Buchtipps Romane
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Buchtipps: Die schönsten Romane, die spannendsten Geschichten

Donnerstag, 15. März 2018 von Piper Verlag


Lesen Sie persönliche Buchtipps von unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Verlag zu aktuellen Neuerscheinungen aus den Belletristikprogrammen.

Piper Kolleginnen und Kollegen lesen ihre Lieblingsstellen aus: 
Johann Scheerer »Wir sind dann wohl die Angehörigen«

Felicitas von Lovenberg, Verlegerin 

Katja Krieger, Marketing

Andreas Wetekam, Verkauf

Raphaela Vocke, Art Direction 

Hannes Ulbrich, Lektorat

Von Elisabeth Wiedemann, Lizenzen:
Florian Wacker »Stromland«

»Viele sehnen sich nach einem Leben wie deinem. – Das tun sie, weil sie es nicht kennen.«

Wie die Flüsse im Amazonasgebiet, dem titelgebenden »Stromland«, saugt einen der Erzählfluss immer tiefer in den Dschungel dieses Romandebüts von Florian Wacker hinein. Der Amazonasurwald zieht viele Reisende an, die auf der Suche sind, nach dem Unbekannten, Unberührten, Ursprünglichen, nach sich selbst. So ergeht es auch Thomas, der Teil der Filmcrew von »Fitzcarraldo« war, dessen Spuren sich jedoch nach Abschluss der Dreharbeiten im Regenwald verlieren. Seine Zwillingsschwester Irina macht sich auf die Suche nach ihm. Die Flussläufe entlang kämpft sie sich immer weiter in die Tiefen des Amazonasstromlands vor und trifft dabei auf allerlei Sinnsuchende: Jesuitenpriester und Glücksjäger, Goldgräber und Abenteurer, Auswanderer und Eingeborene. 
Bis sie schließlich in einer deutschen Auswandererkolonie ankommt, die sich seit vier Generationen mitten im Urwald angesiedelt hat. Aber ist die Plantage der Wilhelmis tatsächlich der bestmögliche Ort auf Erden? Irina muss sich entscheiden, ob sie weiterhin nach Lebenszeichen ihres Bruders suchen möchte, bleiben will oder zurückkehrt nach Deutschland.
Florian Wacker versteht es meisterhaft, mit Sprache und Textstruktur den Inhalt zu imitieren und die Erzählstränge untereinander zu verbinden. Der Leser kann auf verschiedenen Ebenen miterleben, wie die ersten europäischen Siedler im Urwald verzweifeln, wie die Zwillinge in der hessischen Provinz aufwachsen, wie sich Thomas in seinen Briefen an Irina immer mehr in Hoffnungen und Sehnsüchten verliert, wie Irina sich immer weiter in (Wahn?)vorstellungen verfängt, bis am Ende alles heillos ineinander verschlungen ist und sich die verschiedenen Inspirationsquellen und Referenzen, die sich mit dem Amazonas verknüpfen, wie beispielsweise Joseph Conrads »Herz der Finsternis«, Werner Herzogs Filme und die literarische Realität überlagern. Der Schluss hält eine überraschende Auflösung parat: Einerseits gibt es eine Rückkehr in die vertraute Heimat und einen Neuanfang jenseits des Dschungels, andererseits einen erneuten Aufbruch ins Ungewisse, denn sind wir nicht alle - wie die Figuren in »Stromland« - beständig auf der Suche nach dem richtigen Leben, nach unberührten Orten und neuen Wahrheiten?

