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Ich bin Zlatan

Meine Geschichte

erzählt von David Lagercrantz

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Ich bin Zlatan — Inhalt

Seine Fans versetzt er regelmäßig in Ekstase. Seine Gegner lehrt er durch seine Unberechenbarkeit am Ball das Fürchten. Lästige Fragen nach seinem exzentrischen Auftreten beantwortet er gerne mit dem Satz: »Weil ich Zlatan bin.« Zlatan Ibrahimović ist einer der besten, bekanntesten Stürmer weltweit – und ganz bestimmt der schillerndste. Seine akrobatischen Einlagen am Ball werden auf YouTube millionenfach geklickt. Legendär sind die vier Tore im Spiel der schwedischen Nationalmannschaft gegen England, darunter der Fallrückzieher, der schon jetzt als »Tor des Jahrhunderts« (Focus) gilt. Doch kaum jemand weiß von dem wechselvollen Weg, auf dem er vom kickenden Fahraddieb zum bestbezahlten Fußballprofi der Welt wurde.

Erschienen am 01.10.2013
Übersetzer: Wolfgang Butt
400 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-89029-773-6
Erschienen am 09.03.2015
Übersetzer: Wolfgang Butt
400 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30644-7
Erschienen am 02.10.2013
Übersetzer: Wolfgang Butt
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96342-8

Leseprobe zu »Ich bin Zlatan«

1


Pep Guardiola, mein Trainer in Barcelona, mit seinen grauen Anzügen und seiner ständigen Grübelmiene, kam zu mir und sah gequält aus.
Ich fand ihn in Ordnung damals, nicht gerade ein Mourinho oder Capello, aber er war okay. Dies war lange bevor wir anfingen, Krieg zu führen. Es war der Herbst 2009, und ich lebte in meinem Jungentraum. Ich spielte in der besten Mannschaft der Welt und war von siebzigtausend Menschen in Camp Nou, dem legendären Stadion von Barça, empfangen worden. Ich schwebte wie auf Wolken, na ja, vielleicht nicht ganz. In den [...]

