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Traubentod (Elwenfels 5) Traubentod (Elwenfels 5) - eBook-Ausgabe

Britta Habekost
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Ein Elwenfels-Krimi

— Regionalkrimi aus der Pfalz

„Spannend, witzig und charmant erzählt.“ - Senioren Magazin

Alle Pressestimmen (2)

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Traubentod (Elwenfels 5) — Inhalt

Schauspieler, Ganoven und ein Mord

In Elwenfels finden Dreharbeiten statt – ein richtiger Gangsterfilm! Da wird an der Weinstraße ein Toter entdeckt. Carlos erkennt das Opfer sofort und fürchtet um sein Leben! Denn der Tote ist einer der Kulekov-Brüder. Die berüchtigte Bande aus Hamburg trachtet Carlos nach dem Leben und hat ihn nun offenbar ausfindig gemacht. Doch in der unübersichtlichen Lage zwischen Filmset und Dorfleben kommt es zu einigen ebenso lustigen wie dramatischen Verwechslungen zwischen echten und Film-Gangstern. Die Elwenfelser müssen ihre ganze Kreativität aufbringen, um der Lage Herr zu werden.

Zwischen Weinreben und Pfälzer Lebensart wartet eine tödliche Überraschung … und jede Menge rasanter Krimi-Spaß! 

In vino veritas – hier haben Täter keine Chance! Packen Sie Ihre Koffer und auf nach Elwenfels! Jeder Fall für Privatermittler Carlos Herb ist ein Weinfest für Krimi-Fans und kann unabhängig voneinander gelesen werden. 

Alle Bücher der Elwenfels-Reihe:
Band 1: Rebenopfer
Band 2: Winzerfluch
Band 3: Rieslingmord
Band 4: Weingartengrab
Band 5: Traubentod

Alle Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 30.03.2023
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31892-1
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 30.03.2023
384 Seiten
EAN 978-3-492-60364-5
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Leseprobe zu „Traubentod (Elwenfels 5)“

Prolog

Es war eine kühle, eigenartig helle Nacht weit weg von Hamburg, in einem kleinen Haus in den Weinbergen. Nebenan schliefen zwei Mörder, und Nicki Arenz hätte seinem Bruder Kian gerne gesagt, dass er eine verdammte Angst hatte.

Der lehnte halb aus dem Fenster und paffte Rauchkringel in die Luft. „Hier riecht’s gut“, sagte er. „So verdammt gut. Warum kann’s in Hamburg nicht so gut riechen?“

„Weil uns dann der Unterschied nicht auffallen würde“, murmelte Nicki.

Die Wände waren dünn, und die beiden Männer nebenan waren selbst im Schlaf nicht zu [...]

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Prolog

Es war eine kühle, eigenartig helle Nacht weit weg von Hamburg, in einem kleinen Haus in den Weinbergen. Nebenan schliefen zwei Mörder, und Nicki Arenz hätte seinem Bruder Kian gerne gesagt, dass er eine verdammte Angst hatte.

Der lehnte halb aus dem Fenster und paffte Rauchkringel in die Luft. „Hier riecht’s gut“, sagte er. „So verdammt gut. Warum kann’s in Hamburg nicht so gut riechen?“

„Weil uns dann der Unterschied nicht auffallen würde“, murmelte Nicki.

Die Wände waren dünn, und die beiden Männer nebenan waren selbst im Schlaf nicht zu ignorieren.

„Die schnarchen sogar im gleichen Takt“, stellte Kian fest und schnippte Asche in die Botanik vor dem Fenster.

„Wahrscheinlich müssen sie sogar zur selben Zeit aufs Klo“, vermutete Nicki.

„Und weil sie nicht wollen, dass wir das merken, tut einer immer so, als müsste er nicht“, kicherte Kian. „Kein Wunder, dass die immer so ’ne Fresse ziehen.“

Nicki warf seinem Bruder einen Seitenblick zu. Wenn er an der Zigarette zog, zeichnete sein Kieferknochen sich scharfkantig ab. Dann sah er fast genauso hart und brutal aus wie die beiden Typen im Nebenzimmer. Und wenn sich sein Gesicht wieder entspannte, wirkte er fast wieder wie das Kind auf dem Foto über dem Küchentisch ihres Großvaters. Wie sein kleiner Bruder eben. Nicki war sieben Minuten früher auf die Welt gekommen als Kian.

An diesem Küchentisch, wo das Kinderbild hing, hatte ihnen ihr Großvater von seiner Heimat erzählt: der Pfalz. Dieser ganz besonderen Landschaft aus waldbedeckten Hügeln, einem Meer aus Reben und kleinen Dörfern, aufgereiht wie an einer Perlenkette entlang der Weinstraße. Diese Landschaft, die sogar jetzt, nachts, so schön war, dass Nicki am liebsten aus dem Fenster geklettert und sich in den Rebzeilen der Weinberge verlaufen hätte.

Aber so tief die zwei Männer im Nebenzimmer auch schlafen mochten – das würden sie ganz sicher bemerken. Sie hatten unsichtbare Antennen für jede ungewöhnliche Bewegung, einen sechsten Sinn für alles, was ihnen gegen den Strich ging. Man hätte es auch als Paranoia bezeichnen können.

Nicki ertappte sich bei dem Gedanken, ob die beiden im Schlaf wohl weniger brutal aussahen. Vielleicht wie ganz normale Typen und nicht wie die Karikaturen von übel gelaunten Türstehern.

Und trotzdem. Vielleicht würde sich nie wieder ein so perfekter Moment ergeben, um zu verschwinden. Nicki sah erneut zu seinem Bruder, zündete sich ebenfalls eine Kippe an, nahm einen tiefen Zug und schaute zu dem dunkelblauen Streifen zwischen dem Horizont und dem schwarzen Nachthimmel. „Kian, glaubst du, Opa weiß, dass wir jetzt hier sind?“

Sein Bruder zuckte mit den Schultern. „Kein Schimmer. Was wissen wir schon.“

Nicki kniff die Augen gegen den Rauch zusammen. „Ich stell mir manchmal vor, dass er irgendwie seine Finger im Spiel hatte, dass wir jetzt ausgerechnet hier gelandet sind.“

„Aus dem Jenseits?“

„Kann doch sein.“

„Klar.“

Verdammt, warum hat er sterben müssen?, dachte Nicki und nahm noch einen Zug von der Zigarette. Warum konnten sie jetzt nicht zusammen hier sein, so, wie sie es sich früher immer ausgemalt hatten? Opa in seinem alten Heimatdorf in der Südpfalz, und er und Kian bei irgendeinem Winzer, wo sie eine Lehre machten oder auch bloß so arbeiteten. Vielleicht wären sie dann irgendwann so eine Art Garagenwinzer geworden, die sich die verrücktesten Sachen ausdachten und deren Weine es irgendwann bis in die feinen Restaurants schafften. Alles war möglich, wenn sie es bloß schafften, aus Hamburg wegzukommen.

Stattdessen war ihr Großvater gestorben, und Kian und er waren doch in der Pfalz gelandet. Aber nicht als angehende Winzer, sondern als Handlanger der beiden schlimmsten Typen, die die Hölle auf die Erde entlassen hatte. Und Wein und putzige kleine Dörfer spielten dabei leider nicht die geringste Rolle.

„Lass uns jetzt abhauen“, flüsterte Kian plötzlich, als hätte er Nickis Gedanken gehört.

„Jetzt? Und wohin willst du gehen?“

„Ist doch egal wohin. Hauptsache weg von hier.“ Kian beugte sich aus dem Fenster und spuckte auf den Boden. „Ist nicht so tief hier. Wir klettern einfach raus. Bis Vladi und der Stumme was merken, sind wir über alle Berge. Die finden uns nie.“

Nicki starrte in die Dunkelheit neben Kians Kopf. „Da wäre ich mir nicht so sicher.“

„Und wieso nicht?“

„Na, die haben auch diesen Carlos Herb gefunden. Und der glaubt sicher auch, dass er im perfekten Versteck hockt.“

Kian machte ein abfälliges Geräusch. „Ja, weil der Kerl so bescheuert ist wie ’ne Ölsardine ohne Dose. Hätt er halt seine Visage nicht in die Glotze gehalten, wo ihn jeder sehen kann. Selbst schuld. Der bettelt ja gerade darum, dass man ihn aufspürt. Und so was war mal Bulle. Unglaublich, echt!“

Nicki dachte nicht gerne zurück an den Hamburger Kriminalkommissar, der ihn und Kian so oft in der Mangel gehabt hatte. Aber so schnell änderten sich die Zeiten. Jetzt war Herb der Gejagte. Geschah ihm ganz recht.

