichen sind, ich denke noch immer an sie. Es gibt große Abschnitte meines Lebens, die mich ratlos machen, Jahrzehnte der Arbeit und des Familienlebens, des Sichabrackerns, des Treuebruchs, des Verlustes und der Enttäuschung,Dinge,die sich heillos vermischt haben und fast unmöglich voneinander zu trennen sind, doch viele Momente aus jenen Jahren, aus jenen frühen Jahren, sind mir im Gedächtnis haften geblieben und hallen noch immer nach. Und wenn sie als Schatten durch die dunklen Korridore meines alternden Geistes streichen, so sind sie umso lebendiger und bemerkenswerter angesichts der Tatsache, dass sie niemals vergessen sein werden. Selbst wenn ich es in Kürze sein werde.


Es ist mehr als sechzig Jahre her, dass ich jemanden aus meiner Familie gesehen habe. Es ist fast unglaublich, dass ich dieses Alter erreicht habe, zweiundachtzig, und nur einen so kurzen Abschnitt der mir gewährten Zeit unter meinen engsten Angehörigen verbracht habe. Ich habe meine Pflichten ihnen gegenüber vernachlässigt, auch wenn ich dies damals nicht so empfunden habe. Denn ich hätte mein Schicksal genauso wenig ändern können wie meine Augenfarbe. Die Umstände führten mich von einem Moment zum nächsten, und dann zum nächsten, und dann wieder zum nächsten, so wie es bei allen Menschen der Fall ist, und ich machte jeden dieser Schritte, ohne mir groß den Kopf darüber zu zerbrechen.
Und eines Tages hielt ich dann inne. Und ich war alt. Und sie waren alle gegangen.
Ich frage mich, ob sich ihre Körper noch immer im Stadium der Verwesung befinden oder ob sie sich bereits aufgelöst haben und eins geworden sind mit dem Staub. Erstreckt sich der Vorgang der Zersetzung über mehrere Generationen, bis er endgültig abgeschlossen ist, oder kann er schneller voranschreiten, abhängig vom Alter des Körpers oder der Art der Bestattung? Und hängt das Tempo des körperlichen Verfalls von der Qualität des Holzes ab, aus dem der Sarg gefertigt wurde? Vom Appetit des Erdreichs? Vom Klima? In der Vergangenheit wäre dies genau die Sorte von Fragen gewesen, über die ich nachgegrübelt hätte, wenn ich mich nicht mehr auf meine Nachtlektüre konzentrieren konnte. Normalerweise machte ich mir dann eine Notiz und ging derlei Fragen so lange nach, bis ich eine befriedigende Antwort gefunden hatte, doch meine Angewohnheiten haben sich in diesem Jahr allesamt verflüchtigt, und nun kommen mir solche Recherchen banal vor. Tatsächlich bin ich schon seit Monaten nicht mehr in der Bibliothek gewesen, nicht mehr, seit Soja krank wurde. Vielleicht werde ich nie wieder dort hingehen.
Den Großteil meines Lebens – zumindest den Großteil meines Lebens als Erwachsener – habe ich innerhalb der stillen Mauern des British Museum verbracht. Ich fand dort im Frühherbst 1923 eine feste Anstellung, kurz nachdem Soja und ich in London eingetroffen waren: frierend, verängstigt und davon überzeugt, dass sie uns noch immer aufspüren konnten. Ich war damals vierundzwanzig und wusste nicht, dass eine berufliche Tätigkeit dermaßen friedlich sein konnte. Es war fünf Jahre her, dass ich mich ein für alle Mal von den Symbolen meines früheren Lebens – Uniformen, Gewehre, Bomben, Explosionen – verabschiedet hatte, auch wenn sie unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt waren. Nun fand ich mich in einer Welt der Gelehrsamkeit wieder, eine willkommene Abwechslung.
Und vor London war da natürlich Paris gewesen, wo ich jenes Interesse für Bücher und Literatur fortentwickelte, das sich bei mir erstmals in der Blauen Bibliothek geregt hatte, eine Wissbegier, die ich in London weiter zu sättigen hoffte. Zu meinem schier unglaublichen Glück entdeckte ich in der Times eine Stellenausschreibung für einen Hilfsbibliothekar im British Museum. Noch am selben Tag bewarb ich mich dort persönlich um diesen Posten, den Hut in der Hand, und wurde sofort vorgelassen zu Mr Arthur Trevors, meinem potenziellen neuen Arbeitgeber.
Ich kann mich noch genau an das Datum erinnern. Es war der 12. August. Ich war gerade von der russisch-orthodoxen Cathedral of the Dormition and All Saints gekommen, wo ich für einen alten Freund eine Kerze angezündet hatte, eine alljährliche Geste des Respekts anlässlich seines Geburtstags. Solange ich lebe, hatte ich ihm seinerzeit versprochen. Es schien mir irgendwie passend, dass mein neues Leben am gleichen Tag beginnen sollte wie einst sein kurzes Leben.
„Wissen Sie, seit wann es die British Library gibt, Mr Jatschmenew?“, fragte er mich, wobei er mich über die halbmondförmigen Gläser seiner Brille fixierte, die einigermaßen nutzlos oben an seiner Nasenwurzel saß. Er verhaspelte sich kein bisschen bei meinem Namen, was mich beeindruckte, da so viele Engländer eine Tugend daraus zu machen schienen, ihn nicht aussprechen zu können. „Seit 1753“, beantwortete er sofort seine eigene Frage, ohne mir die leiseste Gelegenheit zu geben, eine Vermutung zu riskieren. „Als Sir Hans Sloane seine Sammlung von Büchern und Kuriositäten der Nation vermachte und somit den Grundstock für unser Museum stiftete. Wie finden Sie das?“
Darauf fiel mir nichts anderes ein, als Sir Hans ob seiner Philanthropie und seines gesunden Menschenverstandes zu preisen, eine Antwort, die bei Mr Trevors auf enthusiastische Zustimmung stieß.
„Da haben Sie vollkommen recht, Mr Jatschmenew“, sagte er, wobei er heftig mit dem Kopf nickte. „Das war ein ganz famoser Bursche, dieser Sloane. Mein Urgroßvater traf sich regelmäßig mit ihm zum Bridge. Inzwischen haben wir natürlich ein Problem mit dem Raum. Er geht uns allmählich aus, verstehen Sie? Heute werden zu viele Bücher herausgebracht, das ist das Problem. Die meisten davon stammen von Halbidioten, Atheisten oder warmen Brüdern, aber, Gott steh mir bei, wir sind nun mal verpflichtet, sie hier alle bei uns unterzustellen. Mit dieser Sorte von Tintenklecksern haben Sie doch nichts zu tun, Mr Jatschmenew, oder?“
Ich schüttelte unverzüglich den Kopf. „Nein, Sir“, erwiderte ich.
„Schön, das zu hören. Eines Tages werden wir die Bibliothek hoffentlich in ihren eigenen Räumlichkeiten unterbringen können, und das dürfte unser Problem auf einen Schlag lösen. Doch das hängt natürlich vom Parlament ab. Die kontrollieren unser gesamtes Budget, verstehen Sie? Und Sie wissen ja, was diese Typen sind: verdorben bis ins Mark, alle, wie sie da sitzen! Dieser alter Knabe Baldwin, nun ja, der ist schrecklich gut, aber alle übrigen …“ Er schüttelte den Kopf und zog ein Gesicht, als wäre ihm übel.
In der sich daran anschließenden Stille fiel mir nicht anderes ein, um mich für die ausgeschriebene Stelle zu empfehlen, als meiner Bewunderung für das Museum Ausdruck zu geben – wo ich vor dem Bewerbungsgespräch lediglich eine halbe Stunde verbracht hatte – und die erstaunliche Ansammlung von Schätzen zu loben, die es innerhalb seiner Mauern beherbergte.
„Also, Sie haben schon mal in einem Museum gearbeitet, Mr Jatschmenew?“, fragte er mich, woraufhin ich den Kopf schüttelte. Diese Reaktion schien ihn zu überraschen, und er nahm seine Brille ab, als er meine Befragung fortsetzte. „Ich dachte, Sie seien vielleicht in der Eremitage angestellt gewesen? In St. Petersburg?“
Er hätte den Namen des Museums auch ohne die Erwähnung seines Standorts nennen können, denn ich kannte es recht gut. Einen Augenblick lang bedauerte ich, dass ich ihm nicht einfach etwas vorgeflunkert hatte, denn es war ziemlich unwahrscheinlich, dass er einen Nachweis für meine dortige Anstellung suchen würde, und jeder Versuch, irgendwelche Referenzen einzuholen, würde, wenn überhaupt, erst nach Jahren zu einem Ergebnis führen.
„Nein, dort habe ich nie gearbeitet, Sir“, erwiderte ich. „Aber ich kenne die Eremitage wie meine Westentasche. Ich habe dort so manche glückliche Stunde verbracht. Die Kollektion byzantinischer Kunst ist besonders beeindruckend. Und die Münzsammlung ist auch nicht zu unterschätzen.“
Er dachte eine Weile darüber nach, wobei er mit den Fingerkuppen gegen die Seite seines Schreibtischs trommelte, und gelangte schließlich zu dem Ergebnis, dass ihn meine Antwort zufriedenstellte. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, kniff die Augen zusammen und atmete schwer durch die Nase, während er mich eindringlich musterte. „Also, Mr Jatschmenew“, sagte er, wobei er die Wörter in die Länge zog, als bereite ihm deren Artikulation Schmerzen, „seit wann sind Sie in England?“
„Erst seit Kurzem“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. „Seit ein paar Wochen.“
„Sie sind direkt aus Russland gekommen?“
„Nein, Sir. Meine Frau und ich haben einige Jahre in Frankreich verbracht, bevor …“
„Ihre Frau? Sie sind also verheiratet?“, fragte er, offenbar erfreut angesichts dieser Enthüllung.
„Ja, Sir.“
„Ihr Name?“
„Soja“, erklärte ich ihm. „Ein russischer Name, natürlich. Er bedeutet Leben.“
„Ach, tatsächlich?“, brummelte er, wobei er mich anstarrte, als wäre meine Bemerkung durch und durch impertinent gewesen. „Wie reizend. Und auf welche Weise haben Sie in Frankreich Ihren Lebensunterhalt verdient?“
„Ich habe in Paris in einem Buchladen gearbeitet“, erwiderte ich. „Von durchschnittlicher Größe, aber mit einem treuen Kundenstamm. Ich hatte immer alle Hände voll zu tun.“
„Und hat Ihnen die Arbeit Spaß gemacht?“
„Ja, sehr.“
„Warum?“
„Weil es dort so schön friedlich war“, erwiderte ich. „Selbst wenn es vor Kunden wimmelte, herrschte dort immer eine stille Atmosphäre, die ich überaus genoss.“
„Nun, so mögen wir es hier auch“, sagte er vergnügt. „Nett und still, aber jede Menge Arbeit. Und vor Frankreich sind Sie kreuz und quer durch Europa gereist, nehme ich an.“
„Eigentlich nicht, Sir“, bekannte ich. „Vor Frankreich hat es nur Russland gegeben.“
„Sie sind vor der Revolution geflohen, nicht wahr?“
„Wir haben Russland erst 1918 verlassen. Ein Jahr nach der Revolution.“
„Das neue Regime behagte Ihnen nicht, nehme ich an.“
„Ja, Sir.“
„Das kann ich gut verstehen“, bemerkte er und schürzte vor Abscheu die Lippen. „Verdammte Bolschewiken! Der Zar war ein Vetter von unserem King George. Haben Sie das gewusst?“
„Ja, das ist mir bekannt, Sir“, erwiderte ich.
„Und seine Frau, Mrs Zar, war eine Enkelin von Queen Victoria.“
„Die Zarin“, korrigierte ich vorsichtig seine Respektlosigkeit.
„Ja, wenn Sie das glücklich macht. Diese Bolschewiken haben vielleicht Nerven! Man sollte etwas gegen die unternehmen, bevor sie sich noch ganz Europa unter den Nagel reißen. Haben Sie gewusst, dass dieser Lenin unsere Bibliothek in Anspruch genommen hat?“
„Nein, das ist mir neu“, sagte ich und zog erstaunt eine Augenbraue hoch.
„Aber es ist wahr, das versichere ich Ihnen“, sagte er, als er meine Skepsis spürte. „Ich glaube, das war so um 1901 oder 1902 herum. Lange vor meiner Zeit. Aber mein Vorgänger hat mir davon erzählt. Er sagte, Lenin sei hier jeden Morgen gegen neun Uhr aufgetaucht und bis zur Mittagszeit geblieben. Dann sei seine Frau gekommen und habe ihn abgeholt, um mit ihm an dem revolutionären Käseblatt zu arbeiten, das sie hier herausgaben. Die ganze Zeit über versuchte er, Thermosflaschen mit Kaffee reinzuschmuggeln, aber wir haben ihn immer erwischt. Er hätte deswegen beinahe Hausverbot gekriegt. Schon allein daran lässt sich ermessen, was für ein Mensch das gewesen ist. Sie sind kein Bolschewik, Mr Jatschmenew, oder?“, sagte er, wobei er nach vorn ruckte und mich anfunkelte.
„Nein, Sir“, erwiderte ich mit einem Kopfschütteln, und dann starrte ich auf den Fußboden, weil ich seinem bohrenden Blick nicht standhalten konnte. Die erlesenen Marmorfliesen zu meinen Füßen überraschten mich. Ich dachte, ich hätte solchen Prunk hinter mir gelassen. „Nein, ich bin garantiert kein Bolschewik.“
„Was sind Sie dann? Ein Leninist? Ein Trotzkist? Ein Zarist?“
„Nichts von alldem, Sir“, entgegnete ich, wobei ich wieder zu ihm aufblickte, mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. „Ich bin überhaupt nichts. Oder nichts weiter als ein Mensch, der kürzlich in Ihrem großartigen Land eingetroffen ist und eine ehrliche Arbeit sucht. Ich habe keine politischen Bindungen, und ich suche auch keine. Ich möchte nichts weiter als ein ruhiges Leben und eine Möglichkeit, anständig für meine Familie sorgen zu können.“
Er ließ sich diese Äußerung eine Zeit lang durch den Kopf gehen, und ich fragte mich, ob ich mich ihm gegenüber vielleicht zu unterwürfig verhielt, doch ich hatte mir diese Worte auf meinem Weg nach Bloomsbury zurechtgelegt, da ich die Stelle unbedingt haben wollte, und ich fand, sie klangen gerade demütig genug, um einen potenziellen Arbeitgeber zufriedenzustellen. Es war mir egal, wenn sie mich wie einen Dienstboten erscheinen ließen. Ich brauchte Arbeit.
„Also gut, Mr Jatschmenew“, sagte er schließlich mit einem Kopfnicken. „Ich denke, wir werden es mit Ihnen versuchen. Zunächst eine Probezeit, sagen wir sechs Wochen, und wenn Sie und ich miteinander zufrieden sind, werden wir anschließend ein weiteres Schwätzchen halten und sehen, ob wir Ihnen eine Festanstellung geben können. Na, wie klingt das?“
„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Sir“, sagte ich, wobei ich lächelte und ihm, als eine Geste der Freundschaft und Wertschätzung, meine Hand entgegenstreckte. Er zögerte einen Augenblick, so als hätte ich mir eine unerhörte Freiheit erlaubt, und dann dirigierte er mich in ein benachbartes Büro, wo man meine Personalien aufnahm und mir meine neuen Pflichten erläuterte.
Ich blieb bis zum Ende meines Arbeitslebens in der Bibliothek des British Museum angestellt, und nach meiner Pensionierung suchte ich sie weiterhin fast jeden Tag auf, um dort zu lesen oder um irgendetwas nachzuschlagen, um mich weiterzubilden, an den Tischen, die ich früher abzuräumen hatte. Ich fühlte mich dort sicher. Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo ich mich so sicher gefühlt habe wie innerhalb jener Mauern. Mein Leben lang habe ich darauf gewartet, dass sie mich finden, dass sie uns beide finden, doch offenbar sind wir verschont worden. Nur Gott wird uns jetzt noch trennen können.


