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Liebe mich. Für immerLiebe mich. Für immer

Liebe mich. Für immer

Roman

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Liebe mich. Für immer — Inhalt

Er zeigt ihr, was es heißt, zu vertrauen
Amy geht in ihrer Rolle als Sozialarbeiterin voll auf, und doch fehlt ihr jemand, der sich zur Abwechslung einmal um sie kümmert. Sam ist ein umschwärmter Unidozent und kann sich vor Angeboten kaum retten. Immer wieder lässt er sich auf zwanglose Dates ein, die aber niemals sein dauerhaftes Interesse wecken können – bis er auf Amy trifft. Nach einer gemeinsamen Nacht kann Sam nicht mehr aufhören, an sie zu denken. Doch durch ein Trauma aus ihrer Kindheit kann Amy keine Nähe zulassen, sich niemandem richtig öffnen. Sam gibt alles, um Amys Vertrauen zu gewinnen und ihr zu zeigen, wie schön die Liebe sein kann.

„Liebe mich. Für immer“ ist der Abschluss von Kathinka Engels romantischer New Adult-Reihe. Mit einer großen Portion Gefühl beschreibt die Autorin in der Finde-mich-Reihe das Auf und Ab der Liebe, lässt uns erst tief bewegt zurück und das Herz dann wieder ganz leicht werden. Unter dem Motto „Believe in second chances“ erzählt sie von Neuanfängen, zweiten Chancen und der ganz großen Liebe. Perfekt für alle Fans von Mona Kasten und Laura Kneidl.  

Als leidenschaftliche Leserin studierte Kathinka Engel allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin sowie als Übersetzerin und Lektorin. Mit ihrem Debüt „Finde mich. Jetzt“ ist sie unter die Autoren gegangen. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erscheint am 03.02.2020
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06173-5
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erscheint am 03.02.2020
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99466-8

Leseprobe zu „Liebe mich. Für immer“

1
Amy
Der riesige Betonklotz, in dem sich vor allem Sozialwohnungen befinden, ragt wenig einladend in den zur Abwechslung ungewöhnlich grauen kalifornischen Himmel. Ton in Ton. Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit. Für die meisten jedenfalls. Jedoch nicht für mich. Wo andere nichts als Armut und Elend sehen, erwachsen vor meinen Augen Bilder von zweiten Chancen, von Leuten, die kämpfen und es schaffen.

Die Mischung aus Smog und Wolken taucht die gesamte Umgebung in ein mattes Licht. Und heute bin ich geneigt, mich ebenso matt zu fühlen. Bald sollte ich [...]

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1
Amy
Der riesige Betonklotz, in dem sich vor allem Sozialwohnungen befinden, ragt wenig einladend in den zur Abwechslung ungewöhnlich grauen kalifornischen Himmel. Ton in Ton. Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit. Für die meisten jedenfalls. Jedoch nicht für mich. Wo andere nichts als Armut und Elend sehen, erwachsen vor meinen Augen Bilder von zweiten Chancen, von Leuten, die kämpfen und es schaffen.

Die Mischung aus Smog und Wolken taucht die gesamte Umgebung in ein mattes Licht. Und heute bin ich geneigt, mich ebenso matt zu fühlen. Bald sollte ich mir wieder einmal eine kleine Verschnaufpause gönnen, wenn ich nicht demnächst völlig ausgebrannt sein will. Über die Jahre habe ich einen relativ guten Radar dafür entwickelt, was ich zu leisten imstande bin und wann ich aufpassen muss, dass ich mir nicht zu viel aufhalse. Auf sich allein gestellt zu sein hat eben auch einen entscheidenden Nachteil: Man ist selbst dafür verantwortlich, den eigenen Akku rechtzeitig wieder aufzuladen. Den kommenden Freitagabend, den ich ausnahmsweise für mich habe, werde ich also nutzen.

In diesem Moment gilt meine Aufmerksamkeit jedoch nicht mir, sondern Kylie und Steve, einem Paar, das nach Steves Gefängnisaufenthalt gerade lernt, zusammen mit dem neugeborenen Baby Milo zu einer Familie zu werden. Steve wurde gerade rechtzeitig entlassen, um bei der Geburt seines Sohnes dabei zu sein. Die veränderte Lebenssituation, die er und seine Freundin seither zu bewältigen haben, war der Hauptgrund, warum ich Steve in mein Resozialisierungsprogramm aufgenommen habe. Und nun begleite ich ihn auf seinem Weg zurück ins Leben, zurück in den Alltag.

Ich drücke die Klingel des Apartments Nummer 34, und kurz darauf ertönt der Türsummer. Das Treppenhaus ist angenehm kühl nach der Schwüle, die draußen herrscht. Seit Tagen schon ist Regen angekündigt, doch statt der Erleichterung in Form eines Wolkenbruchs kämpfen wir seit Tagen mit schlechterer Luftqualität und den drückenden Wolkenmassen.

Da der Aufzug kaputt ist – seit meinem ersten Hausbesuch vor beinahe einem Monat hat sich daran nichts geändert –, nehme ich die wenig einladende nackte Betontreppe in den dritten Stock. Die Wände sind mit Graffiti und undefinierbarem Schmutz beschmiert. Bei einigen Schlieren möchte man gar nicht so genau wissen, woraus sie bestehen.

Im dritten Stock klopfe ich an die Wohnungstür. In Häusern wie diesem lässt man die Tür nicht angelehnt, während man auf Besuch wartet. Ich höre, wie von drinnen die Kette gelöst wird, und im nächsten Moment öffnet Kylie die Wohnungstür, auf dem Arm den winzigen Milo.

„Hi, komm rein“, sagt sie und lächelt mich müde an.

Ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo ich mich wie immer auf dem schäbigen Sofa niederlasse.

„Wie geht’s euch?“, frage ich, zupfe den schwarzen Haargummi von meinem Handgelenk und binde mir einen Pferdeschwanz.

„Ach ja“, erwidert Kylie, „es wäre leichter, wenn der Kleine nicht so viel schreien würde.“ Wie auf Kommando fängt er an zu quäken, und Kylie seufzt. Sie wippt von einem Fuß auf den anderen, um ihn zu beruhigen. „Steve?“, ruft sie dann. „Hast du die Klingel nicht gehört?“

Aus dem Nebenraum hört man ein Grunzen, und gleich darauf schlurft Steve in einer grauen Jogginghose, die er in seine weißen Tennissocken gesteckt hat, und einem ausgeleierten T-Shirt aus dem Schlafzimmer.

„Sorry“, murmelt er. „Musste mir noch was anziehen.“ Er grinst mich vorsichtig an, und ich hole einen Hefter mit Unterlagen aus meiner Tasche.

„Sind das die Stellen?“, fragt er nun mit deutlich gesteigertem Interesse.

Die Arbeitslosigkeit macht ihm zu schaffen. Für einen ausgebildeten Automechaniker gibt es zwar immer wieder Stellen, aber seine kriminelle Vergangenheit macht eine Vermittlung schwierig. Gerade leben die drei von Kylies dürftigen Ersparnissen und der Unterstützung von Steves Mutter. Aber nicht nur wird es ihnen unmöglich sein, sich auf diese Weise länger über Wasser zu halten, Steve fällt außerdem die Decke auf den Kopf. Deswegen habe ich zusätzlich ein paar Zeitarbeitsfirmen angezapft, an die er Initiativbewerbungen schicken kann.

„Hoffentlich ist was dabei“, sagt Kylie, während sie Milo mit dem Rücken zu uns stillt. „Ich muss ihn aus dem Haus haben. Der Kerl macht mich irre.“

Der Umgangston hier ist rau, aber ich lasse mich davon nicht täuschen. Ich weiß, wie glücklich Kylie darüber ist, ihren Freund wieder an ihrer Seite zu haben.

„Könntest dir ja auch einen Job suchen“, schlägt Steve vor.

„Würde ich, wenn ich deinen Sohn nicht von morgens bis abends an meinen Titten hängen hätte.“

Steve schnaubt und beugt sich über die Liste mit den Zeitarbeitsfirmen. Milo scheint genug zu haben, denn er beginnt wieder verzweifelte Geräusche von sich zu geben. Kylie stöhnt, Steve grunzt – und mir ist es eigentlich zu viel, aber das hier ist mein Job. Mein Leben. Für die beiden da zu sein, ihnen Hoffnung und das Gefühl zu geben, dass sie jede Situation meistern können.

Kylie beginnt dem Kleinen auf den Rücken zu klopfen, bis er sich mit einem Schwall auf ihre Schulter übergibt. „Fuck“, sagt sie und hält ihn einen halben Meter von sich weg. Immerhin hat er aufgehört zu schreien.

»Amy, würdest du kurz …?«, fragt Kylie und drückt mir den kleinen Wurm in den Arm, ohne eine Antwort abzuwarten. „Du musst nur seinen Kopf stützen“, sagt sie und ist im nächsten Augenblick im Bad verschwunden.

Mein Körper versteift sich für einen Moment. Ich bin niemand fürs Kopfstützen. Für Körperwärme. Für Nähe. Das ist ausnahmslos meiner Pflegetochter Jeannie vorbehalten. Milo sieht mich aus seltsam wachen dunkelblauen Augen an. Ich blicke von ihm zu Steve in der Hoffnung, dass er mir seinen Sohn abnimmt, aber nichts dergleichen geschieht. Er ist in die Liste vertieft und scheint keine Notiz von meiner Hilflosigkeit zu nehmen.

