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Ein Gentleman in Arles – Gefährliche GeschäfteEin Gentleman in Arles – Gefährliche Geschäfte

Ein Gentleman in Arles – Gefährliche Geschäfte

Ein Provence-Krimi

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Ein Gentleman in Arles – Gefährliche Geschäfte — Inhalt

Spaziergänge mit Windhund Arthur in der idyllischen Camargue, genussvolle Speisen in pittoresk gelegenen Restaurants – so hat sich Peter Smith seinen Ruhestand vorgestellt. Aber die Provence ist mörderisch: Ein junger Polizist wird bei einer Observierung erschossen. Angeblich war es ein Unfall bei einer Übung, doch der Großvater des Getöteten glaubt diese Version nicht. Er bittet den ehemaligen Geheimdienstler Peter Smith um Hilfe. Verdächtig erscheint dem Agenten im Ruhestand sofort, dass der Leichnam eingeäschert wurde. Und warum hat sogar der französische Präsident Interesse an dem Fall? Schneller als ihm lieb ist, findet sich Smith in einem Durcheinander verschiedenster Interessen wieder und entdeckt eine provenzalische Verschwörung.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.05.2019
Übersetzt von: Michael Windgassen
368 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-86612-455-4
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.05.2019
Übersetzt von: Michael Windgassen
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99325-8

Leseprobe zu »Ein Gentleman in Arles – Gefährliche Geschäfte«

Prolog


Ein britischer oder deutscher Tourist, der zufällig vorbeigekommen wäre, hätte bestimmt kein zweites Mal hingeschaut. Selbst ein italienischer Besucher, normalerweise nicht gern gesehen in dieser Gegend, hätte den bröckelnden, mit Zement ausgebesserten Mauern und kaputten Ziegeldächern keine Beachtung geschenkt und vergeblich nach einem Swimmingpool oder Grillplatz Ausschau gehalten. Sie würden den Ort mit seinen grauen Lehmgärten, in denen nur verlassenes Plastikspielzeug für die Farbtupfer sorgte, schnell hinter sich lassen und nach einer [...]

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Prolog


Ein britischer oder deutscher Tourist, der zufällig vorbeigekommen wäre, hätte bestimmt kein zweites Mal hingeschaut. Selbst ein italienischer Besucher, normalerweise nicht gern gesehen in dieser Gegend, hätte den bröckelnden, mit Zement ausgebesserten Mauern und kaputten Ziegeldächern keine Beachtung geschenkt und vergeblich nach einem Swimmingpool oder Grillplatz Ausschau gehalten. Sie würden den Ort mit seinen grauen Lehmgärten, in denen nur verlassenes Plastikspielzeug für die Farbtupfer sorgte, schnell hinter sich lassen und nach einer schöneren Aussicht suchen. Doch während er bäuchlings auf dem dunklen Strand lag, hätte er viel von dem, was er in dieser Nacht zusätzlich zu verdienen hoffte, gegeben, um wieder zurück am Kamin bei seiner hübschen Frau zu sein. Das kleine Haus, sein ganzer Stolz, war so gebaut, dass es den heftigen Winden trotzte, die ihn jetzt umzubringen drohten. Wie die meisten provenzalischen Bauernhäuser – die man hier als Mas bezeichnete – besaß es eine dicke, fensterlose Rückwand, die nach Norden ausgerichtet war. Von dort sollte sein aktueller Feind kommen. Er hatte sich im Sand eingegraben und hoffte, dem Getose möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, das über seinen Kopf hinwegfegte, auf das Mittelmeer zu und nach Nordafrika. Die Windgeschwindigkeit war während der vergangenen zwei Tage nie unter fünfzig Stundenkilometer gefallen und jetzt noch um einiges höher. Der Mistral, der kalte Fallwind aus dem Rhônetal, machte in diesem Jahr erst seine zweite Aufwartung und hatte die ansonsten milden Temperaturen, die seit dem vergangenen November herrschten, auf ein bis zwei Grad über null gedrückt. Er war noch zu jung, um wirklich zu glauben, was die Einheimischen behaupteten: dass dieser eisige Nordwind verrückt machen konnte. Allerdings konnte er sich nicht entsinnen, zuvor jemals so gefroren zu haben wie in dieser Nacht. Gefühlt lagen die Temperaturen tief unter dem Gefrierpunkt.