Es stimmt, dass ich nie das gewesen bin, was man als modern bezeichnen könnte. Mein Leben mit Soja, unsere lange Ehe, verlief eher traditionell. Obwohl wir beide berufstätig waren und etwa zur gleichen Zeit von der Arbeit nach Hause kamen, war sie es, die unser Essen zubereitete und auch die übrige Hausarbeit erledigte, Waschen, Putzen und dergleichen. Die Vorstellung, ich könnte ihr dabei zur Hand gehen, war bei uns nie ein Thema. Während sie kochte, saß ich am Kaminfeuer und las. Ich mochte lange Romane, vorzugsweise historische Epen, und hatte für die zeitgenössische Literatur nur wenig übrig. Ich versuchte, D.H. Lawrence zu lesen, als dies noch gewagt schien, doch ich kam nicht klar mit dem sonderbaren Dialekt, den Walter Morel oder Oliver Mellors sprachen. E.M. Forster gefiel mir da schon besser – diese ernsten, wohlmeinenden Schlegel-Schwestern, der freigeistige Mr Emerson, die ungestüme Lilia Herriton. Gelegentlich überkam mich das Bedürfnis, eine besonders ergreifende Passage laut vorzulesen, und dann kehrte Soja ihrer Arbeit den Rücken, dem Braten, den sie gerade schmorte, oder den Schweinekoteletts, die sie briet, strich sich erschöpft mit dem Handrücken über die Stirn und sagte Ja, Georgi? Was möchtest du mir erzählen?, so als hätte sie zwischenzeitlich völlig vergessen, dass ich mich im gleichen Raum aufhielt wie sie. Es scheint verkehrt, dass ich mich nicht mehr um den Haushalt kümmerte, aber so war das in jener Zeit nun einmal. Trotzdem bedauere ich es heute.
Ich hatte mir nicht immer vorgestellt, dass mein Leben in so konservativen Bahnen verlaufen würde. Es gab sogar Momente, flüchtige Augenblicke in über sechzig gemeinsam verbrachten Jahren, wo ich es hasste, dass wir nicht aus dem Schatten unserer Eltern heraustreten und unseren eigenen, individuell geprägten Lebensstil verfolgen konnten. Doch Soja trachtete danach, einen Haushalt zu führen, der sich nicht im Geringsten von dem unserer Nachbarn und Freunde unterschied – ein Wunsch, der womöglich auf ihre eigene Kindheit und ihre Erziehung zurückzuführen war.
Sie wollte ihren Frieden haben, verstehen Sie?
Sie wollte sich einfügen.
„Können wir nicht einfach in Ruhe leben?“, fragte sie mich einmal. „Ruhig und zufrieden? So wie alle anderen auch? Dann wird keiner jemals von uns Notiz nehmen.“
Wir ließen uns in Holborn nieder, nicht weit entfernt von der Doughty Street, wo der Schriftsteller Charles Dickens eine Zeit lang gewohnt hatte. Ich kam zweimal täglich an seinem Haus vorbei, auf meinem Hinweg zum British Museum und dann noch einmal auf dem Rückweg, und als ich mit seinen Romanen vertrauter wurde, da versuchte ich mir vorzustellen, wie er in seinem Arbeitszimmer im oberen Stockwerk saß und die eigentümlichen Sätze von Oliver Twist zu Papier brachte. Eine ältere Nachbarin erzählte mir einmal, ihre Mutter habe zwei Jahre lang täglich bei Mr Dickens sauber gemacht und von ihm ein Exemplar jenes Romans geschenkt bekommen, mit einer persönlichen Widmung – ein wertvolles Erinnerungsstück, das sie in ihrem Wohnzimmer auf einem Regalbrett aufbewahrte.
„Ein extrem reinlicher Mann“, erzählte sie mir, wobei sie die Lippen schürzte und zustimmend nickte. „Das pflegte meine Mutter immer über ihn zu sagen. Penibel, bei allem, was er machte.“
Mein Tag begann immer nach dem gleichen Schema. Um halb sieben klingelte der Wecker, und nachdem ich mich gewaschen und angekleidet hatte, nahm ich um sieben Uhr am Küchentisch Platz, wo mich bereits das von Soja zubereitete Frühstück erwartete: Tee und Toast sowie zwei perfekt pochierte Eier. Sie hatte eine erstaunliche Technik, was die Zubereitung der Eier betraf, bei der diese auch ohne Schale ihre ovale Form behielten, ein Kunststück, das sie auf einen Wirbelwindeffekt zurückführte, den sie mit einem Quirl in dem kochenden Wasser erzeugte, bevor sie Eiweiß und Eigelb hineinplumpsen ließ. Während ich aß, wechselten wir kaum ein Wort, doch sie saß neben mir am Tisch, um mir gegebenenfalls Tee nachzuschenken. Und sobald ich das Frühstück beendet hatte, schnappte sie sich meinen Teller, um ihn unter dem Wasserhahn abzuspülen.
Ich zog es vor, zu Fuß zum Museum zu gehen, bei Wind und Wetter, denn ich wollte körperlich fit bleiben. Als junger Mann war ich stolz auf meinen athletischen Körper gewesen, und ich gab mir große Mühe, in Form zu bleiben, selbst als ich das mittlere Lebensalter erreichte und von meinem Spiegelbild weniger angetan war. Ich ging mit einer Aktentasche zur Arbeit, und Soja legte mir dort jeden Morgen zwei Sandwiches und ein Stück Obst hinein, direkt neben den Roman, den ich gerade las. Sie kümmerte sich vorbildlich um mich, doch die tagtägliche, wie selbstverständlich wirkende Wiederholung dieser Dinge führte dazu, dass ich nur selten daran dachte, ihrer Liebenswürdigkeit Achtung zu zollen oder mich bei ihr zu bedanken.
Dies lässt mich womöglich wie einen altmodischen Menschen erscheinen, wie einen Haustyrannen, der unmögliche Ansprüche an seine Frau stellt.
Doch nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein.
Als wir im Herbst 1919 in Paris heirateten, da war es für mich schlechterdings unvorstellbar, dass Soja sich mir jemals auf irgendeine Weise unterordnen würde.
„Aber ich bediene dich doch nicht“, beharrte sie. „Ich kümmere mich um dich, Georgi, und ich tue das gern. Merkst du das nicht? Ich hätte mir nie träumen lassen, einmal solche Freiheiten zu haben, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen, einen Haushalt zu führen wie andere Frauen auch. Bitte verweigere mir nichts, was für andere selbstverständlich ist!“
„Worüber sich andere beklagen“, entgegnete ich mit einem Lächeln.
„Bitte, Georgi“, wiederholte sie, und was hätte ich tun können, außer auf ihren Wunsch einzugehen? Trotzdem bereitete mir dies noch jahrelang Unbehagen, doch im Laufe der Zeit und als uns ein Kind beschert wurde, gingen wir dermaßen in unseren jeweiligen Alltagspflichten auf, dass ich meine ursprünglichen Bedenken vergaß. Es war eine Aufgabenverteilung, die uns beiden gefiel, und das ist alles, was ich dazu sagen kann.
Zu meiner Schande hat Soja während unseres gemeinsamen Lebens jedoch dermaßen gut für mich gesorgt, dass ich nun, wo ich allein zu Haus bin, selbst die einfachsten Hausarbeiten nicht zu meistern vermag. Vom Kochen habe ich keine Ahnung, und so esse ich zum Frühstück jeden Tag Zerealien: Haferflocken, Kleie, steinharte Rosinen, die ich mit Milch aufweiche. Mein Mittagessen nehme ich um ein Uhr in der Kantine des Krankenhauses ein, wenn ich dort zu meinem täglichen Besuch erscheine. Ich esse allein, an einem Plastiktisch mit Blick auf den ungepflegten Garten des Hospitals, wo die Ärzte und Krankenschwestern in ihren hellblauen, fast schon unanständigen OP-Anzügen herumstehen und rauchen. Das Essen ist fade, ohne jegliche Raffinesse, doch es füllt meinen Magen, und mehr verlange ich nicht von ihm. Es ist elementares englisches Essen: Fleisch mit Kartoffeln, Hähnchen mit Kartoffeln, Fisch mit Kartoffeln – vielleicht werden sie auf der Speisekarte eines Tages auch noch Kartoffeln mit Kartoffeln anbieten. Wahrlich nichts Besonderes.
Natürlich erkenne ich inzwischen einige der anderen Besucher wieder, die Witwen und Witwer im Wartestand, wie sie in verzweifelter Einsamkeit über die Flure wandern, zum ersten Mal seit Jahrzehnten des Menschen beraubt, der ihnen am nächsten steht. Manche von uns kennen sich mittlerweile flüchtig, und es sind auch etliche darunter, die ihre Geschichten von Hoffnung und Enttäuschung an den Mann bringen wollen, doch ich lasse mich ungern in ein Gespräch verwickeln. Ich bin nicht hier, um irgendwelche Bekanntschaften zu machen. Ich bin allein wegen meiner Frau hier, wegen meiner geliebten Soja, um an ihrem Bett zu sitzen, um ihre Hand zu halten, um ihr Dinge ins Ohr zu flüstern, um sicherzugehen, dass sie weiß, sie ist nicht allein.
Ich bleibe bis sechs Uhr bei ihr, und dann küsse ich sie auf die Wange, lasse meine Hand für einen Moment auf ihrer Schulter ruhen und bete im Stillen darum, sie möge noch am Leben sein, wenn ich am nächsten Tag wiederkomme.

