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Gebrauchsanweisung für die USA

Adriano Sack
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Gebrauchsanweisung für die USA — Inhalt

Der Wegweiser für die amerikanische Wirklichkeit

Die USA sind ein Land, das täglich neu überrascht und berauscht, zum Lachen bringt, verärgert und fasziniert. Wie man es verstehen und sogar lieben lernt, das verrät Amerika-Experte Adriano Sack. Er reist mit uns von der Ost- zur Westküste und zu allem, was dazwischen liegt. Gemeinsam erkunden wir ein vielschichtiges Staatensammelsurium, das vor allem in den letzten Jahren zahlreichen Umbrüchen unterworfen war – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Adriano Sack macht sich auf, die Lage zu erkunden und ein aktuelles Porträt dieses widersprüchlichen Landes zu zeichnen.

Aktualisierte und erweiterte Ausgabe

„Eine unendliche Vielfalt, die uns lustvoll nahezubringen das größte Verdienst dieses Buches ist.“ Berliner Morgenpost

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 30.03.2023
240 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27767-9
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€ 13,99 [D], € 13,99 [A]
Erschienen am 30.03.2023
240 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60319-5
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Leseprobe zu „Gebrauchsanweisung für die USA“

Soll ich da wirklich hinfahren?
Wenn Sie diese Zeilen lesen, haben Sie sich vermutlich schon entschieden. Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass bis zum Abflug noch einmal Zweifel aufkommen. Beim Gespräch mit Freunden, die einem besorgt und vehement erklären, dass man „da im Moment nicht hinfahren“ könne. Oder beim Blick in die Nachrichten.
Donald Trump wurde vor Jahren abgewählt, doch die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die er für sich genutzt und weiter verstärkt hat, beschäftigt die USA nach wie vor. Aus der Ferne gesehen wirken sie wie [...]