Im Sand eingegraben zu liegen machte alles nur noch schlimmer. Aus Sicherheitsgründen hatte man ihm und seinen beiden Kollegen verboten, bei Tageslicht nach einer geeigneteren Stelle zu suchen. Zwar würde der Wind Touristen davon abhalten, mit ihren protzigen SUVs von der Hauptstraße in die mit Schlaglöchern übersäte und absichtlich in schlechtem Zustand gehaltene Stichstraße einzubiegen, die zum Strand von Beauduc führte. Doch irgendjemand hätte sie sehen können, und das wollten ihre Vorgesetzten nicht riskieren. Also hatte er sein Moped rund anderthalb Kilometer weiter oben in einem trockenen Graben abgestellt und war im Dunkeln zu Fuß hierhergekommen. Die Stelle, die er sich ausgesucht hatte, war bei Hochwasser überflutet, entsprechend feucht der Sand. Die Mulde, in der er lag, füllte sich mittlerweile wieder mit Wasser. Er hätte schwören können, dass es nur deshalb nicht gefror, weil es salzhaltig war.

Bis auf die Luft rührte sich nichts. Nahezu konturlos erstreckte sich zu beiden Seiten der Strand, kaum etwas Grünzeug, das überlebt hatte. Im Hintergrund hörte er den Wind durch baufällige Hütten pfeifen, die sich im Sommer als Fischrestaurants gerierten und von Hippies und Schickimickis frequentiert wurden. Gebälk und Verbretterungen knarrten, als würden sie sich auf den Weg ins Meer machen. Worum es nicht schade wäre, dachte er. Die Preise, die in diesen Restaurants verlangt wurden, waren genau wie auch das Essen eine Frechheit, von der Bedienung ganz zu schweigen. Der Himmel über ihm war kristallklar. Eigentlich, dachte er, hätte man die Aktion abblasen müssen, weil der Mond nicht von den Wolken verdeckt wurde. Aber er war erst ein paar Tage alt und sein Licht auf den Strand kaum der Rede wert.

Er versuchte, sich auf die Kälte vorzubereiten, und trug eine Strumpfhose seiner Frau, darüber eine lange Unterhose und eine Fleecehose. Der Oberkörper war ähnlich vielschichtig verpackt und in eine Regenhaut gehüllt. Über den Kopf hatte er eine schwarze Sturmhaube und die Kapuze des Sweaters gezogen. Die Hände steckten in dicken Handschuhen. Wind-, aber nicht wasserdicht, maulte er im Stillen. Mit der Nässe hatte er nicht gerechnet. Seine sorgfältig ausgewählte Kleidung schien nun vor allem eisige Feuchtigkeit zu speichern, statt die Kälte abzuhalten. Er zitterte am ganzen Körper. Jede Bewegung war verboten, das hatten seine Bosse klargemacht. In Position gehen und absolut stillhalten bis zum Abschluss der Operation, die mindestens eine halbe Stunde dauern würde. Nicht einmal Naseputzen war erlaubt.