Alexandra von Russland: zwischen Revolution, Trauer und inniger Liebe

Die Preußin auf dem Zarenthron

Alexandra Kaiserin von Russland

Alexandra von Russland, Tochter Königin Luises von Preußen, war zu Lebzeiten so populär wie ihre Mutter. Marianna Butenschön erzählt die unbekannte Lebensgeschichte der Kaiserin. An der Seite ihres Mannes Nikolaus I. durchlebt sie schwere Schicksalsschläge: Aufstände, Kriege, Revolutionen und den Tod ihrer jüngsten Tochter. Dennoch gibt es kaum eine glücklichere dynastische Ehe. Ihre Liebe hält lebenslang.

„ Blancheflour “


Charlotte von Preußen, die älteste Tochter der legendären Königin Luise, eine der schönsten und meistgemalten Frauen ihrer Zeit, war dreißig Jahre Kaiserin von Russland. Sie war die Frau Nikolaus’ I., die Schwester Friedrich Wilhelms IV. und Wilhelms I., die Großtante Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers, die Urgroßmutter Nikolaus’ II., des letzten russischen Zaren, und die Ururgroßmutter Philip Mountbattens, des Herzogs von Edinburgh und britischen Prinzgemahls. Die Lebensgeschichte dieser Frau erinnert an einen Groschenroman und war doch alles andere als unterhaltsam oder trivial. Liebe, Macht und Reichtum haben sie nicht vor Angst, Krankheit und Leid bewahren können. Denn noch nie war etwas so einfach, wie es aussieht, am allerwenigsten das Leben einer Kaiserin von Russland – ein Leben, das man sich heute kaum noch vorstellen kann.
Doch wer war diese Charlotte ? Und wie kam sie auf den Zarenthron? So viel wir über Luise wissen, so wenig wissen wir über Charlotte, obwohl die Tochter der „preußischen Madonna“ viel mächtiger und einflussreicher war als die Mutter. Deshalb ist die Geschichte ihres Lebens eine Geschichte der Entdeckungen und zugleich ein Abbild der preußisch-russischen Beziehungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das ahnen lässt, wie unerhört „ preußisch “ St. Petersburg einmal war und wie „ russisch “ Berlin.
Die Geschichte kennt nur wenige Fälle, in denen dynastische Ehen aus Liebe geschlossen wurden. Meistens kamen sie aus politischen Gründen zustande, und häufig waren die Folgen für die Betroffenen tragisch. Auch die Ehe der Prinzessin Charlotte und des Großfürsten Nikolaus Pawlowitsch hatte einen politischen Hintergrund. Sie kam erstmals im Januar 1809 während des Besuchs Friedrich Wilhelms III. und Luises bei Alexander I. in St. Petersburg zur Sprache, nachdem ein früherer Versuch der Königin, eine familiäre Verbindung der Häuser Hohenzollern und Romanow herzustellen, beim russischen Hof auf Ablehnung gestoßen war.
Doch anderthalb Jahre nach dem Diktatfrieden von Tilsit hatten sich die politischen Koordinaten zugunsten einer solchen Verbindung verschoben. Preußen, zur Mittelmacht degradiert, und Russland, ebenfalls zu Kompromissen gezwungen, brauchten einander im Kampf gegen Napoleon. Heute lässt sich nicht mehr feststellen, wer die Initiative ergriffen hat. Möglicherweise hat Luise das Thema als Erste angesprochen, vielleicht hat Maria Fjodorowna, die Kaiserinmutter, diese Heirat angeregt. Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall haben sich die beiden Damen, die eine Mecklenburgerin und in Hannover geboren, die andere Württembergerin und in Stettin auf die Welt gekommen, das zehnjährige „Lottchen“ und den zwölfjährigen „Nikoscha“ als künftiges Paar vorgestellt.
Die Ehe zwischen der ältesten Tochter des Königs und dem jüngeren Bruder des Kaisers sollte die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Dynastien und die preußisch-russische Allianz festigen, die sich in den Freiheitskriegen gegen Napoleon auch als Waffenbrüderschaft bewährt hatte. Kein Wunder daher, dass am 4. November 1815 an der Verlobungstafel in der Bildergalerie des Königlichen Schlosses in Berlin als einzige Gäste zwei Generalfeldmarschälle saßen : der alte Gerhard Leberecht von Blücher, einer der Sieger von Waterloo, den die Russen „Marschall Vorwärts “ nannten, und Michail B. Barclay de Tolly, der Livländer mit schottischen Wurzeln, der die Große Armee 1812 mit der Taktik der verbrannten Erde tief nach Russland hinein- und damit ins Verderben gelockt hatte. Die Hochzeit fand 1817 in St. Petersburg statt, und das Schicksal meinte es gut mit den Verlobten : Staunend und gerührt erlebten der Hof und die Stadt eine Liebesheirat !
Unter den vielen deutschen Prinzessinnen, die im 18. und
19. Jahrhundert nach Russland geheiratet haben, war Charlotte die einzige Preußin und die einzige Königstochter. Beim Konfessionswechsel erhielt sie den Namen Alexandra Fjodorowna, blieb in den Berliner Zeitungen und in den Tagebüchern und Memoiren ihrer preußischen Zeitgenossen aber stets „unsere Prinzeß Charlotte“ und „Kaiserin Charlotte“. Oder „Blancheflour“, wie sie in der Familie gerufen wurde. Denn sie hatte als Heranwachsende für die „holde Blancheflour“ geschwärmt, die „für einen Spiegel alles Reizes und aller Anmut gelten durfte“, eine Gestalt aus dem Ritterroman Der Zauberring von Friedrich de la Motte Fouqué, der ihr und ihren Brüdern, dem „jungen Charlottenburger Volk“, im Herbst 1812 des Abends vorgelesen worden war. Blancheflour war ein Kind der Romantik und sollte es ihr Leben lang bleiben, die Bilderwelt des Mittelalters hat sie mit nach Russland genommen.
Auch ihre Ehe hatte etwas Romantisches. Fast vierzig Jahre lang belegen Briefe, Tagebucheintragungen, Memoiren, diplomatische Berichte und Reisebeschreibungen, dass sich Alexandra und Nikolaus, die „holde Rose Blancheflour“ und ihr Ritter ohne Furcht und Tadel, ihr Leben lang zugetan blieben. Das illustre Familienglück in St. Petersburg war so auffällig und ungewöhnlich, dass es kaum einem Beobachter entging. Selbst große Geister wie Alexander von Humboldt, der 1829 durch Russland und Sibirien reiste, kamen nicht umhin, die „häuslichen Tugenden, die auf dem ersten Thron Europas Platz genommen haben“, hervorzuheben. Und diese Tugenden sind nicht nur beschrieben, sondern auch abgebildet worden: Im Museum Schloss Fasanerie in der Nähe Fuldas ist ein Gemälde der Schottin Christina Robertson zu sehen, auf dem Nikolaus und Alexandra, die einander „Niks“ und „Muffi“ nannten, im Kabinett der Kaiserin im Winterpalast vor roter Wandbespannung gemütlich beieinandersitzen: Er liest Zeitung, sie strickt ! Nie ist ein Kaiserpaar so häuslich dargestellt worden!
Die Liebe der beiden überdauerte manche politische Irritation, manchen Seitensprung seinerseits und manchen Flirt ihrerseits. „Bleib gesund, meine liebe, liebe Muffi, hab deinen Alten lieb und pass auf dich auf … “, schrieb Nikolaus seiner Frau nach einem langen gemeinsamen Leben 1853 aus Warschau. Der Kosename geht wohl auf „ Little Miss Muffet “ zurück, die Heldin eines (bis heute) populären Kinderreims, den Nikolaus von Miss Lyon, seiner schottischen Amme, gehört haben mochte.
Dabei kann man sich kein gegensätzlicheres Paar vorstellen: Blancheflour war schwärmerisch und sentimental veranlagt und hatte diesen sanften „Engelsblick“, der im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts „ in “ war. Sie bevorzugte helle Farben, liebte Musik, Poesie und Blumen, besonders weiße Rosen und Kornblumen, las und handarbeitete viel, schrieb lange Briefe in schön geschwungener Schrift, spielte nicht schlecht Klavier und weinte leicht. Sie hatte eine etwas raue Stimme und sprach – wie ihr Vater – manchmal abgehackt. Wie ihre Mutter kannte sie Schiller, Goethe und Jean Paul auswendig, und sie war bibelfest. Wie ihre Mutter tanzte sie leidenschaftlich gerne, und nach dem Urteil der Zeitgenossen war sie eine ausgezeichnete Tänzerin, die über das Parkett schwebte, „wie ein von einem Windhauch getriebenes Wölkchen am Himmel schwimmt “. Außerdem liebte sie das Theater.
Aber sie war auch gerne allein, wenngleich sie Mühe hatte, sich selbst zu beschäftigen. „Mein Leben lang hatte ich diese Neigung zu Melancholie und Träumerei“, schreibt sie in ihren „Erinnerungen “. „ Nach den Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens zog ich mich am liebsten in mich selbst zurück, und dann brauchte ich die Natur genauso wie eine gute Predigt, und mehr als alle Predigten der Welt sprach sie mir von Gott und von seinen wunderbaren Wohltaten für seine Geschöpfe. “
Eine politische Rolle hat Alexandra offiziell nicht gespielt. Ihre wichtigste Aufgabe sah sie in einem glücklichen Familienleben. „ Glauben Sie mir, wenn man einmal in Frieden mit sich selbst ist, wenn man einmal einen Entschluss gefasst hat, wird man seinen Weg geradeheraus gehen“, schrieb sie einer jungen Frau, die im Begriff stand zu heiraten. „Andere glücklich zu machen ist seit jeher die Berufung der Frau, und das ist eine schöne und große Berufung und das Ziel unserer Existenz auf Erden. Bloß keinen Egoismus, keine ehrgeizigen Wünsche, keine Trockenheit in der Seele, um Himmels willen!“ Das war ihr Credo, ein Leben für Mann und Kinder. „Wenn Mama auch nicht das war, was man eine Frau von Geist nennt, so besaß sie doch die Gabe, Menschen und Dinge sehr fein abzuschätzen, und erstaunlich war ihr Urteil, wenn es in ernsten Fällen eingeholt wurde“, schreibt Königin Olga von Württemberg, ihre zweitälteste Tochter. „Vor allem aber war sie liebende Ehefrau, fügsam und stets zufrieden, die zweite Rolle zu spielen. Ihr Gatte war ihr Lenker und Beschützer, besaß ihr ganzes Vertrauen, und sie hatte nur einen Ehrgeiz, ihn glücklich zu machen.“ Mit dieser Haltung konnte Alexandra in Russland, das ein großes Jahrhundert, aber auch ein Jahrhundert der „ Weiberherrschaft “ hinter sich hatte, nur gewinnen.
Nikolaus Pawlowitsch, der als „Gendarm Europas“, in die Geschichte und als „Nikolaus der Stock“ (Lew N. Tolstoj) in die Literaturgeschichte eingegangen ist, war eine der interessantesten Gestalten auf dem Zarenthron, Imperator in allem, was er tat, „ a very striking man “ (Queen Victoria), jedoch eine widersprüchliche Figur, ein Mann, der Zustimmung und Ablehnung zugleich hervorrief. Die Zeitgenossen schildern ihn als selbstgerecht, streng und pedantisch, als prinzipientreu und rechthaberisch, aber auch als korrekt, freigiebig und großzügig. Der „ Oberst auf dem Thron “ (Constantin de Grunwald) konnte herrisch und kalt auftreten und im nächsten Augenblick jovial, charmant und herzlich sein, und wenn er wollte, konnte er öffentlich Tränen vergießen. Schon sein kalter, hypnotisierender Blick flößte den Mitmenschen Furcht ein, man widersprach ihm nicht, und das gefiel ihm. Heinrich von Treitschke nannte ihn den „härtesten Selbstherrscher des Jahrhunderts“, Golo Mann den „Despoten aller Despoten“. Aber er war weder boshaft noch bösartig, und „ Despot “ war er vermutlich nicht von Natur aus, sondern weil er der Überzeugung war, dass Russland nicht anders als „despotisch“ regiert werden könne. Mehrfach in seinem Leben hat Nikolaus Pawlowitsch großen persönlichen Mut bewiesen. Er war ein nüchterner Mensch, doch persönliche Freundschaften waren ihm wichtig.
