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Schicksalsstürme

Schicksalsstürme

Historischer Roman

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Schicksalsstürme — Inhalt

Wer ist der Unbekannte, der vor der Küste Heiligenhafens Schiffbruch erlitten hat? Ein dänischer Spion? In Kriegszeiten zwischen dem Königreich und der Hanse eine lebenswichtige Frage. Brida, die heilkundige Tochter von Kapitän Dührsen, nimmt sich des geheimnisvollen Fremden an und unterstützt ihn in dem Bemühen, sein Gedächtnis wiederzufinden. Sie ahnt nicht, in welche Gefahr sie sich dadurch bringt ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.08.2012
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95584-3

Leseprobe zu »Schicksalsstürme«

Für meine Mutter

 

Heiligenhafen, April 1428  

 

E in letztes Mal flackerte das Signalfeuer auf der Fehmarner Seite der Bucht, dann verlosch sein Licht, und die Morgenröte vertrieb die Dunkelheit. Nichts erinnerte mehr an die aufgepeitschten Wellen der vergangenen Nacht.
Arne liebte die Tage nach dem Sturm, wenn das Meer wieder klar war und der Geruch von Seetang die Luft erfüllte. Ein guter Tag, um die Netze auszuwerfen.
Sein Boot lag am Strand, unmittelbar hinter den Dünen. Dort hatte es bislang jedem Unwetter getrotzt. Auch an diesem Morgen wartete [...]

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Für meine Mutter

 

Heiligenhafen, April 1428  

 

E in letztes Mal flackerte das Signalfeuer auf der Fehmarner Seite der Bucht, dann verlosch sein Licht, und die Morgenröte vertrieb die Dunkelheit. Nichts erinnerte mehr an die aufgepeitschten Wellen der vergangenen Nacht.
Arne liebte die Tage nach dem Sturm, wenn das Meer wieder klar war und der Geruch von Seetang die Luft erfüllte. Ein guter Tag, um die Netze auszuwerfen.
Sein Boot lag am Strand, unmittelbar hinter den Dünen. Dort hatte es bislang jedem Unwetter getrotzt. Auch an diesem Morgen wartete es auf ihn, unversehrt und bereit, ihn hinauszutragen.
Eine dunkle Planke dümpelte zwischen dem Schlick. Arne stutzte. Dann sah er den leblosen Körper, der mit den Beinen noch halb im Wasser lag. Er rannte los, Muschelschalen und Sand knirschten unter seinen Stiefeln. Überall waren Trümmer an den Strand gespült worden. Neben einem zerbrochenen Fass nahe der Sandbank trieben weitere Körper, alle mit dem Gesicht nach unten. Ein bitterer Geschmack legte sich auf Arnes Zunge. Ein Jahr war es her, dass er zum letzten Mal Tote am Strand gefunden hatte. Doch damals war er darauf vorbereitet gewesen.
Er beugte sich zu dem Mann hinunter, berührte ihn. Ein leises Stöhnen.
»Hörst du mich?«
Der Verletzte murmelte etwas. Arne glaubte, »hvor« und »jeg« verstanden zu haben. War der Mann ein Däne? Vor einem Jahr waren es Deutsche gewesen, die er am Strand gefunden hatte. Opfer der dänischen Flotte. Er hatte einige Freunde verloren. Junge Männer, die dachten, auf den hanseatischen Kriegsschiffen schneller zu Ruhm und Reichtum zu gelangen als mit ihrem ehrlichen Handwerk. Arne atmete tief durch. Es war vorbei. Dies hier war ein unglückliches Opfer des gestrigen Sturms. Ein Mann, der seine Hilfe brauchte, ganz gleich, woher er kam.
Er versuchte, den Körper aus dem Wasser zu ziehen. Ein erstickter Schrei ließ ihn zurückzucken. Erst jetzt sah Arne das Blut, das aus einer Wunde in der Brust des Mannes gesickert war und seine Kleidung durchtränkt hatte. Das war kein Seemann. Solche feinen Hemden trugen nur reiche Leute, Patrizier aus den großen Hansestädten oder Adlige.
»Wer seid Ihr?«
Der Mann stöhnte, war kaum noch bei Bewusstsein. Arne betrachtete ihn genauer. Er war höchstens Mitte zwanzig, blondes Haar, glatt rasiert. Die Hände gepflegt und frei von den Spuren schwerer Arbeit. Vielleicht ein Kaufmann? Aber wobei hatte er sich diese Verletzung zugezogen? Sie sah aus wie ein Schwerthieb.
Einerlei. Er würde den Mann zu Brida bringen. Die würde schon wissen, wie dem Verwundeten zu helfen war. Und dann würde er zurückkommen und schauen, was das Meer sonst noch herzugeben bereit war. Vielleicht war es ja eine Kogge mit reicher Ladung gewesen. Auf jeden Fall schien die Suche danach lohnenswerter, als heute zum Fischen hinauszufahren.