Weitere Infos finden Sie auf stromland.florianwacker.de

Von Andreas Paschedag,
Programmleiter deutsche Belletristik, Berlin Verlag:
Gunnar Kaiser »Unter der Haut«

»Als ich jung war, suchte ich nach Mädchen. Meine Suche begann am frühen Morgen des Tages, an dem ich zwanzig Jahre alt wurde, und sie endete unter den Sternen der letzten Sommernacht meines Lebens.«

Es gibt diese Bücher, von denen weiß man nach wenigen Seiten, sie werden lange nachwirken. Gunnar Kaisers Romandebüt zählt dazu. »Unter der Haut« ist monströs in mehrfacher Hinsicht,  nicht allein weil es den Lebensweg eines Monsters schildert, der an literarische Biographien etwa von Jean-Baptiste Grenouille oder Hannibal Lecter heranreicht. Dieser Roman ist auch monströs – im besten Sinne – als Enzyklopädie des Wissens selbst über abseitigste Dinge und wirkt dabei doch zugänglich leicht und einnehmend wie ein in Sprache gebanntes Atmosphärenbild zentraler Orte und Zeiten des 20. Jahrhunderts. Jonathan Rosen und Josef Eisenstein, die beiden Protagonisten, treffen aufeinander im brütend heißen New Yorker Sommer 1969, von wo aus die Wege des Erzählens zurück führen bis in die Zeit der Weimarer Republik, um schließlich etwa sieben Jahrzehnte später nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit einem Finale furioso in Israel, (Ost-)Berlin und Argentinien zusammenzufinden. Um aber nicht mehr Inhalt vorwegzunehmen, lieber noch ein Lektüreeindruck: Für mich gelingt es »Unter der Haut«, die Lesezeit für 517 Seiten welthaltige Geschichte auf die rauschhaft gefühlte Länge und Intensität eines perfekten Kino-Thrillers zu verdichten und dennoch einen Gehalt und Genuss zu vermitteln, den nur das lustvolle tagelange Miterleben und Schwelgen in literarischen Szenerien bietet. Bücher können das, auch wenn das Kunststück nur wenigen in dieser Perfektion gelingt. Gunnar Kaisers Roman schafft für mich eine bleibende Welt, die einlädt zum Wieder- und Wiederentdecken einer wirklich monströsen Geschichte, die niemals langweilig ist.

Buchtrailer zu »Unter der Haut«

Von Olaf Petersenn, Programmleitung Literatur:
Tom Hanks »Schräge Typen«

Forrest Gump an der Schreibmaschine
 

Was verschlägt einen gefeierten Schauspieler von Weltformat an die Schreibmaschine? Und was kann herauskommen, wenn er darauf sogar Literatur erschaffen will? Bei Tom Hanks entstehen aus einer ans Nerdige grenzenden Begeisterung für mechanische Schreibmaschinen (Typewriters), einer stupenden Welterfahrung und umfassender Menschenkenntnis äußerst abwechslungsreiche Short Stories über schräge Typen (»Uncommon Types«). Das liegt wohl an seiner besonderen Gabe, sich in Figuren hineinzuversetzen, und seiner Fähigkeit, ganz unterschiedliche Töne anzuschlagen und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.

Es ist extrem unterhaltsam, seine Geschichten auf seine bekanntesten Filme und Rollen zurückzubeziehen. Eine an »Saving Private Ryan« erinnernde Beschreibung der Gefechte zwischen amerikanischen und deutschen Truppen am Heiligabend 1944 kommt genauso vor, wie ein vergeblicher Versuch, an die Laufleistungen von Forrest Gump anzuknüpfen. Einige Figuren  wie der Zeitungsredakteur Hank Fiset, der in seiner Kolumne »Unsere Stadt heute« den Niedergang des Printjournalismus begleitet, und ein Quartett von Freunden, das eine Reise zum Mond unternimmt, tauchen mehrmals auf und geben dem Buch eine fast romanhafte Kontinuität. Vor allem aber tauchen Schreibmaschinen auf, in jeder Geschichte mindestens eine, und auf den Trennblättern zwischen den Erzählungen Abbildungen aus Tom Hanks‘ reichhaltiger Sammlung. Das verleiht dem Ganzen eine nostalgische Anmutung, und diese grundiert auch die meisten Geschichten. Früher war zwar nicht alles besser, aber doch überschaubarer, persönlicher und oft auch etwas langsamer. Dadurch gerät der Leser in einen angenehmen Zustand gesteigerter Aufmerksamkeit, erlebt den ein oder anderen Manufaktum-Moment und vor allem sehr viele sehr komische Dialoge. Wortwitz ist eine von Hanks‘ Spezialeigenschaften, und schier unübersetzbare Ausdrücke wie »yowza« werden demzufolge im Original belassen. Das geht umso besser, als dieser Superlativ in einem Dialog verwendet und erläutert wird durch andere wie »big-time«, »super-duper«, »swingin« oder »knorke«. Dann sagt aber einer »Titten«, und die Stille danach ist einfach grandios. Great timing, Mr. Hanks!