Den Zarenthron hat er nicht unerwartet, aber völlig unvorbereitet bestiegen. Die Mängel seiner Bildung waren ihm bewusst, doch sein hohes Selbstgefühl ließ ihn keinen Augenblick an seiner gottgewollten Herrschermission zweifeln, und vermutlich war er der fleißigste Beamte seines Reiches. Er war ein guter Redner und begabter Schauspieler, hatte ein fotografisches Gedächtnis, blies Trompete und sang gerne in den Palastchören. Ihm verdankt Russland die Neue Ermitage, die er von Leo von Klenze, dem Münchner Hofarchitekten, entwerfen ließ.
Das Urteil des Schriftstellers Wladimir A. Sollogub, Nikolaus sei ein Mann von „ eisernem Willen und unbeugsamer Härte “ gewesen, „ in der Tiefe seiner Seele aber von unerschöpflicher Güte “, und sein heller Verstand habe „alles verstanden und … alles verziehen“, ist typisch für die Art und Weise, wie die meisten Zeitgenossen den Zaren sahen. Er sah so gut aus, dass fast jedermann dazu neigte, ihn zu idealisieren, was im Übrigen auch für seine Frau galt.
Gleichwohl waren die beiden ein selten gegensätzliches Paar. Während er einen spartanischen Lebenswandel bevorzugte, lebte sie in einem unerhörten Luxus. Ihre Gemächer waren groß, elegant und reich dekoriert, doch sein Kabinett war klein, spärlich und einfach möbliert. Sie besaß allein 500 Armbänder und mehr als 100 einzeln gefasste Solitäre, doch seine Pantoffeln hatten Löcher, und als Bettdecke benutzte er einen alten Uniformmantel. Während sie ungern befahl und häufig erklärte, dass die Worte „befehlen“ und „Befehl“ ihr nur aus dem Munde des Kaisers verständlich seien, war er ein reiner Befehlsmensch, und wenn er befahl, war er hart und unnachsichtig. Während er vor Wut explodieren und wochenlang schmollen konnte, wurde sie nie laut oder böse, sondern pflegte nur milde lächelnd zu erklären: „ Je gronde “ („ Ich grolle “). Ähnlich reagierte sie auf seine manchmal unerträgliche Bevormundung: Wenn er verlangte, dass sie sich umzog, weil ihm eines ihrer Kleider missfiel, beschämte sie ihn durch Tränen, gab aber nach, und dann soll er schuldbewusst und verwirrt geguckt haben. Wie ihre Tagebuchaufzeichnungen zeigen, war diese so glückliche Ehe keineswegs immer einfach. Kurzum, es war etwas in dieser Beziehung, das sich der Beschreibung entzieht.
Doch Alexandra und Nikolaus waren nicht nur sehr unterschiedliche Naturen, sie waren auch verwandte Seelen. Beide waren tief religiös, beide hatten eine musische Ader, und beide haben, wie neuere Archivfunde belegen, erstaunlich gut gezeichnet. Beide waren Pflichtmenschen, beide haben eine öffentliche und eine private Rolle gespielt, die sich deutlich voneinander unterschieden, und beide hatten eine fatale, von ihren Vätern ererbte Vorliebe für Militaria: Paraden, Revuen, Manöver und Uniformen. Alexandra hat ihren Mann immer gerne ins Manöver begleitet, und als sie 1826 Chefin des noblen Chevaliers- Gardes-Regiments wurde, zeigte sich, dass sie sich beim Militär auskannte. Sie war eine ausgezeichnete Reiterin.
Alexandras großes Verdienst bestand darin, mäßigend auf die impulsive Natur und das autoritäre Gehabe ihres Mannes eingewirkt zu haben. Auch auf dem Thron wollte sie „nur seine Freundin“ sein, und diese Rolle wusste er wohl zu schätzen. Er hat ihr immer vertraut. Ihre bloße Anwesenheit genügte, um ihn freundlich zu stimmen. Sie konnte ihm Dinge sagen, die auszusprechen sich sonst niemand getraut hätte. Man muss sich daher fragen, ob seine Herrschaft mit einer anderen Frau an seiner Seite anders verlaufen wäre. Noch strenger, noch autoritärer ?
Die zaristischen Historiker haben dieses Herrscherpaar mehr oder weniger in den Himmel gehoben. Scharfe Kritik an Nikolaus’ Herrschaftsstil und Alexandras Lebensweise kam seit den 1840er-Jahren nur von Autoren der jungen russischen Emigration. Dass die sowjetrussischen Historiker an Nikolaus kein gutes Haar gelassen haben, versteht sich beinahe von selbst. Dieser „kleinliche Tyrann “ (Jurij Lotman) hatte lange regiert, und sein Sündenregister war auch lang. Hatte er nicht den Dekabristen-Aufstand niedergeschlagen und dessen Anführer hängen lassen? Hatte er Russland nicht zum Polizeistaat gemacht und jeden liberalen Funken im Lande erstickt? Hatte er nicht die Aufstände in Polen und Ungarn niedergeschlagen? War er nicht mitverantwortlich für den Tod Puschkins? Steckte er nicht hinter der Scheinhinrichtung Dostojewskijs ? War sein Russland nicht der Hort der monarchischen Reaktion in Europa gewesen, hatte er seine Herrschaft nicht auf so obskure Prinzipien wie Orthodoxie, Autokratie und Volkstum gegründet ?
Auch das Image Alexandra Fjodorownas hat sich in der Sowjetzeit verändert. Ursache dafür waren vor allem die Erinnerungen der Hofdame Anna F. Tjuttschewa, die 1928/29 erstmalig in Moskau herauskamen, wieder aufgelegt und jahrzehntelang zitiert wurden. Darin erscheint Alexandra als infantile, verwöhnte, leichtsinnige und verantwortungslose Frau, die schuld an der Demoralisierung der russischen Gesellschaft war und sich nicht um das Wohl des Volkes scherte. Anna Tjuttschewa selbst teilte dieses Urteil nicht, zählte Alexandra aber doch zu den Herrscherinnen, die – wie angeblich Marie Antoinette – in der Lage waren, „ naiv zu fragen, warum das Volk nicht Brioches isst, wenn es kein Brot hat “.
Außerdem beschrieb sie die „despotische Vergötterung“, mit der Kaiser Nikolaus seine Frau umgab, da er sich als ihr „ einziger Herrscher und Gesetzgeber“ fühlte. „Für ihn war das ein bezauberndes Vögelchen, das er in einem goldenen, mit kostbaren Steinen verzierten Käfig hielt, das er mit Nektar und Ambrosia fütterte und mit Melodien und Aromen einlullte, dessen Flügel er aber gnadenlos abgeschnitten hätte, wenn es aus den vergoldeten Gittern seines Käfigs hätte ausbrechen wollen. Aber in seinem phantastischen Gefängnis erinnerte sich das Vögelchen nicht einmal mehr an seine Flügelchen “, schrieb die Tjuttschewa. Sein Leben lang habe Nikolaus seine Frau „wie ein verwöhntes Kind “ behandelt. Das entsprach dem sowjetischen Frauenbild so wenig, dass Alexandra Fjodorowna bei aller Herzensgüte und Sanftheit allenfalls Mitleid erregte.
Erst mit dem Ende der Sowjetunion änderte sich die Sicht der Dinge. Das „moderne“ Russland, ruiniert und enttäuscht von der mehr als 70-jährigen Sowjetherrschaft, machte sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit und entdeckte seine Zaren und Zarinnen wieder. Dabei erwies sich Nikolaus I., dessen 200. Geburtstag im Sommer 1996 bevorstand, als besonders attraktiv. Über keinen anderen Selbstherrscher ist seither so viel publiziert worden wie über ihn. Jüngere Historiker sehen in ihm nun sogar eine tragische Figur, einen „Ritter der Autokratie“, der manche gute Absicht nicht verwirklichen konnte, weil er nur wenige fähige Mitarbeiter hatte und sich auf falsche Freunde stützte. Immerhin hatte er genug Weitsicht, um seinen Sohn Alexander, den Thronfolger, von liberalen Männern erziehen zu lassen und ihn frühzeitig zu den Regierungsgeschäften heranzuziehen. Das war aber auch ein Verdienst seiner Frau.
Und so stellt sich die Frage, ob die Preußin auf dem Zarenthron so „harmlos“ war, wie sie wirkte. War sie das schwache, unpolitische Wesen, das „Vögelchen“, als das Anna Tjuttschewa und andere nach ihr sie geschildert haben? Starke Zweifel sind geboten, weil sich neben Nikolaus Pawlowitsch, der nach dem Urteil aller Zeitgenossen ein vorbildlicher Familienvater war, nur eine Frau mit Charakter behaupten konnte. Und das war Alexandra. Sie war eine starke Frau, die immer Haltung bewahrte und, modern gesprochen, ihren anstrengenden Job perfekt erledigte. Viele Indizien deuten darauf hin, dass sie es war, die das Familienleben dominierte, womit die beiden einander eher ergänzt hätten. Sie empfand sich jedenfalls als sein Alter Ego. „Ich habe mein ganzes Leben innigst darum gebetet, dass wir zusammen sterben können “, zitiert Anna Tjuttschewa die Unglückliche in der Todesstunde ihres Mannes, „aber wenn einer den anderen überleben sollte, dann wollte ich lieber diejenige sein, die diesen Kummer erleidet. Was wäre denn ohne mich aus ihm geworden ? “
Ebenso wenig war Alexandra das „ schlichte “ apolitische Wesen, als das Memoirenschreiber und Reisende sie dargestellt haben. Der umfangreiche Briefwechsel mit dem kaiserlichen Gemahl und der Berliner Verwandtschaft, aber auch mit Peter von Meyendorff, dem langjährigen russischen Gesandten in Berlin, zeigt vielmehr, dass sie eine politisch sehr interessierte Frau mit guten historischen Kenntnissen war. Genau genommen weisen schon die „Hohenzollernbriefe“ aus den Freiheitskriegen der Jahre 1813/15 den Backfisch Charlotte, die „ beste Lottenlott “, als politisch wache Beobachterin aus, die sich bei den Brüdern Friedrich Wilhelm („Fritz“) und Wilhelm („Wims“) nach dem genauen Verlauf der entscheidenden Schlachten gegen Napoleon erkundigt und über die Siege der Verbündeten freut. Schon in diesen Jahren fiel dem Vater die „ ziemliche Schreibseligkeit der Geschwister “ auf.
Später sah Alexandra die diplomatische Korrespondenz des Kaisers und die offiziellen Depeschen oft noch vor dem Außenminister durch, und häufig las Nikolaus sie ihr sogar vor. Aktuelle Neuigkeiten aus Berlin erfuhr sie vor allem durch die Brüder. „Tausend innigen Dank für Deine treuen Briefe, wodurch ich fortlebe unter Euch und in der Familie und in der politischen Lage Preußens“, schrieb sie Wilhelm nach einem Vierteljahrhundert in Russland. Sie blieb auch durch ihre vielen Geschenke in der Familie präsent. So bedankte sich der Vater u. a. für „Kisten mit Porzellan“, „maqnifique Christall Schaalen“ und „ungemein sauber ausgemalte Teller mit preußischen Militairs“, eine „ganz allerliebste Dose mit Turquoisen “ zum 51. Geburtstag, „ niedliche Malachitsachen“ zu Weihnachten 1822, die von ihm gewünschte „Winterbekleidung“ zu Weihnachten 1832 und „Schreibzeug in Elephanten-Gestalt masquiert“ zu Weihnachten 1839. Doch manchmal kam auch Kulinarisches, wie dem Kammerdiener-Journal des Prinzen Carl vom 5. Januar 1856 zu entnehmen ist, nämlich: „1 Kästchen mit frischem Kaviar und 20 Stück Haselhühner“, Gaben für Ihre Königlichen Hoheiten, den Bruder und die Schwägerin.
Die enge familiäre Verbundenheit förderte den politischen Austausch. Somit war Alexandra detailliert über die politische Entwicklung informiert, auch wenn sie die Augen vor der sozialen Realität Russlands verschloss und wenig Gespür für die Strömungen der Zeit zeigte. In den Unruhejahren 1848/49 hat sie es jedenfalls nicht an eindeutig reaktionären Äußerungen ihren Brüdern gegenüber fehlen lassen, und die „Revolutionsbriefe“ aus dem Nachlass Friedrich Wilhelms IV. belegen, dass sie sich sogar massiv im Sinne ihres Gemahls in die preußische Politik eingemischt hat. Kurzum: Auf der politischen Bühne war sie Statistin, hinter den Kulissen einflussreiche Beraterin. „Nie habe ich in meinem ganzen Leben etwas Wichtiges unternommen, ohne vorher ihren Rat und ihren mütterlichen Segen einzuholen “, schrieb Nikolaus I. in seinem Testament.