 

1. Kapitel

 

N un hilf mir schon, ihn auszuziehen!« Brida zerrte an einem der Stiefel des Bewusstlosen.
»Da hat uns das Meer aber mal was Hübsches beschert.« Marieke kicherte, während sie nach dem anderen Stiefel des Mannes griff und ihm das nasse Leder mit einem Ruck vom Fuß zog.
»Teures Schuhwerk, ist wohl ein feiner Herr.« Bewundernd strich die Magd über den weichen Schaft.
»Stopf sie nachher aus, und stell sie zum Trocknen vor den Kamin.« Brida reichte Marieke den zweiten Stiefel. »Halt, nicht jetzt, hilf mir erst, ihn ganz auszuziehen ! « Sie machte sich daran, seine Hose zu öffnen.
»Fräulein Brida, soll ich nicht lieber Kalle holen? Ich meine, wegen der Schicklichkeit …«
»Bis du Kalle findest, ist der hier erfroren. Nun komm, ich werde von dem Anblick schon nicht erblinden.«
»Wäre ja auch schade.« Marieke lächelte verschmitzt. »Der ist mehr als einen Blick wert.«
Brida seufzte. So war Marieke. Redete von Schicklichkeit, aber ihre Gedanken waren sündig genug, dem Pfarrer bei der nächsten Beichte die Schamesröte ins Gesicht zu treiben.
Es erwies sich als schwierig, die eng anliegenden Hosen herunterzustreifen, die nass an den Beinen des Fremden klebten. Auch das blutverschmierte Hemd hatte im Wasser gelitten und war an mehr als einer Stelle zerrissen.
»Wasch das, und dann schau, ob du es flicken kannst.« Brida reichte der Magd die nassen Kleidungsstücke.
»Das Hemd etwa auch?« Marieke verzog das Gesicht. »Das ist doch völlig zerlumpt.«
»Versuch’s einfach. Es sieht aus, als wenn’s teuer war.«
»Ja eben, der wird doch nicht in geflickten Plünnen rumlaufen wollen. Arne meinte auch, das ist bestimmt so ’n reicher Pfeffersack. «
»Marieke, tu einfach, was ich dir sage.«
Die Magd murmelte etwas vor sich hin, hob auch die Stiefel auf und verließ die kleine Kammer, in der Bridas Vater für gewöhnlich seine Gäste beherbergte.
Brida deckte den Mann mit einer warmen Wolldecke zu und wandte sich dann seiner einzig sichtbaren Verletzung zu. Ein handbreiter Schnitt über der linken Brust. Auf den ersten Blick eine tiefe Wunde, aber beim zweiten Hinsehen erkannte Brida, dass sie ungefährlicher war, als sie befürchtet hatte. Vielleicht hatte er ein ledernes Wams getragen, das den Hieb abgemildert hatte. Im vergangenen Jahr hatte sie einige Verletzungen dieser Art behandelt. Zwei Wochen, dann wäre ihm davon nicht mehr viel anzumerken, sofern er sich von der Unterkühlung erholte.
Während sie die Wunde versorgte, betrachtete sie ihn. Er war wirklich ein ansehnlicher Bursche. Die Haare so blond wie reifer Weizen. Welche Farbe mochten seine Augen wohl haben? Blau? Braun?
Ich bin schon wie Marieke, schalt sie sich. Lasse mich von einem hübschen Gesicht in den Bann ziehen, ohne den Mann überhaupt zu kennen.
War er wirklich ein Opfer des Sturms, oder war sein Schiff von Piraten aufgebracht worden? Wie sonst hätte er sich diese Wunde zuziehen sollen? Andererseits, die Kaperfahrer wären bei dem gestrigen Sturm gewiss nicht ausgelaufen.
Ein Zittern durchlief seinen Leib. Er war noch immer eisig kalt. Sie zog ihm die Decke ganz über den Oberkörper, dann fachte sie die Glut im Kohlebecken neu an und stellte es unmittelbar neben seine Lagerstatt. Es würde dauern, bis es warm genug war. Besser, sie holte ihm noch eine zweite Decke.
Als sie zurückkam, war er wach. Seine Augen waren so grün wie die Ostsee an hellen Sommertagen.
»Hvor er jeg?« Das war Dänisch. Also hatte Arne recht.