Trotzdem. Der Gedanke an das, was sie mit Herb vorhatten, gefiel ihm noch weniger. Nicki sah seinen Bruder wieder von der Seite an. „Dann willst du … den Auftrag nicht mehr erfüllen?“

Kian zuckte mit den Schultern. „Bin nicht gerade heiß drauf.“

„Aber Vladi hat doch gemeint, wenn wir diese eine Sache noch erledigen, dann können wir gehen.“

„Ey, von was träumst du eigentlich nachts?!“ Kian stieß ihn grob an. „Du glaubst doch wohl nicht, dass die uns einfach ziehen lassen, wenn wir brav den Befehl ausführen. Glaubst du, Vladi sagt: ›Auf Wiedersehen und schönes Leben noch‹? Die werden uns …“

„Leise, Mann!“, unterbrach Nicki ihn. „Sonst hören die uns noch.“

Ängstlich lauschte er auf das Schnarchen im Nebenzimmer. Es war leiser geworden und nicht mehr so regelmäßig.

„Die werden uns einfach abknallen, wenn wir den Auftrag erledigt haben“, flüsterte Kian. „Du weißt doch, wie es läuft. Lass uns abhauen. Jetzt!“

So war sein Bruder. Vorausschauend. Pragmatisch. Und vor allem nicht so ängstlich wie Nicki.

„Wer weiß, ob das überhaupt hinhaut mit Herb“, gab Kian noch zu bedenken. „Stell dir vor, irgendwas geht schief, und dann kommen womöglich noch die Bullen. Hab keinen Bock, dass wir endlich hier sind, und dann landen wir nicht auf einem Weingut, sondern in einem pfälzischen Knast.“

„Okay. Also, was willst du machen?“

„Wir schlagen uns durch, von hier bis in Opas Dorf, und dann sehen wir weiter.“

Nicki hätte gerne geglaubt, was nach Kians Worten unausgesprochen zwischen ihnen hing: Alles wird gut werden.

Kian rührte sich nicht und hielt seinen Blick starr in die Dunkelheit gerichtet. Es war offensichtlich, dass er seinen Erinnerungen nachhing. An ihren Großvater, wie er sie vor sechs Jahren mitgenommen hatte an die Weinstraße. An diesen langen Sommer weit weg von Hamburg. Wie sie bei einem von Opas alten Freunden im Weinberg ausgeholfen hatten, sie, die Großstadtkinder in geliehenen Gummistiefeln und Gartenhandschuhen. Tagelang nichts als Natur und frische Luft. Abends waren sie so erschöpft, dass sie um neun Uhr schon einschliefen. Muskelkater und Kratzer auf der Haut, und immer einen Mordshunger von der ungewohnten Arbeit. Das herzhafte Essen mit der ganzen Belegschaft des Weingutes. Und dann der Riesling, der zuerst sauer, dann aber immer besser geschmeckt hatte. Nicki und Kian waren noch keine sechzehn, aber das hatte keinen geschert. Und ihr Großvater, der immer wieder glücklich geseufzt hatte.

Eines Tages … eines Tages komm ich für immer, und ihr kommt mit.

Nicki schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben.

Auf einmal hatte er dieses seltsame Gefühl, dass sie es ihrem Opa schuldig waren. Diese Sache hier musste einfach gut gehen. Damit sie hier neue Wurzeln schlagen konnten, weit weg von Hamburg und dem verdammten Sumpf.

„Okay, lass uns …“

Plötzlich war da ein Geräusch hinter ihnen. Nicki wirbelte herum und spürte in der Bewegung, wie sein Bruder sich versteifte.

Dort standen Vladi und der Stumme als bullige, dunkle Schemen. Nicki hatte überhaupt nicht gemerkt, dass das synchrone Schnarchen aus dem Nebenzimmer verstummt war.

„Pyjamaparty?“, fragte Vladi betont harmlos.

„Wir … wir konnten nicht schlafen“, stammelte Nicki.

„Besser so.“

„Warum?“, fragte Kian. Seine Stimme klang immer belegt und tonlos, wenn er mit Vladi sprach. Man hätte auch sagen können: leblos vor lauter Angst.

Statt einer Antwort ließ Vladi seine Nackenwirbel knacken.

Und der Stumme knipste den Lichtschalter an. Im nächsten Moment war alles in unangenehme Helligkeit getaucht, die auch noch den letzten Rest der Kinderträume durchs Fenster jagte. Das hier war kein romantischer Ausflug in die schöne Pfalz. Das hier war ein Mordauftrag.

Vladi grinste im Schein der Deckenlampe. Nicki dachte an einen Rottweiler, der die Zähne fletscht.

„Warum?“, wiederholte er Kians Frage. „Weil es jetzt losgeht. Jetzt könnt ihr beweisen, ob man euch vertrauen kann.“


Kapitel 1
Mit einem romantischen Weinbergspicknick, einer unerwarteten Liebesaffäre, rücksichtslosen Verkehrsrowdys und einer Leiche nimmt alles seinen Lauf

Als Carlos Herb die Augen schloss, hatte er einen Moment lang das Gefühl, es wäre tatsächlich das Paradies, das da um ihn herum war. Oder etwas, das dem Paradies sehr ähnlich war. Das Schlaraffenland vielleicht, und davon die pfälzische Version.

Nicht umsonst saßen sie gerade alle nur ein paar Hundert Meter entfernt mitten in den Weinbergen in der Nähe von Deidesheim, wo eine der berühmten Weinlagen den bezeichnenden Namen Paradiesgarten trug. An sein Ohr drang das unverkennbare Klirren aneinanderstoßender Dubbegläser, und vom Klang konnte man auf den Inhalt schließen. Seit Carlos seinen Lebensmittelpunkt von Hamburg in die pfälzische Provinz verlegt hatte, wurde sein Gehör nicht nur in Sachen Dialekt geschult. Oder sollte er sagen umgepolt? Jedenfalls hörte er dem Klirren der Gläser an, dass darin das perfekte Mischungsverhältnis von Riesling und Mineralwasser sprudelte, was die zufriedenen Schmatzer und Seufzer ringsum erklärte.

Es war der perfekte Tag für ein Picknick.

Der April fühlte sich an wie Mai, und in der Luft lag dieser ganz besondere Geruch, den es nur hier gab, zwischen Baumwipfeln und dem Rebenmeer an den Hängen des Pfälzerwaldes. Diese Hügel waren dereinst Riffe und Felskanten gewesen, Teil einer Küste an einem großen Meer. Das war zwar schon etwas länger her, ein paar Millionen Jahre, und zugegebenermaßen bevölkerten damals noch keine Menschen den Planeten. Aber die Vorstellung eines urzeitlichen Strands mit Palmen und Urwaldbäumen passte gerade so schön hierher. In die mediterrane Atmosphäre des Pfälzer Frühlings. Und Carlos war einfach nur dankbar, dass er das so entspannt erleben durfte, in diesem kleinen Ort hinter der Deutschen Weinstraße an den Ausläufern des riesigen Pfälzerwaldes: Elwenfels.

Das Dorf war nun endgültig seine neue Heimat, zumal er sich in Hamburg sowieso nicht mehr blicken lassen konnte. Doch an dieses finstere Kapitel seines Lebens wollte Carlos jetzt lieber nicht denken. Wenn jemand sich eine Pause von Mord und Totschlag verdient hatte, dann er. Gerade weil ihn die böse Welt auch hier in der pfälzischen Provinz nie ganz in Ruhe gelassen hatte. Es schien fast so, als wirkte er als ehemaliger Kriminalkommissar und jetziger Privatermittler wie ein Magnet für das Verbrechen, das aufzuklären doch mehr oder weniger seine Lebensaufgabe war. Doch nicht heute, dachte Carlos. Und wenn er Glück hatte, auch morgen und übermorgen nicht.

Carlos lauschte dem wohligen Stimmengewirr ringsum, das immer wieder überlagert wurde vom wiederkehrenden Chor des Gläserklirrens. Die Elwenfelser gingen unüberhörbar ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Das Leben feiern. Schon am Vormittag hatten sie Weinkisten und Körbe mit Speisen zusammengepackt und an einer Stelle unterhalb des Dorfes hinter dem Waldrand, wo eine große Wiese die Weinberge überblickte, Bierbänke aufgestellt und Picknickdecken ausgebreitet. Die Reben waren zwar noch kahl, aber das Gras zwischen den Zeilen war sattgrün, und am Himmel standen Sahnehauben-Wölkchen. Dazwischen gebärdete sich die heimische Vogelwelt so wild, als wolle sie den Sommer im Zeitraffer herbeizwitschern.

