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Auf der Insel der Gletscher und Geysire

Meine Zeit in Island

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Auf der Insel der Gletscher und Geysire — Inhalt

Island hautnah. Ein halbes Jahr lang durchstreift Carmen Rohrbach die junge Vulkaninsel an der Grenze der bewohnten Welt, die mehr Besucher im Jahr zählt als Bewohner. Auf einsamen Wanderungen im Hochland beobachtet sie die wilde Tierwelt, steigt hinauf zum geheimnisvollen Krater Askja und auf den Gipfel der Königin der Berge Herðubreið. Sie zeltet unter der gewaltigen Eruptionswolke des berühmt-berüchtigten Vulkans Eyjafjallajökull, begleitet den jährlichen Schafabtrieb nahe einer Farm im Nordwesten der Insel und taucht ein in das bunte Leben der Hauptstadt Reykjavík und des Künstlerdorfes Vik am südlichsten Zipfel Islands. Eine Reiseerzählung von überwältigender Intensität und Vielfalt.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 14.05.2013
272 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-40510-2
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 05.10.2011
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95352-8

Leseprobe zu »Auf der Insel der Gletscher und Geysire«

Die Wolke aus dem Vulkan

 

In einem Boot schaukele ich übers Meer. Von einer Welle werde ich emporgehoben, stürze hinab ins Wellental, um mit der nächsten Woge wieder in die Höhe zu steigen. Ich fürchte mich, will um Hilfe schreien, aber kein Laut dringt aus meiner Kehle – da erwache ich aus meinem Traum. Es ist die Erde, die sich bewegt, sich hebt und senkt, stößt und pu t, nach oben drängt und wieder nach unten fällt. Ein Erdbeben!
Ich liege im Zelt auf einer Bergwiese in Island, weit unter mir im Tal ießt der Gletscher uss Markar jót. Vor Schreck bin [...]

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Die Wolke aus dem Vulkan

 

