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Payback

Schulden und die Schattenseite des Wohlstands

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Payback — Inhalt

Margaret Atwood erklärt uns mit faszinierender Klarheit, wie maßgeblich das Konzept der Schuld – im ökonomischen und im moralischen Sinn – unser Denken und Verhalten seit Anbeginn der menschlichen Kultur prägt und bestimmt. Mit Witz und Sachkenntnis verfolgt sie ihr Thema quer durch Zeiten und Disziplinen. Am Ende entlässt sie uns mit einer zentralen Frage: Was sind wir Menschen einander, was sind wir unserem Planeten schuldig?

Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Bettina Abarbanell, Grete Osterwald, Sigrid Ruschmeier, Gesine Strempel, Brigitte Walitzek
272 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31346-9
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Bettina Abarbanell, Grete Osterwald, Sigrid Ruschmeier, Gesine Strempel, Brigitte Walitzek
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7803-2

Leseprobe zu »Payback«

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ALTE RECHNUNGEN

An seinem einundzwanzigsten Geburtstag bekam Ernest Thompson Seton, kanadischer Schriftsteller und Naturforscher, von seinem Vater eine skurrile Rechnung präsentiert: eine Aufstellung aller Ausgaben, die in der Kindheit und Jugend des kleinen Ernest angefallen waren, einschließlich des Honorars für den Arzt, der ihn entbunden hatte. Noch skurriler war, dass Ernest alles bezahlt haben soll. Ich fand immer, dass Mr Seton senior ein Mistkerl war, aber inzwischen frage ich mich, was wäre, wenn er – im Prinzip – Recht hätte? Schulden wir [...]

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ALTE RECHNUNGEN

An seinem einundzwanzigsten Geburtstag bekam Ernest Thompson Seton, kanadischer Schriftsteller und Naturforscher, von seinem Vater eine skurrile Rechnung präsentiert: eine Aufstellung aller Ausgaben, die in der Kindheit und Jugend des kleinen Ernest angefallen waren, einschließlich des Honorars für den Arzt, der ihn entbunden hatte. Noch skurriler war, dass Ernest alles bezahlt haben soll. Ich fand immer, dass Mr Seton senior ein Mistkerl war, aber inzwischen frage ich mich, was wäre, wenn er – im Prinzip – Recht hätte? Schulden wir irgendjemandem etwas aufgrund der nackten Tatsache, dass es uns gibt? Wenn ja, wie viel genau sind wir schuldig und wem? Und wie zahlen wir?

Mein Beweggrund für dieses Buch ist Neugier – meine eigene –, und ich schreibe es in der Hoffnung, dass es mir gelingt, ein Thema zu untersuchen, über das ich sehr wenig weiß, das mich aber gerade deswegen fasziniert. Das Thema heißt Verschuldung.

In Payback geht es nicht um Schuldenmanagement oder Schlafdefizit, nicht um Staatsverschuldung oder die Verwaltung eines monatlichen Budgets oder darum, dass Schulden eigentlich gut sind, weil man sich Geld leihen und es wachsen lassen kann. Auch nicht um Kaufsüchtige und wie man erkennen kann, ob man selbst dazugehört: In Buchhandlungen und im Internet wimmelt es von entsprechenden Informationen.

Es geht auch nicht um die gruseligeren Formen von Schulden: um Spielschulden und Mafia-Rache oder eine vom Karma verlangte Gerechtigkeit, wonach böse Taten eine Wiedergeburt als Käfer bewirken, auch nicht um Melodramen mit schnurrbartzwirbelnden Gläubigern, die schönen Frauen wegen unbezahlter Mieten unerwünschten Sex aufdrängen, obwohl diese Bereiche gestreift werden könnten. Stattdessen geht es um Schulden als ein abstraktes Konzept – mithin um einen imaginären Begriff – und darum, wie dieses menschliche Konstrukt sowohl das unersättliche menschliche Begehren als auch die unsägliche menschliche Angst spiegelt und vergrößert.

Schriftsteller schreiben über das, was sie beunruhigt, sagt Alistair MacLeod. Und auch darüber, was sie verwirrt, würde ich hinzufügen. Das Thema von Payback zählt zu den beunruhigendsten und verwirrendsten Fragestellungen, die ich kenne: dieses eigenartige Gefüge, in dem sich Geld, Sagen oder Geschichten und religiöse Überzeugung überkreuzen – oft mit explosiver Gewalt.

Die Dinge, die uns als Erwachsene verwirren, haben uns schon als Kinder verwirrt, auf mich jedenfalls trifft das ganz sicher zu. In der Gesellschaft Ende der vierziger Jahre, in der ich aufwuchs, gab es drei Dinge, die man niemals hinterfragen durfte. Erstens Geld, besonders nicht, wie viel jemand verdiente. Zweitens Religion: Ein Gespräch darüber führte direkt zur spanischen Inquisition oder zu noch Schlimmerem. Drittens Sex. Ich wuchs mit Biologen auf, und Sex – zumindest der von Insekten praktizierte – war etwas, was ich in den Lehrbüchern nachschlagen konnte, die im Haus herumlagen: Der Ovipositor war für mich kein unbekanntes Wesen. Die brennende Neugier, die Kinder angesichts des Verbotenen empfinden, konzentrierte sich deshalb bei mir auf die beiden anderen Tabuzonen: Geld und Religion.

Zunächst schien es sich dabei um strikt getrennte Kategorien zu handeln. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. Was Gott bekam, war unsichtbar, was dem Kaiser zustand, nur allzu materiell: die goldenen Kälber, von denen wir damals in Toronto nicht allzu viele hatten, und Geld. Wobei Geldgier die Wurzel allen Übels war. Aber andererseits gab es den Geizhals Dagobert Duck – eine Comicfigur, über die ich alles verschlungen habe –, diesen jähzornigen, knauserigen und oft gerissenen Multimillionär, der Charles Dickens’ berühmtem geläutertem Geizkragen Ebenezer Scrooge nachempfunden war. Der plutokratische Dagobert Duck besaß einen riesigen Geldspeicher voller Goldmünzen. Er und seine drei Großneffen plantschten in dem Geld herum wie in einem Swimmingpool. Geld also war für Onkel Dagobert und die kleinen Entendrillinge nicht die Wurzel allen Übels, sondern ein vergnügliches Spielzeug. Welche dieser Sichtweisen war richtig?

Wir Kinder, die in den vierziger Jahren aufwuchsen, hatten in der Regel ein bisschen Taschengeld, und obwohl wir weder über Geld reden noch zu sehr daran hängen durften, wurde erwartet, dass wir früh lernten, damit umzugehen. Mit acht Jahren hatte ich meinen ersten bezahlten Job. Ich war schon davor in einem kleineren Rahmen mit Geld vertraut gewesen – ich bekam fünf Cent pro Woche, mit denen ich mir mehr Karies einhandelte, als es heute möglich wäre. Die Pennys, die ich nicht für Süßigkeiten ausgab, bewahrte ich in einer Blechbüchse auf, in der mal Liptontee gewesen war. Sie war rundherum mit leuchtend bunten indischen Motiven geschmückt: einem Elefanten, einer üppigen, verschleierten Lady, Männern mit Turbanen, Tempeln und Kuppeln, Palmen und einem Himmel, der blauer als blau war. Die Pennys hatten auf der einen Seite Blätter und auf der anderen den Kopf des Königs, und wie scharf ich auf sie war, hing von ihrer Seltenheit und Schönheit ab: König George VI., der regierende Monarch, war die gängige Münze und rangierte somit auf meiner snobistischen kleinen Werteskala ganz unten, schon weil er weder Bart noch Schnurrbart hatte; aber der behaartere George V. war immer noch in Umlauf, und mit viel Glück sogar manchmal, aber selten der wirklich zugewachsene Edward VII.

Ich wusste, dass diese Pennys gegen Waren eingetauscht werden konnten, für Eis zum Beispiel, aber ich fand sie nicht wertvoller als die anderen Währungen, die meine Spielkameraden einsetzten: Sammelbildchen mit Flugzeugen aus Zigarettenschachteln, Milchflaschenverschlüsse, Comichefte und Glasmurmeln. In jeder Währung herrschte dasselbe Prinzip: Seltenheit und Schönheit erhöhten den Wert. Die Tauschraten setzten die Kinder selbst fest, obwohl ziemlich viel gefeilscht wurde.

All das veränderte sich, als ich einen Job bekam. Er wurde mit 25 Cent die Stunde bezahlt – ein Vermögen! – und bestand darin, ein Baby im Schnee herumzukutschieren. Solange ich das Baby lebendig und nicht allzu steifgefroren zurückbrachte, bekam ich die 25 Cent. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass für mich jeder Penny gleich viel Wert hatte, egal, wessen Kopf sich darauf befand, und ich lernte eine wichtige Lektion: In der Hochfinanz gehen ästhetische Überlegungen bald verloren. Das ist Pech.

Als ich so viel Geld verdiente, sagte man mir, dass ich ein Bankkonto brauchte. Deshalb emanzipierte ich mich von der Liptonteebüchse und erwarb ein rotes Sparbuch bei der Bank. Jetzt wurde der Unterschied zwischen den Pennys mit den Köpfen und den Murmeln, Milchflaschenverschlüssen, Comicheften und Flugzeugbildchen ganz deutlich; denn man konnte keine Murmeln zur Bank bringen. Aber es wurde einem ans Herz gelegt, das Geld einzuzahlen, damit es sicher war. Wenn ich eine gefährliche Menge von dem Zeug angesammelt hatte – sagen wir, einen Dollar –, trug ich es zur Bank, wo die Summe von einem einschüchternden Kassierer mit Feder und Tinte registriert wurde. Die letzten Ziffern in den Zahlenreihen wurden als »Guthaben« bezeichnet. Das Wort sagte mir nichts. Ich kannte es bis dahin nicht.