„Okay“, sage ich gleichermaßen zu Milo und zu mir selbst und lege mir den kleinen Wurm auf den Schoß. Dabei achte ich darauf, dass ich seinen Kopf mit meinem Arm stütze. Steve blickt nun doch kurz auf und nickt mir zu. Anscheinend sieht man mir meine Unbeholfenheit nicht an.

Die Wärme des Babys überträgt sich auf meine Beine. Als wäre es nicht ohnehin schon warm genug. Aber gleichzeitig fühlt es sich irgendwie beruhigend, geradezu friedlich an. Milo duftet ganz eigen. Das muss der Babygeruch sein, von dem die Leute sprechen. Er quäkt leise, und ich fahre einmal mit der flachen Hand über seinen weichen Strampler. Er gibt erneut ein wimmerndes Geräusch von sich, und ich wiederhole die Bewegung mit der Hand. Es scheint ihm zu gefallen, denn er atmet einmal tief ein. Beinahe klingt es wie ein erleichtertes Seufzen. Verrückt, denke ich. So ein kleines wehrloses bisschen Mensch, das da auf meinem Schoß liegt. Es ergibt sich einfach und hofft auf das Beste.

„Schau, ich hab meine Bewerbung noch mal überarbeitet, wie du’s gesagt hast.“ Steve reißt mich aus meinen Überlegungen und reicht mir einen Ausdruck.

Wir hatten bei meinem letzten Besuch darüber gesprochen, dass es helfen würde, wenn er die Bewerbung ein bisschen hübscher formatiert. Ich habe ihn mit der Welt der Vorlagen vertraut gemacht. Außerdem riet ich ihm, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und den Gefängnisaufenthalt im Anschreiben nicht zu erwähnen. Wir machen kein Geheimnis daraus, und die meisten Firmen kontaktiere ich ohnehin vorab, um herauszufinden, ob Steve überhaupt Chancen hätte, aber die Lücke im Lebenslauf reicht vollkommen.

Während Baby Milo auf meinen Beinen vor sich hin dämmert, korrigiere ich die Rechtschreibfehler in Steves neuem Anschreiben. Kylie kommt zurück ins Wohnzimmer, macht aber keine Anstalten, mir das Baby wieder abzunehmen – und ich stelle fest, dass es mir nichts mehr ausmacht, den Kleinen auf dem Schoß zu haben. Im Gegenteil, ich finde es seltsamerweise sogar tröstlich, erdend.

 

„Danke für deine Hilfe, Amy“, sagt Steve, als ich mich eine halbe Stunde später auf den Weg mache. „Jetzt muss nur endlich mal was klappen.“

„Mach dir keine Gedanken“, sage ich. „Wir finden was für dich.“ Bislang habe ich noch jeden meiner Schützlinge irgendwo untergebracht. Ich verabschiede mich und trete ins Treppenhaus hinaus. Doch gerade, als ich mich zum Gehen wenden will, löst Kylie, die Milo wieder auf dem Arm hat, ihren Freund an der Tür ab.

„Amy?“, fragt sie schüchtern. Und beim Anblick ihrer zarten Statur und der glatten Haut wird mir wieder einmal bewusst, wie jung sie ist. Gerade einmal achtzehn Jahre alt.

„Ja?“

„Ich habe noch eine Frage.“

„Raus damit“, sage ich aufmunternd. Obwohl ich eigentlich Steves Sozialarbeiterin bin, steht es für mich außer Frage, auch ihr zu helfen, egal, worum es sich handelt.

„Ähm, also, du weißt doch, dass Milo ein bisschen zu früh auf die Welt gekommen ist.“

Ich nicke. Deswegen war es so wichtig, Steve in mein Programm aufzunehmen. Mit der Hilfe des Gefängnispsychologen gelang es uns, Steve ein paar Tage vor seinem offiziellen Haftende nach Hause zu schicken. Eine Punktlandung, die mich viele Nerven gekostet hat, es aber absolut wert war.

„Deswegen konnte ich die Prüfungen nicht mehr mitschreiben.“ Sie wippt nun wieder von einem Fuß auf den anderen. Ob sie es tut, um Milo zu beruhigen oder weil sie selbst nervös ist, lässt sich schwer sagen. „Glaubst du, ich kann den Highschool-Abschluss nächstes Jahr nachholen? Vielleicht an einer Abendschule?“

„Liebe Kylie“, erwidere ich, „das ist eine tolle Idee.“ Ich finde es großartig, dass sie auch weiter an ihre eigene Zukunft denkt. Viele andere ergeben sich in ihr Schicksal. Und was passiert, wenn das schiefgeht, weiß ich nur zu gut. „Ich besorge Infomaterial und bringe es beim nächsten Mal mit.“

„Danke“, sagt sie und lächelt erst mich, dann Baby Milo an. Und beim Gedanken an Milos Wärme und den unverkennbaren Babygeruch muss auch ich unwillkürlich lächeln.


2
Sam
„Bist du Sam?“, fragt eine hübsche, allerdings etwas überschminkte Schwarzhaarige, die gerade von ihrem Tisch aufgestanden ist.

Dieses aufgeregte Gefühl vor einem Blind Date macht sich in mir breit. „Der bin ich“, sage ich und fahre mir bewusst lässig mit der Hand durch die Haare. Dann schenke ich ihr ein schiefes flirty Lächeln, das nie seine Wirkung verfehlt. Und tatsächlich, auch Sarah ist gegen meinen Charme nicht immun, wie mir ihr breiter werdendes Lächeln verrät. Sie streicht sich ebenfalls durch die Haare und wickelt am Ende eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger.

Ich setze mich ihr gegenüber an den dunklen Holztisch. „Was trinkst du?“, frage ich mit einem Blick auf ihren durchsichtigen Drink, in dem eine Zitronenscheibe schwimmt.

„Gin Tonic“, erwidert sie. „Willst du einen Schluck?“

Sie hält mir ihr Glas hin. Dass sie offensiv ist, gefällt mir. Genau diesen Eindruck hatte ich auch von ihrem Datingprofil in der App.

Doch da in diesem Moment ein Kellner an unseren Tisch herantritt, bestelle ich mir lieber einen eigenen Drink.

„So gut sehen also Leute aus, die eine Doktorarbeit schreiben“, sagt Sarah und klimpert mit ihren Wimpern. „Was machst du noch mal genau?“

Ich weiß, dass das hier nur Small Talk ist. In den letzten Monaten hatte ich jede Menge solcher Dates. Die meisten davon wie heute im Vertigo, meiner Stammkneipe im bunten Ausgehviertel von Pearley. Es ist fast immer das Gleiche. Man redet, man flirtet, man geht zu ihr oder zu mir. Oder man verabredet sich noch ein zweites Mal, um dann zu ihr oder zu mir zu gehen.

„Literaturwissenschaft“, antworte ich kurz. In die Tiefe zu gehen lohnt sich meistens nicht.

„Um dann Taxifahrer zu werden?“, fragt sie und wirft beim Lachen den Kopf in den Nacken.

Solche Kommentare bin ich gewöhnt und ignoriere sie. So auch Sarahs. Es ist mir egal, ob meine Bekanntschaften etwas mit meiner Berufung anfangen können, solange die Menschen in meinem Leben, die mir wirklich etwas bedeuten, mich ernst nehmen. „Und was ist mit dir?“, frage ich stattdessen.

„Ach, dies und das. Gerade jobbe ich. Eigentlich will ich Musikerin werden.“

„Spielst du in einer Band?“, frage ich. „Wie cool. Welches Instrument denn?“

Sie lacht wieder. „Ich spiele noch gar kein Instrument. Aber Schauspielerin würde sowieso besser zu mir passen. Oder Model.“

Ich gehe darüber hinweg, schließlich bin ich nicht hier, um meine Seelenverwandte zu finden, und versuche es noch einmal. „Bist du also auch ein Filmfan?“ Denn daran könnte ich anknüpfen. Der Kellner bringt meinen Drink, und wir stoßen an.

„Was? Nein.“ Wieder wirft sie ihren Kopf in den Nacken und lacht. „Ich stehe einfach gern im Mittelpunkt.“ Das glaube ich ihr sofort. „Außerdem: Wer würde das hier“ – sie streicht mit den Händen an ihrem Körper entlang – „nicht gern auf Plakaten und so sehen?“

Ich schlucke. Ich kann sie mir gut auf Plakaten vorstellen. Erneut fahre ich mir durch die Haare. Dann lehne ich mich zurück und lasse meinen Blick über sie wandern. Nicht zu anzüglich, aber doch so, dass sie meine Absichten nicht falsch verstehen kann.

„Du solltest auch Model werden“, sagt sie. „Da ist sicher mehr Geld drin als in Büchern und so Kram.“

Je weniger wir gemeinsam haben, desto einfacher ist es für mich. Also lache ich mein sexy Lachen. Nicht zu laut, nicht zu verklemmt, sondern tief und kehlig, und schenke ihr dann meinen intensiven James-Dean-Blick – den Kopf leicht schräg und etwas nach unten gesenkt. Mir sind all diese Kleinigkeiten völlig in Fleisch und Blut übergegangen. Der coole Gang, das lässige Anlehnen, das Durch-die-Haare-Fahren, die Blicke. Es ist ein Spiel, ein Tanz, von dem jeder weiß, wo er hinführt.

„Und? Hast du schon mal gemodelt?“, frage ich hoffnungsvoll, denn die Unterhaltung darf, egal, wie banal sie ist, nicht einschlafen. Das killt die Stimmung, auch wenn es uns beiden sicher nicht um den Austausch von Höflichkeiten geht und wir vermutlich kaum weniger Interesse an inhaltlicher Auseinandersetzung miteinander haben könnten.