Brida legte ihm die zweite Decke über. »Ihr seid in Sicherheit«, sagte sie. »Du er i sikkerhed.«
Er musterte sie auf eine seltsame Weise. Fragend, unsicher. Hatte er sie nicht verstanden? So schlecht war ihr Dänisch doch gar nicht.
»Wo genau bin ich?«, fragte er schließlich auf Deutsch. Bildete sie es sich ein, oder klang ein leichter lübscher Zungenschlag in seinen Worten mit?
»Ihr seid in Heiligenhafen, im Haus von Kapitän Hinrich Dührsen. Ich bin seine Tochter Brida.«
Sein Blick wanderte an ihr vorbei durch den Raum, blieb an dem Kohlebecken hängen. Fast kam es ihr so vor, als betrachte er gar nicht seine Umgebung, sondern schaue nach innen, versuche sich auf etwas zu besinnen, das ihm entfallen war.
»Wie ist Euer Name?«
Er sah ihr in die Augen, aber er schwieg. Ob er Angst hatte, wegen seiner Herkunft Schwierigkeiten zu bekommen? Einige hier trugen den Dänen die letzten Kämpfe nach, aber die meisten waren vernünftig genug, zwischen Kriegsschiffen und Kauffahrern zu unterscheiden. Und noch anderen war es schlichtweg gleichgültig, woher jemand kam.
»Ihr müsst keine Sorge haben. Bei uns genießt jeder Gastrecht. Sogar Piraten haben es schon versucht. Kennt Ihr die Geschichte, als sich vor acht Jahren Seeräuber in unseren Hafen flüchteten, um zu verhindern, dass sie den Lübeckern ausgeliefert wurden ? «
Er deutete ein Kopfschütteln an. »Das ist es nicht. Ich …« Er schluckte. »… ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich kann mich an nichts erinnern.«
»Nicht einmal an Euren Namen?« Wieder hatte sie das Gefühl, seine Augen blickten durch sie hindurch, starr nach innen gerichtet.
»Nicht einmal an meinen Namen.« Seine Stimme war leise geworden, kaum mehr als ein Flüstern.
»Und an das, was passiert ist? Arne hat Euch am Strand gefunden. Ihr wärt fast ertrunken, habt eine Wunde in der Brust. «
Bei der Erwähnung der Verletzung glitt seine Hand zur Brust, als müsse er sich davon überzeugen, dass sie die Wahrheit sagte.
»Ihr wisst nicht mehr, ob Ihr angegriffen wurdet oder ob es der Sturm war?«
Abermals ein Kopfschütteln.
»Auch nicht, wie Ihr verletzt wurdet?«
» Nein. «
»Aber es muss doch irgendetwas geben, auf das Ihr Euch besinnt. Irgendein Bild aus Eurer Vergangenheit. Denkt nach. Als Ihr zu Euch kamt, spracht Ihr Dänisch. Seid Ihr aus Dänemark ? «
Er schloss die Augen. Diesmal hatte Brida nicht den Eindruck, er bemühe sich um eine deutlichere Erinnerung. Vielmehr schien er vor ihrem heftigen Ansturm die Flucht zu ergreifen. Sofort schämte sie sich für ihr Ungestüm.
»Verzeiht«, sagte sie leise. »Ich wollte Euch nicht bedrängen. Ihr braucht Ruhe, und die sollt Ihr haben. Wenn Ihr etwas braucht, so ruft nur.« Sie schickte sich an, zur Tür zu gehen.
»Wartet, Jungfer Brida! Ich müsste vielmehr Euch um Verzeihung bitten. «
Sie wandte sich um. Es war seltsam, ihren Namen aus seinem Mund zu hören. Vor allem, da er sie so formvollendet ansprach. Für alle anderen war sie einfach nur Brida. Außer für Marieke, die es sich nicht nehmen ließ, sie wie ein adliges Fräulein anzureden.
»Ihr mich? Warum?«
»Weil ich Euch keine bessere Auskunft geben kann.«
Sein Blick erinnerte sie an ein verwundetes Tier, das Schmerzen leidet, die Ursache dafür aber nicht kennt. Es musste schlimm sein für ihn, sich in einer fremden Umgebung wiederzufinden und nicht zu wissen, wer er war. Vermutlich quälten ihre Fragen ihn viel mehr, da er sie sich selbst auch stellte.
»Macht Euch darum keine Sorgen. Ruht Euch aus, vielleicht sieht es morgen schon anders aus. Ich schicke Marieke, damit sie Euch etwas heiße Milch mit Honig bringt und, wenn Ihr mögt, auch etwas zu essen. Habt Ihr Hunger?«
Er schüttelte den Kopf.
»Ich gehe zum Strand, vielleicht finde ich dort etwas, das uns Hinweise auf Eure Herkunft gibt«, sagte sie. Dann verließ sie die Kammer und rief nach Marieke.

Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als Brida den Strand erreichte. Außer Arne waren inzwischen auch andere Männer in der Hoffnung auf Strandgut aufgetaucht, aber auch um die Leichen zu bergen. Viel hatte das Meer nicht hergegeben. Ein paar Fässer mit Pökelfleisch, keine große Ladung.
Es waren insgesamt acht Tote. Ihre Gesichter waren bläulich verfärbt, aber sie sah keine Wunden, die auf einen Kampf hindeuteten. Eigentlich sahen sie recht friedlich aus, beinahe wie Schlafende. Die See hatte sie rechtzeitig zurückgegeben. Als kleines Mädchen hatte sie einmal einen Toten gesehen, der tagelang im Wasser getrieben war. Die Haut hatte sich vom Körper gelöst, er war aufgedunsen gewesen und hatte eher an ein Monster aus der Tiefsee als an einen Menschen erinnert. Aber am schlimmsten war der Gestank gewesen. Sie schüttelte die alte Erinnerung ab.
»Hier kannste nicht mehr viel machen, Brida.« Der alte Knut legte ihr die Rechte auf die Schulter. »Die sind alle mausetot. «
»Ich weiß. Deshalb bin ich auch nicht gekommen. Wissen wir etwas über das Schiff?«
»War vermutlich nur’n Kraier, nix Großes.« Der alte Mann wies auf die Fässer mit dem Pökelfleisch. »Lohnt fast gar nicht den Aufwand. «
»Der Mann, den Arne mir gebracht hat, scheint ein Kaufmann zu sein. Könnte es sein, dass die Kaperfahrer den besten Teil der Ladung gestohlen haben?«
Knut zuckte die Achseln. »Er wird’s dir erzählen, wenn er zu sich kommt.«
»Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er kann sich an nichts erinnern. Nicht einmal an seinen Namen.«
Knut pfiff durch seine Zahnlücke. »Kann sich an nichts erinnern? Und glaubste ihm?«
»Warum sollte er mich belügen?«
»Och, dafür gibt’s schon manch Grund. Vielleicht hat er keine sauberen Geschäfte gemacht.«
»Ach, Knut, erzähl keinen Tüdelkram! Ich glaub ihm. Er war vollkommen verwirrt, hat noch gar nicht begriffen, was ihm widerfahren ist.«
Ganz in der Nähe der aufgestapelten Fässer sah Brida etwas in der Ostsee treiben. War es ein Lederbeutel? Sie ließ Knut stehen und ging zum Wasser.
Es war tatsächlich ein kleiner Beutel, der von den Wellen immer wieder vor- und zurückgetrieben wurde. Hastig schlüpfte sie aus den Schuhen, hob den Saum ihres Kleides und watete ins Wasser. Obwohl schon April war, kam ihr das Wasser eisig vor. Kein Wunder, dass ihr Pflegling völlig ausgekühlt und erschöpft gewesen war.
»Was hast du da?« Knut war ihr gefolgt.
»Nur irgendein Ledersäckchen.«
»Na, was Wertvolles wird kaum drinnen sein, sonst wär’s längst untergegangen.« Der alte Mann wandte sich gelangweilt ab.
Brida öffnete ihren Fund. Es waren wohl einmal Briefe oder irgendwelche Pergamente gewesen, aber die wenigen Stunden im Salzwasser hatten gereicht, die Schrift unleserlich zu machen. Lediglich ein zerbrochenes Siegel war erhalten geblieben. Ein Kreuz, auf dem ein Wappenschild mit drei
Kronen prangte. Sie kannte das Zeichen nicht, aber ihr Vater würde schon wissen, zu welcher Familie es gehörte, oder zumindest, wo die Herkunft in Erfahrung zu bringen war.
Brida versuchte, den feuchten Sand von den Füßen zu streifen, bevor sie die Schuhe anzog, aber es blieben zahlreiche feine Körnchen zurück, die unangenehm scheuerten. Zu dumm, dass sie kein Kind mehr war, dem es niemand verargte, barfuß durch die Stadt zu laufen.
Ob ihr gedächtnisloser Gast das Siegel wohl erkannte? War es womöglich sein eigenes? Drei Kronen … Vielleicht war er ein Edelmann? Das Wappen des dänischen Königs zierten ebenfalls drei Kronen, allerdings wurden sie von drei Löwen getragen.

