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Der Mann ohne GesichtDer Mann ohne Gesicht

Der Mann ohne Gesicht

Wladimir Putin - Eine Enthüllung

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Der Mann ohne Gesicht — Inhalt

Wladimir Putin hat mit Hilfe einer kleinen, aber mächtigen Gruppe des russischen Geheimdienstes KGB, alten kommunistischen Potentaten und neureichen Oligarchen eines der größten Länder der Erde in eine Diktatur zurückverwandelt. Masha Gessen entlarvt den unscheinbaren Mann ohne Gesicht als das, was er wirklich ist: ein skrupelloser Machthaber, umgeben von Korruption und Terror.

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 13.08.2013
Übersetzt von: Henning Dedekind, Norbert Juraschitz
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30279-1
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 04.03.2012
Übersetzt von: Henning Dedekind, Norbert Juraschitz
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95654-3

Leseprobe zu »Der Mann ohne Gesicht«

Prolog

 

Ich erwachte, weil mich jemand rüttelte. Kates Gesicht wirkte entsetzt. »Im Radio bringen sie etwas über Galina«, sagte sie halb flüsternd. »Und über eine Schusswaffe. Ich glaube … ich verstehe das nicht.«
Ich stand auf und taumelte in die winzige Küche, wo Kate das Frühstück zubereitet und dabei Echo Moskwy gehört hatte, den besten Talkradio- und Nachrichtensender des Landes.
Es war an einem für Moskauer Verhältnisse ungewöhnlich hellen und klaren Samstagmorgen im November. Ich machte mir keine großen Sorgen: Aus einem unerfindlichen Grund [...]

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Prolog

 