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Soll ich da wirklich hinfahren?
Wenn Sie diese Zeilen lesen, haben Sie sich vermutlich schon entschieden. Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass bis zum Abflug noch einmal Zweifel aufkommen. Beim Gespräch mit Freunden, die einem besorgt und vehement erklären, dass man „da im Moment nicht hinfahren“ könne. Oder beim Blick in die Nachrichten.
Donald Trump wurde vor Jahren abgewählt, doch die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die er für sich genutzt und weiter verstärkt hat, beschäftigt die USA nach wie vor. Aus der Ferne gesehen wirken sie wie ein Land voller unerträglicher Widersprüche. Erst wurde das Recht auf Abtreibung massiv eingeschränkt, dann die Vollwertigkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe gesetzlich verankert. In den Universitäten wird mit Samthandschuhen daran gearbeitet, dass sich Studierende jeder Farbe und Identität von Lehrinhalten nicht verstört fühlen müssen, während die Rädelsführer der politischen Rechten erklären: „Die Universitäten sind der Feind.“ Irgendwo scheint immer gerade ein hasserfüllter und schwerstbewaffneter junger Mann an einer Schule, in einem Club, in einer Synagoge, in einer Shoppingmall in die Menge zu schießen, aber jeder Versuch, die Waffengesetze zu verschärfen, scheitert an dem Lobby-Verein NRA (National Rifle Association) und der Überzeugung vieler Amerikaner, dass der Besitz von Waffen ein Menschenrecht sei, das man nicht einschränken dürfe.
Aber es gibt eben auch das andere Amerika. Die jüngste Massenschießerei fand in einem queeren Nachtclub in Colorado Springs statt. Im Publikum saß der ehemalige Soldat Richard F. Fierro, der Einsätze im Irak und in Afghanistan absolvierte und heute die Minibrauerei Atrevida Beer betreibt. Er war mit seiner Frau, seiner Tochter und Freunden zum ersten Mal in dem Club und schaute sich die erste Dragshow seines Lebens an. Als die Kugeln durch den Laden zischten, rannte er auf den wild um sich ballernden Schützen zu, rang ihn nieder und rettete vermutlich vielen Menschen das Leben. „Ich war plötzlich im Kampfmodus“, sagte er hinterher. Fierro hat einen Bierbauch und trägt einen überhaupt nicht hippen Kinnbart. Er ist kein Mitglied der urbanen Eliten an Ost- und Westküste, sondern ein Vater in einer mittelgroßen Provinzstadt, vor dessen Garage die amerikanische Flagge weht. Doch ihm kocht nicht das Blut hoch, wenn seine Mitmenschen ein anderes Leben führen wollen oder müssen. Über die Dragshow, die er an jenem Abend besuchte, sagte er: „Mich macht das glücklich, denn dafür habe ich gekämpft. Dass jeder machen darf, was er will.“ In einem Amerika, wo die Gegensätze so unversöhnlich scheinen, zeigt ein Mann wie er, dass es eigentlich ganz einfach sein könnte.
Menschen wie Richard F. Fierro findet man überall in den USA. Die legendäre kindness of strangers, die die geistig verwirrte Blanche Dubois in dem Theaterstück „Endstation Sehnsucht“ beschreibt, hier gibt es sie wirklich. Und nicht als nymphomanen Fiebertraum, sondern als Wärme, Kommu­nikationsbereitschaft, Offenheit. Menschen, die nicht wegen ­eines persönlichen Vorteils oder eines besonders üppigen Trinkgelds freundlich sind, sondern weil sie neugierig sind und von ihrem Gegenüber das Beste annehmen. Selbst im traditionell muffeligen, scharfzüngigen und ungeduldigen New York wird man, im Vergleich zu jeder deutschen Stadt oder auch zu London oder Paris, mit Komplimenten und Freundlichkeiten überschüttet. Und aus der Nähe besehen sind die USA genau das, wofür man den Begriff melting pot erfunden hat, eine schier unglaubliche Ansammlung von Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Sprachen, Religionen, Iden­titäten, Anschauungen und Vorlieben. Das erzeugt Reibung und Konflikt, aber auch eine Vielfalt, die ebenso unterhaltsam wie tröstlich ist. Nicht umsonst ist die Lieblingsformulierung von amerikanischen Politikern, die nicht auf Spaltung aus sind, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes gebe. Natürlich ist das Wunschdenken, sonst müsste man es ja nicht immer betonen. Doch die Utopie, die darin liegt, die spürt man fast überall im Land: Sie heißt individuelle Freiheit.
Einen Teil dieses Buches habe ich vor einigen Jahren unter einer Gruppe von sequoia trees geschrieben, jenen gewaltigen Nadelbäumen, für die Kalifornien berühmt ist. In meinem Fall standen sie vor der Big Trees Lodge im südlichen Teil des Yosemite-Nationalparks. Dieses Hotel besteht aus mehreren weißen Holzhäusern, die teilweise über 150 Jahre alt sind. Viele Zimmer haben kein eigenes Bad, die Wände sind hellhörig, der Hauspianist ist seit dreißig Jahren im Amt und nur mäßig begabt, die Frösche im Springbrunnen quaken unermüdlich und sehr laut. Aber durch die Anlage liefen all walks of life, wie man hier sagt.
Vor und in diesen weißen Holzhäusern mit den großzügigen Veranden also traf ich: eine Muslima mit schwarzem Hijab, ältere Amerikaner mit wirren Haaren, Paare mit beneidenswert straffen Waden, eine junge Frau mit langen hellblauen Locken und einem Heavy-Metal-T-Shirt. Und eine Gruppe von Kindern in nostalgischen Siedlerkostümen: die Jungs in schwarzen Anzügen, breitkrempigen Hüten und mit Blech­tassen um den Hals, die Mädchen mit langen Röcken und weißen Schürzen. Ein paar waren auch als Indianer verkleidet. Da hätte heute vermutlich eine Erzieherin eingegriffen, denn die stereotype Darstellung von Native Americans gilt als deplatziert und tone deaf. Dazu später mehr.
An jenem Nachmittag im Yosemite Park war von diesen Identitätsstreits, die das heutige Amerika prägen und zuweilen vergiften, zum Glück nichts zu spüren. Die amerikanische und die kalifornische Flagge hingen in der Windstille schlaff vom Mast, die Nadeln der Bäume dufteten, und das Licht war von einer fast beißenden Helligkeit. Schließlich war hier die Wüstensonne des südlichen Kaliforniens am Werk. „ Grüße aus dem Paradies “, schloss ich die wenigen E-Mails, die ich verschickte. Keiner der Empfänger hat widersprochen.