In einem Boot schaukele ich übers Meer. Von einer Welle werde ich emporgehoben, stürze hinab ins Wellental, um mit der nächsten Woge wieder in die Höhe zu steigen. Ich fürchte mich, will um Hilfe schreien, aber kein Laut dringt aus meiner Kehle – da erwache ich aus meinem Traum. Es ist die Erde, die sich bewegt, sich hebt und senkt, stößt und pu t, nach oben drängt und wieder nach unten fällt. Ein Erdbeben!
Ich liege im Zelt auf einer Bergwiese in Island, weit unter mir im Tal ießt der Gletscher uss Markar jót. Vor Schreck bin ich wie erstarrt. In Südamerika habe ich dieses Gefühl der Ohnmacht schon einmal durchlitten, wenn die so fest und sicher erscheinende Oberäche unseres Planeten aufbricht in Spalten und Risse. Ein Impuls rast durch meinen Körper, gibt mir den Befehl: »Nichts wie weg! Lauf um dein Leben!« Mein Verstand zwingt die Panik nieder. Zitternd vor Aufregung ö ne ich den Reißverschluss am Zelteingang und schaue hinaus. Es ist drei Uhr in der Nacht und doch nicht wirklich dunkel. Im isländischen Frühling versinkt die Sonne nachts zwar noch für wenige Stunden, aber der Himmel bleibt di us grau. Es ist hell genug, dass ich die Umgebung erkennen kann: das gelbe vorjährige Gras, dürre Sträucher, Steine und Felsen, den ansteigenden Hang. Nichts Bedrohliches also, und auch die Erde bebt nicht mehr.
Viel zu aufgeregt, um wieder einschlafen zu können, krieche ich aus dem Zelt. Als ich mich aufrichte, erschüttert ein Dröhnen und Donnern die Luft. Es pfeift und zischt, grollt, knallt und poltert. Und dann sehe ich sie aufsteigen – die Wolke. Dunkel, graubraunschwarz, himmelwärts quillt sie empor, immer höher. Wild brodelt sie und wirkt dabei weich wie Watte. Sie steigt aus dem Vulkan Eyjafjallajökull an der gegenüberliegenden Talseite. Als ich gestern ankam, reichte der Nebel bis zum Fuß des Berges, und ich konnte die Aschewolke nicht sehen, hörte aber das Donnergetöse des Vulkanausbruchs. In der Nacht schwieg er, jetzt verscha t er sich wieder lautstark Gehör.
Blitze zucken in der Wolke. Es sieht gespenstisch aus. Die Ascheteilchen reiben aneinander, dabei laden sie sich elektrisch auf und entladen sich im Blitz. Glühende Lavabrocken werden von einer gewaltigen Kraft aus dem Erdinneren emporgeschleudert, fallen zu Stein erstarrt wieder zurück, prasseln nieder auf den felsigen Kraterrand.
Der Anblick der Aschewolke ist furchterregend, zugleich aber bin ich wie verzaubert. Sie birgt Gefahr in sich und Zerstörung und ist doch ungewöhnlich schön. Seltsam, warum kann auf uns Menschen das Schreckliche so anziehend wirken? Wir fürchten uns bei Waldbränden, Hochwasser und reißender Flut und können dennoch unseren Blick nicht abwenden, erleben ein Gefühl zwischen Grauen und Faszination.
Am oberen Rand der dunklen Wolke sehe ich einen rötlichen Schimmer, der sich ausdehnt, als würde die Wolke von innen glühen. Es ist die aufgehende Sonne, die mit ihrem warmen Licht die wabernde Vulkanasche färbt. Eingehüllt in meinen Schlafsack hocke ich vor dem Zelt, bin wie gebannt. Donnernd stößt der Vulkan neue Wolken aus. Zuerst sind sie kompakt, dann dehnen sie sich aus, als würden Blumen sich ö nen, ähneln Chrysanthemen mit ihren großen Blütenblättern. Von nachdrängenden Wolken gestoßen, steigen sie immer höher, sieben oder sogar neun Kilometer, so hoch wie der Mount Everest. Ich muss an das Märchen vom süßen Brei denken: Ein Zaubertopf kocht unaufhörlich, kocht und kocht, bis der Hirsebrei überquillt. Der Brei füllt zuerst die Küche, dann das Haus, ergießt sich in die Gasse, schließlich in das ganze Dorf und ist nicht zu stoppen. Ebenso pausenlos produziert der Eyjafjallajökull mit Donnergetöse seine Aschewolken, stößt sie aus dem Leib der Erde aus. Der Wind weht die Asche von mir fort nach Südosten.
Die Sonne steigt über den Horizont. Die Rotfärbung ist erloschen, die Wolke wirkt jetzt bedrohlich dunkel. Die Blitze sind im hellen Licht nicht mehr zu sehen und auch nicht das Glühen der emporgeschleuderten Lava.

 

Die Eisumschlungene

 