Die Revolution hat ein weibliches Gesicht

Blick ins Buch
Die Frauen von BelarusDie Frauen von Belarus

Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit

Die Revolution hat ein weibliches Gesicht
Die Bilder haben die Welt gerührt und erschüttert: Friedliche Demonstranten in Belarus trotzten dem brutalen Regime – immer und immer wieder. Die Osteuropa-Korrespondentin Alice Bota erzählt die Geschichten der drei maßgeblichen Protagonistinnen, die zu Politikerinnen wider Willen wurden: Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo.
Sie zeichnet die Geschichte des Aufstands nach und wirft die Frage auf, warum der Westen so wenig Unterstützung leistet. Das eindrückliche Porträt eines mutigen Aufstands – fast vor unserer Haustür.

Eine kleine Gebrauchsanleitung

Ich war Zeugin, als in Georgien 2008 gegen den damaligen Präsidenten demonstriert wurde. Ich stand dabei, als 2011 in Tel Aviv Tausende gut gelaunt ihre Zelte aus Protest gegen die Wohnungsnot aufbauten. Ich folgte einem Sarg, als bei den Maidan-Protesten in der Ukraine 2014 der erste Demonstrant getötet wurde. Ich schaute ungläubig zu, als bei der Samtenen Revolution in Armenien 2018 der Machtwechsel friedlich gelang und auf den Straßen getanzt wurde. Ein Jahr später folgten die Proteste in Moskau, zu denen auch Alexej Nawalny aufrief und die nicht ganz so fröhlich waren. Ich kenne das alles. Protestbewegungen sind nicht neu für mich. Eher journalistisches Tagesgeschäft. Aber dann kam Belarus 2020.

Diese Protestbewegung hat mich um den Schlaf gebracht. Ja, wirklich: Meist wurde am Wochenende demonstriert. Dann lag das Handy neben meinem Bett, und ich verfolgte unaufhörlich die sich ständig aktualisierenden Zahlen über Festnahmen. Ich schrieb über Messengerdienste an meine belarussischen Gesprächspartner: „Hallo, ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ Oder: „Wissen Sie schon, wann Ihre Frau wieder freikommt?“ Oder: „Können Sie sprechen? Sind Sie verletzt?“ Manchmal wartete ich bis zum Morgengrauen auf Antwort. Wenn keine kam, wusste ich Bescheid: Haft also.

In den ersten Monaten nach der gefälschten Wahl im August 2020 konnte ich nicht durchschlafen. Das Thema, die Schicksale, das Engagement waren mir unter die Haut gekrochen. Zum einen konnte ich nicht glauben, was sich in nächster Nähe zu Deutschland abspielte. Es hat etwas Erhabenes, wenn Menschen ihre Angst überwinden und sich einem ungleichen Kampf stellen, obwohl sie so unendlich viel zu verlieren haben. Wenn sie friedlich bleiben, obwohl sie so viel Gewalt erfahren. In dem Moment, da ich dieses Vorwort schreibe, dauern die Proteste seit fast 300 Tagen an.

Klein sind sie geworden, immer weniger sichtbar, aber sie sind noch immer nicht verschwunden. Ich muss an ein Interview mit dem ukrainischen Philosophen Michail Minakow denken, der sich die Daten sozialer Proteste der vergangenen 120 Jahre angeschaut hatte. Er fand keinen einzigen vergleichbaren Protest, der so lange friedlich geblieben war wie der in Belarus.

Zum anderen schien es mir kaum zu fassen, wie lange es gebraucht hatte, bis diese Bilder in Deutschland einsickerten und schließlich Anteilnahme und Solidarität bewirkten – und wie schnell die Wirkung dieser Bilder dann doch wieder verblasste. Als wäre das Land weit weg von uns in Deutschland. Als ginge es bei den Ereignissen in Belarus nicht um viel mehr als um das Land: nämlich um den Kampf um Grundrechte. Um Freiheit. Um Selbstbestimmung. Um eine zutiefst europäische Geschichte.

Dieses Buch will eine Übersetzungshilfe sein. Es will eine Gesellschaft, die fern und fremd erscheint, in Deutschland vertrauter machen. Ich hoffe, es spricht auch zu jenen, die nichts von Belarus wissen, aber seit dem Sommer davon gehört haben. Und wer sich nicht für Belarus und Machttransitionen interessiert, den fesselt vielleicht die Geschichte dahinter von der weiblichen Selbstermächtigung. Davon, wie drei Frauen den Diktator Alexander Lukaschenko herausgefordert und sich schließlich in einer breiten Protestbewegung ihre Sichtbarkeit erkämpft haben – und wie diese Bewegung ihren Anteil daran trug, dass die Proteste gegen Lukaschenko friedlich blieben.

Deshalb will dieses Buch beides. Einerseits stellt es die drei entscheidenden politischen Akteurinnen vor: die Lehrerin und Hausfrau Swetlana Tichanowskaja, die Musikerin Maria Kolesnikowa und die IT-Managerin Veronika Zepkalo. Und andererseits gibt es Raum für viele unbekannte Frauen: Ärztinnen, Programmiererinnen, Mütter, Lehrerinnen, PR-Managerinnen, Hausfrauen, Feministinnen, die in Belarus oder im Exil leben und davon erzählen, wie dieser Sommer 2020 und die Proteste sie für immer verändert haben.

Man muss sich nichts vormachen: Natürlich ist eine so breite Massenbewegung keine allein weibliche Sache. Sie wird von allen getragen: von Konservativen wie Liberalen, von Alten wie Jungen, von Frauen wie Männern. Aber ausnahmsweise soll es nicht um die Männer gehen. Sondern um die Frauen, um ihre Geschichten der Überwindung und ihre Selbstermächtigung. Das hat es so noch nie östlich von Deutschland gegeben – und doch ist es ein universelles Thema. Ein Soundtrack, der auch in Deutschland noch oft genug abgespielt wird.

 

Ein Buch zu schreiben bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Manche sind mir nicht leichtgefallen. Die Frage nach der geschlechtergerechten Sprache zum Beispiel. Natürlich wandelt sich Sprache, und wie schnell Wandel manchmal gehen kann, davon erzählt nicht zuletzt auch dieses Buch. Also ist es naheliegend, mit Binnen-I oder Sternchen auszudrücken, dass Frauen nicht nur mitgemeint, sondern Teil des Ganzen sind. Zumal in einem Buch über weibliche Selbstermächtigung!

Und doch habe ich mich dagegen entschieden. Denn über weite Strecken zitiere ich belarussische Gesprächspartnerinnen. Die aber gendern nicht, wenn sie über sich selbst oder Mitstreiterinnen auf Russisch sprechen. Das ist im Russischen nicht üblich. Es ist sogar noch immer selten, weibliche Berufsformen zu benutzen: Politikerin, Ärztin, Künstlerin, Schriftstellerin. Mir jedenfalls riet meine – übrigens äußerst emanzipierte – Moskauer Russischlehrerin von der Verwendung ab. Die weibliche Form, fand sie, habe etwas „Entwertendes“ an sich. Ich habe mich dennoch weiterhin als „Korrespondentin“ vorgestellt – aber ich konnte und wollte diese Entscheidung nicht stellvertretend für meine Gesprächspartnerinnen treffen. Gerade wenn Sprache Selbstbestimmung widerspiegeln soll, wäre mir ein solcher Schritt übergriffig erschienen.

Mein Kompromiss: So gut wie immer nenne ich im Buch bei den allgemeinen Passagen die weiblichen Formen. Manchmal bleibt es beim generischen Maskulinum, an einigen wenigen Stellen erlaube ich mir, ein generisches Femininum auszuprobieren. Und wo die deutsche Übersetzung absurd gewirkt hätte, zum Beispiel, wenn Maria Kolesnikowa in einer Rede zum internationalen Frauentag von sich selbst als „Feminist“ spricht, habe ich die Übersetzung angepasst und die weibliche Form benutzt.