Die USA sind nicht nur politisch ein Land der Gegensätze. Die Natur kann so gewaltig sein wie in den Weiten der 
Rocky Mountains, so märchenhaft wie das Spanish Moss in den Bäumen der Südstaaten, so lauernd und schwül wie die Sümpfe Floridas mit ihren Alligatoren, so knochenmarkkalt wie der Herbstwind vom Lake Michigan bei Chicago, so lieblich wie das Russian River Valley zwischen Napa und dem Pazifik, so surreal wie die aus unzähligen Western berühmten roten Kalk- und Sandsteinfelsen des Monument Valley, so karg-romantisch wie die Atlantikküste in Maine, so gleißend wie die Sonne in New Mexico, so großspurig-tropisch wie der Strand in Miami Beach, so erschütternd wie der Grand Canyon, so gleichmütig wie die Elchkuh im Glacier-Nationalpark in Montana. Oder auch so unendlich öde wie die Maisfelder in Iowa, wo man die Highways runterzuschleichen meint, weil sich einfach nichts verändert.
Die Wege vom einen zum anderen sind oft selbst für unermüdliche Autofahrer zu lang. Eine Entdeckungsreise durch Amerika erfordert also viel Zeit oder sorgfältige Planung – sonst wird man am Tresen von Disney World in Orlando entsetzt angestarrt, weil man die Digitalbuchung der einzelnen Attraktionen verschwitzt hat. Und wenn man dann doch vor dem Cinderella Castle steht – jener Neuschwanstein-Parodie, die am Anfang jedes Disney-Films zu sehen ist –, staunt man über die freudige Erregung um diesen Haufen Kitsch. Staunt so begeistert, dass man am Ende vergisst, sein eigenes ussie zu machen. Das ist ein Gruppenselfie, denn Disney ist schon ­immer eine Familienangelegenheit gewesen.
Das Wichtigste, um dieses Land zu verstehen und lieben zu lernen, sind Humor und die Fähigkeit, an seinen Widersprüchen nicht zu verzweifeln. Was soll man auch von einer Nation halten, die ihre Übergewichtigen mit Hamburgern als Schulspeisung quasi heranzüchtet und gleichzeitig das ­fanatischste Körperbewusstsein außerhalb von Brasilien hervorgebracht hat ? Die ohne jede Hemmungen genmanipulierte Pflanzen und Rinder produziert und in der gleichzeitig umweltschonende Hybridautos das allerneueste und allerunverzichtbarste Statussymbol sind? In der Farmer mit Dreck unter den Fingernägeln als der Inbegriff des ehrlichen Amerikas gelten und die Welternährung mit künstlichem Fleisch aus dem Labor erledigt werden soll? In der eine Million Embryos eingefroren darauf warten, von Leihmüttern ausgetragen zu werden, und in der gleichzeitig an manchen Schulen Evolution und biblische Schöpfungsgeschichte gleichberechtigt gelehrt werden? In der die Meisterwerke europäischer Architektur in wüsten Themenhotels nachgeäfft werden und gleichzeitig die wichtigste Kunst, Literatur und Musik der letzten siebzig Jahre entstanden ist? In der der Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt härter tobt als irgendwo sonst im westlichen Kapitalismus und gleichzeitig in Jobbewerbungen weder das Alter angegeben noch ein Foto beigelegt werden darf, damit niemand diskriminiert werden kann?
In god’s own country ist XXL kein Superlativ, sondern das Standardformat, sind die Autos größer, die Fernsehsendungen schriller, die Zeitungen dicker, die Steaks blutiger, die Waffengesetze lockerer, die Wanderwege einsamer, die Reichen reicher und die Armen ärmer. Dieses Land kann man nur ­lachend lieben. Und mit Bewunderung für den Idealismus, die Naivität, die Zukunftsliebe seiner Bewohner.
Als William Randolph Hearst noch ein kleiner Junge war, so um 1870 herum, segelten seine Eltern in den Sommer­monaten von San Francisco aus die Pazifikküste hinunter nach Süden und ankerten vor San Simeon, wo ihnen die Piedras Blancas Ranch gehörte (die heute berühmte Küstenstraße Highway 1 gab es noch nicht). Die Familie verbrachte ihre Sommerurlaube auf einem Hügel – mit grandioser Aussicht, aber in Zelten. Nachdem Hearst mit dem Erbe seines Vaters ein Medienimperium aufgebaut hatte, errichtete er sich hier ein Ensemble aus mehreren Häusern, gekrönt von einem Schloss, dessen Hauptfassade an eine spanische Kathedrale erinnern sollte. Alle Gebäude waren vollgestopft mit kostbarsten Antiquitäten und europäischer Kunst, der Swimmingpool war vergoldet, auf dem riesigen Anwesen tummelten sich exotische Tiere. Der Mann war ein König in seinem selbst erfundenen Reich. Orson Welles spielte ihn in dem Meisterwerk „Citizen Kane“. Wenn man Glück hat, erspäht man heute noch ein paar Zebras, während sich der Besucherbus auf diesen Märchenberg schraubt. Wie in Neuschwanstein hat sich hier ein Herrscher eine aus historischen Versatzstücken montierte Fantasiewelt errichtet. Aber während das Schloss von Ludwig II. von Bayern von neurotischer Weltflucht durchströmt ist, lud der amerikanische Hausherr die ganze Welt zu sich ein. Politiker, Schauspieler, Schauspielerinnen. Noch heute atmet Hearst Castle den ganzen Größenwahnsinn und Optimismus Amerikas.
Kein Buch kann ein Land, das eigentlich ein Kontinent oder eine ganze Welt ist, vollständig erfassen. Wozu auch? Egal, ob Sie in Pennsylvania Kanu fahren, wo die Flüsse noch immer indianische Namen tragen, ob Sie auf der snowcat durch die verschneiten Berge Colorados heizen, ob Sie im Napa Valley dem kalifornischen Rotwein verfallen, ob Sie in Houston neben einer Tankstelle die Geheimnisse und Tücken des Southern Barbecue erschmecken oder im New Yorker Galerienviertel Chelsea die Dekadenz des Kunstmarktes bestaunen – Sie werden merken, wie Amerika Sie erobert.
Und umgekehrt natürlich auch. Früher oder später werden Sie sich auf Ihrer Reise wie ein Entdecker fühlen. Getrieben von dem unerschütterlichen Glauben, dass das Beste noch vor Ihnen liegt.


