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Love is Bold – Du gibst mir MutLove is Bold – Du gibst mir Mut

Love is Bold – Du gibst mir Mut

Roman

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Love is Bold – Du gibst mir Mut — Inhalt

Sie liebt ihn schon ihr halbes Leben. Doch ihre Liebe darf nicht sein.

Seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hat, ist Bonnie, die Kontrabassistin der Band After Hours, in ihren Bandkollegen Jasper verliebt. Eine gefühlte Ewigkeit ist das nun her, viele Jahre, in denen sie ihre Gefühle für sich behielt, sich für ihre Liebe schämte. Denn Jasper war mit Bonnies bester Freundin verheiratet, bis diese an Krebs starb. Der junge Witwer ahnt nichts von den Gefühlen seiner Bandkollegin, und als alleinerziehender Vater zweier Kinder bleibt ihm kaum Zeit für seine eigenen Bedürfnisse. Doch immer öfter schleichen sich ungewohnte Gedanken in Jaspers Alltag, unterdrückte Sehnsüchte melden sich zurück. Und er merkt, dass er bereit ist. Bereit für eine neue Liebe. Stünde da nicht dieser eine Moment zwischen Bonnie und Jasper, der die Chance auf eine gemeinsame Zukunft zu zerstören droht.

Eine bunte, ungewöhnliche Stadt, eine junge Band und die große Liebe: Der zweite Band der neuen Reihe der Spiegel-Bestsellerautorin Kathinka Engel, in der sie uns ins bunte und lebensfrohe New Orleans entführt – und mitten hinein in das turbulente Leben einer Band. Zwischen berauschenden Auftritten und dem harten Alltag als Berufsmusiker suchen sie alle nach ihrem persönlichen Happy End.

Als leidenschaftliche Leserin studierte Kathinka Engel allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Magazin sowie als Übersetzerin und Lektorin. Mit ihrem Debüt „Finde mich. Jetzt“ schaffte Kathinka Engel es aus dem Stand auf die Bestsellerliste. Wenn sie nicht gerade schreibt oder liest, trifft man sie im Fußballstadion oder als Backpackerin auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer.

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 05.10.2020
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06225-1
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 05.10.2020
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99690-7

Leseprobe zu „Love is Bold – Du gibst mir Mut“

1 – Bonnie

~ Vor vier Jahren ~

Im Fernsehen läuft Millionaire Matchmaker, unsere liebste Trash-TV-Sendung. Patti Stanger, die Moderatorin mit dem längsten Gesicht und den weißesten Zähnen der Welt, hat gerade einen ihrer Millionäre gerügt, er würde die Sache nicht ernst nehmen und wäre gar nicht auf der Suche nach der großen Liebe. Sie ist echt sauer, was nicht allzu oft passiert, und ich denke daran, dass ich Blythe morgen unbedingt von Pattis Ausbruch erzählen muss. Sie ist abends so müde, dass sie nicht einmal mehr fernsehen kann. Um kurz nach [...]

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1 – Bonnie

~ Vor vier Jahren ~

Im Fernsehen läuft Millionaire Matchmaker, unsere liebste Trash-TV-Sendung. Patti Stanger, die Moderatorin mit dem längsten Gesicht und den weißesten Zähnen der Welt, hat gerade einen ihrer Millionäre gerügt, er würde die Sache nicht ernst nehmen und wäre gar nicht auf der Suche nach der großen Liebe. Sie ist echt sauer, was nicht allzu oft passiert, und ich denke daran, dass ich Blythe morgen unbedingt von Pattis Ausbruch erzählen muss. Sie ist abends so müde, dass sie nicht einmal mehr fernsehen kann. Um kurz nach sieben wirft sie uns alle aus ihrem Hospizzimmer, damit sie schlafen kann.

Früher war diese Show Blythes und mein guilty pleasure. Ich weiß nicht einmal mehr, warum oder wie es angefangen hat. Als dann Weston auf die Welt kam und sie mit Jasper zusammenzog, wurde er ganz automatisch auch Teil von Millionaire Matchmaker. Weswegen ich, seit Blythe im Hospiz ist, mehrmals die Woche rüberkomme, um mit Jasper zusammen die Show zu sehen. Ein bisschen Normalität auf Blythes und Jaspers Sofa in dieser grauenhaften, unerklärlichen Zeit.