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1


Pep Guardiola, mein Trainer in Barcelona, mit seinen grauen Anzügen und seiner ständigen Grübelmiene, kam zu mir und sah gequält aus.
Ich fand ihn in Ordnung damals, nicht gerade ein Mourinho oder Capello, aber er war okay. Dies war lange bevor wir anfingen, Krieg zu führen. Es war der Herbst 2009, und ich lebte in meinem Jungentraum. Ich spielte in der besten Mannschaft der Welt und war von siebzigtausend Menschen in Camp Nou, dem legendären Stadion von Barça, empfangen worden. Ich schwebte wie auf Wolken, na ja, vielleicht nicht ganz. In den Zeitungen wurde eine Menge Mist geschrieben. Ich war der bad boy, mit mir war nicht gut Kirschen essen, so ein Kram eben. Aber trotz allem, ich war hier. Helena und die Jungen fühlten sich wohl. Wir hatten ein schönes Haus in Esplugues de Llobregat, und ich war hoch motiviert. Was sollte da schiefgehen?
»Du«, sagte Guardiola. »Hier bei Barça stehen wir mit beiden Füßen auf dem Boden.«
»Sure«, sagte ich. »Fine!«
»Und hier kommen wir nicht mit Ferraris oder Porsches zum Training.«
Ich nickte, machte nicht auf dicke Lippe nach dem Motto: Was zum Teufel gehen dich meine Autos an? Aber ich dachte: Was will er? Was für eine Botschaft will er rüberbringen? Ehrlich, ich habe es nicht mehr nötig, mich als krasser Typ aufzuspielen, ein geiles Auto zu fahren und auf dem Bürgersteig zu parken. Aber ich liebe nun mal Autos. Sie sind meine Leidenschaft, und ich ahnte, hinter seinen Worten verbarg sich etwas anderes: Glaub ja nicht, dass du jemand bist.
Ich hatte schon begriffen, dass Barcelona so etwas wie eine Schule war, eine Anstalt. Die Spieler waren cool, an ihnen lag es nicht, und außerdem war Maxwell da, mein alter Kumpel von Ajax und Inter. Aber ehrlich gesagt, keiner von den Jungs führte sich auf wie ein Superstar, und das war komisch. Messi, Xavi, Iniesta, die ganze Bande, sie benahmen sich wie Schuljungen. Die besten Fußballspieler der Welt buckelten, und das machte mich stutzig. Es war lächerlich. Wenn die Trainer in Italien sagen: »Springt!«, dann fragen die Stars: »Wieso denn das? Warum sollen wir springen?«
Hier sprangen alle auf den kleinsten Wink. Ich passte nicht hinein, überhaupt nicht. Aber ich dachte: Mach gute Miene zum bösen Spiel. Bestätige nicht ihre Vorurteile! Deshalb spielte ich das Spiel mit. Ich wurde ein Musterknabe. Es war zu blöd. Mino Raiola, mein Agent und Freund, sagte:
»Was ist denn nur los mit dir, Zlatan? Ich erkenne dich nicht wieder.«
Keiner erkannte mich wieder, die Kumpel nicht, niemand. Ich verkümmerte, und dazu muss man wissen, dass ich seit der Zeit bei Malmö FF eine Philosophie habe: Ich ziehe meinen Stil durch. Mir ist egal, was die Leute sagen, und ich habe mich unter Ordnungsmenschen noch nie wohlgefühlt. Ich habe was übrig für Typen, die bei Rot fahren, um es mal so zu sagen. Aber jetzt … ich sagte nicht, was ich wollte.
Ich sagte das, wovon ich glaubte, man müsste es sagen. Es war völlig krank. Ich fuhr den Audi des Vereins und stand da und nickte wie in der Schule, oder vielleicht eher: wie ich in der Schule hätte stehen und nicken sollen. Ich schimpfte kaum noch auf meine Mannschaftskameraden. Ich wurde langweilig. Zlatan war nicht mehr Zlatan, und das war nicht mehr vorgekommen, seit ich in die Borgarskola gegangen war und zum ersten Mal Mädchen in Ralph-­Lauren-Klamotten gesehen und mir beinah in die Hose gemacht hatte, wenn ich mit ihnen ausgehen wollte. Dennoch hatte ich einen glänzenden Saisonstart mit Barça. Ich schoss ein Tor nach dem anderen. Wir gewannen den UEFA Super Cup. Ich glänzte. Ich dominierte. Aber ich war ein anderer. Etwas war geschehen, nichts Ernstes, noch nicht, aber dennoch. Ich verstummte, und das ist lebensgefährlich, glaubt mir. Ich muss schreien und mich ausleben. Jetzt fraß ich alles in mich hinein. Vielleicht hatte es mit dem Druck zu tun. Keine Ahnung.
Ich war der zweitteuerste Transfer überhaupt, und die Zeitungen schrieben, ich sei ein Problemkind und hätte Charakterfehler, allen möglichen Mist, und leider belastete mich das – also hier bei Barça spielen wir uns nicht auf, und all das, und ich vermute, ich wollte zeigen, dass ich auch anders konnte. Das war das Dümmste, was ich je getan habe. Ich war immer noch extrem auf dem Platz. Aber es machte keinen Spaß mehr.
Ich dachte sogar daran, mit dem Fußball Schluss zu machen. Es war nicht so, dass ich meinen Vertrag brechen wollte, ich bin ja Profi. Aber ich verlor die Lust, und dann kam die Weihnachtspause. Wir fuhren nach Åre, und ich mietete einen Schneescooter. Sobald das Leben stillsteht, muss ich Action haben. Ich fahre immer wie ein Verrückter. Ich habe meinen Porsche Turbo mal auf 325 km/h hochgejubelt und die Bullen abgeschüttelt. Ich habe so viele Wahnsinnssachen gemacht, dass ich kaum daran denken mag, und da oben im Fjell fegte ich auf meinem Scooter herum und holte mir Erfrierungen und hatte einen Riesenspaß.
Endlich Adrenalin! Endlich wieder der alte Zlatan, und ich dachte: Warum soll ich weitermachen? Ich habe ja Geld. Ich muss mich nicht mit idiotischen Trainern herumärgern. Stattdessen könnte ich mir ein schönes Leben machen und mich um die Familie kümmern. Es war eine herrliche Zeit. Aber sie dauerte nicht lange. Als wir nach Spanien zurückkehrten, kam die Katastrophe. Nicht direkt vielleicht, sie schlich sich an, sie lag in der Luft.
