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Macht und Gewalt

Hannah Arendt
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Macht und Gewalt — Inhalt

Macht und Gewalt sind Gegensätze
Hannah Arendt hat dieses Buch, das 1970 erstmals erschien, im Angesicht des Vietnamkrieges und unter den Eindruck weltweiter Studentenunruhen geschrieben.

In diesem Essay zeigt sie die Abgrenzungen und Überschneidungen der politischen Schlüsselbegriffe Macht und Gewalt. Sie analysiert die theoretischen Begründungen von Gewalttätigkeit und die gewalttätigen Aktionen in Vietnam, in den Rassenkonflikten der USA und bei den Studentenrevolten in aller Welt. Die alte Theorie von Krieg und Gewalt als Ultima ratio der Macht wurde - wenigstensim zwischenstaatlichen Bereich - durch die Kernwaffen ad absurdum geführt. Hannah Arendt formuliert scharf und provozierend aus unserer Wirklichkeit gewonnene Erkenntnisse über die Funktionen von Macht und Gewalt in der Politik.

Mit einem Nachwort von Prof. Dr. Christine Blättler

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 29.02.2024
Herausgegeben von: Thomas Meyer
Übersetzt von: Gisela Uellenberg
208 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30729-1
Download Cover
€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.08.1970
Herausgegeben von: Thomas Meyer
Übersetzt von: Gisela Uellenberg
144 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-20001-1
Download Cover

Leseprobe zu „Macht und Gewalt“

Zu diesem Band

In Hannah Arendts Nachlass finden sich umfangreiche Materialien zu On Violence[i] und dem daraus hervorgegangenen Langessay Macht und Gewalt. Beide Bücher, die englische wie die deutsche Fassung, wurden erstmals 1970 publiziert und sofort kontrovers diskutiert. Eine weitere Diskussionswelle löste On Violence in den USA aus, als der Text zwei Jahre später in Arendts Sammelband Crises of the Republic[ii] abgedruckt wurde. Ebenfalls 1972 erschien in Paris bei dem Verlag Calmann-Lévy eine Übersetzung des Sammelbandes, der ihren Ruf als [...]

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Zu diesem Band

In Hannah Arendts Nachlass finden sich umfangreiche Materialien zu On Violence[i] und dem daraus hervorgegangenen Langessay Macht und Gewalt. Beide Bücher, die englische wie die deutsche Fassung, wurden erstmals 1970 publiziert und sofort kontrovers diskutiert. Eine weitere Diskussionswelle löste On Violence in den USA aus, als der Text zwei Jahre später in Arendts Sammelband Crises of the Republic[ii] abgedruckt wurde. Ebenfalls 1972 erschien in Paris bei dem Verlag Calmann-Lévy eine Übersetzung des Sammelbandes, der ihren Ruf als streitbare Essayistin in Frankreich begründete.[iii] Alle Ausgaben waren in unterschiedlicher Formulierung Arendts engster US-amerikanischer Freundin, der Schriftstellerin und Kritikerin Mary McCarthy, gewidmet.

Dem „Nachwort“ der in Kiel lehrenden Philosophin Christine Blättler sollen ein paar Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte von Macht und Gewalt vorangestellt werden.

I.

Die Begriffe „Macht“ und „Gewalt“ finden sich bei Hannah Arendt von Beginn an in ihren Schriften. Während es in Der Liebesbegriff bei Augustin[iv] um „Macht“ über etwas geht, finden sich in den Texten über Rahel Varnhagen zahlreiche Zitate zu „Gewalt“ gegen eine Person, in dem Fall gegen die Protagonistin.[v]

In den Origins of Totalitarianism,[vi] dann vor allem in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft kam es erstmals zu einer Analyse der beiden Begriffe. Der Politikwissenschaftler Jens Hacke schreibt dazu in seinem „Nachwort“ zur Edition in unserer Studienausgabe:

Arendts Interpretation entfaltet eine starke Suggestivkraft, bleibt aber vor allem deshalb verwirrend, weil sie zwar theoretisch in diesem Kontext die eigene Begriffsunterscheidung von Macht und Gewalt vorbereitet und ihre ideale handlungstheoretische Bestimmung der Politik aufscheinen lässt, aber dies semantisch noch nicht konsequent umsetzt. „Neu an der politischen Doktrin des Imperialismus“, formuliert Arendt, „war nicht die beherrschende Stellung, die der Gewalt eingeräumt wurde, und nicht die Einsicht, daß Macht eine der wesentlichen Realitäten aller Politik bildet. Gewalt ist seit eh und je die ultima ratio politischen Handelns gewesen, und Macht war immer der sichtbare Ausdruck von Herrschaft und Regierung. Der Unterschied ist nur, daß weder Gewalt noch Macht je das ausdrückliche und letzte Ziel politischen Handelns gewesen waren. Denn Macht an sich kann nur mehr Macht erzeugen, und Gewalt, die um der Gewalt willen (und nicht um der Gesetze willen) angewandt wird, entfesselt sofort einen Zerstörungsprozeß, der zum Stillstand erst kommen kann, wenn nichts mehr übrig ist, das nicht vergewaltigt wäre.“ (349) Ihr kommunikativer Begriff der Macht ist nur rudimentär ausgebildet, wird aber bereits vom physischen Zwang der Gewalt unterschieden.[vii]

Erste Versuche, die hier völlig zu Recht festgestellte Verwirrung zu klären, folgten in Texten, die dem Begriff „Autorität“ gewidmet waren.[viii] Ihrem philosophischen Hauptwerk Vita activa von 1960 war es zunächst vorbehalten erste positive Bestimmungen der Unterscheidung von „Macht“ und „Gewalt“ vorzunehmen.[ix] Überlegungen, die in dem vorliegenden Langessay aufgegriffen, variiert und weitergedacht wurden.

II.

Am 29. Mai 1968 teilte Hannah Arendt ihrem Verleger Klaus Piper mit, „Ende Juni“ nach Europa kommen zu wollen. Neben dem obligatorisch gewordenen Besuch bei Gertrud und Karl Jaspers in Basel erwähnte Arendt einen möglichen Besuch in München, um für den Bayerischen Rundfunk den für das „Nachtstudio“ neu geschriebenen Essay über Bertolt Brecht einzusprechen. Bei der Gelegenheit könne man sich dann ja sehen. Die sich anschließende Frage, was Piper denn zu den „revolutionären Umtrieben“ sage, war nicht überraschend, schließlich befand man sich im Jahr 1968, doch ihr Interesse am Gegenüber und seiner Position hatte immer auch etwas mit ihren eigenen Überlegungen zu tun. So auch in diesem Fall. Doch sollte ein Herzanfall Heinrich Blüchers, Arendts zweiten Ehemannes, alle Reisepläne vorerst zunichtemachen.

Anfang September kam es dann zu mehreren sehr ausführlichen Treffen. Zunächst besprach Arendt am 6. mit Piper im Hause des Ehepaares Gertrud und Karl Jaspers die seit Längerem geplante Gesamtausgabe der Schriften des Philosophen. Die Planungen hierzu waren bereits sehr weit gediehen: Neben der genauen Bandaufteilung war auch eine Kostenübersicht erstellt und ein detaillierter Finanzierungsplan erarbeitet worden. Jaspers’ persönlicher Assistent Hans Saner sollte als festangestellter Redakteur fungieren, Arendt die Herausgabe koordinieren.

Gemeinsam reisten Arendt und Piper nach München weiter, wo am 8. und 9. September gemeinsam zunächst mit dem Lektor Hans Rössner, später dann mit dessen Nachfolger Michael Wegner über Bücherpläne diskutiert wurde.