„Denkst du, tief im Innern würde Patti auch gern mal einen ihrer Millionäre daten?“, fragt Jasper.

»Sicher. Sie redet zwar immer von ihrer grandiosen Ehe, aber die Blicke, die sie manchen zuwirft …« Ich lache. Es soll ein unbeschwertes Lachen sein, seit Blythes Diagnose lacht allerdings niemand von uns mehr wirklich unbeschwert. Weston manchmal, doch ich glaube, er versteht einfach nicht, was passiert.

Aus dem Babyfon dringt leises Quäken, und Jasper bedeutet mir, kurz leise zu sein. Aber Maya ist anscheinend nicht wach geworden, denn nun ist sie wieder still. Die Vorstellung, dass sich die kleine Maus mit ihren achtzehn Monaten später einmal kaum an ihre Mom erinnern wird, ist unerträglich. Doch nur einer unter den Tausenden von unerträglichen Gedanken.

„Ich habe Angst“, sagt Jasper auf einmal. Der Fernseher läuft noch, aber wir hören beide nicht mehr hin. Er schluckt.

„Ich weiß.“ Ich kann nur flüstern, weil das alles so furchtbar ist. Weil auch ich Angst habe. Angst davor, keine beste Freundin mehr zu haben. Aber verglichen mit Jaspers Angst, ist meine einfach nur albern. Und ich wette, seine ist nichts im Vergleich zu Blythes Angst.

„Ich kann das nicht allein“, sagt er leise und senkt den Blick.

„Du bist nicht allein, Jasper. Das verspreche ich. Wir sind alle für dich da.“

Er schüttelt kaum merklich den Kopf. Seine Schultern hängen herab. Eigentlich sollte ich ihm nicht so nah sein, wie ich es im Moment bin. Selbstschutz und so. Doch sein Kummer ist größer als meine dummen Gefühle.

Ich nehme sein Gesicht in meine Hände. Er hat sich länger nicht rasiert, und seine Bartstoppeln fühlen sich auf eine schöne Art kratzig an auf meinen Handflächen.

„Sieh mich an, Jasper“, sage ich sanft, aber bestimmt. „Sieh mich an.“

Er hebt den Blick, und ich schaue ernst in seine grünbraunen Augen. Ich liebe diese Augen, die seit Wochen dunkel umrandet sind und leicht rötlich gefärbt. Er schläft kaum und weint viel. Ich liebe seine langen Wimpern, die leicht gebogene Nase, seine geschwungenen Lippen. Seit ich ihn das erste Mal gesehen habe, liebe ich alles an ihm. Doch das spielt keine Rolle. Damals nicht und heute schon gar nicht.

„Wir werden das hinkriegen. Wir werden zusammen kaputtgehen, und dann werden wir uns irgendwie wieder zusammenflicken. Und wir werden für Weston und Maya da sein.“

Wieder schluckt er und nickt langsam.

Ich lasse sein Gesicht los und schlinge stattdessen die Arme um seinen Hals. Ich drücke ihn fest an mich und ignoriere das bescheuerte Herzklopfen in meiner Brust. Seine Schultern beben, doch ich halte ihn einfach. Versuche, die Starke zu sein für Jasper, für Blythe, für Weston und Maya. Obwohl ich selbst mit jedem Augenblick mehr in mir zusammenfalle.

Ich spüre seine starken Arme um meine Taille, spüre den Kummer in seinem Körper, so wie er meinen vermutlich ebenfalls fühlt.

„Ich brauche dich“, flüstert er nach einer Weile und löst sich etwas von mir.

Sofort sehnt sich mein Körper nach seiner Wärme, aber mein Körper hat die Klappe zu halten. Er hat keinen Anspruch auf Sehnsucht, kein Recht, etwas zu verlangen.

„Ich bin da“, sage ich leise, und diesmal ist es Jasper, der mein Gesicht in seine Hände nimmt.

„Versprich es“, sagt er, und seine Stimme bricht.

„Ich verspreche es.“

Mir ist beinahe, als näherte sich sein Gesicht dem meinen. Als käme ich ihm entgegen. Aber das kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Und doch nehme ich seinen Duft auf einmal intensiver wahr als noch vor ein paar Sekunden. Ich glaube nicht, dass er in den letzten zwei Tagen geduscht hat, und so riecht er nach nichts als ihm selbst. Es ist der himmlischste Geruch, den ich mir vorstellen kann, und für diesen Gedanken schäme ich mich in Grund und Boden.