Hin und wieder erschien eine Extrasumme in meinem roten Sparbuch – eine, die ich nicht eingezahlt hatte. Das waren, sagte man mir, »Zinsen« und dass ich sie »verdient« hätte, weil ich mein Geld auf der Bank aufbewahrte. Aber ich hatte dieses Extrageld nicht eigenhändig verdient: Ich musste als Gegenleistung für die Bank keine Babys im Schnee herumkutschieren. Woher kamen also diese rätselhaften Beträge? Bestimmt von demselben imaginären Ort, der die Nickel, die Fünfcentstücke, hervorbrachte, die die Zahnfee im Austausch für ausgefallene Milchzähne hinterlegte: eine erfundene fromme Geschichte, die sich nicht beweisen ließ, aber wir alle mussten so tun, als glaubten wir daran, weil sonst das Nickel-für-Milchzahn-Spiel nicht mehr funktionieren würde.

Schließlich waren die Nickel unter dem Kopfkissen ganz real. Und genauso war das mit den Zinsen; denn man konnte sie sich auszahlen lassen, sie in Pennys zurückverwandeln und damit in Süßigkeiten und Eis. Aber wie konnte eine erfundene, nicht beweisbare Geschichte reales Geld hervorbringen? Ich hatte aus Peter Pan gelernt, dass Feen tot umfallen, wenn man nicht mehr an sie glaubt: Wenn ich nicht mehr an die Bank glaubte, würde sie dann auch vergehen? In den Augen der Erwachsenen waren Feen unreal und Banken real. Aber stimmte das?

So begann meine Verwirrung beim Thema Geld. Und sie ist noch nicht überwunden.

Fünfzig Jahre, das ganze letzte halbe Jahrhundert, habe ich viel Zeit mit Fahrten in den öffentlichen Verkehrsmitteln verschwendet. Ich habe immer die Werbung gelesen. In den fünfziger Jahren gab es viele Anzeigen für Hüft- und Büstenhalter und für Deodorants und Mundwasser. Die sind heute verschwunden, sie wurden durch Werbung zu Krankheiten ersetzt – Herzproblemen, Arthritis, Diabetes und anderen. Wie man mit Rauchen aufhören kann, Werbung für TV-Serien, in denen immer eine, manchmal zwei göttinnengleiche Frauen mitspielen, die bisweilen aber auch Anzeigenwerbung für Haarfärbemittel oder Hautcreme machen. Und Anzeigen für Institutionen, die man bei Spielsucht anrufen kann, sowie sehr viel Werbung für die Schuldnerberatung.

Eine zeigt eine triumphierend lächelnde Frau mit einem Kleinkind. Die Textzeile dazu lautet: »Jetzt habe ich alles im Griff … und die Zahlungsaufforderungen haben ein Ende.« Eine andere verkündet: »Glück kann man nicht kaufen – aber Schulden machen unglücklich.« – »Es gibt ein Leben nach den Schulden!«, witzelt die dritte. »Ohne Schulden lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende!«, trillert eine vierte und knüpft wieder an den Märchenglauben an, der dich dazu inspirierte, Rechnungen unter den Teppich zu kehren und dir dann vorzumachen, dass sie bezahlt sind. »Sitzt Ihnen jemand im Nacken?«, fragt die fünfte Werbung, schon beunruhigender, von der Rückseite des Busses. Diese Dienste versprechen dir nicht, dass sich die Schuldenlast in Luft auflöst. Aber sie wollen dir helfen, sie zusammenzurechnen und sie dann in kleinsten Summen auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Gleichzeitig sollst du lernen, das ausgabefreudige Verhalten abzulegen, das dich so tief in die roten Zahlen hineingeritten hat.

Warum gibt es so viele Anzeigen dieser Art? Weil es eine noch nie da gewesene hohe Zahl von Verschuldeten gibt? Gut möglich.

In den Fünfzigern, dem Zeitalter der Hüfthalter und Deodorants, fanden die Werbefuzzis offensichtlich, dass nichts mehr Angst machen konnte als ein Körper, der ohne Korsett nur so herumschwabbelt und außerdem noch die Luft verpestet. Dieser Körper könnte vielleicht eigene Wege gehen, also musste man ihn unter Kontrolle behalten, andernfalls machte er sich unter Umständen selbstständig und stellte so ungeheuerliche, tief beschämende Dinge an, die niemals im öffentlichen Nahverkehr angesprochen werden durften. Heute liegen die Dinge völlig anders. Anzügliche Witze sind Teil der Unterhaltungsindustrie und somit nicht länger ein Fall für Zensur und Schuldgefühle, der Körper ist nicht mehr die Hauptzielscheibe für alle möglichen Ängste, es sei denn, er wird von einer dieser viel beworbenen Krankheiten befallen. Was jetzt Angst einjagt, sind die roten Zahlen auf dem Konto.

Und das aus gutem Grund. Die erste Kreditkarte wurde 1950 eingeführt. 1955 lag die durchschnittliche private Verschuldung aller Haushalte in Kanada bei 55 Prozent. 2003 bei 105,3 Prozent. Die Schuldenquote ist seitdem weiter angestiegen. In den Vereinigten Staaten lag sie im Jahr 2004 bei 114 Prozent. Mit anderen Worten, sehr viele Menschen geben mehr aus, als sie verdienen. Viele Regierungen auch.

Eine Freundin berichtet von einer Schuldenepidemie bei über Achtzehnjährigen, besonders bei Studenten: Sie werden von Kreditkartenfirmen ins Visier genommen, und die Studenten stürzen hinaus und geben Geld aus bis zum Gehtnichtmehr, ohne die Konsequenzen einzukalkulieren, und dann stecken sie in Schulden fest, die sie nicht bezahlen können, und das bei hohen Zinssätzen. Da Neurologen uns jetzt erzählen, dass das Gehirn heranreifender Menschen sich von dem Erwachsener sehr unterscheidet, weil es noch nicht richtig in der Lage ist, die Mathematik von »Kaufe jetzt, zahle später« zu bewältigen, sollte man diese Form des Kreditkartengeschäfts als Ausbeutung von Jugendlichen betrachten.

Am anderen Ende der Messlatte ist die Finanzwelt in letzter Zeit erschüttert worden. Das ist das Ergebnis des Kollapses einer Schuldenpyramide, der einhergeht mit etwas, was als »Subprime-Krise« bezeichnet wird – was für die meisten Menschen kaum zu verstehen ist, aber letztlich auf die Tatsache hinausläuft, dass große Finanzinstitutionen Hypotheken an Leute verschachert haben, die die Monatsraten dafür unmöglich aufbringen konnten. Und dann haben sie diese ergaunerten Hypotheken in Kartons mit eindrucksvollen Etiketten verpackt und an andere Institutionen und an Hedgefonds verkauft, die glaubten, sie seien etwas wert. Das ist wie der Kreditkartentrick bei Teenagern, nur in einem sehr viel gewaltigeren Ausmaß.

Eine Freundin aus den Vereinigten Staaten schreibt: »Früher hatte ich drei Banken und eine Hypothekenbank. Bank eins hat die anderen beiden gekauft und bemüht sich jetzt, die inzwischen bankrotte Hypothekenbank zu kaufen, nur dass heute Morgen bekannt wurde, dass auch sie große Probleme hat und deshalb versucht, mit der Hypothekenbank neu zu verhandeln. Frage eins: Wenn deine Firma bald pleitegeht, warum willst du dann eine Bank kaufen, deren Insolvenz gerade Schlagzeilen macht? Frage zwei: Wenn die Kreditgeber allesamt bankrott sind, kommen die Darlehensnehmer dann so davon? Kummer und Leid der kreditgläubigen Amerikaner kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich schätze, dass die Wohngegenden im Mittelwesten genauso aussehen wie die in meiner Stadt. Leer stehende, von Kletterpflanzen überwucherte Häuser inmitten kniehoher Wiesen, und keiner will zugeben, der Besitzer zu sein. Es geht abwärts mit uns, wir ernten, was wir gesät haben.«

Das klingt wunderschön biblisch, aber wir kratzen uns trotzdem am Kopf. Wie und warum konnte das geschehen? Die Antwort, die ich ziemlich häufig zu hören bekomme – »Gier« –, mag zwar zutreffen, aber sie ist nicht analytisch genug, um den zutiefst rätselhaften Vorgang zu entschleiern. Was sind das für Schulden, die uns so drücken? Sie umgeben uns, sie sind wie die Luft um uns herum, aber wir verschwenden keinen Gedanken daran, bis irgendetwas mit dem Nachschub schiefgeht. Wir denken inzwischen, dass Schulden geradezu unverzichtbar für unser allgemeines Wohlbefinden sind. In guten Zeiten schweben wir auf ihnen herum wie auf einem heliumgefüllten Ballon; wir steigen höher und höher, und der Ballon wird größer und größer, bis – puff – irgendein Spielverderber eine Nadel hineinpikt und wir sinken. Aber woraus besteht diese Nadel? Eine andere Freundin von mir ließ sich nie von ihrer Ansicht abbringen, dass Flugzeuge nur in der Luft bleiben, weil Menschen – wider jede Vernunft – daran glauben, dass sie fliegen können: Ohne diesen kollektiven Wahn, der sie trägt, würden sie sofort abstürzen. Ist es mit den Schulden ähnlich?

Anders ausgedrückt, vielleicht gibt es Schulden, weil wir sie uns einbilden. Die Formen, die diese Einbildung angenommen hat – und ihre Auswirkung auf unser Leben –, möchte ich untersuchen.

Unsere bisherige Einstellung zu Schulden ist tief in unserer gesamten Kultur verankert – die Kultur ist, wie der Zoologe Frans de Waal sagt, »ein extrem starker, das Leben verändernder Faktor, der uns beeinflusst und in den Kern der menschlichen Existenz eindringt«. Aber vielleicht gibt es einige noch fundamentalere Muster, die verändert wurden.

Nehmen wir mal an, dass alles, was Menschen so machen – das Gute, das Schlechte und das Hässliche (The Good, The Bad and The Ugly, Italo Western, 1966, dt. Zwei glorreiche Halunken) –, auf einem bunt gemischten Buffet menschlicher Verhaltensweisen mit dem Etikett Homo sapiens sapiens steht. Auf dem Buffet mit dem Etikett Spinnen lässt es sich nicht entdecken, weshalb wir nicht viel Zeit damit zubringen, Schmeißfliegen zu fressen. Es befindet sich auch nicht auf dem Buffet, auf dem Hunde steht, weshalb wir nicht herumstreunen und Hydranten mit einer Duftmarke versehen oder unsere Nasen in Tüten mit vergammelten Abfällen stecken. Auf einem Teil unseres Buffets steht in der Tat Essen, weil wir, gemäß unserer Spezies, von Gelüsten und Hunger gesteuert werden. Die übrigen Teller auf diesem bunten Buffet enthalten weniger greifbare Ängste und Wünsche – zum Beispiel Dinge wie »Ich möchte fliegen können«, »Ich möchte mit dir schlafen«, »Krieg einigt den Stamm«, »Ich habe Angst vor Spinnen«, »Was passiert mit mir, wenn ich sterbe?«.