„Nein, noch nicht. Ich muss ja erst einmal entdeckt werden“, sagt Sarah und zwirbelt sich wieder eine Haarsträhne um den Finger.

Kurz weiß ich nichts darauf zu erwidern, so erstaunt bin ich über sie. „Und wie wird man entdeckt?“, frage ich dann, sehr darauf bedacht, die Ungläubigkeit in meiner Stimme zu verbergen.

»Auf der Straße, im Internet …« Sie zuckt mit den Schultern. „Ich habe schon zehntausend Follower auf Instagram. Willst du mal sehen?“

Ohne meine Antwort abzuwarten, schiebt sie mir ihr Handy hin.

„Schau, da bin ich mit einem neuen Lippenstift“, sagt sie und tippt auf ein Bild, das vor allem ihren Kussmund zeigt. Mit einem neuen Lippenstift, steht darunter. „Und das bin ich mit meinem Hund Stella.“ Sie vergrößert ein Bild, auf dem sie mit Kussmund und einem Mops zu sehen ist. Mit meinem Baby Stella, steht darunter. „Und das hier bin ich in meinem neuen Bikini.“ Ich sehe vor allem Brüste. Wohlgeformte, kaum bekleidete Brüste. Die Caption lautet allen Ernstes In meinem neuen Bikini.

„Wow“, sage ich, meine aber entgegen ihrer Erwartung nicht ihre gestellten Bilder, sondern ihre einfallsreichen Texte. Und entgegen ihrer Erwartung ist mein Kommentar außerdem nicht ganz unironisch. Doch ich achte darauf, sie nichts von alldem spüren zu lassen.

„Ein bisschen habe ich nachgeholfen.“ Wieder wirft sie den Kopf in den Nacken. „Aber sie fühlen sich jetzt irrsinnig gut an. Viel fester als vorher. Viel perfekter.“ Sie zwinkert mir zu.

„Wow“, sage ich wieder, doch es fällt mir immer schwerer, die Ironie in meiner Stimme zu verbergen.

„Willst du jetzt schon mal anfassen oder erst später?“ Sarah leckt sich über die Lippen.

„Äh, gerne später“, sage ich, doch ich bin mir auf einmal nicht mehr sicher, ob es zu einem Später kommen wird.

„Hier schau, das bin ich mit meiner BFF.“ Sie hält mir wieder ihr Smartphone hin und präsentiert mir das Bild von sich und ihrem Klon. Zumindest sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich. Vielleicht liegt es aber auch an den vollkommen identischen Kussmündern. „Viertausend Likes“, sagt sie stolz.

Beinahe will ich fragen, welche von beiden sie ist, als mein Blick auf den Text unter den Likes fällt. Mit meiner BFF, steht da, und in einem kleinen Moment ohne Selbstbeherrschung entfährt mir ein leises Kichern.

„Entschuldige?“, fragt sie. „Was ist so witzig?“

„Nichts“, beeile ich mich zu sagen.

„Machst du dich etwa über mich lustig?“ Ihre Augen sind jetzt weit aufgerissen.

„Nein, wie käme ich dazu“, sage ich vollkommen unschuldig. Ich habe mich jetzt wieder im Griff.

„Okay, weil“, sagt sie und wedelt wild mit ihrem Zeigefinger vor meinem Gesicht herum, „ich merke, wenn mich jemand nicht ernst nimmt.“ Ihr Tonfall ist auf einmal derart gehässig, dass ich beinahe eine Gänsehaut kriege. „Ich habe so etwas echt nicht nötig“, keift sie. „Ich bin Model.“

Diesen Stimmungsumschwung habe ich nicht erwartet. Denn genau genommen habe ich ihr nichts getan. Im Gegenteil, ich habe mir ihre Bilder angesehen und versucht, mich für sie zu interessieren. Sie war diejenige, die zuerst Witze über meinen Lebenstraum gemacht hat.

Weil der Abend für mich gelaufen ist, beschließe ich nun, zu mir selbst zu werden. „Ich dachte, du musst erst noch entdeckt werden“, sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Sie japst entsetzt auf. „So was muss ich mir echt nicht anhören“, faucht sie. „Ich brauche Leute in meinem Leben, die an mich glauben. Nicht so einen toxischen Scheiß.“ Mit diesen Worten schnappt sie sich ihr Handy, das immer noch zwischen uns auf dem Tisch liegt, erhebt sich und rauscht aus der Bar.

Ich schüttle etwas ungläubig den Kopf. Was für ein Abgang. Was für ein verschenkter Abend. Das war in den letzten zwei Wochen das vierte Date, das gründlich in die Hose gegangen ist. Ich ziehe ihren halb vollen Gin Tonic zu mir und bitte den Kellner um die Rechnung. Und während ich erst meinen und dann ihren Drink runterkippe, lösche ich die App von meinem Handy. Genug ist genug.


3
Amy
Im Internet stoße ich manchmal auf rosafarbene Magazine und Blogs, die ihren Leserinnen dazu raten, sich auch einmal Zeit für sich zu gönnen. Eine Auszeit zu nehmen, um in sich hineinzuhorchen. Sie schlagen entspannende Schaumbäder mit einem Glas Sekt und leiser Musik vor, Wellness mit Freundinnen oder einen Liebesfilm auf der Couch. Manchmal frage ich mich, was mit mir nicht stimmt. Denn wenn ich mir vorstelle, wie ich in einer Badewanne sitze, bis ich schrumpelig bin, kommt mir das vor wie die größte Zeitverschwendung.

Ich habe nicht oft den Luxus von freien Abenden, die ich mit „Zeit für mich“ füllen könnte. Und wenn ich, wie heute, auf der Suche nach dringend nötiger Entspannung bin, dann ist das Allerletzte, was ich möchte, tief in mich hineinzuhorchen. Meine Regeneration sieht ein bisschen anders aus und beinhaltet, mir selbst zu zeigen, dass ich ganz normal bin – ohne dabei Babys halten zu müssen.

Deswegen sitze ich hier am Tresen des Vertigo, einer Bar, die ich noch aus meiner Studienzeit kenne. Beim Hereinkommen schlägt jedem eine warme Wolke aus alkoholischem Dunst entgegen. Die Musik, das Gelächter und die lauten Unterhaltungen verschmelzen zu einem Lärmgewirr. Durch das gedimmte Licht sehen die Bar und all die Menschen, die an diesem Freitagabend hierhergekommen sind, um sich von ihrem Alltag zu erholen, weichgezeichnet aus. Hier finde ich genau das, was ich will. Trubel in der Anonymität.

Vor mir auf dem dunklen Tresen, der so glatt lackiert ist, dass man sich beinahe darin spiegeln kann, steht ein Gin Tonic – mit Gurke, nicht mit Zitrone –, den ich mit meinem Strohhalm umrühre. Die Eiswürfel klappern aneinander.

Ich nippe an meinem Drink und merke, wie der Stress der Woche in den Hintergrund tritt. Hier in einer Bar zu sitzen und zu warten, was der Abend noch bringt, ist nichts, was ich regelmäßig mache. Aber alle paar Monate überkommt es mich: der Drang, rauszukommen, am Nachtleben teilzuhaben, und – wenn es gut läuft – mal wieder meinen Verstand auszuschalten. Solange es zu meinen Bedingungen geschieht. Denn mein Leben ist weiß Gott chaotisch genug, als dass ich an meinem freien Abend Kompromisse eingehen würde.

Noch genieße ich einfach die gelöste Atmosphäre. Ich beobachte den Barkeeper beim Mixen der Drinks, blicke mich in der Bar um. An den Wänden hängen Metallschilder mit Zitaten von irgendwelchen Berühmtheiten, Sinnsprüche und Autokennzeichen. Ich stelle mir vor, Teil einer dieser Studentengruppen zu sein, die vollkommen sorglos scheinen. Der Klang von lautem Gelächter und Gejohle mischt sich zur allgemeinen Lärmkulisse, und meine Aufmerksamkeit wird auf einen Tisch in der Nähe des Eingangs gelenkt. Zwei Kerle liefern sich einen Trinkwettbewerb und versuchen ihr Bier herunterzuexen. Die anderen klatschen im Takt ihrer Anfeuerungsrufe auf den Tisch. Früher hätte ich die Augen verdreht und mich abgewendet. Inzwischen versuche ich nicht mehr vorschnell über andere zu urteilen. Wenn das ihre Art von Spaß ist, warum sollen sie ihn dann nicht haben?

„Hi“, sagt eine Stimme neben mir, und ich löse den Blick von der Studentengruppe.

An der Bar steht ein blonder Hüne, wahrscheinlich einer der College-Footballspieler, die mit einem Stipendium nach Pearley gekommen sind. Er sieht sehr jung aus, sicher nicht älter als achtzehn.

„Hi“, erwidere ich.

„Heute ist dein Glückstag“, sagt er und grinst mich anzüglich an.

„So?“ Ich bemühe mich, freundlich zu klingen und ihn dennoch nicht zu ermutigen. Den Blickkontakt beschränke ich auf ein Minimum. Denn er ist mir auf jeden Fall zu jung. Viele der Jungs, die ich betreue, sind in seinem Alter. Für mich mit meinen fünfundzwanzig Jahren definitiv ein No-Go.

„Ja“, sagt er eifrig. „Weil du mich getroffen hast.“

Er legt mir hoffnungsvoll eine Hand auf den Oberschenkel, doch ich schiebe sie sofort höflich, aber bestimmt beiseite. Mich zu berühren ist ein weiteres No-Go.