Carlos streckte die Beine auf der Picknickdecke aus, lehnte sich zurück und kam mit seinem Kopf auf Charlottes Oberschenkel zu liegen. Sie fegte ihm ein paar Krümel vom T-Shirt und fuhr ihm zärtlich mit der Hand durch die Haare. Noch vor einem halben Jahr hatte Carlos sich realistischere Chancen ausgemalt, Lady Gaga erobern zu können als die Winzerin, die mit ihrer Schwester das einzige Weingut im Dorf führte. Aber seit er in Elwenfels war, zeigte sich das Leben von einer ganz neuen Seite und seine innere Kinoleinwand ein völlig anderes Programm. Anstatt Mission Impossible, Stirb langsam und Bei Anruf: Mord liefen nun Willkommen bei den Sch’tis, Die fabelhafte Welt der Amelie und vielleicht ein paar Folgen Twin Peaks.

So. Genau so sollte es bitte schön bleiben. So leicht und unbeschwert und fast schon kitschig perfekt. Carlos seufzte.

Und im nächsten Moment zertrümmerte ein lautes Dröhnen das idyllische Hörspiel in seinen Ohren. Erschrocken öffnete Carlos die Augen und sprang auf. Zwei große SUVs rasten mit höllischem Tempo den Feldweg unterhalb ihres Picknickplatzes entlang. Aus den heruntergelassenen Fenstern des vorderen Wagens lehnten zwei Gestalten mit Kameras im Anschlag. Und oben, aus dem offenen Schiebedach, ragte ein Mann mit Schirmmütze, der durch ein Megafon schrie: „Gib Gummi, Gilbert, volle Lotte Stoff, Mann!“

Wie eingefroren verharrten die Elwenfelser auf ihren Plätzen und verfolgten mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen das Geschehen. Erst als die Autos schon fast wieder außer Sichtweite waren, löste sich die Schockstarre und verwandelte sich in ein verbales Gewitter.

„Hear, was war’n des jetzert?“

„Ah des war … des war … ah des gibt’s doch net!“

„Des hot’s frieher net gewwe.“

„De Tank voll, aber’s Hirn leer, weeschwieschmään?“

Willi war aufgestanden und ruderte mit den Armen, denen man ihre schwere Arbeit im Sägewerk ansah, durch die Luft: „Isch glaub, isch bin im falsche Film“, donnerte er den Jeeps hinterher.

„Genau so isses.“ Mit einem Schritt hatte sein Freund Otto neben ihm mit ausgestrecktem Arm Stellung bezogen. „Das war die Drecksbagage vom Fernseh.“ Der stämmige Automechaniker mit dem grauen Zopf hatte sich mit Leib und Seele der liebevollen Restaurierung von Oldtimern verschrieben. Und diese Leidenschaft war nicht der einzige Hinweis, dass er nie so ganz in der Gegenwart angekommen war.

„Otto, die Leut sind net vom Fernsehen, wie oft denn noch!“, rief Charlotte etwas unwirsch, als würde das irgendeinen Unterschied machen. Carlos zog sie mit einer Hand nach oben und ergänzte: „Die sind von Flixnet.“

„Ach so“, bellte Willi ironisch. „Un isch hab schon gedenkt, die wärn vom SWR aus Mainz. Da hätt isch dann aber sofort mei Rundfunkgebühre storniert.“

„Is doch egal, wer des is“, fauchte Otto neben ihm. „Die soll all de Kolbefresser hole.“

„Fixnet“, sagte Willi. „Was is’n das überhaupt? Also jugendfrei klingt das net.“

„Flixnet, nicht Fixnet. Das ist en internationaler Online-Streaming-Anbieter“, versuchte Charlotte es noch einmal mit Sachlichkeit. Allerdings erfolglos.

„Strieming“, knurrte Otto grinsend und sah Willi auffordernd an, der sofort darauf ansprang: „Das klingt genauso wie das, was wir mit dene mache, wenn die’s wage, nochemol so durch unser pälzisches Weltgenusserbe zu brettern. Blau und grün Strieming, verstehscht?“

Carlos musste gegen seinen Willen und trotz Charlottes nach oben gerollten Augen lachen.

Otto und Willi kicherten wie zwei Schulbuben und knufften sich immer wieder gegenseitig in Bauch und Rippen.

Warum sollte hier in Elwenfels auch jemand wissen, was ein Streaming-Dienst ist? Weniger als die Hälfte der Dorfbewohner besaß einen Fernseher, weil man lieber in der Weinstube beisammensaß, als sich daheim berieseln zu lassen. Dementsprechend schwierig gestaltete es sich auch, Otto zu erklären, was für einen großen Teil der Menschheit mittlerweile selbstverständlich war.

„Das Online-Angebot an Filmen und Serien ist dabei, das normale Fernsehen abzulösen“, fing Charlotte noch einmal an.

„Isch hab gleich gsagt, dass die Ärger mache“, stellte Willi fest. Ein wütendes Schnauben verjagte den Schalk, der eben noch in seinem Nacken gesessen hatte.

„Könntscht Feuer kreische. Schon wieder e Invasion!“, sekundierte Otto. Zustimmendes Gemurmel ringsum. Die Elwenfelser hatten sich fast alle von ihren Decken erhoben, die Feierlaune war auf einmal verschwunden.

„Isch jedenfalls“, schaltete sich jetzt Elsbeth ein, die Wirtin der Weinstube. „Isch hab immer noch de Kanal voll von den Film-Futzis, wo letztes Jahr hier waren. Die ganze Kameras un der ganze Zores – des reicht fürs ganze Leben.“

„Jo genau“, rief Cordula und setzte sich eine Sonnenbrille auf, die aussah, als entstamme sie dem Fundus einer Filmdiva aus den Vierzigerjahren. „Ich hab die ganz Zeit Angst gehabt, dass das noch e Nachspiel hat. Un jetzt isses grad so komme, wie’s net hätt komme solle. Das is de Schmetterlingseffekt.“

Willi sah sie entgeistert an. „Was soll’n das heiße jetzert?“

„Der Schmetterlingseffekt“, wiederholte Cordula. „Die Theorie, dass ein Schmetterling, der wo in Brasilien mit de Flügel schlägt, en Tornado in Mexiko auslöse kann.“

„Hä?“ Willi runzelte die Stirn. „Un der Tornado in Mexiko bläst dann unser Dubbegläser um, oder wie?“

Cordula nickte. „So was in der Art. Alles is mit allem verbunde un hat überall Auswirkunge, selbst die kleinste Sache.“

Worauf Cordula da anspielte, war die verrückte Geschichte, die sich im vergangenen November in Elwenfels zugetragen hatte. In einer vergessenen Krypta unter der Dorfkirche war die Leiche eines Hobbyarchäologen aufgetaucht. Und obendrein Hinweise auf etwas, das eine Heerschar von Medienleuten aus ganz Deutschland in das kleine Dorf gelockt hatte: Der Verdacht, dass in den uralten Gewölben unterhalb des Dorfes der sagenhafte Nibelungenschatz versteckt lag. Daraufhin waren Fernsehsender, Journalisten, Schaulustige, Hobbyarchäologen und natürlich die Polizei in Elwenfels eingefallen und hatten für eine solche Unruhe gesorgt, dass manche Dorfbewohner sich sicher waren: Von dieser Invasion würde sich das beschauliche Elwenfels nie wieder erholen. Denn im Laufe von zwei Wochen waren in dem Ort auch noch Geheimnisse der Vergangenheit ans Licht gekommen, die sich niemand hätte ausmalen können. Doch allen Unkenrufen zum Trotz war dann die ganze Aufregung schnell wieder in der Versenkung verschwunden, manches sogar buchstäblich. Der Nibelungenschatz war natürlich ein Hirngespinst. Die Archäologen und der Medientross waren weitergezogen. Und bis auf einen Instagram-Account, den irgendein Hipster über Elwenfels erstellt hatte, sowie eine neue Mitbürgerin, die junge Archäologin Lena, hatte das Dorf den Medienhype unbeschadet hinter sich gelassen.

Zumindest hatten sie das geglaubt.

Und dann waren auf einmal wieder seltsame Besucher aufgetaucht. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend dachte Carlos an den Tag kurz nach Neujahr zurück, als der Kleinbus mit der Aufschrift Live2Life Productions ins Dorf gerollt kam, dem Leute in grellbunten Thermojacken und Pudelmützen entstiegen waren, die E-Zigaretten pafften und dreinschauten, als wären sie auf dem Mars gelandet.

„Wer hat schon geahnt, dass so e dappische Filmfirma auf uns uffmerksam wird“, sinnierte Willi. „Un dann auch noch gleich so Schnüffler herschickt, so Action-Krauts oder wie des heißt.“

„Location-Scouts“, korrigierte Charlotte.

„Ah, wer braucht denn so ebbes?“, spuckte Otto verächtlich. „Isch hab immer gemeint, des wär e anderes Wort für Immobilienmakler.“

Er stieß Willi den Ellenbogen in die Seite, der zuerst grimmig nickte und dann schallend lachte.