 

»Er schläft«, sagte Marieke, als Brida zurückkam.
»Hast du mit ihm gesprochen?«
Die Magd nickte. »Er ist nett, aber er kann sich ja an gar nichts erinnern. «
»Ich weiß.« Mit einem erleichterten Seufzer zog Brida ihre Schuhe von den Füßen und schüttelte den Sand aus. Marieke runzelte missbilligend die Stirn.
»Ist Vater schon zurück?«
» Nein. «
»Sag mir Bescheid, wenn er kommt.«
Sie ließ Marieke stehen und ging zu ihrer Kammer. Aus den Augenwinkeln sah sie noch, wie die junge Magd kopfschüttelnd nach dem Besen griff, um den Sand aufzufegen.
Bridas Stube war nicht groß, enthielt ein Bett, eine Kleidertruhe, einen Schemel und ein Tischchen, das unter der Dachschräge stand. Aber sie liebte diesen kleinen Raum, der sie ein wenig an die engen Schiffskojen erinnerte, in denen sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte. Sie schob sich den Schemel zurecht und zog vorsichtig die aufgeweichten Pergamente aus dem Beutel.
Die Tinte war vollkommen zerlaufen, bildete nur noch Schlieren und schwarze Flecken. Sie breitete die Dokumente, soweit es möglich war, auf dem Tisch aus. Vielleicht war das eine oder andere Wort noch zu entziffern, wenn sie erst getrocknet waren.
Von unten hörte sie polternde Schritte. Nur einer ging so. Vater! Im Geist sah Brida Marieke erneut seufzen und zum Besen greifen. Sie wartete eine Weile, bis sie sicher war, dass ihr Vater sich in die Wohnstube zurückgezogen hatte, dann nahm sie das zerbrochene Siegel und stieg die Treppe hinunter.
Obwohl Kapitän Hinrich ein Mann war, der schon auf die sechzig zusteuerte, hatte er sich die Lebendigkeit der Jugend bewahrt. Manchmal glaubte Brida, dass er noch immer zur See führe, wenn sie nicht wäre. Sie war jetzt einundzwanzig, noch keine alte Jungfer, aber auf jeden Fall zu alt, um ihn weiterhin auf seinen Schiffsreisen zu begleiten, wie sie es während ihrer Kindheit und Jugend getan hatte.
So, wie sie seinen Schritt schon von Weitem erkannte, so kannte er auch den ihren.
»Na, Deern, hab gehört, du hast wieder einen Pflegling.«
Sie liebte sein väterliches Lächeln, wenn sein Gesicht in Hunderte von Fältchen zerfiel, würdevoll und schelmisch zugleich.
»Ja, Vater. Er war der einzige Überlebende.« Sie setzte sich ihm gegenüber auf den zweiten Lehnstuhl vor dem Kamin. »Aber etwas ist seltsam. Er kann sich an gar nichts erinnern. Nicht mal an seinen Namen.«
Der alte Kapitän zog die Brauen hoch. »Nicht mal an seinen Namen ? «
Brida nickte. »Hast du so etwas schon mal erlebt?«
»Erlebt nicht, nur davon gehört, dass es so was geben soll.«
»Ich war am Strand und habe geschaut, ob ich noch etwas finde, das uns mehr über ihn verraten könnte. Dabei entdeckte ich das hier.«
