Der die Schönheit fischt
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Mittwoch, 20. März 2013 von Piper Verlag


Der die Schönheit fischt

Ein Interview mit Jón Kalman Stefánsson

Durchdrungen von Poesie, berühren die Romane des isländischen Schriftstellers das Herz. Sie spiegeln das Leben wider und die Kälte einer feindseligen Welt.

Wie hat sich Ihre Karriere als Schriftsteller entwickelt?

Jòn Kalman Stefánsson: Das Eine, was mich immer beschäftigt, ist das Schreiben. Das Schreiben beherrscht meine Gedanken. Es ist so wichtig für mich wie Atmen. Ich schätze, man kann sagen, dass das erste Buch, das in Island Interesse geweckt hat Sommerlicht, und dann kommt die Nacht war. 

Die anderen Bücher haben schöne Rezensionen erhalten, spielten aber keine Rolle in der literarischen Welt. Es ist schön, dass sich die gesamte Trilogie – die etwas erzählt, in dem sich die Isländer offenbar wiederfinden – so erstaunlich gut verkauft und sie so viel Beachtung bekommt. Man sagt, dass die Summe der Verkäufe kein Indikator für die Qualität eines Buches ist und weniger noch ein Indikator für dessen Bedeutung.

Wenn ein Buch einen Platz in der Wahrnehmung und in der Gefühlswelt des Lesers findet, ist es für ihn ein gutes Buch, ein wichtiges Buch, ein Buch, das zählt. Ich hoffe, dass meine Bücher diese Qualitäten besitzen. Dass sie den Leser berühren können, zu ihm durchdringen, dass sie etwas in ihm bewegen. „Himmel und Hölle“ ist mein erfolgreichstes Buch, es wurde in zwölf oder dreizehn Länder verkauft. Aber alle meine Bücher, neun an der Zahl, werden jetzt ins Deutsche übersetzt.

Wie ist die Trilogie um den namenlosen Jungen entstanden? Haben Sie von Beginn an gedacht, dass aus dieser Geschichte eine Trilogie werden würde?

1996 war im Radio die Rede von einer Frau, die bemerkenswerterweise 1860 in den Norden Islands, nach Akureyi (die wichtigste Stadt der Provinz), aufbrach: die reichste Frau Islands. Die Witwe erbte von ihrem Ehegatten ein schönes Vermögen, das ansehnliche Zinsen abwarf. Aber sie polarisierte und war schlecht angesehen bei denen, die ihr das Vermögen neideten – eine menschliche Reaktion.

In der damaligen Epoche standen die Frauen immer unter der finanziellen Vormundschaft der Männer und genossen keinerlei finanzielle Unabhängigkeit. Die Frau, von der im Radio erzählt wurde, hatte sich eigensinnig dieser dominierenden Klasse entgegengestellt, dieser männlichen Herrschaft, wurde aber letztlich von ihr besiegt. Vor allem deshalb, weil sie sich in einen Mann verliebte, der trank, und der sie mit sich in den Abgrund riss. 

Diese Geschichte erschien mir so leidenschaftlich! Es ist die Geschichte von Ungerechtigkeit, von einer Liebe ohne Hoffnung. Und eine Geschichte der Macht – vordergründig die der Macht der Männer über die Frauen. Ich war mir sicher, dass diese Geschichte Stoff für einen Roman bietet, aber ich wusste auch, dass man dafür das schriftstellerische Handwerk sehr gut beherrschen musste. Ich wartete deshalb ab, ich war leider vollständig mit anderen Projekten beschäftigt.

Es fiel mir schwer einen Plan zu machen, vorab die Struktur eines Buches zu definieren oder vorherzusagen, was sich daraus ergibt. Sicher, ich versuchte es, und ich begann mit vielen Ideen im Kopf, aber diese Ideen veränderten sich zu schnell – oft noch bevor ich sie zu Papier bringen konnte. Hier übt das Schreiben die Macht aus, und die Regeln des Schreibens sind, anders als die der Logik,  sehr dehnbar und unabsehbar.
Mit anderen Worten: Es war nicht meine Absicht, eine Trilogie zu schreiben. Die Geschichte ließ sich nur nicht in einem einzigen Buch erzählen.

