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Sie ist sein Hoffnungsschimmer

„Believe in second chances“ ist das Motto der romantischen Finde mich-Bücher der jungen deutschen Autorin Kathinka Engel. Die Romane der neuen New-Adult-Reihe erzählen von Neuanfängen, zweiten Chancen und der Liebe:
die uns mal überrascht, mal völlig umhaut und die sich manchmal ganz heimlich von hinten anschleicht.

♥♥♥

Gleich im ersten Band der auf drei Bände angelegten Buchserie sorgt die Liebesgeschichte von Tamsin und dem „Bad Boy“ Rhys für große Gefühle und prickelnden Lesespaß. Kann es ein Happy End für die beiden geben, die aus zwei so unterschiedlichen Welten kommen?

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Roman

Sie ist sein Hoffnungsschimmer in der dunkelsten NachtVon der Liebe bitter enttäuscht, zieht Tamsin zum Literaturstudium ins kalifornische Pearley. Sie möchte sich auf sich selbst konzentrieren, den Männern hat sie ein für alle Mal abgeschworen. Doch dann trifft sie auf Rhys. Er ist unnahbar und faszinierend. Was Tamsin nicht weiß: Er saß seine gesamte Jugend unschuldig im Gefängnis. Jetzt muss sich Rhys plötzlich in einer ihm völlig fremden Welt behaupten. Auch er fühlt sich zu Tamsin hingezogen, die ihm voller Tatendrang hilft, alles Verpasste nachzuholen. Langsam beginnt er wieder zu vertrauen. Doch Rhys hat Tamsin noch längst nicht alles erzählt …   „Finde mich. Jetzt“ ist der Auftakt einer romantischen New Adult-Reihe der deutschen Neuentdeckung Kathinka Engel. Mit einer großen Portion Gefühl beschreibt die Autorin in der Finde-mich-Reihe das Auf und Ab der Liebe, lässt uns erst tief bewegt zurück und das Herz dann wieder ganz leicht werden. Unter dem Motto „Believe in second chances“ erzählt sie von Neuanfängen, zweiten Chancen und der ganz großen Liebe. Perfekt für alle Fans von Mona Kasten und Laura Kneidl.   Als leidenschaftliche Leserin studierte Kathinka Engel allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin sowie als Übersetzerin und Lektorin. Mit ihrem Debüt „Finde mich. Jetzt“ ist sie unter die Autoren gegangen. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.„Ein zutiefst gebrochener, junger Mann. Eine starke, selbstbewusste und unabhängige Frau. Eine Liebe, die alle Hürden überwindet und die so tief greift, dass mir beim Lesen vor lauter Gefühl fast das Herz explodiert wäre.“ Ina’s Little Bakery   „Eine wunderbare Liebesgeschichte voller zweiter Chancen. Gefühlvoll, emotional und dramatisch! Rhys & Tamsin sorgen definitiv für Herzklopfen!“ primeballerina’s books„Das Buch war großartig! So mitreißend, zart, gefühlvoll. Ich habe mich rettungslos in die Charaktere und die Geschichte verliebt. Ein paar Mal standen mir Tränen in den Augen und dann musste ich einfach nur wieder schmunzeln.“ Kielfeder 
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Halte mich. HierHalte mich. Hier

Roman

Für die Liebe wachsen sie über sich selbst hinaus Sie sind sich bislang nur einmal begegnet, doch bei einem gemütlichen Abend unter Freunden sprühen zwischen den beiden plötzlich die Funken. Zelda ist das unangepasste Nesthäkchen einer reichen Familie und soll standesgemäß heiraten. Nichts wünscht sie sich mehr, als ihre Bestimmung im Leben zu finden. Malik stammt aus einer armen Großfamilie und träumt davon, eines Tages als Koch zu arbeiten. Das Glück, das sie empfinden, wenn sie zusammen sind, lässt zunächst alle Bedenken in den Hintergrund treten. Doch Maliks Hautfarbe sorgt dafür, dass die Beziehung der beiden nicht nur von Zeldas Familie abgelehnt wird. Gemeinsam kämpfen sie – gegen alle Widerstände, für ihre Liebe und die Verwirklichung ihrer Träume.   „Halte mich. Hier“ ist der zweite Band der romantischen New Adult-Reihe der deutschen Neuentdeckung Kathinka Engel. Mit einer großen Portion Gefühl beschreibt die Autorin in der Finde-mich-Reihe das Auf und Ab der Liebe, lässt uns erst tief bewegt zurück und das Herz dann wieder ganz leicht werden. Unter dem Motto „Believe in second chances“ erzählt sie von Neuanfängen, zweiten Chancen und der ganz großen Liebe. Perfekt für alle Fans von Mona Kasten und Laura Kneidl.   Als leidenschaftliche Leserin studierte Kathinka Engel allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin sowie als Übersetzerin und Lektorin. Mit ihrem Debüt „Finde mich. Jetzt“ ist sie unter die Autoren gegangen. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.
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Liebe mich. Für immerLiebe mich. Für immer

Roman

Er zeigt ihr, was es heißt, zu vertrauen Amy geht in ihrer Rolle als Sozialarbeiterin voll auf, und doch fehlt ihr jemand, der sich zur Abwechslung einmal um sie kümmert. Sam ist ein umschwärmter Unidozent und kann sich vor Angeboten kaum retten. Immer wieder lässt er sich auf zwanglose Dates ein, die aber niemals sein dauerhaftes Interesse wecken können – bis er auf Amy trifft. Nach einer gemeinsamen Nacht kann Sam nicht mehr aufhören, an sie zu denken. Doch durch ein Trauma aus ihrer Kindheit kann Amy keine Nähe zulassen, sich niemandem richtig öffnen. Sam gibt alles, um Amys Vertrauen zu gewinnen und ihr zu zeigen, wie schön die Liebe sein kann.„Liebe mich. Für immer“ ist der Abschluss von Kathinka Engels romantischer New Adult-Reihe. Mit einer großen Portion Gefühl beschreibt die Autorin in der Finde-mich-Reihe das Auf und Ab der Liebe, lässt uns erst tief bewegt zurück und das Herz dann wieder ganz leicht werden. Unter dem Motto „Believe in second chances“ erzählt sie von Neuanfängen, zweiten Chancen und der ganz großen Liebe. Perfekt für alle Fans von Mona Kasten und Laura Kneidl.   Als leidenschaftliche Leserin studierte Kathinka Engel allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin sowie als Übersetzerin und Lektorin. Mit ihrem Debüt „Finde mich. Jetzt“ ist sie unter die Autoren gegangen. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

1
Amy
Der riesige Betonklotz, in dem sich vor allem Sozialwohnungen befinden, ragt wenig einladend in den zur Abwechslung ungewöhnlich grauen kalifornischen Himmel. Ton in Ton. Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit. Für die meisten jedenfalls. Jedoch nicht für mich. Wo andere nichts als Armut und Elend sehen, erwachsen vor meinen Augen Bilder von zweiten Chancen, von Leuten, die kämpfen und es schaffen.

Die Mischung aus Smog und Wolken taucht die gesamte Umgebung in ein mattes Licht. Und heute bin ich geneigt, mich ebenso matt zu fühlen. Bald sollte ich mir wieder einmal eine kleine Verschnaufpause gönnen, wenn ich nicht demnächst völlig ausgebrannt sein will. Über die Jahre habe ich einen relativ guten Radar dafür entwickelt, was ich zu leisten imstande bin und wann ich aufpassen muss, dass ich mir nicht zu viel aufhalse. Auf sich allein gestellt zu sein hat eben auch einen entscheidenden Nachteil: Man ist selbst dafür verantwortlich, den eigenen Akku rechtzeitig wieder aufzuladen. Den kommenden Freitagabend, den ich ausnahmsweise für mich habe, werde ich also nutzen.

In diesem Moment gilt meine Aufmerksamkeit jedoch nicht mir, sondern Kylie und Steve, einem Paar, das nach Steves Gefängnisaufenthalt gerade lernt, zusammen mit dem neugeborenen Baby Milo zu einer Familie zu werden. Steve wurde gerade rechtzeitig entlassen, um bei der Geburt seines Sohnes dabei zu sein. Die veränderte Lebenssituation, die er und seine Freundin seither zu bewältigen haben, war der Hauptgrund, warum ich Steve in mein Resozialisierungsprogramm aufgenommen habe. Und nun begleite ich ihn auf seinem Weg zurück ins Leben, zurück in den Alltag.

Ich drücke die Klingel des Apartments Nummer 34, und kurz darauf ertönt der Türsummer. Das Treppenhaus ist angenehm kühl nach der Schwüle, die draußen herrscht. Seit Tagen schon ist Regen angekündigt, doch statt der Erleichterung in Form eines Wolkenbruchs kämpfen wir seit Tagen mit schlechterer Luftqualität und den drückenden Wolkenmassen.

Da der Aufzug kaputt ist – seit meinem ersten Hausbesuch vor beinahe einem Monat hat sich daran nichts geändert –, nehme ich die wenig einladende nackte Betontreppe in den dritten Stock. Die Wände sind mit Graffiti und undefinierbarem Schmutz beschmiert. Bei einigen Schlieren möchte man gar nicht so genau wissen, woraus sie bestehen.

Im dritten Stock klopfe ich an die Wohnungstür. In Häusern wie diesem lässt man die Tür nicht angelehnt, während man auf Besuch wartet. Ich höre, wie von drinnen die Kette gelöst wird, und im nächsten Moment öffnet Kylie die Wohnungstür, auf dem Arm den winzigen Milo.

„Hi, komm rein“, sagt sie und lächelt mich müde an.

Ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo ich mich wie immer auf dem schäbigen Sofa niederlasse.

„Wie geht’s euch?“, frage ich, zupfe den schwarzen Haargummi von meinem Handgelenk und binde mir einen Pferdeschwanz.

„Ach ja“, erwidert Kylie, „es wäre leichter, wenn der Kleine nicht so viel schreien würde.“ Wie auf Kommando fängt er an zu quäken, und Kylie seufzt. Sie wippt von einem Fuß auf den anderen, um ihn zu beruhigen. „Steve?“, ruft sie dann. „Hast du die Klingel nicht gehört?“

Aus dem Nebenraum hört man ein Grunzen, und gleich darauf schlurft Steve in einer grauen Jogginghose, die er in seine weißen Tennissocken gesteckt hat, und einem ausgeleierten T-Shirt aus dem Schlafzimmer.

„Sorry“, murmelt er. „Musste mir noch was anziehen.“ Er grinst mich vorsichtig an, und ich hole einen Hefter mit Unterlagen aus meiner Tasche.

„Sind das die Stellen?“, fragt er nun mit deutlich gesteigertem Interesse.

Die Arbeitslosigkeit macht ihm zu schaffen. Für einen ausgebildeten Automechaniker gibt es zwar immer wieder Stellen, aber seine kriminelle Vergangenheit macht eine Vermittlung schwierig. Gerade leben die drei von Kylies dürftigen Ersparnissen und der Unterstützung von Steves Mutter. Aber nicht nur wird es ihnen unmöglich sein, sich auf diese Weise länger über Wasser zu halten, Steve fällt außerdem die Decke auf den Kopf. Deswegen habe ich zusätzlich ein paar Zeitarbeitsfirmen angezapft, an die er Initiativbewerbungen schicken kann.

„Hoffentlich ist was dabei“, sagt Kylie, während sie Milo mit dem Rücken zu uns stillt. „Ich muss ihn aus dem Haus haben. Der Kerl macht mich irre.“

Der Umgangston hier ist rau, aber ich lasse mich davon nicht täuschen. Ich weiß, wie glücklich Kylie darüber ist, ihren Freund wieder an ihrer Seite zu haben.

„Könntest dir ja auch einen Job suchen“, schlägt Steve vor.

„Würde ich, wenn ich deinen Sohn nicht von morgens bis abends an meinen Titten hängen hätte.“

Steve schnaubt und beugt sich über die Liste mit den Zeitarbeitsfirmen. Milo scheint genug zu haben, denn er beginnt wieder verzweifelte Geräusche von sich zu geben. Kylie stöhnt, Steve grunzt – und mir ist es eigentlich zu viel, aber das hier ist mein Job. Mein Leben. Für die beiden da zu sein, ihnen Hoffnung und das Gefühl zu geben, dass sie jede Situation meistern können.

Kylie beginnt dem Kleinen auf den Rücken zu klopfen, bis er sich mit einem Schwall auf ihre Schulter übergibt. „Fuck“, sagt sie und hält ihn einen halben Meter von sich weg. Immerhin hat er aufgehört zu schreien.

»Amy, würdest du kurz …?«, fragt Kylie und drückt mir den kleinen Wurm in den Arm, ohne eine Antwort abzuwarten. „Du musst nur seinen Kopf stützen“, sagt sie und ist im nächsten Augenblick im Bad verschwunden.

Mein Körper versteift sich für einen Moment. Ich bin niemand fürs Kopfstützen. Für Körperwärme. Für Nähe. Das ist ausnahmslos meiner Pflegetochter Jeannie vorbehalten. Milo sieht mich aus seltsam wachen dunkelblauen Augen an. Ich blicke von ihm zu Steve in der Hoffnung, dass er mir seinen Sohn abnimmt, aber nichts dergleichen geschieht. Er ist in die Liste vertieft und scheint keine Notiz von meiner Hilflosigkeit zu nehmen.

„Okay“, sage ich gleichermaßen zu Milo und zu mir selbst und lege mir den kleinen Wurm auf den Schoß. Dabei achte ich darauf, dass ich seinen Kopf mit meinem Arm stütze. Steve blickt nun doch kurz auf und nickt mir zu. Anscheinend sieht man mir meine Unbeholfenheit nicht an.

Die Wärme des Babys überträgt sich auf meine Beine. Als wäre es nicht ohnehin schon warm genug. Aber gleichzeitig fühlt es sich irgendwie beruhigend, geradezu friedlich an. Milo duftet ganz eigen. Das muss der Babygeruch sein, von dem die Leute sprechen. Er quäkt leise, und ich fahre einmal mit der flachen Hand über seinen weichen Strampler. Er gibt erneut ein wimmerndes Geräusch von sich, und ich wiederhole die Bewegung mit der Hand. Es scheint ihm zu gefallen, denn er atmet einmal tief ein. Beinahe klingt es wie ein erleichtertes Seufzen. Verrückt, denke ich. So ein kleines wehrloses bisschen Mensch, das da auf meinem Schoß liegt. Es ergibt sich einfach und hofft auf das Beste.

„Schau, ich hab meine Bewerbung noch mal überarbeitet, wie du’s gesagt hast.“ Steve reißt mich aus meinen Überlegungen und reicht mir einen Ausdruck.

Wir hatten bei meinem letzten Besuch darüber gesprochen, dass es helfen würde, wenn er die Bewerbung ein bisschen hübscher formatiert. Ich habe ihn mit der Welt der Vorlagen vertraut gemacht. Außerdem riet ich ihm, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und den Gefängnisaufenthalt im Anschreiben nicht zu erwähnen. Wir machen kein Geheimnis daraus, und die meisten Firmen kontaktiere ich ohnehin vorab, um herauszufinden, ob Steve überhaupt Chancen hätte, aber die Lücke im Lebenslauf reicht vollkommen.

Während Baby Milo auf meinen Beinen vor sich hin dämmert, korrigiere ich die Rechtschreibfehler in Steves neuem Anschreiben. Kylie kommt zurück ins Wohnzimmer, macht aber keine Anstalten, mir das Baby wieder abzunehmen – und ich stelle fest, dass es mir nichts mehr ausmacht, den Kleinen auf dem Schoß zu haben. Im Gegenteil, ich finde es seltsamerweise sogar tröstlich, erdend.

 

„Danke für deine Hilfe, Amy“, sagt Steve, als ich mich eine halbe Stunde später auf den Weg mache. „Jetzt muss nur endlich mal was klappen.“

„Mach dir keine Gedanken“, sage ich. „Wir finden was für dich.“ Bislang habe ich noch jeden meiner Schützlinge irgendwo untergebracht. Ich verabschiede mich und trete ins Treppenhaus hinaus. Doch gerade, als ich mich zum Gehen wenden will, löst Kylie, die Milo wieder auf dem Arm hat, ihren Freund an der Tür ab.

„Amy?“, fragt sie schüchtern. Und beim Anblick ihrer zarten Statur und der glatten Haut wird mir wieder einmal bewusst, wie jung sie ist. Gerade einmal achtzehn Jahre alt.

„Ja?“

„Ich habe noch eine Frage.“

„Raus damit“, sage ich aufmunternd. Obwohl ich eigentlich Steves Sozialarbeiterin bin, steht es für mich außer Frage, auch ihr zu helfen, egal, worum es sich handelt.

„Ähm, also, du weißt doch, dass Milo ein bisschen zu früh auf die Welt gekommen ist.“

Ich nicke. Deswegen war es so wichtig, Steve in mein Programm aufzunehmen. Mit der Hilfe des Gefängnispsychologen gelang es uns, Steve ein paar Tage vor seinem offiziellen Haftende nach Hause zu schicken. Eine Punktlandung, die mich viele Nerven gekostet hat, es aber absolut wert war.

„Deswegen konnte ich die Prüfungen nicht mehr mitschreiben.“ Sie wippt nun wieder von einem Fuß auf den anderen. Ob sie es tut, um Milo zu beruhigen oder weil sie selbst nervös ist, lässt sich schwer sagen. „Glaubst du, ich kann den Highschool-Abschluss nächstes Jahr nachholen? Vielleicht an einer Abendschule?“

„Liebe Kylie“, erwidere ich, „das ist eine tolle Idee.“ Ich finde es großartig, dass sie auch weiter an ihre eigene Zukunft denkt. Viele andere ergeben sich in ihr Schicksal. Und was passiert, wenn das schiefgeht, weiß ich nur zu gut. „Ich besorge Infomaterial und bringe es beim nächsten Mal mit.“

„Danke“, sagt sie und lächelt erst mich, dann Baby Milo an. Und beim Gedanken an Milos Wärme und den unverkennbaren Babygeruch muss auch ich unwillkürlich lächeln.


2
Sam
„Bist du Sam?“, fragt eine hübsche, allerdings etwas überschminkte Schwarzhaarige, die gerade von ihrem Tisch aufgestanden ist.

Dieses aufgeregte Gefühl vor einem Blind Date macht sich in mir breit. „Der bin ich“, sage ich und fahre mir bewusst lässig mit der Hand durch die Haare. Dann schenke ich ihr ein schiefes flirty Lächeln, das nie seine Wirkung verfehlt. Und tatsächlich, auch Sarah ist gegen meinen Charme nicht immun, wie mir ihr breiter werdendes Lächeln verrät. Sie streicht sich ebenfalls durch die Haare und wickelt am Ende eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger.

Ich setze mich ihr gegenüber an den dunklen Holztisch. „Was trinkst du?“, frage ich mit einem Blick auf ihren durchsichtigen Drink, in dem eine Zitronenscheibe schwimmt.

„Gin Tonic“, erwidert sie. „Willst du einen Schluck?“

Sie hält mir ihr Glas hin. Dass sie offensiv ist, gefällt mir. Genau diesen Eindruck hatte ich auch von ihrem Datingprofil in der App.

Doch da in diesem Moment ein Kellner an unseren Tisch herantritt, bestelle ich mir lieber einen eigenen Drink.

„So gut sehen also Leute aus, die eine Doktorarbeit schreiben“, sagt Sarah und klimpert mit ihren Wimpern. „Was machst du noch mal genau?“

Ich weiß, dass das hier nur Small Talk ist. In den letzten Monaten hatte ich jede Menge solcher Dates. Die meisten davon wie heute im Vertigo, meiner Stammkneipe im bunten Ausgehviertel von Pearley. Es ist fast immer das Gleiche. Man redet, man flirtet, man geht zu ihr oder zu mir. Oder man verabredet sich noch ein zweites Mal, um dann zu ihr oder zu mir zu gehen.

„Literaturwissenschaft“, antworte ich kurz. In die Tiefe zu gehen lohnt sich meistens nicht.

„Um dann Taxifahrer zu werden?“, fragt sie und wirft beim Lachen den Kopf in den Nacken.

Solche Kommentare bin ich gewöhnt und ignoriere sie. So auch Sarahs. Es ist mir egal, ob meine Bekanntschaften etwas mit meiner Berufung anfangen können, solange die Menschen in meinem Leben, die mir wirklich etwas bedeuten, mich ernst nehmen. „Und was ist mit dir?“, frage ich stattdessen.

„Ach, dies und das. Gerade jobbe ich. Eigentlich will ich Musikerin werden.“

„Spielst du in einer Band?“, frage ich. „Wie cool. Welches Instrument denn?“

Sie lacht wieder. „Ich spiele noch gar kein Instrument. Aber Schauspielerin würde sowieso besser zu mir passen. Oder Model.“

Ich gehe darüber hinweg, schließlich bin ich nicht hier, um meine Seelenverwandte zu finden, und versuche es noch einmal. „Bist du also auch ein Filmfan?“ Denn daran könnte ich anknüpfen. Der Kellner bringt meinen Drink, und wir stoßen an.

„Was? Nein.“ Wieder wirft sie ihren Kopf in den Nacken und lacht. „Ich stehe einfach gern im Mittelpunkt.“ Das glaube ich ihr sofort. „Außerdem: Wer würde das hier“ – sie streicht mit den Händen an ihrem Körper entlang – „nicht gern auf Plakaten und so sehen?“

Ich schlucke. Ich kann sie mir gut auf Plakaten vorstellen. Erneut fahre ich mir durch die Haare. Dann lehne ich mich zurück und lasse meinen Blick über sie wandern. Nicht zu anzüglich, aber doch so, dass sie meine Absichten nicht falsch verstehen kann.

„Du solltest auch Model werden“, sagt sie. „Da ist sicher mehr Geld drin als in Büchern und so Kram.“

Je weniger wir gemeinsam haben, desto einfacher ist es für mich. Also lache ich mein sexy Lachen. Nicht zu laut, nicht zu verklemmt, sondern tief und kehlig, und schenke ihr dann meinen intensiven James-Dean-Blick – den Kopf leicht schräg und etwas nach unten gesenkt. Mir sind all diese Kleinigkeiten völlig in Fleisch und Blut übergegangen. Der coole Gang, das lässige Anlehnen, das Durch-die-Haare-Fahren, die Blicke. Es ist ein Spiel, ein Tanz, von dem jeder weiß, wo er hinführt.

„Und? Hast du schon mal gemodelt?“, frage ich hoffnungsvoll, denn die Unterhaltung darf, egal, wie banal sie ist, nicht einschlafen. Das killt die Stimmung, auch wenn es uns beiden sicher nicht um den Austausch von Höflichkeiten geht und wir vermutlich kaum weniger Interesse an inhaltlicher Auseinandersetzung miteinander haben könnten.