„Tut mir leid“, gebe ich zurück und schenke ihm mein bestes Mitleidslächeln, von dem ich weiß, dass es jedes sexuelle Bedürfnis im Keim erstickt. „Es ist natürlich sehr schön, dass wir uns getroffen haben, aber ich habe leider kein Interesse.“ Das Bedauern in meiner Stimme ist echt. Das Letzte, was ich will, ist, ihn zu verletzen.

„Bist du sicher?“, fragt er. „Du würdest es nicht bereuen.“

Mir entfährt ein leises Lachen. „Das kann schon sein, aber ich muss trotzdem ablehnen.“

„Hm, okay. Schade!“, sagt er und zieht wieder von dannen. Ich höre, wie am Tisch ein Johlen ausbricht, als der Junge zurückkehrt.

Ich muss unwillkürlich lächeln. Der arme Kerl. Erst hat er all seinen Mut zusammengenommen, um mich mit einem wenig originellen Spruch anzubaggern, dann habe ich ihn abgewiesen, und nun muss er sich auch noch dem Gespött seiner Kumpels stellen. Diese Welt ist grausam.

„Das war sehr nett.“

Ich blicke auf. Zu meiner Rechten lehnt ein Typ an der Bar und wartet anscheinend auf seinen Drink.

„Was meinst du?“, frage ich.

„Dass du ihm höflich erklärt hast, du hättest kein Interesse. Das ist deutlich angenehmer, als irgendwelche offensichtlichen Ausflüchte zu hören.“ An seiner gedehnten Aussprache merke ich, dass er schon einiges getrunken hat. Seine Zunge scheint ein bisschen schwer zu sein. Aber er hat eine angenehme Stimme. Voll und tief.

„Ich bin Sam“, sagt er.

Ich blicke ihn an. Auf einmal kommt er mir bekannt vor mit seinen welligen braunen Haaren, die ihm leicht in die Stirn fallen. Sam … Sam … Sam … Aber ich kann ihn nicht zuordnen. Vermutlich irre ich mich, und es ist einfach nur dieses typische Selbstbewusstsein, das Männer, die wissen, wie gut sie aussehen, oft an den Tag legen. Und diese typischen Gesten. Ein leicht verlegenes Sich-durch-die-Haare-Fahren, das lässige An-der-Bar-Anlehnen.

„Und du bist?“, fragt er grinsend und dreht sich zu mir. Als ich nicht antworte, schiebt er hinterher: „O nein, sag nicht, mir blüht das gleiche Schicksal wie dem riesigen Jungen!“ Er fasst sich theatralisch mit der rechten Hand an seine Brust und tut so, als hätte er Schmerzen.

„Entschuldige! Ich bin Amy“, sage ich und lächle ihn an. Er könnte definitiv eine Option sein. Deswegen schlage ich schnell die Augen nieder und nehme einen Schluck von meinem Gin Tonic. Nicht, dass ich seinem Blick nicht standhalten könnte, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass es den Männern oft lieber ist, wenn man ein bisschen schüchtern und mädchenhaft tut. Je mehr ich ihnen das Gefühl vermittle, mich zu erobern, desto eher kriege ich am Ende das, was ich suche. Und da dies für uns alle ein Spiel ist, gebe ich ihm, was er braucht.

„Und, wie geht’s dir, Amy?“ Mir gefällt es, wie er meinen Namen sagt. Und dass er mir eine Frage stellt. Obwohl ihn das natürlich nicht wirklich interessiert.

„Gut, danke der Nachfrage. Und selbst?“ Ich zupfe an dem Haargummi herum, den ich um mein Handgelenk trage.

„Deutlich besser, jetzt, wo ich eine interessante Gesprächspartnerin gefunden habe“, sagt er und zieht seinen linken Mundwinkel zu einem schiefen flirty Lächeln nach oben, das seine Wirkung bestimmt nie verfehlt. Er ist also tatsächlich so einer. Ich frage mich, ob er ein bisschen herausgefordert werden will.

„Wie kommst du darauf, dass ich eine interessante Gesprächspartnerin bin?“, frage ich und rechne mit billigen Komplimenten. Ob ich sie annehme und es ihm leicht mache oder ihn erst noch ein bisschen zappeln lasse, entscheide ich dann.

„Du hast gerade einen Jungen auf eine sehr sympathische Weise abblitzen lassen. Das zeigt, dass du etwas von Menschen verstehst. Ob das jetzt intuitiv war oder vorsätzlich, kann ich nicht sagen. Beides finde ich interessant.“

Wie bitte? Ich bin ziemlich baff über diese Antwort. Er scheint zu merken, dass er mich überrumpelt hat, denn er grinst zufrieden. Mir fällt auf, dass er schöne Zähne hat.

„Aaaah“, sagt er. „Du dachtest, ich würde dich hier ohne Sinn und Verstand anmachen. Sorry, dass ich dich enttäuschen muss. Wenn ich jemanden anmache, dann immer mit Sinn und Verstand.“

Er ist gut. Wirklich gut. Leicht überheblich, aber dabei so charmant, dass man sich ihm nicht entziehen will.

„Und was bringt dich hierher?“, fragt er und lenkt unser Gespräch damit wieder auf unverfänglicheres Terrain.

„Ich hatte eine anstrengende Woche“, sage ich und meine damit eigentlich alle Wochen.

„Erzählst du mir davon?“, fragt er und blickt mich aus seinen karamellbraunen Augen an.

Ich verschlucke mich beinahe an meinem Drink. Er fragt allen Ernstes, ob ich ihm von meiner Woche erzählen will? Normalerweise bin ich diejenige, die anderen Interesse entgegenbringt. In den allermeisten Fällen werde ich dafür auch noch angemault. Sams Augenbrauen sind nach oben gezogen, was seinem Gesicht eine sexy Offenheit verleiht. Ob er all das vor dem Spiegel übt? Es sieht nonchalant aus. Aber ich bin mir sicher, er weiß ganz genau, wie er auf seine Mitmenschen wirkt.

„Das willst du doch nicht wirklich hören“, sage ich und mache eine wegwerfende Geste.

„Woher weißt du, was ich hören will?“, fragt er.

Weil er auf einen Flirt aus ist, der ihm seine Unwiderstehlichkeit bestätigt. „Weil Freitagabend ist und du sicher genug eigenen Stress hast.“

„Ich will es aber wirklich wissen“, sagt er und nimmt einen Schluck von seinem Bier. „Was hat dir diese Woche nicht gefallen?“

Mein Mund verzieht sich unwillkürlich zu einem Lächeln. „Also schön. Du hast gefragt“, beginne ich. „Auf meinem Schreibtisch türmt sich Papierkram, den ich erledigen muss. Dabei hätte ich gern mehr Zeit für wirklich wichtige Dinge. Ich bin Sozialarbeiterin und würde viel lieber Hausbesuche machen. Diese Woche habe ich es nur zu einem meiner Schützlinge nach Hause geschafft. Ebenfalls ein Problemfall, weil ich einfach keinen Job für ihn finde. Und statt auch die anderen zu besuchen, bin ich an den Schreibtisch gefesselt, muss Protokolle schreiben, Anträge verfassen und so weiter. Das nervt mich, auch wenn ich weiß, dass es nötig ist.“ Ich halte kurz inne, um zu sehen, ob Sam schon bereut, gefragt zu haben. Aber er sieht mich ehrlich interessiert an. Also spreche ich weiter. „Einer unserer Sponsoren zieht vermutlich seine Unterstützung zurück, obwohl ich ihn seit Wochen beknie, es nicht zu tun. Das bedeutet, dass ich irgendwo kürzen muss. Und ein Freund von mir, der viel zu alt ist für all den Kram, den er sich aufhalst, ertrinkt im Stress, lässt mich aber nicht helfen.“ Ich atme einmal tief durch. Es tut verblüffend gut, die Dinge laut auszusprechen. Dadurch kommt ein bisschen Struktur in die Sache. „Außerdem musste ich ein Mädchen, für das ich die Verantwortung trage, schimpfen, weil es den Sportunterricht geschwänzt hat.“

„Wow! Das klingt wirklich nach einer anstrengenden Woche“, sagt Sam. „Und was ist an positiven Dingen passiert?“

Ich blicke auf und ihm direkt in die Augen. Er fragt einfach weiter. Das ist verrückt.

Weil ich nicht sofort antworte, sagt er: „Bevor wir jetzt wieder diskutieren: Ja, ich will das wissen, sonst hätte ich nicht gefragt.“

„Okay?“, sage ich etwas unsicher. „Meine Bananenstaude hat zwei Ableger produziert, die ich diese Woche in eigene Töpfe gepflanzt habe. Ich habe alle meine Rechnungen bezahlt und den ersten Band von Harry Potter fertig gelesen.“ Die Information, dass ich das Buch Jeannie, meinem Pflegekind, vorgelesen habe, unterschlage ich. Jeannie, die den heutigen Abend bei ihrem Bruder Rhys verbringt.

„Und? Wie hat er dir gefallen?“

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viel über mich selbst gesprochen habe. Es gefällt mir. Ich fühle mich seltsam ernst genommen. „Ich fand ihn toll.“

„Der dritte Band ist der beste, wenn du mich fragst.“ Er grinst. „Auf den kannst du dich schon mal freuen.“

Ich räuspere mich. Es ist eindeutig ungesund, wie sehr ich es genieße, dass dieser Kerl Interesse an mir zeigt.