Wie bereite ich mich vor?
Lassen Sie uns vorab eine Reise durch Amerika machen, und zwar in Fernsehserien. Natürlich muss sich nicht jeder die Mühe machen, alle hier kurz vorgestellten Serien vor dem ersten Trip in die USA in Gänze zu schauen. Zumal es bei ­einigen auch gar nicht so einfach ist, die zum Teil angejahrten Erzeugnisse in dem modernen Gestrüpp aus Streamingdiensten zu finden (mit ein bisschen Mühe sollte es aber klappen). Doch wenn man seine Abende in den letzten Jahren und Jahrzehnten zumindest gelegentlich mit Serien verbracht hat, hat sich vielleicht sowieso unmerklich ein Mosaik zusammengesetzt, das ein ziemlich komplettes und erstaunlich treffendes Bild der Vereinigten Staaten zeichnet.
Vor meinem Umzug nach New York vor vielen Jahren habe ich, halb im Scherz, fast alle Folgen der Serie „Sex and the City“ gesehen, um mich in den Humor und die Alltagskultur dieser Stadt einzufinden. Ich hatte trotzdem nicht erwartet, dass ich meine Nachmittage in Manhattan mit ein paar Cosmopolitans und Prominenten am Nachbartisch vertrödeln würde, und so kam es dann auch nicht. Aber viele Beobachtungen und Betrachtungen fanden sich so oder so ähnlich in der Wirklichkeit wieder – von der Fleet Week, wenn junge Matrosen die Stadt fluten, bis zur lebenswichtigen Frage nach dem besten Cupcake. Falls es einen in die öden Weiten von North Dakota verschlägt, werden sich unweigerlich die grotesken und scharfsichtigen Bilder aus „Fargo“ im Kopf abspielen. Und wer vor einem Club in Miami Beach goldbehängte Männer und leicht bekleidete Frauen aus ihren Limousinen hat steigen sehen, der kennt diesen Anblick bereits aus „Miami Vice“.
Wobei sich in Amerika noch stärker als sonst die Frage stellt, ob die Wirklichkeit nicht auch die Kunst imitiert. Also anders gesagt: ob nach der Serie „Gossip Girl“ die reichen Teenager in Manhattan ihren Fernsehvorbildern nacheiferten, was Intrigen und Statussymbole betrifft. Vermutlich hat man es hier mit Wechselwirkungen zu tun. Die (echte) Teenagerbande jedenfalls, die in Hollywood die Häuser von Prominenten ausraubte, um an teure Handtaschen, Schuhe und Klamotten zu kommen, verarbeitete Sophia Coppola wieder zu dem Film „The Bling Ring“.
Eine derartige Liste kann nicht vollständig sein – der „Denver Clan“ fehlt ebenso wie die im Atlantic City der Prohibition spielende Serie „Boardwalk Empire“ –, aber sie könnte eine Anregung sein, nicht nur Reiseführer und Empfehlungswebsites zu konsultieren. Sondern auch auf das Talent der Amerikaner zurückzugreifen, sich selbst zu porträtieren und zu karikieren.