Aus dem Flugzeugfenster sehe ich unter mir das Wellengekräusel des Atlantiks. Noch ist der Himmel klar. Doch bald, lange bevor wir uns Island nähern, zieht sich ein dunkles Band durch das tiefe Blau. Hier ist sie, die berüchtigte Aschewolke, die so viel Ungemach verursacht. Im Moment weht der Wind sie in eine Richtung, die für unseren Flug ungefährlich ist.
Nach Island reise ich, weil der Name »Eisland« meine Phantasie schon als Jugendliche entzündet hat. Eisiges Land, geprägt von Gletschern und Vulkanen. Erst spät in der Menschheitsgeschichte wurde es besiedelt, allerdings nur entlang der Küste. Im Innern ist es wild und einsam. Kontraste ziehen mich an, ich mag Hitze und Kälte gleichermaßen. Wo kann ich mehr Gegensätze nden als auf Island?
Doch warum hat es so lange gedauert, bis ich meinen Jugendtraum endlich verwirklichte? Die Weichen stellten sich seit meiner Ankunft in Westdeutschland in andere Richtungen. Da war zunächst der Forschungsauftrag auf den Galapagos-Inseln, wo ich Spanisch lernte und wo sich danach Reisen nach Südamerika anboten. Dennoch verlor ich Island nie aus dem Blick, sammelte alle Informationen, die ich bekommen konnte. Irgendwann werde ich hinfahren, sagte ich mir, doch stets drängten sich mir andere Ziele in den Sinn: Mongolei, Namibia, Jemen, Patagonien, Ägypten. Eines Tages el mir das Buch Isafold in die Hände, die »Eisumschlungene«. So nannte Ina von Grumbkow die Insel. Was sie über ihre Reise im Jahr 1908 schrieb, war der letzte Anstoß, mich endlich auf den Weg zu begeben. Aber ich wollte nicht mit dem Schi fahren wie die Schriftstellerin, die von Berlin über Kopenhagen, Edinburgh, die Orkney- und Faröer-Inseln nach Island reiste. Ich wähle lieber das Flugzeug. Von München mit Zwischenlandung in Kopenhagen dauert der Flug nur vier Stunden – kein Vergleich zu den zwei Wochen, die Ina von Grumbkow unterwegs war.
Sechs Tage vor meinem Flugtermin am 14. April brach der Eyjafjallajökull aus, sandte seine Aschewolke über den Atlantik und stoppte den Flugverkehr auf fast allen europäischen Flughäfen. Musste ich nun doch die Fähre nehmen? Zu meiner großen Erleichterung konnte kurzzeitig wieder ge ogen werden, einen Tag später herrschte schon wieder Flugverbot. Bis zuletzt bangte ich, ob die Maschine wirklich starten dürfe. Erst als nach der Zwischenlandung in Kopenhagen das Flugzeug abhob, begann ich, an eine Landung in Island zu glauben.

 