»Aber jetzt sag mal, Amy …« Die Art, wie er meinen Namen ausspricht, verursacht eine Gänsehaut auf meinem Arm, und ich spiele erneut mit meinem Haargummi. Es ist, als würde die Bar vibrieren. „Warum sitzt eine so attraktive junge Frau wie du allein in einer Bar herum?“

Jetzt ist er wieder im Flirtmodus. „Und warum bist du an einem Freitagabend allein hier?“, frage ich frech.

„Oh, ich war nicht allein“, sagt er, und sein hübsches Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. „Ich hatte ein wirklich erstaunliches Date.“

„Und das ist schon vorbei?“, frage ich.

»Wir … ähm … waren nicht gerade auf einer Wellenlänge. Anders als du und ich.« Er lehnt sich ein bisschen weiter zu mir.

„Woher weißt du, dass wir auf einer Wellenlänge sind?“, frage ich, denn zu leicht will ich es ihm nicht machen.

„Wir sprechen schon fünf Minuten miteinander, und du hast mir noch kein Bild deiner gemachten Brüste gezeigt“, sagt er, als sei es das Normalste der Welt.

„Du hast also hohe Ansprüche an eine Konversation, verstehe.“ Ich erwidere sein Lächeln und stelle fest, dass ich es wirklich so meine.

In diesem Moment habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich werde Sam mit nach Hause nehmen. Und wenn ich seine Blicke richtig deute, hat er jedenfalls nichts dagegen. Ich muss ihm nur schonend beibringen, dass es Regeln gibt.

„Hast du Lust auf einen Ortswechsel?“, frage ich. Er ist überrascht von meiner Direktheit, das sehe ich.

„Was schlägst du vor?“, fragt er mit einem schelmischen, aber wissenden Gesichtsausdruck.

„Ich würde mich gerne entspannen“, sage ich zögerlich.

„Und dabei kann ich dir helfen?“, fragt Sam. „Wie entspannst du dich denn?“

Es fällt mir schwer, mit der Tür ins Haus zu fallen, aber ich habe gelernt, dass es so am einfachsten ist. „Mit Sex.“

Einen Moment lang schweigen wir. Sam blickt mich direkt an, als versuchte er herauszufinden, ob das hier eine Falle ist.

„Das kann ich“, sagt er dann und lacht leise.

Aber kann er es auch auf meine Art? „Hast du Lust, es nach meinen Regeln zu machen?“, frage ich.

Er macht große Augen, sieht aber nicht abgeschreckt aus. „Ich schätze, es kommt darauf an, was deine Regeln sind“, sagt er und rückt ein Stück näher an mich heran.

„Ich muss die Kontrolle haben.“

„Kein Problem.“

„Und ich werde dabei nicht gerne angefasst.“


4
Sam
Dieser Abend hat eine überraschende Wendung genommen. Aus einem völlig verkorksten Date wurde ein unverhoffter Flirt, der sich gerade zu einem unverhofften One-Night-Stand steigert. Kaum löscht man so eine Dating-App und beschließt, dass es an der Zeit ist, den Kopf zu sortieren und herauszufinden, wo man emotional eigentlich steht, meint es das Schicksal auf einmal wieder gut mit einem.

Und es verspricht nicht nur ein unverhoffter One-Night-Stand zu werden, sondern etwas Neues, Interessantes. Nach ihren Regeln.

Auf dem Weg zu Amys Wohnung versuche ich mehrfach, Körperkontakt herzustellen. Ich nehme ihre Hand, die warm und weich ist, doch sie entzieht sie mir. An einer Straße will ich meinen Arm um ihre Taille legen, um sie zu küssen, doch sie lacht und schiebt mich weg.

Jetzt schließt sie ihre Wohnungstür auf, und ich stehe mit den Händen in den Hosentaschen ein bisschen unbeholfen hinter ihr. Mein Blick fällt auf ihren Hintern, der in engen Jeans steckt und wundervoll rund und voll ist. Ich trete einen Schritt auf sie zu, um sie von hinten an mich zu ziehen. Ich will sie zu mir herumdrehen, sie küssen und meine Hände auf ihren Po legen.

Doch in diesem Moment schnappt das Schloss auf, und Amy tritt in die dunkle Wohnung.

„Würdest du deine Schuhe ausziehen?“, bittet sie mich. „Ich habe heute erst gesaugt.“

Ich tue, wie mir geheißen, und entledige mich meiner leicht ausgetretenen braunen Lederschuhe.

„Magst du noch etwas trinken?“, fragt Amy, und mir fällt auf, dass sie bei ihren s-Lauten ein ganz klein wenig durch die Zähne pfeift. Man merkt es so gut wie gar nicht, aber in diesem Moment in ihrer stillen Wohnung nehme ich jedes noch so kleine Detail wahr.

„Klar, gern“, erwidere ich und folge ihr einen langen Flur hinunter.

In der Tür zur Wohnküche bleibe ich stehen. Ich lehne mich in bester James-Dean-Manier gegen den Türrahmen und lasse die Szenerie auf mich wirken. Es ist ein großer Raum, der von einer Reihe Industrielampen, die über einem großen, hellen Holztisch von schwarzen Kabeln hängen, beleuchtet wird. Auf der einen Seite wird die gesamte Wand von einer Küchenzeile eingenommen. Die Arbeitsplatte ist dunkelgrau, die Einbauschränke weiß. Vor dem riesigen deckenhohen Fenster steht eine beachtliche Sammlung an Blumentöpfen mit Grünpflanzen darin.

Amy nimmt eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank, schnappt sich zwei Gläser und schaltet das Licht wieder aus, sodass der Raum nur durch die Straßenbeleuchtung von draußen erhellt wird. Sie geht an mir vorbei, ohne mich auch nur mit dem Arm zu streifen. Ich grinse in die Dunkelheit, weil ich mir, trotz meiner nicht unerheblichen Erfahrung mit derartigen Situationen, seltsam fehl am Platz vorkomme.

Man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass ich ziemlich dategeübt bin. Und viele dieser Dates – besonders in letzter Zeit – endeten im Schlafzimmer. Doch eine Frau wie Amy ist mir dabei noch nie untergekommen. Es fasziniert mich, wie selbstsicher sie sich bewegt und wie wenig Spielraum sie mir lässt. Das scheinen die Regeln zu sein, von denen sie gesprochen hat.

Ihr Schlafzimmer ist ebenso modern eingerichtet wie die Küche. Über einem Doppelbett hängt ein großformatiges abstraktes Gemälde. Bunte Farbsprenkel und ausladende Pinselstriche, in deren Anordnung ich auf den ersten Blick nichts erkenne. Doch nach einigen Sekunden entsteht aus dem Chaos eine tanzende Menge, dann eine seltsame Fratze. Schließlich glauben meine Augen, darin ein Frauengesicht zu sehen, und ich wende mich ab, ehe ich analysiere, was mein Kopf mir einsagt.

„Hast du vielleicht Musik?“, frage ich, als Amy mir ein Weinglas reicht.

„Hättest du gern Musik?“ Ihre Stimme klingt erstaunt.

„Ist nicht unbedingt nötig“, sage ich, nippe an meinem Glas Wein und muss wieder grinsen.

Ich mache einen Schritt auf sie zu, um die Distanz zwischen uns zu überwinden. Wenn wir miteinander schlafen wollen, wäre es gut, irgendwann mit dem Körperkontakt zu beginnen.

Sie trinkt ebenfalls einen Schluck und stellt das Weinglas auf ihrer Kommode ab. Dann, ohne Vorwarnung, zieht sie sich auf einmal ihr schwarzes Tanktop über den Kopf. Ich bin so überrascht, dass ich mitten in der Bewegung innehalte.

„Willst du dich vielleicht auch ausziehen?“, fragt sie und sieht mich auffordernd an.

Ich beginne mein Hemd aufzuknöpfen und verfluche mich dafür, dass ich mir heute nichts Praktischeres angezogen habe. Der Anblick von Amy in Unterwäsche – denn sie hat sich inzwischen auch ihrer Jeans entledigt –, macht mich ziemlich an, sodass ich mich kaum auf meine Knopfleiste konzentrieren kann. In meiner Hose pocht es bereits. Während ich noch an meinen Knöpfen herumzerre, gehe ich zu ihr. Ich will sie küssen. Mit der linken Hand fummle ich weiter an meinem Hemd herum, während ich meine rechte Hand in Amys Nacken lege und sie sanft zu mir ziehe. Ihre langen blonden Haare sind weich, und ich kann es nicht erwarten, ihr endlich nah zu sein.

Doch sie entwindet sich meinem Griff in dem Moment, da ich endlich meine Lippen auf ihre senken will. Sie schüttelt sanft den Kopf und schiebt mich zurück und gegen die Wand. Dann nimmt sie einen Haargummi von ihrem Handgelenk, bindet sich die Haare gekonnt zu einem praktischen Dutt, als würde sie gleich zum Sport gehen, und beginnt die Knöpfe meines Hemdes selbst zu öffnen.

„Amy“, flüstere ich und lege meine Arme sanft um ihren Körper. Ich versuche erneut, sie an mich zu ziehen, doch sie weicht zurück. Was soll das? Warum macht sie das? Es ist frustrierend!

„Ich habe die Kontrolle, weißt du noch?“, fragt sie.

„Ja, schon, aber bedeutet das, dass ich dir gar nicht nahekommen darf?“ Ich bin ein bisschen verwirrt.

„Lehn dich einfach zurück, und lass mich machen, okay?“

Etwas enttäuscht beuge ich mich ihrem Wunsch, obwohl ich eigentlich nichts lieber will, als meine Hände über ihre glatte Haut wandern zu lassen. Als sie gesagt hat, dass sie nicht gern angefasst wird, bin ich nicht davon ausgegangen, dass ich einfach nur ein Statist sein würde.