„Nein, noch nicht. Ich muss ja erst einmal entdeckt werden“, sagt Sarah und zwirbelt sich wieder eine Haarsträhne um den Finger.

Kurz weiß ich nichts darauf zu erwidern, so erstaunt bin ich über sie. „Und wie wird man entdeckt?“, frage ich dann, sehr darauf bedacht, die Ungläubigkeit in meiner Stimme zu verbergen.

»Auf der Straße, im Internet …« Sie zuckt mit den Schultern. „Ich habe schon zehntausend Follower auf Instagram. Willst du mal sehen?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, schiebt sie mir ihr Handy hin.

„Schau, da bin ich mit einem neuen Lippenstift“, sagt sie und tippt auf ein Bild, das vor allem ihren Kussmund zeigt. Mit einem neuen Lippenstift, steht darunter. „Und das bin ich mit meinem Hund Stella.“ Sie vergrößert ein Bild, auf dem sie mit Kussmund und einem Mops zu sehen ist. Mit meinem Baby Stella, steht darunter. „Und das hier bin ich in meinem neuen Bikini.“ Ich sehe vor allem Brüste. Wohlgeformte, kaum bekleidete Brüste. Die Caption lautet allen Ernstes In meinem neuen Bikini.

„Wow“, sage ich, meine aber entgegen ihrer Erwartung nicht ihre gestellten Bilder, sondern ihre einfallsreichen Texte. Und entgegen ihrer Erwartung ist mein Kommentar außerdem nicht ganz unironisch. Doch ich achte darauf, sie nichts von alldem spüren zu lassen.

„Ein bisschen habe ich nachgeholfen.“ Wieder wirft sie den Kopf in den Nacken. „Aber sie fühlen sich jetzt irrsinnig gut an. Viel fester als vorher. Viel perfekter.“ Sie zwinkert mir zu.

„Wow“, sage ich wieder, doch es fällt mir immer schwerer, die Ironie in meiner Stimme zu verbergen.

„Willst du jetzt schon mal anfassen oder erst später?“ Sarah leckt sich über die Lippen.

„Äh, gerne später“, sage ich, doch ich bin mir auf einmal nicht mehr sicher, ob es zu einem Später kommen wird.

„Hier schau, das bin ich mit meiner BFF.“ Sie hält mir wieder ihr Smartphone hin und präsentiert mir das Bild von sich und ihrem Klon. Zumindest sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich. Vielleicht liegt es aber auch an den vollkommen identischen Kussmündern. „Viertausend Likes“, sagt sie stolz.

Beinahe will ich fragen, welche von beiden sie ist, als mein Blick auf den Text unter den Likes fällt. Mit meiner BFF, steht da, und in einem kleinen Moment ohne Selbstbeherrschung entfährt mir ein leises Kichern.

„Entschuldige?“, fragt sie. „Was ist so witzig?“

„Nichts“, beeile ich mich zu sagen.

„Machst du dich etwa über mich lustig?“ Ihre Augen sind jetzt weit aufgerissen.

„Nein, wie käme ich dazu“, sage ich vollkommen unschuldig. Ich habe mich jetzt wieder im Griff.

„Okay, weil“, sagt sie und wedelt wild mit ihrem Zeigefinger vor meinem Gesicht herum, „ich merke, wenn mich jemand nicht ernst nimmt.“ Ihr Tonfall ist auf einmal derart gehässig, dass ich beinahe eine Gänsehaut kriege. „Ich habe so etwas echt nicht nötig“, keift sie. „Ich bin Model.“

Diesen Stimmungsumschwung habe ich nicht erwartet. Denn genau genommen habe ich ihr nichts getan. Im Gegenteil, ich habe mir ihre Bilder angesehen und versucht, mich für sie zu interessieren. Sie war diejenige, die zuerst Witze über meinen Lebenstraum gemacht hat.

Weil der Abend für mich gelaufen ist, beschließe ich nun, zu mir selbst zu werden. „Ich dachte, du musst erst noch entdeckt werden“, sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Sie japst entsetzt auf. „So was muss ich mir echt nicht anhören“, faucht sie. „Ich brauche Leute in meinem Leben, die an mich glauben. Nicht so einen toxischen Scheiß.“ Mit diesen Worten schnappt sie sich ihr Handy, das immer noch zwischen uns auf dem Tisch liegt, erhebt sich und rauscht aus der Bar.

Ich schüttle etwas ungläubig den Kopf. Was für ein Abgang. Was für ein verschenkter Abend. Das war in den letzten zwei Wochen das vierte Date, das gründlich in die Hose gegangen ist. Ich ziehe ihren halb vollen Gin Tonic zu mir und bitte den Kellner um die Rechnung. Und während ich erst meinen und dann ihren Drink runterkippe, lösche ich die App von meinem Handy. Genug ist genug.


3
Amy
Im Internet stoße ich manchmal auf rosafarbene Magazine und Blogs, die ihren Leserinnen dazu raten, sich auch einmal Zeit für sich zu gönnen. Eine Auszeit zu nehmen, um in sich hineinzuhorchen. Sie schlagen entspannende Schaumbäder mit einem Glas Sekt und leiser Musik vor, Wellness mit Freundinnen oder einen Liebesfilm auf der Couch. Manchmal frage ich mich, was mit mir nicht stimmt. Denn wenn ich mir vorstelle, wie ich in einer Badewanne sitze, bis ich schrumpelig bin, kommt mir das vor wie die größte Zeitverschwendung.

Ich habe nicht oft den Luxus von freien Abenden, die ich mit „Zeit für mich“ füllen könnte. Und wenn ich, wie heute, auf der Suche nach dringend nötiger Entspannung bin, dann ist das Allerletzte, was ich möchte, tief in mich hineinzuhorchen. Meine Regeneration sieht ein bisschen anders aus und beinhaltet, mir selbst zu zeigen, dass ich ganz normal bin – ohne dabei Babys halten zu müssen.

Deswegen sitze ich hier am Tresen des Vertigo, einer Bar, die ich noch aus meiner Studienzeit kenne. Beim Hereinkommen schlägt jedem eine warme Wolke aus alkoholischem Dunst entgegen. Die Musik, das Gelächter und die lauten Unterhaltungen verschmelzen zu einem Lärmgewirr. Durch das gedimmte Licht sehen die Bar und all die Menschen, die an diesem Freitagabend hierhergekommen sind, um sich von ihrem Alltag zu erholen, weichgezeichnet aus. Hier finde ich genau das, was ich will. Trubel in der Anonymität.

Vor mir auf dem dunklen Tresen, der so glatt lackiert ist, dass man sich beinahe darin spiegeln kann, steht ein Gin Tonic – mit Gurke, nicht mit Zitrone –, den ich mit meinem Strohhalm umrühre. Die Eiswürfel klappern aneinander.

Ich nippe an meinem Drink und merke, wie der Stress der Woche in den Hintergrund tritt. Hier in einer Bar zu sitzen und zu warten, was der Abend noch bringt, ist nichts, was ich regelmäßig mache. Aber alle paar Monate überkommt es mich: der Drang, rauszukommen, am Nachtleben teilzuhaben, und – wenn es gut läuft – mal wieder meinen Verstand auszuschalten. Solange es zu meinen Bedingungen geschieht. Denn mein Leben ist weiß Gott chaotisch genug, als dass ich an meinem freien Abend Kompromisse eingehen würde.

Noch genieße ich einfach die gelöste Atmosphäre. Ich beobachte den Barkeeper beim Mixen der Drinks, blicke mich in der Bar um. An den Wänden hängen Metallschilder mit Zitaten von irgendwelchen Berühmtheiten, Sinnsprüche und Autokennzeichen. Ich stelle mir vor, Teil einer dieser Studentengruppen zu sein, die vollkommen sorglos scheinen. Der Klang von lautem Gelächter und Gejohle mischt sich zur allgemeinen Lärmkulisse, und meine Aufmerksamkeit wird auf einen Tisch in der Nähe des Eingangs gelenkt. Zwei Kerle liefern sich einen Trinkwettbewerb und versuchen ihr Bier herunterzuexen. Die anderen klatschen im Takt ihrer Anfeuerungsrufe auf den Tisch. Früher hätte ich die Augen verdreht und mich abgewendet. Inzwischen versuche ich nicht mehr vorschnell über andere zu urteilen. Wenn das ihre Art von Spaß ist, warum sollen sie ihn dann nicht haben?

„Hi“, sagt eine Stimme neben mir, und ich löse den Blick von der Studentengruppe.

An der Bar steht ein blonder Hüne, wahrscheinlich einer der College-Footballspieler, die mit einem Stipendium nach Pearley gekommen sind. Er sieht sehr jung aus, sicher nicht älter als achtzehn.

„Hi“, erwidere ich.

„Heute ist dein Glückstag“, sagt er und grinst mich anzüglich an.

„So?“ Ich bemühe mich, freundlich zu klingen und ihn dennoch nicht zu ermutigen. Den Blickkontakt beschränke ich auf ein Minimum. Denn er ist mir auf jeden Fall zu jung. Viele der Jungs, die ich betreue, sind in seinem Alter. Für mich mit meinen fünfundzwanzig Jahren definitiv ein No-Go.

„Ja“, sagt er eifrig. „Weil du mich getroffen hast.“

Er legt mir hoffnungsvoll eine Hand auf den Oberschenkel, doch ich schiebe sie sofort höflich, aber bestimmt beiseite. Mich zu berühren ist ein weiteres No-Go.

„Tut mir leid“, gebe ich zurück und schenke ihm mein bestes Mitleidslächeln, von dem ich weiß, dass es jedes sexuelle Bedürfnis im Keim erstickt. „Es ist natürlich sehr schön, dass wir uns getroffen haben, aber ich habe leider kein Interesse.“ Das Bedauern in meiner Stimme ist echt. Das Letzte, was ich will, ist, ihn zu verletzen.

„Bist du sicher?“, fragt er. „Du würdest es nicht bereuen.“

Mir entfährt ein leises Lachen. „Das kann schon sein, aber ich muss trotzdem ablehnen.“

„Hm, okay. Schade!“, sagt er und zieht wieder von dannen. Ich höre, wie am Tisch ein Johlen ausbricht, als der Junge zurückkehrt.

Ich muss unwillkürlich lächeln. Der arme Kerl. Erst hat er all seinen Mut zusammengenommen, um mich mit einem wenig originellen Spruch anzubaggern, dann habe ich ihn abgewiesen, und nun muss er sich auch noch dem Gespött seiner Kumpels stellen. Diese Welt ist grausam.

„Das war sehr nett.“

Ich blicke auf. Zu meiner Rechten lehnt ein Typ an der Bar und wartet anscheinend auf seinen Drink.

„Was meinst du?“, frage ich.

„Dass du ihm höflich erklärt hast, du hättest kein Interesse. Das ist deutlich angenehmer, als irgendwelche offensichtlichen Ausflüchte zu hören.“ An seiner gedehnten Aussprache merke ich, dass er schon einiges getrunken hat. Seine Zunge scheint ein bisschen schwer zu sein. Aber er hat eine angenehme Stimme. Voll und tief.

„Ich bin Sam“, sagt er.

Ich blicke ihn an. Auf einmal kommt er mir bekannt vor mit seinen welligen braunen Haaren, die ihm leicht in die Stirn fallen. Sam … Sam … Sam … Aber ich kann ihn nicht zuordnen. Vermutlich irre ich mich, und es ist einfach nur dieses typische Selbstbewusstsein, das Männer, die wissen, wie gut sie aussehen, oft an den Tag legen. Und diese typischen Gesten. Ein leicht verlegenes Sich-durch-die-Haare-Fahren, das lässige An-der-Bar-Anlehnen.

„Und du bist?“, fragt er grinsend und dreht sich zu mir. Als ich nicht antworte, schiebt er hinterher: „O nein, sag nicht, mir blüht das gleiche Schicksal wie dem riesigen Jungen!“ Er fasst sich theatralisch mit der rechten Hand an seine Brust und tut so, als hätte er Schmerzen.

„Entschuldige! Ich bin Amy“, sage ich und lächle ihn an. Er könnte definitiv eine Option sein. Deswegen schlage ich schnell die Augen nieder und nehme einen Schluck von meinem Gin Tonic. Nicht, dass ich seinem Blick nicht standhalten könnte, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass es den Männern oft lieber ist, wenn man ein bisschen schüchtern und mädchenhaft tut. Je mehr ich ihnen das Gefühl vermittle, mich zu erobern, desto eher kriege ich am Ende das, was ich suche. Und da dies für uns alle ein Spiel ist, gebe ich ihm, was er braucht.

„Und, wie geht’s dir, Amy?“ Mir gefällt es, wie er meinen Namen sagt. Und dass er mir eine Frage stellt. Obwohl ihn das natürlich nicht wirklich interessiert.

„Gut, danke der Nachfrage. Und selbst?“ Ich zupfe an dem Haargummi herum, den ich um mein Handgelenk trage.

„Deutlich besser, jetzt, wo ich eine interessante Gesprächspartnerin gefunden habe“, sagt er und zieht seinen linken Mundwinkel zu einem schiefen flirty Lächeln nach oben, das seine Wirkung bestimmt nie verfehlt. Er ist also tatsächlich so einer. Ich frage mich, ob er ein bisschen herausgefordert werden will.

„Wie kommst du darauf, dass ich eine interessante Gesprächspartnerin bin?“, frage ich und rechne mit billigen Komplimenten. Ob ich sie annehme und es ihm leicht mache oder ihn erst noch ein bisschen zappeln lasse, entscheide ich dann.

„Du hast gerade einen Jungen auf eine sehr sympathische Weise abblitzen lassen. Das zeigt, dass du etwas von Menschen verstehst. Ob das jetzt intuitiv war oder vorsätzlich, kann ich nicht sagen. Beides finde ich interessant.“

Wie bitte? Ich bin ziemlich baff über diese Antwort. Er scheint zu merken, dass er mich überrumpelt hat, denn er grinst zufrieden. Mir fällt auf, dass er schöne Zähne hat.

„Aaaah“, sagt er. „Du dachtest, ich würde dich hier ohne Sinn und Verstand anmachen. Sorry, dass ich dich enttäuschen muss. Wenn ich jemanden anmache, dann immer mit Sinn und Verstand.“

Er ist gut. Wirklich gut. Leicht überheblich, aber dabei so charmant, dass man sich ihm nicht entziehen will.

„Und was bringt dich hierher?“, fragt er und lenkt unser Gespräch damit wieder auf unverfänglicheres Terrain.

„Ich hatte eine anstrengende Woche“, sage ich und meine damit eigentlich alle Wochen.

„Erzählst du mir davon?“, fragt er und blickt mich aus seinen karamellbraunen Augen an.

Ich verschlucke mich beinahe an meinem Drink. Er fragt allen Ernstes, ob ich ihm von meiner Woche erzählen will? Normalerweise bin ich diejenige, die anderen Interesse entgegenbringt. In den allermeisten Fällen werde ich dafür auch noch angemault. Sams Augenbrauen sind nach oben gezogen, was seinem Gesicht eine sexy Offenheit verleiht. Ob er all das vor dem Spiegel übt? Es sieht nonchalant aus. Aber ich bin mir sicher, er weiß ganz genau, wie er auf seine Mitmenschen wirkt.

„Das willst du doch nicht wirklich hören“, sage ich und mache eine wegwerfende Geste.

„Woher weißt du, was ich hören will?“, fragt er.

Weil er auf einen Flirt aus ist, der ihm seine Unwiderstehlichkeit bestätigt. „Weil Freitagabend ist und du sicher genug eigenen Stress hast.“

„Ich will es aber wirklich wissen“, sagt er und nimmt einen Schluck von seinem Bier. „Was hat dir diese Woche nicht gefallen?“

Mein Mund verzieht sich unwillkürlich zu einem Lächeln. „Also schön. Du hast gefragt“, beginne ich. „Auf meinem Schreibtisch türmt sich Papierkram, den ich erledigen muss. Dabei hätte ich gern mehr Zeit für wirklich wichtige Dinge. Ich bin Sozialarbeiterin und würde viel lieber Hausbesuche machen. Diese Woche habe ich es nur zu einem meiner Schützlinge nach Hause geschafft. Ebenfalls ein Problemfall, weil ich einfach keinen Job für ihn finde. Und statt auch die anderen zu besuchen, bin ich an den Schreibtisch gefesselt, muss Protokolle schreiben, Anträge verfassen und so weiter. Das nervt mich, auch wenn ich weiß, dass es nötig ist.“ Ich halte kurz inne, um zu sehen, ob Sam schon bereut, gefragt zu haben. Aber er sieht mich ehrlich interessiert an. Also spreche ich weiter. „Einer unserer Sponsoren zieht vermutlich seine Unterstützung zurück, obwohl ich ihn seit Wochen beknie, es nicht zu tun. Das bedeutet, dass ich irgendwo kürzen muss. Und ein Freund von mir, der viel zu alt ist für all den Kram, den er sich aufhalst, ertrinkt im Stress, lässt mich aber nicht helfen.“ Ich atme einmal tief durch. Es tut verblüffend gut, die Dinge laut auszusprechen. Dadurch kommt ein bisschen Struktur in die Sache. „Außerdem musste ich ein Mädchen, für das ich die Verantwortung trage, schimpfen, weil es den Sportunterricht geschwänzt hat.“

„Wow! Das klingt wirklich nach einer anstrengenden Woche“, sagt Sam. „Und was ist an positiven Dingen passiert?“

Ich blicke auf und ihm direkt in die Augen. Er fragt einfach weiter. Das ist verrückt.

Weil ich nicht sofort antworte, sagt er: „Bevor wir jetzt wieder diskutieren: Ja, ich will das wissen, sonst hätte ich nicht gefragt.“

„Okay?“, sage ich etwas unsicher. „Meine Bananenstaude hat zwei Ableger produziert, die ich diese Woche in eigene Töpfe gepflanzt habe. Ich habe alle meine Rechnungen bezahlt und den ersten Band von Harry Potter fertig gelesen.“ Die Information, dass ich das Buch Jeannie, meinem Pflegekind, vorgelesen habe, unterschlage ich. Jeannie, die den heutigen Abend bei ihrem Bruder Rhys verbringt.

„Und? Wie hat er dir gefallen?“

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viel über mich selbst gesprochen habe. Es gefällt mir. Ich fühle mich seltsam ernst genommen. „Ich fand ihn toll.“

„Der dritte Band ist der beste, wenn du mich fragst.“ Er grinst. „Auf den kannst du dich schon mal freuen.“

Ich räuspere mich. Es ist eindeutig ungesund, wie sehr ich es genieße, dass dieser Kerl Interesse an mir zeigt.

»Aber jetzt sag mal, Amy …« Die Art, wie er meinen Namen ausspricht, verursacht eine Gänsehaut auf meinem Arm, und ich spiele erneut mit meinem Haargummi. Es ist, als würde die Bar vibrieren. „Warum sitzt eine so attraktive junge Frau wie du allein in einer Bar herum?“

Jetzt ist er wieder im Flirtmodus. „Und warum bist du an einem Freitagabend allein hier?“, frage ich frech.

„Oh, ich war nicht allein“, sagt er, und sein hübsches Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. „Ich hatte ein wirklich erstaunliches Date.“

„Und das ist schon vorbei?“, frage ich.

»Wir … ähm … waren nicht gerade auf einer Wellenlänge. Anders als du und ich.« Er lehnt sich ein bisschen weiter zu mir.

„Woher weißt du, dass wir auf einer Wellenlänge sind?“, frage ich, denn zu leicht will ich es ihm nicht machen.

„Wir sprechen schon fünf Minuten miteinander, und du hast mir noch kein Bild deiner gemachten Brüste gezeigt“, sagt er, als sei es das Normalste der Welt.

„Du hast also hohe Ansprüche an eine Konversation, verstehe.“ Ich erwidere sein Lächeln und stelle fest, dass ich es wirklich so meine.

In diesem Moment habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich werde Sam mit nach Hause nehmen. Und wenn ich seine Blicke richtig deute, hat er jedenfalls nichts dagegen. Ich muss ihm nur schonend beibringen, dass es Regeln gibt.

„Hast du Lust auf einen Ortswechsel?“, frage ich. Er ist überrascht von meiner Direktheit, das sehe ich.

„Was schlägst du vor?“, fragt er mit einem schelmischen, aber wissenden Gesichtsausdruck.

„Ich würde mich gerne entspannen“, sage ich zögerlich.

„Und dabei kann ich dir helfen?“, fragt Sam. „Wie entspannst du dich denn?“

Es fällt mir schwer, mit der Tür ins Haus zu fallen, aber ich habe gelernt, dass es so am einfachsten ist. „Mit Sex.“

Einen Moment lang schweigen wir. Sam blickt mich direkt an, als versuchte er herauszufinden, ob das hier eine Falle ist.

„Das kann ich“, sagt er dann und lacht leise.

Aber kann er es auch auf meine Art? „Hast du Lust, es nach meinen Regeln zu machen?“, frage ich.

Er macht große Augen, sieht aber nicht abgeschreckt aus. „Ich schätze, es kommt darauf an, was deine Regeln sind“, sagt er und rückt ein Stück näher an mich heran.

„Ich muss die Kontrolle haben.“

„Kein Problem.“

„Und ich werde dabei nicht gerne angefasst.“


4
Sam
Dieser Abend hat eine überraschende Wendung genommen. Aus einem völlig verkorksten Date wurde ein unverhoffter Flirt, der sich gerade zu einem unverhofften One-Night-Stand steigert. Kaum löscht man so eine Dating-App und beschließt, dass es an der Zeit ist, den Kopf zu sortieren und herauszufinden, wo man emotional eigentlich steht, meint es das Schicksal auf einmal wieder gut mit einem.

Und es verspricht nicht nur ein unverhoffter One-Night-Stand zu werden, sondern etwas Neues, Interessantes. Nach ihren Regeln.

Auf dem Weg zu Amys Wohnung versuche ich mehrfach, Körperkontakt herzustellen. Ich nehme ihre Hand, die warm und weich ist, doch sie entzieht sie mir. An einer Straße will ich meinen Arm um ihre Taille legen, um sie zu küssen, doch sie lacht und schiebt mich weg.

Jetzt schließt sie ihre Wohnungstür auf, und ich stehe mit den Händen in den Hosentaschen ein bisschen unbeholfen hinter ihr. Mein Blick fällt auf ihren Hintern, der in engen Jeans steckt und wundervoll rund und voll ist. Ich trete einen Schritt auf sie zu, um sie von hinten an mich zu ziehen. Ich will sie zu mir herumdrehen, sie küssen und meine Hände auf ihren Po legen.