„Versprich es“, fleht er noch einmal, und unsere Lippen sind sich jetzt so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüre.

»Ich … verspreche es«, erwidere ich so leise, dass ich mir nicht einmal sicher bin, ob ich es wirklich gesagt habe.

Jasper lässt seinen Kopf nach vorne sinken, und seine Lippen liegen nun auf meinen. Seine Arme sind wieder um meinen Körper geschlungen, und alles in mir schreit. Dass ich fliehen sollte, dass ich bleiben sollte, dass ich das Falsche tue, dass das hier genau richtig ist, dass wir alles zerstören, dass dies die Erfüllung all meiner Sehnsüchte ist, dass ich eine miese Verräterin bin, dass Jasper der Mann meiner Träume ist. Und dann schweigt meine innere Stimme. Und unsere Lippen sind gespitzt. Seine sind so warm, so weich. So … alles, was ich mir je erträumt habe. Sie verharren auf meinen, und ich schließe die Augen. Kann nicht anders. Platze beinahe innerlich.

Ich weiß nicht, wer zuerst die Lippen öffnet, doch auf einmal ist da mehr. Nicht viel, aber spürbar mehr. Unsere Münder bewegen sich kaum, und trotzdem wollen sie es. Wir sind vorsichtig, sanft, gebrochen. Ich höre mein Ausatmen, Jaspers erstickten Seufzer, der nach nichts anderem als tiefer Verzweiflung klingt. Und obwohl mein verräterisches Herz hasst, was ich tue, weiß ich doch, dass es das einzig Richtige ist.

„Das geht nicht“, sage ich und schiebe mich von ihm weg. Ein letzter Blick, dann krieche ich ans andere Ende des Sofas. „Was machen wir hier? Das dürfen wir nicht.“

„Entschuldige“, sagt Jasper und klingt ganz hohl, heiser. „Bitte verzeih.“

„O Gott“, entfährt es mir. Einerseits, weil ich mich nach ihm verzehre, und andererseits, weil ich der schlimmste Mensch auf dieser Welt sein muss. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen. Meine Haut glüht vor Scham.

„Es ist nichts passiert“, sagt Jasper, doch ich höre die leise Panik in seiner Stimme. „Wir sind beide verwirrt. Wir brauchen Nähe und Trost.“

Er kann nicht wissen, dass ich nun erst so richtig verwirrt bin. Aber natürlich war es das. Nähe und Trost. Doch es ist egal, was wir brauchen. Denn Blythe braucht uns. Blythe braucht ihren Mann, ihre beste Freundin.

„Ich sollte jetzt gehen.“ Ich kann kaum sprechen, so sehr stehe ich unter Schock.

„Es ist nichts passiert“, wiederholt Jasper. „Okay? Es ist alles gut. Zwischen uns ist alles gut.“

„Ja“, hauche ich, doch ich weiß, dass nichts gut ist. Blythe stirbt, während wir uns küssen. Hat die Welt schon einmal so etwas Abscheuliches gehört?

Ich nehme noch wahr, wie Jasper etwas von „Extremsituationen“ murmelt, dann ziehe ich die Tür hinter mir zu. Es ist eine schwüle Sommernacht, die Grillen zirpen, die Veranden der kleinen kreolischen Cottages werden durch Hängelampen und Lichterketten in ein warmes Licht getaucht. Es ist friedlich hier, beinahe zu friedlich.

Ich springe die Stufen von Jaspers Veranda nach unten. Das Gartentor klemmt, und ich brauche einen Moment, um es zu öffnen. Dass meine Finger zittern und hinter meinen Augen Tränen darauf warten, geweint zu werden, hilft nicht. Schließlich geht es auf, und ich renne. Renne die Straße entlang. Einmal nach rechts, dann nach links. Anschließend noch hundert Meter, und ich bin zu Hause.