Sie öffnet einen Knopf nach dem anderen und lässt dann einen Finger über meinen Oberkörper wandern, bis ihre Hand an meinem Hosenbund angekommen ist. Gekonnt zieht sie den Gürtel auf und öffnet den Reißverschluss meiner Hose. Ich beeile mich, die Jeans hinunterzuziehen. Dabei beuge ich mich leicht vor, sodass meine Nase Amys Haare berührt. Sie duftet süß und blumig.

„Willst du dich schon mal aufs Bett legen?“, fragt sie leise – und ja, natürlich will ich das!

Ich positioniere mich in der Mitte des Betts und betrachte Amy dabei, wie sie das Licht etwas dimmt. Unwillkürlich muss ich bei ihrem Anblick lächeln und streiche mir mit der Hand einmal fest über meine Boxershorts, weil mein Penis immer mehr nach Aufmerksamkeit giert.

Amy setzt sich zu mir aufs Bett. Ihr Körper sieht in dieser relativ sportlichen Unterwäsche unglaublich heiß aus. Ihre Haut wirkt seidig und glatt. Ich richte mich auf und lege meinen Arm um ihre Taille. Ihr nah zu sein, sie Haut an Haut zu spüren, erregt mich so sehr, dass ich mich am liebsten sofort auf sie stürzen würde. Doch ich muss vorsichtig sein.

„Stopp“, sagt sie und schreckt in dem Moment, als ich beginne, sie wirklich zu spüren, zurück. Sie hebt ihren Zeigefinger, wie um mich zu ermahnen. Anscheinend habe ich eine Grenze überschritten, von der ich dachte, dass sie beim Sex immer überschritten würde.

„Ähm“, beginne ich, „was genau hab ich falsch gemacht?“

„Du hast gesagt, wir machen es nach meinen Regeln.“

Ich sehe ihr in die Augen, doch sie weicht meinem Blick aus. „Und das werden wir“, verspreche ich. »Aber ich muss dir doch nah sein dürfen …« Den letzten Satz formuliere ich fast als Frage.

Amy rutscht ein Stück von mir weg. „Also“, sagt sie und setzt sich auf die Bettkante, sodass sie mir nun ihren makellosen Rücken zuwendet. „Ich weiß, dass dir das seltsam vorkommen muss. Aber das mit den Berührungen, das läuft nicht. Wenn du mit mir schlafen willst, muss es ohne gehen.“

»Aber wie …«, setze ich an, und sie sieht zu mir. Mit einem verständnisvollen und gleichzeitig entschlossenen Blick.

„Wir werden uns nah sein. Nah genug zumindest, damit dein Penis in mir steckt. In der Regel reicht das aus.“ Ein feines Lächeln umspielt ihre Mundwinkel. Sie scheint sich durchaus der Tatsache bewusst zu sein, dass alles, was aus ihrem Mund kommt, höchst merkwürdig klingt. „Für die meisten ist das in Ordnung. Was sagst du?“

Mir entfährt ein leises Lachen, aber zum zweiten Mal an diesem Abend beginne ich zu zweifeln. Ich bin mir plötzlich unsicher, ob ich das hier wirklich so reizvoll finde, wie meine Erektion mir auf wenig subtile Weise mitteilt.

„Zieh dich doch einfach schon mal ganz aus“, sagt Amy sanft. Es steht außer Zweifel, dass sie mich will – und das gefällt mir. Ich habe noch nie einer Frau widerstanden. Doch ich zögere. Natürlich würde diese abgefahrene Situation zu bombastischem Sex führen. Aber gleichzeitig fühle ich mich wie ein Mittel zum Zweck.

Ich setze mich auf und räuspere mich. „Deine Regeln in allen Ehren, Amy, aber ich weiß nicht, ob das für mich so funktioniert.“

An ihrer Reaktion erkenne ich, dass sie enttäuscht ist. „Okay, schade“, sagt sie.

„Passiert dir das öfter?“ Ich kann nicht anders, als zu fragen.

„Ab und zu“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Sie steht auf und zieht sich ihr Tanktop wieder über. „Mir ist schon klar, dass das nicht jedermanns Sache ist. Ich respektiere das.“

„Ich brauche einfach etwas mehr als einfach nur meinen Penis in dir“, versuche ich zu erklären, aber anscheinend ist das gar nicht nötig. Auf einmal muss ich kichern, weil alles an diesem Abend so merkwürdig ist.

Sie lächelt, sodass ich die kleine niedliche Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen sehen kann. „Damit kann ich leider nicht dienen“, sagt sie. „Nicht mein Ding. Ich hoffe, das ist auch für dich in Ordnung?“ Da ist es wieder, dieses leise, kaum hörbare Pfeifen, das bewirkt, dass ich meine Entscheidung beinahe bereue.

Doch dann fange ich mich wieder und schüttle immer noch lachend den Kopf. „Du bist wirklich seltsam.“ Nach einem kurzen Moment, in dem wir uns ansehen, setze ich mich auf. „Ich schätze, ich gehe dann mal.“

„Okay“, sagt Amy und erwidert mein Lachen. Es tut gut, dass wir nicht ernst bleiben müssen. Die Situation ist unangenehm genug, da ist ein bisschen Humor genau das Richtige.

Ich stehe auf, sammle meine Klamotten zusammen und ziehe mich an. Kurz schüttle ich den Kopf, um auf das, was gerade zwischen uns war, klarzukommen.

Auf einer Kommode entdecke ich Harry Potter und der Stein der Weisen. Um meine eigene Selbstsicherheit wiederzufinden, schlage ich es auf – und erstarre. Das ist unmöglich. Das kann nicht sein. Mein Herz schlägt einmal, zweimal aus der Reihe. Ich blicke zu Amy und weiß, dass auch sie in diesem Moment eins und eins zusammenzählt.

Falls du mal eine Pause von dieser Welt brauchst, lese ich, kannst du immer hierherkommen, liebe Jeannie. Die letzten Worte lauten: Dein Sam.


5
Amy
Als ich am nächsten Morgen erwache, fühle ich mich wie gerädert. Ich habe mich die ganze Nacht herumgewälzt. Die Entspannung hätte ich wirklich gut brauchen können. Aber um welchen Preis? Und da ist noch etwas anderes. Etwas wie Scham oder Schuld. Ein mir nur allzu bekanntes Gefühl. Etwas, das macht, dass es in meiner Brust eng wird und unangenehm kribbelt. Ich hätte fast mit Sam geschlafen. Flirty Sam, der glaubt, so cool zu sein wie James Dean. Sam, der Bezug zu einem meiner Schützlinge hat.

Mit nichts als einem schlabbrigen T-Shirt bekleidet tapse ich in die Küche, um mir einen Kaffee zu kochen. Ich muss erst mal richtig wach werden und meine Gedanken sortieren. Frühstück habe ich nicht im Haus, weil ich es nicht geschafft habe, einkaufen zu gehen. Das steht auf der Liste der To-dos für heute. Früher war es egal, ob Essen im Haus war. Aber seit ich die Verantwortung für ein zehnjähriges Mädchen übernommen habe, geht es eben nicht mehr nur um mich. Sie braucht Lunchpakete für die Schule, eine ausgewogene Ernährung. Dennoch habe ich es bisher keine Sekunde lang bereut, Jeannie bei mir aufgenommen zu haben. Sie ist ein bezauberndes Mädchen, und wenn ich helfen kann, denke ich nicht lange darüber nach. Zu geben ist mein Lebensinhalt, meine oberste Priorität und Pflicht. Und Jeannie hat die Chance verdient, ein normales Leben zu führen, nachdem ihre ersten zehn Lebensjahre eher traumatisierend waren. Eine schwache Mutter, ein älterer Bruder, den sie jahrelang nicht gesehen hatte, weil er im Gefängnis saß, ein krimineller, teilweise gewalttätiger Vater, der sie nach dem Tod ihrer Mutter sich selbst überließ.

Dass ihr Bruder Rhys, der mithilfe meines Resozialisierungsprojekts wieder voll im Leben angekommen ist, sie da rausgeholt hat, war ihr großes Glück. Auch wenn die Befreiungsaktion nicht unbedingt legal war. Doch schließlich ist alles gut ausgegangen, das Gericht hat entschieden, dass Jeannie bei mir wohnen darf, und sie entwickelt sich prächtig. Dass sie neben mir auch noch ihren großen Bruder und dessen Freundin als Bezugspersonen hat, erleichtert mir die Rolle der Ersatzmutter, auch wenn ich weiß, dass ich am Ende die Verantwortung trage. Und darunter fällt definitiv nicht, dass ich in ihrem Bekanntenkreis herumvögle, egal, wie nötig ich es habe. Egal, wie dringend ich mir zeigen muss, dass Sex Normalität für mich ist.

Ich stelle meinen kleinen Espressokocher, den ich mit Wasser und Kaffeepulver gefüllt habe, auf den Gasherd und entzünde die Flamme. Dann spüle ich die Weingläser von letzter Nacht.

Sam war nett. Ohne Frage. Ich habe die Unterhaltungen mit ihm genossen, habe den Anblick seines Körpers genossen. Es war unkompliziert, nett. Bis zu dem Moment, da er Gott sei Dank die Reißleine gezogen hat. Ich weiß, dass meine Bedürfnisse und Vorlieben nicht ganz alltäglich sind, und manchmal ist es schwer, meinem Sexualpartner begreiflich zu machen, dass es mir ernst mit meinen Grenzen ist. Deswegen habe ich vollstes Verständnis dafür, wenn es dem Kerl in meinem Bett zu viel wird. Meistens wird es das nicht.