Doch in diesem Moment schnappt das Schloss auf, und Amy tritt in die dunkle Wohnung.

„Würdest du deine Schuhe ausziehen?“, bittet sie mich. „Ich habe heute erst gesaugt.“

Ich tue, wie mir geheißen, und entledige mich meiner leicht ausgetretenen braunen Lederschuhe.

„Magst du noch etwas trinken?“, fragt Amy, und mir fällt auf, dass sie bei ihren s-Lauten ein ganz klein wenig durch die Zähne pfeift. Man merkt es so gut wie gar nicht, aber in diesem Moment in ihrer stillen Wohnung nehme ich jedes noch so kleine Detail wahr.

„Klar, gern“, erwidere ich und folge ihr einen langen Flur hinunter.

In der Tür zur Wohnküche bleibe ich stehen. Ich lehne mich in bester James-Dean-Manier gegen den Türrahmen und lasse die Szenerie auf mich wirken. Es ist ein großer Raum, der von einer Reihe Industrielampen, die über einem großen, hellen Holztisch von schwarzen Kabeln hängen, beleuchtet wird. Auf der einen Seite wird die gesamte Wand von einer Küchenzeile eingenommen. Die Arbeitsplatte ist dunkelgrau, die Einbauschränke weiß. Vor dem riesigen deckenhohen Fenster steht eine beachtliche Sammlung an Blumentöpfen mit Grünpflanzen darin.

Amy nimmt eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank, schnappt sich zwei Gläser und schaltet das Licht wieder aus, sodass der Raum nur durch die Straßenbeleuchtung von draußen erhellt wird. Sie geht an mir vorbei, ohne mich auch nur mit dem Arm zu streifen. Ich grinse in die Dunkelheit, weil ich mir, trotz meiner nicht unerheblichen Erfahrung mit derartigen Situationen, seltsam fehl am Platz vorkomme.

Man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass ich ziemlich dategeübt bin. Und viele dieser Dates – besonders in letzter Zeit – endeten im Schlafzimmer. Doch eine Frau wie Amy ist mir dabei noch nie untergekommen. Es fasziniert mich, wie selbstsicher sie sich bewegt und wie wenig Spielraum sie mir lässt. Das scheinen die Regeln zu sein, von denen sie gesprochen hat.

Ihr Schlafzimmer ist ebenso modern eingerichtet wie die Küche. Über einem Doppelbett hängt ein großformatiges abstraktes Gemälde. Bunte Farbsprenkel und ausladende Pinselstriche, in deren Anordnung ich auf den ersten Blick nichts erkenne. Doch nach einigen Sekunden entsteht aus dem Chaos eine tanzende Menge, dann eine seltsame Fratze. Schließlich glauben meine Augen, darin ein Frauengesicht zu sehen, und ich wende mich ab, ehe ich analysiere, was mein Kopf mir einsagt.

„Hast du vielleicht Musik?“, frage ich, als Amy mir ein Weinglas reicht.

„Hättest du gern Musik?“ Ihre Stimme klingt erstaunt.

„Ist nicht unbedingt nötig“, sage ich, nippe an meinem Glas Wein und muss wieder grinsen.

Ich mache einen Schritt auf sie zu, um die Distanz zwischen uns zu überwinden. Wenn wir miteinander schlafen wollen, wäre es gut, irgendwann mit dem Körperkontakt zu beginnen.

Sie trinkt ebenfalls einen Schluck und stellt das Weinglas auf ihrer Kommode ab. Dann, ohne Vorwarnung, zieht sie sich auf einmal ihr schwarzes Tanktop über den Kopf. Ich bin so überrascht, dass ich mitten in der Bewegung innehalte.

„Willst du dich vielleicht auch ausziehen?“, fragt sie und sieht mich auffordernd an.

Ich beginne mein Hemd aufzuknöpfen und verfluche mich dafür, dass ich mir heute nichts Praktischeres angezogen habe. Der Anblick von Amy in Unterwäsche – denn sie hat sich inzwischen auch ihrer Jeans entledigt –, macht mich ziemlich an, sodass ich mich kaum auf meine Knopfleiste konzentrieren kann. In meiner Hose pocht es bereits. Während ich noch an meinen Knöpfen herumzerre, gehe ich zu ihr. Ich will sie küssen. Mit der linken Hand fummle ich weiter an meinem Hemd herum, während ich meine rechte Hand in Amys Nacken lege und sie sanft zu mir ziehe. Ihre langen blonden Haare sind weich, und ich kann es nicht erwarten, ihr endlich nah zu sein.

Doch sie entwindet sich meinem Griff in dem Moment, da ich endlich meine Lippen auf ihre senken will. Sie schüttelt sanft den Kopf und schiebt mich zurück und gegen die Wand. Dann nimmt sie einen Haargummi von ihrem Handgelenk, bindet sich die Haare gekonnt zu einem praktischen Dutt, als würde sie gleich zum Sport gehen, und beginnt die Knöpfe meines Hemdes selbst zu öffnen.

„Amy“, flüstere ich und lege meine Arme sanft um ihren Körper. Ich versuche erneut, sie an mich zu ziehen, doch sie weicht zurück. Was soll das? Warum macht sie das? Es ist frustrierend!

„Ich habe die Kontrolle, weißt du noch?“, fragt sie.

„Ja, schon, aber bedeutet das, dass ich dir gar nicht nahekommen darf?“ Ich bin ein bisschen verwirrt.

„Lehn dich einfach zurück, und lass mich machen, okay?“

Etwas enttäuscht beuge ich mich ihrem Wunsch, obwohl ich eigentlich nichts lieber will, als meine Hände über ihre glatte Haut wandern zu lassen. Als sie gesagt hat, dass sie nicht gern angefasst wird, bin ich nicht davon ausgegangen, dass ich einfach nur ein Statist sein würde.

Sie öffnet einen Knopf nach dem anderen und lässt dann einen Finger über meinen Oberkörper wandern, bis ihre Hand an meinem Hosenbund angekommen ist. Gekonnt zieht sie den Gürtel auf und öffnet den Reißverschluss meiner Hose. Ich beeile mich, die Jeans hinunterzuziehen. Dabei beuge ich mich leicht vor, sodass meine Nase Amys Haare berührt. Sie duftet süß und blumig.

„Willst du dich schon mal aufs Bett legen?“, fragt sie leise – und ja, natürlich will ich das!

Ich positioniere mich in der Mitte des Betts und betrachte Amy dabei, wie sie das Licht etwas dimmt. Unwillkürlich muss ich bei ihrem Anblick lächeln und streiche mir mit der Hand einmal fest über meine Boxershorts, weil mein Penis immer mehr nach Aufmerksamkeit giert.

Amy setzt sich zu mir aufs Bett. Ihr Körper sieht in dieser relativ sportlichen Unterwäsche unglaublich heiß aus. Ihre Haut wirkt seidig und glatt. Ich richte mich auf und lege meinen Arm um ihre Taille. Ihr nah zu sein, sie Haut an Haut zu spüren, erregt mich so sehr, dass ich mich am liebsten sofort auf sie stürzen würde. Doch ich muss vorsichtig sein.

„Stopp“, sagt sie und schreckt in dem Moment, als ich beginne, sie wirklich zu spüren, zurück. Sie hebt ihren Zeigefinger, wie um mich zu ermahnen. Anscheinend habe ich eine Grenze überschritten, von der ich dachte, dass sie beim Sex immer überschritten würde.

„Ähm“, beginne ich, „was genau hab ich falsch gemacht?“

„Du hast gesagt, wir machen es nach meinen Regeln.“

Ich sehe ihr in die Augen, doch sie weicht meinem Blick aus. „Und das werden wir“, verspreche ich. »Aber ich muss dir doch nah sein dürfen …« Den letzten Satz formuliere ich fast als Frage.

Amy rutscht ein Stück von mir weg. „Also“, sagt sie und setzt sich auf die Bettkante, sodass sie mir nun ihren makellosen Rücken zuwendet. „Ich weiß, dass dir das seltsam vorkommen muss. Aber das mit den Berührungen, das läuft nicht. Wenn du mit mir schlafen willst, muss es ohne gehen.“

»Aber wie …«, setze ich an, und sie sieht zu mir. Mit einem verständnisvollen und gleichzeitig entschlossenen Blick.

„Wir werden uns nah sein. Nah genug zumindest, damit dein Penis in mir steckt. In der Regel reicht das aus.“ Ein feines Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. Sie scheint sich durchaus der Tatsache bewusst zu sein, dass alles, was aus ihrem Mund kommt, höchst merkwürdig klingt. „Für die meisten ist das in Ordnung. Was sagst du?“

Mir entfährt ein leises Lachen, aber zum zweiten Mal an diesem Abend beginne ich zu zweifeln. Ich bin mir plötzlich unsicher, ob ich das hier wirklich so reizvoll finde, wie meine Erektion mir auf wenig subtile Weise mitteilt.

„Zieh dich doch einfach schon mal ganz aus“, sagt Amy sanft. Es steht außer Zweifel, dass sie mich will – und das gefällt mir. Ich habe noch nie einer Frau widerstanden. Doch ich zögere. Natürlich würde diese abgefahrene Situation zu bombastischem Sex führen. Aber gleichzeitig fühle ich mich wie ein Mittel zum Zweck.

Ich setze mich auf und räuspere mich. „Deine Regeln in allen Ehren, Amy, aber ich weiß nicht, ob das für mich so funktioniert.“

An ihrer Reaktion erkenne ich, dass sie enttäuscht ist. „Okay, schade“, sagt sie.

„Passiert dir das öfter?“ Ich kann nicht anders, als zu fragen.

„Ab und zu“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Sie steht auf und zieht sich ihr Tanktop wieder über. „Mir ist schon klar, dass das nicht jedermanns Sache ist. Ich respektiere das.“

„Ich brauche einfach etwas mehr als einfach nur meinen Penis in dir“, versuche ich zu erklären, aber anscheinend ist das gar nicht nötig. Auf einmal muss ich kichern, weil alles an diesem Abend so merkwürdig ist.

Sie lächelt, sodass ich die kleine niedliche Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen sehen kann. „Damit kann ich leider nicht dienen“, sagt sie. „Nicht mein Ding. Ich hoffe, das ist auch für dich in Ordnung?“ Da ist es wieder, dieses leise, kaum hörbare Pfeifen, das bewirkt, dass ich meine Entscheidung beinahe bereue.

Doch dann fange ich mich wieder und schüttle immer noch lachend den Kopf. „Du bist wirklich seltsam.“ Nach einem kurzen Moment, in dem wir uns ansehen, setze ich mich auf. „Ich schätze, ich gehe dann mal.“

„Okay“, sagt Amy und erwidert mein Lachen. Es tut gut, dass wir nicht ernst bleiben müssen. Die Situation ist unangenehm genug, da ist ein bisschen Humor genau das Richtige.

Ich stehe auf, sammle meine Klamotten zusammen und ziehe mich an. Kurz schüttle ich den Kopf, um auf das, was gerade zwischen uns war, klarzukommen.

Auf einer Kommode entdecke ich Harry Potter und der Stein der Weisen. Um meine eigene Selbstsicherheit wiederzufinden, schlage ich es auf – und erstarre. Das ist unmöglich. Das kann nicht sein. Mein Herz schlägt einmal, zweimal aus der Reihe. Ich blicke zu Amy und weiß, dass auch sie in diesem Moment eins und eins zusammenzählt.

Falls du mal eine Pause von dieser Welt brauchst, lese ich, kannst du immer hierherkommen, liebe Jeannie. Die letzten Worte lauten: Dein Sam.


5
Amy
Als ich am nächsten Morgen erwache, fühle ich mich wie gerädert. Ich habe mich die ganze Nacht herumgewälzt. Die Entspannung hätte ich wirklich gut brauchen können. Aber um welchen Preis? Und da ist noch etwas anderes. Etwas wie Scham oder Schuld. Ein mir nur allzu bekanntes Gefühl. Etwas, das macht, dass es in meiner Brust eng wird und unangenehm kribbelt. Ich hätte fast mit Sam geschlafen. Flirty Sam, der glaubt, so cool zu sein wie James Dean. Sam, der Bezug zu einem meiner Schützlinge hat.

Mit nichts als einem schlabbrigen T-Shirt bekleidet tapse ich in die Küche, um mir einen Kaffee zu kochen. Ich muss erst mal richtig wach werden und meine Gedanken sortieren. Frühstück habe ich nicht im Haus, weil ich es nicht geschafft habe, einkaufen zu gehen. Das steht auf der Liste der To-dos für heute. Früher war es egal, ob Essen im Haus war. Aber seit ich die Verantwortung für ein zehnjähriges Mädchen übernommen habe, geht es eben nicht mehr nur um mich. Sie braucht Lunchpakete für die Schule, eine ausgewogene Ernährung. Dennoch habe ich es bisher keine Sekunde lang bereut, Jeannie bei mir aufgenommen zu haben. Sie ist ein bezauberndes Mädchen, und wenn ich helfen kann, denke ich nicht lange darüber nach. Zu geben ist mein Lebensinhalt, meine oberste Priorität und Pflicht. Und Jeannie hat die Chance verdient, ein normales Leben zu führen, nachdem ihre ersten zehn Lebensjahre eher traumatisierend waren. Eine schwache Mutter, ein älterer Bruder, den sie jahrelang nicht gesehen hatte, weil er im Gefängnis saß, ein krimineller, teilweise gewalttätiger Vater, der sie nach dem Tod ihrer Mutter sich selbst überließ.

Dass ihr Bruder Rhys, der mithilfe meines Resozialisierungsprojekts wieder voll im Leben angekommen ist, sie da rausgeholt hat, war ihr großes Glück. Auch wenn die Befreiungsaktion nicht unbedingt legal war. Doch schließlich ist alles gut ausgegangen, das Gericht hat entschieden, dass Jeannie bei mir wohnen darf, und sie entwickelt sich prächtig. Dass sie neben mir auch noch ihren großen Bruder und dessen Freundin als Bezugspersonen hat, erleichtert mir die Rolle der Ersatzmutter, auch wenn ich weiß, dass ich am Ende die Verantwortung trage. Und darunter fällt definitiv nicht, dass ich in ihrem Bekanntenkreis herumvögle, egal, wie nötig ich es habe. Egal, wie dringend ich mir zeigen muss, dass Sex Normalität für mich ist.

Ich stelle meinen kleinen Espressokocher, den ich mit Wasser und Kaffeepulver gefüllt habe, auf den Gasherd und entzünde die Flamme. Dann spüle ich die Weingläser von letzter Nacht.

Sam war nett. Ohne Frage. Ich habe die Unterhaltungen mit ihm genossen, habe den Anblick seines Körpers genossen. Es war unkompliziert, nett. Bis zu dem Moment, da er Gott sei Dank die Reißleine gezogen hat. Ich weiß, dass meine Bedürfnisse und Vorlieben nicht ganz alltäglich sind, und manchmal ist es schwer, meinem Sexualpartner begreiflich zu machen, dass es mir ernst mit meinen Grenzen ist. Deswegen habe ich vollstes Verständnis dafür, wenn es dem Kerl in meinem Bett zu viel wird. Meistens wird es das nicht.

Bei Sam hatte ich eigentlich ein gutes Gefühl. Ich fühlte mich relativ sicher mit ihm und so, als würde er meine Wünsche, meine Bedürfnisse (denn das trifft es wohl eher) respektieren. Und das tat er ja auch – zumindest bis zu dem Punkt, als er zu begreifen schien, was das wirklich bedeutet. Manchmal dauert es eine Weile, obwohl ich von Anfang an mit offenen Karten spiele. Für mich ist Sex eine Methode, Dampf abzulassen und mich normal zu fühlen, indem ich mich meiner Physis vergewissere. Und wer sich damit unwohl fühlt, hat jederzeit das Recht abzubrechen. Das passiert allerdings sehr selten. Ganz falsch kann es also nicht sein. Zumindest solange ich Sex und Privates nicht mische.

Egal, denke ich jetzt. Scheiß drauf. Es ist ja nichts passiert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn noch mal wiedertreffe, ist sehr gering. Seit Jeannies Willkommensparty vor ungefähr vier Monaten, auf der er ihr das Harry-Potter-Buch geschenkt hat, haben wir uns nur dieses eine Mal zufällig getroffen. Die Berührungspunkte sind also minimal. Niemand wird je erfahren, was beinahe zwischen uns war.

Der Kaffee in der metallenen Kanne beginnt zu blubbern, und ich drehe die Flamme aus. In einem Becher erhitze ich Milch in der Mikrowelle, dann kommt der frische Espresso dazu. Ich setze mich mit meinem Becher an den Esstisch. Meine Füße stelle ich auf den Stuhl neben mir und schaue aus dem Fenster. Sonnenlicht fällt durch die Glasscheibe, die vom Boden bis zur Decke reicht. Durch meine Pflanzen schimmert es grün und freundlich. Grüne Hölle nennt Malcolm meine Wohnküche. Ich nehme es als Kompliment. Ich liebe alle meine Pflanzen. Die verschiedenen Palmen, meine Bananenstauden, meine Ficus-Pflanzen und all die anderen. Am liebsten habe ich meinen Avocadobaum, den ich selbst aus einem Kern gezüchtet habe. Es war im ersten Jahr in meiner eigenen Wohnung. Seither ist er riesig geworden. Vor einem Jahr hat er sich sogar erneut verzweigt, obwohl ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte.

In Gedanken strukturiere ich meinen Tag und verbanne die Gedanken an letzte Nacht. Malcolm kommt gleich vorbei, um mit mir die sehr renovierungsbedürftige Nachbarwohnung zu begutachten. Ihm gehört das Gebäude, in dem sich neben meinem Büro und meiner Wohnung leer stehende Ladengeschäfte im Erdgeschoss und die ebenfalls leer stehende Wohnung im zweiten Stock neben meiner befinden. Ganz oben ist noch ein Atelier, das ich früher benutzt habe. Früher, als ich noch gemalt habe. Als ich noch ein Motiv hatte.

Das Haus sieht aus, als würde es bald auseinanderfallen, aber Malcolm ist eigentlich zu alt, um sich um die Instandhaltung zu kümmern. Trotzdem reißt er sich immerzu den Allerwertesten auf, um hier und da auszubessern und zu renovieren. Ich wünschte, ich könnte ihm mehr unter die Arme greifen, aber mir fehlt meistens schlicht die Zeit. Heute wollen wir allerdings gemeinsam überlegen, was man mit der Nachbarwohnung anstellen könnte.

Rhys wird Jeannie gegen Mittag vorbeibringen, sodass ich sie zum Wocheneinkauf mitnehmen kann. Sie liebt große Supermärkte. Ihre Begeisterung, als ich sie das erste Mal zu SuperFoods mitgenommen habe, werde ich nie vergessen. Ich habe selten ein so strahlendes Kindergesicht gesehen wie in dem Moment, als ich ihr sagte, sie dürfe sich etwas aus dem Süßigkeitenregal aussuchen. Wir standen eine geschlagene Stunde davor, während sie von einem Ende zum anderen lief, verschiedene Schokoladentafeln in ihren Händen wog, Gummibärchen-Packungen verglich und versuchte, sich zu entscheiden. Wenn ich darüber nachdenke, wie toll sie sich in den letzten Monaten entwickelt hat, bekomme ich eine Gänsehaut, und ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus. Dass ich ihr helfen konnte, es immer noch tue, ist das schönste Geschenk für mich, und ich empfinde beinahe so etwas wie Stolz über ihre Entwicklung. Ich weiß, dass sie es selbst geschafft hat. Aber ich habe sie auf ihrem Weg dorthin unterstützt. Es wird noch etwas dauern, aber ich habe das Gefühl, dass sie von Tag zu Tag mehr zu dem Mädchen wird, das sie eigentlich sein sollte. Sie erlangt ihre Kindlichkeit zurück. Ihre vernachlässigte Seele wird vermutlich immer Narben zurückbehalten, aber ich setze alles daran, ihr zu zeigen, wie sie mit ihnen fertigwerden kann. Und auch körperlich holt sie auf. Sie ist zwar immer noch deutlich kleiner als die anderen Kinder in ihrer Klasse – und mit Abstand das dünnste Mädchen, das ich je gesehen habe –, aber von Woche zu Woche macht sie Fortschritte.

 

Eine Stunde später schließt Malcolm die Nachbarwohnung auf. Die Tür öffnet sich mit einem knirschenden Geräusch.

„Wann war das letzte Mal jemand hier drin?“, frage ich.

„Das ist schon Jahre her. Meine Mieter sind ausgezogen, und ich bin nie dazu gekommen, noch mal nach dem Rechten zu sehen. Ein Makler hat sich damals um alles gekümmert. Und ich dachte, der Aufwand würde sich nicht mehr lohnen.“

Wir betreten die Wohnung. Unter unseren Schuhen kratzt Schmutz auf dem nackten Estrich.

„Warum ist hier kein Fußboden verlegt?“, frage ich.

„Ach, Kindchen“, erwidert Malcolm. „Bevor du hierhergezogen bist, wollte ich das Haus doch eigentlich abreißen. Und ich bleibe dabei, das wäre immer noch das Beste.“ Als er meinen Blick sieht, hebt er beschwichtigend die Hände. „Keine Sorge. Solange du hier glücklich bist, bleibt alles, wie es ist. Und du hast ja recht. Man kann sicher etwas Sinnvolleres mit der Wohnung machen, als sie leer stehen zu lassen.“

Malcolm hat mit der Leitung seines Cafés und seinen anderen Immobilien, die er zu fairen Preisen an Bedürftige vermietet, eigentlich mehr als genug zu tun. Deswegen habe ich ihm vorgeschlagen, mich selbst um die leer stehende Wohnung zu kümmern. Aber davon wollte er nichts wissen. Manchmal denke ich, er vergisst einfach, dass er inzwischen schon über siebzig ist.

Die Wohnung ist geschnitten wie meine, nur spiegelverkehrt. Der erste Raum – Wand an Wand mit meinem Schlafzimmer – hat fleckige Wände. Irgendjemand hat in der Mitte behelfsmäßig einen Schuttberg zusammengekehrt. In dem Raum, der bei uns das Kinderzimmer ist, wurde scheußlicher Vinylboden in Holzoptik verlegt. Doch er ist an vielen Stellen aufgerissen. Dicke Staubfäden, die man durch die hereinscheinende Sonne besonders deutlich sieht, hängen von der Decke.