So sollte etwa auch in Deutschland eine dreibändige Ausgabe von Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft erscheinen und dazu die Rechte von der Frankfurter Europäischen Verlagsanstalt erworben werden. Das neu zu schreibende „Vorwort“ wollte auf die Revolution in der Tschechoslowakei und den „sowjetischen Antisemitismus“ eingehen, wie es im überlieferten Protokoll heißt. Gleich zwei Essaybände wurden darüber hinaus vereinbart: „Exerzitien im politischen Denken“ und „Menschen in finsterer Zeit“. Ersterer sollte unter anderem Aufsätze umfassen, die bereits in Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart abgedruckt waren, der zweite Band sollte biografische Studien enthalten. In der „Serie Piper“ plante man, zusätzlich die umfangreichen Essays über „Bertolt Brecht“ und „Walter Benjamin“ in einem Band zu veröffentlichen.

In einer Notiz, die sich Arendt bei einem Gespräch mit Wegner in jenen Tagen machte, schrieb sie den Titel „Violence and Power“ auf, den sie gern im „Exerzitien“-Band abgedruckt sah. Von nun verfolgte Hannah Arendt auch auf Deutsch konsequent die Überlegungen zu „Macht und Gewalt“. Insbesondere der am 24. Juli 1969 gesendete und von ihr selbst eingesprochene Essay „Über die Gewalt“ für das „Nachtstudio“ des Bayerischen Rundfunks muss als zentrale Entwicklungsstufe hin zur Buchpublikation gelten.

Was geschah in den USA? Am 25. Februar 1969 schrieb Hannah Arendts New Yorker Verleger William Jovanovich der Autorin von seiner begeisterten Lektüre ihres Essays „Reflections on Violence“, der soeben in der New York Review of Books erschienen war. Arendt hatte damals bereits eine längere Version für das Journal of International Affairs ausgearbeitet, die Jovanovich später ebenso las wie einen der Vorträge, in denen die Überlegungen erstmals ausgearbeitet worden waren. Sie bestätigten sein von Beginn an feststehendes Urteil, dass aus dem Essay ein Buch gemacht werden müsse.

Am 21. November 1969 sandte Hannah Arendt das Manuskript von Macht und Gewalt an den Piper Verlag. Am Tag danach erläuterte sie ihrem Münchner Verleger von New York aus, dass sie die vorliegenden deutschen Ausgaben von einigen der zitierten Werke nicht zufriedenstellten, sie daher auf die fremdsprachigen Originalausgaben zurückgreife und dann selbst übersetze. Auch die Übertragung der promovierten Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Gisela Uellenberg ins Deutsche fand Erwähnung: Die habe wohl unter Zeitdruck arbeiten müssen, sodass sie „jedenfalls“ alles neu geschrieben habe. Zudem schlug Arendt vor, 16 ausführliche Fußnoten als „Exkurse“ auszuweisen. Und so kam es denn auch.

Im Mai 1970 lag On Violence in zwei Ausgaben in den USA vor, zudem wurde der 106 Seiten starke Band zeitgleich in London veröffentlicht.

Die vorliegende Ausgabe gibt den Text der „Serie Piper“-Ausgabe (3. Auflage, 12. – 14. Tausend) von 1975 wieder, die zudem ein 1970 in Tegna geführtes Interview Arendts mit dem Journalisten Adelbert Reif enthielt, das hier nicht mit abgedruckt wird.[x]

[i]              Hannah Arendt, On Violence, New York 1970.

[ii]             Hannah Arendt, Crises of the Republic. Lying in Politics, Civil Disobedience, On Violence, Thoughts on Politics and Revolution, New York 1972.

[iii]             Hannah Arendt, Du mensonge à la violence: essais de politique contemporaine, Paris 1972. Die Texte wurden von dem Anglisten Guy Durand übersetzt.

[iv]             Hannah Arendt, Der Liebesbegriff bei Augustin. Versuch einer philosophischen Interpretation (1929). Mit einem von Nachwort von Thomas Meyer, München 2021.