„So lustig is das vielleicht gar net“, rief Anthony, der neben Carlos aufgetaucht war. Der Elwenfelser Friedhofsgärtner mit jamaikanischen Wurzeln hatte seine Dreadlocks in einer blauen Wollmütze versteckt, die dem wolkenlosen Frühlingshimmel Konkurrenz machte.

„Erst kommen nämlich e paar Scouts und später dann e paar Millione Touriste. Wie bei dem Film The Beach zum Beispiel – da is so en Scout so lang in Asien rumgereist, bis er den abgfahrene Traumstrand entdeckt hot, wo se dann den Film gedreht ham.“

Elsbeth, die Wirtin der Weinstube, nickte wissend: „Mit Leonardo da Vinci!“

Anthony gluckste. „Ja. Nein! Oder doch, der bringt die Frauen auch zum Lächle. Also jedenfalls war der Strand früher total einsam. Un als dann The Beach im Kino war … Tja, ihr könnt euch denke, wie es dann zugange is, bis heut.“

„Zwanzigtausend Touris … pro Tag“, sagte Cordula.

Elsbeths Augen nahmen die Größe von Kuchentellern an. „Ou! Isch glaub, das wär e bissel zu viel für uns. Schon zwanzig ohne Tausend wär bei uns Landfriedensbruch.“

„Jo alla“, beschwichtigte Anthony. „So viel werden das schon net. Die drehn wohl so e Art Gangsterfilm. Aber de Leonardo macht net mit. Un ohne Star wird’s wahrscheinlich auch net so schlimm mit de Touris.“

„Aber wieso denn ausgerechnet hier?“, ereiferte sich Willi. „So en Gangsterfilm könnt ma doch auch woanderschter drehe, oder? Im Saarland vielleicht? Da fällt so was net groß auf.“ Er grinste in die Runde, aber keiner reagierte auf die lustig gemeinte Anspielung.

Cordula schüttelte den Kopf. „Ihr habt doch gehört, was die Filmleute gesagt haben. Bei uns do gibt’s halt diesen anachronistische Charme, wo die suche, weil das is halt perfekt für so en Film.“

„Warum wundert euch das denn?“ Carlos machte eine weit ausholende Bewegung. „Ich meine, schaut euch … schaut uns doch mal an. In Elwenfels haben Dinge überlebt, die anderswo längst ausgestorben sind. Ist doch klar, dass das auf Außenstehende faszinierend wirkt.“

Willi reckte das fleischige Kinn. „Ach ja, was denn zum Beispiel?“

„Na ja, du mit deinem uralten Sägewerk. Cordula mit ihrer Dessousboutique. Otto mit seinen Oldtimern.“

„Der perfekte bodenständische Gegenentwurf zu dem ganze Chaos do drauße“, nickte Anthony.

„Ein Friedhofswärter mit jamaikanischen Wurzeln und Pfälzer Mundart“, fuhr Carlos fort und zeigte auf Anthony, was ein paar zögerliche Lacher hervorrief.

„Oder eure Weinstube. Die sieht aus, als hätte sie jemand aus einer uralten deutschen Postkarte rauskopiert. Die romanische Kirche, das Kopfsteinpflaster …“

„Der Keltenwall im Wald, die Geheimgänge unterm Dorf …“, fügte Cordula an.

„Und natürlich unsern Riesling“, ergänzte Sofie.

„Uuund“, rief Charlotte schmunzelnd, „net zu vergesse: der hartgesottene Detektiv aus Hamburg, der sich in Elwenfels vor der Mafia versteckt.“

„Ob das jetzt unbedingt dazugehört“, murrte Carlos. „Auf jeden Fall kann man schon verstehen, warum Filmleute bei einer Kulisse wie Elwenfels anfangen zu sabbern.“

„Oh, hör ma uff. Alles Ferzz mit Kricke!“, polterte Otto mit vollem Mund, der jetzt ein angebissenes Leberwurstbrot in der Hand hielt. „Isch will net, dass die bei uns rumfilme, un später komme die Touriste un nehme uns die Plätz weg in de Woistub.“

Wieder ein Knuff in Willis Rippen, und noch einmal ließen die beiden lachend ihre Körperfülle beben.

„Lacht net, ihr Kindsköpp“, mahnte Elsbeth beklommen. „Wenn wir net uffpasse, wird unser Elwenfels noch zum Holidaypark. Un dann gibt’s Schorle aus de Dos un veganischer Saumage. Un die alt Elsbeth könnt er uffm Friedhof bsuche.“

Mit ihrem erhobenen Zeigefinger und den aufgerissenen Augen unter ihrem roten Kopftuch sah die alte Wirtin auf einmal aus wie die pfälzische Version der Kassandra, was die Wirkung auf die Umstehenden nicht verfehlte. Unwilliges Grummeln erhob sich in den Frühlingshimmel, und sogar die Vögel stellten erschrocken ihr Zwitschern ein.

Carlos konnte die Bedenken der Dorfbewohner gut verstehen. In der kurzen Zeit, in der er zum Elwenfelser geworden war, hatte es mehrere Vorkommnisse gegeben, die die Idylle des Dorfes zu zerstören drohten. Im vergangenen Jahr waren es Soldaten der Bundeswehr gewesen, die den Wald um Elwenfels zum Schauplatz einer Truppenübung gemacht hatten. Kurz darauf war eine Gruppe von Yoga-Anhängern auf Erleuchtungssuche im Dorf eingefallen, bevor schließlich die Archäologen Elwenfels in eine Indiana-Jones-Kulisse verwandelt hatten. Und nun also eine Filmcrew. Trotzdem hob Carlos beschwichtigend die Hände und hörte sich sagen: „Leute! Wir waren uns doch einig, dass wir das diesmal anders regeln wollen.“

Otto schnaubte verächtlich.

„Wer weiß, wenn wir uns in den vergangenen Zeiten nicht immer aufgeführt hätten wie die Gallier, die in jedem Fremden einen bösen Römer sehen, wäre das alles vielleicht nie so schlimm geworden“, gab Carlos zu bedenken.

„Nie so schlimm?!“ Willi bohrte seinen Zeigefinger in Carlos’ Brust. „Du hast wohl vergesse, dass jedes Mal ebbes Schlimmes passiert is, immer mit Polizei un Mord un Totschlag!“

Zustimmendes Gemurmel. Ein kurzer Blick über die Wiese zeigte Carlos, dass keiner der Elwenfelser mehr das Picknick genoss. Alle standen in einer großen Traube zusammen und redeten sich die Köpfe heiß. Nein, Moment! Ein paar Meter weiter, ein bisschen verdeckt durch eine Rebzeile, saß der Dorfpfarrer Karl in seinem geliebten schwarzen Kapuzenpulli mit Queen-Aufdruck und teilte sich seine Decke mit einer Person, in deren Anwesenheit er früher nur hilfloses Gestammel in gebrochenem Hochdeutsch hervorgebracht hatte: Kriminalkommissarin Nadja Sprengel aus Ludwigshafen.

Carlos konnte es ihm nicht verdenken. Wenn die muskulös gebaute und verdächtig an eine Domina erinnernde Polizistin selbst ihn beeindruckte, wie mochte es dann erst einem Pfarrer in der Provinz ergehen? Sie war eine Frau, der Carlos gerne früher begegnet wäre, in einem anderen Leben, unter anderen Umständen. In Hamburg als Kollegin beim LKA vielleicht, als er noch … nun, als er noch nicht in Charlotte verliebt gewesen war. Manchmal nagte da dieser Gedanke an ihm, dass er nur früher einer Frau wie ihr hätte begegnen müssen, und alles wäre anders gekommen. Aber ob anders auch besser gewesen wäre?

Carlos betrachtete das scharf geschnittene Profil der Kommissarin, das im Licht der Sonne plötzlich gar nicht mehr so streng wirkte. Oder lag es an Karl, der ihr gerade wie beiläufig ein Blatt aus den Haaren zupfte und dabei so selig lächelte wie ein barocker Fresken-Engel in einer Kirche?

Dreimal schon hatte die Kriminalpolizei in Gestalt von Nadja Sprengel in Elwenfels eingreifen müssen. Und obwohl ihr die Umtriebe der Elwenfelser anfangs alles andere als geheuer waren, hatte sie alles dafür getan, den Dorfbewohnern und Carlos zu helfen, und öfter ein Auge zugedrückt, als man von einer gesetzestreuen Polizistin hätte erwarten können. Aber anstatt sich darüber zu freuen, dass sie ihn ermittlungstaktisch immer wieder ins Boot geholt und ihn sogar gedeckt hatte, haderte er seither von Zeit zu Zeit mit sich selbst. Denn sie erinnerte ihn daran, was er aufgegeben hatte. Seinen Job als Ermittler. Es war paradox, denn eigentlich hatte er immer noch die Schnauze gründlich voll von dieser Episode seines Lebens. Aber wenn Nadja Sprengel in der Nähe war, vermisste er das LKA, die nervenaufreibenden Ermittlungen, den Jagdtrieb, der ihn davon abgehalten hatte, sich einzugestehen, dass er alles andere als glücklich war.