„O weh“, stöhnt Malcolm. „Das ist ein richtiges Projekt. Die Wohnung muss eigentlich grundsaniert werden.“ Er blickt mich aus seinen durch die dicke Brille stark vergrößerten Augen an. Dann verzieht sich sein Mund zu einem Lächeln. „Also. Wann fangen wir an?“

„Du fängst mit gar nichts an, Mal“, sage ich bestimmt. „Du hast genug zu tun.“

„Soll das heißen, du schließt mich aus?“, fragt er beleidigt. „Ich bin sehr wohl in der Lage, eine Wohnung zu renovieren.“

„Das weiß ich“, sage ich schnell. „Aber ich dachte, vielleicht könnte es ein Projekt werden, das ich mit den Jungs mache?“ Ich kann ihm nicht den wahren Grund nennen, warum ich ihn nicht dabeihaben will. Dass ich mir Sorgen mache.

„Bist du dir sicher, dass du mich nicht brauchst?“ Er klingt unsicher, aber, wenn ich mich nicht irre, auch etwas erleichtert.

„Ich habe meine Wohnung doch auch hingekriegt.“ Natürlich war es ein hartes Stück Arbeit, und immerhin war drüben in allen Räumen Holzfußboden verlegt, den man nur noch abschleifen musste, aber jetzt ist es dennoch ein richtiges Zuhause.

„Ich will nicht, dass du in deiner Freizeit auch noch für mich Wohnungen renovierst“, sagt Malcolm. „Du tust so viel, du solltest dich auch mal um dich selbst kümmern.“

Innerlich schnaube ich. Das sagt der Richtige. Und vielleicht kann mir irgendwann einmal jemand erklären, welche Probleme es löst, wenn man sich um sich selbst kümmert. Bis dahin habe ich leider Besseres zu tun.

„Mach dir um mich keine Sorgen, Mal“, sage ich deswegen.

„Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran, dass du das alles schaffst, Amy“, sagt Malcolm und lächelt mich an. Seine Augen sehen müde aus, aber ich weiß, dass sein Kopf hellwach ist.

„Pass du lieber auf, dass du dir nicht zu viel aufhalst“, rate ich ihm noch, aber er winkt nur ab.

In der Küche stehen ein alter Herd und zwei Küchenschränke, deren Türen halb abgerissen aus den Angeln hängen. Ebenso wie bei mir drüben ist es auch hier hell und, da die Fenster nach Osten blicken, morgens sonnendurchflutet. Die Wohnung hat auf jeden Fall Potenzial, auch wenn man natürlich – da hat Malcolm schon recht – einiges an Arbeit hineinstecken müsste.

„Lass uns rüber zu dir in die grüne Hölle gehen und einen Plan aufstellen“, schlägt Malcolm vor.

 

Wir sitzen an meinem Küchentisch nebeneinander, vor uns der selbst gezeichnete Grundriss der Wohnung. Er ist nicht maßstabsgetreu, aber das werde ich nachholen, wenn wir konkreter werden.

„Wir müssten überall Boden verlegen“, beginne ich. „Die Wände müssen frisch gestrichen und die Leitungen überprüft werden. Eine Einbauküche würde sicher nicht schaden, aber vielleicht finde ich etwas Gebrauchtes.“

„Und dann? Würdest du die Wohnung vermieten wollen? Ich kann mich gerne um die Instandhaltung kümmern.“ Er lässt einfach nicht locker.

„Das würde ich übernehmen“, sage ich deswegen.

„Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Deswegen hast du ja auch Zugang zu diesem Gebäude. Aber Mieter können richtig viel Ärger machen.“

„Ich könnte die Wohnung für eine weitere Wohngemeinschaft brauchen“, gebe ich zu bedenken, denn bezahlbarer Wohnraum ist ein knappes Gut.

„Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragt Malcolm. „Du hättest gar keinen Feierabend mehr.“

Ich nicke langsam. Malcolm hat recht. Nicht alle Fälle sind kooperativ. Nicht jedem kann ich helfen. Das musste ich schon mehrfach einsehen.

„Okay, dann suchen wir uns eben einfach Mieter. Und ich bestehe darauf, dass ich mich darum kümmere. Du musst nur versprechen, das Haus nicht abzureißen.“ Ich lächle Malcolm an.

„Was ist mit den Kosten der Renovierung?“, fragt er dann.

„Abgesehen von den Leitungen, mit denen mir Maliks Dad vielleicht helfen kann, wären es nur Materialkosten.“ Malik nimmt ebenso wie Jeannies Bruder an meinem Resozialisierungsprogramm teil. Sein Vater ist Elektriker und freut sich sicher über einen Auftrag. „Aber die Kosten hätten wir mit zwei bis drei Monatsmieten wieder drin“, sage ich und überschlage im Kopf kurz den finanziellen Aufwand von Farbe und Laminat.

„Du weißt, ich kann dir ohnehin nichts ausschlagen. Das war so, als du mit siebzehn vor meiner Tür standst, und das ist auch heute noch so“, sagt Malcolm und macht Anstalten, meinen Arm zu drücken. Doch im nächsten Moment zieht er seine Hand zurück. Er kennt mich besser als jeder andere, und ich weiß es sehr zu schätzen, dass er so zurückhaltend ist. „Ich gebe dir das Geld für die Renovierungsarbeiten.“

„Ich verspreche, ich zahle es so schnell wie möglich zurück“, sage ich und strahle ihn an. „Du wirst die Wohnung nicht wiedererkennen!“

„Versprich mir nur, dass du auf dich achtgibst.“

„Immer“, sage ich. Einen Moment lang schweigen wir. Da ist noch etwas anderes, doch ich hasse es, die Bittstellerin zu sein. Schließlich räuspere ich mich und fasse mir ein Herz. »Es gibt da noch etwas …«

Malcolm sieht auf, und seine Mundwinkel zucken nach oben. „Na los, raus damit.“

„Ein Sponsor hat sich zurückgezogen.“ Ich mache eine kleine Pause. „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Wahrscheinlich muss ich das Programm zurückfahren.“

„Das tut mir leid“, sagt Malcolm, und in seiner Stimme schwingt aufrichtiges Bedauern mit.

„Ich habe mir schon überlegt, ob es möglich wäre, die individuelle Betreuung auf ein Dreivierteljahr zu kürzen.“ Jeder meiner Schützlinge hat nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ein Jahr Zeit, um wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Das ist länger als bei anderen Programmen, aber dafür hat es bisher jeder, der das volle Jahr bei mir war, geschafft. Malcolm und ich haben damals lange darüber gesprochen. Wir haben Gefängnispsychologen zurate gezogen und die Erfolgsquoten von anderen Programmen verglichen.

„Wenn du die Wohnung vermietest, behältst du die Mieteinnahmen einfach. So machen wir das“, sagt Malcolm.

»Aber …« Mir steht der Mund offen. Wäre ich ein Mensch, der weint, würden mir vermutlich Tränen der Rührung kommen. Doch ich kann das nicht annehmen. Malcolm tut schon mehr als genug. Seit Jahren. Er hat mich in meiner dunkelsten Stunde bei sich aufgenommen, als ich keinen Ort mehr hatte, an den ich gehen konnte. Er stellt mir die Räume kostenlos zur Verfügung, beschäftigt jugendliche Straftäter in seinem Café …

„Kein Aber“, sagt er bestimmt. „Du kümmerst dich um alles, da solltest du auch über das Geld verfügen dürfen.“ Er legt seine Hand behutsam auf meine Schulter, und ich lasse ihn gewähren. Er weiß, dass Berührungen für mich weit außerhalb meiner Komfortzone liegen, auch wenn wir nie wirklich darüber gesprochen haben. Aber manchmal siegt auch bei ihm der Impuls über die Zurückhaltung um meinetwillen.

„Aber erst wenn ich dir die Ausgaben für die Renovierung zurückgezahlt habe.“ Diesmal dulde ich keine Widerrede.

Das Geräusch eines Schlüssels in der Tür lässt uns aufhorchen. Das müssen Rhys und Jeannie sein.

„Hallo!“, ertönt Jeannies Stimme von der Tür. Man hört, wie sie ihre Schuhe von den Füßen kickt – obwohl ich ihr immer wieder sage, sie soll sie anständig ausziehen – und den Flur entlang in die Küche rennt. Sie springt sofort auf mich zu und umarmt mich. Jeannie ist der einzige Mensch, der mir derart nahe kommen darf. Das war von Anfang an so. Und da ich weiß, dass sie die körperliche Nähe braucht, lasse ich es geschehen, auch wenn es mir im Augenblick eigentlich zu viel ist. Ich schlinge meine Arme um sie und drücke sie an mich. Je öfter ich es mache, desto leichter wird es – und desto weniger hölzern und steif fühle ich mich dabei.

„Hattest du es schön bei Rhys?“, frage ich.

„Wir haben einen Film gesehen, und Rhys ist eingeschlafen!“ Jeannie lacht.

„Ich dachte, das bleibt unter uns!“, sagt Rhys, der in der Tür aufgetaucht ist. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, muss ich an unsere erste Begegnung denken. An den verbitterten, gebrochenen jungen Mann, der in seiner Gefängniskluft auf den Tisch zugeschlurft kam, an dem ich bereits saß. Seine stechend blauen Augen waren völlig stumpf. Das Einzige, was aus dieser Zeit geblieben ist, ist seine beeindruckende Statur. Seitdem er wieder im Leben angekommen ist und mit gestrafften Schultern vollkommen aufrecht geht, ist das noch auffälliger.

„Ups“, sagt Jeannie und schlägt sich die Hände auf den Mund. Ihre Brille sitzt etwas schief auf ihrer Nase. Wir müssen unbedingt bald eine neue kaufen. Diese hier ist eindeutig verbogen.

Rhys nimmt sich eine Flasche Wasser aus meinem Kühlschrank. Inzwischen gehen wir vollkommen ungezwungen miteinander um. Und er ist so häufig hier bei mir und seiner Schwester, dass er sich wie zu Hause fühlt. Ich genieße es, zu sehen, wie gut es Jeannie und ihm geht. Und ich mag ihre Gesellschaft. Rhys ist mittlerweile mehr ein Freund als einer meiner Schützlinge. Auch wenn er das Programm noch nicht komplett abgeschlossen hat.

„Soll ich dich mit ins Café nehmen, Rhys?“, fragt Malcolm und erhebt sich. „Ich bin mit dem Auto da.“

„Das wäre toll. Wir haben ein bisschen getrödelt, und ich bin knapp dran für meine Schicht.“ Bei dem Wort „wir“ zeigt er auf Jeannie, die ihm die Zunge herausstreckt.

Die Wohnung, die Rhys sich mit seinem Mitbewohner Malik teilt, ist zwar nicht weit entfernt von meiner, aber ein Auto wäre manchmal doch praktisch. Dafür reicht Rhys’ Lohn aus dem Café allerdings nicht aus. Schon seit einiger Zeit denke ich darüber nach, ob es nicht klug wäre, ihm ab und zu mein Auto zu leihen. Dann wären wir deutlich flexibler, wenn es um Jeannies Betreuung geht.

Ich betrachte das zierliche Mädchen, wie sie ihren Bruder umarmt. Für sie wäre es sicher schöner, wenn sie ihn öfter sehen würde.

Blick ins Buch
Finde mich. JetztFinde mich. Jetzt

Roman

Sie ist sein Hoffnungsschimmer in der dunkelsten NachtVon der Liebe bitter enttäuscht, zieht Tamsin zum Literaturstudium ins kalifornische Pearley. Sie möchte sich auf sich selbst konzentrieren, den Männern hat sie ein für alle Mal abgeschworen. Doch dann trifft sie auf Rhys. Er ist unnahbar und faszinierend. Was Tamsin nicht weiß: Er saß seine gesamte Jugend unschuldig im Gefängnis. Jetzt muss sich Rhys plötzlich in einer ihm völlig fremden Welt behaupten. Auch er fühlt sich zu Tamsin hingezogen, die ihm voller Tatendrang hilft, alles Verpasste nachzuholen. Langsam beginnt er wieder zu vertrauen. Doch Rhys hat Tamsin noch längst nicht alles erzählt …   „Finde mich. Jetzt“ ist der Auftakt einer romantischen New Adult-Reihe der deutschen Neuentdeckung Kathinka Engel. Mit einer großen Portion Gefühl beschreibt die Autorin in der Finde-mich-Reihe das Auf und Ab der Liebe, lässt uns erst tief bewegt zurück und das Herz dann wieder ganz leicht werden. Unter dem Motto „Believe in second chances“ erzählt sie von Neuanfängen, zweiten Chancen und der ganz großen Liebe. Perfekt für alle Fans von Mona Kasten und Laura Kneidl.   Als leidenschaftliche Leserin studierte Kathinka Engel allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin sowie als Übersetzerin und Lektorin. Mit ihrem Debüt „Finde mich. Jetzt“ ist sie unter die Autoren gegangen. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.„Ein zutiefst gebrochener, junger Mann. Eine starke, selbstbewusste und unabhängige Frau. Eine Liebe, die alle Hürden überwindet und die so tief greift, dass mir beim Lesen vor lauter Gefühl fast das Herz explodiert wäre.“ Ina’s Little Bakery   „Eine wunderbare Liebesgeschichte voller zweiter Chancen. Gefühlvoll, emotional und dramatisch! Rhys & Tamsin sorgen definitiv für Herzklopfen!“ primeballerina’s books„Das Buch war großartig! So mitreißend, zart, gefühlvoll. Ich habe mich rettungslos in die Charaktere und die Geschichte verliebt. Ein paar Mal standen mir Tränen in den Augen und dann musste ich einfach nur wieder schmunzeln.“ Kielfeder 

1
Tamsin
Heute ist ein Tag der Gegensätze. Ein Tag der letzten und der ersten Male, ein Tag der einsamen Traurigkeit und ein Tag der stillen Vorfreude. Ich habe zum letzten Mal den Briefkasten meiner Eltern geleert und zum ersten Mal meine neue Adresse auf Pakete geschrieben, die sehr zum Ärger des Postbeamten bis zum Rand mit Büchern und Schallplatten gefüllt waren. Ich habe auf der Beerdigung meines Großvaters zum letzten Mal von der wichtigsten Person in meinem Leben Abschied genommen und blicke gleichzeitig das erste Mal positiv und neugierig auf alles, was vor mir liegt.
Seit einer halben Stunde sitze ich nun endlich allein in meinem Kinderzimmer – in dieser rosa Hölle, in der nichts nach mir und alles nach meiner Mutter aussieht. Die letzten Beileidsbekundungen der Nachbarn konnte ich nicht mehr ertragen.
Sie streckten meinem Vater die Hand hin. „Mr Williams, Ihr Verlust tut uns leid.“ Dann umarmten sie meine Mom. „Mrs Williams, wir fühlen mit Ihnen.“ Niemand kam auf die Idee, mir sein Beileid auszusprechen, obwohl ich die einzige Person in diesem Haus bin, der er etwas bedeutet hat.
Aus der Küche dringt das Scheppern von Geschirr zu mir herauf. Meine Eltern sind also unten und werden mit Sicherheit nicht plötzlich hier hereinplatzen. Denn dass ich inmitten meiner Klamotten auf dem Boden sitze und Koffer packe, würde wohl definitiv zu Fragen führen. Die Fragen würden einen Streit auslösen, und dann müsste ich all meine Pläne begraben. Pläne, die mein Leben verändern sollen. Pläne, die ein aufgeregtes Kribbeln tief in meinem Innern verursachen.
Ich werde von hier weggehen. Heute Nacht, wenn alle schlafen, werde ich Rosedale den Rücken kehren und ein neues Leben beginnen – ein Leben als Studentin im beinahe dreitausend Meilen entfernten Pearley. Ich habe nur noch darauf gewartet, meinem Großvater ein letztes Mal Lebewohl zu sagen. Den Plan, zu gehen, hatte ich bereits in dem Moment gefasst, als er mich hier allein zurückließ. Denn nichts hält mich mehr in diesem provinziellen Nest. Absolut nichts.
Eine Packliste habe ich nicht. Vielleicht ist das waghalsig bei einem Umzug, aber die Dinge, die ich mitnehmen möchte, sind schnell gefunden. Alle Kleidungsstücke, die ich mir selbst ausgesucht habe, werfe ich in meinen Koffer. Was meine Mutter für mich gekauft hat, fliegt ohne jede Ordnung zurück in den Schrank. Ich bestimme, was ich in mein neues Leben mitnehme. Die Beerdigung meines Großvaters war die letzte Gelegenheit, bei der ich mir habe vorschreiben lassen, was ich anziehen soll.
Meine Vintagekleider aus dem Secondhandladen meines Vertrauens, die bestickten Hippieblusen vom Flohmarkt, die original 80er-Jahre-Jeans meiner Tante, die ich vor der Mülltonne gerettet habe – sie alle schaffen es in den Koffer. Nichts davon konnte ich je tragen, ohne dass meine Eltern die Nase rümpften. Mehr als einmal schickten sie mich sogar wieder in mein Zimmer, damit ich mir „etwas Anständiges“ anzog.
Kurz überlege ich, was ich mit meiner Spitzenunterwäsche anstellen soll. Denn ich lasse nicht nur die strengen Regeln meiner Eltern in Rosedale zurück, sondern auch jede Ambition, mich jemals wieder auf eine Beziehung einzulassen. Andererseits brauche ich vielleicht Ersatz, wenn alles Bequeme in der Wäsche ist. Am Ende siegt die Faulheit und ich kippe einfach den gesamten Inhalt der Schublade in meinen Koffer.
Koste das Leben voll aus. Diesen Ratschlag meines Großvaters werde ich beherzigen. Ab jetzt. Ich habe heute zum letzten Mal das brave, folgsame Mädchen gespielt. Denn ich habe zum ersten Mal eine Entscheidung für mich allein getroffen. Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus, als mir bewusst wird, dass all das hier schon bald der Vergangenheit angehört.
Ich sehe es schon vor mir: wie ich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen über Literatur diskutiere, in der Bibliothek arbeite, bis mein Kopf raucht. Ich will mit Sam auf wilde Studentenpartys gehen, neue Leute kennenlernen.
Sam ist mein bester Freund, meine bessere Hälfte. Und nach allem, was war, der einzige Mann, den ich noch in meine Nähe lasse, bis ich ungefähr achtzig bin. Wir waren lange Zeit Nachbarn, bis er fürs Studium nach Kalifornien zog. Inzwischen promoviert er in Pearley. Eigentlich wollte ich ihn darauf vorbereiten, dass sich meine Pläne geändert haben und ich nach Kalifornien komme. Doch zwischen meinen Vorbereitungen und der Beerdigung hatte ich noch keine Zeit, ihn anzurufen. Eine einfache Textnachricht erschien mir zu wenig. Ich will wenigstens seine Stimme hören, wenn er die aufregenden Neuigkeiten erfährt.
Mir vorzustellen, was mich erwartet, verstärkt das kribbelige Gefühl noch. Die Bilder in meinem Kopf machen den Aufbruch so richtig real. Ich wische meine feuchten Hände an einem Oberteil ab, das aussieht, als wäre es in den späten Neunzigern der letzte Schrei bei Sekretärinnen kurz vor der Pensionierung gewesen, und werfe es in den Schrank. Dann setze ich mich auf meinen Koffer, um den Reißverschluss zuzumachen. Hoffentlich platzen die Nähte nicht auf.
Mein Blick wandert durchs Zimmer. Nichts von all dem Kram, den ich zurücklasse, bedeutet mir etwas. Da sind die scheußlichen Nippesfigürchen in ihrer beleuchteten Vitrine, die meine Mutter mir jedes Jahr zum Geburtstag schenkt – natürlich viel zu wertvoll, als dass ich als Kind damit hätte spielen dürfen. Auf meiner Kommode stehen sinnlose Pokale, die von meinen vergangenen Erfolgen bei Buchstabier- und Vorlesewettbewerben zeugen. Das türkisfarbene Ungetüm von einem Ballkleid, das meine Mom mir zum Abschlussball aufgezwungen hat, hängt an der offenen Tür meines begehbaren Kleiderschranks. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass meine Mutter jemals meine Wünsche wahrgenommen, geschweige denn respektiert hätte. Mein Zimmer – ihre Deko. Mein Abschlussball – ihr Kleid. Meine Freunde – ihr Urteil.
Ich lege mich das letzte Mal in mein Bett. Die Kleider behalte ich an, damit ich bereit bin, wenn um vier Uhr mein Wecker klingelt. Meine etwas ramponierte Ausgabe von Pu der Bär liegt noch auf dem Nachttisch. Wie jeden Abend lese ich ein paar Seiten. Denn ich bin überzeugt, wenn man lesend einschläft, werden die Träume schöner. Mit dem Buch in der Hand und dem unangenehm süßlichen Weichspülergeruch meiner perfekt gebügelten Bettwäsche in der Nase schlafe ich langsam ein.