Er wusste längst nicht mehr, wie spät es war, und verkniff es sich tunlichst, das elastische Ärmelbündchen hochzustreifen, um einen Blick auf seine Armbanduhr zu werfen. Sie würden schon noch kommen. Im Winter wurde es erst gegen acht hell. Eine Ewigkeit bis dahin. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Er versuchte, an irgendetwas konzentriert zu denken, damit nicht auch noch sein Gehirn einfror. Er dachte an seine Frau und an ihre gemeinsame zweijährige Tochter, die jetzt im warmen Bett lagen, unbehelligt vom miesen Wetter draußen. Der Extrasold kam gelegen. Er dachte an seinen heimlichen Plan, den Polizeidienst zu quittieren, mit der Familie in die Dordogne zu ziehen und ein kleines Restaurant aufzumachen. Kochen war seine Leidenschaft. Wie immer, wenn er abzuschalten versuchte, weil ihm alles zu viel wurde, ging er auch jetzt seiner mentalen Lieblingsbeschäftigung nach: Er stellte in Gedanken Menüs zusammen. Einfache Gerichte für die einheimischen Normalos, extravagante Mahlzeiten für die Reichen. Ihm war alles recht. Es gab keinen vernünftigen Grund, warum das Essen für die arbeitende Bevölkerung weniger gut sein sollte als für die mit einer goldenen Kreditkarte. Er war stolz darauf, aus einfachen Verhältnissen zu stammen, und gab sich mit seinen Lebensumständen zufrieden, obwohl er wusste, dass sie ihn ausbremsten und keine großen Sprünge zuließen.

Seine Gedanken liefen warm. Eintöpfe im Winter, Salate im Sommer. Ein paar Soßenbasen. Nichts Exotisches, aber dafür gut gemacht. Aus heimischen Erzeugnissen. Er würde sich an einem Ort niederlassen, wo frische Sahne zu bekommen war. Und guter Käse, nach dem man in der Provence lange suchen musste. So viel stand für ihn als traditionsbewussten Laienkoch fest: Eine wirklich gute Küche konnte nicht ohne Milch auskommen, auch wenn die Produkte inzwischen aus der Mode gekommen und mitunter sogar verpönt waren.

Er war so tief in seine Vorstellungen von einem hübschen kleinen Landgasthof unter seiner Leitung versunken, dass er erst ein paar Sekunden später hörte, was ihm vielleicht sofort aufgefallen wäre, wenn er wie befohlen permanent den schwarzen Horizont abgesucht hätte. Egal. Noch ziemlich weit draußen glitt etwas langsam auf den Strand zu. Das Unausweichliche hatte noch ein wenig Zeit. Aber der Moment würde kommen, das wusste er, der Moment, dem er alles andere als gern entgegensah. Das Geräusch wurde lauter. Er streifte sich die Kapuze vom Kopf und setzte seine Nachtsichtbrille auf. Sie passte über die Sturmhaube, nicht aber auch noch über die Kapuze, und sofort spürte er wieder den eisigen Wind mit all seiner Schärfe. Vorsichtig hob er den Kopf und blickte hinaus aufs Meer. Die ganze Welt war in gespenstisch grünes Licht getaucht, aber das kannte er von seiner Ausbildung.

Weniger als hundert Meter von ihm entfernt steuerte ein einzelnes schwarzes Schlauchboot auf den Strand zu. Der offenbar schallgedämpfte Außenbordmotor war kaum zu hören. Vier Männer sprangen, kaum dass das Boot auf Grund lief, an Land. Zwei von ihnen rannten geräuschlos in entgegengesetzte Richtungen davon und verschwanden bald aus dem Sichtfeld. Die beiden anderen zogen das Boot ein paar Meter über den Sand, bevor sie sich Gewehre griffen und links und rechts des Bootes Aufstellung nahmen. Einer richtete den Blick landeinwärts, der andere auf das Meer. Sturmgewehre vom Typ HK G36. Der junge Mann versteifte sich ein wenig. Wäre er nicht auf einem Wachposten, sondern in Aktion, trüge er jetzt die gleiche Waffe.