Aber auf dem Tisch steht nichts, was nicht auf unserem rudimentären menschlichen Grundriss basiert oder damit verknüpft ist – mit dem, was wir wollen, was wir nicht wollen, was wir bewundern, was wir verabscheuen, was wir lieben und was wir hassen oder fürchten. Manche Genetiker gehen sogar so weit, von unseren »Modulen« zu sprechen, als wären wir elektronische Systeme mit Segmenten aus funktionalen Schaltkreisen, die ein- und ausgeschaltet werden können. Ob diese eigenständigen Module tatsächlich als Teil unserer genetisch determinierten neuronalen Vernetzung existieren, ist zurzeit noch umstritten und wird erforscht. Aber ich gehe im Moment davon aus, je älter ein erkennbares Verhaltensmuster ist – je länger es nachweisbar in uns vorhanden ist –, desto integraler muss es zu unserem Menschsein gehören und desto mehr werden die kulturellen Varianten darin nachweisbar sein.

Ich gehe hier keinesfalls von einer eingestanzten, unveränderbaren »menschlichen Natur« aus. Epigenetiker betonen, dass Gene auf verschiedene Weise exprimiert, also »eingeschaltet« oder auch unterdrückt werden können, abhängig von der Umgebung, in der sie sich befinden. Ich behaupte lediglich, dass ohne genabhängige Ausformungen – bestimmte Bausteine, die Fundamente, wenn man so will – die vielen Varianten grundlegender menschlicher Verhaltensweisen, mit denen wir um uns herum konfrontiert sind, niemals existieren würden. Ein Online-Spiel wie EverQuest, bei dem man sich vom Tagelöhner zum Ritter und Burgherrn hocharbeitet, indem man Handel treibt, sich mit Mitspielern verbündet und als Gruppe andere Burgen überfällt, wäre undenkbar, wenn wir nicht sowohl soziale Wesen wären als auch Hierarchien anerkennen würden.

Welcher uralte innere Baustein ist das Fundament dieses filigranen Schuldenrasters, das uns von allen Seiten umgibt? Warum sind wir so anfällig für im Moment vorteilhafte Angebote im Tausch gegen eine drückende Rückzahlung in der Zukunft? Nur aus dem Grund, weil wir darauf programmiert sind, gierig nach den tief hängenden Früchten zu greifen und so viel davon zu verschlingen, wie reingeht, ohne an die kargen Tage zu denken, die vielleicht vor uns liegen? Nun, zum Teil: zweiundsiebzig Stunden ohne Flüssigkeit oder zwei Wochen ohne Nahrung, und man ist höchstwahrscheinlich tot. Wenn man also nicht sofort zugreift, wird man sechs Monate später nicht mehr da sein, um sich selbst zu dieser disziplinierten aufgeschobenen Bedürfnisbefriedigung beglückwünschen zu können. So gesehen sind Kreditkarten fast eine Garantie dafür, dem Kreditgeber Gewinn zu bringen; denn dieses »Greif jetzt zu«-Verhalten kann durchaus eine sinnvolle Angewohnheit aus Jäger- und Sammlertagen sein, lange Zeit bevor wir überhaupt daran dachten, etwas für unseren Ruhestand zurückzulegen. Ein Spatz in der Hand war damals wirklich die Taube auf dem Dach wert, und ein Spatz, den man sich in den Mund stecken konnte, war noch besser. Aber geht es hier nur um kurzfristigen Gewinn, dem, auf lange Sicht gesehen, die Entbehrung folgt? Werden Schulden von unserer Gier erzeugt oder – wohlwollender ausgedrückt – von unseren normalen Bedürfnissen?

Ich gehe davon aus, dass es noch einen anderen uralten fundamentalen Baustein gibt, ohne den Schulden- und Kreditstrukturen nicht existieren könnten: unseren Sinn für Gerechtigkeit. Genau besehen, ist dieser Sinn eine bewundernswerte menschliche Besonderheit. Ohne unseren Gerechtigkeitssinn mit seiner verheißungsvollen »Es wird dir nicht zum Nachteil gereichen«-Formel würden wir es nicht als fair empfinden, dass wir zurückzahlen müssen, was wir uns geliehen haben, und kein Mensch würde so dumm sein, irgendjemandem irgendetwas in der Erwartung zu leihen, es zurückzubekommen. Spinnen teilen Schmeißfliegen nicht mit anderen ausgewachsenen Spinnen: nur Tiere, die in sozialen Gemeinschaften leben, können teilen. Die Kehrseite des Sinns für Gerechtigkeit ist das Gefühl für Ungerechtigkeit, das sich darin äußert, dass man triumphiert, wenn man selbst ungestraft ungerecht war, vielleicht aber auch Schuld empfindet, und dass man Wut und Rachegedanken hat, wenn einem eine Ungerechtigkeit widerfahren ist.

Kinder beginnen mit etwa vier Jahren zu sagen: »Das ist unfair!«, also lange ehe sie sich für ausgeklügelte Investmentmaßnahmen interessieren oder ein Gespür für den Wert von Münzen und Scheinen entwickelt haben. Es erfüllt sie auch mit Befriedigung, wenn der Schuft in ihrer Gutenachtgeschichte seine verdiente Strafe bekommt, und sie sind beunruhigt, wenn die Vergeltung ausbleibt. Der Sinn für Vergebung und Gnade scheint, wie der für Oliven und Anchovis, erst später erworben zu werden oder – wenn die Kultur es nicht gut mit ihnen meint – gar nicht. Aber wenn ein böser Mensch, ob Mann oder Frau, in ein mit Nägeln gespicktes Fass gesteckt und ins Meer gerollt wird, ist das für kleine Kinder die Wiederherstellung einer kosmischen Gerechtigkeit. Das Böse wird aus der Welt geschafft, und die Kleinen können nachts ruhig schlafen.

Das Interesse an Gerechtigkeit entwickelt sich mit zunehmendem Alter. Mit sieben gibt es eine Phase, in der über die Gerechtigkeit – beziehungsweise für gewöhnlich die Ungerechtigkeit – jeder von Erwachsenen aufgestellten Regel unerbittlich gestritten wird. In diesem Alter kann der Sinn für Gerechtigkeit auch sonderbare Formen annehmen. In den achtziger Jahren beispielsweise liebten neunjährige Kinder ein absurdes Käferzählspiel: Bei Autofahrten starrte man aus dem Fenster, bis man einen VW-Käfer entdeckte. Dann boxte man dem Kind neben sich auf den Arm und schrie: »Käfer gesehen – Klatsch! Zurückhauen gilt nicht!« Wer zuerst einen VW-Käfer sah, hatte also das Recht, das andere Kind zu boxen, und indem es hinzufügte, »Klatsch! Zurückhauen gilt nicht!«, verweigerte es dem anderen Kind das Zurückboxen. Wenn es dem anderen Mädchen oder Jungen aber gelang, »Klatsch! Klatsch! Gilt wohl!« zu brüllen, ehe man selbst seinen Bannsatz rufen konnte, dann war der Vergeltungshieb erlaubt. Um Geld ging es hier nicht; man konnte sich nicht vom Geboxtwerden freikaufen. Es ging um das Prinzip der Wechselseitigkeit: Ein Boxhieb zog verdientermaßen einen anderen nach sich, und der kam mit Sicherheit, wenn nicht blitzschnell der Bann hinzugesetzt wurde.

Die Ontogenese wiederholt die Phylogenese, haben wir gelernt: Das Heranwachsen des Individuums spiegelt die Entwicklungsgeschichte der Spezies. Wer es nicht schafft, in diesem Käferspiel die entscheidende Ausprägung des Talionsgesetzes im fast viertausendjährigen Codex Hammurapi zu erkennen – neu formuliert im biblischen »Auge um Auge, Zahn um Zahn« –, ist blind. Das Talionsgesetz ist, grob umrissen, das gesetzlich geregelte »Recht auf Vergeltung mit gleichen oder angemessenen Mitteln«. Nach den Käferspielregeln heben die Boxhiebe sich gegenseitig auf, es sei denn, du kannst deinen Zauberspruch zuerst herausschreien. Diese Art von Schutz lässt sich in der Welt der Verträge und rechtsgültigen Dokumente überall finden – in Klauseln, die mit Sätzen beginnen wie »Ungeachtet des Vorhergehenden …«

Wir hätten alle gern das Vorrecht auf einen freien Schlag oder freies Essen oder ein freies Irgendwas. Und wir befürchten alle, dass die Wahrscheinlichkeit, dieses Recht zu bekommen, äußerst gering ist, es sei denn, wir können mit einem hochwirksamen Abrakadabra aufwarten. Aber wieso wissen wir, dass ein Boxhieb voraussichtlich einen anderen auslöst? Liegt das an unserer frühkindlichen Sozialisation – wenn du dich im Kindergarten um die Knete zankst und dann sagst: »Melanie hat mich gebissen« –, oder ist dieses Wissen fest in das menschliche Gehirn eingestanzt?

Untersuchen wir letztere Annahme. Für die Existenz einer ausgedachten Konstruktion wie Schulden – du schuldest mir etwas, und die Bilanz ist erst wieder ausgeglichen, sobald du es mir zurückgegeben hast – bedarf es einiger Voraussetzungen. Eine ist, wie gesagt, die Vorstellung von Gerechtigkeit. Damit verknüpft ist die Vorstellung von Gleichwertigkeit: Was ist nötig, damit beide Seiten unserer mentalen Anschreibetafel, unserer Groll-Strichliste oder unserer doppelten Buchführung, die wir alle ständig betreiben, zu demselben Ergebnis führen und wir so zu einer ausgeglichenen Bilanz kommen? Wenn Johnny drei Äpfel hat und Suzie einen Bleistift, ist dann ein Apfel für einen Bleistift akzeptabel, oder muss eventuell ein Apfel oder ein Bleistift draufgelegt werden? Das hängt ganz davon ab, welchen Wert die jeweiligen Tauschgegenstände für Johnny und Suzie haben, was wiederum von ihrem Hunger abhängt und/oder ihrem Wunsch, ein Schreibgerät zu besitzen. In einem von beiden Seiten als fair angesehenen Tauschgeschäft gleicht sich beides gegenseitig aus, und nichts bleibt offen.