Beim ersten Klingeln des Weckers bin ich sofort hellwach. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt richtig geschlafen habe. Mit einer App auf meinem Handy organisiere ich mir ein Uber. Die Adresse, die ich angebe, ist um die Ecke. Um jeden Preis muss ich verhindern, dass meine Eltern von einem laufenden Motor geweckt werden. Leise schleiche ich mich in mein Badezimmer, putze mir die Zähne und wasche mein Gesicht. Im Spiegel sehe ich irgendwie anders aus als noch vor ein paar Tagen. Irgendwie erwachsener. Als würde ich tatsächlich nicht mehr hierhergehören. Meine braunen Haare wellen sich über meine Schultern. Dazwischen schauen mich zwei etwas zu groß geratene braune Augen an. Ich lächle mir selbst zu, wie um mir zu sagen, dass das hier richtig ist. Und mein Spiegelbild lächelt das erste Mal seit Langem überzeugend zurück.
Ein Neuanfang. Danach sehe ich aus. Und ein Neuanfang soll es werden. Ohne meinen Großvater zwar, aber auch ohne … Nein, ich verbiete mir jeden Gedanken an ihn. Und ohne meine Eltern, die mich am liebsten für immer hier in Rosedale halten würden und die mir keine Wahl gelassen haben, als sie sagten: „Du studierst in Rosedale oder gar nicht.“ Doch jetzt lasse ich ihnen keine Wahl. Ich habe mir fest vorgenommen, ab jetzt mein Leben selbst zu leben. Mich nicht von ihren Ängsten und Bedenken der Welt gegenüber anstecken zu lassen.
Meine letzten Toilettenartikel fliegen zu Pu der Bär in den Rucksack. Es ist die erste große Reise, die dieses Buch unternimmt. Ich setze den Rucksack auf und hebe den Rollkoffer hoch. Um keinen Lärm zu machen, muss ich ihn tragen.
Beinahe lautlos gelange ich ins Erdgeschoss. Erst jetzt erlaube ich mir, auszuatmen. Mein Herz schlägt schnell. Ich stelle den Koffer ab, froh über die Pause, die ich meinen Armen gönnen kann. Dann gehe ich ins Wohnzimmer. Ich traue mich nicht, das Licht einzuschalten, und taste mich behutsam im Halbdunkel vorwärts. Meine Hände erfühlen den Designer-Glastisch, auf dem die Sukkulenten-Sammlung meiner Mutter steht.
Aus meiner Hosentasche ziehe ich einen etwas zerknitterten Brief und lehne ihn an einen der Blumentöpfe. Darin erkläre ich meinen Eltern, dass ich nach Pearley gehe, um mein eigenes Leben zu führen. Es ist vielleicht nicht gerade die feine englische Art, einfach zu verschwinden, aber nach den Erlebnissen der letzten Tage fühle ich mich nicht imstande, einen Kampf mit ihnen auszufechten. Und ein Kampf würde es werden. Es ist einfacher, sie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Das wird es auch für sie leichter machen. Hoffe ich zumindest.
Gegenüber vom Glastisch steht das spießige Blumensofa, auf dem man nicht krümeln darf. Meine Finger gleiten über die Oberfläche. Ob mich bei diesem letzten Mal wohl noch ein wenig Nostalgie oder Wehmut überkommt? Zwei Schritte nach vorn und ich stoße beinahe an den schweren, dunklen Sekretär, für den meine Eltern auf einer Antiquitätenauktion ein Vermögen ausgegeben haben. Das Gesprächsthema Nummer eins bei jeder langweiligen Dinnerparty.
Zurück im Flur ertaste ich mit den Fingern die Garderobe. Im Schuhregal finde ich meine geliebten Chucks. Meinen Eltern waren sie immer ein Dorn im Auge. Ihrer Meinung nach laufen nur „fragwürdige Jugendliche“ mit diesen Schuhen herum. Aber zum ersten Mal in meinem Leben kann mir völlig egal sein, was sie denken oder sagen. Ich schnappe mir meine Jacke von der Garderobe, da es Anfang September in Maine nachts recht kühl ist.
Als ich die Tür öffne, weht mir frische Nachtluft ins Gesicht. Ich atme einmal tief ein und hieve meinen Koffer über die Schwelle nach draußen. Ganz vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter, ziehe ich die Tür hinter mir zu, bis sie mit einem leisen Klicken langsam ins Schloss gleitet. Geschafft!
Noch wage ich es nicht, meinen Koffer zu ziehen, und trage ihn stattdessen die Einfahrt hinunter. Als ich auf der Straße vor unserem Haus stehe, stelle ich den Koffer ab und blicke mich noch ein letztes Mal um. Ich forme mit meinen beiden Daumen und Zeigefingern ein Viereck und konzentriere mich auf den Anblick meines Elternhauses. Diesen Moment will ich in meinem geistigen Fotoalbum festhalten – meinen Abschied von Rosedale. Ich betätige den imaginären Auslöser meiner Kopfkamera. So hat es mir mein Großvater beigebracht, als ich noch klein war. Seine Worte kommen mir in den Sinn: Auf diese Weise kannst du Momente, die nur für dich bestimmt sind, für immer festhalten. Es ist das erste Bild in meinem neuen Album.
Ich mache mich auf den Weg die dunkle Straße entlang, die wie ausgestorben vor mir liegt. Außer meinen Schritten und dem leisen Keuchen, weil mein Koffer von Minute zu Minute schwerer wird, ist kein Geräusch zu hören. Als ich um die Ecke biege, sehe ich dort die Rücklichter meines Ubers.
Der Fahrer, ein etwas mürrisch dreinblickender älterer Herr mit Baseballkappe, hebt den Koffer ohne jede Anstrengung in den Kofferraum.
„Wo soll es denn hingehen?“, fragt er.
„Zum Flughafen bitte“, sage ich mit klopfendem Herzen zum ersten Mal in meinem Leben.


2
Rhys
„So, Mr Bolton“, sagt Powell, einer der Wärter, „dann hoffe ich für Sie und uns, dass wir Sie hier nicht mehr zu Gesicht bekommen.“
Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich „Mr Bolton“ genannt werde. Die letzten sechs Jahre war ich „Bolton“ oder „52899“, Gefängnisinsasse des Pearley Juvenile Prison.
Powell händigt mir eine alte Plastiktüte aus. „Ihre Sachen“, sagt er. In der Tüte befinden sich eine Jeans und ein T-Shirt – die Klamotten, die ich anhatte, als sie mich mit fünfzehn hier eingesperrt haben. Schon damals war mir beides eigentlich zu klein. Was ich jetzt damit soll, weiß ich nicht, aber ich nehme die Tüte brav entgegen und quittiere den Empfang.
Powell eskortiert mich den langen Gang entlang, der neben diversen Hochsicherheitstüren und Schleusen den Trakt 2, in dem ich die letzten Jahre untergebracht war, vom Ausgang trennt. Metall- und Plastikröhren verlaufen an der Decke, und der gesamte Bau scheint zu summen.
Tief im Innern des seelenlosen Gebäudes betätigt jemand einen Knopf. Es ertönt ein dröhnendes Warnsignal – das Zeichen, dass die Tür jetzt entriegelt ist. Sie öffnet sich automatisch, und ich trete hindurch. In die Freiheit. Das erste Mal seit sechs verfluchten Jahren. Die Sonne blendet mich, und ich muss blinzeln. Ich stehe auf dem asphaltierten Vorplatz des PJP und habe das Gefühl, es sollte irgendetwas Großes passieren. Die Welt sollte mich, Rhys Bolton, willkommen heißen. Aber die Welt ist nicht mehr das, was sie war, als ich mich mit fünfzehn von ihr verabschiedet habe. Sie will mich nicht, und ich weiß nichts über sie. Wir sind einander völlig fremd.
Ich gehe einen Schritt und blicke dann noch einmal zurück. So richtig glauben kann ich es noch nicht. Aber tatsächlich, die Tür, durch die ich hinausgegangen bin, schließt sich in diesem Moment wieder – und ich stehe immer noch hier. Außerhalb der hohen Mauern, die jede Freude, jeden Traum ersticken. Draußen. Vermutlich sollte ich glücklich sein, mich verdammt noch mal federleicht fühlen. Aber ich fühle nichts. Ich merke nur, dass meine Jeans und der viel zu große Kapuzenpulli, die meine Sozialarbeiterin mir besorgt hat, zu warm sind für den kalifornischen Sommer. Aber in meine Sachen von damals, die ich als einzige Erinnerung an mein früheres Leben in der Hand halte, passe ich nun mal nicht mehr. Mit dem Jungen von damals habe ich nichts mehr zu tun. Innerlich wie äußerlich. Denn wenn man den Wichsern im PJP körperlich nichts entgegensetzen kann, wird man kaputt gemacht. Noch kaputter. Jetzt kann ich jedem Arschloch, das mir zu nahe kommt, den verdammten Schädel einschlagen.
Obwohl ich weiß, was meine nächsten Schritte sein sollten, stehe ich unschlüssig herum. Ich will mich nicht bei Amy melden. Das ist die Sozialarbeiterin mit dem „richtigen Riecher“ für Kleidergrößen. Sie hat mir ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft besorgt und einen Job in einem Café, das „Leuten wie mir“ eine zweite Chance gibt. Sie hat mir die Adresse ihres Büros aufgeschrieben, dort soll ich mich melden, wenn ich „draußen bin“. Aber ich habe keine Lust. Nicht auf Amy, nicht auf das Zimmer, nicht auf den Job. Ich will hier stehen und mich irgendwann auflösen. Komplett verschwinden. Dieses Leben ist nicht für mich. Für irgendjemanden, sicher. Aber nicht für mich. Für mich ist es eigentlich schon vorbei.
Doch es gibt da eine Sache, die ich mir geschworen habe. Den einen Gedanken, der mich am Leben gehalten hat. Ein Bild steigt vor meinem inneren Auge auf. Es ist verschwommen, so lange ist es inzwischen her. Aber ich halte es fest, klammere mich daran. Und siehe da, meine Füße setzen sich in Bewegung. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Sohlen meiner zu kleinen Schuhe sehr dünn sind und der heiße Asphalt sich langsam in meine Fußsohlen brennt. Aber ich habe immerhin dieses eine Ziel. Und um das zu erreichen, muss ich wissen, wo er sie versteckt. Dafür brauche ich eine Internetverbindung. Und dafür brauche ich eine Bude. Und ich brauche einen Laptop, wofür ich wiederum den Job brauche. Also brauche ich Amy.

Ich habe keinen mickrigen Cent für den Bus, der ohnehin nur einmal pro Stunde fährt, wie mir der Fahrplan verrät, auch wenn es schwer ist, etwas darauf zu erkennen, so vergilbt, wie er ist. Zu allem Überfluss hat jemand mit einem wasserfesten Filzstift seine hässlichen Initialen darüber verteilt.
Also werde ich zu Fuß gehen. Der Weg führt mich durch meine alte Nachbarschaft. Durch unsere alte Nachbarschaft. Ich überlege, ob ich einen Umweg gehen soll, um unser Haus nicht sehen zu müssen, um die Leere, die ich fühle, nicht bestätigt zu sehen. Denn sie sind nicht mehr da.
Die Neugierde siegt, und so mache ich mich auf den Weg an der heißen Straße entlang. Grillen zirpen laut in den Grasstreifen zu beiden Seiten. Es gibt keinen Fußweg, aber in dieser Gegend ist nicht viel Verkehr. Als ich die ersten Häuser erreiche, bin ich beinahe überrascht, wie abgefuckt es hier ist. In der Erinnerung habe ich meine Herkunft und mein trauriges Leben vermutlich verklärt. Die Fenster, sofern sie noch Scheiben haben, starren mich an wie schwarze Löcher. In den Vorgärten liegt Müll, der langsam von Unkraut überwuchert wird.
Ich biege in unsere Straße ein. Einige staubige Autos, die ihre beste Zeit längst hinter sich haben, parken am Straßenrand. Aus irgendeinem Haus dringt Kindergeschrei, das gleich darauf wieder verstummt. Probleme und Streitigkeiten werden in dieser Gegend ohne viele Worte gelöst.
Ich setze beinahe widerwillig einen Fuß vor den anderen, wage es kaum, den Blick zu heben. Das Haus, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, ist nicht einmal hundert Meter von mir entfernt. Doch ich zwinge mich, weiterzugehen. Ich muss den Schmerz spüren. Ein letztes Mal.
Als ich direkt davor stehe, hebe ich den Blick. Es ist ein kleines, schäbiges Haus. Eine graue Fassade, von Rissen durchzogen. Eine morsche Holztreppe führt zur Eingangstür, in der ein kaputtes Fliegengitter hängt.
Offensichtlich wohnt jemand in dem Haus, denn ich erkenne neue Gardinen in den Fenstern. Ich starre hinauf zum ersten Stock. Dort oben war mein Zimmer. Das Zimmer, aus dem sie mich herausgerissen haben, mich, einen unschuldigen Fünfzehnjährigen. In mir verkrampft sich alles. Ich höre vergangenes Kinderlachen, das Klappern meiner Mom in der Küche. Und sein Brüllen. Sein Wüten.
Ich wende mich ab. Schnell setze ich meinen Weg fort. Dieser Ort ist für mich gestorben. Ich muss einen neuen finden, ein Zuhause für uns. Fernab von allem Bösen. Ich werde für uns stark sein. Stärker als jemals zuvor. Ich werde das hier hinkriegen. Das Leben, die Freiheit. Bei dem Gedanken wird mir übel und ich stütze mich auf der Motorhaube eines Autos ab, weil mir die Luft wegbleibt. Das rostige Metall ist heiß, und ich verbrenne mir beinahe die Finger.
Ich brauche Amys Hilfe.

Eine halbe Stunde später stehe ich vor einem heruntergewirtschafteten Gebäude, in dessen erstem Stock Amys Büro sein soll. Die Klingelanlage hängt an den Drähten aus der Wand und ich mache mir nicht die Mühe, sie auszuprobieren. Ich drücke die holzgerahmte Glastür auf, an deren Innenseite Flyer hängen. Entzugskliniken, Selbsthilfegruppen, Seelsorgetelefon, all so nutzloser Kram, den man erst braucht, wenn es schon längst zu spät ist. Aber hey, ruf uns an, dann wird alles wieder gut! Von wegen. Eher: Ruf uns an, damit wir unser schlechtes Gewissen beruhigen können.
Ich hoffe, Amy ist anders. Sie hat mich in den letzten Wochen ein paarmal besucht und wirkte okay. Nicht, dass es eine Rolle spielt, aber ich bin kein Mittel zum Zweck. Ich bin sicher nicht hier, um ihr Gewissen zu beruhigen, falls es das ist, was sie will.

Das Treppenhaus ist angenehm kühl nach meinem Fußmarsch durch diese Affenhitze. Ich wische mit dem Ärmel über meine Stirn und gehe die Stufen hoch. Auch hier hängen an der Wand Plakate für irgendwelche bescheuerten Programme. Jugendliche Straftäter, die in die Gesellschaft integriert werden sollen, Förderkurse – nichts für mich. Am Treppenabsatz angekommen zögere ich einen Moment. Was, wenn ich mich einfach nicht bei ihr melde? Was, wenn ich den Rest mit mir selbst ausmache, verschwinde und nicht mehr wiederkomme in dieses verfluchte Nest, das bis auf Elend und Verzweiflung nichts hervorbringt?
Aber natürlich trete ich ein. Ich bin es so gewohnt, keine Wahl zu haben, dass ich mich einfach füge. Wie armselig ich bin. Keine Ahnung von der Welt, kein Wille, kein Drive.
Amy sitzt an einem Schreibtisch voller Ordner und Unterlagen. Sie sieht auf und lächelt mich an.
„Hey, Rhys! Du bist schon da! Ich habe erst heute Nachmittag mit dir gerechnet“, ruft sie für meinen Geschmack etwas zu laut. Sie scheint begeisterter über meine Entlassung zu sein als ich.
„Hi“, sage ich kurz. Ich habe keine Lust auf Small Talk.
Sie lächelt freundlich. Ihre Schneidezähne stehen ein bisschen zu weit auseinander. Ihre blonden Haare hat sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Sie wirkt locker. Genau das Gegenteil von mir. Ich weiß nicht, wohin mit mir, mit meinen Händen. Ich passe hier nicht hin. Amy steht auf und bedeutet mir, ihr zu folgen. Im Nebenraum steht eine Sitzgarnitur. Sie nimmt auf einem Sessel Platz, und ich lasse mich auf die Couch fallen.
„Na, dann schauen wir mal, was wir mit dir machen. Hast du für den Anfang schon irgendwelche Fragen? Dass ich eine Unterkunft und einen Job für dich organisiert habe, weißt du ja schon.“
„Nee, passt.“ Ich habe wirklich keine Lust auf ein Gespräch. Es ist mir viel zu viel: die Räumlichkeiten, Amy, einfach alles.
„Okay, du weißt, dass du immer herkommen kannst, wenn etwas ist. Ich würde gerne – wenn du erlaubst – in der ersten Zeit ab und zu bei der Arbeit oder auch bei dir zu Hause vorbeikommen. Nur um sicherzugehen, dass es dir gut geht.“
„Mhm.“ Das klingt ja fantastisch. Verdammte Freiheit, dafür Überwachung, oder was?
„Sehr schön. Danke für dein Vertrauen, das weiß ich zu schätzen. Ist ja nicht selbstverständlich.“ Sie schlägt die Beine übereinander, greift nach einem Ordner und reicht mir daraus ein paar Blätter.
„Hier ist deine Adresse. Du wirst erst mal noch allein in der Wohnung wohnen. Allerdings ist nur eines der Zimmer für dich. Das andere wird bald vergeben. Leider wurde der Junge, mit dem du eigentlich dort hättest wohnen sollen, rückfällig. So was ist immer schwer.“ Die letzten Worte sagt sie etwas leiser. Als würde es sie wirklich interessieren, was mit uns armen Schweinen passiert. „Das Café, in dem du arbeiten kannst, ist Teil eines Resozialisierungsprogramms. Dein Chef ist einer von den Guten. Ein echt netter Kerl, dem soziale Projekte in Pearley am Herzen liegen. Die meisten deiner Kollegen sind allerdings Studenten. Nicht jeder ist leicht vermittelbar.“
Ich schnaube. Leicht vermittelbar, wie das klingt. Als wäre ich ein beschissener Straßenköter. Ich brauche keine Gefallen. Ich komme schon klar. Aber das sage ich nicht. Ich halte einfach meine Klappe.
Sie lächelt wieder und fährt fort: „Also, da du schon so früh da bist, würde ich vorschlagen, dass ich dich erst mal nach Hause bringe.“ Nach Hause. Sie sagt tatsächlich nach Hause. Ich weiß nicht mal, was das bedeuten soll. „Hast du irgendwelche Sachen?“
Ich deute auf die Plastiktüte. Mehr habe ich nicht – hatte ich vor sechs Jahren auch nicht. Woher denn auch? Er hat mir alles weggenommen. Er. Da ist er schon wieder. Immer wieder stiehlt er sich in meine Gedanken. Und mit ihm ein anderes Gesicht. Ein schönes, freundliches. Doch ich vertreibe es aus meinen Gedanken. Noch ist nicht die Zeit. Ich gebe mir einen Ruck. „Sonst habe ich nichts. Nur die Klamotten, die du mir mitgebracht hast. Danke übrigens.“ Die letzten Worte nuschele ich in mich hinein.
„Kein Problem. Ich habe mich wohl bei der Größe vertan. Allerdings muss man zu meiner Verteidigung sagen, dass ich nicht gerade viel Auswahl habe. Die Spenden, die wir bekommen, passen in den seltensten Fällen. Der Vorbesitzer deines Sweatshirts war anscheinend deutlich dicker als du.“ Sie lächelt wieder, und ich tue ihr den Gefallen und lächle auch. Es fühlt sich komisch an. Verzerrt. Also lasse ich die Mundwinkel wieder sinken. „Wenn du magst, kannst du mal im Lager schauen, ob dich etwas anlacht.“
„Okay“, sage ich. Denn schaden kann es nicht, ein bisschen Auswahl zu haben. Bis ich meinen Plan in die Tat umsetzen kann, werden sicher einige Monate vergehen. Ich weiß ja nicht einmal, wo ich anfangen soll, zu suchen. So lange kann ich schlecht in diesem hässlichen Sack herumlaufen.
Amy steht auf, und ich folge ihr. Sie geht aus dem Büro und sperrt eine Tür auf dem gleichen Stockwerk auf. Dahinter verbirgt sich offensichtlich eine Art überdimensionale Rumpelkammer. Es riecht leicht muffig. Sie knipst das Licht an und weist auf einige Kleiderstangen. „Hier, die kannst du gerne durchschauen. Ich gehe mal auf eine Zigarette raus – ja, ich weiß, ich sollte nicht rauchen“, schiebt sie hinterher und blickt beschämt zu Boden.
Ich zucke nur mit den Schultern. Ist mir doch egal.
„Komm einfach runter, wenn du fertig bist. Dann gehen wir zusammen rüber. Hier sind Müllsäcke, stopf einfach alles rein, was dir gefällt.“ Damit dreht sie sich um und geht.
Ich bin froh, allein zu sein. Es ist brutal anstrengend, die ganze Zeit vollgequatscht zu werden. Ich gehe auf die Kleiderstangen zu. Nach einigem Durchforsten habe ich ein paar Jeans gefunden, die aussehen, als könnten sie passen, und vier T-Shirts. Ein Paar ausgelatschte Sneakers in meiner Größe steht auch herum. Die zu kleinen Schuhe und die Tüte mit meinen Sachen lasse ich da. Den Rest stopfe ich in einen Müllsack, knipse das Licht aus und mache mich auf die Suche nach Amy. Obwohl sie mir herzlich egal ist, und ich für sie nur ein Job bin, ist sie doch der einzige Fixpunkt, den ich im Moment habe. Sie steht vor dem Gebäude und raucht. Als sie mich sieht, lächelt sie wieder und hält mir ihre Schachtel Zigaretten hin. Ich nehme eine. Sie gibt mir Feuer, und ich inhaliere tief.
„Danke“, sage ich und meine es wirklich ernst. Diese Zigarette tut unglaublich gut und lässt mein Leben weniger fremd wirken. Ein Stück Normalität in der Fremde. Ich lehne mich gegen die Wand und schließe die Augen.
„Das ist sicher alles viel für dich“, sagt Amy. Ist sie eigentlich nie still? „Aber ich bin da, in Ordnung?“ Sie zeigt auf meinen Müllsack. „Schön, dass du was gefunden hast. Bald kannst du dir von deinem Lohn auch was Neues kaufen. Aber für den Anfang ist es besser als nichts.“
Ich nicke. „Ja, passt schon.“ Allerdings bezweifle ich, dass ich mir sonderlich viel von meinem Lohn werde kaufen können. Er reicht gerade einmal für die Miete und Lebensmittel. Ich nehme noch einen tiefen Zug.
„Sollen wir dann?“, fragt Amy. Sie kann es anscheinend kaum erwarten.
„Klar“, erwidere ich. Und gemeinsam machen wir uns auf den Weg.

In der Nachbarschaft, in der sich meine Wohnung befindet, sind die meisten Häuser abgerissen worden. Meine Wohnung ist in einem Wohnhaus, das früher mal links und rechts von weiteren Häusern flankiert wurde, jetzt aber frei steht. Der Putz bröckelt.
Im ersten Stock schließt Amy eine Tür auf und gibt mir gleich den Schlüssel. Drinnen riecht es seltsam fremd. Mein Zimmer ist klein und miefig. Ein Einzelbett steht darin, eine Kommode, ein Tisch mit einem wacklig aussehenden Stuhl. Die Wände sind kahl. Ich komme jedoch kaum dazu, mich in der abgefuckten Bude umzusehen. Denn Amy schlägt vor, gleich noch zu Mal’s Café zu gehen. Dann könne ich mich schon mal vorstellen und mit allem vertraut machen. Sie verschwendet wirklich keine Zeit. Ich hätte mich lieber auf mein Bett gelegt und eine Woche lang geschlafen, so müde bin ich. Aber wie heißt es so schön: Zeit ist Geld. Und Geld ist der Anfang von allem, was ich vorhabe.