Von Regine Schmitt, Lektorat Unterhaltung:
Hillary Jordan »Mudbound«

»Was wir nicht aussprechen können, vermitteln wir schweigend.«
Mississippi 1946, eine Baumwollplantage, zwei Familien und das Streben nach Liebe
 
Laura McAllan zieht mit ihrem Mann Henry ins Mississippi-Delta. Auf Mudbound wollen sie Baumwolle anbauen, doch der Name der Plantage ist Programm: Überall ist Schlamm und Dreck, es gibt weder fließendes Wasser noch Strom. Laura ist verzweifelt bemüht, sich einen Funken Zivilisation zu bewahren und ihren Töchtern ein gutes Leben zu ermöglichen. Ihr Schwiegervater Pappy macht ihr das Leben zusätzlich schwer, und wenn es regnet, umgibt sie ein unpassierbares Meer aus Schlamm.
Ohne die Jacksons, ihre afroamerikanischen Pächter, wären die McAllans aufgeschmissen. Florence und Hap Jackson bestellen das Land und helfen Laura immer wieder bei den Herausforderungen des Alltags. Eines Tages treffen zwei Männer auf der Plantage ein: Ronsel Jackson, der älteste Sohn von Florence und Hap, und Jamie McAllan, Lauras Schwager. Beide sind Kriegsheimkehrer und haben mit ihren Traumata zu kämpfen: »Was wir nicht aussprechen können, vermitteln wir schweigend.« Sie könnten nicht unterschiedlicher sein, stehen an entgegengesetzten Enden der Gesellschaft, und doch können nur sie einander verstehen. Ihre Freundschaft treibt beide Familien an den Rand des Abgrunds.
Auch Lauras Ehe gerät mit Jamies Rückkehr in Gefahr, denn sie fühlt sich zu ihrem attraktiven Schwager hingezogen. Er gibt ihr endlich die Aufmerksamkeit und Zuwendung, nach der sie sich schon lange sehnt. Ihr Mann Henry ist viel unterwegs, sodass Laura bisher vor allem in Florence eine wichtige Bezugsperson gefunden hat. Beide Frauen stellen sich den Widrigkeiten des Farmlebens und sichern das Überleben ihrer Familien.
 
Mudbound ist ein grandioses Buch, das auf wunderbare Weise multiperspektivisch erzählt wird, wobei die Unterschiede der Protagonisten nicht verschwiegen, jedoch ihre Gemeinsamkeiten betont werden. Die Hautfarbe trennt sie, während ihre Erlebnisse und ihre Emotionen sie vereinen. Hillary Jordan vermittelt tief bewegend und ohne erhobenen Zeigefinger menschliche Abgründe und große Gefühle.


Von Susanne Massard, Lektorat Literatur:
Gerry Hadden »Alles wird unsichtbar«

»Ich war ein Kuriosum. Das war toll, denn es half mir, das Gefühl zu verdrängen, dass ich ein überflüssiges Anhängsel war, das nirgendwo hingehörte.«