Island verbirgt sich unter einer grauen Wolkenschicht. Beim Landeanflug öffnen sich Gucklöcher in den Wolken, und ich sehe einsame Täler, bedeckt mit Schnee, Eis und Felsen. Die Sätze, mit denen Ina von Grumbkow ihr Buch begann, kommen mir in den Sinn: Fern im Norden erhebt sich aus den Wogen des Atlantik, der in ungebrochener Gewalt ihre schroffen Küsten umschäumt, die Insel Island – Isafold, die Eisumschlungene.
Was mir nach der Landung sofort au ällt, ist das Licht. Es ist hell und leuchtend. Obwohl schon fast Abend, steht die Sonne hoch am Himmel. Ich hatte mir ein dunkles, düsteres Land vorgestellt.
Die Busfahrt vom internationalen Flughafen zur 45 Kilometer entfernten Hauptstadt Reykjavík führt durch 7000 Jahre alte Lavafelder. Sie sind überwachsen mit graugrünem Moos. Auf der einen Seite wird die erstarrte Lava vom Atlantik begrenzt, auf der anderen dehnt sie sich bis zum Horizont. Für alle Zeiten scheint der Boden mit dicken Schichten wulstigen Gesteins versiegelt. Dennoch ist es gelungen, eine breite, asphaltierte Schnellstraße anzulegen, an der sich Neubauten entlangziehen. Es ist dieser harte Kontrast zwischen wilder Natur und der von Menschen gescha enen, modernen Welt, der so bezeichnend für Island ist. Gleich bei meiner Ankunft werde ich von diesem Gegensatz überrascht, der mich auf meiner Reise stets begleiten und immer wieder für Staunen sorgen wird.
Während wir uns Reykjavík nähern, der nördlichsten Hauptstadt der Welt, wird die Besiedlung immer dichter: Reihenhäuser, Bungalows, zweistöckige Wohnhäuser – alle aus dem bevorzugten Bausto : Beton. In den letzten Jahrzehnten sind viele Menschen aus ländlichen Gebieten in die Hauptstadt abgewandert. Die Stadt und die umliegenden Gemeinden sind gewachsen und weitgehend miteinander verschmolzen. Von insgesamt 318 000 Isländern wohnen im Großraum Reykjavík weit über die Hälfte, nämlich etwa 200 000 Menschen.
Die Hauptstadt liegt im Westen Islands in einer Bucht der Reykjanes-Halbinsel. Die Stadt breitet sich an der achen Küste aus, nur wenig über dem Meer. Weder Vulkane, noch Gletscher sind zu sehen, auch kein Gebirge im Hintergrund. Jahrhundertelang war die heutige Metropole eine ärmliche Siedlung gewesen mit aus Torf erbauten Gehöften, um 1900 lebten kaum 5000 Menschen in Reykjavík. Inzwischen ist die Stadt zum pulsierenden Mittelpunkt der Insel geworden, dynamisch und voller Leben. Die Peripherie mit ihren Hochhäusern und Betonbauten hat wenig einladend auf mich gewirkt, das Stadtzentrum jedoch mit dem liebenswerten Charme einer Kleinstadt hat es mir gleich angetan.
Die Jugendherberge »Reykjavík Downtown«, die ich mir als Quartier gewählt habe, liegt zentral und in einer Straße, die parallel zur Küste verläuft. Nach dem Einchecken spaziere ich durch die Stadt, um erste Eindrücke zu sammeln. Zwar ist es schon spät am Abend, doch ich bin viel zu neugierig und aufgeregt, um gleich schlafen zu gehen. Zum Hafen sind es nur wenige Schritte. Fischerboote schaukeln sanft auf den Wellen, in dem engen Hafenbecken scheint kein Platz für größere Schi e zu sein. Es herrscht abendliche Ruhe, obwohl es trotz der späten Stunde noch taghell ist. Im Stadtzentrum sind die Häuser klein, meist einstöckig. Auf den Straßen ist fast kein Verkehr, die Geschäfte sind bereits geschlossen. In wenigen Minuten erreiche ich den Tjörnin, den Stadtsee. Dort streiten sich Möwen laut kreischend ums Futter. Das große Gewässer ist Zu uchtsort für zahlreiche Wasservögel. Über vierzig verschiedene Entenarten, Gänse, Singschwäne, Möwen, Küstenseeschwalben bevölkern ihn, bauen am Ufer oder auf Inselchen ihre Nester und ziehen die Jungen auf. Am Uferhang reihen sich Holzhäuser, die zum Schutz gegen die Witterung mit buntem Wellblech ummantelt sind. Auch die Dächer haben leuchtende Farben: Gelb, Grün, Blau und Rot. Eine farbenfrohe Kulisse, die mir gefällt.
Ein mächtiger Bau erhebt sich direkt am See – das Rathaus. Die Architektin Margrét Hardardóttir hatte für ihren Entwurf den ersten Preis gewonnen, aber die postmoderne Architektur löste heftige Proteste aus. Das Gebäude sei ein Störfaktor inmitten der historischen Altstadt, hieß es. Dennoch wurde das Bauwerk aus grauem, unverputztem Beton im Jahr 1992 gebaut. Es hat zwei tonnenförmige Dächer und wurde auf Stelzen in den See gesetzt. Gerade weil das imposante Rathaus nicht zu den zierlichen Wellblechhäusern am Ufer passt, entsteht durch den harten Kontrast eine interessante Spannung und Aufmerksamkeit wird erregt, und das ist es ja, was Kunst unter anderem bezweckt.
An diesem Abend spüre ich nicht das Flair einer pulsierenden Stadt, über das ich so viel gelesen habe. Kaum ein Mensch ist auf den Straßen zu sehen. Erst im Sommer beginnen die langen Nächte, in denen es scheint, als würde keiner mehr schlafen gehen. Dann verwischen die Unterschiede zwischen Tag und Nacht.

 