Sie reichte ihrem Vater das zerbrochene Siegel. Hinrich nahm die beiden Teile in die Hand und betrachtete sie aufmerksam.
»Das ist seltsam, Deern. Bis auf die drei Löwen erinnert es an das dänische Königssiegel.«
»Du hast es also auch noch nie gesehen?«
Der Vater schüttelte den Kopf. »Vielleicht weiß Claas etwas. Ich habe ihn zum Abendessen eingeladen.«
»Wie geht es seiner Frau?«
»Nicht gut. Die Ärzte haben nicht mehr für sie tun können als du, Deern. Die haben sich nur an seinem Geldbeutel gütlich getan. «
Brida senkte den Blick. Sie wusste um die Liebe, mit der Stadtrat Claas an seiner Frau hing. In zehn Ehejahren hatte Anna ihm nur ein lebendes Kind geschenkt, das kurz nach der Geburt verstorben war. Es folgten sieben Totgeburten, die letzte vor drei Monaten. Brida erinnerte sich lebhaft an die Schilderungen der alten Hebamme Hilde. Anna hatte nicht genügend Kraft, das tote Kind auszustoßen. Hilde hatte es im Leib der Schwangeren zerstückeln müssen. Tagelang hatte Anna danach mit dem Tod gerungen, bis sie ihn von ihrer Schwelle jagen konnte, aber sie blieb schwach und kränkelnd. Zuerst hatte Claas Brida um Hilfe gebeten, doch als ihre Mittel versagten, hatte er nach den besten Ärzten aus Lübeck geschickt und, als die auch nicht weiterwussten, einen berühmten Medikus aus Hamburg kommen lassen. Nichts war ihm für Anna zu teuer, und doch trat keine Linderung ein. Im Gegenteil, sie wurde immer schwächer, aber niemand brachte es übers Herz, Claas zu sagen, dass seiner Frau nicht mehr viel Zeit blieb.
»Weißt du, Deern, vielleicht erinnert der Mann sich ja selbst, wenn er das Siegel sieht.«
Der Gedanke an Anna hatte Brida für kurze Zeit von dem Rätsel um ihren unbekannten Pflegling abgelenkt. Umso dankbarer war sie ihrem Vater, dass er das Gespräch wieder in eine erträglichere Richtung lenkte.
»Vielleicht ist es sogar sein eigenes? Von seiner Kleidung her könnte es passen.«
»Ja, das hat der Arne schon überall rumgebracht. Meinte, das sei so ’n feiner Herr.«
»Fräulein Brida!« Marieke stürmte in die Stube. »Unser Meergeschenk ist wach.«
Hinrich lachte. »Na, ob der sich wohl freut, wenn du ihn so nennst ? «
Die junge Magd blickte dem Hausherrn keck in die Augen, die Hände in die Hüften gestemmt. »Na ja, Herr Käpt’n, ist doch noch gar nicht so lang her, dass wir alles behalten durften, was uns das Meer bescherte, nicht wahr?«
»Ach, Marieke, verschreck den armen Jungen nicht.«
»Aber Herr Käpt’n, ich doch nicht.«
Brida grinste. »Ich sehe nach ihm.« Sie nahm das zerbrochene Siegel und begab sich zu der kleinen Gästekammer.