Der andere Kompromiss: der Umgang mit dem Belarussischen, einer noch immer verdrängten Sprache. Schreibe ich „Belarus“, obwohl jahrzehntelang „Weißrussland“ galt? Das zu entscheiden war einfach, ich bin den Empfehlungen der deutsch-belarussischen Historikerkommission gefolgt. Außerdem leuchtet mir ein, dass „Weißrussland“ nach einer weiteren westlichen Oblast von Russland klingt. Aber dann wird es schon schwieriger: „belarussisch“ oder „belarusisch“? Ich habe mich für Ersteres entschieden, obwohl es gute Gründe für Zweiteres gibt.

Oder die Namen der drei entscheidenden Frauen – wie schreibe ich sie? Auf Belarussisch? Dann hieße das Frauentrio Maryja Kalesnikawa, Weranika Zapkala und Swjatlana Zichanouskaja. Oder verwende ich die russische Schreibweise? Russisch ist in Belarus zweite Amtssprache, wird von der überwältigenden Mehrheit benutzt. Die Auseinandersetzung über die Sprache spielt, anders als im ukrainisch-russischen Verhältnis, bei diesem Aufstand keine Rolle. Zwei der drei Frauen beherrschen deutlich besser Russisch als Belarussisch und benutzen fast immer ihre russischen Namen. Wenn die Gesprächspartner und -partnerinnen nicht auf der belarussischen Schreibweise bestanden, bin ich deshalb der russischen Variante gefolgt. Im Buch heißen die drei Frauen Maria Kolesnikowa, Veronika Zepkalo und Swetlana Tichanowskaja, genauso wie in meinen Artikeln für die Zeit. Sicherlich ist das kein idealer Kompromiss, aber einer, mit dem die Leserinnen und Leser und vor allem hoffentlich die belarussischen Gesprächspartnerinnen leben können.

Der schmerzlichste Kompromiss betrifft die Recherche. Persönliche Treffen mit Belarussen und Belarussinnen fanden nicht in Belarus statt, sondern im Ausland. Um vor Ort Informationen und Quellen zu sammeln, war ich auf Online-Gespräche und Videoschalten angewiesen. Um die hundert Interviews habe ich in den vergangenen Monaten geführt. Jedes Gespräch beendete ich mit der Frage, ob Namensänderungen aus Sicherheitsgründen nötig seien oder die Verfremdung persönlicher Angaben. Biografische Details sucht man in dem Buch deshalb meist vergeblich – außer bei den drei bekannten Frauen. Manche Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen hatten nichts dagegen, mit vollem Namen genannt zu werden – und manche änderten Wochen später dann doch ihre Einschätzung. Bei anderen war es notwendig, selbst den Vornamen zu verschleiern – diese Änderungen sind im Buch kenntlich genannt. Auf die Nennung von Nachnamen habe ich verzichtet. Selbst wenn die Gesprächspartnerin nicht dagegen war, erschien mir die Dynamik der politischen Prozesse in Belarus als zu unberechenbar und zu gefährlich, um das Wagnis einzugehen. Was gestern noch unverfänglich war, steht heute unter Strafe. Wer könnte schon sagen, was morgen ist?

Ich hatte sehr gehofft, vor Ort recherchieren zu können. Wieder und wieder hatte ich Diplomaten kontaktiert und das belarussische Außenministerium. Aber es war nichts zu machen. Die Eindrücke vom Land Belarus, die ich im Buch wiedergebe, stammen von früheren Reisen. Gegenwärtig darf ich noch immer nicht in das Land einreisen. Im Herbst 2020 hat das Regime allen ausländischen Korrespondenten und Korrespondentinnen die Akkreditierungen annulliert.

Seither gehöre ich zum Kreis jener, die kein neues Visum und keine neue Presseakkreditierung erhalten haben. Von Woche zu Woche wurde ich vertröstet, von Monat zu Monat. Einige Kollegen und Kolleginnen hatten schon lange ihre Papiere erhalten. Bis mir schließlich klar wurde, dass dieses Verschleppen in meinem Fall System hat. Ich weiß, dass sich manche europäische Diplomaten in Minsk in Hintergrundgesprächen sehr für mich eingesetzt haben, und dafür möchte ich danken. Doch das Regime, das die Corona-Pandemie weitestgehend ignoriert hat, fand sogar eine Begründung, warum es mir keine Papiere ausstellen könne: und zwar wegen Corona.

 Berlin, im Juni 2021

1. Leben im Exil
In der Schaltzentrale

Die Tür fliegt auf, Swetlana Tichanowskaja kommt herein – und ist kaum wiederzuerkennen. Selbstbewusst wirkt sie, strahlend, sehr professionell, aber auch vorsichtig, irgendwie tastend. Wie sich doch ein Mensch binnen eines halben Jahres wandeln kann, denke ich.

Es ist ein verschlafener Februarsamstag in Litauen 2021. Noch kein Jahr zuvor, im vergangenen Sommer, war Swetlana Tichanowskaja die unsichere Hausfrau aus der belarussischen Hauptstadt Minsk, die das Schicksal ins Scheinwerferlicht gezerrt hatte. Sie hasste Schminke, machte sich nicht viel aus Kleidung, hatte für aufwendige Haarfrisuren keine Zeit. Jetzt trägt sie ein seriös wirkendes Etuikleid und hohe Absätze. Ihr Gesicht ist sorgfältig gepudert, die Augenbrauen sind perfekt nachgezogen, die Augen mit Lidschatten betont. Die langen Haare hat sie abgeschnitten – ihre Stylistin hat ihr zu einem kinnlangen Bob geraten. Sie sucht auch die Kleider für Swetlana Tichanowskaja aus, wenn sie auf Dienstreisen geht oder Regierungschefs trifft. Ein Visagist hat ihr beigebracht, wie sie sich am vorteilhaftesten schminkt.

Ist es nötig, das Äußere dieser 38-jährigen Frau so ausführlich zu beschreiben? Ja, denn Macht ist immer auch eine Frage der Wahrnehmung. Das weiß Swetlana Tichanowskaja mittlerweile nur zu gut. Ihr Äußeres spiegelt die innere Wandlung einer Frau wider, die sich in einem neuen Leben zurechtfinden muss. Sie wollte dieses Leben nicht. Es bedeutet eine ungeheuerliche Zumutung. Aber Swetlana Tichanowskaja versucht, es anzunehmen und auch äußerlich zu einer Person zu werden, die diese neue Rolle mit ihren Erwartungen auszufüllen vermag.

Kleider, Make-up, Interviews, Treffen mit mächtigen Politikern auf der ganzen Welt – nichts davon war im früheren Leben von Swetlana Tichanowskaja je wichtig. Damals, am 9. August 2020, mussten ihre Weggefährtinnen sie überreden, sich zu schminken. Es war der Wahltag, der alles in Belarus unwiederbringlich verändern sollte – auch ihr eigenes Leben. Swetlana Tichanowskaja gab in der Minsker Schule Nummer 137 ihren Stimmzettel ab. Sich dafür zurechtzumachen fand sie überflüssig. Aber ihre Mitstreiterinnen ließen nicht nach: Immerhin würden Hunderte internationale Reporter auf sie warten! Bilder seien wichtig! Tichanowskaja gab nach.

Früher war sie mit den Kindern meist allein in ihrer Dreizimmerwohnung in der belarussischen Hauptstadt Minsk und wartete, dass ihr Mann am Wochenende nach Hause kommen würde. Heute leitet sie in der litauischen Hauptstadt Vilnius in einem modernen Bürokomplex ihren Stab mit etwa 20 Leuten, der die gesamte Etage einnimmt. Hier ist jetzt ihre Schaltzentrale, von der aus sie ihre Botschaften an die Welt sendet: dass sie die gewählte Anführerin eines freien Belarus ist; dass die Europäische Union mehr tun muss gegen ihren Gegner, den belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko; dass die Belarussen und Belarussinnen Hilfe brauchen, weil sie es angesichts der staatlichen Repressionen und der Gewalt allein nicht schaffen.

 

Siebter Stock des Bürokomplexes, in dem Swetlana Tichanowskajas Stab untergebracht ist. Hinter der Eingangstür sitzt ein breitschultriger Wachmann. Er schaut kurz hoch und lässt mich ohne Reaktion passieren. Der Flur teilt sich, ein Gang führt nach links, einer nach rechts. Im rechten Gang laufen Studenten und Studentinnen aus Belarus mit Kaffeebechern in der Hand. Hier im Exil arbeiten sie an einer demokratischen Zukunft daheim, recherchieren, betreiben Blogs, Youtube-Sendungen und halten Kontakte nach Belarus.

Links liegt der Trakt des Stabes. In diesen Teil der Büro-Etage dürfen nur Swetlana Tichanowskaja und ihr Team. Als Erstes kommt ihr schlichtes Büro, das an diesem Samstag abgeschlossen ist. Dann folgt ein großer offener Raum mit langen Tischreihen, der an einen Seminarraum erinnert – hier arbeitet das Team. Dahinter öffnet sich eine Küche mit Espressomaschine und Pizzakartons, die sich in der Ecke stapeln. Und dann noch ein mit Glaswänden abgetrennter Raum mit Kamera-Ausrüstung und weiß-rot-weißer Fahne, als Hintergrund für Interviews und Online-Schalten.

Swetlana Tichanowskaja hat jetzt einen Berater für internationale Beziehungen, eine Expertin für Kommunikation, die in mehreren Sprachen die Twitter- und Telegramkanäle bespielt, und eine potenzielle Ministerin für Bildungspolitik. Es gibt einen Beauftragten für die künftige Verfassungsreform und einen für die Außenpolitik. Letzterer heißt Valerij Kowalewskij, hat früher als Diplomat für Alexander Lukaschenko gearbeitet, vor 15 Jahren ernüchtert ob Lukaschenkos wiederholter Wahlfälschungen den Machtapparat verlassen und sich im Dezember 2020 Swetlana Tichanowskajas Team angeschlossen. „Meine Anführerin ist Swetlana Tichanowskaja. Ich habe für sie gestimmt“, sagt er. Es ist eine Art Schattenkabinett, auch wenn Tichanowskaja es nicht so nennt. Es bereitet sich auf die Stunde null vor: darauf, dass Alexander Lukaschenko abtritt und es endlich faire Wahlen gibt in Belarus. „Irgendwann wird ein neuer Präsident kommen. Wir wissen nicht, was Lukaschenko hinterlässt. Vielleicht bleibt da nur verbrannte Erde. Vielleicht wird man mit allem ganz von vorn anfangen müssen“, sagt Swetlana Tichanowskaja. Darauf wolle sie ihr Land nun vorbereiten.

An diesem Februarsamstag, während ihre Mutter auf die Kinder aufpasst, wird sich Swetlana Tichanowskaja noch häufiger umziehen, ausgeleuchtet werden und mit ernsthaftem Blick für die Kamera posieren. Professionelles Fotoshooting für ihre Homepage und die sozialen Medien. Sie verschwindet wieder nach nebenan, wo der Fotograf auf sie wartet. Zurück bleibt ihre Pressefrau Anna Krasulina, die vor Freude strahlt: „Toll, oder? Dort der fürchterliche Lukaschenko und hier unsere schöne Anführerin!“

Wie der Plot einer Netflixserie

Wie im Zeitraffer und unter brutal schwierigen Bedingungen vollzieht sich die Metamorphose einer vormals unpolitischen Frau zu einer Politikerin. Angela Merkel galt mal als „Kohls Mädchen“, als unbedarft und überfordert, bis sie schließlich zu einer der mächtigsten Frauen der Welt wurde. Doch wofür Merkel viele Jahre Zeit hatte, muss die Belarussin Swetlana Tichanowskaja binnen weniger Monate schaffen. Während sie sich wandelt, während sie mit ihrer neuen Rolle hadert, sieht sie täglich, wie hoch der Preis ist, den Belarussinnen und Belarussen in der Heimat zahlen: Sie werden eingesperrt, gedemütigt, geschlagen. Und jeder Belarusse, jede Belarussin kann wiederum in Echtzeit Swetlana Tichanowskaja dabei zuschauen, wie sie lernt, wie sie sich verändert und, ja, auch wie sie Fehler macht.