Bei Sam hatte ich eigentlich ein gutes Gefühl. Ich fühlte mich relativ sicher mit ihm und so, als würde er meine Wünsche, meine Bedürfnisse (denn das trifft es wohl eher) respektieren. Und das tat er ja auch – zumindest bis zu dem Punkt, als er zu begreifen schien, was das wirklich bedeutet. Manchmal dauert es eine Weile, obwohl ich von Anfang an mit offenen Karten spiele. Für mich ist Sex eine Methode, Dampf abzulassen und mich normal zu fühlen, indem ich mich meiner Physis vergewissere. Und wer sich damit unwohl fühlt, hat jederzeit das Recht abzubrechen. Das passiert allerdings sehr selten. Ganz falsch kann es also nicht sein. Zumindest solange ich Sex und Privates nicht mische.

Egal, denke ich jetzt. Scheiß drauf. Es ist ja nichts passiert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn noch mal wiedertreffe, ist sehr gering. Seit Jeannies Willkommensparty vor ungefähr vier Monaten, auf der er ihr das Harry-Potter-Buch geschenkt hat, haben wir uns nur dieses eine Mal zufällig getroffen. Die Berührungspunkte sind also minimal. Niemand wird je erfahren, was beinahe zwischen uns war.

Der Kaffee in der metallenen Kanne beginnt zu blubbern, und ich drehe die Flamme aus. In einem Becher erhitze ich Milch in der Mikrowelle, dann kommt der frische Espresso dazu. Ich setze mich mit meinem Becher an den Esstisch. Meine Füße stelle ich auf den Stuhl neben mir und schaue aus dem Fenster. Sonnenlicht fällt durch die Glasscheibe, die vom Boden bis zur Decke reicht. Durch meine Pflanzen schimmert es grün und freundlich. Grüne Hölle nennt Malcolm meine Wohnküche. Ich nehme es als Kompliment. Ich liebe alle meine Pflanzen. Die verschiedenen Palmen, meine Bananenstauden, meine Ficus-Pflanzen und all die anderen. Am liebsten habe ich meinen Avocadobaum, den ich selbst aus einem Kern gezüchtet habe. Es war im ersten Jahr in meiner eigenen Wohnung. Seither ist er riesig geworden. Vor einem Jahr hat er sich sogar erneut verzweigt, obwohl ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte.

In Gedanken strukturiere ich meinen Tag und verbanne die Gedanken an letzte Nacht. Malcolm kommt gleich vorbei, um mit mir die sehr renovierungsbedürftige Nachbarwohnung zu begutachten. Ihm gehört das Gebäude, in dem sich neben meinem Büro und meiner Wohnung leer stehende Ladengeschäfte im Erdgeschoss und die ebenfalls leer stehende Wohnung im zweiten Stock neben meiner befinden. Ganz oben ist noch ein Atelier, das ich früher benutzt habe. Früher, als ich noch gemalt habe. Als ich noch ein Motiv hatte.

Das Haus sieht aus, als würde es bald auseinanderfallen, aber Malcolm ist eigentlich zu alt, um sich um die Instandhaltung zu kümmern. Trotzdem reißt er sich immerzu den Allerwertesten auf, um hier und da auszubessern und zu renovieren. Ich wünschte, ich könnte ihm mehr unter die Arme greifen, aber mir fehlt meistens schlicht die Zeit. Heute wollen wir allerdings gemeinsam überlegen, was man mit der Nachbarwohnung anstellen könnte.

Rhys wird Jeannie gegen Mittag vorbeibringen, sodass ich sie zum Wocheneinkauf mitnehmen kann. Sie liebt große Supermärkte. Ihre Begeisterung, als ich sie das erste Mal zu SuperFoods mitgenommen habe, werde ich nie vergessen. Ich habe selten ein so strahlendes Kindergesicht gesehen wie in dem Moment, als ich ihr sagte, sie dürfe sich etwas aus dem Süßigkeitenregal aussuchen. Wir standen eine geschlagene Stunde davor, während sie von einem Ende zum anderen lief, verschiedene Schokoladentafeln in ihren Händen wog, Gummibärchen-Packungen verglich und versuchte, sich zu entscheiden. Wenn ich darüber nachdenke, wie toll sie sich in den letzten Monaten entwickelt hat, bekomme ich eine Gänsehaut, und ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus. Dass ich ihr helfen konnte, es immer noch tue, ist das schönste Geschenk für mich, und ich empfinde beinahe so etwas wie Stolz über ihre Entwicklung. Ich weiß, dass sie es selbst geschafft hat. Aber ich habe sie auf ihrem Weg dorthin unterstützt. Es wird noch etwas dauern, aber ich habe das Gefühl, dass sie von Tag zu Tag mehr zu dem Mädchen wird, das sie eigentlich sein sollte. Sie erlangt ihre Kindlichkeit zurück. Ihre vernachlässigte Seele wird vermutlich immer Narben zurückbehalten, aber ich setze alles daran, ihr zu zeigen, wie sie mit ihnen fertigwerden kann. Und auch körperlich holt sie auf. Sie ist zwar immer noch deutlich kleiner als die anderen Kinder in ihrer Klasse – und mit Abstand das dünnste Mädchen, das ich je gesehen habe –, aber von Woche zu Woche macht sie Fortschritte.

 

Eine Stunde später schließt Malcolm die Nachbarwohnung auf. Die Tür öffnet sich mit einem knirschenden Geräusch.

„Wann war das letzte Mal jemand hier drin?“, frage ich.

„Das ist schon Jahre her. Meine Mieter sind ausgezogen, und ich bin nie dazu gekommen, noch mal nach dem Rechten zu sehen. Ein Makler hat sich damals um alles gekümmert. Und ich dachte, der Aufwand würde sich nicht mehr lohnen.“

Wir betreten die Wohnung. Unter unseren Schuhen kratzt Schmutz auf dem nackten Estrich.

„Warum ist hier kein Fußboden verlegt?“, frage ich.

„Ach, Kindchen“, erwidert Malcolm. „Bevor du hierhergezogen bist, wollte ich das Haus doch eigentlich abreißen. Und ich bleibe dabei, das wäre immer noch das Beste.“ Als er meinen Blick sieht, hebt er beschwichtigend die Hände. „Keine Sorge. Solange du hier glücklich bist, bleibt alles, wie es ist. Und du hast ja recht. Man kann sicher etwas Sinnvolleres mit der Wohnung machen, als sie leer stehen zu lassen.“

Malcolm hat mit der Leitung seines Cafés und seinen anderen Immobilien, die er zu fairen Preisen an Bedürftige vermietet, eigentlich mehr als genug zu tun. Deswegen habe ich ihm vorgeschlagen, mich selbst um die leer stehende Wohnung zu kümmern. Aber davon wollte er nichts wissen. Manchmal denke ich, er vergisst einfach, dass er inzwischen schon über siebzig ist.

Die Wohnung ist geschnitten wie meine, nur spiegelverkehrt. Der erste Raum – Wand an Wand mit meinem Schlafzimmer – hat fleckige Wände. Irgendjemand hat in der Mitte behelfsmäßig einen Schuttberg zusammengekehrt. In dem Raum, der bei uns das Kinderzimmer ist, wurde scheußlicher Vinylboden in Holzoptik verlegt. Doch er ist an vielen Stellen aufgerissen. Dicke Staubfäden, die man durch die hereinscheinende Sonne besonders deutlich sieht, hängen von der Decke.

„O weh“, stöhnt Malcolm. „Das ist ein richtiges Projekt. Die Wohnung muss eigentlich grundsaniert werden.“ Er blickt mich aus seinen durch die dicke Brille stark vergrößerten Augen an. Dann verzieht sich sein Mund zu einem Lächeln. „Also. Wann fangen wir an?“

„Du fängst mit gar nichts an, Mal“, sage ich bestimmt. „Du hast genug zu tun.“

„Soll das heißen, du schließt mich aus?“, fragt er beleidigt. „Ich bin sehr wohl in der Lage, eine Wohnung zu renovieren.“

„Das weiß ich“, sage ich schnell. „Aber ich dachte, vielleicht könnte es ein Projekt werden, das ich mit den Jungs mache?“ Ich kann ihm nicht den wahren Grund nennen, warum ich ihn nicht dabeihaben will. Dass ich mir Sorgen mache.

„Bist du dir sicher, dass du mich nicht brauchst?“ Er klingt unsicher, aber, wenn ich mich nicht irre, auch etwas erleichtert.

„Ich habe meine Wohnung doch auch hingekriegt.“ Natürlich war es ein hartes Stück Arbeit, und immerhin war drüben in allen Räumen Holzfußboden verlegt, den man nur noch abschleifen musste, aber jetzt ist es dennoch ein richtiges Zuhause.

„Ich will nicht, dass du in deiner Freizeit auch noch für mich Wohnungen renovierst“, sagt Malcolm. „Du tust so viel, du solltest dich auch mal um dich selbst kümmern.“

Innerlich schnaube ich. Das sagt der Richtige. Und vielleicht kann mir irgendwann einmal jemand erklären, welche Probleme es löst, wenn man sich um sich selbst kümmert. Bis dahin habe ich leider Besseres zu tun.

„Mach dir um mich keine Sorgen, Mal“, sage ich deswegen.

„Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran, dass du das alles schaffst, Amy“, sagt Malcolm und lächelt mich an. Seine Augen sehen müde aus, aber ich weiß, dass sein Kopf hellwach ist.