 

Der Unbekannte hatte sich wie ein Kind im Mutterleib zusammengekrümmt und fest in die Decken geschmiegt. Als Brida eintrat, hob er den Kopf. Erleichtert stellte sie fest, dass das Kohlebecken gute Arbeit geleistet hatte. Der Raum war inzwischen angenehm warm.
»Wie geht es Euch?«, fragte sie und schalt sich gleichzeitig, dass ihr keine bessere Begrüßung einfiel. Wie sollte es ihm schon gehen ?
» Viel besser. « Er schenkte ihr ein Lächeln. Wenn er Marieke ebenso angestrahlt hatte, schien es kein Wunder, dass die Magd ihn beinahe als persönlichen Besitz ansah. »Ich fühle meine Zehen wieder. «
»Aber Ihr erinnert Euch nach wie vor an nichts?«
Das Lächeln schwand. »Nein«, sagte er leise.
»Ich war am Strand und habe dort einen Beutel mit Briefen gefunden. Die Dokumente sind verdorben, aber ein Siegel blieb erhalten. Erkennt Ihr es?«
Er richtete sich ein wenig auf, die wärmenden Decken fest umklammert, und musterte das zerbrochene Stück Siegelwachs in ihrer Hand.
Brida versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, zu erkennen, was in ihm vorging. Einmal schloss er kurz die Augen, dann starrte er wieder auf das Siegel.
» Erik «, flüsterte er.
»Ist das Euer Name?«
»Ich bin mir nicht sicher. Er ging mir auf einmal durch den Kopf. «
Da war er wieder, dieser gehetzte Blick, der sie an ein leidendes Tier gemahnte.
»Erik«, wiederholte Brida den Namen. »Er würde zu Euch passen. Der Klang des Nordens.«
Er sagte kein Wort.
»Darf ich Euch so nennen, solange Ihr Euch nicht sicher seid, wie Ihr wirklich heißt?«
»Wenn Ihr wollt.«
Sehr begeistert klang er nicht. Konnte es wirklich sein eigener Name sein, wenn er ihren Vorschlag mit dem gleichen Gesichtsausdruck hinnahm, mit dem ein Kind ein Hemd aus rauem Stoff duldet?
Eine Weile herrschte Schweigen. Schon wollte Brida fragen, ob sie ihn wieder allein lassen solle, als er fortfuhr. »Darf ich ein Gespräch mit Euch beginnen, Jungfer Brida? Für gewöhnlich tauschen Menschen, die sich noch nie begegnet sind, ihre Geschichten aus. Doch ich habe nichts zum Tausch zu bieten.«
Er zitterte. War es wirklich nur die Unterkühlung?
Brida zog einen Schemel heran und setzte sich neben die Bettstatt.
»Soll ich Euch von mir erzählen? Ganz ohne Tausch?« Sie lächelte ihn an.
»Ich würde mich freuen.«
»Nun, wo soll ich anfangen?«, fragte sie mehr sich selbst als ihn. »Vielleicht erkläre ich Euch, warum man Euch ausgerechnet zu mir brachte.«
Er nickte.
»Nun, ich habe Euch schon erzählt, dass Ihr Euch im Haus von Kapitän Hinrich Dührsen befindet. Er hat die Seefahrt erst vor knapp vier Jahren aufgegeben, weil er meinte, für eine Jungfer wie mich zieme es sich nicht mehr, immer nur auf Schiffen unter Männern zu leben.