Es gab ein völlig krankes Winterunwetter. Es schien, als hätten die Spanier noch nie Schnee gesehen. Bei uns in den Bergen standen die Autos überall kreuz und quer, und Mino, der dicke Idiot – der wunderbare dicke Idiot, muss ich wohl hinzufügen, damit niemand es missversteht –, fror in seinen flachen Schuhen und seiner Sommerjacke und überredete mich, den Audi zu nehmen. Es wäre beinahe total schiefgegangen. An einem Hang verloren wir die Kontrolle und krachten gegen eine Betonmauer, und ich demolierte die rechte Vorderachse des Wagens.
Viele aus der Mannschaft hatten bei dem Unwetter Unfälle, aber keiner so heftig wie ich. Ich gewann auch den Unfallwettbewerb, und wir lachten darüber, und für einen Moment war ich tatsächlich ich selbst. Doch dann fing Messi an zu reden. Lionel Messi ist krass. Er ist unglaublich. Ich kenne ihn nicht besonders. Wir sind total verschieden. Er kam als Dreizehnjähriger zu Barça. Er ist in dieser Kultur groß geworden und hat kein Problem mit dem ganzen Schulscheiß. In der Mannschaft dreht sich alles um ihn, ganz natürlich eigentlich. Er ist glänzend, aber jetzt war ich gekommen und schoss mehr Tore als er. Er ging zu Guardiola und sagte:
»Ich will nicht mehr auf der rechten Außenseite spielen. Ich will in der Mitte spielen.«
In der Mitte ganz vorne war ich. Aber Guardiola war das egal. Er wechselte die Taktik. Von 4:3:3 ging er zu 4:5:1 über, mit mir in der Spitze und Messi direkt dahinter, und ich landete im Schatten. Die Bälle liefen über Messi, und ich konnte mein Spiel nicht spielen. Auf dem Platz muss ich frei sein wie ein Vogel. Ich bin der Typ, der auf allen Niveaus den Unterschied machen will. Aber Guardiola opferte mich. Das ist die Wahrheit. Er klemmte mich da vorn ein. Okay, ich kann seine Situation begreifen. Messi war der Star.
Guardiola musste auf ihn hören. Aber mal ehrlich! Ich hatte in Barça ein Tor nach dem anderen geschossen, und ich war auch krass gewesen. Er konnte die Mannschaft nicht nach einem einzigen ­Typen ausrichten. Also, ich meine: Wozu zum Teufel hatte er mich dann gekauft? Keiner zahlt so viel Kohle, um mich als Spieler abzuwürgen. Guardiola musste an uns beide denken, und es war klar, dass die Vereinsführung nervös wurde. Ich war ihre bis dahin größte Investition, und ich fühlte mich in der neuen Aufstellung nicht wohl. Ich war zu teuer, um mich nicht wohlzufühlen. Txiki Begiristain, der Sportdirektor, kam zu mir und sagte, ich müsse mit dem Trainer reden.
»Klär das!«
Mir gefiel das nicht. Ich bin ein Spieler, der die Lage akzeptiert. Aber ich tat es! Einer meiner Kumpel sagte zu mir: »Zlatan, es ist, als hätte Barça einen Ferrari gekauft, und jetzt fahren sie ihn wie einen Fiat«, und ich dachte, stimmt, das ist ein gutes Argument. Guardiola hat mich in einen einfacheren, schlechteren Spieler verwandelt. Die ganze Mannschaft verliert dadurch.
Ich ging zu ihm. Es war auf dem Platz, beim Training, und eins war mir wichtig. Ich wollte keinen Streit, und das sagte ich ihm.
»Ich will keinen Streit. Ich will keinen Krieg. Nur ein Gespräch.«
Er nickte. Aber vielleicht sah er trotzdem ein bisschen ängstlich aus, und deshalb wiederholte ich es noch einmal:
»Wenn du glaubst, dass ich Streit anfangen will, gehe ich. Ich will nur reden.«
»Gut! Ich rede immer gern mit den Spielern.«
»Hör mal«, sagte ich, »ihr schöpft mein Potenzial nicht aus. Wenn ihr nur einen Knipser haben wolltet, hättet ihr Inzaghi oder sonst wen kaufen sollen. Ich brauche Platz, und ich muss frei sein. Ich kann nicht nur die ganze Zeit steil gehen und wieder zurück­sprinten. Ich wiege achtundneunzig Kilo. Ich habe dafür nicht die Physis.«
Er grübelte. Er grübelte ständig.
»Ich glaube, dass du so spielen kannst.«
»Nein, dann ist es besser, ihr setzt mich auf die Bank. Bei allem Respekt, ich verstehe dich, aber du opferst mich für andere Spieler. So geht das nicht. Ihr kauft doch auch keinen Ferrari, um ihn wie einen Fiat zu fahren.«
Er grübelte noch ein bisschen.
»Okay, es war vielleicht ein Fehler. Das ist mein Problem. Ich werde es lösen.«
Ich war froh. Er würde es in Ordnung bringen. Ich ging mit ­leichteren Schritten davon, aber dann begann die Eiszeit. Er guckte mich kaum noch an, und ich bin keiner, der sich daraus was macht. Trotz meiner neuen Position glänzte ich weiter. Ich schoss Tore, nicht ganz so schöne Tore wie in Italien. Dafür war ich zu weit vorgeschoben. Es war nicht der alte »Ibrakadabra«, aber immerhin … ­Gegen ­Arsenal auswärts im neuen Emirates Stadium in der Champions ­League spielten wir sie völlig an die Wand. Die Stimmung kochte.
Die ersten zwanzig Minuten waren ganz unglaublich, und ich schoss das 1:0 und das 2:0, es waren wieder schöne Tore, und ich dachte mir: Scheiß auf Guardiola! Spiel einfach!
Aber dann wurde ich ausgewechselt, und da kam Arsenal wieder zurück und schoss das 1:2 und das 2:2, es war Mist. Hinterher hatte ich Wadenschmerzen, und normalerweise kümmern sich Trainer um so was. Ein verletzter Zlatan ist für jede Mannschaft eine ernste Angelegenheit. Aber Guardiola war eiskalt. Er sagte keinen Ton, und ich fiel drei Wochen aus, und nicht ein einziges Mal kam er zu mir und fragte:
»Wie geht es dir, Zlatan? Kannst du das nächste Spiel spielen?«
Er sagte nicht einmal Guten Morgen. Kein Wort. Er wich meinem Blick aus. Wenn ich einen Raum betrat, ging er hinaus. Was ist los, dachte ich. Habe ich was angestellt? Sehe ich seltsam aus? Rede ich komisch? Mir begann sich der Kopf zu drehen. Ich konnte nicht schlafen.
Ständig und überall dachte ich daran. Nicht weil ich Guardiolas Liebe unbedingt nötig gehabt hätte. Er durfte mich gern hassen. Hass und Rache stacheln mich an. Aber jetzt verlor ich die Orientierung. Ich redete mit den Spielern. Aber keiner begriff etwas. Ich fragte Thierry Henry, der damals auch auf der Bank saß. Thierry Henry ist der beste Torschütze in der Geschichte der französischen Liga. Er war immer noch unglaublich, und er hatte auch seine Probleme mit Guardiola.