Meine Mom sitzt vor dem Fernseher und sagt etwas zu mir, doch ich laufe einfach an ihr vorbei nach oben und in mein Zimmer. Hier, auf einem Regal, stehen zig Einweck- und alte Marmeladengläser. Ich gehe die einzelnen Bretter durch, bis ich ein unetikettiertes Glas gefunden habe. Der Deckel lässt sich leicht abschrauben, und ich sinke auf mein Bett. Ich schließe die Augen und durchlebe den Moment mit Jasper noch einmal in Gedanken. Ich lasse nichts aus. Spüre ihn, spüre den Schmerz. Spüre nichts als Schmerz und das kühle Glas in meinen Händen. Ich konzentriere mich darauf, alles, jedes noch so kleine Detail aus meinem Kopf zu verbannen, und dafür muss ich den Kuss mit Jasper erneut in seiner ganzen Schrecklichkeit und Schönheit durchleben. Dabei stelle ich mir vor, wie die Gedanken sich sammeln und dann als eine große Erinnerung in das Glas sinken.

Als ich mir sicher bin, dass nichts mehr davon übrig ist, schraube ich den Deckel wieder fest auf das Glas und klebe ein Etikett darauf. Unter das heutige Datum schreibe ich in fetten, schwarzen Buchstaben das Wort Verrat. Schließlich stelle ich das Glas aufs oberste Regalbrett. Ganz nach hinten an den Rand. Wo ich es hoffentlich nie wieder sehen muss.


2 – Jasper

~ Vor vier Jahren ~

Meine Hände wandern langsam über die kühlen Klaviertasten. Sie spielen wie automatisch eine Melodie. Eine Melodie voller Traurigkeit, Demut. Voll verpasster Momente und ungelebter Liebe. Sie ist weg. Für immer. Meine Frau, Westons und Mayas Mom. Mein Augenstern, meine große Liebe, die Erfüllung all meiner Träume. Wir haben Lebewohl gesagt, und sie ist gegangen. Erst ihr Blick, dann ihr Atem, ihr Herz und schließlich sie.

Der Klang des Klaviers – wie Wellen aus Glasperlen, die kommen und gehen – vermischt sich mit schauerlichen Lauten, die tief aus meiner Kehle, aus meiner Seele zu stammen scheinen. Stöhnendes Schluchzen, ein Keuchen, das einem verzweifelten Schrei ähnelt. Tränen kullern meine Wangen herab und tropfen eine nach der anderen auf die Tasten, wo meine Finger sie verwischen.

Nichts ist wichtig in diesem Moment. Nichts spielt eine Rolle. Ich sehe ihr Gesicht vor mir. Blythes schönes Gesicht. Ihr müdes Lächeln, ihre matte Hand, die in meiner lag. Einfach nur lag. Weil sie den Druck nicht mehr erwidern konnte. Ich spüre die Liebe, die grenzenlose Liebe, die nie vergehen darf.

Mir fehlt die Kraft. Die Kraft, diese Leere durchzustehen. Und doch muss ich es. Für Weston und Maya, die noch nicht einmal wissen, dass ihre Mutter nicht mehr da ist. Maya ist ohnehin zu klein, um sich noch an die Frau zu erinnern, die ihr das Leben geschenkt hat. Heute Nacht bleiben die Kinder bei Phoenix, der Tagesmutter. Zuerst dachte ich, ich könnte die Einsamkeit nicht ertragen. Ich spielte mit dem Gedanken, sie abzuholen. Aber nun, da ich nicht einmal die Energie habe, meinen eigenen Kopf zu stützen, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war. Ich brauche diesen Moment für mich. Diesen Augenblick der tiefsten Trauer, damit ich morgen für sie da sein kann. Milchpulver auflösen, Brei kochen, Windeln wechseln. Weston halten und halten und halten.

Blythes Bruder Link hat angeboten, mir unter die Arme zu greifen, da zu sein. Jeden Tag. Und ich weiß, er wird kommen, egal, ob ich ihn darum bitte oder nicht. Alle versprechen, dass ich nicht allein sein werde. Und doch ist es genau das, was ich will. Allein sein. Wenn ich nicht mit ihr zusammen sein darf, kann ich es mit niemandem sein.

Flashbacks der letzten Tage durchzucken meine Gedanken. Gedämpfte Gespräche im Hospiz, rot geweinte Augen, hoffnungsloses Kopfschütteln. Bonnies Gesichtsausdruck, als sie sich heute Vormittag verabschiedete. Sie wich meinem Blick aus, verschwand in den Weiten dieses seltsam friedlichen Ortes. Ich konnte sie nicht aufhalten. Konnte nicht von ihr verlangen, dazubleiben. Alles, was an diesem und an den Tagen zuvor von uns verlangt wurde, war zu viel.