Ich erwachte, weil mich jemand rüttelte. Kates Gesicht wirkte entsetzt. »Im Radio bringen sie etwas über Galina«, sagte sie halb flüsternd. »Und über eine Schusswaffe. Ich glaube … ich verstehe das nicht.«
Ich stand auf und taumelte in die winzige Küche, wo Kate das Frühstück zubereitet und dabei Echo Moskwy gehört hatte, den besten Talkradio- und Nachrichtensender des Landes.
Es war an einem für Moskauer Verhältnisse ungewöhnlich hellen und klaren Samstagmorgen im November. Ich machte mir keine großen Sorgen: Aus einem unerfindlichen Grund berührte mich Kates Angst nicht. Was immer sie gehört oder mit ihrem dürftigen Russisch missverstanden hatte, konnte der Beginn einer weiteren spannenden Geschichte sein. Als Chefkorrespondentin des führenden russischen Nachrichtenmagazins Itogi glaubte ich, einen rechtmäßigen Anspruch auf alle großen Geschichten zu haben. Und es gab jede Menge solcher Geschichten. In einem Land, das sich gerade wieder neu erfand, waren jede Stadt, jede Familie und jede Institution gewissermaßen unerforschtes Gebiet. Seit Beginn der Neunzigerjahre waren praktisch alle Stories, die ich schrieb, Geschichten, die vor mir noch niemand erzählt hatte. Ich verbrachte die Hälfte meiner Zeit außerhalb Moskaus, reiste in Konfliktgebiete, besuchte Goldminen, Waisenhäuser und Universitäten, verlassene Dörfer und aufblühende Ölstädte. Über all das schrieb ich Reportagen. Die Zeitschrift, die demselben Magnaten und Finanzier gehörte wie Echo Moskwy, belohnte mich dafür, indem sie meine extravagante Reiseaktivität niemals infrage stellte und meine Geschichten regelmäßig auf der Titelseite brachte.
Mit anderen Worten: Ich gehörte zu den jungen Leuten, die in den Neunzigern alles erreicht hatten. Viele jüngere und ältere Menschen hatten in den Jahren des Umbruchs viel verloren. Der älteren Generation hatten die Hyperinflation ihre Ersparnisse und die Zerschlagung sämtlicher Sowjet-Einrichtungen ihre Identität genommen. Die jüngere Generation wuchs auf im Schatten der Angst und häufig auch des Versagens ihrer Eltern. Ich hingegen war 24 Jahre alt, als die Sowjetunion zusammenbrach. Meine Altersgenossen und ich hatten die Neunziger für unseren beruflichen Erfolg genutzt und dabei die Strukturen und Institutionen einer neuen Gesellschaft erfunden. Zumindest dachten wir das. Selbst als Gewaltverbrechen in Russland zur Epidemie zu werden drohten, fühlten wir uns noch sicher. Wir beobachteten das organisierte Verbrechen und schrieben gelegentlich auch darüber, ohne jemals auf den Gedanken zu kommen, dass die Kriminalität Einfluss auf unsere eigene Existenz bekommen könnte. Darüber hinaus war ich überzeugt, dass alles nur besser werden könnte. Vor Kurzem hatte ich eine heruntergekommene, ehemals kommunale Wohnung direkt im Herzen Moskaus gekauft, die ich nun renovierte. Bald wollte ich aus dem Apartment ausziehen, das ich mit Kate bewohnte, einer britischen Journalistin, die für die Publikation einer Ölfirma arbeitete. Ich malte mir aus, in der neuen Wohnung eine Familie zu gründen. Genau an jenem Samstag hatte ich eine Verabredung mit dem Bauunternehmer, um die Ausstattung des Badezimmers auszusuchen.
Kate deutete auf den Ghettoblaster, als verströme er giftige Gase, und sah mich fragend an. Galina Starowoitowa, deren Namen der Nachrichtensprecher ständig wiederholte, war Mitglied des Unterhauses im Parlament, eine von Russlands bekanntesten Politikerinnen und eine Freundin. Ich will sie hier kurz vorstellen:
Als die russische Großmacht Ende der Achtziger vor dem Zusammenbruch stand, wurde aus der Ethnografin Starowoitowa eine pro-demokratische Aktivistin und eine äußerst prominente Fürsprecherin der Menschen von Berg-Karabach, einer armenischen Enklave in Aserbeidschan, in der nun einer der ersten ethnischen Konflikte ausgebrochen war, die mit der Auflösung des Ostblocks einhergingen. Wie viele Akademiker, die politisch aktiv wurden, stand sie anscheinend von Anfang an im Licht der Öffentlichkeit. Zwar hatte sie seit ihrer Kindheit in Leningrad gelebt, doch nominierten die Armenier sie als Repräsentantin für den ersten quasi-demokratisch gewählten Obersten Sowjet. Im Jahre 1989 wurde sie mit überwältigender Mehrheit ins Amt gewählt. Im Obersten Sowjet wurde sie Leiterin der Interregionalen Gruppe, einer pro-demokratischen Minderheitenfraktion, zu deren Führung auch Andrej Sacharow und Boris Jelzin gehörten. Als Jelzin 1990 zum russischen Präsidenten gewählt wurde – damals ein Amt von vorrangig repräsentativer und gesellschaftlicher Bedeutung –, wurde Galina seine engste Beraterin, die er offiziell in ethnischen Fragen und inoffiziell in allen möglichen anderen Belangen konsultierte, darunter auch bei Regierungsbildungen. Im Jahre 1992 überlegte Jelzin sogar, Galina mit dem Amt des Verteidigungsministers zu betrauen. Die Ernennung eines Zivilisten, einer Frau, deren Weltanschauung an Pazifismus grenzte, wäre eine große Geste im klassischen Jelzin-Stil der frühen Neunziger gewesen, eine Botschaft, dass in Russland und vielleicht auch in der Welt nichts so bleiben würde, wie es einmal war.
Dass nichts so bleiben sollte, wie es war, bildete den Kern von Galinas Agenda, die selbst nach den Maßstäben prodemokratischer Aktivisten zu Beginn der Neunziger radikal war. Sie gehörte zu einer kleinen Gruppe von Rechtsanwälten und Politikern, und diese Aktivisten versuchten vergeblich, die Kommunistische Partei der UdSSR anzuklagen. So verfasste sie einen Gesetzesentwurf zur lustrasija, zur Lustration1 – einem Konzept, das nach dem altgriechischen Wort für »Reinigung« benannt war. In den ehemaligen Ostblockstaaten bezeichnete der Begriff damals den Prozess, durch welchen ehemalige Funktionäre der Partei und der Geheimdienste aus öffentlichen Ämtern verbannt wurden. Im Jahre 1992 erfuhr Galina, dass der KGB erneut eine interne Parteiorganisation aufgebaut hatte2 – ein unmittelbarer Verstoß gegen das Dekret Jelzins zum Verbot der KPdSU, das dieser nach dem gescheiterten Putsch im August 1991 erlassen hatte.3 Als sie bei einer öffentlichen Versammlung im Juli 1992 Jelzin mit dieser Tatsache konfrontierte, kanzelte er sie rüde ab und signalisierte dadurch sowohl das Ende ihrer Karriere in seiner Regierung als auch seine eigene zunehmend versöhnliche Haltung gegenüber den Geheimdiensten und den vielen Altkommunisten, die an der Macht oder ihr zumindest nahe geblieben waren.
Von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen, machte sich Galina für das Lustrationsgesetz stark. Als sie damit keinen Erfolg hatte, kehrte sie der Politik ganz den Rücken und siedelte in die Vereinigten Staaten über, wo sie zunächst am Friedensinstitut in Washington tätig war und später an der Brown University lehrte.