»Er grüßt mich nicht. Er sieht mir nicht in die Augen. Was kann passiert sein?«, fragte ich.
»Keine Ahnung«, antwortete Henry.
Wir fingen an, Witze darüber zu machen, nach dem Muster: »Hej, Zlatan, heute schon einen Blick bekommen?« – »Nein, aber ich habe seinen Rücken gesehen!« – »Glückwunsch, es geht voran!« Solche Albernheiten, und das half ein wenig. Aber es ging mir wirklich auf die Nerven, und ich fragte mich jeden Tag, jede Stunde: Was habe ich getan? Was läuft falsch? Ich bekam keine Antwort, nichts. Aber mir wurde immer klarer, die Eiseskälte musste mit dem Gespräch über meine Position zu tun haben. Eine andere Erklärung gab es nicht. Aber es wäre ja völlig krank, wenn das stimmte. War das eine Psychomasche, um mich kaltzustellen, wegen eines Gesprächs über meine Position? Ich versuchte, Guardiola zu konfrontieren. Auf ihn zuzugehen und seinen Blick zu suchen. Er wich aus. Er schien Schiss zu haben, und klar, ich hätte einen Gesprächstermin ausmachen und ihn fragen können: Was ist eigentlich los? Aber ich war genug vor ihm gekrochen.
Es war sein Problem. Nicht dass ich gewusst hätte, worum es ging. Ich weiß es noch immer nicht, oder doch … Ich glaube, dass der Junge starken Persönlichkeiten nicht gewachsen ist. Er will nette Schuljungen haben, und noch schlimmer: Er läuft vor seinen Problemen davon. Er schafft es nicht, ihnen in die Augen zu sehen, und das machte alles nur noch schlimmer.
Dann kam die Aschewolke des Vulkans auf Island. In Europa waren alle Flüge abgesagt worden, und wir sollten in San Siro in Mailand gegen Inter spielen. Wir nahmen den Bus. Irgendein heller Kopf bei Barça hielt das für eine gute Idee. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht mehr verletzt. Aber die Reise war eine Katastrophe. Sie dauerte sechzehn Stunden, und als wir in Mailand ankamen, waren wir völlig fertig. Es war das bis dahin wichtigste Spiel, das Semifinale der Champions League, und ich war darauf vorbereitet, in meinem alten Heimstadion ausgepfiffen zu werden. Kein Problem, wie gesagt, so was motiviert mich eher. Aber die Lage war bescheiden, und ich glaube, Guardiola hatte einen Mourinho-Komplex.
José Mourinho ist ein ganz Großer. Er hatte schon mit Porto die Champions League gewonnen. Er war bei Inter mein Trainer. Er ist wunderbar. Als er Helena zum ersten Mal traf, flüsterte er ihr zu: »Helena, you have only one mission. Feed Zlatan, let him sleep, keep him happy!« Der Typ sagt, was er will. Ich mag ihn. Er ist der Feldherr. Aber er kümmert sich auch. Die ganze Zeit bei Inter hing er an mir und wollte wissen, wie es mir ging. Er ist das genaue Gegenteil von Guardiola. Wenn Mourinho einen Raum erleuchtet, zieht Guardiola die Gardinen zu, und ich vermutete, dass Guardiola sich jetzt mit ihm messen wollte.
»Wir spielen nicht gegen Mourinho. Wir spielen gegen Inter«, sagte er, ungefähr so, als säßen wir da und dächten, dass wir mit dem Trainer Fußball spielen sollten, und dann spulte er sein Philosophiezeugs herunter.
Ich hörte kaum zu. Warum auch? Es war gehobenes Geschwafel, von Blut, Schweiß und Tränen und so was. Nie habe ich einen Trainer so reden hören! Der reinste Müll! Aber jetzt kam er wirklich zu mir. Es war beim Training in San Siro, und die Leute waren da und guckten und checkten: Ibra ist wieder da!
»Kannst du von Anfang an spielen?«, fragte Guardiola.
»Klar«, sagte ich. »Ich bin heiß.«
»Aber bist du bereit?«
»Eindeutig. Ich bin gut drauf.«
»Aber bist du vorbereitet?«
Er war wie ein Papagei, und ich fühlte miese Schwingungen.
»Okay, es war eine ätzende Reise, aber ich bin in Form. Die Verletzung ist verheilt. Ich werde alles geben.«
Guardiola sah aus, als zweifelte er daran. Ich begriff ihn nicht, und hinterher rief ich Mino Raiola an. Ich rufe Mino Raiola wegen allem und jedem an. Schwedische Journalisten pflegen zu sagen: Mino verschafft Zlatan ein schlechtes Image. Mino ist dies und das. Soll ich sagen, wie es wirklich ist? Mino ist ein Genie. Ich fragte ihn:
»Was meint der Kerl?«
Keiner von uns wurde schlau aus ihm. Uns fiel langsam nichts mehr ein. Aber ich war in der Startelf, und wir machten das 1:0. Dann drehte sich das Spiel. Ich wurde nach sechzig Minuten ausgewechselt, und wir verloren 3:1. Es war Scheiße. Ich war stocksauer. Aber früher, bei Ajax zum Beispiel, konnte ich mich Tage und Wochen über eine Niederlage ärgern. Jetzt habe ich Helena und die Kinder. Sie helfen mir, zu vergessen und weiterzugehen.
Ich konzentrierte mich auf das Rückspiel in Camp Nou. Das Rückspiel war wahnsinnig wichtig, und die Stimmung stieg mit jedem Tag. Es entstand ein total verrückter Druck. Es lag gleichsam ein Donnergrollen in der Luft, und wir mussten hoch gewinnen, um weiterzukommen. Aber dann … ich will nicht daran denken, oder doch, ich will, es hat mich stärker gemacht. Wir gewannen 1:0. Aber es reichte nicht. Wir flogen aus der Champions League, und hinterher sah Guardiola mich an, als wäre alles mein Fehler, und ich dachte: Das war’s. Jetzt sind alle Karten gespielt. Nach dem Spiel kam es mir so vor, als sei ich nicht mehr willkommen im Verein, und mir wurde schon schlecht, wenn ich ihren Audi fuhr.
Es ging mir beschissen, wenn ich in der Kabine saß und Guardiola mich anstarrte, als wäre ich ein Störfaktor, ein Außenstehender. Es war völlig absurd. Er war eine Wand, eine Steinmauer. Ich bekam kein Lebenszeichen von ihm, und jeden Moment, den ich bei der Mannschaft war, wünschte ich mich weg.