Und nicht einmal jetzt ließ dieses Hadern ihn in Ruhe. Obwohl doch alles so perfekt schien, zumindest für den Moment. Und dass Nadja Sprengel nun hier neben Pfarrer Karl auf einer Picknickdecke saß und mit ihm aus einem Glas trank, war nur eine Folge davon. Die Elwenfelser hatten die Kommissarin ins Herz geschlossen, und Carlos war froh darüber.

„Hal-lo!! Was is?“ Die Stimme Willis bohrte sich in Carlos’ Trommelfell und holte ihn abrupt aus seinen Tagträumen zurück. „Bischt du noch do? Fallt dir nix mehr ein dazu, oder wie?“

„Doch schon. Wir waren uns einig, diesmal den Ball flach halten zu wollen. Und nicht wieder so ein Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Theaterstück aufzuführen“, erinnerte Carlos seine Freunde an ihre Vereinbarung.

„Isch kann des net!“, schüttelte Willi den Kopf. „Hier einen uff Bauern-Romantik mache, un bei uns daheim brennt de Kittel.“

„Wäre aber trotzdem gut, glaub ich“, beharrte Carlos und trank demonstrativ einen Schluck Rieslingschorle.

„Gut für was?“, knurrte Otto.

„Man nennt es Deeskalation“, entgegnete Carlos. „Anstatt der Filmcrew im Dorf beim Aufbauen zuzuschauen und dabei die ganze Zeit rumzumotzen, sitzen wir lieber hier und genießen das Leben. Sollen die doch ihre Kabel ausrollen und ihre Gerüste aufbauen und alles mit ihren Wohnwägen zuparken. Kann uns doch egal sein.“

„Kabel? Wohnwägen? Bei uns? Im Wald?“ Elsbeth sah ihn mit aufgerissenen Augen an. „Wenn das die alte Anna sieht, dann holt die ihr Schrotflint aus’m Schrank.“

„So isses“, nickte Willi. „Un wir hocke hier uff de Wies un zähle die Gänseblümelscher.“

„So dappisch muss ma sein!“ Otto ließ seine Fingerknöchel knacken. „Was nützt do der schönste Riesling, wenn gleichzeitig schon wieder e Invasion bei uns stattfindet.“

„Alla hopp, dann sin wir uns ja einig, oder?“ Willi sah seinen Freund auffordernd an.

Otto hatte verstanden, patschte Willi auf die Schulter, und beide wandten sich zum Gehen. Aber Carlos stellte sich ihnen in den Weg.

„Mann, Leute!“, rief er, vielleicht ein bisschen zu ungehalten. „Wir haben uns doch darauf geeinigt, unsere Mitmenschen nicht mehr als Invasoren zu betrachten! Immer wieder dieser Krampf. Ihr seid doch keine bedrohte Spezies, die hier ums Überleben kämpft!“

„Vielleicht aber doch!“, grollte Willi. „Weil nämlich immer, wenn die Außergewärtische über uns herfalle, noch ebbes anderes Schlimmes passiert.“

„Ja, zugegeben, das ist nicht schön, aber …“

„Un komischerweis auch immer, wenn du hier bischt.“

„Was?“ Carlos sah ihn erschrocken an. „Was hat das denn mit mir zu tun?“

„Ke Ahnung. Aber bissel komisch isses schon, gell?“

Ringsum richteten sich jetzt alle Blicke auf Carlos, dem der Schweiß ausbrach. Er senkte den Kopf und atmete aus. Ja, es war schon ein seltsamer Zufall, dass jedes Mal, wenn er im Dorf war, irgendetwas Dramatisches passierte, das sein kriminalistisches Gespür herausforderte. Man hätte fast meinen können, dass er auf eine unheimliche Weise die Notwendigkeit geradezu heraufbeschwor, als Ermittler gefragt zu sein, so wie zu seinen Zeiten als Hamburger LKA-Beamter. Ganz so, als könnte Carlos ohne das Verbrechen nicht leben und hätte es wie einen anhänglichen Hund mit nach Elwenfels geschleppt. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Zu seiner Erleichterung sprang Charlotte ihm bei.

„Willi, jetzt lass den Unsinn! Der Carlos hat ja wohl alles dafür getan, uns jedes Mal aus dem Schlamassel zu befreie. Ohne sein Spürsinn wär das alles net so gut ausgegangen, das is ja wohl klar.“

Willi schnaubte, und als auch noch ein abfälliges „Pfffh“ von Otto kam, konnte Carlos nicht mehr an sich halten.

„Dass ihr’s immer noch nicht begreifen wollt! Die Zeiten, als Elwenfels ein unsichtbares Pünktchen auf der Weltkarte war, sind einfach vorbei. Und hatten wir nicht beschlossen, diese Tatsache zu akzeptieren?“

Grimmiges Schweigen antwortete ihm, und Carlos setzte noch einen drauf.

„Na, dann eben nicht. Aber falls wieder was passieren sollte, für das ihr meine Hilfe braucht, dann lasst mich bloß in Ruhe. Ich spiel nicht mehr den Privatermittler für euch.“

Wütend funkelte er Otto und Willi an, während seine Menschenkenntnis innerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Die beiden urwüchsigen Elwenfelser meinten es ja nicht böse, sondern suchten bloß ein Ventil für ihre eigene Hilflosigkeit, dass ihrem Zuhause schon wieder ein solcher Trubel blühte, obwohl es sich vom letzten Mal gerade erst einigermaßen erholt hatte.

„Un Ruh is jetzert!“ Julia war auf einmal neben Willi aufgetaucht, mit dem sie seit dem vorletzten Abenteuer sehr innig befreundet war. Sie war eine Krankenschwester alten Schlages, resolut, stresserprobt und herzhaft. „Alle mal zusamme ausatme! Uff de Stell! Die Bube lasse mal ihr Testosteron ab. Un dann geht’s weiter!“

Sie packte Willi am Arm und funkelte ihn an.

Willi war merklich zusammengezuckt. „Jo, is jo gut, mei Herzkersch“, gab er kleinlaut bei.

„Na alla.“ Julia guckte mit vorgerecktem Kinn in die Runde. „Un jetz sagen wir alle mal zusamme ›Om‹, hopp!“ Als niemand reagierte, schrie die Krankenschwester mit doppelter Lautstärke. „Alle zusamme: ›Ommmm‹! Eins, zwei, drei, hopp!“

Und auf einmal stand auf der Picknickwiese ein vielstimmiger Chor.

„Ommmm … Beschte isses, die Gosch net immer unkontrolliert drufflos babbeln zu lasse. Einfach mal die Luft anhalte un e Schlückel trinke!“, riet Julia und hob ihr Glas.

Gelächter und Gläserklirren war die Antwort. Die Lage entspannte sich. Willi verbog sich zu einem gekünstelten Handkuss, und schon war das Feiergefühl zurück, als wäre nie etwas passiert.

Doch dann geschah es. Wieder zerschnitt das durchdringende Jaulen von Motoren die Luft. Auf dem Wirtschaftsweg zwischen den Reben rasten die SUVs ein weiteres Mal durch die Landschaft. Diesmal waren noch zwei Motorräder dabei, die jetzt, direkt auf Augenhöhe der Elwenfelser Picknickgesellschaft, ausscherten und nacheinander in den Weinberg in zwei verschiedene Rebzeilen einbogen, wo sie nebeneinander entlangdonnerten, nur durch eine Reihe Weinstöcke getrennt. Erdbrocken flogen durch die Luft, und die zarten Blattknospen schienen kollektiv in Schockstarre zu verfallen.

„Speed, Männer, Speed! Crasht den Weinberg, yeah!“, brüllte der Regisseur im Schiebedach in sein Megafon.

Und schon ein paar Sekunden später waren Motorräder samt Geländewagen wieder verschwunden, und der Lärm verflüchtigte sich zwischen den weltberühmten Grand-Cru-Weinlagen Langenmorgen und Paradiesgarten.

Für einen Moment war alles ganz still. Dann stand Willi mit einem Ruck auf, schneller, als man ihm das mit seiner Leibesfülle zutrauen würde.

„Des war’s. Endgültig. Tut mir leid. Die Bankerts gehören einfach gewesche!“

Damit waren keine sanften Hygienemaßnahmen gemeint, so viel Pfälzisch-Kenntnisse hatte Carlos mittlerweile.