 

Als ich Galina zum ersten Mal traf, konnte ich sie gar nicht sehen: Sie war in einem Meer von Hunderttausenden Menschen verborgen, die am 28. März 1991 zum Majakowski-Platz in Moskau geströmt waren, um an einer Kundgebung für Jelzin teilzunehmen, der kurz davor vom sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow öffentlich kritisiert worden war. Zudem hatte Gorbatschow im selben Monat ein Dekret erlassen, das alle Proteste in der Stadt untersagte.4 An jenem Morgen rollten Panzer in die Stadt und positionierten sich so, dass die Menschen zu der verbotenen pro-demokratischen Kundgebung kaum noch durchkamen. Im Gegenzug teilten die Organisatoren ihre Kundgebung in zwei Veranstaltungen auf, um den Menschen zu ermöglichen, wenigstens einen der beiden Orte zu erreichen. Es war mein erster Besuch in Moskau, nachdem ich zehn Jahre als Emigrantin in den USA gelebt hatte. Zufällig hielt ich mich in der Wohnung meiner Großmutter in der Nähe des Majakowski-Platzes auf. Ich stellte fest, dass die Hauptstraße, die Twerskaja, blockiert war, also nahm ich einen Schleichweg durch einige Hinterhöfe. Als ich schließlich einen Torbogen durchschritt, fand ich mich mitten im Getümmel wieder. Ich konnte nichts sehen außer den Hinterköpfen der Menschen und unzähligen, fast identischen grauen und schwarzen Wollmänteln. Ich konnte jedoch hören, wie eine Frauenstimme über die Menge hinweg schmetterte und von der Unverletzlichkeit des von der Verfassung garantierten Versammlungsrechts sprach. Ich wandte mich an einen Mann, der neben mir stand. In der einen Hand trug er eine gelbe Plastiktüte, an der anderen führte er ein kleines Kind. »Wer spricht da?«, wollte ich wissen. »Starowoitowa«, entgegnete er. In diesem Moment führte die Frau die Menge in einen fünfsilbigen Sprechgesang hinein, der in der ganzen Stadt widerzuhallen schien: »Ros-si-ja! Jel-zin!« Kaum ein halbes Jahr später brach die Sowjetunion auseinander, und Jelzin wurde zum Staatsoberhaupt eines neuen, demokratischen Russland gewählt. Dass dies unvermeidlich war, wurde vielen Menschen, darunter auch mir, an jenem Tag im März bewusst, als die Bürger Moskaus gegen die kommunistische Regierung und ihre Panzer aufbegehrten und darauf beharrten, auf einem öffentlichen Platz ihre Meinung frei äußern zu dürfen.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich Galina zum ersten Mal persönlich begegnete, doch wir freundeten uns in dem Jahr miteinander an, als sie an der Brown University unterrichtete – sie war regelmäßig zu Gast im Haus meines Vaters im Großraum Boston. Ich pendelte zwischen den Vereinigten Staaten und Moskau hin und her, und Galina wurde für mich eine Art Mentorin auf dem Gebiet der russischen Politik, wenngleich sie gelegentlich betonte, dass sie sich vollkommen aus der Politik zurückgezogen habe. Diese distanzierte Haltung muss sie im Dezember 1994 abgelegt haben, als Jelzin in der abtrünnigen Republik Tschetschenien eine Militäroffensive startete. Seine damaligen Berater hatten ihm offenbar versichert, dass der Aufstand von der Zentralregierung schnell und schmerzlos niedergeschlagen werden könne. Galina betrachtete den neuen Krieg als die Katastrophe, die er zweifellos war, und als bislang größte Bedrohung der russischen Demokratie. Im Frühjahr war sie im Ural Vorsitzende eines Kongresses mit dem Ziel der Wiedererweckung ihrer Partei Demokratisches Russland, die einst eine der stärksten politischen Kräfte des Landes gewesen war.
Ich berichtete damals für eine führende russische Zeitung über den Kongress, doch auf meiner Reise nach Tscheljabinsk – ein dreistündiger Flug und anschließend eine dreistündige Busfahrt – wurde ich überfallen und ausgeraubt. Als ich kurz vor Mitternacht entnervt und ohne Bargeld endlich in Tscheljabinsk eintraf, lief ich in der Hotellobby Galina über den Weg. Sie hatte gerade einen langen Tag angespannter Gespräche hinter sich. Bevor ich noch etwas sagen konnte, bugsierte sie mich in ihr Zimmer, drückte mir ein Glas Wodka in die Hand und setzte sich an ein gläsernes Kaffeetischchen, um mir ein paar Salamibrote zu machen. Außerdem lieh sie mir das Geld für mein Rückreiseticket nach Moskau.
Galina hegte eindeutig mütterliche Gefühle für mich, war ich doch genauso alt wie ihr Sohn. Dieser war mit seinem Vater nach England gezogen, als seine Mutter eine wichtige politische Rolle zu spielen begann. Die Szene mit den Salamibroten bedeutete jedoch mehr als Gastfreundschaft und Mütterlichkeit: In einem Land, dessen politische Vorbilder vom Kommissar in Lederjacke bis hin zum altersschwachen Apparatschik reichten, wollte Galina einen vollkommen neuen Typus kreieren, eine Politikerin, die auch ein menschliches Antlitz hatte. Bei einer Versammlung russischer Feministinnen schockierte sie das Publikum, als sie ihren Rock hob und ihre Beine entblößte, um zu beweisen, dass sie keine O-Beine hatte, denn ein Politiker hatte sie abfällig als o-beinig bezeichnet. Einem der ersten russischen Hochglanzmagazine gegenüber sprach sie über die Nöte, die jemand, der so stark übergewichtig war wie sie, beim Kauf von Kleidung hatte. Aber von solchen Anekdoten abgesehen verfolgte sie beharrlich und mit aller Kraft ihr legislatives Programm. Ende 1997 versuchte sie abermals, ihren Gesetzesentwurf zur Lustration durchzudrücken – und scheiterte. Im Jahre 1998 stürzte sie sich in eine Untersuchung zur Wahlkampffinanzierung einiger ihrer mächtigsten politischen Feinde, darunter des kommunistischen Sprechers der Duma (die Kommunistische Partei war wieder legal und beim Volk sehr beliebt).5
Ich hatte sie gefragt, warum sie sich dazu entschlossen habe, in die Politik zurückzukehren, obwohl sie doch ganz genau wisse, dass sie nie wieder den Einfluss erlangen werde, den sie einmal gehabt habe. Sie hatte mehrfach versucht, mir zu antworten, und war dabei jedes Mal über ihre eigene Motivation gestolpert. Schließlich rief sie mich aus einem Krankenhaus an, in dem sie sich einer Operation unterziehen wollte: Kurz vor der Anästhesie hatte sie ihre Lebenshaltung gründlich überdacht und schließlich ein Gleichnis gefunden, das ihr gefiel. »Es gibt eine alte griechische Legende über Harpyien«, sagte sie zu mir. »Das sind Schattenwesen, die nur dann lebendig werden können, wenn sie menschliches Blut trinken. Das Leben eines Gelehrten ist ein Schattendasein. Wenn man an der Gestaltung der Zukunft teilhat – und sei es an einem noch so kleinen Teil der Zukunft, denn darum geht es in der Politik –, dann kann so ein Schattenwesen zum richtigen Leben erwachen. Dafür muss man allerdings Blut trinken, und zwar auch das eigene.«