Aber beim Schreiben von „Himmel und Hölle“ stellte ich fest, dass Stoff und Thema so viel hergeben, dass es besser wäre, die Geschichte aufzuteilen. Ich hatte kaum begonnen an „Der Schmerz des Engels“ zu schreiben, als mir klar wurde, dass dieses Werk eine Trilogie werden würde. Für mich ist das Schreiben eines Romans ein bisschen wie eine Reise. Ich weiß, wie ich die Reise einleite, ich kenne ihre Bedingungen, aber ich habe eine sehr undeutliche Idee vom Ziel der Reise und von den Geschehnissen, die diese begleiten werden.

In „Himmel und Hölle“ bildet das Meer einen wichtigen Schwerpunkt. Vielleicht ist es die Erde, die in „Der Schmerz der Engel“ die Reise des Jungen und Jens dominiert. Ist es nicht der Himmel, der in „Das Herz des Menschen“ heraussticht?

Ich habe acht Romane geschrieben und veröffentlicht und entdeckt, dass es mir sehr viel leichter fällt, eine Geschichte zu schreiben, als über sie zu sprechen und sie zu analysieren. Es fällt mir schwer, meine Bücher objektiv zu betrachten: Ich habe natürlich eine subjektive Sichtweise, und wenn ich über sie spreche, verliere ich mich schnell in Details. Jedes Mal, wenn ich eine Überschrift für mein Buch suche – was immer sehr spät passiert -, ist die Arbeit daran immer gerade in einer sensiblen Phase. Ich strenge mich an, eine Betitelung zu finden, die dem Buch entspricht, seinem Ton, seiner Musik.

Mit anderen Worten: Ich entscheide eher nach Gefühl als nach rationaler Überlegung, um den Titel zu finden – Sie können das Intuition nennen, wenn Sie wollen. Ich muss für mich generell mehrere Möglichkeiten geben, bevor ich auf die Beste verfalle. Und für „Das Herz des Menschen“ stellte ich mir vor, dass, so wie das erste Buch vom Meer erzählt, das zweite von der Erde, sich nun also das dritte mit dem Innenleben des Menschen beschäftigt. Aber das ist mein Empfinden, es ist nicht notwendigerweise richtig.

Die Trilogie ist ein großer Entwicklungsroman, dessen Hauptfigur, der Junge, ihr Alter Ego zu sein scheint. Was haben Sie beim Schreiben dieser drei Romane über sich erfahren?

Um ehrlich zu sein: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich bin absolut versunken in das Werk während seiner Entstehung. Ich denke Tag und Nacht daran, sei es alleine oder in Gesellschaft, beim Essen im Zug oder beim Laufen an der frischen Luft: Es lässt mich nie los. Aber wenn ich ein Buch dann beendet habe, bestimmt eine neue Aufgabe meine Gedanken.

Mit anderen Worte: Ich denke nie über vorherige Bücher nach, es sei denn, man stellt mir Fragen zu dem Thema des Buches. Man muss gute Antworten geben können. Aber man darf niemals Vertrauen zu einem Autor haben, man braucht Vertrauen in seine Bücher.

Ich habe ungefähr sechs Jahre für die Trilogie gebraucht. Im Laufe dieser Reise habe ich diese und jene Dinge entdeckt, als Mensch und als Schriftsteller. Aber ich bin unfähig, diese Dinge anzurühren, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt will. Ich schreibe Bücher, um die Welt zu verändern, es ist eine Sisyphusarbeit, und ich weiß, dass das eine dämliche Affirmation ist, aber wir müssen uns immer, immer anstrengen, die Welt zu verändern, sie besser zu machen. Jedes Mal, wenn wir den Mut dazu verlieren, wird die Welt besiegt.

Jedes Mal, wenn uns ein spöttisches Lächeln hemmt. Die Welt wird gesteuert von großen Unternehmen, Ungerechtigkeit, Eigeninteressen, Geld – diese Macht gewinnt an Kraft mit jedem Mal, wenn jemand den Mut verliert bei seinem Kampf für eine bessere Welt, für die Gerechtigkeit und für das, wozu wir sonst nur in unseren Träumen fähig sind.

Le Matricule Des Anges, Januar 2013


Blick ins Buch
Das Herz des MenschenDas Herz des Menschen

Roman

Während in einem verheerenden Sommerunwetter ein Handelsschiff vor den Augen der kleinen isländischen Fischergemeinde in den Fluten versinkt, steht der junge Held des Romans vor der alten Frage: Wählt er die Liebe oder die kurze Leidenschaft? Und wie lässt sich beides voneinander trennen?
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