Milo, eigentlich Milano, wächst in den 1970er Jahren in der Bronx auf. Mit seinen afrocubanischen Adoptiveltern wohnt er als weißer Junge in einem der acht Wohntürme. Seine Eltern sind bekannte Musiker und auch Milo spielt begeistert Bongos. Ein schrecklicher Unfall, bei dem der Fünfjährige nicht nur einen Arm, sondern schließlich auch seine Adoptivmutter verliert, verändert alles. Der Vater gibt Milo die Schuld am Tod seiner Frau und ignoriert Milo von da an. Milo gibt sich Mühe, nach außen das Bild einer intakten Vater-Sohn-Beziehung aufrecht zu erhalten, aber er weiß nicht, wohin mit seiner Trauer, Wut und den Schuldgefühlen. Eigentlich ist der sensible Junge nur auf der Suche nach Geborgenheit und Anerkennung. Doch er zerstört Autos auf immer brutalere Weise, bis er dafür mit 17 ins Gefängnis muss. Dort macht er seinen Schulabschluss und bekommt eine zweite Chance: Milo wird in ein neu eingerichtetes Förderprogramm aufgenommen und darf an einem ganz normalen College studieren. Dort findet er zwar die Liebe, doch er bleibt auch hier ein Außenseiter. Ein Auslandssemester in Deutschland lässt ihn seinen Onkel Three Bags wiedertreffen und in Spanien findet er endlich seine Wurzeln. Dort kann er etwas wiedergutmachen, das er vor langer Zeit versäumt hatte . . .

Die authentische Sprache, die Atmosphäre und Milos Schicksal ziehen einen sofort in ihren Bann, sodass man dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Die Ignoranz des Vaters, die Brutalität im Gefängnis, Milos erste Liebe und das Wiedertreffen mit seinem Onkel gehen einem sehr nahe. Am Ende steht die Hoffnung - man vergisst diese außergewöhnlich  berührende Geschichte nicht so schnell.

Buchtrailer zu »Alles wird unsichtbar«

Von Anna Riedel, Volontärin im Lektorat Literatur:
Iris Murdoch »Ein abgetrennter Kopf«

»Sich zu entlieben heißt vor allem, dass man vergessen muss, wie bezaubernd jemand ist.«

Martin Lynch-Gibbon ist Engländer der Upper Class mit allem, was dazugehört. Familienwohnsitz, Familienunternehmen, wunderschöne Ehefrau, reizende Geliebte. Doch seine perfekte Welt gerät aus den Fugen: Bei einem starken Martini eröffnet ihm seine Ehefrau Antonia, dass sie ihn für ihren Psychiater verlässt. Noch ist nicht alles verloren, denn zumindest Martins Geliebte Georgie ist ihm weiterhin treu. Und dann tritt eine dritte Frau in sein Leben: Honor Klein – eine Naturgewalt, unumgänglich, unbeschreiblich, unwiderstehlich.

Warmherzig, intelligent und wunderbar böse (wie Jane Austen!) dekonstruiert Booker-Preisträgerin Iris Murdoch Liebe, Ehe und das Wesen des Menschen. Wir folgen Martin in modrige Weinkeller und halb erleuchtete Schlafzimmer, und wir jagen durch den dichten, wabernden Nebel Londons, immer auf der Suche, die wichtigste aller Fragen zu beantworten: Wie wollen wir eigentlich lieben? 

Für Martin ist die Antwort ganz klar: Egal, wie – aber so viel wie möglich. Die Ehe mit Antonia will er nicht lösen, auch wenn sie mit einem anderen Mann zusammen ist. Georgie soll stets bei ihm bleiben, obwohl es Martin zu anstrengend ist, sich um sie zu bemühen. Und auch Honor will er besitzen, ohne dass er sie wirklich kennen gelernt hätte.

»Ich bin für Sie ein Objekt schauriger Faszination geworden«, sagt Honor einmal zu Martin. »Ich bin ein abgetrennter Kopf. Als reale Menschen existieren wir nicht füreinander.«