Er duckte sich in seine Mulde. Beobachten. So lautete sein Befehl. Beobachten und Bericht erstatten. Sonst nichts. Die Männer am Strand trugen schwarze Kampfanzüge und Nachtsichtgeräte; als blickte er in einen Spiegel. Still liegen bleiben. Rund zwanzig Sekunden später ging ein tiefes Summen durch den Sand. Ein Strandbuggy mit Elektromotor, der neben dem Boot anhielt. Der Fahrer stieg aus und half einem Mann aus dem Boot, der sich im Heck unter einer Plane versteckt hatte. Anschließend holte er einen Rucksack aus dem Buggy und legte ihn ins Boot, bevor die beiden Männer den Buggy bestiegen und leise in südöstlicher Richtung davonfuhren. Die beiden anderen setzten sich wieder ins Schlauchboot und legten ab. Die ganze Operation hatte nicht länger als dreißig Sekunden gedauert.

Für den jungen Polizisten gab es keinen Grund, irgendetwas zu unternehmen. Er drehte sich weder um, noch versuchte er, in seine Tasche zu greifen, in der seine 9 mm Sauer SIG Pro steckte. Dazu war es ohnehin zu spät. Stattdessen dachte er wieder an seine hübsche Frau und sein Kind, die nur wenige Kilometer entfernt in ihren Betten lagen und schliefen, als ein Teilmantelgeschoss vom Kaliber .45 – abgefeuert aus einer schallgedämpften Glock 30 – von hinten seinen Schädel durchschlug, am Stirnbein abprallte und Teile seines Gehirns auf dem schwarzen Sand der Provence verspritzte.



1. Erstes Briefing


»Drei? Alle drei?«

Die Stimme, die das tumultartige Durcheinander übertönte, klang ungläubig und verstört.

»Alle drei?«

Das Wortgefecht zwischen drei der fünf anwesenden Personen setzte sich mit verminderter Lautstärke noch eine Weile fort. Die Chefs der regionalen Polizei, der Gendarmerie nationale, und der Vertreter der Direction de la Surveillance du Territoire (DST) waren sichtlich aufgebracht. Die beiden anderen Personen hatten noch keinen Laut von sich gegeben. Die eine trug einen grauen Geschäftsanzug und repräsentierte eine Antiterroreinheit mit dem seltsamen Namen Recherche, Assistance, Intervention et Dissuasion (RAID). Die andere, eine elegante Frau in grauem Seidenkostüm und champagnerfarbener Bluse, führte nominell den Vorsitz und saß am Kopf des ovalen Tisches. Im Unterschied zu den anderen, die mit schwitzenden Händen die polierte Oberfläche des Tisches beschmierten und sich gegenseitig Papierstöße hin und her schoben, ruhten ihre Hände bewegungslos im Schoß. Vor ihr lag nur ein einzelnes Handy. Sie saß entspannt, aber aufrecht und bewegte den Kopf nur, um scheinbar dem Gespräch zu folgen, das sich zu einer Schimpfkanonade hochgeschaukelt hatte.

In Wirklichkeit aber hörte sie gar nicht mehr zu. Schon vor Beginn der Unterredung war ihr klar gewesen, was sie zu sagen hatte. Die Spiegelfechtereien langweilten sie. Sie hob die rechte Hand in die Höhe und wartete. Der Lärm verebbte allmählich, und alle vier Männer richteten den Blick auf sie. Jeder dachte etwas Ähnliches. Was steckte eigentlich hinter dieser blasierten, wichtigtuerischen Schnalle aus Paris, die da mit ihnen am Tisch saß? Und dort eigentlich gar nichts verloren hatte. Ihr würde bald aufgehen, dass die Provence eine Männerwelt war und Frauen ganz weit hintanstanden.