Es ist immer aufregend, in einem unbekannten Land aufzuwachen, dabei ist es vertrauter Vogelgesang, der durch das o ene Fenster hereinschallt. Kann das sein? Für einen Augenblick kommen mir Zweifel, ob ich überhaupt in Island bin. Da höre ich ihn wieder, ich habe mich nicht geirrt. Auf dem Dach rst gegenüber zwitschert ein Star. Wie kommen Stare auf diese entfernte Insel? Stare gehören nicht zu den Zugvögeln, die weite Distanzen zurücklegen. Am liebsten überwintern sie im Mittelmeergebiet. Wie sind sie also in den hohen Norden gelangt? Fast tausend Kilometer beträgt die Entfernung von Norwegen nach Island, eine Strecke, die Stare nicht freiwillig übers o ene Meer iegen würden. Wurden sie von Stürmen hierhergetrieben? Jedenfalls sind sie noch nicht lange in Island, zum ersten Mal hat man sie vor einigen Jahrzehnten beobachtet. Seitdem brüten sie in Reykjavík, lese ich im Vogelbestimmungsbuch.
Wie kann man an einem einzigen Tag einen umfassenden Eindruck von einer Stadt bekommen und möglichst viel erfahren? Am besten auf einer Fahrradtour. Ich habe mich bei »Reykjavík Bike Tours« angemeldet, und Stefán hat für mich eine Extratour zusammengestellt. Ich tre e ihn unten am Hafen, wo er schon mit Fahrrad, Helm und roter Weste auf mich wartet. Mit seiner deutschen Lebensgefährtin Ursula hat er sich auf Fahrradtouren spezialisiert und organisiert Aus üge in und um Reykjavík.
Stefán sieht so aus, wie ich mir Isländer vorgestellt habe: groß und blond. Nach einer knappen Erläuterung, worauf beim Fahrradfahren durch die Straßen Reykjavíks zu achten sei, schwingen wir uns auf die Räder, fahren aber nur wenige Meter. Stefán deutet auf einen Kiosk, wo Hotdogs verkauft werden. Unscheinbar duckt sich Bæjarins beztu, die stadtbeste Würstchenbude, zwischen die hohen Gebäude in der Nähe des alten Hafens. Mit vergnügt blitzenden Augen erzählt mir Stefán in perfektem Englisch eine lustige Anekdote: Als Clinton noch Präsident der USA war, sei er bei einem Staatsbesuch für kurze Zeit seinen Bewachern entwischt und habe hier einen Hotdog gegessen.
Zur pylsa, wie Wurst auf Isländisch heißt, kann man verschiedene Zutaten wählen: Ketchup, Remoulade, Senf, frische und geröstete Zwiebeln. Clinton wollte als Beilage nur Senf. Jeder, der seitdem seine pylsa mit Senf will, bestellt: »Eine Clinton, bitte!« Die Schlange der Wartenden, darunter viele Geschäftsleute, ist lang. An der Theke hängt noch immer der Zeitungsbericht, der den Besuch des amerikanischen Präsidenten samt Foto dokumentiert. Ich bestelle eine »Clinton«. Stefán tri t die bessere Wahl: eina með öllu, »eine mit allem«.
Nach der Stärkung steigen wir wieder auf die Fahrräder. Wenige Straßen weiter erreichen wir einen Platz, den Ingólfstorg. Zwei Basaltsäulen ragen dort empor, aus denen Dampf quillt. Der Wasserdampf soll symbolisch an Ingólfur Arnarson erinnern, den ersten dauerhaften Siedler, erklärt Stefán. Im Jahr 874 verließ Ingólfur mit Frau und Kindern, Gesinde, Vieh und Hausrat seine Heimat Norwegen, um Streitigkeiten mit dem norwegischen König aus dem Weg zu gehen. Als sich die Schi e der isländischen Küste näherten, warf Ingólfur kunstvoll mit Schnitzereien verzierte Holzstelen ins Wasser, die nach dem Willen der Götter an Land treiben und den zukünftigen Wohnort anzeigen sollten. Nach dreijähriger Suche wurden die Hölzer beim heutigen Reykjavík gefunden, ohne zu zögern, beugte sich Ingólfur dem Ratschluss der Götter. Er verließ das Gebiet an der Südküste, wo er sich zwischenzeitlich niedergelassen hatte und das noch heute Ingólfshöfði-Kap heißt, und zog 300 Kilometer westwärts in die von Dampfschwaden erfüllte »Rauchbucht«, auf Isländisch Reykjavík. Der Dampf, dem die Stadt ihren Namen verdankt, quillt aus heißen Quellen, deren Wärme heutzutage zum Heizen der Wohnungen genutzt wird.