Selbst die anorganische Natur, die für ihren Ruhezustand bekannt ist, strebt nach Ausgleich. Als Kind haben Sie vielleicht dieses einfache Experiment durchgeführt, bei dem Salzwasser in die eine Seite eines Behälters mit einer durchlässigen zweiteiligen Membran gefüllt wird und Süßwasser in die andere, und dann wurde gemessen, wie lange es dauerte, bis das Natriumchlorid in das H2O auf der anderen Seite gewandert ist und beide Seiten gleich salzig sind. Und als Erwachsene haben Sie vielleicht mal bemerkt, dass Ihre kalten Füße warm werden, wenn Sie diese auf die warmen Beine Ihres Partners legen, und seine Beine dabei kälter werden. (Sollten Sie das zu Hause ausprobieren wollen, verraten Sie nicht, dass ich Sie dazu angestiftet habe.)

Viele Tiere können »größer als« von »kleiner als« unterscheiden. Raubtiere müssen diese Fähigkeit beherrschen, denn es könnte buchstäblich tödlich für sie enden, wenn ihre Augen größer sind als der Magen. Die Seeadler am Pazifik können von Lachsen, die zu schwer für sie sind, in ein nasses Grab gezogen werden; denn wenn sie erst mal zugeschlagen haben, können sie ihre Krallen nur auf festem Untergrund wieder lösen. Sollten Sie schon mal mit kleinen Kindern im Raubtierhaus eines Zoos gewesen sein, haben Sie vielleicht bemerkt, dass mittelgroße Raubkatzen wie Geparden Sie kaum eines Blickes würdigen, die Kinder aber gierig beäugen, weil die Kleinen für sie mundgerechte Appetithappen sind und Sie nicht.

Die Fähigkeit, einen Feind oder eine Beute einzuschätzen, ist eine natürliche Eigenschaft im Reich der Tiere, aber unter den Primaten ist die Fähigkeit, zwischen »größer als« und »besser als« unterscheiden zu können, wenn es um das Aufteilen essbarer Leckereien geht, fast schon unheimlich. 2003 berichtete die Fachzeitschrift Nature über Experimente, die von Frans de Waal und der Anthropologin Sarah F. Brosnan am Yerkes National Primate Center der Emory University durchgeführt wurden. Für ihre Versuche trainierten sie zunächst Kapuzineraffen darauf, Spielsteine gegen ein Stück Gurke einzutauschen. Dann gaben sie einem der Affen eine Weintraube – die den Affen wertvoller erschien – für einen Spielstein. »Man kann das mit den Gurkenstückchen fünfundzwanzigmal hintereinander durchführen, und sie sind vollkommen zufrieden«, so de Waal. Aber wenn einem der Affen eine Weintraube gereicht wurde – er also ungerechterweise eine bessere Bezahlung für gleiche Arbeit erhielt –, regten sich die Gurkenempfänger auf, fingen an, die Spielsteine aus dem Käfig zu werfen, und verweigerten schließlich die Mitarbeit. Wenn nur einer von ihnen aus unersichtlichen Gründen eine Weintraube erhielt, wurde die Mehrheit der Affen so wütend, dass sie das Fressen verweigerte. Die Affen streikten. Sie hätten genauso gut Schilder hochhalten können: Wir protestieren gegen die ungerechte Verteilung von Weintrauben durch die Geschäftsleitung!Das Eintauschen von Spielsteinen gegen Gurkenstückchen war einstudiert, während die Empörung spontan zu sein schien.

Keith Chen, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Yale School of Management, arbeitete ebenfalls mit Kapuzineraffen. Er fand heraus, dass er ihnen antrainieren konnte, münzenähnliche Metallscheiben als Währung zu benutzen, die Münzen waren wie die Spielsteine, aber sie glänzten. »Mein Ziel ist es, zu bestimmen, welche Aspekte unserer ökonomischen Verhaltensweisen, Tauschen zum Beispiel, angeboren, im Hirn verankert und über die Zeit hinweg konserviert worden sind«, sagt Chen. Aber warum sollen wir uns auf so offenkundig ökonomische Verhaltensweisen wie den Tauschhandel beschränken? Bei in sozialen Gemeinschaften lebenden Tieren, die miteinander kooperieren müssen, um gemeinsame Ziele zu erreichen, wie – bei Kapuzineraffen – das Töten und Fressen von Eichhörnchen und – bei Schimpansen – das Töten und Fressen von Buschbabys, muss es auch ein allerseits als gerecht empfundenes Aufteilen der Ergebnisse dieser Gruppenanstrengung geben. Gerecht ist nicht dasselbe wie gleich: Wäre es beispielsweise gerecht, wenn auf dem Teller eines vierzig Kilo schweren Zehnjährigen die gleiche Portion Essen läge wie auf dem eines zwei Zentner schweren Riesen? Bei den Schimpansen erhält derjenige mit der stärksten Persönlichkeit oder der kräftigsten Statur normalerweise mehr, aber alle, die sich an der Jagd beteiligt haben, erhalten zumindest etwas. Das ist ziemlich genau das gleiche Prinzip, das Dschingis Khan anwandte, wenn er die Beute seiner Eroberungen, Raubzüge und Plünderungen zwischen seinen Verbündeten und den eigenen Truppen aufteilte. Alle, die sich verwundert über politische Parteien äußern, weil sie aufgrund von Wahlspenden und Vetternwirtschaft gewonnen haben, mögen Folgendes bedenken: Wer nicht großzügig ist, den werden die Leute auch nicht unterstützen, wenn er sie braucht. Man muss ihnen zumindest ein paar Stückchen Gurke geben und möglichst nicht gleichzeitig Weintrauben an die Rivalen verteilen.

Wenn jegliche Gerechtigkeit fehlt, rebellieren die Mitglieder der Schimpansengruppe. Zumindest werden sie wohl kaum bei der nächsten Jagd mitmachen. In dem Maß, in dem es sich um in sozialen Gemeinschaften lebende Tiere handelt, die in einer komplexen Gruppe, in der Status zählt, interagieren, achten Primaten sehr darauf, was sich für das einzelne Mitglied schickt und was demgegenüber eine dreiste Übertretung darstellt. Lady Catherine de Bourgh, versnobte Ranghöchste in der Hackordnung in Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil, hatte mit ihrer fein geeichten Nase, die immer auf den Stallgeruch achtet, im Vergleich zu Kapuzineraffen oder Schimpansen nichts zu bieten.

Schimpansen beschränken ihren Tauschhandel nicht allein aufs Fressen; sie tauschen regelmäßig reziproke Gefälligkeiten aus. Schimpanse A hilft Schimpansen B, sich gegen Schimpansen C zu verschwören, und erwartet, dass der ihm im Gegenzug ebenfalls hilft. Sollte Schimpanse B dann nicht auf der Matte stehen, wenn Schimpanse A ihn braucht, ist Schimpanse A außer sich und legt laut kreischend einen Wutanfall hin. Anscheinend gibt es eine Art inneres Kassenbuch. Schimpanse A empfindet ganz genau, was Schimpanse B ihm schuldet, und Schimpanse B spürt das auch. Wie es scheint, gibt es auch bei Schimpansen Ehrenschulden. Genau derselbe Mechanismus liegt auch Francis Ford Coppolas Film Der Pate zugrunde: Ein Mann, dessen Tochter entstellt wurde, bittet den Mafiaboss um Hilfe. Er erhält sie, aber es versteht sich von selbst, dass er sich für diesen Gefallen später auf irgendeine abstoßende Art wird erkenntlich zeigen müssen.

Wie Robert Wright in seinem Buch von 1995, Diesseits von Gut und Böse: Die biologischen Grundlagen unserer Ethik, schreibt:

Der reziproke Altruismus hat vermutlich nicht nur die Affektstruktur des Menschen, sondern auch die Struktur seiner Erkenntnisfähigkeit mitgeprägt. Wie Leda Cosmides gezeigt hat, können Menschen eine Denkaufgabe, an der sie sich sonst die Zähne ausbeißen, in dem Moment lösen, wenn sie ihnen in Form eines Problems des sozialen Austauschs gestellt wird – insbesondere wenn die Frage lautet, ob einer der Beteiligten betrügt. Das legt nach Meinung von Cosmides die Vermutung nahe, dass sich unter den mentalen Organen, die den reziproken Altruismus steuern, auch ein »Betrügerdetektionsmodul« befindet. Fraglos harren noch weitere derartige Module ihrer Entdeckung.

Ein »Betrügerdetektionsmodul« setzt ein paralleles Modul voraus, eines, das Ehrlichkeit bewertet. Kleine Kinder riefen früher auf dem Schulhof: »Lügen haben kurze Beine.« Das stimmt, wir gehen mit Lügnern und Schwindlern hart ins Gericht, was ihr späteres Weiterkommen beeinträchtigt, doch leider wird unser Urteil nur vollstreckt, wenn sie erwischt werden.

Wright berichtet außerdem von einem Wettbewerb zwischen Computerprogrammen, den der amerikanische Politologe Robert Axelrod Ende der siebziger Jahre angeregt hatte. Bei dem Wettbewerb wurde getestet, welche Spielstrategien der jeweiligen Programme in einer Reihe von Begegnungen mit den anderen Programmen am längsten überleben und warum. Wenn ein Programm das erste Mal auf ein anderes Programm »traf«, musste es entscheiden, ob es kooperiert, mit Aggression und Mogeln reagiert oder ob es sich weigert mitzuspielen. Robert Wright schreibt:

Die simulierte Wettbewerbssituation war somit ein ausgezeichnetes Modell für den gesellschaftlichen Kontext der menschlichen – wie der vormenschlichen Evolution: einer ziemlich kleinen (in diesem Fall etliche Dutzend Mitglieder zählenden) Gemeinschaft von regelmäßig miteinander interagierenden Individuen. Jedes Programm war in der Lage, »sich zu erinnern«, ob die einzelnen anderen Programme bei vorausgegangenen Begegnungen für Zusammenarbeit optiert hatten oder nicht, und sein eigenes Verhalten entsprechend anzupassen.