Jetzt rappelte sich auch Otto auf und skandierte: „Druff un dewedder!“

Und damit machten sich die beiden schnellen Schrittes in Richtung Dorf davon. Julia schüttelte den Kopf, wohl wissend, dass es diesmal zwecklos war, ihren wütenden Lebensgefährten und seinen Freund zurückzuhalten.

Carlos zuckte die Schultern und setzte sich zurück auf seine Picknickdecke, auf der er sich demonstrativ ein neues Glas befüllte und ein paar Schlucke nahm. Dann sah er sich um. Die Elwenfelser waren offensichtlich ratlos. Manche setzten sich wieder, andere blieben unentschlossen stehen.

Ein Stückchen weiter saßen Karl und Nadja Sprengel immer noch unbeschwert auf ihrer Decke, die offensichtlich nichts von der Konfrontation mitbekommen hatten. Der Pfarrer und die Kommissarin. Das wäre der perfekte Titel für einen Herzschmerz-Film. Carlos hätte beinah laut losgelacht.

In diesem Moment rückte die Polizistin ein Stück von Karl ab und holte ihr Handy aus der Hosentasche. Da, jetzt wird sie auf dem Revier gebraucht, dachte Carlos, der selbst oft genug an freien Tagen zu einem Tatort gerufen worden war. Er beobachtete, wie Nadja den Anruf entgegennahm, sah ihren ernsten Blick, das knappe Nicken und konnte von ihren knallrot geschminkten Lippen ein „Ja, ich komme!“ ablesen. Dann spannten sich ihre eben noch so weichen Züge wieder an, und sie stemmte sich neben Karl von der Picknickdecke hoch.

„Was hat sie denn auf einmal?“, wunderte sich Charlotte.

„Man nennt es das Romantikkiller-Syndrom“, sagte Carlos und legte den Arm um sie. Plötzlich fühlte sich der Augenblick nun doch perfekt an. Ich muss mich einfach öfters an die Schattenseiten des Jobs erinnern, anstatt ihm hinterherzutrauern, dachte Carlos.

Nadja Sprengel richtete sich auf und taumelte. Karl konnte sie gerade noch festhalten, sonst wäre sie auf dem leicht abschüssigen Gelände umgefallen.

„Hoppala!“, rief Anthony, der die Szene auch verfolgt hatte.

Nadja griff sich mit einem verlegenen Lächeln an den Kopf und warf der Rieslingschorle in Karls Hand einen vorwurfsvollen Blick zu. Mit ihren Augen suchte sie die Wiese ab und blieb dann an Carlos hängen.

„Hey, Carlos!“, rief sie. In ihren sonst so gebieterischen Ton hatte sich ein weingeschwängerter Zungenschlag eingeschlichen.

Ein paar Elwenfelser kicherten.

„Obacht, die Polizei hot Durscht ghabt.“

Nadja Sprengel ließ das gutmütige Sticheln gefasst über sich ergehen und stellte sich mit Karls Hilfe gerade hin. Leicht schwankend stapfte sie in Carlos’ Richtung.

„Achtung, Anhänger schwenkt aus.“

„Jo genau, wer schwankt, hat mehr vom Weg.“

„Carlos. Los, jetzt komm mal!“, rief sie und winkte so heftig, dass sie sich fast um die eigene Achse drehte. Schnell stand Carlos auf und lief ihr entgegen.

„Du weißt schon, dass das ansteckend ist, oder?“, fragte sie ihn, als er endlich vor ihr stand.

Carlos runzelte die Stirn. „Was denn?“

„Na, dieses Romantikkiller-Syndrom, an dem wir Bullen angeblich leiden“, wiederholte sie seine eigenen Worte. Ihre eiswasserblauen Augen nahmen Carlos ins Visier.

„Wir Bullen?!“, echote er.

Sie zeigte ihm ihr kühles, aufreizendes Lächeln und streckte die Hand aus. Carlos griff aus reinem Reflex danach. Ihr harter, fester Händedruck schloss sich um seine Finger.

„Ja, wir Bullen. Ehemalige mit einberechnet.“

„Nadja, was soll das denn heißen?“

„Wie viel Rieslingschorle hast du intus?“, fragte sie.

„Äh … ein paar Schlucke. Bin nicht dazu gekommen, mehr zu trinken.“

Sie lächelte ihn zufrieden an. „Gut.“

„Wie … gut?“

„Na, besser als meine zwei Rieslingschorlen jedenfalls. Euer Pfarrer hat so was an sich, dass man schneller trinkt, als man eigentlich will.“

„Hast du gehört, Karl?“, rief Anthony dem Dorfgeistlichen zu. „Die Frau Kommissarin hat schon angefangen, sich dich schönzusaufen. Oder heißt es dich sich? Is aber auch egal, weil die richtige Grammatik tät dann auch nimmer helfe.“

Nadja Sprengel blieb ungerührt. „Ich wünschte, das ginge so einfach. Denn dann würde ich mir die Leiche schönsaufen, die gerade an der Weinstraße gefunden wurde. Zwischen Forst und Deidesheim, irgendwo im Gebüsch. Offensichtlich auch noch Opfer eines Gewaltverbrechens.“

Carlos schloss die Augen. „Das … das glaube ich jetzt nicht.“

„Solltest du aber. Du musst mich nämlich hinfahren.“

Charlotte blinzelte ungläubig zu ihnen hoch. „Und den Tatort untersuchen soll der Carlos dann wohl auch noch für dich?“

„Ich hab nur zu viele Promille, um zu fahren, aber das mit dem Tatort schaff ich schon noch“, beteuerte sie und legte den Arm um Carlos’ Schultern. Ein bisschen besitzergreifend, wie er fand, auch wenn er niemals zugegeben hätte, wie sehr es ihm gefiel. Carlos schaffte es gerade noch, Charlotte entschuldigend zuzuwinken, ehe Nadja ihn unerbittlich mit sich zog.

Ihr Wagen stand ein Stück abseits am Rand des Weinbergs. Carlos konnte nicht glauben, was da gerade passierte. Fassungslos schaute er noch einmal zurück auf die Versammlung der Elwenfelser. Das Letzte, was er hörte, bevor sich mit einem lauten Piepen Nadjas Auto entriegelte, war Cordulas erstaunter Ausruf. „Schaut mal, da sitzt ein Schmetterling auf meinem Dubbeglas!“


Kapitel 2
Ein ehemaliger und aus vorangegangenen Büchern bereits als Hauptfigur bekannter Kriminalkommissar wird von seiner Vergangenheit eingeholt

Carlos versuchte, sich nicht von der Tatsache ablenken zu lassen, dass an Nadja Sprengels Rückspiegel ein Paar Mini-Handschellen mit Glitzerbesatz baumelte, das bei jeder Bodenwelle ein leises Klirren ausstieß. Und auch nicht von Nadjas Hand, die plötzlich dicht über seinem Oberschenkel schwebte.

„Gib mir mal die Kaugummis da aus der Fahrertür“, befahl sie.

Carlos tastete grinsend nach der kleinen Dose im Fach links von ihm. „Ja klar. Kommissarin am Tatort, die nach Weinfest riecht, macht keinen karrierefördernden Eindruck.“

Nadja nahm ihm die Kaugummis ab und schob sich gleich drei davon in den Mund. „Du gehst also davon aus, dass der Leichenfundort gleichzeitig der Tatort ist“, stellte sie fest. „Ganz schön eingerostet, der Herr Kriminalkommissar.“

„Ex-Kriminalkommissar“, verbesserte er sie und freute sich darüber, dass er nicht das Bedürfnis hatte, sich zu erklären. Natürlich wusste er, dass ein Leichenfundort nicht automatisch der Tatort war! Aber wem hatte er etwas zu beweisen?

„Ach Carlos, das glaubst du doch selbst nicht, dass du bis zum Sankt Nimmerleinstag in diesem niedlichen Dorf an der Seite von Charlotte einen auf heile Welt machst.“ Nadja bewegte vehement die Kiefer, als wollte sie auch den Kaugummi von dieser Einschätzung überzeugen. „Falls du’s noch nicht gemerkt hast, die gibt es nämlich nicht. Auch nicht hier an der Weinstraße, wie wir ja gerade wieder einmal sehen.“

Auf ebendiese lenkte Carlos nun Nadja Sprengels Wagen und bog nach links in Richtung Forst ab. Das intensive Aroma von Menthol überdeckte ihre leichte Fahne. Trotzdem ließ Carlos das Fenster herunter. Aber auch die frische Luft brachte Nadja nicht auf andere Gedanken.