Im Café werde ich als Erstes Malcolm vorgestellt. Er ist der Besitzer und freut sich offensichtlich, Amy zu sehen – und auch mich. Nach den üblichen Floskeln einer Begrüßung klopft er mir auf die Schulter. Ich zucke zusammen. Ich will nicht angefasst werden, schon gar nicht von einem alten Kerl, den ich gerade mal zwei verdammte Minuten kenne.
„Rhys wird sich hier bestimmt gut machen“, versichert Amy. „Oder, Rhys?“
„Mhm“, murmele ich. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll.
Wir gehen gemeinsam in die Küche, deren Zugang sich hinter dem Tresen befindet. Dort ist es unerträglich heiß.
„Hey, Mann“, ruft ein gut gelaunter Südamerikaner, der auf den Edelstahloberflächen Gemüse schnippelt. Er will mit mir abklatschen. „Ich bin Ernesto, aber alle nennen mich ›Che‹.“
„Hey“, erwidere ich und tue ihm den Gefallen eines High Five. „Rhys.“
„Freut mich! Endlich mal wieder ein richtiger Kerl – wenn man Ollie nicht zählt.“ Er senkt verschwörerisch die Stimme. „Ollie ist lesbisch.“
Für diesen Kommentar boxt Malcolm ihn sanft in die Schulter. Anscheinend tatscht er einfach gern. Beide lachen laut. Ich versuche es noch mal mit einem bescheuerten Lächeln, aber es wirkt wieder so fremd, dass ich beschließe, es ab jetzt bleiben zu lassen.
Wir lassen Che in der Küche allein, und Malcolm beginnt, mir alles zu erklären. Kaffeemaschine, Kaffee, Milch, Becher, Deckel. Tassen für die Kunden, die sich an einem unserer Tische niederlassen wollen. Eimer und Lappen, um die Tische zu wischen. Muffins, Brownies, Donuts. Er drückt mir eine Schürze in die Hand und sagt: „Du teilst dir die Schichten mit Ollie und Liz, die immer kommt, wenn Not am Mann ist. Heute haben sich beide krankgemeldet, deswegen bin ich hier alleine. Traust du dir zu, schon einzuspringen?“
„Äh“, stottere ich, denn damit habe ich nicht gerechnet. Ich möchte einfach nur meine Ruhe haben.
„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist“, sagt Amy. „Rhys ist noch gar nicht richtig angekommen.“
„Oh, ach so, entschuldige, Rhys. Das ist kein Problem. Dann fängst du ganz normal deine erste Schicht übermorgen bei uns an. Hier ist der Schichtplan.“ Mit diesen Worten gibt er mir einen Ausdruck. „Amy, kann ich dich noch kurz unter vier Augen sprechen?“
„Klar, für dich hab ich immer Zeit“, sagt Amy lächelnd.
Zu zweit gehen sie durch einen Vorhang ins Hinterzimmer. Endlich habe ich kurz Zeit, mich umzusehen. Das Café sieht normal aus, aber was weiß ich schon. Es ist ja nicht so, als sei ich in letzter Zeit in vielen Cafés gewesen. Das Holz der Tische gefällt mir. An der Wand hängen Bilder. Auf einem Schild lese ich, dass sie von lokalen Künstlern gemalt wurden. Ich widme mich der Kaffeemaschine.


3
Tamsin
Eingerahmt von meinem Gepäck warte ich vor meinem mit Graffitis verzierten Wohnhaus auf die Maklerin, die mir den Schlüssel vorbeibringen wollte. Mich beschleicht ein leicht mulmiges Gefühl, das ich aber sofort ignoriere. Ja, vielleicht habe ich unbesehen vor ein paar Tagen über eine Website eine Wohnung angemietet. Vielleicht war es die erstbeste, die ich finden konnte. Und ja, vielleicht ist das im Nachhinein betrachtet etwas leichtsinnig gewesen. Aber fangen nicht alle guten Abenteuer mit Leichtsinn an? Ich bin eine Viertelstunde zu früh und beschließe, meine Eltern anzurufen. Inzwischen müssten sie meinen Brief gefunden haben.
Als das Freizeichen ertönt, bin ich nervös. Ich sehe meine Eltern vor meinem inneren Auge. Entsetzt über ihre Tochter; schockiert darüber, dass ich sie übergangen habe. Ich lasse es lange läuten und will schon auflegen, als ich höre, wie jemand abhebt.
„Hallo, hier ist Tamsin“, sage ich. „Ich wollte sagen, dass ich gut angekommen bin.“
Am anderen Ende herrscht eisiges Schweigen. Gut, das war vermutlich zu erwarten. Auf einmal kommt mir mein Plan, einfach zu verschwinden, ziemlich blöd vor. Andererseits haben meine Eltern mir unmissverständlich klargemacht, dass sie alles daransetzen würden, mich in Rosedale zu halten.
„Dass du uns das antust“, flüstert meine Mom plötzlich am anderen Ende der Leitung. „Das ist unverzeihlich.“
„Es tut mir leid, Mom“, sage ich. „Ich musste das tun. Für mich. Ihr habt mir keine Wahl gelassen. Du weißt ganz genau, dass ihr mich nicht hättet gehen lassen.“
„Selbstverständlich nicht!“ Sie spricht jetzt lauter, was anscheinend meinen Dad alarmiert. Aus dem Hintergrund höre ich ihn brüllen.
„Du telefonierst doch nicht etwa mit ihr? Leg sofort auf, Francine. LEG AUF, HABE ICH GESAGT.“
„Ich muss Schluss machen“, sagt meine Mom und weg ist sie.
Ich schlucke schwer. Ich weiß, dass ich meine Eltern verletzt habe. Und ich habe es sicher nicht leichten Herzens getan. Aber meine Mom hat mir soeben noch mal bestätigt, dass sie mich nicht hätten gehen lassen. Es war meine einzige Chance.

Ich lächle bemüht breit, als ich mich von der Maklerin verabschiede und endlich die Tür meiner eigenen Wohnung hinter ihr schließe. Obwohl, Wohnung ist vielleicht etwas zu viel gesagt, aber es sind eigene vier Wände. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Dann drehe ich mich um und laufe aus dem winzigen Flur am Badezimmer vorbei in mein Zimmer.
Ein Moment für meine Kopfkamera. Mein neues Zuhause. „Klick“, mache ich, als ich ein imaginäres Bild von meiner Umgebung schieße.
Ich liebe es hier. Ich liebe die Tapete, die halb heruntergerissen ist und in den Fünfzigern sicher mal der letzte Schrei war. Ich liebe den feuchten Fleck in der einen Ecke über dem beigefarbenen, abgewetzten Samtsessel. Er erinnert mich an Wasserfarben, und das ist gut, denn ich will nicht wissen, woher er wirklich stammt. Ich liebe den Blick aus meinen halb blinden Fenstern. Aus dem einen schaue ich auf die Straße, die links und rechts von parkenden Autos gesäumt ist. Auf der Straßenseite gegenüber ist ein Café, das mir vorhin schon aufgefallen ist. Und direkt neben meinem Wohnhaus bietet ein weiteres Fenster den Blick auf die ungefähr zwei Meter entfernte Hauswand eines leer stehenden Bürokomplexes, in dem sich bestimmt mal die Träume vieler Menschen erfüllen sollten. Start-ups und Kreativbüros. Was würde ich in einem eigenen Büro machen? Sofort fange ich an zu träumen. Meine eigene Literaturagentur. Oder ein Literaturmagazin. Oder … Ich lasse mich auf mein Bett fallen. Autsch! Meine Matratze ist eine Zumutung. Eine Feder bohrt sich in meinen Rücken, und ich beschließe, dass eine neue Matratze die erste Anschaffung werden muss. In meinem Kopf fange ich eine Liste an. Neben der Matratze brauche ich ein Regal für meine Bücher, einen Duschvorhang, einen zweiten Stuhl. Mir fällt sicher bald noch mehr ein, aber im Moment bin ich so zufrieden, dass ich nicht darüber nachdenken will, was mir fehlt. Koste das Leben voll aus, sage ich mir.

Ich habe es geschafft. Ich bin wirklich gegangen. Von Maine nach Kalifornien. Ich habe mich getraut. Und es war ganz leicht. Ich fühle mich so frei, beinahe, als würde ich schweben.
Wäre da nicht das nervtötende Vibrieren meines Handys, das mir gerade die ungefähr hundertste Nachricht in einer Woche ankündigt. „Wo bist du?“, „Melde dich!“, „Lass es mich erklären“, „Gib mir noch eine Chance“. Ich will es ignorieren, will mir diesen Moment nicht kaputt machen lassen. Männerfreie Zone. Das ist es, was diese Wohnung sein soll.
Nachdem ich mein neues Zuhause noch mal genau inspiziert habe, mache ich mich daran, meine Sachen auszupacken. Meine Klamotten hänge ich an die Kleiderstange, die neben dem Bett steht. Den Rest sortiere ich in die kleine Kommode unter einem der Fenster. Pu der Bär lege ich auf den Nachttisch. Das Buch sieht aus, als würde es genau hier hingehören. Meine Toilettenartikel räume ich ins Bad. Ich blicke in den Spiegel und mir fällt auf, dass auch ich so aussehe, als würde ich hier hingehören. Als Letztes stelle ich noch zwei Bilderrahmen auf. Eines der Bilder zeigt mich mit meinem Großvater.
Mit dem Daumen streiche ich über sein Gesicht. Ich bin diesem fantastischen Mann so unendlich dankbar für alles, was er für mich getan hat. Bei ihm habe ich gelernt, ich selbst zu sein, auch wenn ich dieses Selbst meistens für mich behalten musste. Auch dass ich hier in Pearley bin, verdanke ich vor allem ihm. Denn kurz nach seinem Tod bekam ich einen Anruf von einem „Mr Porter von Porter, Beck und Sealsfield“, einer Anwaltskanzlei in Rosedale. Dieser eröffnete mir, mein Großvater habe mir sechzigtausend Dollar vererbt. Ich fiel fast vom Stuhl – und hatte in diesem Moment die Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung für das Leben, gegen die Spießerhölle von Rosedale und mein Elternhaus, in dem ich mich nie wirklich frei gefühlt habe.
Das zweite Foto zeigt mich mit Sam, als wir noch Kinder waren. Die Aufnahme wurde kurz nach dem Einzug seiner Familie ins Nachbarhaus aufgenommen. Man sieht, wie ich ihn als Sechsjährige anhimmle, während er offensichtlich genervt ist. Ich liebe dieses Bild. Vor allem, weil die Freundschaft, die aus meiner Grundschulschwärmerei wurde, trotz des Altersunterschieds so lange gehalten hat. Und jetzt sind wir wieder in der gleichen Stadt! Der Gedanke an Sam zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht.
Allerdings weiß er ja noch gar nicht, dass ich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion meine Sachen gepackt habe und nach Pearley gezogen bin. Meine emotionale Aufgewühltheit und der allgemeine Trubel zu Hause ließen keine Zeit für Telefonate, bei denen ich die Zeitverschiebung hätte berücksichtigen müssen. Ich nehme mein Handy und wähle seine Nummer. Nach dem zweiten Klingeln meldet er sich.
„Tamsin!“, sagt er überschwänglich.
„Sam!“ Ich imitiere seine Begeisterung.
„Das ist eine Überraschung. Was gibt’s?“
Ja, was gibt es? Das ist eine seltsam banale Frage, gemessen an der Antwort, die er gleich hören wird.
„Ich bin in Pearley“, sage ich lächelnd. Mein Herz schlägt schnell. Ich hoffe, er freut sich.
„Was? Warum hast du nicht gesagt, dass du mich besuchen kommst? Ich bin bis Sonntag gar nicht da!“
„Ich bin nicht zu Besuch. Ich bin hergezogen. Fürs Studium“, korrigiere ich ihn.
„Wie bitte?“ Er gluckst. „Wann hast du dich denn dazu entschieden?“
„Erzähle ich dir, wenn wir uns sehen. Ist eine längere Geschichte. Erinnerst du dich, als wir vor ein paar Monaten aus Spaß zusammen meine Bewerbung umformuliert haben, um sie auch an die Pearley University zu schicken?“
„Natürlich erinnere ich mich daran“, sagt Sam. „Das war der Abend, an dem dein Dad unser Skype-Gespräch gecrasht hat, weil du beim Abendessen irgendeinen respektlosen Witz über die Republikaner gemacht hast.“
„Genau. Du hast gesagt, du würdest mit mir auf Studentenpartys gehen und durch Cafés und Bars tingeln. Ich weiß, das war damals ein Witz, aber wenn das Angebot noch steht, würde ich es gern in Anspruch nehmen.“
„Aber selbstverständlich steht das Angebot noch!“ Er klingt immer noch leicht ungläubig. Aber nicht unglücklich. Ich kann aus seiner Stimme ein Grinsen heraushören. „Du bist echt irre, Tamsin. Ich bin die ganze Woche auf einer Summerschool, aber Sonntagabend können wir uns treffen. Soll ich uns einen Tisch bei meinem Lieblingsitaliener reservieren?“
„Sehr gern.“
„Perfekt. Dann haben wir ein Date.“
Haben wir natürlich nicht. Sam hat mit allen möglichen Studentinnen Dates, aber sicher nicht mit mir.
Es ist unglaublich. Ich werde am gleichen Institut studieren, an dem Sam promoviert. Ein paar allgemeine Kurse muss ich natürlich auch besuchen, ehe ich mich vollständig auf die Literatur konzentrieren kann, aber auch darauf freue ich mich. Die Schule hat mir nie gereicht. Ich war immer neugierig, noch mehr zu lernen – außer Trigonometrie. Ich wollte die Zusammenhänge der Welt verstehen und nicht nur an der Oberfläche entlangkratzen. Diese Möglichkeit bekomme ich jetzt an der Pearley University und kann es kaum erwarten, dass das Herbst-Trimester endlich beginnt.
Ich sehe mich schon die Bücher in meinem Sessel lesen, in der Bibliothek arbeiten – oder im Café. Wie eine richtige Studentin. Der Gedanke weckt in mir sofort die Entdeckerlust. Das Café gegenüber wäre vielleicht ein Ort, an dem es sich gut arbeiten und lesen ließe. Ich beschließe, es mir aus der Nähe anzusehen und gleich den Kaffee auszuprobieren.
In meiner Hosentasche rascheln ein paar kleine Dollarscheine. Es gibt Leute, die würden mich jetzt sicher schelten, dass ich schlampig mit meinem Geld umgehe. Dass es Geldbeutel gibt. Aber diese Leute gehören der Vergangenheit an, und ich finde es sehr praktisch, nicht erst mein Portemonnaie suchen zu müssen.

Aus einigen der Wohnungen, an denen ich im Treppenhaus vorbeikomme, dringen Geräusche. In der Wohnung direkt unter meiner läuft der Fernseher. Noch ein Stockwerk weiter unten höre ich eine Frau telefonieren. In einer anderen Wohnung wird offensichtlich gerade heftig gestritten. Auch wenn ich nicht glaube, dass meine Gegend wirklich gefährlich ist – zumindest hat die Maklerin mir versichert, dass ich hier gut aufgehoben sei –, so zieht der günstige Mietpreis sicher nicht nur Studenten wie mich an.
Draußen brennt die Sonne auf den Asphalt herunter. Anfang September ist in Kalifornien im Gegensatz zu Maine noch richtig Sommer. Von der anderen Straßenseite aus wirkt Mal’s Café sehr gemütlich. Links neben der Eingangstür ist ein großes Schaufenster, durch das ich in den Laden blicken kann. Drinnen stehen bunt zusammengewürfelte Holztische und -stühle. Ich laufe über die Straße, und als ich die Tür öffne, erklingt eine Glocke, die mich ankündigt. Ich trete ein und atme den betörenden Geruch von frisch gebrühtem Kaffee. An den Wänden hängen Bilder von verschiedenen Künstlern, die zum Verkauf angeboten werden. Es ist ein bunter Mix aus abstrakter Kunst und Landschaftsmalereien. Ja, hier lässt es sich aushalten.
Auf dem Tresen stehen große Gläser mit Cookies neben einer altmodischen Kasse. Dahinter dreht sich der Barista langsam um und sieht mich mit einem seltsamen Blick an. Sein Gesichtsausdruck ist eine Mischung aus Verwirrung und Panik. Wo bin ich denn hier gelandet?
„Hi“, sage ich, aber er nickt nur knapp. „Ich bin gerade gegenüber eingezogen“, erkläre ich ihm. Manchmal lockern solche Informationen merkwürdige Situationen auf. „Ich bin auf der Suche nach meinem neuen Stammcafé.“
Er sieht mich an, als hätte er keine Ahnung, was ich von ihm will. Ist das Konzept „Café“ in Kalifornien ein anderes? Macht man hier keinen Small Talk?
„Aaaaalso“, sage ich gedehnt und studiere die Tafel über der silbern glänzenden Kaffeemaschine, auf der die verschiedensten Kaffeespezialitäten angeboten werden. „Ich glaube, ich nehme …“ Vor lauter Frappuccinos und Lattes in verschiedenen Geschmacksvarianten bin ich etwas überfordert. „Ich glaube, ich nehme einfach einen schwarzen Kaffee.“
Ich lächle ihn breit an, aber sein Gesicht bleibt starr. Er glotzt mich einfach nur dämlich aus seinen eisblauen Augen an.
„Ich, also, hm“, macht er und räuspert sich. „Ich arbeite eigentlich noch gar nicht hier.“ Er blickt zu Boden.
„Oh, ach so, entschuldige. Dann sind wir also beide neu hier“, sage ich und lache. „Ich bin Tamsin. Komischer Name, ich weiß.“
Langsam fühle ich mich ein bisschen dämlich. Der Typ fängt an, mir Angst zu machen, auch wenn er ziemlich gut aussieht. Ich habe den Männern zwar abgeschworen, aber auch ich bin nicht immun gegen ein derart markantes Gesicht. Soll ich noch einen Versuch unternehmen? Ich räuspere mich.
„Ich kann auch warten, kein Problem“, sage ich, um die Situation zu entschärfen. Was ist das nur für ein seltsamer Kerl, dass er nicht reagiert? Auch wenn er neu ist, ist das noch lange kein Grund, so ungehobelt zu sein. Entweder ist er dumm oder einfach nur extrem unhöflich.
„Mein Chef kommt gleich und macht dir deinen Kaffee“, bequemt sich der seltsame Kerl dann doch noch zu sagen.
Und tatsächlich, in diesem Moment wird der Vorhang zur Seite geschoben und eine sehr hübsche junge Frau und ein älterer Mann treten heraus.
„Ah, guten Tag“, begrüßt mich der ältere Mann. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ja, ich hätte gern einen schwarzen Kaffee.“ Ich kann nicht glauben, dass ich doch noch zu meinem Heißgetränk kommen werde.
Während ich warte, beobachte ich aus dem Augenwinkel die blonde Frau und Mr Unhöflich. Sie sagt seltsame Sachen zu ihm. Alles kann ich nicht verstehen, weil sie sich Mühe gibt, leise zu sprechen, aber ich höre ein paar Fetzen heraus.
„… nicht so schlecht für deinen ersten Tag … wird leichter … bin für dich da.“
Ich wüsste zu gern, um was es geht, aber ich möchte nicht lauschen. Also nehme ich den Kaffeebecher entgegen, zahle und laufe Richtung Tür. Die beiden blockieren mir leider den Weg, und eine Entschuldigung murmelnd dränge ich mich zwischen ihnen durch. Ich streife den ungehobelten Kerl mit dem Arm, und er macht einen Satz nach hinten, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. So etwas ist mir wirklich noch nie passiert!
Auf der Straße drehe ich mich noch einmal um und schüttle kaum merklich den Kopf. Ob es wohl noch ein anderes Café in der Nähe gibt, in dem mein Traum von der kaffeesüchtigen Literaturstudentin wahr werden kann?

Am nächsten Tag kommen meine Bücherkisten. Ich bin froh, dass ich den höheren Preis für den Express-Versand in Kauf genommen habe, denn in der Fremde ist es schön, bekannte Dinge um mich herum zu haben. Als ich die Boxen öffne, entweicht ihnen ein zauberhafter Duft nach der Bibliothek meines Großvaters, nach Geborgenheit und Glücksmomenten zwischen Staub und vergilbten Seiten. Sofort steigen vor meinem inneren Auge Bilder seiner Wohnung auf. Ich wünschte, er könnte sehen, wie schön ich es hier habe! Schließlich war er die letzten neunzehn Jahre mein Verbündeter, mein Seelenverwandter. Der Einzige, bei dem ich mich verstanden und aufgehoben gefühlt habe.
Er war es, der mir mit fünf Jahren beibrachte, zu lesen. Der mir zeigte, dass ich in Büchern die Freiheit finde, nach der ich mich auf den Schutzbezügen unserer Sofagarnitur und in der geistigen Enge Rosedales immer gesehnt habe.
Kein Wunder also, dass meine Eltern mir die Besuche bei meinem Großvater verbieten wollten. Doch so folgsam ich ansonsten sein musste, diese eine Regel brach ich wieder und wieder. Keine Bestrafung der Welt konnte mich von seinen großen, dunklen Holzregalen fernhalten, die bis oben hin vollgestopft waren mit wunderschönen Klassikerausgaben. Beinahe jeden Nachmittag verbrachte ich in den unmöglichsten Sitzpositionen auf seinem gemütlichen ledernen Lesesessel – völlig versunken in fremde Welten.
Die Wohnung meines Großvaters war für mich der einzige Ort in ganz Rosedale, an dem ich das Gefühl hatte, ich selbst sein zu können. Hier musste ich nicht aufrecht sitzen, die Hände auf dem Tisch, Schultern zurück und Brust raus.
Ich schüttle das Gefühl der Enge, das mich überkommt, wenn ich an mein Elternhaus denke, von mir ab und widme mich wieder meinen Boxen.
Auf der Straße vor dem Café habe ich alte Obstkisten gefunden und sie an meiner Wand gestapelt. Ich hole ein Buch nach dem anderen aus den Kartons. Jedes einzelne behandle ich wie einen kostbaren Schatz. Mithilfe der Bücher stehen die Obstkisten sogar ziemlich stabil. Jetzt ist es richtig wohnlich. Ich finde, Bücher verleihen jedem Raum etwas Gemütliches und Lebendiges. Nicht nur sind die Buchrücken farbenfroh, man lernt auch noch viel über den Bewohner eines Zimmers. Ich war mal mit einem Jungen aus, in dessen Regal nur vier Bücher standen. Jedes hatte Ernährungs- und Fitnesstipps zum Inhalt. Mir war schnell klar, dass das mit uns nichts werden würde. Bei einer gewissen anderen Person war das anders. Er hatte viele Interessen, Pläne, Ziele. Wie kann man sich nur so in einem Menschen täuschen? Aber egal. Jetzt geht es nicht mehr um ihn. Jetzt geht es um mich!
Wie aufs Stichwort vibriert mein Handy.
Du kannst mich nicht ewig ignorieren.

Oh, doch. Das kann ich.