Das Programm, das als Sieger aus diesem Wettbewerb hervorging, hieß TIT FOR TAT – WIE DU MIR, SO ICH DIR. Schlägst du mich, schlage ich zurück. Dieses Programm funktionierte nach einer denkbar einfachen Regel. Wright erklärt:

[Die Strategie] beginnt beim ersten Zug mit »Zusammenarbeit«, um in der Folge nur mehr den vorangegangenen Zug des Gegenspielers zu kopieren. Eine gute Tat ist der anderen wert, und für eine böse Tat gilt das Gleiche.

Dieses Programm gewann schließlich, weil es sich nie zweimal schikanieren ließ: Wenn ein Gegner es beschummelte, verweigerte es beim nächsten Mal die Zusammenarbeit und, im Gegensatz zu ständigen Moglern und Ausbeutern, verfeindete es sich weder mit den meisten anderen, was zur Folge gehabt hätte, vom Spiel ausgeschlossen zu werden, noch beteiligte es sich an eskalierenden Aggressionen. Es spielte nach einer erkennbaren »Auge um Auge«-Regel: Mach mit anderen, was sie mit dir tun. (Was nicht dasselbe ist wie die goldene Regel: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Diese Regel ist viel schwieriger einzuhalten.)

In dem von TIT FOR TAT – WIE DU MIR, SO ICH DIR gewonnenen Wettbewerb zwischen Computerprogrammen standen jedem Spieler dieselben Ressourcen zur Verfügung. Sich bei der ersten Annäherung mit Freundlichkeit zu begegnen und dann auf die folgenden entsprechend zu reagieren – also Gutes mit Gutem zu vergelten und Böses mit Bösem – ist nur dann eine erfolgreiche Kriegslist, wenn die Ressourcen ausgeglichen sind. Den konkurrierenden Programmen waren keine überlegenen Waffensysteme erlaubt. Hätte man einem der Teilnehmer einen Vorteil zugestanden, etwa einen Streitwagen, einen mongolischen Doppelbogen oder eine Atombombe, wäre das Siegerprogramm TIT FOR TAT – WIE DU MIR, SO ICH DIR ein Flop gewesen, weil der Spieler mit einem technischen Vorteil seine Gegner hätte auslöschen, versklaven oder zwingen können, zu ungünstigen Bedingungen mit ihm Handel zu treiben. Genau dies ist in der Tat über lange Zeiträume hinweg in unserer Geschichte geschehen: Diejenigen, die Kriege gewannen, schrieben die Gesetze und legten Ungleichheit fest, legalisierten hierarchische Gefüge und stellten sich selbst an die Spitze.

Ich habe dieses »freundliche, aber strenge« »Wie du mir, so ich dir«-Muster als Kind kennen gelernt, aber in einem literarischen Gewand. In Charles Kingsleys 1863 erschienenem Kinderbuch Die Wasserkinder: Eine Mär von Fluss und Meer ertrinkt Tom – ein ausgebeutetes und misshandeltes Kind, das als Schornsteinfeger arbeitet – in einem Fluss und merkt, dass er Kiemen hat und herumschwimmen kann wie ein Teichmolch. Er besteht in der Unterwelt des Wassers viele Abenteuer und lernt durch Versuch und Irrtum, ein – nach Kingsleys Auffassung – idealtypischer christlicher Mann des viktorianischen Zeitalters zu werden. Seine wichtigsten Lehrmeisterinnen sind zwei mächtige übermenschliche Frauen – die schöne, liebevolle Wasserkindererzieherin Mrs Tuwieduwillstdassmandirtu, die goldene Regel in Person, und die hässliche, strenge, strafende, aber gerechte Mrs Dirgeschehwasdugetan, die ideale Verkörperung einer Payback-Nanny. Der viktorianische Leser wird in ihnen vielleicht die Verkörperung von Gnade und Gerechtigkeit erkannt haben oder sogar die nährende Mutter Natur im Sinn von Wordsworth – die »niemals das Herz verraten hat, welches sie liebte« – und die Darwin’sche unerbittliche »Gefangene werden nicht gemacht«-Mutter Natur mit einem Hauch Lamarckismus: Du wirst zu dem, was du tust. (Kingsley war mit Darwin befreundet; das Buch Die Wasserkinder wurde nur vier Jahre nach dem Erscheinen von Die Entstehung der Arten veröffentlicht und gehört zu den ersten literarischen Reaktionen darauf. Es könnte sogar zu einem der ersten mutigen Beiträge der Intelligent-Design-Bewegung gerechnet werden: Sollten der Garten Eden und Noahs Sintflut jemals näher untersucht werden, könnte man vielleicht auf Mrs Dirgeschehwasdugetan zurückgreifen, um sowohl in der Ordnung der Natur als auch in der Ordnung des Menschen einen Sinn zu sehen.)

Nach heutigen Maßstäben könnte Mrs Tuwieduwillstdassmandirtu als erster kooperativer Spielzug von TIT FOR TAT – WIE DU MIR, SO ICH DIR gesehen werden, und Mrs Dirgeschehwasdugetan mit ihrer Birkenrute verkörpert das, was passiert, wenn man übel handelt. Tom, zum Beispiel, war ungezogen – er hat den Seeanemonen Kiesel in den Mund gesteckt, um sie zu ärgern –, deshalb bekommt Tom von Mrs Dirgeschehwasdugetan keinen Bonbon wie die anderen Wasserkinder, sondern einen Stein.

Am Ende des Buches wird verraten, dass die beiden Frauen ein und dieselbe Person sind, eine Person, die übrigens sehr den jung-alten und freundlich-drohenden weiblichen Allegorien der christlichen Barmherzigkeit in George MacDonalds Curdie-Fantasymärchen ähneln: Die viktorianischen Menschen liebten ihre übermenschlichen Frauengestalten sehr. Aber diese doppelgesichtige Lady wirft mehrere Fragen auf. Ich habe mir schon früher überlegt, warum ihre beiden Avatare verheiratet waren – hatten sie vielleicht zu viel mit Babys zu tun, um als alleinstehende Frauen respektiert zu werden? –, und wo trieben sich Mr Tuwasduwillstdassmandirtu und Mr Dirgeschehwasdugetan herum? Wahrscheinlich in der Kneipe um die Ecke, um den Kinderschwärmen, den ekligen du-du-du-Schnalzern und den hässlichen Birkenrutenbestrafungen zu entgehen. Ich bin sicher, ihre Frauen, oder Frau, hatten mindestens je einen eigenen Sprössling, denn sonst gäbe es nicht Mary Poppins von P. L. Travers. Sie stammt doch offenkundig direkt von den Wasdassdu-Zwillingen ab. Aber diese Fragen müssen für immer und ewig unbeantwortet bleiben.

Stattdessen frage ich: Warum ist Kingsleys Figur der Gnade-und-Gerechtigkeit weiblich?

Es stellt sich heraus, dass Kingsleys doppelgesichtige Justitia entfernte Vorfahren hat. Am liebsten würde ich jetzt wie bei Raumschiff Enterprise einen Riesensprung durch Zeit und Raum machen und weit, weit zurückgehen, Tausende von Jahren zurück, in den Orient. Ich bin einer Abbildung und einem Sternbild auf der Spur. Das Sternbild ist Libra, die Waage. Das astrologische Sternzeichen herrscht vom 23. September bis zum 22. Oktober. Eine Erklärung für den Namen könnte sein, dass die Waage in der Zeit der herbstlichen Tagundnachtgleiche aufsteigt. Sie ist ein Instrument zum Aufwiegen von Wert und Gegenwert. Fragwürdiger ist die Interpretation der Tatsache, dass sie zur Erntezeit erschien, wenn die Bauern ihre Erzeugnisse abwogen, um sie zu verkaufen.

Wahrscheinlicher ist, dass es einen anderen Ursprung hatte. Auf Akkadian – einer alten semitischen Sprache, die unter anderem von den Assyrern gesprochen wurde – nannte man diese Sternenkonstellation zibanitu, was »die Zange des Skorpions« hieß, weil sie direkt vor dem Sternbild Skorpion aufstieg und als ein Teil von ihm angesehen wurde. Aber das Wort zibanitu konnte auch Waage bedeuten, denn das auf den Kopf gestellte Zeichen für Skorpion ähnelt von der Form her einer altertümlichen Waage. Diese Sternenkonstellation ist jetzt nur noch als Waage bekannt und wird für gewöhnlich als Balkenwaage dargestellt, mit einem Querbalken, der in der Mitte an einer senkrechten Achse oder Kette aufgehängt ist. An jedem Ende des Balkens hängt eine Schale. Die Waage ist das einzige Sternzeichen, das weder ein Tier noch einen Mensch darstellt. Doch sie wird häufig von einer jungen Frau gehalten, wahrscheinlich von Asträa, der Tochter von Zeus und Themis. Beide, Themis und Asträa, waren Göttinnen der gesetzlichen Ordnung und des Rechts, und Asträa ist auch bekannt als das Sternzeichen der Jungfrau, der Virgo. In der Jungfrau-Waage-Konstellation sehen wir also eine junge Frau, die eine Balkenwaage hält und Gerechtigkeit symbolisiert.

Die Verbindung zwischen Themis und Asträa mit Mrs Dirgeschehwasdugetan scheint weit hergeholt zu sein, aber es gibt noch ein paar weitere Verquickungen. Wenn wir wieder durch Zeit und Raum zurückspringen, finden wir uns im alten Ägypten wieder und suchen nun nach Messeinheiten zum Wiegen. Die Balkenwaage gehört zu den allerersten Vorrichtungen, die auf bildlichen Darstellungen der Mythen zu sehen sind. Es gibt viele Abbildungen von Waagen in den »Sargtexten«, die man in den Gräbern fand – Sargtexte waren Amulette und Zaubersprüche, die entweder auf den Sarg selbst oder auf Papyrusrollen geschrieben wurden und die der Seele helfen sollten, nach dem Tod ihren Weg durch die ägyptische Unterwelt zu finden.