[v]              Hannah Arendt, Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik (1959). Mit einem Nachwort von Liliane Weissberg, München 22022.

[vi]             Hannah Arendt, The Origins of Totalitarianism, New York 1951.

[vii]            Jens Hacke, „Denken am Abgrund. Hannah Arendts monumentale Geschichte totalitärer Gegenwart – Nachwort“, in: Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus – Imperialismus – Totalitarismus, München 2023, 1109 – 1166, hier: 1132 f.

[viii]           Hannah Arendt, „Was ist Autorität?“, in: dies., Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart. Vier Essays (1957). Mit einem Nachwort von Eva von Redecker, München 2021, 137 – 188.

[ix]             Siehe dazu Hans-Jörg Sigwart, „Die Erfahrung des Tätigseins – Nachwort“, in: Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 32023, 528 – 586.

[x]              Eine Veröffentlichung in einem anderen Zusammenhang ist vorgesehen.

     

     I

An Anlässen, sich über das Wesen der Gewalt, ihre Rolle in Geschichte und Politik, Gedanken zu machen, hat es in diesem Jahrhundert, das Lenin bereits vor mehr als fünfzig Jahren als ein Jahrhundert der Kriege und Revolutionen diagnostizierte, nicht gefehlt; und es ist eigentlich erstaunlich, daß erst die Ereignisse der letzten Jahre dies Thema in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit und Diskussion gerückt haben. Der unmittelbare Anlaß war zweifellos die in ihrer Weise einzigartige, weltweite Rebellion an den Universitäten und die Debatten über gewalttätigen oder gewaltlosen Widerstand, die sie von vornherein begleiteten; aber die tiefere Ursache dürfte wohl doch ein Faktor sein, der, von niemandem vorausgesagt, offensichtlich die gesamte Problematik des Verhältnisses von Macht und Gewalt entscheidend verändert hat.

Die technische Entwicklung der Gewaltmittel hat in den letzten Jahrzehnten den Punkt erreicht, an dem sich kein politisches Ziel mehr vorstellen läßt, das ihrem Vernichtungspotential entspräche oder ihren Einsatz in einem bewaffneten Konflikt rechtfertigen könnte. (Wir lesen mit einiger Verblüffung, daß Engels nach dem Deutsch-Französischen Krieg meinte, „die Waffen [sind nun] so vervollkommnet, daß ein neuer Fortschritt von irgendwelchem umwälzenden Einfluß nicht mehr möglich ist“.[i]) Damit ist ein wirklicher Wendepunkt eingetreten. Der Krieg – seit undenklichen Zeiten letzte Instanz der Außenpolitik – hat seine Effektivität und das Kriegshandwerk seinen Glanz eingebüßt. Das „apokalyptische Schachspiel“ zwischen den Supermächten, den Staaten nämlich, die auf der Höhe der gegenwärtigen Zivilisation stehen, hat keine Ähnlichkeit mehr mit den bisherigen Kriegsspielen; es wird nach der Regel gespielt, „wenn einer ›siegt‹, sind beide am Ende“.[ii] Und auch der Wettlauf der Rüstung hat nicht mehr den Sinn, den Krieg vorzubereiten, sondern im Gegenteil ihn durch wechselseitige Abschreckung zu verhindern. Auf die Frage nach einem Ausweg aus dieser offensichtlich unhaltbaren Position gibt es bisher keine Antwort.