Meine Schallplatten lehne ich neben mein improvisiertes Regal. Mein Vater machte sich ständig lustig über meine Sammlung. Der Klang sei nicht gut genug, Vinyl zu empfindlich. Aber ich liebe den kratzigen Sound und das Gefühl, dass Musik etwas Zerbrechliches und Kostbares ist. The Velvet Underground, The Smiths, Nico, Talking Heads, The Clash. Über jedes Plattencover streiche ich einmal mit dem Finger, um sie willkommen zu heißen. Jetzt brauche ich noch einen Plattenspieler. Denn der, den ich zu Hause hatte, hätte die Reise nicht überlebt.
Ich mache mir eine Liste von den Dingen, die ich in den kommenden Tagen, bevor die Uni losgeht, noch erledigen muss.
Auf meine Liste schreibe ich:
● Immatrikulation bestätigen
● Online-Anmeldung für Unikurse
● neue Matratze kaufen
● Plattenspieler besorgen
● Mom und Dad besänftigen
● die Umgebung erkunden und hoffentlich ein neues Café finden
Damit habe ich einen Plan und es bleibt trotzdem noch genug Luft, um Sam zu treffen, zu lesen, den Campus kennenzulernen und die letzten freien Tage zu genießen. Ist das Leben nicht schön!


4
Rhys
Die nächste Zeit verbringe ich wie in einem Delirium. Ich schlafe viel, genieße die Stille um mich herum. Niemand schnarcht, ich werde nicht durch dieses scheußlich grelle Licht frühmorgens geweckt. Ich dusche lange und kann gar nicht fassen, dass ich dabei alleine bin. Manchmal habe ich den Eindruck, ich würde laute Männerstimmen vernehmen, aber das bilde ich mir nur ein. Ich nehme das erste Mal seit sehr langer Zeit meinen eigenen Körper wahr. Meine Hände verteilen die Seife auf meiner Brust und fühlen die Muskeln unter der Haut. Ich spanne sie an. Im Gefängnis bedeuteten sie Schutz. Ich habe trainiert, um fit zu sein, mich wehren zu können. Jetzt – ich weiß es nicht. Nichts, was ich tue, dient einem unmittelbaren Zweck. Es geht nicht mehr ums Überleben. Jetzt geht es ums Leben, und davon verstehe ich nichts.
Es fühlt sich seltsam an, Berührungen aktiv wahrzunehmen. Malcolms Hand auf meiner Schulter, der Arm des gesprächigen Mädchens aus dem Café an meiner Brust, meine Hände, unter denen Seife schäumt. Einerseits ist da nichts – als wären meine Nerven abgestumpft. Andererseits sind mir Berührungen so bewusst wie noch nie zuvor. Ich kann nicht einmal sagen, ob es mir gefällt. Ich weiß, dass es mir Angst macht. Nähe empfinde ich als bedrohlich. Und wer will es mir verdenken nach der ganzen Scheiße? Aber ich muss lernen, Menschen wieder in meine Nähe zu lassen. Sonst ist mein Plan zum Scheitern verurteilt.

Bei meinem ersten Ausflug in diese für mich so neue Welt mache ich mich auf die Suche nach einem Internetcafé. Früher gab es solche Läden an jeder Ecke. Aber inzwischen sind sie offensichtlich beinahe ausgestorben.
Ohne es zu wollen, entferne ich mich immer weiter von meinem Zuhause, von dem einzigen Ort, an dem ich meinen Platz kenne. Auf dem Teppichboden meines Zimmers, den Blick an die Decke gerichtet.
Ich nähere mich der Innenstadt. Immer mehr Menschen wuseln um mich herum. Es ist laut, es ist grell. Pearley ist in der Stadtmitte bunt und lebendig. Es ist das genaue Gegenteil von mir, der ich innerlich wie gelähmt bin. Besonders wenn die Studenten wie jetzt aus den Sommerferien zurückgekehrt sind, quellen die Restaurants, Cafés und Boutiquen, die die Straßen im Zentrum säumen, beinahe über. Pearley ist überschaubar, wenn die Studenten wegfallen. Aber sobald sie da sind, kommt die Stadt auf bestimmt achtzigtausend Einwohner. Und in diesem Moment habe ich den Eindruck, als wären alle achtzigtausend auf der Straße. Ich bin derjenige, der gegen den Strom unterwegs ist. Ständig muss ich nach links und rechts ausweichen, um niemandem zu nahe zu kommen. Oder damit mir niemand zu nahe kommt. Keiner scheint Notiz von mir zu nehmen, aber dafür bemerke ich jede noch so kleine Bewegung mit einer ungekannten Intensität. Autos fahren an mir vorbei. Jedes Mal zucke ich zusammen. Ich bin diese Art von Stadtlärm nicht mehr gewohnt.
An einer Kreuzung laufe ich an einem kleinen Kino vorbei. Es ist ein weißes Art-déco-Gebäude. Die weißen Anzeigetafeln mit schwarzen Buchstaben kündigen auch heute noch die Filme an. Kurz habe ich das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist. Ich erinnere mich, wie ich mich früher hier in Vorstellungen geschlichen habe, da nie genug Geld übrig war, um eine Karte zu kaufen. Aber als ich blinzle, bin ich mir der Tatsache, dass sechs Jahre vergangen sind, seit ich das letzte Mal hier war, nur allzu bewusst. Hinter der Kreuzung beginnt die Fressmeile. Restaurant reiht sich an Restaurant, ein Hotdog-Stand wirbt damit, die besten Hotdogs Kaliforniens zu verkaufen. Obwohl mein Magen knurrt, habe ich keinen Appetit.
Eine Gruppe junger Leute – vermutlich Studenten – kommt mir entgegen. Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Es sind zu viele, um ihnen auszuweichen. Sie lachen, klopfen sich auf die Schultern. Es sind drei Kerle und vier Mädchen. Sie kommen immer näher, und ich erstarre. Einer der Typen blickt mich an, weil er einen Bogen um mich laufen muss, und runzelt die Stirn. Als sie an mir vorbeigelaufen sind, bleibe ich noch eine ganze Weile wie versteinert stehen. Ich versuche, regelmäßig zu atmen, um meinen Puls zu beruhigen. Es ist einfach zu viel.
Ich biege in eine der weniger belebten Nebenstraßen ein. Hier findet das Nachtleben statt, aber tagsüber ist es ruhig. Einige der Bars haben zwar schon offen, aber am frühen Nachmittag sind sie noch nicht gut besucht.
Vor einem Eingang, aus dem gedämpfte Musik zu hören ist, steht ein Mann und raucht. Ich gehe auf ihn zu.
„Entschuldigung, hätten Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“, frage ich mit zittriger Stimme. Ich räuspere mich.
„Na klar“, sagt der Mann und lächelt. Er hält mir eine Schachtel und sein Feuerzeug hin, und ich bediene mich.
„Vielen Dank.“ Ich inhaliere tief und merke sofort, dass ich ruhiger werde. Ich komme mir albern vor. Überfordert von einer Kleinstadt. Wenn ich jetzt zurück Richtung Hauptstraße blicke, wirken die bunt gestrichenen Häuser mit ihren Markisen und Sitzgruppen auf dem Gehweg regelrecht idyllisch. Die bunte Parade wird hier und da von rohem Backstein unterbrochen. Es ist nicht die Stadt, die mich bedroht. Ich bin es, der die Idylle stört.
Ich drehe mich wieder zu dem Mann um, der seine Zigarette in diesem Moment wegschnippt. Ich ergreife meine Chance.
„Wissen Sie zufällig, ob es hier in der Nähe ein Internetcafé gibt?“, frage ich und ziehe noch mal an meiner Zigarette.
„Ein Internetcafé?“, wiederholt er ungläubig, und als ich nicke, sagt er: „Hier an der Hauptstraße können sich solche Läden die Miete nicht mehr leisten. Siehst ja, was hier gefragt ist.“ Er deutet auf die Bars und Restaurants. „Aber in dieser Richtung kommt da hinten auf der rechten Seite ein Computerladen, der auch Internet anbietet.“
Ich bedanke mich und er nickt mir zu, als er zurück in die Bar geht.

Der Angestellte der PC World weist mir einen Computer zu und ich mache mich gleich daran, meine im Gefängnis erlernten Internet-Fähigkeiten auszuprobieren. Doch ich stelle schnell fest, dass die Kurse, die uns angeboten wurden, nicht sonderlich nützlich waren. Ich kann immerhin mit Suchmaschinen umgehen und vertiefe mich in Artikel über das Auffinden von Personen. Daraufhin erstelle ich mir erst eine eigene E-Mail-Adresse und im Anschluss Profile in sozialen Netzwerken. Als sie mich damals mitnahmen, hatten wir zu Hause keinen Computer. Deswegen ist es nun das erste Mal, dass ich mich überhaupt mit sozialen Netzwerken befasse. Ich gebe nicht viel über mich preis, habe ja nicht einmal ein Foto von mir. Nacheinander tippe ich die Namen meiner Familie in die verschiedenen Suchmasken. Doch nachdem keiner der Namen einen Treffer erzielt, beschließe ich, dass ich systematischer vorgehen muss. Das Internetcafé kostet zu viel Geld, als dass ich hier meine Zeit verplempern könnte. Ich muss mir eine Liste mit Namen von früher machen. Ich hoffe, mir fallen genug ein. Denn bisher ist mir noch keine bessere Idee gekommen, um herauszufinden, wo er sie hingebracht hat.

Meine ersten Schichten in Mal’s Café sind in Ordnung. Meistens ist Ollie da und übernimmt die Kunden. Ich beobachte, wie sie mit den Gästen redet, ihnen einen schönen Tag wünscht, sie willkommen heißt. Sie redet ansonsten nicht viel, das gefällt mir. Ihr ganzes Gesicht ist gepierct, sie hat schwarze, kurze Haare und trägt einen Undercut. Ihre Jeans sind zerrissen und ihre T-Shirts ausgeblichen. Sie wirkt, als hätte sie schon einiges erlebt, und vermutlich ist sie deswegen nicht gesprächig. Sie fragt mich nichts, ich frage sie nichts. So kann es weitergehen.
Auch Liz ist okay. Alle sind freundlich zu mir, nur ich kann nicht aus meiner verdammten Haut. Meine Haut, die beinahe taub ist. Es gibt Momente, in denen es mir leidtut, dass sich alle Mühe geben und ich nichts erwidern kann. Aber dann merke ich, wie es mir doch egal ist.

Amys Besuche, die in dieser ersten Woche mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit erfolgen, strengen mich an. Sie erwartet von mir, dass ich mit ihr spreche. Sie fragt viel.
„Geht es dir gut, Rhys?“
Achselzucken.
„Hast du dich schon eingelebt?“
Blick auf den Boden.
„Wie ist der Job?“
„Okay.“
„Kommst du mit den anderen klar?“
„Ja.“
„Brauchst du etwas?“
Erneutes Achselzucken. Ich habe kaum Antworten für sie. Woher weiß ich, ob es mir gut geht? Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, sich eingelebt zu haben. Komme ich klar? Ich lebe noch, das sollte als Antwort genügen.
Manchmal bin ich kurz davor, ihr von meinem Plan zu erzählen und sie um Hilfe zu bitten. Aber ich habe Angst, dass sie versucht, ihn mir auszureden, und mich dann noch strenger überwacht. Ich könnte ihre Hilfe gut brauchen, denn die Sorge schnürt mir die Luft ab.
Um wenigstens irgendwas zu sagen, habe ich ihr erzählt, dass ich mir einen Laptop kaufen will, damit ich nicht auf Internetcafés angewiesen bin. Sie war völlig aus dem Häuschen, faselte etwas von Zielen, die gesund seien. Sie bot an, einen Bekannten zu fragen, der gebrauchte Laptops verkauft. Regelmäßig sagt sie, wie froh sie ist, dass ihr Projekt Kapazitäten für mich hatte. Bin ich froh darüber? Vielleicht. Vielleicht ist sie nützlich. Vielleicht ist es gut, jemanden hier draußen zu kennen.

Am Freitagmorgen arbeite ich wieder im Café. Ich bin mit Che alleine. Er erzählt mir von seiner großen Leidenschaft, dem Bierbrauen, und fragt mich, ob ich eins von seinen Stouts probieren will. Ich weiß nicht einmal, was das ist, aber er ist Feuer und Flamme und erklärt mir, dass es sich um eine schwere schwarze Biersorte handelt. Er faselt etwas von Malzgehalt und ich verspreche ihm, sein Bier zu probieren. Vor allem, damit er mich wieder in Ruhe lässt.
Später, kurz vor Feierabend, soll Ollie noch kommen, um die Kasse zu kontrollieren. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich neu bin. Vermutlich ist der Grund eher, dass ich ich bin. Jedenfalls mache ich die Abrechnung nicht.

Es ist nicht viel los. Ein paar Leute kaufen gekühlte Getränke. Für Kaffee ist es wohl einfach zu warm. Aber dann geht die Tür auf und das seltsame Mädchen von vor einigen Tagen steht wieder vor mir. Sie trägt Jeans und eine bunte Bluse mit weiten Ärmeln, und ihre braunen Haare fallen locker über ihre Schultern. Sie wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Das haben wir wohl gemeinsam – wenn auch auf völlig unterschiedliche Art und Weise. Es verunsichert mich, dass sie einfach nicht aufhört zu reden und zu strahlen. Ihre übertriebene Positivität gibt mir das Gefühl, menschliche Interaktionen nicht mehr zu beherrschen. Ich kann Armdrücken, ich kann mein Bett in unter einer Minute machen und ich kann mit einem gezielten Schlag eine Nase brechen. Aber all das nützt mir hier draußen wenig.
Als sie mich sieht, gibt sie nur ein einfaches „Oh“ von sich. Es klingt enttäuscht oder genervt. Ich bin mir nicht ganz sicher. Sie wägt wohl ab, ob sie bleiben soll, entscheidet sich dann aber dafür. Sie legt ihre Umhängetasche und das Buch, das sie in der Hand hält, auf einen Tisch und kommt wieder an den Tresen.
„Kaffee? Schwarz?“, versuche ich es, denn das war doch neulich ihre Bestellung, oder? Aber auch dieser Versuch, ihr entgegenzukommen, fühlt sich ungenügend an.
„Ja, danke“, sagt sie und setzt sich an den Tisch. Sie schlägt ihr Buch auf und beginnt zu lesen. Viele Seiten fehlen ihr nicht mehr, dann ist sie durch.
Ich fülle einen Becher mit schwarzem Kaffee und bringe ihn an ihren Tisch. Sie sieht nicht einmal von ihrem Buch auf, sondern tastet, bis sie den Henkel der Tasse mit den Fingerspitzen findet. Fast will ich fragen, was sie liest, so spannend, wie es sein muss. Aber was hätte ich davon? Stattdessen gehe ich in die Küche und frage Che nach einer Zigarette.
Vor dem Café schließe ich beim ersten Zug die Augen. Ich habe noch kein Geld, um mir selbst eine Schachtel zu kaufen, deswegen rauche ich viel weniger, als ich gewohnt bin und als mein Körper braucht. Ich hatte mir überlegt, Amy um eine Packung zu bitten, aber wer weiß, was sie dafür von mir will. Antworten auf all ihre Fragen vermutlich. Nein danke. Vielleicht ist jetzt ein guter Moment, mit dem Rauchen aufzuhören.
Ich blicke die Straße hinunter. Es ist nicht viel los an diesem heißen Tag. Die geparkten Autos am Straßenrand sind staubig. Dies ist keine Gegend, in der man sich viel aus einem sauberen Wagen macht. Wenn er einen von A nach B transportiert, reicht das vollkommen. In dieser Straße, in der beinahe jedes Haus mit Graffitis verziert ist, glaubt man kaum, dass nur zwei Kreuzungen weiter die lebendige Innenstadt beginnt. Beim Gedanken an den Trubel läuft es mir kalt den Rücken runter. Es gibt sogar eine beschissene Eisdiele. Zumindest war das vor sechs Jahren noch so. Ich war nicht oft dort, aber ich weiß noch genau, wie es ausgesehen hat. Studenten und Schüler, die bis auf die Straße für einen Eisbecher anstanden. Jetzt kommt es mir vor wie eine andere Welt. Eine andere Galaxie, in der ich nichts verloren habe.
Ich gehe wieder hinein. Das Mädchen schaut kurz auf und lächelt, als hätte sie für einen Moment vergessen, dass sie mich nicht leiden kann. Dann vibriert ihr Handy. Sie nimmt es auf, liest die Nachricht und stöhnt. Dann wirft sie das Telefon beinahe genervt auf den Tisch.
In Ermangelung einer interessanteren Beschäftigung beobachte ich eine Weile, wie sie wieder in ihr Buch versunken am Tisch sitzt. Sie liest schnell. In regelmäßigen Abständen blättert sie um. Nur ab und zu scheint sie an einzelnen Passagen zu verharren. Dann kann ich sehen, wie sich ihre Lippen bewegen, als würde sie sich wichtige Sätze lautlos vorlesen.
Plötzlich höre ich meine eigene Stimme. „Was liest du da?“, frage ich, ohne zu wissen, was ich eigentlich gerade tue.
Sie schaut wieder auf. „Jenseits von Eden“, sagt sie. „Kennst du das?“
„Nein“, erwidere ich, obwohl ich es im Gefängnis gelesen habe. Ich habe in den letzten Jahren eine Menge gelesen gegen die Langeweile und die Einsamkeit. Ich weiß nicht, warum ich sie angelogen habe. Ich muss mich selbst ermahnen, freundlich zu sein, muss lernen, mit Menschen umzugehen, wenn ich auf dieser Welt eine Chance haben will. Die Gäste im Café sind eigentlich das ideale Training. Deswegen reiße ich mich zusammen und frage: „Ist es gut?“
„Na klar, Steinbeck ist toll“, sagt sie. „Ich besuche im nächsten Trimester ein Seminar zu Steinbeck. Ich …“ Sie zögert, als wüsste sie nicht, ob sie weiterreden soll. „Ich fange nächste Woche mit dem Literaturstudium an. Nachher muss ich mich noch persönlich einschreiben. Aber das willst du gar nicht wissen. Entschuldige.“
Sie schlägt ihre großen braunen Augen nieder und will sich schon wieder in die letzten Seiten vertiefen. Sosehr es mir auf die Nerven geht, dass sie mir das Gefühl gibt, ich müsste mich für all das interessieren, was sie von sich gibt, tut es mir fast ein bisschen leid, dass ich ihr nicht mehr Freundlichkeit entgegenbringen kann. Ich beiße die Zähne zusammen.
„Dann viel Spaß!“, sage ich und bin fast ein bisschen verwirrt. Das war, wenn mich nicht alles täuscht, eine relativ normale Unterhaltung, auch wenn ich sie nicht unbedingt genossen habe. Selbst das So-tun-als-ob strengt mich an.

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Sichere dir jetzt kostenlos die Vorgeschichte zu „Finde mich. Jetzt“ von Kathinka Engel!Dieses E-Book ist ein kostenloses Prequel zur „Finde mich-Reihe“ der Bestsellerautorin Kathinka Engel. Und so geht es im ersten Band der Reihe weiter: Sie ist sein Hoffnungsschimmer in der dunkelsten NachtVon der Liebe bitter enttäuscht, zieht Tamsin zum Literaturstudium ins kalifornische Pearley. Sie möchte sich auf sich selbst konzentrieren, den Männern hat sie ein für alle Mal abgeschworen. Doch dann trifft sie auf Rhys. Er ist unnahbar und faszinierend. Was Tamsin nicht weiß: Er saß seine gesamte Jugend unschuldig im Gefängnis. Jetzt muss sich Rhys plötzlich in einer ihm völlig fremden Welt behaupten. Auch er fühlt sich zu Tamsin hingezogen, die ihm voller Tatendrang hilft, alles Verpasste nachzuholen. Langsam beginnt er wieder zu vertrauen. Doch Rhys hat Tamsin noch längst nicht alles erzählt …   „Ein zutiefst gebrochener, junger Mann. Eine starke, selbstbewusste und unabhängige Frau. Eine Liebe, die alle Hürden überwindet und die so tief greift, dass mir beim Lesen vor lauter Gefühl fast das Herz explodiert wäre.“ Ina’s Little Bakery   „Eine wunderbare Liebesgeschichte voller zweiter Chancen. Gefühlvoll, emotional und dramatisch! Rhys & Tamsin sorgen definitiv für Herzklopfen!“ primeballerina’s books„Das Buch war großartig! So mitreißend, zart, gefühlvoll. Ich habe mich rettungslos in die Charaktere und die Geschichte verliebt. Ein paar Mal standen mir Tränen in den Augen und dann musste ich einfach nur wieder schmunzeln.“ Kielfeder
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TEST: Welcher Finde-mich-Bookboyfriend passt zu dir?

Um Euren Traummann zu finden, müsst Ihr Folgendes tun: Addiert die Punkte, die jeweils in Klammern hinter Euren Antworten stehen und gelangt so zum Match.

1) Worauf achtest du bei der ersten Begegnung am meisten?

a) Auf seine Augen (10)
b) Auf sein Lächeln (5)
c) Auf sein Charisma (15)
 

2) Du stehst auf Typen, die

a) … eine harte Schale, aber einen weichen Kern haben (10)
b) … keine Probleme haben, über ihre Gefühle zu sprechen (5)
c) … gerne Spielchen spielen, bis sie sich richtig verlieben. (15)
 

3) Was findest du ganz und gar nicht attraktiv?

a) eine ruppige Art (10)
b) eine zu enge Bindung zu Familie (5)
c) Herumgeflirte (15)

4) Was ist dir in einer Beziehung am Wichtigsten?

a) Vertrauen (10)
b) Sicherheit (5)
c) Humor (15)
 

5) Was kannst du ihm in einer Beziehung geben?

a) Weltverständnis (10)
b) eine Liebe ohne Vorurteile (5)
c) den Glauben an die Liebe (15)

Zur Auflösung

25-40 Punkte: Rhys

Rhys, 21, hat die letzten sechs Jahre unschuldig im Jugendknast verbracht für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Da er erst fünfzehn war, als er verhaftet wurde, hat er wichtige Erfahrungen im Leben verpasst und ist jetzt – in einer Welt, die ihm fremd ist – völlig auf sich allein gestellt. Im Gefängnis hat er Traumatisches erlebt und braucht nun jemanden, der ihm beibringt, was es heißt, zu vertrauen. Er ist zwar auf den ersten Blick unnahbar und schroff, aber hinter seiner harten Schale verbirgt sich ein weicher Kern. Wenn er sich erst einmal geöffnet hat, kannst du dich zu hundert Prozent auf ihn verlassen.

41-60 Punkte: Malik

Malik, 22, ist vor einigen Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden. Mit der Hilfe seiner Sozialarbeiterin Amy beginnt er eine Ausbildung zum Koch in einem Hotel. Er stammt aus einer überaus herzlichen Großfamilie und ist eigentlich ein durch und durch fröhlicher Mensch, auch wenn die Schwierigkeiten, die das Leben teilweise für ihn bereithält, ihm manchmal zu schaffen machen. In Malik findest du einen lebensfrohen, engagierten Partner, eine Schulter zum Anlehnen und einen Fels in der Brandung. Aber mach dich darauf gefasst, dass er jede Menge verrückter Kochrezepte an dir ausprobieren wird.