 

Jetzt folgte ich Kates starrem Blick zum Ghettoblaster, der ein bisschen knisterte, als strapazierten ihn die Worte, die aus seinen Lautsprechern drangen. Der Nachrichtensprecher sagte, Galina sei vor einigen Stunden im Treppenhaus ihres Mietshauses in Sankt Petersburg erschossen worden. Am Abend erst war sie mit dem Flugzeug aus Moskau eingetroffen. Sie und ihr Assistent Ruslan Linkow hatten einen kurzen Zwischenstopp im Haus von Galinas Eltern eingelegt, bevor sie zu ihrer Wohnung am Gribojedow-Ufer weitergefahren waren, einer der schönsten Straßen der Stadt. Als sie das Gebäude betraten, war das Treppenhaus unbeleuchtet. Die Schützen, die ihnen dort auflauerten, hatten die Glühbirnen herausgedreht. Trotzdem stiegen sie die Treppen hinauf und sprachen dabei über ein Klageverfahren, das eine nationalistische Partei kürzlich gegen Galina geführt hatte. Dann gab es ein klatschendes Geräusch, und ein Licht blitzte auf. Galina hörte auf zu sprechen. Linkow schrie, »Was macht ihr da?«, und rannte in Richtung des Geräuschs und des Lichts. Er wurde von den ersten beiden Kugeln getroffen.
Ruslan verlor das Bewusstsein, erlangte es aber wohl lange genug wieder, um von seinem Mobiltelefon aus einen Journalisten anzurufen. Dieser Journalist verständigte die Polizei. Jetzt, so erzählte mir die Stimme aus dem Ghettoblaster, war Galina tot, und Ruslan, den ich ebenfalls kannte und schätzte, lag in kritischem Zustand im Krankenhaus.