„Dass so ein erfahrener Bulle wie du sich einfach ins innere Exil zurückzieht, das ist einfach eine Verschwendung!“

„Nadja, jetzt hör schon auf!“, bat er. „Du weißt selbst, dass ich nicht so einfach zurückkönnte in den Polizeidienst, selbst wenn ich es wollte.“

Ihr Kopf ruckte zu ihm herum. „Ah! Du willst also doch!“

„Das habe ich nicht gesagt!“

„Musst du auch gar nicht. Ich habe es ganz deutlich rausgehört!“ Kichernd pikte sie ihren Zeigefinger gegen seine Schläfe.

„In deinen Ohren rauscht eindeutig zu viel Riesling“, murmelte er. „Und jetzt lass mich in Ruhe, sonst frag ich dich, was das für eine Geschichte mit dem Pfarrer ist.“ Er schaute kurz nach rechts. „Und so wie ich dich kenne, willst du nicht danach gefragt werden.“

Nadja lachte. Ein bisschen zu überdreht, um gleich am Ort des Geschehens die ernsthafte Kommissarin zu geben.

„Das Leben ist zu kurz, um irgendetwas peinlich zu finden. Karl ist ein richtig cooler Typ. Er weiß, wie er …“

„Nadja, keine Details!“, unterbrach Carlos sie. Ihm war doch tatsächlich der Schweiß ausgebrochen. „Und hör bitte auch auf mit diesem Quatsch, dass ich zur Polizei zurücksoll. Hast du vergessen, dass die Mafia hinter mir her ist und ich mich nirgendwo außerhalb von Elwenfels mehr blicken lassen kann? Ganz zu schweigen davon, dass ich wegen Doppelmords gesucht werde.“

Sie stieß ein mitleidiges Geräusch aus und rekelte sich in ihrem Sitz, als wäre so eine halb beduselte Fahrt zu einem Tatort das reinste Wellnessprogramm für sie.

„Ja, ich weiß schon. Der arme, von aller Welt verratene Carlos Herb.“ Plötzlich wurde ihre Stimme scharf. „Ich frag mich ja, was du tun würdest, wenn es kein kleines pfälzisches Dorf gäbe, wo du dich verstecken kannst. Dann müsstest du nämlich das tun, was du tun musst. Du weißt schon, was ich meine.“

Die Wut schlängelte sich sein Rückgrat hoch wie ein Reptil, das unbemerkt im Polster des Fahrersitzes auf ihn gewartet hatte.

„Ach ja?“, blaffte er. „Was meinst du denn?“

„Du würdest dich wehren!“, sagte sie. „Die Sache aufklären! Dafür sorgen, dass die Wahrheit ans Licht kommt!“ Sie holte in einer plötzlich angewiderten Geste den Kaugummi aus ihrem Mund und pappte ihn aufs Armaturenbrett. „Das, was der Carlos Herb tun würde, für den ich dich gehalten habe.“

Carlos schluckte. Und obwohl Nadja immer noch einen minimal verzögerten Zungenschlag hatte, kam er gar nicht auf die Idee, sie deswegen nicht ernst zu nehmen. In Elwenfels hatte er gelernt, wie der Riesling dafür sorgte, dass die Leute das Herz auf der Zunge trugen und die größte Liebe für die Mitmenschen darin bestand, ihnen die Wahrheit direkt ins Gesicht zu sagen.

Nadja hatte recht. Und nicht nur das. Sie hatte ihn an seiner Ehre gepackt.

Carlos wollte etwas erwidern, aber plötzlich tippte ihr Zeigefinger an die Windschutzscheibe.

„Da! Da vorne!“

In einem Wirtschaftsweg, der von der Weinstraße aus auf die Haardt zuführte, flimmerte am Waldrand Blaulicht. Ein weißer Van, wahrscheinlich von der Spurensicherung, bog aus der anderen Richtung eben in den Weg ein. Polizisten hatten Absperrband entrollt und leiteten so die zahlreichen Spaziergänger um. Carlos Hände umklammerten das Lenkrad fester.

Vielleicht sollte ich es einfach akzeptieren, dachte er. Die Welt war ein grausamer Ort, und sie wurde nicht weniger grausam, nur weil er sich in ein pfälzisches Puppenstubendorf verkrümelt hatte. In diesem Moment war er einfach nur dankbar, dass Nadja ihn keinen Feigling nannte. Aber auf einmal fühlte er sich als genau das.

Er lenkte den Wagen auf den Wirtschaftsweg, wo Kriminalhauptkommissarin Nadja Sprengel dem Streifenpolizisten am Absperrband ihre Marke zeigte und Carlos dabei zuzwinkerte. Der Beamte traute seinen Augen nicht, was nicht an Nadjas Zwinkern lag. Der Uniformierte, der die Zufahrt bewachte, war kein Geringerer als Wachtmeister Zohres. Wer der pfälzischen Mundart mächtig war, konnte bereits ahnen, dass der Name dieses Mannes Programm war, denn scheinbar war er immer auf der Suche nach dem, was der Name übersetzt bedeutete: Ärger.

Elwenfels war sein bevorzugtes Jagdrevier. Alle Bewohner fielen für den wackeren Provinzpolizisten automatisch unter Generalverdacht, an irgendwelchen gesetzlosen Machenschaften beteiligt zu sein. Seit Jahren versuchte er, die Dorfbewohner bei irgendetwas Illegalem zu erwischen, und tauchte immer wieder überraschend und ohne offensichtlichen Anlass im Dorf auf, um herumzuschnüffeln. Der Mann ging stramm auf die fünfzig zu und wirkte mit seinem puterroten Gesicht und den dünnen senfgelben Haaren nicht gerade wie ein Paradebeispiel für Autorität. Aber genau die ließ er in Elwenfels heraushängen wie ein überhitzter Hund seine Zunge. Bislang hatte der selbst ernannte Pfälzer Sheriff es jedoch nicht geschafft, Ordnung und Gesetzestreue in das für deutsche Verhältnisse unerhört autonome Dorf zu bringen.

Okay, dachte Carlos, hier war dann wohl Endstation. Zohres würde ihn erkennen und nicht durchlassen. Aber der Wachtmeister war offensichtlich zu geblendet von Nadja Sprengels blutrot lackierten Fingernägeln, die ihm ihren Dienstausweis entgegenhielten, und ließ sie passieren. Nadja stieß ein zufriedenes Seufzen aus, klappte die Sonnenblende herunter, öffnete den Spiegel und frischte ihren ebenfalls blutroten Lippenstift auf. Carlos sagte nichts und rumpelte hundert Meter den unebenen Weg bergan. Er hätte parken und Nadja aussteigen lassen müssen, denn er gehörte hier so wenig hin wie ein Märklin-Fan in den Führerstand einer echten Lokomotive. Doch Nadja machte keine Anstalten, ihn darauf hinzuweisen. Im Gegenteil. Sie bedeutete ihm, den Wagen am Rand des kahlen Weinbergs zu parken und mitzukommen.

„Äh, Nadja, du weißt schon, dass ich eigentlich nicht …“

Sie stieg aus, ging um den Wagen herum, lächelte wortlos und hielt die Fahrertür auf. Ob es ihre dominante Ausstrahlung war oder seine eigene Neugier, wusste er nicht. Er folgte ihr zögerlich zu einer Senke hinter einem niedrigen Gebüsch zwischen Weg und Weinberg. Dort warteten zwei weitere Uniformierte. Nadja zückte erneut ihren Ausweis, aber nur für eine Sekunde, als wäre diese Geste völlig überflüssig.

„Hauptkommissarin Nadja Sprengel, Polizeiinspektion Ludwigshafen. Das ist mein Kollege Carlson Dach.“

Carlos konnte einen spontanen Hustenanfall nicht verhindern. Er wusste nicht, was ihn mehr aus der Fassung brachte – Nadjas Dreistigkeit oder der Name, den sie ihm verpasst hatte. Oder war es die selbstverständliche Annahme, dass die Polizisten nicht darauf bestehen würden, dass sich Kommissar Carlson Dach vorschriftsgemäß auswies? Sie warf ihm einen komplizenhaften Blick über die Schulter zu und kräuselte die Lippen. Als würden sie über ein Gatter steigen, um gemeinsam Pferde zu stehlen, und nicht einen Leichenfundort besichtigen.

Nadja strich ihr langes, dunkelbraunes Haar hinter die Ohren und stiefelte an den Beamten vorbei. Carlos folgte ihr und kam sich vor wie ein Kaninchen, das einer Schlange hinterherhoppelt. Verdammt, warum musste er in Nadjas Gegenwart nur die ganze Zeit an geschmeidige, unberechenbare Reptilien denken?

Was hatte sie vor? Carlos hatte keine Ahnung, ob diese ganze Aktion dem Riesling geschuldet war und ihr später furchtbar peinlich sein würde oder ob sie ihn auf diese Weise herausfordern wollte.