Meine Hände zittern, und ich unterbreche die sanfte Melodie für einen Moment. Doch die Stille, die durchs Haus dröhnt wie der ultimative Beweis für das Ende, erschüttert mich. Sie geht durch Mark und Bein, durch Kopf und Herz. Und ich zwinge mich zu atmen. Befehle meinen Fingern, weiterzumachen, so, wie ich weitermachen werde. Gebrochen, ein Schatten meiner selbst. Das Leben ist ein Schatten seiner selbst. Es ist ein böser Hohn, dass es voranschreitet. Für manche. Für mich.

 

Maya weint seit Stunden auf meinem Arm, doch ich nehme ihre Laute kaum wahr. Ich gehe auf und ab. Auf und ab. Auf und ab. Weston ist eingeschlafen. Wir haben gemeinsam so lange geweint, bis er zu erschöpft war. Das war der Moment, in dem Maya aufgewacht ist. Sie will nichts essen, will nicht schlafen. Sie will weinen – und wer kann es ihr verübeln? All meine Versuche, sie zu beruhigen, schlugen fehl. Mein ersticktes Summen, das vorsichtige Wippen ihres kleinen Körpers in meinen Armen. Sie ist wütend auf die Welt, und ich bin es mit ihr.

Irgendwann setze ich mich zurück ans Klavier, meine letzte Zufluchtsstätte. Ich setze Maya auf meine Beine und beginne Melodien zu spielen, die Blythe liebte. Tatsächlich scheint es zu wirken. Maya beruhigt sich für einen Augenblick, und es gelingt mir sogar, ihr ein bisschen Milch einzuflößen. Ich gestatte mir einen Moment der Erleichterung, denn ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis ein so kleines Kind dehydriert ist. Ich würde Charlie, Blythes Mom, fragen, aber ich bringe es nicht über mich, ihre Nummer zu wählen.

Ich lehne meinen Kopf gegen das dunkle Holz des Klaviers, spiele mit der rechten Hand eine langsame Melodie und halte mit der linken die Flasche in Position.

„Siehst du“, sage ich leise, „du hattest einfach Hunger.“ Beim letzten Wort ist meine Stimme ganz dünn und zu einem hohen Schluchzen geworden.

So findet Link uns, als er wenig später kommt. Er sieht fertig aus. Blass. Seine Augen sind dunkel umrandet. Er nimmt mir Maya ab, schickt mich ins Bett. Er hat Schlaftabletten dabei.

„Ich bleibe, bis du wieder wach bist“, verspricht er. „Kann ohnehin nicht schlafen.“

„Dafür sind die Dinger“, sage ich und deute auf das orangefarbene Plastikdöschen, das zwischen uns auf dem Tisch steht.

Er lächelt müde. „Erst du.“

Ich nicke erschöpft. Dankbar. »Wenn Weston aufwacht …«

„Ich bin da.“

 

Wir stehen alle gemeinsam am Ufer des Mississippi. Die Asche wurde in den Wind gestreut, und Sal spielt auf seiner Trompete einen langsamen Trauermarsch. Die klaren Töne durchschneiden die warme, feuchte Luft. In meinem linken Arm trage ich Maya, in meinem rechten Weston. Wir sind das, was von unserer Familie übrig ist, und wir müssen zusammenhalten. So eng zusammen, wie nur irgend möglich. Deswegen drücke ich meine beiden Kinder fest an mich, obwohl meine Arme sich anfühlen, als würden sie bald abfallen.

Auf dem Weg zurück zu den Autos lasse ich meinen Blick über all die Menschen schweifen, die gekommen sind, um Blythe Lebewohl zu sagen. Es ist unglaublich, wie viele Leben sie berührt hat. Wie dankbar man sein muss, Teil ihrer Geschichte gewesen zu sein – auch wenn ihre Geschichte viel zu kurz war.

Ich bleibe an meinen Bandkollegen hängen. Link, Curtis und Sal. Bonnie steht etwas abseits, den Kopf gesenkt. Ihr Herz ist ebenso gebrochen wie meines. Wie unser aller Herzen. Fast will ich zu ihr gehen, doch dann legt Con, Blythes Vater, seinen Arm um mich.