 

Wäre dieses Buch ein Roman, hätte die Figur, die ich bin, bei der Nachricht vom Tode der Freundin wahrscheinlich alles stehen und liegen gelassen und unverzüglich etwas unternommen – irgendetwas, das den Ereignissen angemessen gewesen wäre. Sie hätte sofort erkannt, dass ihre Welt nie wieder dieselbe sein würde. In Wirklichkeit jedoch erkennen wir nur selten unmittelbar, wenn ein Ereignis unser Leben unwiderruflich verändert, oder wie wir uns verhalten sollen, wenn sich eine Tragödie ereignet. Also ging ich die Ausstattung meines neuen Badezimmers aussuchen. Erst als der Leiter des Bautrupps, der mich begleitete, sagte, »Haben Sie das von Starowoitowa gehört?«, blieb ich auf einmal wie angewurzelt stehen. Ich erinnere mich, dass ich auf meine Stiefel und den Schnee hinabstarrte, der unter den Füßen Tausender künftiger Immobilienbesitzer grau und hart geworden war. »Wir hatten den Auftrag, eine Garage für sie zu bauen«, sagte er. In diesem Augenblick, als ich überlegte, dass meine Freundin diese Garage niemals brauchen würde, wurde mir erst bewusst, wie hilflos, verängstigt und wütend ich eigentlich war. Ich sprang in mein Auto, fuhr zum Bahnhof und reiste nach Sankt Petersburg. Ich wollte eine Geschichte darüber schreiben, was Galina Starowoitowa zugestoßen war.
In den folgenden Jahren verbrachte ich viele Wochen in Sankt Petersburg. Ich war an einer Story dran, die noch niemand erzählt hatte – aber es war eine viel größere Story als alle, die ich bisher geschrieben hatte, größer noch als die über den kaltblütigen Mord an einer der bekanntesten politischen Gestalten des Landes. In Sankt Petersburg, der zweitgrößten Stadt Russlands, fand ich einen Staat im Staate vor. Es war ein Ort, an dem der KGB – die Organisation, gegen welche Starowoitowa ihren wichtigsten und aussichtslosesten Kampf geführt hatte – übermächtig war.
Lokalpolitiker und Journalisten glaubten, dass ihre Telefone und Büros abgehört wurden, und sie hatten zweifellos recht. Es war ein Ort, an dem die Ermordung führender Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft an der Tagesordnung war. Außerdem war es ein Ort, an dem man durch geplatzte Geschäfte leicht hinter Schloss und Riegel geraten konnte. Mit anderen Worten: Die Situation war ungefähr so, wie sich die Lage wenige Jahre später in ganz Russland entwickelte, als jene Leute an die Macht im Staate gelangten, die in den Neunzigern Sankt Petersburg beherrscht hatten.
Ich fand nie heraus, wer den Auftrag zur Ermordung Starowoitowas gegeben hatte (die beiden Männer, die man deswegen Jahre später vor Gericht stellte, waren nur Handlanger). Ich fand auch nie heraus, weshalb sie liquidiert worden war. Doch ich fand heraus, dass in den Neunzigern, als junge Leute wie ich ein neues Leben in einem neuen Land aufbauten, eine Parallelwelt neben der unsrigen existiert hatte. Sankt Petersburg hatte viele Schlüsselmerkmale des Sowjetstaates konserviert und perfektioniert: Es war ein Regierungssystem, das seine Feinde eliminierte – ein paranoides, geschlossenes System, das darauf ausgerichtet war, alles zu kontrollieren und alles zu vernichten, was es nicht kontrollieren konnte. Es war unmöglich zu ergründen, was letztlich der Anlass für die Ermordung Starowoitowas gewesen war, aber sie war als Feindin des Systems ohnehin eine gebrandmarkte Frau, eine Todgeweihte gewesen. Ich war schon in vielen Krisengebieten gewesen und hatte buchstäblich unter Granatbeschuss gearbeitet, doch dies war die erschreckendste Geschichte, die ich jemals schreiben musste. Nie zuvor war ich gezwungen gewesen, eine Wirklichkeit zu beschreiben, die so gefühllos und grausam, so kalt und gnadenlos, so korrupt und ruchlos war.
Nur wenige Jahre später lebte ganz Russland in dieser Wirklichkeit. Wie es dazu kam, ist die Geschichte, die ich in diesem Buch erzählen will.