Ich gehörte nicht mehr dazu, und als wir auswärts gegen Villarreal spielten, ließ er mich fünf Minuten spielen. Fünf Minuten! Es kochte richtig in mir; nicht weil ich auf der Bank saß. Das akzeptiere ich, wenn der Trainer den Mumm hat zu sagen: Du bist nicht gut genug, Zlatan. Du spielst nicht!
Aber Guardiola sagte kein Wort, keinen Mucks, und jetzt reichte es mir. Ich spürte es im ganzen Körper, und wenn ich Guardiola gewesen wäre, hätte ich es mit der Angst bekommen. Nicht dass ich ein Schläger bin! Ich habe allen möglichen Scheiß angestellt. Aber ich schlage mich nicht, na ja, auf dem Platz habe ich wohl die eine oder andere Kopfnuss verteilt. Andererseits, wenn ich wütend werde, wird mir schwarz vor Augen. Dann kommt man mir lieber nicht zu nahe, und wenn ich jetzt ein bisschen genauer erzählen soll, dann ging ich also nach dem Spiel in die Kabine und hatte nicht direkt irgendeine Wahnsinnsattacke geplant. Aber ich war nicht gerade heiter gestimmt, und da drinnen stand mein Feind und kratzte sich die Glatze. Sonst waren nicht viele in der Kabine.
Touré war da und noch ein paar und dann diese Blechkiste, in die wir unsere Sachen legten. Und ich starrte die Kiste an. Dann trat ich dagegen. Ich glaube, sie flog drei Meter weit, aber ich war noch nicht fertig. Noch lange nicht. Ich schrie: »Du hast keine Eier!«, und bestimmt noch schlimmere Sachen, und dann fügte ich hinzu: »Du scheißt dir in die Hosen vor Mourinho. Fahr zur Hölle!«
Ich war vollkommen außer mir, und vielleicht hätte man erwarten können, dass Guardiola ein paar Worte erwidert hätte, etwas in der Art wie: Jetzt krieg dich mal wieder ein, so redet man nicht mit seinem Trainer! Aber so einer ist er nicht. Er ist ein Feigling. Er stellte nur die Metallkiste wieder richtig hin wie ein kleiner Pedant, und dann ging er hinaus und redete nicht mehr darüber, nicht ein Wort. Aber natürlich ging das Gerede los. Im Bus waren alle völlig aufgedreht.
»Was war los? Was war los?«
Nichts, dachte ich. Nur ein paar klare Worte. Aber ich mochte nicht darüber reden. Ich war so angefressen. Woche für Woche hatte mein Trainer und Chef mich kaltgestellt, ohne zu erklären, warum. Es war vollkommen krank. Ich habe auch früher schon Riesenzoff gehabt. Aber am Tag danach haben wir uns ausgesprochen, und damit war die Sache erledigt. Hier aber gingen nur das Schweigen und die Psychospielchen weiter, und ich dachte: Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Ich habe allein hier bei Barça zweiundzwanzig Tore geschossen und fünfzehn Assists und werde behandelt, als existierte ich nicht. Soll ich mir das antun? Soll ich mich weiter anpassen? Nie im Leben!
Als mir klar wurde, dass ich gegen Almería auf der Bank sitzen würde, erinnerte ich mich an die Worte: »Hier in Barcelona kommen wir nicht mit Ferraris oder Porsches zum Training!« Was war das eigentlich für ein Quatsch? Ich fahre, womit ich will, zumindest wenn ich damit Idioten auf die Palme bringen kann. Ich sprang in meinen Enzo und gab Gas und parkte genau vor dem Eingang zum Trainingsgelände, und natürlich gab es ein Mordsbohei. Die Zeitungen schrieben, dass das Auto genauso viel kostete wie die Monatsgehälter aller Almería-Spieler zusammen. Aber das war mir egal. In der gegenwärtigen Lage war das Mediengetöse nebensächlich. Ich hatte beschlossen dagegenzuhalten.
Ich hatte beschlossen, ernsthaft zu fighten, und dazu muss man wissen, dass ich das Spiel beherrsche. Ich habe mich schon früher von meiner harten Seite gezeigt, das könnt ihr mir glauben. Aber umso weniger durfte ich jetzt die Vorbereitungen schleifen lassen, und deshalb sprach ich natürlich mit Mino. Wir planen die smarten und die weniger feinen Tricks immer zusammen, und dann rief ich die Kumpel an.
Ich wollte die Sache aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, und Herrgott, ich bekam alle möglichen Ratschläge. Die Jungs aus Rosengård wollten runterkommen und Sachen kaputt schlagen, und natürlich war das gut gemeint von ihnen, schien aber in der gegebenen Lage nicht ganz die richtige Strategie zu sein, und natürlich diskutierte ich die Sache mit Helena. Sie ist ja aus einer anderen Welt. Sie ist wunderbar. Sie kann auch tough sein. Aber jetzt munterte sie mich auf.
»Du bist auf jeden Fall ein besserer Vater geworden. Wenn du keine Mannschaft hast, in der du dich wohlfühlst, schaffst du bei uns ein Team«, sagte sie, und das machte mich froh.
Ich kickte eine ganze Menge mit den Kindern herum und versuchte, dazu beizutragen, dass alle sich wohlfühlten, und natürlich saß ich vor meinen Computerspielen. Das hat Züge einer Sucht bei mir. Ich gehe völlig darin auf. Aber seit den Jahren bei Inter, als ich bis vier, fünf Uhr am Morgen davor sitzen und mit nur zwei, drei Stunden Schlaf im Körper zum Training fahren konnte, habe ich mich selbst ein wenig diszipliniert: Keine Xbox oder PlayStation nach zehn Uhr abends.
Ich darf die Zeit nicht einfach verschwinden lassen, und in diesen Wochen in Spanien versuchte ich wirklich, mich der Familie zu widmen und in unserem Garten zu entspannen, und manchmal trank ich sogar ein Corona. Das war die gute Seite. Aber nachts, wenn ich wach lag, oder im Training, wenn ich Guardiola sah, erwachten die dunkleren Seiten zum Leben. Der Zorn hämmerte in meinem Kopf, und ich ballte die Fäuste und plante meine Gegenzüge und meine Revanche. Nein, mir wurde immer klarer, dass es jetzt kein Zurück mehr gab. Ich musste aufstehen und wieder ich selbst werden.
Denn eins darf man nicht vergessen: Du kannst einen Typen aus dem Ghetto holen, aber du holst niemals das Ghetto aus einem Typen.