Da Gewalt (im Unterschied zu Macht, Kraft oder Stärke) als „reale Vorbedingungen zu ihrer Betätigung … Werkzeuge erfordert“,[iii] hatte die technische Revolution, eine Revolution in der Herstellung von Geräten, besonders weitreichende Folgen auf dem Gebiet der Gewaltbetätigung, also vor allem der Kriegsführung. Es liegt im Wesen der Gewalthandlung, daß sie wie alle Herstellungsprozesse im Sinne der Zweck-Mittel-Kategorie verläuft. Wird diese Herstellungskategorie auf den Bereich der menschlichen Angelegenheiten angewandt, so hat sich noch immer herausgestellt, daß die Vorrangstellung des Zwecks im Verlauf der Handlung verloren geht; der Zweck, der die Mittel bestimmt, die zu seiner Erreichung notwendig sind und sie daher rechtfertigt, wird von den Mitteln überwältigt. Denn das Resultat menschlichen Handelns läßt sich niemals mit der gleichen Sicherheit voraussagen, mit der das Endprodukt eines Herstellungsprozesses bestimmt werden kann; daher sind die zur Erreichung politischer Ziele eingesetzten Mittel für die Zukunft der Welt zumeist von größerer Bedeutung als die Zwecke, denen sie dienen sollen.

Zu diesem Unsicherheitsfaktor, der dem Handeln ohnehin innewohnt, fügt die Gewalthandlung noch ein nur ihr eigentümliches Element des rein Zufälligen hinzu. Napoleon hatte ganz recht, wenn er sagte, seine Generäle müßten „fortune“ haben. Nirgends spielt Fortuna, spielen Glück und Pech eine entscheidendere Rolle als auf dem Schlachtfeld. Und dieses Eindringen des gänzlich Unerwarteten wird nicht dadurch beseitigt, daß man versucht, es als „random event“ in „wissenschaftliche“ Kalkulationen miteinzubeziehen oder es mit Hilfe von Simulationen, Scenarios, Spieltheorien und dergleichen auszuschalten. Es gibt auf diesem Gebiet keine Gewißheit; nicht einmal die gegenseitige totale Vernichtung, auf der die Theorie der wechselseitigen Abschreckung beruht, läßt sich mit absoluter Sicherheit unter im Vorhinein errechneten Voraussetzungen voraussagen. Daß die Vervollkommnung der Gewaltmittel schließlich den Grad erreicht hat, an dem die zur Verfügung stehenden Mittel im Begriff sind, ihr Ziel, nämlich die Kriegsführung, unmöglich zu machen,[iv] ist wie eine letzte ironische Reflexion auf die grundsätzliche Willkür und Un-sinnigkeit, der wir überall begegnen, wo wir uns dem Bereich der Gewalt nähern. Wie wir aber dieses Un-sinns Herr werden sollen, wissen wir nicht. Denn wenn Kriege immer noch geführt werden und immer noch gerüstet wird, so nicht, weil die Menschheit von einem geheimen Todes- oder einem unkontrollierbaren Aggressionstrieb besessen wäre, und noch nicht einmal, weil – was immerhin einleuchtender wäre – die Abrüstung der ungeheuren Militärmaschinen in den in Frage stehenden Ländern ernste politische, gesellschaftliche und ökonomische Probleme zur Folge haben würde,[v] sondern einzig und allein, weil bisher nirgends ein annehmbares Surrogat für die Willkür der Gewalt als ultima ratio in den Konflikten der Völker zum Vorschein gekommen ist. Es gilt immer noch Hobbes’ Wort: „Covenants without the sword are but words.“