Plötzlich wusste er nicht mehr, wann sein Herz zum letzten Mal so schnell und heftig geklopft hatte. In ihm regte sich der alte Kriminalkommissar und nahm Witterung auf. Warum fühlte sich das hier auf einmal so gut an, so selbstverständlich?

Alles in ihm gierte danach, das zu tun, wovon er manchmal still und heimlich und auch ein wenig schuldbewusst träumte. Zu ermitteln. An der Seite von Nadja Sprengel.

Die Kriminaltechniker waren damit beschäftigt, ihr Equipment auszupacken, und Nadja organisierte zwei Paar Überzieher für die Schuhe und Latex-Handschuhe.

„Was soll das?“, wisperte Carlos. „So viel Rieslingschorle kannst du gar nicht intus haben!“

Sie sah ihn nur mit einem knappen Blick an, der wohl sagen sollte: „Ich weiß, was ich tue“, und näherte sich dann der Senke hinter dem Gebüsch.

Carlos folgte ihr.

Der Körper lag bäuchlings neben einem Abflussgitter zwischen altem Laub, Ästen und kleinen Sandsteinbrocken. Ein offenbar junger Mann, wollte man auf die schicken Turnschuhe und die hippen Klamotten schließen. Der Kopf war halb von der hellblauen Kapuze seines Hoodies verdeckt, und beim ersten Anblick wies nichts auf ein Gewaltverbrechen hin. Aber als Carlos neben Nadja in die Hocke ging, sah er es. Über den sichtbaren Teil des Halses verlief eine dunkelrote, von grauen Flecken umgebene Ligatur. Der Mann war eindeutig erdrosselt worden.

„Sieh dir seine Finger an“, sagte Carlos. „Er hat versucht, sich zu wehren, und das, womit er erdrosselt wurde, hat seine … seine Fingerkuppen halb abgetrennt.“

Nadja betrachtete die verstümmelten Fingerspitzen. „So was geht nur mit einer Garrotte.“

Das Wort und die Bilder, die es in ihm auslöste, ließen Carlos innehalten. Da war etwas, ein schriller, unangenehmer Ton, ein Gefühl von Bedrohung.

Nadja beugte sich über den Toten und betastete die Hosentaschen. „Nichts“, verkündete sie leise. „Hätte mich auch gewundert, wenn der was bei sich trägt.“ Und an die Kriminaltechniker gewandt: „Wann können wir ihn umdrehen?“

Die Leute von der KTU sichteten die Umgebung der Leiche, dann gab einer von ihnen Nadja ein Zeichen.

Sie berührte Carlos’ Schulter. „Hilf mir mal!“

Wortlos packte Carlos mit an und drängte das innere Hochgefühl zurück, mit „seiner“ Kommissarin auf einmal Hand in Hand arbeiten zu können. Das hier war kein Anlass zur Freude, nur weil sein zur Untätigkeit verdammter innerer Kriminalpolizist gerade vor lauter Begeisterung aus seinem Schaukelstuhl katapultiert wurde.

Der Tote war vollkommen steif, und an seiner linken Wange hatten sich bereits Leichenflecken gebildet.

Doch Carlos erkannte ihn trotzdem.

Erschrocken zog er seine Hände zurück, als hätte er sich verbrannt.

Nadja warf ihm einen irritierten Seitenblick zu. Aber mit einem Mal war ihm völlig gleichgültig, was sie von ihm denken mochte. Sollte sie doch glauben, dass er in Elwenfels zu einem Weichei geworden war, das den Anblick einer Leiche nicht mehr ertrug. Sollte sie seinetwegen sogar glauben, dass er schon immer ein Sensibelchen gewesen war, das wegen seines tödlichen Schusswaffengebrauchs so den Halt verlor, nur um gleich den Polizeidienst zu quittieren. Carlos atmete schwer.

Aber Nadja Sprengels Blick war schon wieder auf den Toten geheftet. Während sie nun die Taschen seiner Kapuzenjacke untersuchte, konnte Carlos nur sein Gesicht anschauen.

Das wächsern graue, viel zu junge Gesicht, das im Tod immer noch diesen leicht provozierenden Zug um den Mund hatte. Ein Gesicht mit spitzem, spärlich behaartem Kinn und großen Augen unter einer sonderbar ernsten Stirn. All das wollte so gar nicht zum Klischee eines brutalen kleinen Gangsters passen. Carlos spürte seinen rasenden Herzschlag bis in die Haarspitzen. Vor seinem inneren Auge lief ein Film ab: Wie er dem Kleinkriminellen einen Styroporbecher mit Kaffee in den Verhörraum gebracht hatte. Wie der kleine Scheißer zuerst so getan hatte, als würde er sich darüber freuen, und ihm dann den Kaffee mitten ins Gesicht geschüttet hatte. Sein Glück, dass der Getränkeautomat auf den Fluren des LKA Hamburg nur lauwarme Brühe zustande brachte …

Carlos richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. Doch ein plötzlicher Schwindel überkam ihn und ließ ihn kurz das Gleichgewicht verlieren. Er musste sich an Nadjas Schulter festhalten. Sie sah stirnrunzelnd zu ihm hoch.

„Was ist denn? So schlimm sieht der doch gar nicht aus. Und stinken tut er auch nicht.“

„Ich … ich bin das nicht mehr gewohnt“, wich er aus.

„Psst, nicht so laut. Da drüben kommt die Rechtsmedizinerin.“ Nadja deutete auf eine Frau mit grauem Pagenkopf und roter Allwetterjacke, die eben in einen Schutzanzug stieg. „Nicht, dass du uns hier noch an die Polizei verrätst, Carlson Dach.“

Ihr Witz schaffte es nicht, den Schock zu lindern. Es gab nur einen Ausweg. Er musste weg hier.

„Nadja, ich kann das nicht“, sagte er. Er verspürte nicht das Bedürfnis zu erklären, dass es nicht an der Leiche lag, sondern an dieser ganz speziellen Leiche.

„Du machst das schon. Ich laufe zu Fuß zurück nach Elwenfels.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er an den Beamten vorbei, entledigte sich der Überzieher und der Handschuhe und lief den Hügel weiter bergauf. Oben am Waldrand gab es einen Wanderweg, der sich die Haardt entlangzog und von dem aus man zu den Dörfern unten an der Weinstraße oder in den Wald gelangte. Es würde bestimmt zwei Stunden dauern, ehe er zurück in Elwenfels war, aber das war in diesem Moment wahrscheinlich genau das Richtige. Er wäre auch bis ans Ende der Welt gewandert, um der grässlichen Erkenntnis zu entkommen, die ihn gerade wie ein Blitz getroffen hatte.

Carlos beschleunigte seinen Gang, damit sein Herz einen anderen Grund hatte, so laut und schnell zu schlagen. Beinahe rannte er, doch mit jedem Schritt, der ihn von der Leiche des jungen Mannes fortbrachte, ließ ihn diese Erkenntnis nur umso deutlicher bewusst werden: Er konnte sich nicht länger etwas vormachen.

Sein Versteck war aufgeflogen, sie hatten ihn gefunden.

Britta Habekost

Über Britta Habekost

Biografie

Britta Habekost, geboren 1982 in Heilbronn, studierte Geisteswissenschaften und stillte ihre Neugier aufs Leben u.a. als Museumsführerin. Von ihr sind bereits die beiden historischen Krimis „Das Sterben der Bilder“ und „Bilder des Bösen“ unter ihrem Mädchennamen Britta Hasler erschienen, ebenso wie...

Christian Habekost

Über Christian Habekost

Biografie

Christian „Chako“ Habekost, geboren und aufgewachsen in Mannheim, ist Comedian, Kabarettist und Calypso-Sänger. Er studierte in Mannheim, London und Kingston/Jamaika und steht mit Solo-Programmen auf der Bühne, in denen er sich u.a. intensiv mit der Pfälzer Sprache befasst. Fernsehauftritte (u.a. in...

Veranstaltung
Lesung
Donnerstag, 24. Oktober 2024 in Sinsheim
Zeit:
19:30 Uhr
Ort:
Stadtbibliothek ,
Schwimmbadweg 2
74889 Sinsheim
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Pressestimmen
Senioren Magazin

„Spannend, witzig und charmant erzählt.“

LEO

„›Traubentod‹ verbindet erzählerisch genial echte Krimispannung mit köstlicher Unterhaltung, viel Sprachwitz und einem liebevollen Blick in Herzen und Hirne der liebenswerten Pfälzer Protagonisten“

Kommentare zum Buch
Wie toll
Michaela Weber am 24.03.2023

Wie toll es gibt den 5.Teil der Reihe-freue mich riesig.Für mich ist die Reihe ein muss und immer wieder toll zu lesen.Die Autorin nimmt einen immer wieder aufs neue gefangen mit ihren Geschichten um Elwenfels.

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