New York: „Sex and the City“ Es gibt viele gute Argumente gegen diese Serie: Sie handelt von vier wohlhabenden weißen Frauen, deren Hauptinteressen Drinks und gossip, ­Designermode und die Suche nach dem Mann fürs Leben sind. Die Kinofilme sind erschütternd unlustig, und die Nachfolgeserie „Just Like That“ versuchte sich allzu krampfhaft darin, mit der Zeit zu gehen. Wenn man aber New York als einen Märchenort der Neurosen und Sehnsüchte sehen will, dann hat SATC Tempo, Witz und die angemessene Vergötterung für die Stadt, in der sie spielt und von deren Spirit sie lebt.

Maryland: „The Wire“ In den Bestenlisten der Kritiker rangierte diese Serie von 2002 bis 2008 stets auf einem der Spitzenplätze. Die urbane Verwüstung, die Verstrickung von Gut und Böse und der grassierende Rassismus werden in komplexen Handlungsbögen erzählt. Ohne Untertitel ist der deutsche Zuschauer aufgeschmissen. „The Wire“ zeigt Baltimore in Maryland als hoffnungslose Ruine des postindustriellen Amerikas – nur ein paar Hundert Meilen von dessen Hauptstadt Washington entfernt.

Missouri: „Ozark“ Das grandiose Berg- und Flusspanorama Missouris spielt eine Hauptrolle in dieser Serie, nämlich als vermeintlich idealer Ort für diskrete Geldwäsche. Das hofft zumindest der Finanzberater Marty Byrde, der mit seiner ­Familie aus Chicago in diese scheinbare Idylle flieht, um seinen Schuldenberg abzubauen. Gelingt natürlich nicht, denn in der Idylle, das zieht sich durch die Landschaft amerikanischer Serien, warten hausgemachte und fremde Abgründe.