»Siehst du irgendwo rauchende Schornsteine auf den Dächern?«, fragt mich Stefán. Tatsächlich, die Luft ist frei von Abgasen fossiler Brennsto e. Autos sind die einzigen Umweltverschmutzer in der Stadt. Als Stefán berichtet, dass die Gehsteige im Winter beheizt werden, lache ich und glaube an einen Scherz. Doch es stimmt. In der Innenstadt wurden Warmwasserrohre unter den Gehwegen verlegt, auch vor Schulen und anderen ö entlichen Gebäuden, um sie eisfrei zu halten. Das verhindert Stürze bei Glatteis und spart Schneeräumdienste. Nach dem Heizen der Wohnungen ist das Wasser aus dem Erdinneren immer noch warm genug, um den Schnee auf den Straßen zu schmelzen. Jahrhundertelang aber fehlten die technischen Voraussetzungen, die Erdwärme zu nutzen; erst im 20. Jahrhundert war man dazu in der Lage. Das erste Gebäude, das im Jahr 1930 so beheizt wurde, war eine Schule; inzwischen sind alle Häuser an das Warmwassernetz angeschlossen.
Wir radeln die Aðalstræti entlang, vorbei an einer an alte Zeiten erinnernden Brunnenpumpe zu einer archäologischen Fundstätte. Durch eine mit Glas abgedeckte Ö nung im Bürgersteig kann man ein paar Meter in die Tiefe blicken, wo Mauerreste aus der frühen Besiedlungszeit zu sehen sind. Möglich, dass es sogar Ingólfurs Gehöft war.
»Ohne Ingólfur und die Götter, die ihm den Ort zeigten, gäbe es Reykjavík vielleicht gar nicht. Aber dass die ärmlichen Bauerngehöfte und Fischerkaten sich zu einer Stadt entwickelten, verdanken wir ihm.« Stefán weist auf ein Denkmal. »Das ist Skúli Magnússon, der Vater Reykjavíks.«
Skúli war einst Stadtmagistrat. Mit seinen tief liegenden Augen, der gerunzelten Stirn, den schmalen, fest aufeinandergepressten Lippen blickt er ernst von seinem Sockel herab. Lange Haare umrahmen ein sorgenvolles Gesicht. In beiden Händen hält er eine Schriftrolle.
Jahrhundertelang war Island dänische Kolonie und wurde denkbar schlecht verwaltet. Beamte, die als Gouverneure zu der weit abgelegenen Insel mit ihrer armseligen Bevölkerung geschickt wurden, betrachteten ihre Berufung als Strafversetzung. Sie blieben nie lange, delegierten ihre Aufgaben an unwillige, oft korrupte Statthalter, von denen die Bevölkerung brutal ausgebeutet wurde. Skúli Magnússon war der erste Isländer, der im Jahr 1749 mit dem Amt des Stadtmagistrats betraut wurde. Er hatte eine Vision, träumte von freiem Handel, wollte die Lebensbedingungen seiner Landsleute verbessern. Der dänische König unterstützte zunächst die engagierten Bemühungen des Isländers. Von besser gestellten Untertanen versprach er sich höhere Abgaben, und so übereignete er Magnússon das Gehöft Reykjavík zum Ausbau. Der neue Stadtmagistrat begann, Manufakturen für die Fell- und Wollverarbeitung zu entwickeln, denn zuvor waren die Produkte unbearbeitet nach Dänemark verschi t worden. In Island entstanden nun neue Berufe und Arbeitsplätze: Spinnereien, Webereien, Färbereien, Gerbereien, Seilereien sowie Salz- und Schwefelgewinnungsanlagen. Auch die Landwirtschaft wollte Skúli Magnússon reformieren: feuchte Wiesen entwässern, Bäume p anzen, Getreide und Gemüse anbauen, auch Karto eln, die Mitte des 18. Jahrhunderts auf der Vulkaninsel noch unbekannt waren.
Das Aufblühen der isländischen Wirtschaft kam den dänischen Kau euten, die um ihr Handelsmonopol fürchteten, gar nicht gelegen. Sie boykottierten die von den isländischen Manufakturen hergestellten Waren und intrigierten so lange, bis Magnússon seines Amtes enthoben wurde. Doch seine Bemühungen waren nicht vergeblich gewesen. Seine Ideen lebten fort, wurden später von anderen wieder aufgegriffen.
Stefán zeigt auf ein dunkles Holzhäuschen, eingezwängt in einer Gebäudezeile an der Aðalstræti. Es wurde 1764 gebaut und ist das älteste noch erhaltene Haus. Heute beherbergt es wechselnde Ausstellungen und Verkaufsräume. »Stell dir vor«, sagt Stefán, »bis zum 18. Jahrhundert gab es in Island nur Gebäude aus schnell vergänglichem Material wie Torf, Rasenstücken und Treibholz, deshalb ist auch so wenig erhalten geblieben.« Holz war von alters her Mangelware. Ursprünglich vorhandene Wälder waren in den ersten Jahrzehnten der Besiedlung durch die norwegischen Einwanderer abgeholzt worden.
Am Tjörnin, dem Stadtsee, herrscht jetzt am Tag reges Leben. Eltern und Großeltern gehen mit ihren Kindern und Enkeln spazieren und füttern die Wasservögel mit trockenem Brot. Modisch gekleidete Jugendliche sitzen auf den Bänken, lesen oder unterhalten sich. Ich sehe au allend viele Menschen, die aus Asien, Afrika und Südamerika stammen. Spanische Worte dringen an mein Ohr, andere sprechen Englisch oder slawische Sprachen.