 

Der Zufallspräsident

 

Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Land, aber niemanden, der es regiert. Dies war das Dilemma, mit dem sich Boris Jelzin und sein engster Kreis 1999 konfrontiert glaubten.
Jelzin war seit langer Zeit schwer krank. Er hatte mehrere Herzinfarkte erlitten und sich kurz nach seiner Wiederwahl im Jahre 1996 einer Operation am offenen Herzen unterziehen müssen. Die meisten glaubten, dass er zu viel trank – in Russland ein weitverbreitetes und nicht zu verbergendes Laster, wenngleich Teile seines nächsten Umfelds darauf beharrten, Jelzins gelegentliche Verhaltensauffälligkeiten und geistige Aussetzer seien keine Folge überhöhten Alkoholkonsums, sondern vielmehr Zeichen seiner körperlichen Gebrechen. Was auch immer der Grund war – jedenfalls hatte Jelzin zum Entsetzen seiner Anhänger und zur Enttäuschung seiner Wähler bei einigen Staatsbesuchen verwirrt gewirkt oder war einfach verschwunden.
Als sich Jelzins Beliebtheit 1999 dem einstelligen Prozentbereich näherte, war er längst nicht mehr der Politiker, der er einst gewesen war. Er bediente sich immer noch vieler Mittel, die ihn groß gemacht hatten, etwa wenn er überraschende politische Ernennungen vornahm oder Phasen strenger Kontrolle mit einem Laissez-faire-Regierungsstil abwechselte und somit seine übermächtige Persönlichkeit strategisch in den Vordergrund stellte – doch ähnelte er mittlerweile einem erblindeten Boxer, der im Ring wahllos um sich schlägt und seine eigentlichen Ziele verfehlt.
In der zweiten Hälfte seiner zweiten Amtszeit krempelte Jelzin seine Regierung mehrfach überstürzt um. Er feuerte einen Ministerpräsidenten, der seit sechs Jahren im Amt war, und ersetzte ihn durch einen 36-jährigen Unbekannten, nur um sechs Monate später den alten Ministerpräsidenten wieder einzusetzen – und ihn drei Wochen später erneut seines Postens zu entheben. Jelzin ernannte einen Nachfolger nach dem anderen, nur um sich mit allen in einer sehr öffentlichen Weise zu überwerfen, was nicht nur die Objekte seines Missfallens demütigte, sondern auch alle anderen peinlich berührte, die Zeugen dieser Szenen wurden.
Je unberechenbarer Jelzin wurde, desto mehr Feinde machte er sich – und desto mehr schlossen sich seine Feinde zusammen. Ein Jahr vor dem Ende seiner letzten Amtszeit stand er an der Spitze einer sehr wackeligen Pyramide. Durch seine vielen Umstrukturierungen hatte er mehrere Generationen fähiger Politiker verschlissen. Viele Führungspositionen in Ministerien und staatlichen Behörden waren nun mit jungen Kleingeistern besetzt, die in das Vakuum an der Spitze gesaugt worden waren. Jelzins Vertraute waren mittlerweile so wenige und so weltabgeschieden, dass sie in der Presse als »die Familie« bezeichnet wurden. Zu diesem engsten Zirkel gehörten Jelzins Tochter Tatjana; sein Stabschef Alexander Woloschin; sein ehemaliger Stabschef Walentin Jumaschew, den Tatjana später heiratete; ein weiterer ehemaliger Stabschef; der Ökonom und Architekt der russischen Privatisierung, Anatoli Tschubais, und der Unternehmer Boris Beresowski. Von den »Oligarchen« – jenen Geschäftsleuten, die unter Jelzin superreich geworden waren und ihm dies durch die Orchestrierung seiner Wiederwahlkampagne gedankt hatten – war Beresowski der einzige, der dem Präsidenten unerschütterlich die Treue hielt.