North Dakota: „Fargo“ Die Ödnis der Landschaft und die unerbittliche Kälte des Winters haben den Film der Coen-Brothers geprägt und ebenso die Serie, die knapp zwanzig Jahre später gedreht wurde. Was oft genug schiefging, ist den Brüdern meisterhaft gelungen: Die Serie zitiert den Film, erzählt aber ganz eigene Geschichten über wüste Bandenkriege, gescheiterte Familienidyllen, kleinen und großen Wahnsinn. Die Moral, wenn man bei den Coen-Brothers davon sprechen kann, ist immer die gleiche: Die USA sind auf Blut gegründet, und am Ende gewinnt immer der dickere Fisch.

Nordkalifornien: „Big Little Lies“ Reese Witherspoon gilt als reichste Schauspielerin Hollywoods. Sie hat das erreicht, indem sie erfolgreich auf, nun ja, Frauenstoffe gesetzt hat. Sie war die von einer Nachfolgerin bedrohte Moderatorin in „The Morning Show“ und koproduzierte unter anderem „Little Fires Everywhere“ und „Big Little Lies“. Diese Serie, üppig besetzt mit Kolleginnen wie Nicole Kidman und Meryl Streep, spielt in Monterey, also in der malerischen Küstenregion Nordkaliforniens, wo fünf Mütter aus dem (selbst-)zufriedenen linksliberalen Bürgertum in einen mysteriösen Mordfall verwickelt werden.

Florida: „Miami Vice“ Zugegeben ein sehr nostalgisches Vergnügen, und der Humor dieser Serie (1984–1989) ist nicht gut gealtert. Aber Miami ist eine interessante Stadt: die vielleicht tropischste in den USA und wegen der Nähe zu den Drogen aus Mittelamerika auch eine der umkämpftesten. Die beiden Detectives in Ferraris und bonbonfarbenen Klamotten sind natürlich Märchenprinzen, in dem sehr sehenswerten Kinofilm von 2006 hat sich ihre Welt deutlich verdunkelt. Speedboats, schöne Frauen und schnelle Autos allerdings gibt es dort auch noch.

Texas: „Dalla “ Zu Zeiten des Analogfernsehens (wenige Sender, feste Zeiten) war diese Serie eine weltweite Sensation. Sie zeigt ironischerweise ein Amerika, wie es sich seine Kritiker ausmalten. Die Charaktere sind entweder Langweiler (Clanmutter Miss Ellie, Sohn Ray) oder Teufel (allen voran Superschurke J. R. Ewing). Und praktisch alle sind reich, leben aber in einer Tristesse aus piefiger Familienfarm und dem Cattleman’s Club, wo Cowboystiefel und Whiskeyglas zur Grundausstattung gehören. Die subversive, fast Brecht’sche Botschaft: Wir alle drücken dem Bösesten die Daumen.

Washington: „Twin Peaks“ Ein freak accident der Fernsehgeschichte. Regisseur David Lynch verwandelte die Kleinstadt Snoqualmie im dauerverregneten Washington State in einen Ort der schwarz-grauen Magie und der verdrehten Charaktere. Offiziell geht es um den rätselhaften Tod der schönen Laura Palmer, aber genauso geht es um Kirschkuchen und den Wahnsinn, der in der schlichtesten Blockhütte lauert. „Twin Peaks“ bewies lange vor dem Siegeszug der „Sopranos“, dass im Fernsehen wirklich alles möglich ist. Der geniale Soundtrack von Angelo Badalamenti, dem Richard Clayderman der 90er, beförderte die Karriere des Technomusikers Moby, der „Laura Palmer’s Theme“ zu seinem ersten Welthit „Go“ umstrickte.

Louisiana: „True Blood“ Eine Horrorserie (2008–2014) in der irrlichternden Sumpflandschaft von Louisiana. Die Vampire haben ihre Menschenjagd aufgegeben und ernähren sich von Dosenblut („True Blood“), andere Horrorwesen mischen sich ein, und natürlich gibt es Blutsauger, die sich mit dieser Abstinenz nicht abfinden mögen. Eine Parabel auf die AIDS-Krise, auf den Rassismus, auf die Unergründlichkeit der Südstaaten? Von allem ein bisschen. Die Titelsequenz ist zeitlos schön: mit überfahrenem Opossum, Flusstaufe und dem Lied „I Wanna Do Bad Things With You“ von Jace Everett.