Erster Halt auf dieser Reise der Seele waren die Hallen der Ma’ati, wo das Herz eines Toten auf einer Waage gewogen wurde, wie sie im alten Ägypten zum Abwiegen von Gold und Juwelen benutzt wurde. Der Name Ma’ati bedeutete Doppel-Ma’at – doppelt nicht im negativen Sinn von »Double«, Kopie, sondern im Sinn von Verstärkung, von doppelter Kraft. Ma’at war eine Göttin, manchmal wird sie auch als zwei Göttinnen dargestellt oder als Zwillingspaar im Teenageralter, mit Flügeln an den Schultern und Straußenfedern im Kopfschmuck. Sie war eine der richtenden Gottheiten bei der Herzwägung, die anderen beiden waren Anubis mit dem Schakalkopf – er war es, der mit der Waage abwog – und der ibisköpfige Thot, der Gott des Mondes. In einer Gesellschaft, die nach dem Mondkalender lebt, war Thot der Gott der Zeitmessung. Er war auch der Gott der Maße und Zahlen, der Astronomie und der technischen Fertigkeiten, außerdem war er ein übermenschlicher Schriftgelehrter und Gerichtsschreiber. In den Darstellungen, die das Abwiegen der Herzen zeigen, wird er häufig mit gezücktem Griffel und der Wachstafel gezeigt, genauso wie ein Schreiber im echten Leben beim Abwiegen von Gold anwesend sein und die Ergebnisse notieren würde.

Manchmal wird eine auf der einen Schale sitzende Miniatur-Ma’at gezeigt, aber häufiger lag dort ihre Feder – die Feder der Ma’at –, die als Gegengewicht für das Herz genommen wurde. Wenn das Herz so leicht war wie Ma’at oder ihre Feder, was auf das Gleiche hinauslief, durfte der Verstorbene zur nächsten Stufe wechseln, traf auf Osiris und verschmolz mit ihm, dem Gott der Unterwelt. Dort wies man ihm dann einen Platz zu – und die Möglichkeit der Wiedergeburt. (Der Innenraum eines Sargs hieß bei den Ägyptern beschwichtigend »das, was befruchtet wird«, und die Hülle des Sargs war »das Ei« – ein Verstorbener konnte also ausschlüpfen, genau wie ein Vogel.)

Doch wenn ein Herz mehr wog als die Feder, wurde es einer gnadenlosen krokodilköpfigen Gottheit vorgeworfen, die es verspeiste. So wie in den meisten Sagenwelten oder Religionen, konnte man diesen gefürchteten Urteilsspruch umgehen: Man konnte das Herz rechtzeitig mit besonderen Amuletten verstärken und es verpflichten, einen nicht zu verraten. Wahrscheinlich war das Herz zur Kooperation bereit, denn es wäre für beide besser, wenn das Herz die miesen Taten des Verstorbenen für sich behielte: Keiner von beiden hatte ein Interesse daran, von einem Krokodil aufgefressen zu werden. Andererseits könnte das betrügerische Herz einen vielleicht doch verraten. Diese Ungewissheit muss es gewesen sein, die das Drama des Todes für die alten Ägypter so ungeheuer beunruhigend gemacht hat.

Interessant ist, dass es das Herz war, sogar schon vor so langer Zeit, von dem man annahm, dort würden die guten und die bösen Taten gespeichert, wie in dem betrügerischen Bildnis von Dorian Gray. Nicht das Herz erinnert sich an unsere Moral, an Positives und Negatives, nein, es ist das Gehirn. Aber davon lassen wir uns nicht überzeugen. Niemand schickt seiner Liebsten das Bild von einem Gehirn, das von einem Pfeil durchbohrt wird, und wenn wir Liebeskummer haben, sagen wir auch nicht: »Er hat mir das Gehirn gebrochen.« Vielleicht liegt es daran, dass es das Herz ist, das wir spüren, selbst wenn sich das Gehirn ganz oben im Kontrollturm befindet, es ist das Herz, das auf unsere Gefühle reagiert – wie bei Sei still, mein Herz (nicht mein Gehirn).

Warum wurde Ma’at als Gegengewicht für das Herz gewählt? Ma’at war eine Göttin, die weder eine fest umrissene Aufgabe hatte noch für einen bestimmten Bereich zuständig war, wie zum Beispiel Schriftkunde oder Fruchtbarkeit oder Tierzucht: Sie war viel bedeutender. Das Wort ma’atbedeutete Wahrheit, Gerechtigkeit, Ausgewogenheit, es umfasste auch die herrschenden Gesetze der Natur und des Universums sowie das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit – Tage, Monate, Jahreszeiten, Jahre. Es stand für gute Manieren im gesellschaftlichen Umgang, für die Anerkennung der sozialen Ordnung, für die Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten, für die wahren, gerechten und moralischen Verhaltensweisen – all diese Vorstellungen sind in einem kurzen Wort zusammengefasst. Im Gegensatz dazu standen Chaos, Selbstsucht, Falschheit, schlechtes Benehmen – jede Art der Abweichung von der göttlichen Ordnung der Welt.

Die Auffassung von einem Universum, das auf einem Gleichgewichtsprinzip beruht, mit dem wir im Einklang leben müssen, scheint fast überall geherrscht zu haben. In der chinesischen Kultur ist es das Tao oder der Weg, in der indischen Kultur das Rad der Karma-Gerechtigkeit. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten, und wenn nicht jetzt, dann in der Zukunft, das kosmische TIT FOR TAT – WIE DU MIR, SO ICH DIR-Gesetz der Gegenseitigkeit wird dafür sorgen, dass Gutes mit Gutem und Böses mit Bösem vergolten wird.

Auch in schamanistischen Jäger- und Sammlergesellschaften gab es den richtigen Weg. Wurde er verfehlt, geriet das Gleichgewicht der natürlichen Welt durcheinander, und eine Hungersnot folgte: Wenn man die Tiere, die man getötet hatte, nicht mit Respekt behandelte, zum Beispiel zu viele tötete und ihnen nicht dafür dankte, dass sie sich als Nahrung darboten, und wenn man die Beute nicht gerecht geteilt hatte, so wie die gute Sitte es verlangte, dann würde die Göttin einem die Tiere in Zukunft vorenthalten.

Die Beschützerin der Tiere und der Jagd war eindeutig weiblich. Die alten Griechen verehrten Artemis mit dem Silberbogen als Herrin der Tiere; es gab viele keltische Göttinnen, die die wilden Tieren behüteten; bei den Inuit in Nordkanada war Nulialiut eine gefürchtete Meeresgöttin, die Seehunde, Wale und Walrösser schenkte oder versagte, abhängig vom guten oder schlechten Verhalten der Menschen. In frühneolithischer Zeit glaubte man, dass Babys allein von Frauen geschaffen wurden, deshalb war es nur folgerichtig, dass die Fruchtbarkeit von Wildtieren auch von einer weiblichen Gottheit kontrolliert wurde. Eine Göttin war weder bescheiden noch mädchenhaft und konnte zornig und erbarmungslos sein, wenn man sie verärgerte.

Doch in der Zeit, als die alten Ägypter anfingen, ihre Mythologie niederzuschreiben und auszuarbeiten, lebten sie bereits in einer Agrargesellschaft. Sie waren nicht mehr abhängig von wilden Tieren, sondern betrieben Ackerbau und Viehzucht. Immer noch hatten sie viele Götter mit Tierköpfen, allerdings handelte es sich kaum noch um Köpfe von wilden Tieren, sondern von Haustieren, wie zum Beispiel Kühen. Eine Ausnahme war die Göttin mit dem Löwenhaupt, Sachmet. Der Name bedeutet »Sie, die Macht hat«, und sie war für eine zunächst verwirrende Reihe von Dingen zuständig: Krieg und Zerstörung, Plagen und Orkane einerseits und Ärzte, Heilung und Schutz vor dem Bösen andererseits. Diese zweischneidige Auflistung erklärt sich uns, sobald wir wissen, dass Sachmet auch die Verteidigerin von Ma’at ist. Ihre Zerstörungen rächen Unrecht und bringen die Dinge wieder ins Lot. Sachmet ist TIT FOR TAT in Aktion – anders als Ma’at, die keine Taten vollbringt, sondern den Standard verkörpert, an dem sie zu messen sind.

Sachmet war, genau wie Ma’at, eine Tochter des Sonnengottes Ra, des Spenders des Lebens, der die Welt schuf, indem er ihr einen Namen gab. Sachmet war auch als das »flammende Auge von Ra« bekannt, als Göttin, die Unrecht aufspüren und versengen konnte. (Diese Vorstellung existiert auch im Alten Testament – das allsehende Auge Gottes konzentriert sich für gewöhnlich eher auf die schlechten Taten als auf die guten.) Aber Sachmet scheint ihren Aufgabenbereich auf das irdische Leben beschränkt zu haben, während Ma’at überall gegenwärtig ist. Sie war das sine qua non, ohne das nichts existieren könnte. Das heißt, in der Gerichtsverhandlung nach dem Tod wird das Herz gegen nichts weniger aufgewogen als die Gesamtsumme der Gebote des Universums.

Wir haben in der Schule gelernt, dass wir die philosophischen Erben der Griechen, Römer und Hebräer sind, nicht der alten Ägypter. Tatsache aber ist, dass die Tradition der göttlichen Gerechtigkeit in der griechischen Antike verwirrender und fremder für uns ist als die der ägyptischen. In der griechisch sprechenden Welt gab es mehrere Göttinnen der Gerechtigkeit. An erster Stelle stand Themis, deren Name »Ordnung« bedeutete und die einige der Maßstäbe von Ma’at verkörperte. Themis gehörte dem Göttergeschlecht der Titanen an, war also ein Mitglied jener alten übermenschlichen Herrscherklasse, die aus der Verbindung von Himmel und Erde hervorgegangen war. Sie wurden von Zeus und den Göttern des Olymps entmachtet, doch die Titanin Themis überdauerte den Umsturz und bekam einen Sitz an der Göttertafel im Olymp. Sie war eine unfehlbare Seherin, deren Kräfte sich aus ihrer Fähigkeit speisten, die universalen Zusammenhänge zu durchschauen. In einigen Überlieferungen hat sie mit Zeus eine Tochter namens Dike oder »Gerechtigkeit« – wobei diese Gerechtigkeit weniger auf die ägyptische Ausgewogenheit abzielte als auf Strafe. Dike war oft aggressiv und ist auf Vasen mit einem Schlagstock abgebildet.