« Sie lachte über seinen erstaunten Gesichtsausdruck. »Ihr braucht gar nicht so zu schauen, es ist wahr, ich bin auf Schiffen aufgewachsen. Meine Mutter starb, als ich noch ein kleines Kind war. Ich habe keine deutlichen Erinnerungen mehr an sie. Mein Vater hätte mich zu einer Ziehmutter geben können, aber das brachte er nicht fertig, und so nahm er mich, kaum dass ich laufen konnte, mit an Bord. Ich wuchs unter Seeleuten auf, die mir wie Onkel oder große Brüder waren. Besonders gern ging ich dem Harald zur Hand, dem Knochenbrecher, der sich um größere und kleinere Verletzungen kümmerte. Von ihm habe ich viel über die Heilkunst gelernt. Manchmal gab es auch den einen oder anderen Messerstich zu versorgen, denn in den Hafentavernen kann es rau zugehen. Nun schaut nicht wieder so, ich selbst war nie in solchen Häusern. Die Männer hätten das nie zugelassen, die haben mich beschützt, so gut sie konnten, manchmal sogar so sehr, dass es mir zu arg wurde.«
»Ihr seid tatsächlich auf Schiffen groß geworden? Habt niemals in einem Haus gelebt?«
»Doch, hier in Heiligenhafen, wenn wir nicht auf Fahrt waren. Aber das war selten. Als Vater jünger war, unternahm er noch größere Reisen. Mehr als einmal sind wir bis nach Venedig gekommen. Aber meist waren es die üblichen Routen entlang der Hansestädte. Lübeck, Rostock, Stettin, Danzig. Manchmal auch Malmö oder Aalborg, aber seit den Kriegen mit den Dänen haben wir uns auf die heimischen Gewässer beschränkt. Vater hatte eine gute Nase. Wir sind nie von Kaperfahrern aufgebracht worden. Zweimal haben sie es versucht, aber unsere Kogge war schneller, wir haben sie jedes Mal abgehängt. «
»Ihr sprecht, als hättet Ihr gar keine Angst gehabt.«
»Ich war ein Kind, ich glaubte fest daran, dass mein Vater unbesiegbar war. «
Sie hielt einen Moment lang inne, als ihr ein Gedanke kam. »Sagt, könnt Ihr überhaupt etwas mit all den Orten anfangen, die ich nenne?«
Seine Antwort kam erstaunlich schnell. »Venedig ist eine Stadt in Italien, die anderen Orte, die Ihr nanntet, sind Hansestädte oder beliebte Handelspunkte.«
»Das wisst Ihr noch?«
»Ich habe nicht nachgedacht, einfach geantwortet.« Er schien selbst überrascht.
»Seid Ihr schon einmal in einer dieser Städte gewesen?«
»Ich nehme es an.«
»Als ich Euch das Siegel zeigte, ging Euch der Name Erik durch den Kopf. Was seht Ihr, wenn Ihr an … sagen wir mal an Lübeck denkt?«
»Häuser aus rotem Backstein neben schmalen Fachwerkbauten. «
» Was noch ? «
Er schloss die Augen.

Über Melanie Metzenthin

Biografie

Melanie Metzenthin wurde 1969 in Hamburg geboren, wo sie auch heute noch lebt. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sie einen ganz besonderen Einblick in die Psyche ihrer Patienten, zu denen sowohl Traumatisierte als auch Straftäter gehören. Bei der Entwicklung der Figuren ihrer...

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»Ein spannender Krimi«

Histo-Couch.de über Die Sündenheilerin

Atmosphäre und viel Lesegenuss – ein gelungenes Debüt.

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