Müsste man einem Menschen, der das Jahr 2020 dornröschenhaft verschlafen hat, erklären, was in diesem Jahr geschehen ist, man käme aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus. Großbritannien verabschiedete sich aus der Europäischen Union. Eine Pandemie lähmte die ganze Welt. Donald Trump suchte sich nach seiner Wahlniederlage an die Macht zurückzuputschen. Doch die unglaublichste Geschichte spielte sich mitten in Europa ab, gerade mal anderthalb Flugstunden von Berlin entfernt: in Belarus. Ein Land mit 9,3 Millionen Einwohnern, gelegen zwischen der EU, der Ukraine und Russland, seit 26 Jahren von einem Diktator beherrscht.

Was 2020 in Belarus geschehen ist, klingt, als hätte sich ein überambitionierter Drehbuchschreiber eine Politserie für Netflix ausgedacht und es zu gut gemeint mit den unerwarteten Wendungen: Ein Blogger will Alexander Lukaschenko herausfordern und Präsident von Belarus werden. Doch noch bevor er als Kandidat zugelassen wird, lässt Lukaschenko ihn einsperren. Daraufhin erklärt die Frau des Bloggers, Swetlana Tichanowskaja, dass sie anstelle ihres Mannes kandidieren wolle. Sie wird belächelt, denn sie ist nur eine politisch ahnungslose Hausfrau. Und weil sie so harmlos wirkt, lässt die Wahlbehörde sie tatsächlich für die Präsidentschaftswahl zu.

Swetlana Tichanowskaja ist überfordert, doch sie bekommt Hilfe von zwei Verbündeten: der IT-Managerin Veronika Zepkalo, deren Mann Valerij ebenfalls kandidieren wollte und nicht zugelassen wurde. Und der Musikerin Maria Kolesnikowa: Auch ihr Freund Viktor Babariko wollte gegen Lukaschenko antreten und wurde dafür zusammen mit seinem Sohn verhaftet. Die Frauen ziehen gemeinsam durch belarussische Städte, sprechen auf Bühnen zu Zigtausenden und schaffen allen staatlichen Schikanen zum Trotz ein Wunder: Nie zuvor kamen in der jungen Geschichte des Landes so viele Menschen in den unterschiedlichsten Regionen zusammen. Menschen, die alle für Swetlana Tichanowskaja sind. Oder, genau genommen: Sie sind gegen den Diktator Alexander Lukaschenko. Swetlana Tichanowskaja ist lediglich das Versprechen auf eine Alternative. Mit ihr wird die Chance auf Wandel für sehr viele Menschen überhaupt erst denkbar, dann greifbar.

Doch am 9. August 2020, dem Wahltag, veranlasst Lukaschenko die dreisteste Wahlfälschung in der Geschichte des Landes. Bis auf seine Wahl 1994 hatte er jede Wiederwahl gefälscht, damit es aussah, als würde so gut wie das ganze Volk hinter ihm stehen. Aber dieses Mal war das Ausmaß der Fälschungen beispiellos. Alexander Lukaschenko ließ sich mit 80,1 Prozent zum Sieger ausrufen – eine schamlose Lüge. Nie da gewesene Proteste begannen.

Einen Tag später, in der Nacht zum 11. August, wurde Swetlana Tichanowskaja gezwungen, Belarus zu verlassen. Die IT-Managerin Veronika Zepkalo war schon am Tag der Wahl zu ihrer Familie nach Moskau gereist und stimmte dort in der Botschaft ab. Die Musikerin Maria Kolesnikowa beschloss zu bleiben – koste es, was es wolle. Seit dem 8. September 2020 sitzt sie im Gefängnis. Ihr drohen bis zu zwölf Jahre Haft.

Hier würde eine Netflixserie üblicherweise enden, Fortsetzung nicht vorgesehen. Die drei Frauen – sind besiegt. Sie sitzen im Knast oder leben in der Verbannung. Es ist vorbei. Kein Happy End.

Doch die Geschichte geht weiter. Sie erzählt vom Aufbruch, von der Sehnsucht nach einer ganz gewöhnlichen Zukunft und von der weiblichen Selbstermächtigung. Und sie hat jetzt schon Belarus verändert. Drei Frauen haben etwas losgetreten, das sich selbst mit brutalster Staatsgewalt nicht wieder einfangen lässt. Belarus wird nie mehr sein wie früher, und die Leben der drei Frauen auch nicht. Swetlana Tichanowskaja kämpft im Exil. Es ist ein doppelter Kampf, den sie führt: ein Kampf um die Zukunft ihres Landes und ein Kampf mit sich selbst, bei dem es darum geht, wer sie sein will. Die IT-Managerin Veronika Zepkalo lebt mit ihrer Familie im lettischen Riga und harrt der Rückkehr nach Belarus. Und Maria Kolesnikowa schreibt am 17. September 2020 ihren ersten Brief aus dem Gefängnis an ihren Vater.

Hallo,

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie mich dieses Gefühl der Ungerechtigkeit und der Hilflosigkeit gestärkt hat, als sie mich gegen meinen Willen aus dem Land bringen wollten. Vor allem, wenn man berücksichtigt, vor was für eine Entscheidung mich der erste Stellvertreter des Innenministers gestellt hat: 25 Jahre Zone (Lager) zahnlos Hemden nähen für die Sicherheitsleute oder eben ausreisen. Ich habe mich entschieden, zu bleiben. Keine Minute bereue ich meine Entscheidung! Die Freiheit ist es wert, um sie zu kämpfen. Alles wird gut! Ihr seid unglaublich!

Eure Mascha

Untersuchungsgefängnis Nummer 8, Schodino

 

Was für Aussichten: Hemden nähen im Akkord für Lukaschenkos Handlanger, eine typische Tätigkeit für Insassinnen eines belarussischen Straflagers. Maria Kolesnikowa hat ihre Entscheidung getroffen.

2. Vor dem Sturm
Ein Politiker des Gestern

Wann hat das alles angefangen? Wann bekam das System, das unzerstörbar wirkte, die ersten feinen Risse? Die Hauptstadt Minsk wirkt wie eine Kulisse eines längst vergangenen Sozialismus. Die Straßen sind nach Lenin, Dserschinskij und anderen sowjetischen Henkern benannt. Wuchtige Magistralen fressen sich durch die Stadt und führen an überdimensionierten Plätzen vorbei, groß und oft leer, sodass der Mensch nicht anders kann, als sich klein und nichtig zu fühlen. Sauber ist es, sehr sogar – es ist diese Art von Sauberkeit, die autokratischen Ländern oft eigen ist und bei Besuchern Eindruck schindet. Alles ist in schönste Ordnung gebracht, die Straßen sind sorgfältig gefegt, die Wände frei von Graffitis – und taucht doch mal eine Schmiererei auf, wird sie sogleich übermalt.

Üppige Fassaden aus der Stalin-Zeit säumen das Zentrum, an jeder Straßenecke gibt einem die Hammer-und-Sichel-Symbolik das Gefühl, die Sowjetunion habe hier überlebt. Und an den Rändern von Minsk stehen graue Platten in Reih und Glied, als hätte sie Leonid Breschnew eben erst fertigstellen lassen. Selbst der Geheimdienst heißt in sowjetischer Manier noch heute KGB.

Beherrscht wird die Kulisse von einem einzigen Mann. Er hasst das Internet, sieht aus wie gerade dem Politbüro entsprungen und lässt alljährlich das Jubiläum der bolschewistischen Oktoberrevolution feiern. Auf Alexander Lukaschenko ist alles ausgerichtet: die Regierung, die Fernsehsender, das Parlament, der Sicherheitsapparat, das Militär. Seit fast 27 Jahren schon. Der belarussische Publizist Anatolij Majsenja nannte Lukaschenkos System nur zwei Jahre nach dessen Wahl 1994 „einen politischen Albtraum, geschaffen aus der Vergangenheit“.

Es ist schwer, Alexander Lukaschenko politisch zu verorten. Er ist ein Politiker des Gestern. Er war für den Erhalt der Sowjetunion, hat nur kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten 1994 die sowjetischen Symbole zurückgebracht und überhöht Stalin trotz des unvorstellbaren Leids, das dieser über Belarus gebracht hat. Doch ein Kommunist ist Alexander Lukaschenko nicht. „Er hat keine konkreten sozialen Ideen, keine Ideologie, die ein Ziel oder ein Modell für die Umgestaltung der Gesellschaft formulieren würde“, schreibt der belarussische Politikwissenschaftler Valerij Karbalewitsch in einer Biografie über Alexander Lukaschenko. Lukaschenkos Ideologie heißt Macht. Er verstehe sie nicht als Mittel, sondern als Ziel in sich, als Selbstvergewisserung seiner selbst. Ich herrsche, also bin ich. „Ein Leben ohne Macht ist für Lukaschenko unvorstellbar. Es verliert jeden Sinn“, schreibt Karbalewitsch.

Vor über zehn Jahren erschien auf Russisch seine viel beachtete Lukaschenko-Biografie, die ein nicht gerade schmeichelhaftes Bild von Lukaschenko zeichnet. Karbalewitsch beschreibt ihn als einen unsteten, komplexbeladenen Menschen, der durch einen unersättlichen Machthunger getrieben ist. Ein Machtfanatiker. Lukaschenko weise gewisse pathologische Charakterzüge auf, stellte Karbalewitsch schon damals fest. Er sei zu allem bereit, wenn es seiner Macht diene.

Nach so einer Veröffentlichung wähnte ich Valerij Karbalewitsch im Ausland, doch er lebt noch immer in Belarus und lacht höflich über die Frage, wie es möglich sei, dass er in Minsk unbescholten seiner Arbeit nachgehe. „Lukaschenko ist nicht wichtig, was über ihn geschrieben wird, sondern dass über ihn geschrieben wird. Als ich in Moskau war, stand mein Buch über ihn in den Läden in einer Reihe mit den Biografien über Thatcher und de Gaulle. Das schmeichelt ihm.“

Alexander Lukaschenko hat es viele Jahre lang vermocht, gesellschaftliche Stimmungen zu erahnen und den richtigen Ton zu finden, wenn er zum Volk sprach. Als er sich 1994 zur Präsidentschaftswahl aufstellen ließ, gewann er, weil er den Korruptionsbekämpfer gab, Reformen und ein besseres Leben versprach. Kaum war er an der Macht, erfand er sich neu: als Garant für Stabilität, für Frieden und Ruhe in Belarus.

Er verbesserte die Lebensbedingungen, die Gehälter stiegen, die hohe Inflation ging zurück, die Wirtschaftsleistung nahm zu. Aber er scheute echte Reformen. Weder modernisierte er die staatlichen Industrien und sorgte dafür, dass die Betriebe global konkurrenzfähig werden, noch schuf er bessere Bedingungen für Unternehmer und Selbstständige. Er konservierte das alte System. „Lukaschenko kann seiner Natur nach kein Reformer sein“, sagt Karbalewitsch. Er sei kein Mann der Zukunft. Schon vor über einem Jahrzehnt schrieb der Politologe, dass es für Alexander Lukaschenko unmöglich geworden sei, je abzutreten. Das System, das er erschaffen hat, ist in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen ganz und gar auf ihn ausgerichtet: Alexander Lukaschenko ist das System geworden, das sich keinerlei Veränderungen erlauben darf. Denn Veränderungen könnten den Zusammenbruch bedeuten.