»Siehst du die Fontäne im See?«, fragt Stefán. »Der amerikanische Botschafter Rowohlt hat sie gestiftet. Wir Isländer haben dieses Geschenk als Beleidigung empfunden.«
»Warum denn? Weil sie so mickrig ist?«, vermute ich.
»Groß oder klein, das spielt keine Rolle! Aber was sollen wir mit einem lächerlichen Springbrunnen, wo wir doch unsere großartigen Geysire haben!« Stefán, der selten um einen Scherz verlegen ist und mich mit seinem trockenen Humor immer wieder zum Lachen bringt, wirkt plötzlich gar nicht mehr lustig. Verglichen mit anderen Völkern ist Island eine kleine Nation, umso größer ist ihr Nationalstolz. Besonders ihre Freiheit ist den Isländern wichtig. Viele Jahrhunderte waren sie unterdrückt, zuerst von Norwegen, dann von Dänemark. Ihre Unabhängigkeit erhielten sie erst im Jahr 1944.
»Siehst du irgendwo Wachleute?«, will Stefán wissen, als wir mit unseren Rädern im sorgfältig gep egten Garten des Parlaments anhalten. Isländer sind stolz darauf, dass sie ihre Politiker nicht schützen müssen und außer einem Pförtner kaum Sicherheitspersonal für o zielle Gebäude benötigt wird.
Wir sind an der verkehrsreichen Lækjargata angekommen, hier hat die Regierung ihren Sitz. Das weiße zweistöckige Haus wirkt unau ällig, keine Schilder oder andere Kennzeichen sind zu sehen. Nichts, rein gar nichts weist darauf hin, dass in diesem Gebäude die Regierung des Landes sitzt. Stefáns braungrüne Augen blitzen vergnügt, als er mir erzählt, dass es früher ein Gefängnis war: »Welches andere Land kann sich rühmen, seine Regierung einzubuchten?«
Die Straße, die rechts vom Regierungssitz bergauf führt, heißt Laugavegur, »Weg zu den Quellen«. Es ist noch nicht lange her, nur wenige Jahrzehnte, da gingen die Frauen zu den heißen Quellen im Laugadalur, dem »Quellental«, um dort ihre Wäsche zu waschen. Heute ist der Pfad zur Einkaufsmeile geworden. Geschäft reiht sich an Geschäft: Schmuck-, Mode-, Designer-, Woll- und Souvenirläden, Boutiquen, Cafés, Restaurants. Nichts für unsere Radtour, meint Stefán und fährt am Regierungsgebäude vorbei zu einer grünen Anhöhe, Arnarholl genannt, »Adlerhügel«. Dort erhebt sich, dargestellt als siegreicher Wikingerheld, ein Standbild von Ingólfur Arnarson, dem ersten dauerhaften Siedler an dieser Küste.
Ich freue mich, als wir in einen Fahrradweg einbiegen, der am Atlantik entlangführt. Endlich kann ich mit voller Kraft in die Pedale treten. Frischer Wind weht mir entgegen, die Luft ist klar und die Sicht weit. Im Norden, über hundert Kilometer entfernt, schimmert zart wie in einer chinesischen Tuschzeichnung der schneebedeckte, fast perfekte Kegel des Snæfellsnesjökull. Wesentlich näher im Norden liegt die Halbinsel Akranes mit dem einige Hundert Meter hohen Akrafjall. Nordöstlich ragen die steilen Hänge der Esja empor, des etwa tausend Meter hohen Hausberges von Reykjavík. Westlich reicht der Blick weit übers Meer, ein paar Inselchen reihen sich dicht vor der Küste auf. Wie malerisch doch diese Stadt gelegen ist. Ich kann mir gut vorstellen, hier zu leben.
Skulpturen säumen unseren Weg, darunter die verfremdete Darstellung eines Wikingerschi es. Dann erreichen wir das Höfði-Haus, ein repräsentatives Gebäude aus dem Jahr 1908. Früher lag es am Stadtrand, inzwischen ist es längst vom Häusermeer umschlossen, doch die Grün ächen ringsum hat man unbebaut gelassen, und der Blick zur Meeresbucht ist frei. Wegen Baufälligkeit sollte es ursprünglich abgerissen werden, bis es in den Besitz der Stadt überging und restauriert wurde; heute dient es als Gästehaus für besondere Besucher.
»Gorbatschow und Reagan sind sich hier begegnet«, berichtet Stefán.
»Wirklich?«, frage ich überrascht.
»Hier im Höfði trafen sich die beiden zum ersten Mal, saßen sich Auge in Auge gegenüber, um über Abrüstung zu sprechen. Das war 1986, mitten im Kalten Krieg.«
»Deswegen sind sie extra nach Island gereist?«
»Genau! Welches Land wäre besser geeignet gewesen für ein Treffen zwischen Ost und West? Island gehört geogra sch gesehen mit der einen Hälfte zu Amerika und mit der anderen zum eurasischen Kontinent. Die beiden Kontinentalplatten driften seit Jahrmillionen auseinander, und an der Bruchstelle ist neues Land entstanden: Island. Symbolisch gesehen war unsere Insel für beide Staatsmänner also neutraler Boden.«