 

2

Als ich klein war, bekam ich von meinem Bruder ein BMX-Rad. Ich nannte es Fido Dido.
Fido Dido war eine witzige Comicfigur, der die Haare zu Berge standen und die ich supercool fand. Aber das Fahrrad wurde mir vor dem Rosengård-Schwimmbad geklaut, und mein Vater kam mit offenem Hemd und aufgekrempelten Ärmeln an. Er ist der Typ, der sagt: Niemand rührt meine Kinder an! Keiner nimmt ihre Sachen! Aber auch ein harter Bursche wie er konnte nichts daran ändern. Fido Dido war weg, und ich war völlig verzweifelt.

Danach fing ich an, selbst Fahrräder zu klauen. Ich schlug die Schlösser auf. Darin war ich spitze. Einfach bang, bang, und das Teil gehörte mir. Ich war der Fahrraddieb. Das war mein erstes krummes Ding. Es war ziemlich unschuldig. Aber manchmal lief es aus dem Ruder. Einmal kleidete ich mich in schwarze Sachen und ging in schlimmster Rambomanier in die Dunkelheit hinaus und schnitt mit einem riesigen Bolzenschneider ein Militärfahrrad los, und gar keine Frage, das Teil war cool. Ich liebte es. Aber es war mehr der Kick beim Klauen als das Rad. Ich legte richtig los. Ich schlich im Dunkeln umher, warf einen Haufen Eier an Fensterscheiben und solche Sachen, und ich wurde nur ganz selten dabei geschnappt.
Da war diese eine peinliche Geschichte in Wessels Kaufhaus draußen in Jägersro. Aber ich hatte es verdient, ehrlich gesagt. Ein Kumpel und ich trugen mitten im Sommer dicke Daunenjacken, völlig idiotisch, und darunter hatten wir vier Tischtennisschläger und anderen Kram, den wir eingesteckt hatten. »Und womit wollt ihr das alles bezahlen?«, fragte der Wachmann, als er uns erwischte. Ich holte sechs Zehnörestücke aus der Hosentasche und sagte: »Na ja, hiermit.« Aber der Kerl hatte keinen Humor, und ich beschloss, in Zukunft professioneller zu sein, und ich vermute, dass ich am Ende ein ziemlich geschickter Ganove wurde.
Ich war ein kleiner Kerl mit einer großen Nase und lispelte und bekam Sprachtraining. Eine Frau kam zu mir in die Schule und brachte mir bei, »s« zu sagen, und ich fand es erniedrigend und nehme an, ich hatte es nötig, mich zu behaupten. Außerdem zuckte es in meinem Körper. Ich konnte keine Sekunde still sitzen und sauste die ganze Zeit herum. Es kam mir vor, als könnte mir nichts Schlimmes zustoßen, wenn ich nur schnell genug rannte. Wir wohnten in Rosengård am Stadtrand von Malmö, und da wimmelte es von Somaliern, Türken, Jugos, Polen, allen möglichen Ausländern eben, und Schweden. Wir Jungs machten alle auf hart. Wegen jeder Kleinigkeit rasteten wir aus, und man kann nicht behaupten, dass es zu Hause leicht war.
Wir wohnten damals in der dritten Etage im Cronmans väg, und mit Küsschen und so war bei uns nichts. Keiner fragte: »Na, Zlatan, wie war dein Tag heute, mein Lieber?« Von wegen. Kein Erwachsener half einem bei den Hausaufgaben oder interessierte sich dafür, ob du ein Problem hattest. Du musstest allein klarkommen, und es half nichts, herumzujammern, wenn jemand dir auf die Füße getreten hatte. Du musstest die Zähne zusammenbeißen, und es gab Chaos und Streit und Schläge und Ohrfeigen. Aber klar, manchmal hofftest du auf ein wenig Sympathie. Eines Tages fiel ich in der Tagesstätte von einem Dach. Ich hatte ein riesiges blaues Auge, lief weinend nach Hause und erwartete, dass jemand mich in den Arm nähme oder zumindest ein paar tröstende Worte für mich fände. Stattdessen bekam ich eine Ohrfeige.
»Was hattest du auf dem Dach zu suchen?«
Nichts mit: »Oh, armer Zlatan.« Sondern: »Du verfluchter Idiot, kletterst auf ein Dach, dafür hast du eine Ohrfeige verdient.« Und ich war schockiert und zog mich zurück, oder ich haute ab, raus. Meine Mutter hatte keine Zeit, mich zu trösten, nicht damals. Sie putzte und schuftete, um uns durchzubringen, sie war wirklich eine Kämpferin. Aber für mehr hatte sie keine Kraft. Sie hatte es nie leicht gehabt, und wir hatten alle ein furchtbares Temperament. Bei uns zu Hause gab es kein schwedisches Süßholzgeraspel wie: »Liebling, sei so nett und reich mir die Butter«, sondern eher: »Hol die Milch, du Idiot!« Türen knallten, und Mutter weinte. Sie weinte oft. Ich liebe sie. Sie hat hart geschuftet im Leben. Sie hat vierzehn Stunden täglich sauber gemacht, und dann und wann gingen wir mit und leerten die Papierkörbe und kriegten ein wenig Taschengeld. Aber manchmal war Mutter fix und fertig.
Sie schlug uns mit Holzlöffeln, und manchmal gingen die Löffel kaputt, und dann musste ich los und neue kaufen, als sei es meine Schuld, dass sie so fest geschlagen hatte. Ich erinnere mich besonders an einen Tag. Ich hatte in der Tagesstätte einen Ziegelstein geworfen, der irgendwie abprallte und ein Fenster einschlug, und als Mutter das hörte, drehte sie durch. Alles, was Geld kostete, machte sie wahnsinnig, und sie schlug mich mit dem Löffel. Bang, boom! Es tat weh, und vielleicht ging der Löffel wieder kaputt. Ich weiß nicht. Manchmal gab es keine Löffel mehr im Haus, und einmal kam Mutter mit einer Teigrolle hinter mir her. Aber da brachte ich mich in Sicherheit, und dann sprach ich mit Sanela darüber.
Sanela ist mein einziges Vollgeschwister. Sie ist zwei Jahre älter als ich und eine ganz Gewitzte. Sie fand, wir sollten Mama ein wenig veräppeln. Die spinnt doch, uns auf den Kopf zu schlagen! Völlig krank! Also gingen wir in den Supermarkt und kauften Löffel, drei Stück für zehn Kronen, und die schenkten wir Mutter zu Weihnachten.
Ich glaube, sie hat die Ironie nicht begriffen. Für so was hatte sie keinen Sinn. Es sollte Essen auf dem Tisch stehen. Dafür gingen alle ihre Kräfte drauf. Wir waren viele zu Hause, meine Halbschwestern, die später verschwanden und mit der gesamten Familie brachen, und mein kleiner Bruder Aleksandar, Keki genannt, und das Geld reichte nicht. Nichts reichte, und die älteren Geschwister kümmerten sich um uns Kleine. Wir wären sonst nicht zurechtgekommen, und es gab häufig Fertigmakkaroni mit Ketchup, oder wir aßen bei den Kumpeln oder meiner Tante Hanife, die im selben Haus wohnte und die als Erste von uns allen nach Schweden gekommen war.
Ich war noch keine zwei Jahre alt, als Papa und Mama sich trennten. Ich erinnere mich kaum daran. Es war vermutlich besser so. Nach allem, was ich verstanden habe, war es keine gute Ehe. Es gab Streit und Krach, und sie hatten geheiratet, damit Papa die Aufenthaltsgenehmigung bekäme, und ich nehme an, es war ganz natürlich, dass wir alle bei Mama landeten. Aber ich sehnte mich nach meinem Vater. Er hatte es besser, und es passierten coolere Dinge um ihn herum. Sanela und ich trafen Papa jedes zweite Wochenende, und dann kam er oft in seinem alten blauen Opel Kadett, und wir fuhren zum Pildammspark oder hinaus auf die Insel in Limhamn und kauften Hamburger und Softeis. Einmal schlug er richtig zu und schenkte jedem von uns ein Paar Nike Air Max, die coolen Sportschuhe, die tausend Kronen kosteten oder so. Meine waren grün, Sanelas rosa. Niemand in Rosengård hatte solche Schuhe, und wir fühlten uns so cool wie sonst was. Mit Vater ging es uns gut, und wir konnten fünfzig Kronen für Pizza und Coca-Cola kriegen. Er hatte eine ordentliche Arbeit und nur einen weiteren Sohn, Sapko. Er war unser lustiger Feiertagspapa.
Aber die Lage wurde kritischer. Sanela war eine krasse Läuferin. Sie war die Schnellste in ihrer Altersklasse über sechzig Meter in ganz Schonen, und Vater war stolz wie Oskar und fuhr sie zum Training. »Gut, Sanela. Aber du kannst es noch besser«, sagte er. Das war sein Ding: »Besser, besser, gib dich nicht zufrieden«, und diesmal war ich mit im Auto. Vater hat es jedenfalls so in Erinnerung, und er merkte es direkt. Etwas stimmte nicht. Sanela schwieg. Sie kämpfte gegen die Tränen an.
»Was ist passiert?«, fragte er.
»Nichts«, erwiderte sie, und er fragte weiter, und am Schluss erzählte sie. Wir brauchen nicht in die Details zu gehen, das ist Sanelas Geschichte. Aber mein Vater, er ist wie ein Löwe. Wenn seinen Kindern etwas passiert, wird er wild, besonders wenn es sich um Sanela dreht, seine einzige Tochter, und es gab einen Riesenzirkus mit Verhören und Sozialamtsuntersuchungen und Sorgerechtsstreitigkeiten und dergleichen. Ich begriff nicht viel davon. Es war kurz vor meinem neunten Geburtstag.