„Na komm, mein Sohn“, sagt er, so wie er es immer tut, obwohl ich nur sein Schwiegersohn bin, und schiebt mich sanft in Richtung Straße zurück. „Noch ein paar Stunden, dann hast du es hinter dir.“

Hinter mir. Das klingt schön. Aber es stimmt nicht. Denn der tägliche Kampf wird andauern. Wird vielleicht noch härter, jetzt, da wir vermeintlich Abschied genommen haben. Jetzt, da für viele andere wieder Normalität einkehrt.

„Willst du auf meinen Arm, Weston?“, fragt Con, doch Weston schüttelt an meiner Halsbeuge den Kopf. „Ist er dir nicht zu schwer?“

„Nein“, sage ich mit mehr Vehemenz als beabsichtigt.

 

Ich bin tatsächlich erleichtert, als ich die letzten Gäste verabschiede. Es fühlt sich an wie ein hinter mir, obwohl es nur eine kleine Etappe ist.

Link und Curtis sind noch da und helfen mir beim Aufräumen. Aber schnell merke ich, dass auch das zu viel ist.

„Stellt die Sachen einfach in die Küche, ich kümmere mich morgen darum“, sage ich.

„Bist du sicher, Alter?“, fragt Curtis. „Ist kein Problem, noch zu bleiben.“ Er klopft mir auf die Schulter. Curtis ist der Einzige, der vollkommen normal mit mir umgeht. Vermutlich liegt es daran, dass er Verlust kennt. Dass er die Ohnmacht erlebt hat, als er seine Eltern durch Hurrikan Katrina verlor.

„Danke, aber ich wäre am liebsten allein.“

Charlie und Con haben die Kinder ins Bett gebracht, und ich sehne mich nach Ruhe. Nach Ruhe und Melodie. Nach Melodie und Erinnerung. Nach Erinnerung und Schmerz. Nach Schmerz und Dunkelheit.

Wenig später gehe ich noch einmal durch das leere Haus, in dem wir bis vor Kurzem noch zu viert wohnten. Ich sehe Blythe vor mir. Ihr Strahlen, ihre wachen Augen. Immer öfter gelingt es mir, die müde, die kranke Blythe durch die wirkliche zu ersetzen. So, wie sie es sich gewünscht hat.

Aber ich sehe auch alle anderen, die diesen Weg mit mir – mit uns – gegangen sind. All die bunten, wunderbaren Menschen aus Tremé, die heute hier waren. Ihre Eltern, unsere Freunde. Link, Curtis und Sal. Und Bonnie.


3 – Bonnie

~ Heute ~

»All my life I wanted nothing more than just to be … me and you«, singt Link mit heiserer, intensiver Stimme ins Mikrofon.

Ich sehe ihn lediglich von hinten, kann sein Mienenspiel nicht mitverfolgen, aber ich weiß ganz genau, dass er, während er einzig für seine Freundin Franzi singt, für jede Frau in unserem imaginierten Publikum die personifizierte Verheißung darstellt. Wäre das heute nicht einfach nur eine Bandprobe in der Tremé-Musikschule.

Hier jammen wir, sooft wir können. Hier sind wir eine Einheit aus Sound, Freundschaft, gemeinsamer Geschichte.

Meine Bass-Line ist anspruchsvoll, aber ich beherrsche sie im Schlaf. Meine Finger sind schnell, der Druck am Griffbrett kräftig. Das schnarrende Zupfen der Saiten, die Vibration des Instruments verleihen der Musik mehr Tiefe, Breite. Die Anwesenheit meines Klangs fällt den meisten unserer Zuhörer nicht auf. Erst durch seine Abwesenheit gewinnt der Kontrabass an Bedeutung. Das ist eine Facette meines Instruments, die ich bewundere. Die Bescheidenheit in Kombination mit Gewicht.

Schräg hinter mir kreist Curtis’ Besen über sein Becken und seine Drums. Er ist der König des Minimalismus, wenn es darauf ankommt. Er weiß in jedem Moment genau, welche Art von rhythmischer Intensität ein Song braucht. Und dieser, der ironischerweise von einer Liebe handelt, die schon immer war, braucht Sanftheit und Vorsicht.