 

Carmen Rohrbach

Über Carmen Rohrbach

Biografie

Carmen Rohrbach, geboren in Bischofswerda, ist Entdeckerin aus Leidenschaft. Sie studierte Biologie in Greifswald und Leipzig und schloss mit der Promotion in München ab. Ihre Reisen führten sie nach Südamerika, Afrika, Asien und Arabien, auf dem Jakobsweg durch Frankreich und Spanien und entlang...

Pressestimmen

Der Globetrotter

»Die Autorin beobachtet in bester journalistischer Manier und hat es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Es liegt hier ein wirklich gelungenes Buch (...) vor, eine Pflichtlektüre für alle Freunde Islands und Anregung für diejenigen, die dieses Eiland noch nicht kennen.»

Outdoor Guide

»Eine unterhaltsam geschriebene Einführung in Islands raue, aber herzliche Seele.«

Westfälische Nachrichten

»…stimmungsvolle Eindrücke aus Island…«

Süddeutsche Zeitung

Wenn sie abends keine windgeschützte Stelle für ihr Zelt findet, scharrt sie sich eine Kuhle im Boden; am nächsten Morgen ist sie wieder frohgemut unterwegs. Diese bemerkenswerte Genügsamkeit ist nicht aufgesetzt, denn Rohrbach ist eine erfahrene Wanderin. Sie hat über Jahrzehnte Südamerika, Afrika und Asien bereist. Die Stärken ihrer Schilderungen liegen in diesen Fähigkeiten, nicht zu klagen, wenig zu urteilen und statt dessen akkurat zu beobachten.

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