Es war der Herbst 1990, und man hielt es von mir fern. Dennoch ahnte ich natürlich etwas. Zu Hause wurde es unruhig. An und für sich war es nicht das erste Mal. Eine meiner Halbschwestern nahm Drogen, harte Sachen, und sie hatte das Zeug zu Hause versteckt. Es gab oft Aufregung ihretwegen, zwielichtige Leute riefen an, und man hatte Angst, dass etwas Ernstes passieren könnte. Ein andermal war Mutter wegen Hehlerei im Gefängnis gelandet. Bekannte hatten zu ihr gesagt: »Nimm mal diese Halsketten an dich!«, und sie gehorchte. Sie begriff nicht. Aber dann stellte sich heraus, dass es Diebesgut war, und die Polizei rauschte bei uns rein und nahm Mutter fest. Ich erinnere mich vage an ein wunderliches Gefühl: Wo ist Mutter? Warum ist sie weg?
Aber jetzt nach diesem letzten Ding mit Sanela weinte sie wieder, und ich floh davor. Ich rannte draußen herum oder spielte Fußball. Dabei war ich nicht gerade ein Muster an Ausgeglichenheit oder ein vielversprechendes Talent. Ich war einer unter vielen Rotzlöffeln, die Fußball spielten, nur etwas schlimmer. Ich bekam wahnsinnige Ausbrüche. Ich verteilte Kopfnüsse und beschimpfte die Mitspieler. Aber ich hatte den Fußball. Das war mein Ding, und ich spielte die ganze Zeit, im Hof, auf dem Platz und in den Pausen. Wir gingen damals auf die Värner-Rydén-Schule, Sanela in die fünfte Klasse und ich in die dritte, und es gab keinen Zweifel, wer von uns beiden sich gut führte! Sanela musste schon früh groß werden und Extramama für Keki sein und die Familie versorgen, als die Schwestern sich aus dem Staub machten. Sie trug eine unglaubliche Verantwortung. Sie war brav. Sie war kein Mädchen, das zum Rektor bestellt und zurechtgewiesen wurde, und deshalb bekam ich es sofort mit der Angst zu tun, als der Bescheid kam. Wir sollten beide zu einem Gespräch erscheinen, und wenn es nur ich gewesen wäre, das wäre normal gewesen, die reine Routine. Aber jetzt waren es Sanela und ich. War jemand gestorben? Was war los?
Ich hatte Bauchschmerzen, und wir gingen über den Schulkorridor. Es muss im Spätherbst oder Winter gewesen sein. Ich hatte Angst. Aber als wir hineinkamen, saß Papa mit dem Rektor da, und ich war total erleichtert. Papa, das bedeutete meistens spaßige Sachen. Aber es war ganz und gar nicht spaßig. Die Stimmung war angespannt und feierlich, und es begann am ganzen Körper zu kribbeln, und ehrlich gesagt, ich begriff nicht viel von dem Ganzen, nur dass es sich um Papa und Mama drehte und nichts Angenehmes war, überhaupt nicht. Aber inzwischen weiß ich es. Jetzt, viel später, als ich mich mit diesem Buch beschäftigt habe, sind die Puzzlestücke an ihren Platz gerückt worden.
Im November hatte das Sozialamt seine Untersuchung abgeschlossen, und Vater bekam das Sorgerecht für Sanela und mich. Das Milieu bei Mutter wurde als ungeeignet angesehen, nicht in erster Linie ihretwegen, das muss ich sagen. Es ging um andere Dinge, aber trotzdem war es ein schwerer Schlag, eine enorme Demütigung, und Mama war am Boden zerstört. Sollte sie auch uns verlieren? Es war eine Katastrophe. Sie weinte und weinte, und klar, sie hatte uns mit Holzlöffeln verprügelt und uns Ohrfeigen verpasst und nicht auf uns gehört, und sie hatte Pech mit ihren Männern gehabt, und nichts lief, wie es sollte, und all das. Aber sie liebte ihre Kinder. Sie war eben selbst in rauen Verhältnissen aufgewachsen, und ich glaube, dass Vater das begriff. Er ging am selben Nachmittag zu ihr:
»Ich will nicht, dass du sie verlierst, Jurka.«
Aber er verlangte, dass sie sich anstrengte, und in solchen Situationen ist nicht mit ihm zu spaßen. Es fielen bestimmt harte Worte. »Wenn es nicht besser wird, siehst du die Kinder nicht mehr wieder« und dergleichen, und was genau geschah, weiß ich nicht. Aber Sanela wohnte ein paar Wochen bei Papa, und ich blieb bei Mama, trotz allem. Keine gute Lösung. Sanela ging es bei Vater nicht gut. Wir fanden ihn zu der Zeit schlafend auf dem Fußboden, und auf dem Tisch standen Bierdosen und Flaschen. »Papa, wach auf, wach auf !« Aber er schlief weiter. Es war komisch, fand ich. Warum tat er so was? Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Aber wir wollten helfen. Vielleicht fror er? Wir deckten ihn mit Handtüchern und Decken zu, damit er warm würde. Im Übrigen begriff ich nicht viel davon. Vermutlich begriff Sanela mehr. Sie hatte gemerkt, wie seine Stimmungen schwankten und wie er explodierte und brüllte wie ein Bär, und ich glaube, das machte ihr Angst. Außerdem vermisste sie den kleinen Bruder. Sie wollte wieder zu Mama zurück, während es für mich umgekehrt war. Ich sehnte mich nach dem Vater, und an einem dieser Abende rief ich ihn an und klang sicher verzweifelt. Es war einsam geworden ohne Sanela.
»Ich will nicht hier sein. Ich will bei dir wohnen.«
»Komm her«, sagte er. »Ich schicke ein Taxi.«