Dass man nicht immer alles bekommen kann, was man möchte, ist natürlich klar.
Ich war begeistert, schockiert, amüsiert und peinlich berührt  von diesem herrlichen Verwirrspiel über das Ver- und Entlieben. Nicht nur Martins Selbstüberschätzung, Arroganz und Besitzgier sorgen für ein Wechselbad der Gefühle. (Dieser Idiot! Er tut mir so leid!) Auch die anderen Figuren sind so ärgerlich wie liebenswert, und dazu kommt Iris Murdochs Sprache. Hier muss man zwar an einigen wenigen Stellen auf der Hut sein, den Abstand zum Text nicht zu verlieren – denn wie es bei den meisten Klassikern der Fall ist, finden wir auch hier (der Roman erschien erstmals 1961) unangenehme Ressentiments und Bilder, die von unzeitgemäßen Vorurteilen gefärbt sind. Doch gleichzeitig gibt es auf jeder Seite dieses Romans etwas Wunderbares zu entdecken – ob das ein Aphorismen über die Gefräßigkeit von Liebe ist, ein großartiger Wortwechsel (»›Und du, Martin, wie fühlst du dich?‹ – ›Ich fühle mich gar nicht mehr‹, sagte ich. ›Aber sonst geht es mir gut.‹«), oder mein Lieblingssatz: »Sich zu entlieben heißt vor allem, dass man vergessen muss, wie bezaubernd jemand ist.«

»Ein abgetrennter Kopf« ist ein Liebesreigen, der eine ganze Reihe von angeknacksten Großstadtbewohnern vor schrecklich zeitgemäße Probleme stellt: Wie geht man denn zum Beispiel mit lebenslanger Monogamie um? Wie verliebt man sich rücksichtsvoll? Und wie funktioniert Miteinander heutzutage überhaupt? Allen, die wie ich eine Schwäche für Klassiker im Allgemeinen und englische Klassiker im Besonderen haben, kann ich diese feinsinnige Neuübersetzung von Maria Hummitzsch nur ans Herz legen.


Von Caroline Adler, Marketing:
Christian Bangel »Oder Florida«

»Wie nannte man das, wenn man plötzlich wusste, dass etwas Großartiges bevorstand?«

Frankfurt (Oder), Sommer 1998. Alles ist möglich, wenn man es nur will. Das denkt sich Matthias Freier, dessen Leben gerade nicht besser verlaufen könnte. Mit Anfang zwanzig ist er voller Tatendrang und Zuversicht, dass fast ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall endlich etwas in der ostdeutschen Stadt nahe der polnischen Grenze vorangeht. Seiner Karriere als aufstrebender Printjournalist stehen nur noch zwei Dinge im Weg: die allgegenwärtigen, angstverbreitenden Nazis und die Frage, ob Nadja wirklich seine große Liebe ist.

Diese beiden Herausforderungen stürzen Matthias in ein ungeahntes Abenteuer, das in einer Plattenbausiedlung nicht wilder und skurriler sein könnte. Während er gemeinsam mit seinem Freund Fliege an der lokalpolitischen Front für mehr Sonne in Frankfurt kämpft, sich gegen unkooperative Großunternehmer und ehemalige Oppositionelle durchzusetzen versucht und nebenbei auf einen Ausweg aus seinem Gefühlschaos hofft, muss er über sich und seine bisherige Lebensphilosophie hinauswachsen. Dabei gilt es unerwartete Stolpersteine zu überwinden und eine Welt zu erkunden, die fernab des Regionalzugs nach Berlin liegt.

Christian Bangel nimmt uns in seinem rasanten Debütroman mit auf eine Reise in seine Heimatstadt: das andere, weniger bekannte Frankfurt, das er uns mit einem erfrischenden und herzlichen Blick näherbringt. Man fühlt sich mitten in die bunten Neunzigerjahre zurückversetzt, die auf einmal wieder zum Greifen nah sind. Scharfsinnig und spitz spielt er mit Ost-West-Klischees, nur um diese endgültig aufzulösen, denn am Ende des Tages sind alle Beteiligten in einer gemeinsamen Sache vereint: der Angst vor einer ungewissen Zukunft. Entscheidend ist, den Humor nicht zu verlieren. »Oder Florida« lebt von einfallsreichen, kantigen Charakteren, die ihren Weg oft selbst nicht genau kennen, aber das Herz am rechten Fleck haben. Fernab von nostalgischer Verklärung zeigt Christian Bangel, wie es um das Deutschland nach der Wende steht und das sollte man nicht verpassen.
 