Jelzin war weder dazu berechtigt noch in der gesundheitlichen Verfassung, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Zudem hatte er allen Grund, einen feindseligen Nachfolger zu fürchten. Jelzin war am Ende seiner Amtszeit höchst unpopulär, gerade weil er der erste Politiker gewesen war, dem die Russen jemals vertraut hatten. Die Enttäuschung, die sein Volk nun verspürte, war ebenso groß, wie die Unterstützung, die er einst genossen und die motivierend auf ihn gewirkt hatte.
Das Land war ausgelaugt, traumatisiert und enttäuscht. Ende der Achtziger hatten die Menschen Hoffnung und Einheit erlebt. Dieses neue Selbstverständnis war im August 1991 auf dem Höhepunkt, als die Junta, die gegen Gorbatschows Regierung geputscht hatte, gescheitert war. Das Land hatte all seine Hoffnungen auf Boris Jelzin gesetzt, den ersten frei gewählten russischen Staatschef der Geschichte. Doch das russische Volk stürzte in eine Hyperinflation, die innerhalb weniger Monate die gesamten Ersparnisse der Menschen verschlang. Bürokraten und skrupellose Unternehmer plünderten sich gegenseitig und den Staat ungeniert aus, und schließlich entstand eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Ungleichheit nie gekannten Ausmaßes. Am schlimmsten aber war, dass viele und womöglich alle Russen den Glauben an eine gesicherte Zukunft verloren – und damit das Gefühl der Einigkeit, das sie durch die Achtziger- und frühen Neunzigerjahre getragen hatte.
Die Jelzin-Regierung hatte den fatalen Fehler begangen, sich den Sorgen und Nöten des Landes zu verschließen. Im Lauf eines Jahrzehnts zog sich der einstige Populist Jelzin, der je nach den Erfordernissen der Stunde mit dem Bus gefahren und auf Panzer geklettert war, mehr und mehr in eine abgeschirmte und schwer bewachte Welt schwarzer Limousinen und nicht öffentlicher Konferenzen zurück. Sein erster Ministerpräsident, der brillante junge Wirtschaftswissenschaftler Jegor Gaidar, der zum Sinnbild für die post-sowjetischen Wirtschaftsreformen wurde, verkündete öffentlich, dass er die Bürger für zu dumm halte, um sie an einer Diskussion über Reformen zu beteiligen. Das russische Volk, das sich in der Stunde der Not von seiner Führung im Stich gelassen fühlte, suchte Trost in der Nostalgie – nicht so sehr in der kommunistischen Ideologie, die ihre inspirierende Wirkung schon Jahrzehnte zuvor verloren hatte, sondern in der Sehnsucht nach einer Rückkehr Russlands in die Rolle einer Supermacht. Im Jahr 1999 war eine gefährliche Aggression im Schwange, die ein Grund dafür war, dass sich Jelzin und die »Familie« zu Recht fürchteten.
Schmerz und Aggression machen die Menschen oft blind. Die Menschen in Russland waren daher überwiegend nicht in der Lage, die tatsächlichen Errungenschaften der Dekade Jelzin zu erkennen. Trotz vieler, vieler Fehlentscheidungen in dieser Zeit war es Russland gelungen, große Teile der Wirtschaft zu privatisieren; die größten privatisierten Unternehmen hatte man auf Vordermann gebracht und wettbewerbsfähig gemacht. Trotz gestiegener Ungleichheit hatten sich insgesamt die Lebensumstände der Mehrheit der Russen verbessert: Die Anzahl der Haushalte mit Fernsehern, Waschmaschinen und Kühlschränken wuchs; die Zahl privater Pkw verdoppelte sich; die Anzahl derer, die sich einen Auslandsurlaub leisten konnten, verdreifachte sich sogar zwischen 1993 und 2000.1 Im August 1998 hatte Russland seine Schulden nicht mehr bedienen können, was zu einem kurzen, aber signifikanten Anstieg der Inflation geführt hatte; danach war die Wirtschaft jedoch stetig gewachsen.