Während meine Finger über die Saiten meines Instruments klettern, schweifen meine Gedanken ab. Hinter Link an der Wand steht das Klavier, an dem Jasper sitzt. Und mein Blick fällt wie automatisch auf seinen Hinterkopf. Der definierte Haaransatz an seinem Nacken. Die dunklen kurzen Haare, die sich locken würden, wären sie nur ein paar Millimeter länger. Seine eleganten Ohren, die sich beinahe perfekt an die Seite seines Kopfs schmiegen. Sie sehen so weich aus, und ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen würde, mit dem Finger ganz leicht über ihre Rundung zu fahren bis zum Ohrläppchen hinunter – und dann weiter, die Halsbeuge hinab.

„Leute, das war großartig“, sagt Link, als der Song verklungen ist, und reißt mich damit aus meinen Gedanken. Aus meinen verbotenen Gedanken.

Er dreht sich zu uns um, fordert Curtis auf, den nächsten Song einzuzählen.

„NOLA my love?“, fragt er, und Curtis nickt.

Kurz treffen sich unsere Blicke, und ich fühle mich seltsam ertappt. Meine Wangen werden heiß, obwohl Link natürlich nicht wissen kann, womit mein bescheuertes Gehirn beschäftigt war. Doch er ist der Einzige, der von meinem Problem weiß. Und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich in ihm einen moralischen Kompass vermute – selbst wenn das paranoid ist. Link würde mich nie verurteilen. Nicht für meine Gefühle und auch sonst für nichts. Im Gegenteil: Er ist für mich da, wenn ich mal wieder nicht weiß, wohin mit all dem nervtötenden Kummer. Meistens habe ich ihn im Griff, aber es gibt Momente, da bahnt er sich einen Weg an die Oberfläche und überlagert alles. Die guten Vorsätze, die Standhaftigkeit, die Akzeptanz meiner Situation. Da möchte ich mich einfach zusammenrollen und zerfließen vor Gefühl und Hoffnungslosigkeit. Denn es gibt nichts, was ich gegen mein Problem tun könnte. Es ist nicht so, als hätte ich es nicht versucht. Doch mein Gehirn schüttet weiter Hormone aus, die dazu führen, dass ich verliebt bin. Unsterblich verliebt. Schon immer. Ich habe es gegoogelt. Es ist nichts anderes als eine Ausschüttung von Botenstoffen. Das sage ich mir wieder und wieder.

Auch in diesem Augenblick, als ich mit einer schnellen Melodie in unseren nächsten Song einsetze und die mächtige Vibration des Kontrabasses an meinem Körper spüre, zähle ich die kleinen Teufel in meinem Kopf auf: Dopamin, Oxytocin, Adrenalin. Nichts weiter. Doch wenn es nichts weiter ist, warum ist dann diese schmerzende Sehnsucht, die sich in mir eingenistet hat, so real? Warum fühlt es sich an, als zerrte man an meiner Seele?

Mein Herzschlag beschleunigt sich parallel zum Rhythmus, den Curtis vorgibt. Ich könnte es auf den Song schieben, aber ich weiß, dass Jaspers Rücken der wahre Grund ist. Seine fließenden Bewegungen. Das sanfte Hin-und-her-Wiegen, während seine Finger über die Tasten tanzen. Manchmal hüpfen seine Schultern regelrecht, und mein Herz mit ihnen. Ich schmachte, und ich hasse mich dafür. Vermutlich ebenso sehr, wie ich Jasper liebe.

„Ich würde euch gern noch eine neue Idee von mir zeigen“, sagt Link. „Wenn ihr noch Zeit habt?“

„Du sprühst ja geradezu vor Eingebungen in letzter Zeit“, sage ich. Und es stimmt. Seitdem Link verliebt ist – so richtig verliebt –, produziert er neue Songs wie am Fließband. Sie sind alle ein bisschen ruhiger, gefühlvoller, aber gleichermaßen schön. Und wir sind immer offen, Neues auszuprobieren.

Er spielt eine Melodie und singt dazu.

„This is where the magic begins. This is the sparkle, the glisten, the glint.“

„Where it begins?“, fragt Curtis. „Nicht vielleicht where it happens?“ Er wackelt anzüglich mit den Augenbrauen.

„Curtis“, ermahnt Sal ihn, doch wir anderen grinsen. So ist er eben.

„Klingt cool“, sagt Jasper, und ich nicke begeistert.