Doch wie konnte in einem Land, in dem das Gestern über das Heute regiert, der kühne Glaube aufgehen, dass es gar so etwas wie eine Zukunft, ein anderes Leben geben könnte?

Als ich nach dem Anfang dieser unglaublichen Geschichte suche, stelle ich fest: Es gibt ihn nicht, diesen einen entscheidenden Moment, der alles auf den Kopf stellt, den ultimativen Wendepunkt. Die Veränderung hat sich angeschlichen. Es sind viele individuelle Erlebnisse, die am Ende zu einem Ausbruch führen – oder besser: einem Aufbruch.

Manche spürten die Veränderung schon im März 2006, als Alexander Lukaschenko die Präsidentschaftswahl fälschen ließ – damals hatte auch Swetlana Tichanowskajas außenpolitischer Berater den Staatsapparat verlassen. Für manche kündigte sie sich im Dezember 2010 an, als Lukaschenko wieder die Wahl fälschte und sein Apparat die Opposition mit bis dahin beispiellosen Repressionen und hohen Haftstrafen büßen ließ. Für wieder andere trat der Wendepunkt 2017 ein, als Alexander Lukaschenko die berüchtigten Forderungsschreiben der Behörden an jene verschicken ließ, die nicht genug Steuern zahlten.

Lukaschenkos Dekret Nummer 3 zur „Vorbeugung von sozialem Schmarotzertum“ bestrafte alle, die keine Steuern zahlten oder nicht genug, weil sie zu wenig verdienten – also Arbeitslose, Künstler, Blogger, Freischaffende, Beschäftigte in Teilzeit. Mit einem Schlag demütigte Lukaschenko Zigtausende Menschen. Online verabredeten sich in ganz Belarus Hunderte Menschen zu Protesten, wenn einer dieser „Glücksbriefe“, wie die Betroffenen die Schreiben nannten, ins Haus geflattert kam.

Das Ende der Apathie

Für Swetlana Tichanowskaja begann die persönliche Wende erst im Mai 2020 mit den Repressionen gegen Manager, Geschäftsleute und Blogger, die Alexander Lukaschenko bei der Präsidentschaftswahl herausfordern wollten, als auch ihr Mann Sergej festgenommen wurde. Tichanowskaja suchte die Politik nicht, aber die Politik fand sie. Kurz darauf wurden der angesehene Bankmanager Viktor Babariko und sein Sohn Eduard verhaftet – Babariko war in Belarus bekannt und galt als der aussichtsreichste Kandidat gegen Alexander Lukaschenko, wenn dieser denn eine echte Wahl zugelassen hätte. Wieder andere spürten ihre Abkehr vom Regime erst nach dem Betrug am 9. August 2020, als es mit unvorstellbarer Gewalt jeden Protest zu ersticken suchte und etwas geschah, womit Alexander Lukaschenko nicht gerechnet hatte: So wie es drei Frauen waren, die Lukaschenkos größte politische Krise ausgelöst hatten, waren es nun die Frauen, die sich gegen die Gewalt des Regimes erhoben. Ihre Gesichter sollten die Bilder der Proteste prägen.

Geschwelt hatte die Unzufriedenheit mit Alexander Lukaschenko schon lange. Der Staat brach immer häufiger den ungeschriebenen Vertrag, der in den Neunzigerjahren zwischen Herrscher und Volk geschlossen worden war: Die Regierung garantierte soziale Absicherungen wie in der Sowjetzeit, politische Stabilität und einen minimalen Wohlstand. Lukaschenko versprach wieder und wieder ein Einkommen von 500 Dollar im Monat – eine für ihn „heilige“ Zahl. Im Gegenzug verlangte er, dass die Bürger erst gar nicht auf die Idee kamen, an der Politik teilzuhaben. Ihre Aufgabe: den Status quo mitzutragen. Oder wenigstens zu
ertragen.

Doch seit der Wirtschaftskrise vor etwa zehn Jahren verstärkte sich der Frust über das Leben im eigenen Land, das so viele Zumutungen und so wenige Versprechungen bereithielt. Die Wirtschaft stagnierte, die Staatsbetriebe erwiesen sich oft als nicht rentabel, die Einkommen sanken, die staatlichen Gängelungen nahmen zu. In den Küchen der grauen Wohnwaben, dort, wo schon in der Sowjetunion hinter verschlossenen Türen über Politik diskutiert und über Despoten gelästert wurde, gedieh mit den Jahren offenbar die stille Verzweiflung darüber, wie allein der Mensch in seiner Not ist und wie satt er es hat, vom Staat verhöhnt zu werden.

Alles hätte dennoch die nächsten Jahre weiter vor sich hin gären können. Jahre, in denen sich die stille Mehrheit im Land irgendwie arrangiert hätte mit den alltäglichen Zumutungen, weiterhin weggesehen hätte aus Furcht vor Repressionen, den Ungewissheiten, die auf Veränderungen folgen, oder schlichtweg aus Gleichgültigkeit. Denn Belarus ist eben nicht Nordkorea, innerhalb des Systems gab es immer schon begrenzte Freiheiten, solange man sich aus der Politik heraushielt.

„Ich war unpolitisch wie 90 Prozent der Belarussen. Bei uns herrschte die Haltung vor: Was kannst du schon ausrichten?“, sagt Swetlana Tichanowskaja. Sie erinnert sich sehr gut, wie sie sich in dieser Gleichgültigkeit eingerichtet hatte. „Die Leute haben in ihren kleinen Familien gelebt, in denen alles gut war. Und wenn sie rausgingen, dann verschlossen sie vor vielem die Augen“, erzählt sie. „So konnte man leben. Es ist einfacher, bestimme Dinge nicht wahrzunehmen.“

Wer es nicht länger aushielt, der reiste eben aus, nach Russland, in die Ukraine, nach Polen oder Litauen. Diktaturen leben von der Angst. Sie bläuen dem Menschen von klein auf ein, den Kopf gesenkt zu halten, duldsam und dankbar zu sein. Sie machen aus schönen Menschen geduckte, die durchs Leben eilen. Jede Diktatur funktioniere so, dass einer Angst macht und andere Angst haben, schrieb die deutsche Literaturnobelpreisträgerin Hertha Müller, die Jahrzehnte in der rumänischen Diktatur überlebte. Die Diktatur lässt den Menschen denken, sein Nachbar könnte ein potenzieller Feind sein; dass er nicht nach rechts und nicht nach links schauen darf, sondern am besten mit zusammengekniffenen Augen stur geradeaus blickt, so ist es am sichersten; dass er sich nicht interessiert für das, was um ihn herum geschieht, sondern nur für die eigene, abgeschirmte kleine Welt. Und selbst in diese dringt die Angst ein.

Der Mensch gewöhnt sich an die Angst, aber er vergisst sie nie ganz. Er lernt, mit ihr einzuschlafen und aufzuwachen, aber sie bleibt das Hintergrundrauschen seines Lebens. In Belarus hat bis zum Sommer 2020 eine stabile Mehrheit ihr Leben in Apathie gelebt – seltsam unberührt von dem, was in ihrem Land vor sich ging, das Hintergrundrauschen immer leicht hörbar.

Eines der vielen Stereotype über Belarus lautet, dass die Belarussen friedfertig und duldsam seien, viel weniger kämpferisch und aufrührerisch als ihre ukrainischen oder polnischen Nachbarn. Es gibt sogar ein Wort im Belarussischen, das sich schwerlich ins Deutsche übersetzen lässt, aber oft benutzt wird, um diese merkwürdige Schicksalsergebenheit zu fassen: pamjarkounasz. Der belarussische Autor Anton Somin erzählt einen Witz, um Fremden die Bedeutung des Wortes begreiflich zu machen: „Im Rahmen eines wissenschaftlichen Experiments wird in einen abgedunkelten Raum ein Stuhl gestellt, dessen Sitzfläche von einem Nagel durchbohrt ist. Ein Russe setzt sich darauf, springt sofort auf, fängt an zu fluchen und zerbricht den Stuhl im Zorn. Ein Ukrainer setzt sich darauf, springt sofort auf, zieht den Nagel aus dem Stuhl, versteckt ihn in der Hosentasche und murmelt: ›Den kann ich noch mal brauchen.‹ Der Belarusse setzt sich auf den Stuhl, rutscht hin und her und sagt nachdenklich: ›Muss wohl so sein.‹“

Die belarussische Gesellschaft, will der Witz sagen, ist es ge-
wohnt, viel hinzunehmen. Aber als die Corona-Pandemie das Land erreicht, ist sie nicht mehr bereit, die Zumutungen weiter zu ertragen.

Die Pandemie und die Frauen

Warum jetzt? Warum nicht früher? Warum nicht 2006, warum nicht 2010 oder 2015?

Oleg Aizberg ist ein bekannter Psychiater, der in Minsk seine Praxis betreibt. Er sieht an seinen Patienten, welche Folgen die Corona-Pandemie für das Land und seine Menschen hat. Die psychischen Erkrankungen nehmen zu, die Angststörungen, die Depressionen, der Alkoholismus. Die Folgen der Pandemie ähnelten sich überall auf der Welt, sagt Aizberg, als wir im Januar 2021 sprechen. „Der Unterschied zu uns in Belarus ist, dass die Machthaber uns immer gesagt hatten, es gebe gar kein Problem. Und plötzlich sahen alle, dass es doch sehr schlimm steht.“

Die Frage, warum die Belarussen ausgerechnet jetzt genug hatten von Alexander Lukaschenko, lässt Aizberg eine Weile überlegen. Politik, antwortet er dann, habe bis zur Pandemie keine Rolle im Leben der meisten Menschen gespielt. Man wusste, dass es Repressionen gibt und Menschen für sprichwörtlich nichts im Gefängnis landen. Für die Mehrheit im Land schien diese Ungerechtigkeit aber weit weg. Es traf immer die anderen, die Haudegen der alten liberalen Opposition. Nie einen selbst. Swetlana Tichanowskaja kannte nicht mal die Namen der Oppositionspolitiker, die bei den Wahlen der vergangenen Jahre verhaftet worden waren und teils Jahre im Gefängnis einsaßen. Sie wusste nichts über Politik. Bis sie durch die Verhaftung ihres Mannes plötzlich selbst betroffen war.

„Wir nennen das ›moralische Distanz‹“, sagt Aizberg. Was zeitlich und räumlich weit weg scheint, entbindet von dem Gefühl, handeln zu müssen. Das Corona-Virus aber, meint Aizberg, rückte plötzlich alles ganz nah heran an die Menschen. Das Virus konnte jeden und jede treffen. Ganz gleich, ob Lukaschenko treu ergeben oder oppositionell, ob Staatsbediensteter, Ärztin, Verkäuferin oder Soldat. So gut wie jeder kannte jemanden, der erkrankt war, schwer an Covid-19 litt oder gar an dem Virus gestorben war. „Hinzu kam die dreiste Lüge, alles sei in bester Ordnung“, sagt Aizberg.

Fragt man das Frauentrio Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo, was die Pandemie für das Schicksal Lukaschenkos bedeutet, geben sie fast identische Antworten. „Die Menschen waren erschöpft davon, wie unfähig Lukaschenko mit der Pandemie umging“, sagt Maria Kolesnikowa, als sie noch in Freiheit war. „Die Respektlosigkeit und Verachtung des Regimes gegenüber den Menschen waren abstoßend“, sagt Swetlana Tichanowskaja. „Lukaschenkos Worte waren der letzte Tropfen, der das Fass vor den Protesten zum Überlaufen brachte“, sagt Veronika Zepkalo. „Lukaschenkos Respektlosigkeit war nicht länger auszuhalten. Als wir sahen, dass uns der Staat nicht hilft, hat es uns gereicht.“

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