Und unter der Herrschaft des heutigen Staatsbegriffs, den bekanntlich keine Revolution bisher auch nur erschüttert hat, ist selbst eine theoretische Lösung des Kriegsproblems, von der nicht so sehr die Zukunft der Menschheit wie die Frage, ob die Menschheit überhaupt eine Zukunft haben wird, abhängt, auch gar nicht vorstellbar. Solange nationale Unabhängigkeit, die Freiheit von Fremdherrschaft, auf die jedes Volk ein Recht hat, und Staatssouveränität, unkontrollierte und unbegrenzte Macht in außenpolitischen Angelegenheiten, gleichgesetzt werden, ist ein gesicherter Friede so utopisch wie die Quadratur des Kreises. Und wenn Freiheit und Souveränität nicht mehr gleichgesetzt würden, sähen wir uns, wie die Dinge heute liegen, mit einer Staatskrise konfrontiert, die über den gesamten Erdball ginge und von der nur sehr wenige Länder vielleicht verschont blieben. (Theoretisch könnten die USA zu diesen wenigen gehören; ihrer Verfassung ist in der Tat, wie Justice James Wilson 1793 feststellte, „der Begriff der Souveränität völlig unbekannt“, was sich schon daran erweist, daß vom Senat gebilligte Verträge mit anderen Nationen laut der Verfassung zum Gesetz des Landes gehören. Aber die Zeiten, da Amerika sich in voller Klarheit von den politischen Kategorien des europäischen Nationalstaats trennte, sind lange vorbei. Die amerikanische Regierung handelt und argumentiert nicht im Sinne der Amerikanischen Revolution und der ›Founding Fathers‹, sondern ganz im Sinne des europäischen nationalstaatlichen Denkens, als sei dies schließlich und endlich doch das ihr angestammte Erbe. Und dies ungeachtet der Tatsache, daß sie dies Erbe überhaupt nur hat übernehmen können, weil Europa politisch bankrott war und dieser Bankrott von dem Bankrott des Nationalstaates und seinem Souveränitätsbegriff verursacht und begleitet wurde.) Inzwischen hat sich herausgestellt, daß die Großmächte nicht einmal mehr imstande sind, Kolonialkriege zu führen, so daß das Kriegshandwerk mehr und mehr zu einer Art Luxus wird, den sich nur noch die unterentwickelten Länder leisten können. Das ist kein Trost, denn jedermann weiß, daß das gefürchtete „random event“, das alle Kalkulationen und Intentionen des wechselseitigen Abschreckungsspiels über den Haufen werfen könnte, am ehesten dort auftauchen kann, wo die unter den heutigen Gegebenheiten einfach stupide Redensart des „there is no alternative for victory“ (für den Sieg gibt es keinen Ersatz) immerhin noch einen hohen Grad von Plausibilität hat.


[i]              Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (1878), II. Abschnitt, Kap. 2.

[ii]             Harvey Wheeler, „The Strategic Calculators“. In: Nigel Calder, Unless Peace Comes, New York 1968, S. 109. (Deutsch unter dem Titel: Eskalation der neuen Waffen, München 1969. Zitate nach dem amerikanischen Original).

[iii]             Engels, a. a. O., II. Abschnitt, Kap. 3.

[iv]             Vgl. die Ausführungen von General André Beaufre, Battlefields of the 1980s: Danach sind nur „in den nicht von der atomaren Abschreckung erfaßten Teilen der Welt“ noch Kriege möglich, und auch diese „konventionelle Kriegführung“ wird, ungeachtet ihrer Schrecken, de facto limitiert durch die stets drohende Gefahr der Eskalation zum Atomkrieg. (In: Calder, a. a. O., S. 3).

[v]              Der anonym erschienene Report from Iron Mountain. New York 1967 (Deutsch unter dem Titel: Verdammter Friede. München 1968), eine Satire auf die Rand Corporation und andere „think tanks“, kommt der Wirklichkeit wahrscheinlich näher als die meisten „ernsthaften“ Untersuchungen. Sein Hauptargument: der Krieg sei für das Funktionieren unserer Gesellschaft so wichtig, daß wir nicht wagen könnten, ihn abzuschaffen, ehe wir nicht noch mörderischere Methoden, mit unseren Problemen fertigzuwerden, erfunden haben.

Über Hannah Arendt

Biografie

Hannah Arendt, am 14. Oktober 1906 im heutigen Hannover geboren und am 4. Dezember 1975 in New York gestorben, studierte unter anderem Philosophie bei Martin Heidegger und Karl Jaspers, bei dem sie 1928 promovierte. 1933 emigrierte Arendt nach Paris, 1941 nach New York. Von 1946 bis 1948 arbeitete...

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