 

Über Zlatan Ibrahimovic

Biographie

Zlatan Ibrahimovic, geboren 1981 in Malmö, spielte u. a. bei Juventus Turin, Inter Mailand und dem FC Barcelona. Derzeit steht er bei dem französischen Erstligisten Paris Saint-Germain unter Vertrag, mit dem er 2013 die Meisterschaft gewann. Seine zuerst in Schweden erschienene Autobiografie zählt...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Montag, 02. Dezember 2013 in Berlin
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Hebbel am Ufer - HAU großer Saal,
Stresemannstraße 29
10963 Berlin
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Medien zu »Ich bin Zlatan«


Pressestimmen

Neue Zürcher Zeitung

»Vor allem eine gut geschriebene und virtuos komponierte Lebensgeschichte.«

schwedenerleben.de

»David Lagercrantz erzählt die turbulente Lebensgeschichte von Zlatan Ibrahimovic in schnellem Tempo. Detailliert erfährt der Leser von den einzelnen Stationen in der Karriere des herausragenden Spielers.«

Sonntagszeitung

»Dem Autor David Lagercrantz gelingt es, all die Facetten des Exzentrikers darzustellen.«

Ibbenbürener Volkszeitung

»Wer in der Lage ist, zwischen den Zeilen zu lesen, erfährt viel über Armut, Verletzlichkeiten, Familienbande, den Bürgerkrieg im früheren Jugoslawien und seine Auswirkungen, Unsicherheit, Stolz und die Schattenseiten von Weltruhm.«

Südwets Presse

»Der Kicker polarisiert, seine Autobiografie aber ist als Milieustudie bemerkenswert.(...) Mögen muss man ihn auch nach der Lektüre nicht. Aber man begreift, was es bedeutet, Zlatan Ibrahimovic zu sein.«

11Freunde

»Was herkömmliche Fußballerinterviews zu wenig haben, besitzt dieses Buch im Übermaß. Ein 400-Seiten-Parforceritt durch die durchgeknallte Komfortzone der aktuellen Weltfußballschickeria.«

Abendzeitung Online

»Der schwedische Fußballer Zlatan Ibrahimovic gehört unbestritten nicht nur zu den besten Fußballern unserer Zeit, sondern hat eine wirklich interessante Geschichte zu erzählen über seine Kindheit als Einwandererkind aus einem Ghetto Malmös bis hin zum Superstar, der überall Titel gewinnt, aber ebenso konsequent aneckt.«

UniSPIEGEL

»Ein Buch voller Leid, Freude, Hass. So ist über Fußball selten geschrieben worden.«

Tiroler Tageszeitung

»Das Buch ist mehr als nur eine austauschbare Sportler-Biografie. Es erzählt mehr über das Integrationsmusterland Schweden als so mancher Sozialbericht.«

Neue Zürcher Zeitung

»Gebannt und amüsiert folgt man einem atemlosen Ritt durch Europas Fußball-Beletage.«

Tages-Anzeiger

»David Lagercrantz ist ein renommierter Schriftsteller. Das tut dem Buch gut. Es wirkt direkt und authentisch.«

Westdeutsche Allgemeine

»Eskapaden, Kabinengeständnisse: Zündstoff, der aus ›Ich bin Zlatan‹ eine der besten Fußballer-Biographien aller Zeiten macht.«

Heilbronner Stimme

»Ungefärbt. Direkt. Knallhart - auch sich selbst gegenüber. Und das macht das Buch tatsächlich lesenswert.«

Kurier am Sonntag

»Absolut empfehlenswerte Lektüre.«

Schweiz am Sonntag

»Vorhang auf für die bewegende Geschichte von ›Ibracadabra‹!«

Westfälischer Anzeiger

»Es ist ein spektakuläres, rasant geschriebenes und, wen wundert's beim Unangepassten, niemals billig-anbiederndes Buch. (...) Authentisch, immer stimmig im Ton, überraschend tiefgründig und sparsam, aber großartig bebildert. Prädikat Volltreffer.«

FFM-Rock

»Durch Lagercrantz' schriftstellerisches Können wird das Buch zu einer sehr informativen und unterhaltsamen Lektüre.«

Literaturmarkt

»Der Schreibstil ist direkt und schonungslos, somit völlig authentisch für den handelnden Protagonisten. (...) ›Ich bin Zlatan Ibrahimovic‹ porträtiert eine schillernde und oftmals geniale Figur des heutigen Weltfußballs.«

Die Welt

»Das Beste aber ist, dass er auch seine Geschichte so erzählt - oder doch wenigstens einen Co-Autor gefunden hat, der den Ton hält.«

Sportmagazin (A)

»Schwedens Superstriker erzählt in seiner Bio, wie er sich als Gastarbeiterkind aus der Malmöer Unterschicht in den Olymp des europäischen Klubfußballs dribbelte.«

Piranha

»Wer mit Zlatan seinen wechselvollen Weg vom kickenden Fahrraddieb zum bestbezahlten Fußballprofi der Welt nachgehen will, dem sei ›Ich bin Zlatan‹ wärmstens ans Herz gelegt.«

Kommentare zum Buch

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