„Wirklich gut.“

„Bleib dran, Mann. Das kann echt was werden.“ Curtis ist jetzt ganz ernst.

„Das tue ich“, verspricht Link. „Jasper, hast du Lust, mit mir daran zu arbeiten?“

„Es wäre mir eine Ehre, Hughes. Ich habe die ganze Nacht Zeit.“

„O Mann, Jasper, ich sag dir, hätte ich an deiner Stelle einmal im Leben die Kinder aus dem Haus, ich wüsste schon, was ich mit meinem freien Abend anstellen würde“, sagt Curtis grinsend. „Da würde überall Magic passieren. Im Bett, auf dem Sofa, auf dem Essti-“

„Danke, Curtis, aber ich glaube, wir wissen alle, was du anstellen würdest.“ Jasper lacht.

„Selbst, wenn du die Kinder nicht los wärst“, biete ich an, und Curtis nickt.

„Sehr richtig“, sagt er. „Apropos, ich habe gehört, dass es bei mir heute keine Magic gibt, weil Amory mit dir verabredet ist.“

„Schuldig im Sinne der Anklage“, erwidere ich, denn Amory ist nicht nur Curtis’ Mitbewohnerin with benefits, sondern auch die Person, die einer besten Freundin in meinem Leben am nächsten kommt.

„Langweilig“, sagt Curtis und zeigt auf mich. „Und langweilig.“ Sein Finger wandert zu Jasper.

„Ja, nun, ich schreibe vielleicht gern einen Song mit meinem Lieblingsschwager“, sagt Jasper und spielt ein paar Akkorde, die klingen wie die in Musik gegossene Antiklimax.

„Eines Tages, Jasper, wirst du alt sein, und dann bereust du es vielleicht.“ Curtis lässt nicht locker, und langsam ist es mir unangenehm, zuzuhören.

„Eines Tages, Curtis, wirst auch du alt sein. Und dann können wir uns ja noch einmal darüber unterhalten, ob ich mehr Sex hätte haben sollen“, sagt Jasper selbstbewusst. Das Wort „Sex“ aus seinem Mund jagt mir einen Schauder über den Rücken, und ich ermahne mich, tief durchzuatmen. Denke an ein kühles Bier mit Amory im French Quarter. An Ablenkung und Spaß.

Als ich merke, dass Link mir erneut einen Blick zuwirft – ziemlich beabsichtigt diesmal –, bin ich auf einmal sehr beschäftigt damit, in meinen Noten zu blättern. Er ahnt, dass die Richtung, in die dieses Gespräch sich wendet, für mich schwer erträglich ist.

„Bonnie, hilf mir mal“, sagt Curtis. „Link?“

„Ich mische mich da nicht ein“, entgegnet Link, den Blick immer noch auf mich gerichtet.

„Sieht denn niemand, dass es für Jasper langsam an der Zeit ist, mal wieder unter Leute zu kommen?“ Curtis ringt die Hände.

„Vielleicht hat Curtis tatsächlich recht“, murmle ich kaum hörbar. Ich versuche, cool zu sein. Link zu zeigen, dass ich darüberstehe. Auch wenn ich es ganz offensichtlich nicht tue, so wie mein beklopptes Herz gerade rast.

„Ha!“ Seinen Triumph unterstreicht Curtis mit einem Trommelwirbel.

„Ihr könnt sagen, was ihr wollt“, erwidert Jasper. „Es ist Gott sei Dank meine eigene Angelegenheit.“

Kathinka Engel

Über Kathinka Engel

Biografie

Die gebürtige Münchnerin und Wahllondonerin Kathinka Engel kennt die Buchwelt aus verschiedensten Perspektiven: Als leidenschaftliche Leserin studierte sie allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, arbeitete für eine Literaturagentur, ein Literaturmagazin und als Redakteurin, Übersetzerin...

Weitere Titel der Serie „Love-is-Reihe“

Eine bunte, ungewöhnliche Stadt, eine junge Band und die große Liebe: In dieser Reihe entführt uns Spiegel-Bestsellerautorin Kathinka Engel ins bunte und lebensfrohe New Orleans – und mitten hinein in das turbulente Leben einer Band. Zwischen berauschenden Auftritten und dem harten Alltag als Berufsmusiker suchen sie alle nach ihrem persönlichen Happy End.
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