Eine andere Art der Gerechtigkeit wurde von der Göttin Nemesis personifiziert, die häufig als Göttin der Vergeltung gesehen wird, aber ihr Name bedeutet in etwa »Anteile spenden«. Sie war also eigentlich die Göttin, die die schicksalhafte Verteilung von Glück und Unglück im Gleichgewicht hielt. Zu ihren Insignien gehörte das Rad des Schicksals, das Richtschwert und eine Geißel aus Zweigen – ähnlich der Birkenrute von Mrs Dirgeschehwasdugetan. Die dritte griechische Göttin der Gerechtigkeit ist Asträa, ebenfalls eine Tochter von Themis. Ihre Gerechtigkeit ähnelt der von Ma’at, sie versinnbildlicht Wahrheit und Gerechtigkeit, die guten Sitten und die Einhaltung der Gesetze; doch die Schlechtigkeit der Menschen veranlasste sie, die Erde zu verlassen, und so wurde sie zum Sternzeichen Virgo – der schon erwähnten jungen Frau, die die göttliche Waage hält.

Für alle Religionen scheint zu gelten: Man nimmt sich von den alten Religionen, was man braucht, fügt die Bröckchen in die eigene Religion ein und wirft den Rest weg oder verteufelt ihn. Die römische Göttin der Justiz hieß Justitia, in den Händen hielt sie Asträas Waage und Nemesis’ Schwert – beide gehörten vorher vielleicht mal dem mesopotamischen Sonnengott Schamasch, der Waagschalen zum Abwiegen von Recht und Unrecht und ein Richtschwert zur Durchsetzung des Rechts hatte. Justitia trug später auch eine Augenbinde, um unbeeinflusst vom Status eines Angeklagten zu bleiben. Manchmal hatte sie eine Fackel als Symbol für das Licht der Wahrheit, manchmal auch ein römisches Rutenbündel, die Fasces, als Zeichen ihrer zivilen Amtsgewalt. Da sie nur zwei Hände hatte, konnte sie die Insignien nicht alle gleichzeitig halten, sollten Sie also eine Darstellung von Justitia an den Fassaden europäischer oder nordamerikanischer Gerichtsgebäude sehen, wird sie zwischen diesen Objekten gewählt haben. Meistens sehen wir die Waage und das Schwert.

Justitia hat also viele Accessoires von den Göttinnen und Göttern vor ihrer Zeit geerbt, aber man glaubte nicht, dass sie über die Seelen der Toten zu Gericht saß. Sie war die oberste Instanz des Gerichts und wog nicht Herzen, sondern das vorliegende Beweismaterial ab. In römischer Zeit wurde sie dann zu einer allegorischen Figur und war nicht mehr die numinöse, Ehrfurcht gebietende Gottheit. Die alten Ägypter glaubten fest an die Existenz der Göttin Ma’at und vor allem an die ihr zur Seite stehende Sachmet, sie glaubten daran, dass diese Gottheiten einschreiten und streng richten würden, sowohl in diesem als auch im nächsten Leben. Aber Justitia ist inzwischen eine Statue, die für ein Prinzip steht: Die Gerechtigkeit, die sie verkörpert, war eine von Menschen geschaffene Rechtsordnung. Sie wurde zur Repräsentantin eines Gerichts, in dem die Gesetze einer von den Menschen selbst geschaffenen Ordnung vertreten wurden.

So viel erst mal zur Gerechtigkeit in diesem Leben, aber was ist mit dem nächsten? Über das Leben nach dem Tod haben die Griechen und Römer nicht sehr viel und auch nichts Angenehmes geschrieben, aber es gab eine Instanz in einer trüben Unterwelt, die über die Seelen zu Gericht saß und offenbar irgendwelche Belohnungen und Strafen aussprach. Aber tot sein war absolut nicht lustig: wie der tote Held Achilles in der Odyssee dem zu Besuch weilenden, noch lebenden Odysseus erzählt. Es sei besser, einen Tag auf der Erde als gemeinster aller Sklaven zu verbringen, denn ein König der Toten zu sein. Zwar wurden manche Menschen im Reich der Toten bestraft, aber für die Tugendhaften gab es keine elysischen Felder: keine Gärten, keine Harfen, keine Jungfrauen. Der langweilige Asphodeliengrund war schon das höchste der Gefühle. Und was den Menschen an Glück oder Pech widerfuhr, das war das Werk der Schicksalsgöttinnen, gegen das selbst die übrigen Götter machtlos waren. Im Licht von »Wie du mir, so ich dir« besehen, war die griechisch sprechende Welt verdammt »so wie ich dir«-lastig. Böses wurde mit Bösem vergolten, aber wenn es um die Belohnung für das Gute ging, waren sie nicht so hinterher. Das Höchste, was man diesbezüglich vielleicht erwarten konnte, war, in einen Baum verwandelt zu werden.

Um wenigstens ein bisschen näher an das ägyptische Aufwiegen der Herzen zu kommen und auch an Ma’ats ausgewogene Weltsicht, müssen wir einen Zeitsprung nach vorn machen, in die Zeit des Christentums. Die im Wort ma’at enthaltene Vorstellungswelt eines Ganzen wird auch mit dem griechischen Wort lógos ausgedrückt, jedenfalls in einigen Zusammenhängen. Lógos ist weder ein Rad noch eine Waage, sondern ein Wort, genauer: das Wort. Es gelangt durch das berühmte Johannesevangelium in das Christentum. »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Aber lógos ist nicht einfach nur irgendein Wort – es ist wie ein Zwilling von Ma’at. Lógos ist gleichzeitig Gott und Wort, steht für das Wahre, das Gerechte und die moralischen Grundlagen der ganzen Welt.

Im Christentum gibt es keine Göttinnen. Es gibt ein paar Heilige, von denen viele mit ihren abgetrennten Körperteilen, die sie in den Händen halten, abgebildet wurden. Aber obwohl sie Ihnen vielleicht helfen können bei der Suche nach einem Ehemann oder beim Klavierspielen oder beim Finden verloren gegangener Gegenstände, haben sie keine nennenswerte Macht. Die Jungfrau Maria ist die stärkste von ihnen, aber sie kann auch nicht mehr tun, als vermittelnd für Sie einzutreten. Sie inszeniert nicht mit dem Mut einer Löwin irgendwelche zerstörerischen Vergeltungsschläge.

Doch statt unbedeutender Götter hat das Christentum Engel vorzuweisen. Sie sind nicht direkt weiblich, aber sie tragen fast alle lange Haare und haben keine Bärte. Beim Jüngsten Gericht beherrscht Christus, der Osiris gleicht, die Szene, doch es ist der Erzengel Michael, der die Seele abwiegt. Wie Ma’at hat er Flügel und ist häufig mit einer Waage abgebildet. Außerdem hat er von den Römern das Richtschwert geerbt. Wie bei den Ägyptern gibt es jemanden, der die Ergebnisse festhält, dieser »Schreiber« ist der Erzengel Gabriel. Er bringt die Bücher Gottes immer auf den letzten Stand, und seine Aufzeichnungen werden am Tag des Jüngsten Gerichts ausschlaggebend sein.

Und vielleicht sogar schon früher. Sollte im Himmel gerade das Gericht tagen, schaut der Bettler Lazarus, der auf der Erde arm und krank war, über das Geländer der himmlischen Zuschauertribüne hinunter auf den reichen Mann, der jetzt unten gebraten und geröstet wird; und so sind die Glück- und Leidkonten wieder ausgeglichen. Auch im Islam gibt es am Tag des Jüngsten Gerichts eine Waage. Mit der mizan werden die guten Taten gegen die schlechten aufgewogen, und es gibt nicht nur ein Buch, sondern gleich zwei, die von Engeln geführt werden. Der eine Engel hat die guten Taten in seinem Buch auf der rechte Seite eingeschrieben, der andere Engel hat in seinem Buch die schlechten Taten auf der linken Seite eingetragen. Sie haben die Bücher zur Hand, und es gibt keine Chance mehr für die übliche Ausrede von Politikern: Ich kann mich nicht erinnern.

Es ist eine weite Reise von den ägyptischen Göttinnen Ma’at und Sachmet zur römischen Göttin Justitia und über den Erzengel Michael weiter zu Mrs Dirgeschehwasdugetan. Aber wenn es stimmt, dass der Mensch sich nichts ausdenken kann, was nicht bereits als menschliches Verhaltensmodul auf seinem bunt bestückten Buffet mit dem Etikett Homo sapiens sapiens vorhanden ist, dann ist jedes dieser übernatürlichen Wesen die Manifestation jenes inneren Moduls, von dem schon die Rede war und das für Gerechtigkeit, Ausgeglichenheit oder reziproken Altruismus steht. Wir ernten, was wir gesät haben, jedenfalls möchten wir das gern glauben, und nicht nur das, sondern auch, dass irgendjemand, irgendeine Macht die Verantwortung für den Ausgleich der Konten übernommen hat.

Mit Ausnahme der christlichen und muslimischen Engel, von denen ich gesprochen habe, sind die übernatürlichen Wesen, die die Gerechtigkeit verkörpern, allesamt Frauen. Warum ist das so? Bei den frühzeitlichen Göttinnen, wie Ma’at und Themis, könnten Sie sagen, dass sie noch in die Zeit des Matriarchats gehören oder Nachfahren dieser Periode im Nahen oder Mittleren Osten sind, in der die höchste Gottheit weiblich und mit Mutter Erde gleichgesetzt war. Aber auf die Zeit der großen Göttinnen folgten mehrere Jahrtausende rigoroser Frauenfeindlichkeit, in denen die Göttinnen durch Götter ausgewechselt und Frauen herabgesetzt und unterworfen wurden. Aber die weiblichen Figuren für Gerechtigkeit überdauerten. Warum konnten sie an der Macht bleiben?