61-80 Punkte: Samuel

Sam, 24, ist ein attraktiver Literatur- und Filmnerd. Er promoviert in Literaturgeschichte, gibt Kurse an der Uni und ist der Schwarm jeder Studentin. Allerdings ist er sich der Wirkung, die er auf Frauen hat, auch bewusst. Deswegen flirtet er vielleicht etwas zu gern und vielleicht auch etwas zu viel. Doch lässt er sich einmal richtig auf eine Frau ein, hat er nur noch Augen für sie. Sam ist klug, witzig und nicht nur Partner, sondern gleichzeitig auch bester Freund. Aber Vorsicht: Mit seiner Wortgewandtheit hat er dich schnell um den kleinen Finger gewickelt. Mach dich darauf gefasst, ihm Paroli zu bieten, sonst wird er übermütig.

„Und ich mag dich. Mit all deinen Verrückheiten.“


Rhys

Steckbriefe - das Who is Who

Name: Tamsin Williams
Größe: 1,70 m
Alter: 19
Haarfarbe: braun
Augenfarbe: braun
Geburtstort: Rosedale, Maine
Geschwister: leider keine
Beruf: Studentin
Interessen: Literatur, Musik, Filme, meine Freunde, Neues entdecken
Lieblingsessen: Pasta
Lebenstraum: Mich freischwimmen
Lieblingsband/-musiker: David Bowie
Das wollte ich schon immer einmal machen: Nach Europa reisen
Das bringt mich zum Lachen: Situationen, über die man im Nachhinein sagt „Man muss wohl dabei gewesen sein, um es lustig zu finden.“
Wenn ich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es: Unehrlichkeit, Unfreundlichkeit, allgemein jede Art von egoistischem Verhalten, das anderen Menschen das Leben schwer macht
Von anderen Menschen erwarte ich: Dass sie meine Bedürfnisse genauso respektieren wie ich ihre.
So sehe ich mich selbst: Ich bin ein literaturverrückter Kaffee-Junkie, offen, spontan, unternehmungslustig
Liebe bedeutet für mich: Ich dachte, ich wüsste es. Aber nachdem ich mich offensichtlich geirrt habe, sage ich zu dem Thema besser nichts.
Mein Lebensmotto: Koste das Leben voll aus!

Name: Rhys Bolton
Größe: 1,87 m
Alter: 21
Haarfarbe: dunkelblond
Augenfarbe: blau
Geburtstort: Pearley
Geschwister: -
Beruf: -
Interessen: -
Lieblingsessen: -
Lebenstraum: Ihr wollt mich verarschen, oder?
Lieblingsband/-musiker:-
Das wollte ich schon immer einmal machen: Ist das ernst gemeint?
Das bringt mich zum Lachen: Wer denkt sich diesen Bullshit aus?
Wenn ich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es: Blöde Fragen beantworten
Von anderen Menschen erwarte ich: Dass sie mich in Ruhe lassen
So sehe ich mich selbst: Ist mir egal
Liebe bedeutet für mich: Nichts
Mein Lebensmotto: Keine Ahnung. Survival of the fittest oder so.
 

Name: Zelda Redstone-Laurie
Größe: 1,55 m
Alter: 18
Haarfarbe: wechselnd
Augenfarbe: blau
Geburtstort: Paloma Bay, Kalifornien
Geschwister: drei bekloppte ältere Brüder: Elijah, Zachary, Sebastian
Beruf: Studentin
Interessen: Eigentlich alles. Aber dann auch wieder nichts so richtig. Ich mag Nagellack und Trashfilme.
Lieblingsessen: Nachtisch. Besonders Millionaire’s Cheesecake
Lebenstraum: Auf der Suche.
Lieblingsband/-musiker: Ich mag alles, was mir gute Laune macht und wozu ich rumspringen kann
Das wollte ich schon immer einmal machen: Meinen Eltern die Meinung sagen
Das bringt mich zum Lachen: Mit meinen Mitbewohnern Leon und Arush herumzualbern
Wenn ich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es: Sorbet. Und meine Familie. Tut mir leid, aber so ist es.
Von anderen Menschen erwarte ich: Offenheit, Spontaneität, Respekt und Toleranz.
So sehe ich mich selbst: Wenn ich mich auf Zehenspitzen stelle, sehe ich mich im Spiegel (kleiner Scherz). Ich glaube, ich bin schon ganz in Ordnung, so wie ich bin. Laut und lustig irgendwie.
Liebe bedeutet für mich: Die Möglichkeit, so zu sein, wie man ist, schätze ich. Ohne, dass man sich Sorgen machen muss, der andere könnte einen anders haben wollen.
Mein Lebensmotto: Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter. Nur ohne den Tod im Hinterkopf.
 

Name: Malik Capela
Größe: 2,0 m
Alter: 20
Haarfarbe: schwarz
Augenfarbe: braun
Geburtstort: Pearley, Kalifornien
Geschwister: jede Menge: Jasmine, Theo, Ebony, Esther und Ellie.
Beruf: -
Interessen: Kochen. Und meine Familie.
Lieblingsessen: Solange die ganze Familie zusammenkommt, ist es egal, was es gibt.
Lebenstraum: Ich möchte gern Koch werden
Lieblingsband/-musiker: N.W.A.
Das wollte ich schon immer einmal machen: Die Zeit zurückdrehen und alles anders machen.
Das bringt mich zum Lachen: Meine Geschwister
Wenn ich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es: Vorurteile
Von anderen Menschen erwarte ich: nicht viel.
So sehe ich mich selbst: Jemand, der viele dumme Entscheidungen getroffen hat. Aber damit ist jetzt Schluss. Die nächste Chance nutze ich, das schwöre ich.
Liebe bedeutet für mich: Zuhause zu sein.
Mein Lebensmotto: Mach deine Familie stolz!

Name: Amy Davies
Größe: 1,72 m
Alter: 24
Haarfarbe: blond
Augenfarbe: blau
Geburtstort: Pearley, Kalifornien
Geschwister: nein
Beruf: Sozialarbeiterin
Interessen: Menschen
Lieblingsessen: Mexikanisch
Lebenstraum: Ich möchte mir selbst in die Augen sehen können.
Lieblingsband/-musiker: Joni Mitchell
Das wollte ich schon immer einmal machen: Ich habe noch nie wirklich Urlaub gemacht. Aber dafür fehlt mir die Zeit. Und das Geld.
Das bringt mich zum Lachen: Tiervideos auf Youtube
Wenn ich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es: Mich bedrängt zu fühlen
Von anderen Menschen erwarte ich: Eigentlich erwarte ich nur von mir selbst Dinge
So sehe ich mich selbst: Ich habe einiges wiedergutzumachen.
Liebe bedeutet für mich: Dafür habe ich keine Zeit
Mein Lebensmotto: Mache die Welt zu einem besseren Ort.

Name: Sam McPhearson
Größe: 1,85 m
Alter: 24
Haarfarbe: braun
Augenfarbe: braun
Geburtstort: ein kleines Kaff in Connecticut, das keiner kennt
Geschwister: keine
Beruf: Doktorand der Literaturwissenschaft
Interessen: natürlich Literatur. Und Filmklassiker.
Lieblingsessen: Alles, was mit Käse überbacken wird
Lebenstraum: Das klingt zwar wie ein Klischee, aber ich würde gerne ein Buch schreiben.
Lieblingsband/-musiker: The Smiths
Das wollte ich schon immer einmal machen: Aufs Sundance Film Festival fahren
Das bringt mich zum Lachen: Absurditäten (auch, aber nicht nur, in Wes-Anderson-Filmen)
Wenn ich etwas gar nicht leiden kann, dann ist es: Wenn Schönes verschwindet und durch Mittelmäßiges ersetzt wird.
Von anderen Menschen erwarte ich: Ich versuche nichts zu erwarten und hoffe, dass sie mich überraschen.
So sehe ich mich selbst: Hungrig nach Leben, süchtig nach Geschichten. Selbstbewusst und entschlossen. Aber vielleicht auch ein bisschen zu flirty und ein kleinwenig eitel.
Liebe bedeutet für mich: dieses vollkommen Von-den-Socken-Sein von einem anderen Menschen. Schlaflose Nächte, gemeinsames Frühstück. Körperlichkeit und seelische Nähe.
Mein Lebensmotto: Habe ich nicht.

„Ich wollte nicht, dass ein Mädchen von ihrem strahlenden Ritter auf dem weißen Pferd gerettet wird.“


Kathinka Engel

Das Interview

In deinem Roman trifft Tamsin auf den unnahbaren Rhys der seine Jugend im Gefängnis saß. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Mein Ziel war es, den Spieß im Liebesroman mal umzudrehen. Ich wollte nicht, dass ein Mädchen von ihrem strahlenden Ritter auf dem weißen Pferd gerettet wird, sondern ich wollte eine gesunde, selbstbewusste Protagonistin entwickeln, die endlich mal einem Kerl die Welt erklärt. Dafür brauchte ich einen männlichen Helden, der die Welt nicht versteht. Die Frage, die ich mir gestellt habe, war also: Wo hat er die letzten Jahre verbracht, um wirklich nichts mitgekriegt zu haben? Und da lag dann das Gefängnis nahe. Allerdings ist Rhys kein klassischer Bad Boy. Denn er war unschuldig im Knast. Er hat nur verlernt, mit anderen Menschen zu interagieren.

Warum hast du als Handlungsort die USA gewählt?
Der Hauptgrund für mich war die Vielfalt, die in den USA zu finden ist. So ein Umzug von der Ostküste nach Kalifornien ist ein gigantischer Schritt für Tamsin. Das Leben ist ein völlig anderes. Dieser Schritt allein zeigt schon, in welcher verzweifelten Lage sie sich befindet, aber vor allem auch, wie stark sie ist. Außerdem sind die USA ein absoluter Sehnsuchtsort – nicht nur für mich. Es ist die perfekte Mischung aus bekannt und exotisch. Und damit der perfekte Schauplatz für einen New-Adult-Roman.

Glaubst du an eine zweite Chance?
Ja, absolut. Ich glaube, dass es sehr menschlich ist, Fehler zu machen. Aus Fehlern kann man lernen. Manche Menschen machen größere Fehler als andere, manche stolpern einfach in blöde Situationen, manche nehmen eine einzige falsche Abzweigung und manche haben von Anfang an keine Chance. Solange man aus Fehlern lernt, solange man versteht, was man falsch gemacht hat, und aufrichtig bereut, hat jeder eine zweite Chance verdient (Kapitalverbrechen klammere ich hier jetzt mal aus, das würde sonst eine zu lange moralische Diskussion werden).

Aus wie vielen Büchern besteht die Reihe?
Es sind drei Bände, drei Romane, die unabhängig voneinander gelesen werden können. Wobei es Sinn macht, chronologisch zu lesen, da man die Figuren dann in der richtigen Reihenfolge kennenlernt. Im zweiten Band, „Halte mich. Hier“, erzähle ich die Geschichte von Zelda und Malik, die man im ersten Band schon kennenlernt. In Band 3, „Liebe mich. Für immer“, spielen Amy, die Sozialarbeiterin von Rhys und Malik, und Sam, Tamsins bester Freund, die Hauptrollen.

Wer hat dich für die Protagonisten Rhys und Tasmin inspiriert? 
Tatsächlich habe ich keine wirklichen realen Vorbilder für die beiden. Die Idee war, eine starke, selbstbewusste – und selbstbestimmte – Protagonistin zu schaffen. Alles andere ergab sich von selbst. Und Rhys hat seine Vergangenheit zu dem gemacht, der er ist, sodass ich hier auch keine Inspiration aus der realen Welt brauchte. Sie sind in meinem Kopf entstanden und haben dann beide gewissermaßen ein Eigenleben entwickelt.

Wie sieht dein Schreiballtag aus?
Ich wünschte, ich hätte einen normalen Schreiballtag! Aber die Finde-mich-Reihe habe ich sozusagen „nebenbei“ geschrieben. Ich arbeite Vollzeit als Lektorin, sodass ich unter der Woche zumindest kaum Routine hatte. Wann immer ich konnte, habe ich mich abends hingesetzt, aber das meiste habe ich an den Wochenenden geschrieben. Ich versuche dann, früh aufzustehen und mich mit frischem Kaffee an den Schreibtisch zu setzen, bevor die Welt um mich herum so richtig wach wird. Dann schreibe ich einfach solange und so viel ich kann. Mit und ohne Musik, mit und ohne Gesellschaft, mit und ohne Essen (das vergisst man schon mal). Solange ich einen Laptop vor mir habe, kann ich überall schreiben.

Du bist ein sehr musikalischer Mensch, welche Rolle spielt Musik im Schreibprozess?
Es ist nicht so, dass ich Musik unbedingt immer als Schreibbegleiter brauche, wie gesagt, ein Laptop reicht eigentlich. Aber manchmal, wenn ich nicht vorankomme, kann ein einziges Lied den Knoten zum Platzen bringen. Außerdem höre ich während Szenen, in denen im Buch Musik gespielt wird, die passende Musik: Dinnerjazz, wenn ich eine fancy Gartenparty beschreibe, die Sex Pistols, wenn meine Protagonisten wütend sind. Und ich habe eine Playlist für romantische Szenen. Denn um die zu schreiben, muss ich mich völlig ausklinken. Das geht nur mit Musik.

Gibt es eine persönliche Botschaft, die du deinen Leserinnen mitgeben möchtest?
Ich bin ein großer Fan von dem Lebensmotto, dass Tamsins Großvater ihr mitgibt: Koste das Leben voll aus. Ich bereue lieber Dinge, die ich getan habe, als Dinge, die ich nicht getan habe. Das ist zwar nur meine persönliche Meinung, aber ich fahre ganz gut damit. Sonst hätte ich wohl auch nie angefangen, ein Buch zu schreiben!
 

„Finde mich“ schreiben

Kathinkas Playlist beim Schreiben

Begleitet Kathinka Engel auf Instagram
Über die Autorin

Die gebürtige Münchnerin und Wahllondonerin Kathinka Engel kennt die Buchwelt aus verschiedensten Perspektiven: Als leidenschaftliche Leserin studierte sie allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin und als Redakteurin, Übersetzerin und Lektorin für verschiedene Verlage. Nun ist sie mit ihrem Debüt Finde mich. Jetzt unter die Autoren gegangen. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie in Giesinger Kneipen, im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

>> Kathinka Engel auf Instagram

>> Kathinka Engels Blog

Kommentare

1. Frau
Kathy Schneider am 02.09.2019

Fand es sehr interessant, etwas mehr über die Autorin zu erfahren, besonders auch die Musik, die sie beim schreiben hört :)

2. Gewinnspiel
Andrea am 03.09.2019

Ich möchte das Buch so gerne gewinnrn. Der Text hat mich gefesselt und es klingt alles so spannend und aufregend. So als würde man es nicht mehr weglegen können. Und ich befinde mich in Elternzeit und benötige gerade jetzt beim Stillen etwas wunderschönes wie dieses Buch,auserdem liest es sich im Herbst viel schöner und besser bzw. Gemütlicher. Vor allem mit dieser schönen Tasse.

JA ich möchte gewinnen und würde mich sehr darüber freuen!

3. ♡Buchliebe ♡
Nadine am 07.09.2019

Wow.. Ich lese so gern.. Abschalten nach der Arbeit und wenn meine drei Kinder im Bett sind.... Wie Kraft tanken und die Bücher machen neugierig auf mehr... Spannend und fesselnd... Einfach klasse geschrieben und mehr von der Schriftstellerin zu erfahren gefällt mir sehr

4. Mein Hobby
Daniela am 09.09.2019

Ich finde die lese Probe sehr interessant und würde die Bücher echt gerne komplett lesen. Vielleicht bekomme ich ja die Chance dazu.

5. Leseliebe
Leonie am 09.09.2019

Ich würde mich sehr freuen die Bücher zu gewinnen. Ich lese super gerne und liebe es nach der Schule mein neues Buch zu lesen

6. Das klingt genau nach dem richtigen Buch für mich
Skjoon am 09.09.2019

Ich LIEBE schöne,packende New Adult-Geschichten, weswegen ich mich mega über das Buch freuen würde. Das Buch steht auch schon seit längerer Zeit auf meiner Wunschliste und das Cover ist ja auch mal mega hübsch.

7. Gewinnspiel
Stefanie am 09.09.2019

Ich würde gerne gewinnen,da mich das Buch interessiert. Ich liebe es Bücher mit guten Storys zu lesen.

8. Gewinnspiel book addicted ❤️
Mine am 09.09.2019

Ich würde unglaublich gerne das Buch gewinnen. Der Klappentext hat mich so neugierig auf die Geschichte gemacht und ich bin ein sehr wählerischer Mensch, wenn es um Bücher geht, aber das hat mich echt gepackt. Ich fand es auch schön mehr über die Autoren und Protagonisten in dem Buch/den Büchern zu erfahren und die Musik Playlist die sie beim schreiben gehört hat ist auch wahnsinnig interessant!

Ich würde mich über alle Maßen freuen die Chance zu bekommen zu gewinnen.

9. Unglaublich ich muss es lesen !!
Ilayda Akbiyik am 09.09.2019

So wunderschöne Bücher, hachh ein hingucker!! Ich habe mir die Leseprobe und alle Steckbriefe durchgelesen und muss sagen : ICH LIEBE ALLE PROTAGONISTINNEN!!! Wirklich alle sind einzigartig, aber mein Favorit ist Malik .

10. 1985
Martina N. am 09.09.2019

Ich würde sehr gerne die Bücher gewinnen. Es ist mal wieder an der Zeit etwas tolles zu lesen :-) glg

11. Gewinnspiel
Celine am 09.09.2019

Ich würde das Paket echt gerne gewinnen, weil ich schon seit längerem wieder auf der Suche nach einem guten Buch bin. Außerdem hat mich der Text so gefesselt und ich würde gerne in die Reihe reinlesen um dann gegebenenfalls gleich 3 neue Bücher zum Lesen zu haben.

12.
Livia am 09.09.2019

Lesen... einfach den Kopf frei kriegen und eine schöne Story lesen.... langsam aber brauche ich neuen Lesestoff und diese Bücher und diese Autorin haben mich sehr fasziniert

13. Gewinnspiel
Nikki am 10.09.2019

OMG!! Ich bin gefesselt. Nur durch das was hoer auf der Website steht habe ich mich schon in diese Reihe verliebt.. Ich würde megaaaa gerne gewinnen. Im moment bräuchte ich auch etwas was mich ein wenig ablenkt da ich in einem Jahr meine Abschlussprüfungen habe und ich jetzt schon nervös bin...
Die Autorin klingt nach einem suuper menschen und ich werde ihr gleich auf insta folgen.

14. Ich liebe Romantische Bücher
Jennifer Minayev am 10.09.2019

Ich finde den Text super und will unbedingt wissen wie es weiter geht

15. Gewinnspiel
Vivien am 10.09.2019

Der Herbst steht vor der Tür und da passt diese Buchreihe genau rein. Mit heißer Schokolade oder einem guten Tee aus der tollen Tasse und dem Finde mich Buch in der Hand lässt sich ein noch so verregneter Tag gut überstehen.
Außerdem finde ich es immer spannend neue Autoren kennen zu lernen und da ich Kathinka Engel Neuling bin wäre das die perfekte Gelegenheit ihren Schreibstil besser kennen zu lernen.

16. Gewinnspiel
Sandra am 10.09.2019

Ich hatte das Buch schon im buchhandel liegen sehen, es dann aber (aufgrund Monatsende :D) wieder weggelegt. Jetzt bin ich durch eine Internetwerbung wieder darauf gestoßen und würde mich riesig über den Gewinn freuen! Ich arbeite viel und habe mir vor einiger Zeit vorgenommen wieder mehr zu lesen um den Stresspegel zu senken und das Buch wäre dafür perfekt.

17. Bücherliebe
Annalena am 10.09.2019

Ich lese sehr gerne, vor allem New Adult Reihen. Ich würde mich sehr über einen Gewinn freuen. Das würde meine Semesterferien gleich noch viel schöner machen

18. Bücherwurm
Carmen am 10.09.2019

Was für ein tolles Gewinnspiel und wie schön sind denn bitte die Produkte

19. Gewinnspiel
Nicole am 10.09.2019

Über diesen Gewinn (egal, welche Option) würde ich mich einfach riesig freuen und mir die nassen Herbstabende gemütlicher machen können. Das Buch gefällt mir super!

20. Gewinnspiel
Nane am 26.09.2019

In dem gewonnen Becher einen heißen Tee, dann mit Decke und dem Buch auf dem Sofa bequem gemacht und einem spannenden Wochenende nur lesen verbringen, was will man mehr. Ich freue mich schon auf den Gewinn.

21. Gewinnspiel
Beate am 27.09.2019

Ohne Bücher ist das Leben nur halb so schön . Ich habe lieber ein Buch in der Hand und nichts elektronisches! Abends im Bett ein gutes Buch

22. Gewinnspiel
Sophie am 28.09.2019

Ich liebe es mich in Büchern zu verlieren und verliere mich in jeder erdenklichen Minuten in denen es möglich ist, sie zu lesen in ihnen. Sie sind eine Erfindung der Menschheit, die meiner Meinung nach immer noch zu unterbewertet sind und versuche jeden in meinen Umkreis zum lesen zu ermutigen.
Und weil ich immer wieder versuche etwas neues auszuprobieren, ist mein Buchgeschmack eher zerstreut, auch wenn Romane immer meine Nummer eins bleiben. Das Zitat "Ich wollte nicht, dass ein Mädchen von ihrem strahlenden Ritter auf dem weißen Pferd gerettet wird." hatte mich unglaublich neugierig gemacht, als auch all die guten Meinungen der Leser. Es ist definitv auf meiner Buchliste notiert.

23. 23.Gewinnspiel
Andrea Brechtelsbauer am 03.10.2019

Ich liebe Bücher, vor allem im Zug um Zeit zu überbrücken

24. Liebe zu Büchern! (Gewinnspiel)
Jessie Terwedow am 08.10.2019

Ich liebe alles was mit Büchern zutun hat & da ist es natürlich umso schöner sie direkt in den Händen halten und lesen zu können. Mehr wünsche ich mir gar nicht und genau dazu passen die Bücher von der lieben Kathinka Engel. Sie sind Liebe zwischen den Zeilen, jeder einzelne Charakter berührt einen und ziehen einen in ihre Welt. Genau das möchte ich bei jedem Buch! In die Welt versinken & alles andere ausblenden, dass wird mir bei ihr passieren!

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