Massachusetts: „Mindhunter“ Amerika ist besessen von seiner dunklen Seite. Von den Anfängen der Kriminalpsychologie in den 70er-Jahren erzählt diese Serie (2017–2019), die auf echten Ermittlern und Fällen beruht. Bei dem Versuch, das Wesen und Vorgehen von Serienmördern zu verstehen, reisen zwei FBI-Agenten aus Boston durch die nach den blauäugigen und blutigen 60ern innerlich zerrissenen Vereinigten Staaten und treffen auf unbegreifliche Taten und das Unverständnis ihrer Kollegen.

Oregon: „Portlandia“ Nicht nur Firmensitz von Nike, sondern auch eine der Weltzentralen der Alternativkultur: Portland. Über die überzogene Political Correctness und die überzüchteten Ernährungsmarotten der Stadt machte sich diese Serie (2010–2018) lustig, was umso wirkungsvoller war, weil diese Trends von dort um die Welt gingen. Wer genau hinschaut, findet Portlandia auch in Long Island, Montana oder Austin/Texas. Es gibt zahllose Gastauftritte bekannter Musiker und Schauspieler und keine fortschreitende Handlung, sondern eher lose aneinandergeknüpfte Sketche, vergleichbar mit einer kuscheligen Häkeldecke. Sogar ein »Portlandia­Cookbook« wurde verfasst, welches Parodie und Liebeserklärung in einem ist.

Georgia: „Atlanta“ Eine von dem Schauspieler Donald Glover entwickelte dramady über einen Rapstar aus Versehen und die Musikstadt Atlanta. Die Serie galt in ihrem Erscheinungsjahr 2016 als visionär, weil Weiße nur Nebenrollen ­spielen (vor allem als prügelwütige Polizisten). Aber noch wichtiger sind der lässige, fast schlampige Flow der Geschichte und das nebenbei gezeichnete Porträt einer der musikalisch wichtigsten Städte der USA.

Washington, D. C.: „Madam Secretary“ Ich musste mich erst reinsehen in den Stil der Hauptdarstellerin Tea Léonie, die stets so spricht, als würde das Schlafmittel gerade zu wirken beginnen. Aber die Geschichte über eine ehe­malige CIA-Agentin, die erst zur Außenministerin und später zur Präsidentin wird, lebt von der Gegenüberstellung von Familienleben und Amt sowie von einer relativ klarsichtigen Schilderung des schmutzigen Geschäfts Politik in Washington. Einige der Nebenfiguren hätten eigene Serien verdient, vor allem der Politkollege aus China, ein eiskalter Parteisoldat und klammheimlicher Idealist.

Silicon Valley: „Silicon Valley“ Heute würde man vielleicht keine Komödie draus machen, aber von 2014 bis 2019 blieb einem bei dieser Parodie auf die Weltzentrale des Digitalkapitalismus das Lachen noch nicht im Hals stecken. Eine Gruppe von Fastgenies wurschtelt in einer chaotischen WG an revolutionären Erfindungen, während die etablierten Tech-Giganten, esoterische Exzentriker mit Haifischinstinkt, sie abwechselnd vernichten oder kaufen wollen. Die Spezies der „Brogrammer“, also Programmierer mit Muskeln, ist nur eines der vielen treffsicheren Details.

Adriano Sack

Über Adriano Sack

Biografie

Adriano Sack, geboren 1967 in Köln, Schriftsteller und Journalist, war Redakteur bei Tempo und kulturSpiegel, leitete das Kulturressort der Welt am Sonntag und war Chefredakteur des BMW Magazins. Seit Beginn der Neunziger bereist Adriano Sack die USA immer wieder ausgiebig; fünf Jahre war das New...

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