Von Thomas Tebbe,
Programmleitung Internationale Literatur:
Sten Nadolny »Das Glück des Zauberers«

»Allem Zauber wohnt ein Anfang inne.«

Seit vielen Jahren habe ich das außerordentliche Glück, die Bücher unseres Autors Sten Nadolny zu betreuen. Als 1983 seine »Entdeckung der Langsamkeit« erschien, konnte ich, damals noch als Buchhändler, den Erfolg dieses großartigen Romans über den Polarforscher John Franklin verfolgen. Es handelt sich um einen historischen Roman, doch seine bis heute anhaltende, weltweite Popularität ergibt sich aus dem zeitlosen Bemühen des Autors, den Menschen und ihrer Zeit auf die Schliche zu kommen. Er tut dies seit seinem bestechend präzis beobachteten – und übrigens hinreißend komischen – Erstling »Netzkarte«, in dem ein junger Mann auf Reisen durch die geteilte Bundesrepublik die erstaunlichsten Abenteuer erlebt. Immer erzählt Sten Nadolny dabei aus einer mit großem Bedacht gewählten, überraschenden Perspektive.

So stattet er seine Figuren wie in der »Entdeckung der Langsamkeit« mit besonderen Eigenschaften aus, oder er versetzt sie gleich in eine andere Zeit. Im »Gott der Frechheit« muss sich beispielsweise der Götterbote Hermes in der Gegenwart zurechtfinden, den Held aus »Weitlings Sommerfrische« verschlägt ein phantastischer Bootsunfall zurück in die eigene Jugend. Das Resultat solch unfreiwilliger Orts- oder Zeitwechsel sind für den Leser inspirierende und für die Figuren oft verblüffende neue Einsichten in die eigene Biografie oder das Wesen des Menschen.

Auch in seinem jüngsten Roman »Das Glück des Zauberers« bedient sich Sten Nadolny zweier Kunstgriffe, um seinem literarischen Anliegen Ausdruck zu verleihen. Er stellt nicht nur einen 106-jährigen, indianischen Helden Pahroc in den Mittelpunkt seiner Geschichte, sondern er verleiht ihm überdies die Fähigkeit zu zaubern. Und dabei ist mit Zaubern durchaus keine Taschenspielerei gemeint, Pahroc kann durch Wände gehen, er kann fliegen und Dinge herbeizaubern, wenn er es für nötig hält. Seine Geschichte, die 1904 beginnt und in unseren Tagen endet, ist zugleich die Geschichte des 20. Jahrhunderts – betrachtet durch die Augen eines außergewöhnlichen Mannes, dessen Kunst es ihm ermöglicht, den Ereignissen seiner Zeit mit ungewöhnlichen Mitteln zu begegnen. Wichtiger aber vielleicht ist, dass Pahroc noch etwas mit anderen Helden aus dem Nadolny’schen Werk teilt: seinen Humor, seinen Eigensinn und seine große Menschlichkeit. Diese wunderbaren Eigenschaften machen »Das Glück des Zauberers« zu einem funkelnden Stück Literatur, das einen kurzweiligen, erfrischend anderen Blick auf unsere jüngste Geschichte wirft.


Weiteres zum Thema Literatur
Themen
Kategorien
Themenspecial
08. November 2018
ivi-Buchexpertin werden
Du bist zwischen 10 und 14 Jahre alt und hast Lust, unveröffentlichte und veröffentlichte Texte zu lesen und zu bewerten? Jetzt bewerben und Testleserin werden!
Themenspecial
23. Oktober 2018
Ein Fall heißer als ein frisch gebrühter Kaffee - Mit Gewinnspiel!
Der erste Kaffee-Krimi eines ausgebildeten Baristas mit kleiner Rezeptsammlung und Kaffee-Lexikon im Anhang!
Themenspecial
22. Oktober 2018
Die besten Weihnachtsgeschenke von PIPER
Schenken Sie zu Weihnachten Bücher. Hier finden Sie Geschenkideen für Männer, Frauen, die beste Freundin,...

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.