„Pass du lieber auf, dass du dir nicht zu viel aufhalst“, rate ich ihm noch, aber er winkt nur ab.

In der Küche stehen ein alter Herd und zwei Küchenschränke, deren Türen halb abgerissen aus den Angeln hängen. Ebenso wie bei mir drüben ist es auch hier hell und, da die Fenster nach Osten blicken, morgens sonnendurchflutet. Die Wohnung hat auf jeden Fall Potenzial, auch wenn man natürlich – da hat Malcolm schon recht – einiges an Arbeit hineinstecken müsste.

„Lass uns rüber zu dir in die grüne Hölle gehen und einen Plan aufstellen“, schlägt Malcolm vor.

 

Wir sitzen an meinem Küchentisch nebeneinander, vor uns der selbst gezeichnete Grundriss der Wohnung. Er ist nicht maßstabsgetreu, aber das werde ich nachholen, wenn wir konkreter werden.

„Wir müssten überall Boden verlegen“, beginne ich. „Die Wände müssen frisch gestrichen und die Leitungen überprüft werden. Eine Einbauküche würde sicher nicht schaden, aber vielleicht finde ich etwas Gebrauchtes.“

„Und dann? Würdest du die Wohnung vermieten wollen? Ich kann mich gerne um die Instandhaltung kümmern.“ Er lässt einfach nicht locker.

„Das würde ich übernehmen“, sage ich deswegen.

„Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann. Deswegen hast du ja auch Zugang zu diesem Gebäude. Aber Mieter können richtig viel Ärger machen.“

„Ich könnte die Wohnung für eine weitere Wohngemeinschaft brauchen“, gebe ich zu bedenken, denn bezahlbarer Wohnraum ist ein knappes Gut.

„Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragt Malcolm. „Du hättest gar keinen Feierabend mehr.“

Ich nicke langsam. Malcolm hat recht. Nicht alle Fälle sind kooperativ. Nicht jedem kann ich helfen. Das musste ich schon mehrfach einsehen.

„Okay, dann suchen wir uns eben einfach Mieter. Und ich bestehe darauf, dass ich mich darum kümmere. Du musst nur versprechen, das Haus nicht abzureißen.“ Ich lächle Malcolm an.

„Was ist mit den Kosten der Renovierung?“, fragt er dann.

„Abgesehen von den Leitungen, mit denen mir Maliks Dad vielleicht helfen kann, wären es nur Materialkosten.“ Malik nimmt ebenso wie Jeannies Bruder an meinem Resozialisierungsprogramm teil. Sein Vater ist Elektriker und freut sich sicher über einen Auftrag. „Aber die Kosten hätten wir mit zwei bis drei Monatsmieten wieder drin“, sage ich und überschlage im Kopf kurz den finanziellen Aufwand von Farbe und Laminat.

„Du weißt, ich kann dir ohnehin nichts ausschlagen. Das war so, als du mit siebzehn vor meiner Tür standst, und das ist auch heute noch so“, sagt Malcolm und macht Anstalten, meinen Arm zu drücken. Doch im nächsten Moment zieht er seine Hand zurück. Er kennt mich besser als jeder andere, und ich weiß es sehr zu schätzen, dass er so zurückhaltend ist. „Ich gebe dir das Geld für die Renovierungsarbeiten.“

„Ich verspreche, ich zahle es so schnell wie möglich zurück“, sage ich und strahle ihn an. „Du wirst die Wohnung nicht wiedererkennen!“

„Versprich mir nur, dass du auf dich achtgibst.“

„Immer“, sage ich. Einen Moment lang schweigen wir. Da ist noch etwas anderes, doch ich hasse es, die Bittstellerin zu sein. Schließlich räuspere ich mich und fasse mir ein Herz. »Es gibt da noch etwas …«

Malcolm sieht auf, und seine Mundwinkel zucken nach oben. „Na los, raus damit.“

„Ein Sponsor hat sich zurückgezogen.“ Ich mache eine kleine Pause. „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Wahrscheinlich muss ich das Programm zurückfahren.“

„Das tut mir leid“, sagt Malcolm, und in seiner Stimme schwingt aufrichtiges Bedauern mit.

„Ich habe mir schon überlegt, ob es möglich wäre, die individuelle Betreuung auf ein Dreivierteljahr zu kürzen.“ Jeder meiner Schützlinge hat nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ein Jahr Zeit, um wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Das ist länger als bei anderen Programmen, aber dafür hat es bisher jeder, der das volle Jahr bei mir war, geschafft. Malcolm und ich haben damals lange darüber gesprochen. Wir haben Gefängnispsychologen zurate gezogen und die Erfolgsquoten von anderen Programmen verglichen.

„Wenn du die Wohnung vermietest, behältst du die Mieteinnahmen einfach. So machen wir das“, sagt Malcolm.

»Aber …« Mir steht der Mund offen. Wäre ich ein Mensch, der weint, würden mir vermutlich Tränen der Rührung kommen. Doch ich kann das nicht annehmen. Malcolm tut schon mehr als genug. Seit Jahren. Er hat mich in meiner dunkelsten Stunde bei sich aufgenommen, als ich keinen Ort mehr hatte, an den ich gehen konnte. Er stellt mir die Räume kostenlos zur Verfügung, beschäftigt jugendliche Straftäter in seinem Café …

„Kein Aber“, sagt er bestimmt. „Du kümmerst dich um alles, da solltest du auch über das Geld verfügen dürfen.“ Er legt seine Hand behutsam auf meine Schulter, und ich lasse ihn gewähren. Er weiß, dass Berührungen für mich weit außerhalb meiner Komfortzone liegen, auch wenn wir nie wirklich darüber gesprochen haben. Aber manchmal siegt auch bei ihm der Impuls über die Zurückhaltung um meinetwillen.

„Aber erst wenn ich dir die Ausgaben für die Renovierung zurückgezahlt habe.“ Diesmal dulde ich keine Widerrede.

Das Geräusch eines Schlüssels in der Tür lässt uns aufhorchen. Das müssen Rhys und Jeannie sein.

„Hallo!“, ertönt Jeannies Stimme von der Tür. Man hört, wie sie ihre Schuhe von den Füßen kickt – obwohl ich ihr immer wieder sage, sie soll sie anständig ausziehen – und den Flur entlang in die Küche rennt. Sie springt sofort auf mich zu und umarmt mich. Jeannie ist der einzige Mensch, der mir derart nahe kommen darf. Das war von Anfang an so. Und da ich weiß, dass sie die körperliche Nähe braucht, lasse ich es geschehen, auch wenn es mir im Augenblick eigentlich zu viel ist. Ich schlinge meine Arme um sie und drücke sie an mich. Je öfter ich es mache, desto leichter wird es – und desto weniger hölzern und steif fühle ich mich dabei.

„Hattest du es schön bei Rhys?“, frage ich.

„Wir haben einen Film gesehen, und Rhys ist eingeschlafen!“ Jeannie lacht.

„Ich dachte, das bleibt unter uns!“, sagt Rhys, der in der Tür aufgetaucht ist. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, muss ich an unsere erste Begegnung denken. An den verbitterten, gebrochenen jungen Mann, der in seiner Gefängniskluft auf den Tisch zugeschlurft kam, an dem ich bereits saß. Seine stechend blauen Augen waren völlig stumpf. Das Einzige, was aus dieser Zeit geblieben ist, ist seine beeindruckende Statur. Seitdem er wieder im Leben angekommen ist und mit gestrafften Schultern vollkommen aufrecht geht, ist das noch auffälliger.

„Ups“, sagt Jeannie und schlägt sich die Hände auf den Mund. Ihre Brille sitzt etwas schief auf ihrer Nase. Wir müssen unbedingt bald eine neue kaufen. Diese hier ist eindeutig verbogen.

Rhys nimmt sich eine Flasche Wasser aus meinem Kühlschrank. Inzwischen gehen wir vollkommen ungezwungen miteinander um. Und er ist so häufig hier bei mir und seiner Schwester, dass er sich wie zu Hause fühlt. Ich genieße es, zu sehen, wie gut es Jeannie und ihm geht. Und ich mag ihre Gesellschaft. Rhys ist mittlerweile mehr ein Freund als einer meiner Schützlinge. Auch wenn er das Programm noch nicht komplett abgeschlossen hat.

„Soll ich dich mit ins Café nehmen, Rhys?“, fragt Malcolm und erhebt sich. „Ich bin mit dem Auto da.“

„Das wäre toll. Wir haben ein bisschen getrödelt, und ich bin knapp dran für meine Schicht.“ Bei dem Wort „wir“ zeigt er auf Jeannie, die ihm die Zunge herausstreckt.

Die Wohnung, die Rhys sich mit seinem Mitbewohner Malik teilt, ist zwar nicht weit entfernt von meiner, aber ein Auto wäre manchmal doch praktisch. Dafür reicht Rhys’ Lohn aus dem Café allerdings nicht aus. Schon seit einiger Zeit denke ich darüber nach, ob es nicht klug wäre, ihm ab und zu mein Auto zu leihen. Dann wären wir deutlich flexibler, wenn es um Jeannies Betreuung geht.

Ich betrachte das zierliche Mädchen, wie sie ihren Bruder umarmt. Für sie wäre es sicher schöner, wenn sie ihn öfter sehen würde.

Kathinka Engel

Über Kathinka Engel

Biografie

Die gebürtige Münchnerin und Wahllondonerin Kathinka Engel kennt die Buchwelt aus verschiedensten Perspektiven: Als leidenschaftliche Leserin studierte sie allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin und als Redakteurin, Übersetzerin...

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