Wären wir Primatologen, könnten wir die Tatsache anführen, dass bei den Schimpansen die alten Äffinnen die Königsmacher sind. Das männliche Alphatier kann nur mit ihrer Unterstützung an der Macht bleiben. Dieser Trend ist bei den im Hochland Äthiopiens lebenden Blutbrustpavianen sogar noch ausgeprägter. Sie leben in Familiengruppen aus Äffinnen, die eng zusammenhalten, deren Kindern und einem von ihnen gewählten männlichen Gefährten, der nur so lange in der Familie bleibt, wie die Äffinnen es dulden. Wären wir Anthropologen, könnten wir auf matriarchale Gesellschaften wie die Irokesen verweisen, in denen alte Frauen das Sagen hatten, wenn ein Tier geteilt und unter den Familien verteilt wurde. Mit ihrer Erfahrung wussten sie, welche Familien am bedürftigsten waren oder was jedem je nach Status zukam. Wären wir Freudianer, würden wir vielleicht von der kindlichen Entwicklungspsychologie sprechen: Die allererste Nahrung kommt ebenso von der Mutter wie die ersten Lektionen in Sachen Gerechtigkeit, Strafe und gerechte Aufteilung von Dingen.

Aus welchem Grund auch immer, Justitia trägt weiterhin ein Kleid, zumindest in der westlichen Tradition, was möglicherweise eine Erklärung dafür ist, warum die Richter unseres Canadian Supreme Court schöne rote Talare und Perücken überstreifen.

Ich möchte noch einmal wie in Raumschiff Enterprise einen Zeitsprung durch den Raum machen und zu einem Theaterstück zurückgehen, das einen bestimmten Moment in Erinnerung ruft: Exekutive und Legislative gingen aus den Händen der mächtigen, übernatürlichen Frauenwesen zu dem damaligen – und von da an für eine lange Zeit –, von Männern dominierten Rechtssystem über. Das Theaterstück heißt Die Eumeniden und ist der dritte Teil der Trilogie Die Orestie des Dichters Aischylos; Ort der Handlung ist Athen, die Zeit das Jahr 458 vor Christus, also die griechische Klassik. Das Thema des Stücks stammt aus einer früheren Sagenwelt – der mykenisch/minoischen vorklassischen Zeit – und befasst sich mit den Folgen des Krieges um Troja. Im ersten Teil dieser Trilogie, Agamemnon, wird König Agamemnon bei seiner Heimkehr aus Troja von seiner Frau Klytaimnestra ermordet, aus Rache dafür, dass er die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert hat, um dadurch günstigen Segelwind für seine Schiffe auf der Fahrt nach Troja zu bekommen. Choephoren ist der zweite Teil, in dem Orest, der Sohn von Agamemnon und Klytaimnestra, verkleidet aus dem Exil zurückkehrt und, von seiner Schwester Elektra darin bestärkt, die Mutter umbringt. Wir befinden uns inmitten einer »Wie du mir, so ich dir«-Blutfehde, deren Regeln von Shakespeares Macbeth sehr klar formuliert sind: »Blut fordert Blut.« Orest ist seinem Vater die Blutrache schuldig, und mit dem Mord an seiner Mutter entrichtet er die Schuld.

Doch nach den archaisch-vorklassischen Gesetzen war Muttermord eine sehr schwere Sünde – viel schwerwiegender als Klytaimnestras Mord an Agamemnon, der kein Blutsverwandter und mit Sicherheit nicht ihre Mutter war. Deshalb hat Orest eine weitere Schuld auf sich geladen: Die Erinnyen, die »Rachegöttinnen«, bei den Römern heißen sie Furien, verlangen dafür sein Blut. Sie, die Töchter der Erde und der Dunkelheit, sind älter als die Götter im Olymp; ihr Aussehen ist schauderhaft, sie sind wild und rachsüchtig, und ihre Aufgabe ist es, Mörder wie Orest, die die Blutsbande verletzt haben, in den Wahnsinn zu treiben und sie schließlich zu zwingen, sich selbst zu töten.

Im dritten Teil, Die Eumeniden, ist Orest von den Erinnyen bereits bis in den Tempel des Apoll verfolgt worden, der ihn von der Blutschuld freispricht. Die Erinnyen akzeptieren dieses Urteil jedoch nicht. Daraufhin geht Orest nach Athen, wo die Göttin Athene entscheiden soll. Sie hält sich aber nicht für kompetent, in diesem komplexen Fall, in dem das Blut des Vaters gegen das der Mutter aufgewogen werden soll, allein zu richten. Also stellt sie ein Gericht aus zwölf Athenern zusammen, die über den Fall urteilen sollen, und behält die entscheidende Stimme sich selbst vor. Die Jury ist uneins, und Athene gibt ihre Stimme zugunsten des Vaters und der Männer ab. Ihre Entscheidung begründet sie damit, dass allein die Männer die Kinder zeugen und die Frauen sie lediglich austragen, und verweist auf sich selbst als bestes Beispiel. Schließlich sei sie, voll ausgereift, der Stirn ihres Vaters Zeus entsprungen, ihrem alleinigen Erzeuger. (Sie vergisst dabei, den ersten Teil des Mythos zu erwähnen, demzufolge sie in Zeus Kopf gelangte, weil der ihre schwangere Mutter aufgegessen hatte.)

Die Rachegöttinnen spüren die degradierende Schande, die das Urteil der Athener für sie bedeutet – drei alte, mächtige matrilineare Göttinnen sind von einer jüngeren, männerorientierten Karrieristin abgesetzt worden, die nie Mutter war und behauptet, auch nie eine Mutter gehabt zu haben. Sie drohen Athene an, die Stadt mehrfach zu verfluchen, aber durch Schmeicheleien und Bestechung beschwatzt Athene sie, als Gäste in Athen zu bleiben. Sie würden ihre Macht behalten und verehrt werden, verspricht sie, und sie würden ihre neue Unterkunft in einer dunklen Höhle lieben.

Die Furien erhalten einen neuen Namen, »die Eumeniden« oder »die Wohlgesinnten«. In dem Stück verwandeln sie sich von »gar entsetzlich anzuschauenden« und unerträglich riechenden animalischen Frauen mit Fangzähnen, Fledermausschwingen und triefenden blutroten Augen in anmutige stattliche Wesen, »Göttinnen des Totenreichs« – eine flotte Verwandlung, wobei wir heute sofort an die »Vorher – Nachher: machen Sie das Beste aus ihrem Typ«-Geschichten in Frauenzeitschriften denken. Derart verkleidet und ohne die wahrscheinlich gezogenen Fangzähne, die Fledermausschwingen kunstvoll unter einem Schal versteckt, treten die Rachegöttinnen ab und gehen glücklich singend im Gänsemarsch zu ihrem behaglichen unterirdischen Schrein. Die Göttinnen einer archaischen Vergangenheit sind vertrieben, aus den Augen verschwunden, aber – so betont Athene – die »Blut fordert Blut«-Vergeltung ist damit nicht völlig ausgelöscht, denn die Stellung der Justiz muss immer durch Furcht verstärkt werden. Gerichtsverfahren und Gesetze wurden eingeführt, man gab sich aufgeklärter und zivilisierter. Die Bezahlung für Ungerechtigkeit musste in anderer Währung als mit Blut erfolgen, und die lange Kette der Blutfehden – in denen ein Tod den nächsten nach sich zieht, ad infinitum – wird zerrissen werden. Athene spricht:

Bis ich die edelsten der Bürger ausgewählt,

Daß diesen Fall sie schlichten, wie es sich gebührt,

Gerechten Sinns, dem Eide, den sie schwuren, treu.

Die Verbeugung vor Ehrlichkeit und Ausgewogenheit in Die Eumeniden ist löblich. Aber obwohl der alte Sinn für Gerechtigkeit ein notwendiger Grundstein in jedem legalen System ist, lässt sich daraus nicht schließen, dass jedes legale System notwendigerweise gerecht ist. Im Athen der griechischen Klassik galten diese Rechtsprechung und die Garantie aller bürgerlichen Rechte nur für Athener und nur für die männlichen. Sklaven und Frauen wurden die Bürgerrechte nicht zugestanden, für sie galten strengere Gesetze.

Trotz alledem und trotz der Jahrtausende, in denen Frauen aus den Gerichten ausgeschlossen waren, ob als Richterinnen, Anwältinnen oder Geschworene – und in vielen Fällen sogar als glaubwürdige erwachsene Zeuginnen –, blieb die allegorische Figur der Justitia weiblich. Bis heute steht sie vor den Gerichtssälen und hält die Waage hoch, die Überlebende einer langen Reihe von Waagschalen haltenden Vorgängerinnen.

Bist jetzt habe ich nicht nur das Prinzip der Gerechtigkeit angesprochen, ohne das kein System von Borgen und Leihen existieren könnte und die weiblichen Symbolfiguren der Gerechtigkeit, wie Ma’at, Themis, Asträa und Justitia, sowie Kingsleys strafende und vergütende Wasdassdu-Zwillinge, sondern auch die alten Waagen, diese Geräte mit den zwei Schalen, um die Gerechtigkeit einer Sache gegen die andere aufzuwiegen. Im Jenseits des alten Ägypten wurde das Herz gegen Vorstellungen von Wahrheit und Gerechtigkeit aufgewogen, zu denen die richtige Ordnung des Kosmos und der Natur gehörte; in der christlichen Religion wiegt der Erzengel Michael die Seele gegen die vergangenen Taten auf, und wenn ich zu meinem Sparbuch als Kind zurückgehe, wurden die roten Zahlen auf der Sollseite gegen die schwarzen Zahlen auf der Habenseite aufgerechnet, und was dabei herauskam, wurde »Kontostand« genannt. Der Kontostand bei den alten Ägyptern wurde aus einem moralischen Soll und Haben errechnet, so wie es der Erzengel machte, aber der Bank ging es nur um Zahlen, obwohl es schlecht war, wenn man zu sehr in die Miesen kam. Mies für dich und mies von dir.

Im nächsten Kapitel, »Schuld und Sünde«, frage ich: Ist ein Schuldner moralisch verwerflich? Ist er ein Sünder und wenn ja, wie sündig ist er und warum? Und da ein Schuldner die eine Hälfte eines Zwillingspaares ist – die andere Hälfte ist der Gläubiger –, werde ich auch fragen, ob der Gläubiger ebenfalls ein Sünder ist.

Margaret Atwood

Über Margaret Atwood

Biografie

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und...

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