Masha Gessen

Über Masha Gessen

Biografie

Masha Gessen, amerikanisch-russische Journalistin, wagt es, das Ungeheurliche auszusprechen: Wladimir Putin, der mächtigste Mann Russlands, der Freund von Gerhard Schröder, Gesprächspartner von Barack Obama, hat sich zum Diktator aufgeschwungen, herrscht durch Terror und Korruption. 

Medien zu »Der Mann ohne Gesicht«

Pressestimmen

Falter (A)

»Wer liest, unter welch dubiosen Umständen Putins Gegner ihr Leben ließen (...) bekommt es beim Lesen phasenweise mit der Angst zu tun.«

Südkurier Rheinfelden

»Kritische Auseinandersetzung mit dem Kremlchef. Die Verfasserin schildert Putin als skrupellosen Machthaber.«

Offenbach-Post

»'Der Mann ohne Gesicht' ist für Laien und Kenner gleichermaßen ein spannungsreicher Überblick darüber, wie Politik im größten Land der Erde mit blutigen Machtkämpfen ausgetragen wird.«

Financial Times

»Eine spannende, gut geschriebene Lektüre, die ein düsteres Gefühl hinterläßt.«

Hessische/Niedersächsische Allgemeine

»Dieses Buch der amerikanisch- russischen Autorin Masha Gessen ist ein starkes Stück Journalismus, spannend geschrieben, gut zu lesen.«

Mannheimer Morgen

»Für Laien und Kenner gleichermaßen einspannungsreicher Überblick darüber, wie Politik im größten Land der Erde oft ausgetragen wird.«

NZZ am Sonntag

»Lebendig, anschaulich und oft sehr persönlich beschreibt sie in ihrer Putin- Monografie die politischen Ereignisse der verflossenen zwei Jahrzehnte.«

Tiroler Tageszeitung

»Es ist ein mutiges Buch, das Gessen vorlegt. Ihre politische Biografie des russischen Präsidenten, die einem „Schwarzbuch Putin“ gleicht, basiert auch auf vielen Interviews mit Beteiligten, deren Sichtweise die Autorin einander kommentiert gegenüberstellt. Der Leser kann sich so ein Bild machen, zwischen oft lächerlich wirkenden öffentlichen Erklärungen und den Vorgängen hinter den Kulissen.«

Freie Presse

»Wer Russland, sein politisches System und Wladimir Putin, als Spitze seiner Machtvertikale verstehen will, kommt an Masha Gessens biografischem Buch nicht vorbei.«

Aargauer Zeitung (CH)

»Gessens Buch schildert Putin als skrupellosen Machthaber, umgeben von Korruption und Terror. Wer das Buch ausgelesen zur Seite legt, fürchtet um das Leben der mutigen Autorin. Denn Präsident Putin, das macht das aufwühlende Buch klar, schreckt auch vor Morden nicht zurück.«

Berliner Zeitung

»Jeder, der eine Tageszeitung liest, sollte dieses Buch lesen. Er wird es lesen wie ein Thriller: entsetzt und hilflos, aber er wird es nicht aus der and legen können, bis er fertig ist damit.«

Aachener Nachrichten

»Die Gesamtschau der Entwicklung Rußlands vom ende der Sowjetunion bis zu den Protesten gegen die manipulierten Wahlen Ende 2011 ist eine wichtige Erkenntnisquelle.«

Spiegel

»'Der Mann ohne Gesicht' ist ein kritisches, begeisterndes Buch, das getragen wird von einem manchmal ins Private kippenden Ton, der den Groll auf diesen ewigen KGB-Mann nicht verbirgt. Gessen schafft es eindrucksvoll, die Welt aufscheinen zu lassen, in der jemand wie Zar Wladimir groß werden konnte. (…) Es ist ein politischer, ein moralischer Thriller, den Gessen erzählt, sie schreibt Geschichte, als sei es Literatur, und betreibt dabei doch Aufklärung.«

Sächsische Zeitung

»Wie und warum Wladimir Putin werden konnte, was er wurde, fügt sich in Gessens Worten zur schlüssigen Erzählung. Jahrelang hat sie dafür recherchiert und zusammengetragen, mit ehemaligen Weggefährten Putins gesprochen. Auch mit solchen, die es aus Angst um ihr Leben kaum noch wagen, Negatives über ihn zu sagen.«

Wienerin

»Ein mutiges Porträt!«

Süddeutsche Zeitung

»Masha Gessens Verdienst besteht in kluger Kompilation von Ereignissen und Deutungsvarianten. (…) Überall ruft das Buch vor allem Zusammenhänge in Erinnerung, die selbst Kenner der Materie vergessen haben könnten: Details kommerzieller Winkelgeschäfte des jungen KGB-Majors Putins in der Leningrader Stadtverwaltung. Oder Einzelheiten und Recherche-Resultate zur mysteriösen Serie terroristischer Anschläge auf Wohnhäuser im Jahr 1999.«

Business Lounge

»Ein starkes Stück Journalismus.«

Inhaltsangabe

Inhalt

  • Prolog
  • Der Zufallspräsident
  • Der Wahlkrieg
  • Die Autobiografie eines Schlägers
  • Einmal Spion, immer Spion
  • Ein Putsch und ein Kreuzzug
  • Sobtschak – das Ende eines Reformers
  • Der Tag, an dem die Medien starben
  • Die Demontage der Demokratie
  • Schreckensherrschaft
  • Unersättliche Gier
  • Back to the USSR
  • Epilog: Eine Woche im Dezember

  • Dank
  • Anmerkungen

Kommentare zum Buch

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