»Meine Herren. So kommen wir nicht weiter. Wir sind nicht zusammengekommen, um das, was vor zwei Tagen geschehen ist, lang und breit zu diskutieren. Wer für das Fiasko die Verantwortung zu tragen hat, werden andere ermitteln. Ich bin gebeten worden, Ihre Berichte entgegenzunehmen und mit Ihnen zu beraten, welche Schritte nun einzuleiten sind.«

»Gebeten, Madame? Von wem, wenn ich fragen darf?«

Die Frage kam vom Colonel der Gendarmerie, der die Einsatzkräfte der Region anführte. Der Karrieresoldat konnte seine Verachtung für die piekfeine Zivilistin kaum verhehlen.

»Vom Präsidialbüro, Monsieur«, antwortete sie übertrieben höflich.

Der RAID-Mann grinste über die Anrede. Die Pariserin hatte offenbar absichtlich die Rangbezeichnung unterschlagen, während das Gesicht des Gendarmen die Farbe seiner scharlachroten Schulterstücke annahm.

»Und wie kommt das Präsidialbüro darauf anzunehmen, in dieser Sache mitsprechen zu können? Mein Dienstherr ist der Verteidigungsminister.«

Der Mann wurde grob, und die anderen beobachteten ihn interessiert.

»Monsieur«, wiederholte die elegante Dame ihren Fauxpas, nun mit einer Spur mehr Stahl in der Stimme. »Muss ich Ihnen wirklich die geltenden Befehlswege erklären? Selbst die Gendarmerie ist an die Weisungen der zivilen Spitze unseres Landes gebunden. Auch wenn das im vorliegenden Fall kaum von Belang sein sollte. Ich will Ihnen nun sagen, was zu tun ist. Und darüber wird nicht weiter verhandelt.«

In den Mienen der drei Polizisten spiegelten sich unterschiedliche Stadien der Empörung. Sogar der Mann von der Antiterrorabteilung zeigte sich verunsichert und rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. Aber keiner wagte es, das Wort gegen die Frau zu erheben.

»Vorgestern ist am frühen Morgen ein einfacher Observations- und Überwachungseinsatz am Strand von Beauduc – eine Operation, die von Ihnen geplant wurde – verheerend gescheitert. Ergebnis: Drei junge Polizeibeamte wurden getötet, oder sollte ich sagen hingerichtet? Erkenntnisse konnten nicht gewonnen werden. Auch wie es zu der Katastrophe kommen konnte, bleibt anscheinend fraglich. Wichtige geheimdienstliche Informationen unserer Mitarbeiter in Tunesien wurden nicht genutzt und sind verschwendet worden, ganz zu schweigen vom Leben der drei Beamten, die Familie hatten und gute Aussichten darauf, befördert zu werden. Ihr Einsatzbefehl – zu beschatten, wer immer an Land geht – führte zu nichts. Zu behaupten, man hätte etwas aus den Augen verloren, träfe es wohl nicht korrekt. Schließlich kann man nicht verlieren, was man gar nicht erst gesehen hat.«

Sie betrachtete die feindselige Herrenrunde und fuhr ungerührt fort.

»Sie, und nur Sie, werden für dieses Fiasko die Verantwortung tragen. Bis auf Weiteres sind Sie freigestellt. Die heutige Sitzung ist geschlossen. Wir werden uns in zwei Tagen in meinem Haus in Arles wiedersehen. Es wäre schön, wenn Sie mir dann Vorschläge zum weiteren Vorgehen unterbreiten und mich nebenbei davon überzeugen könnten, dass Ihre Dienste für die Republik unverzichtbar sind.«

»Und was wäre falsch daran, unsere – Ihre – nächste Sitzung in den Räumlichkeiten der Gendarmerie in Arles abzuhalten, Madame?«, blaffte der Colonel.

Die Frau betrachtete ihn mit einem Ausdruck der Herablassung, der auch jeden anderen auf die Palme gebracht hätte. »Ziemlich alles, Colonel. Ich muss Sie doch nicht daran erinnern, dass Ihre Erfolgsgeschichte in Sachen vertrauliche Organisation und Planung einiges zu wünschen übrig lässt.«

Sie wandte sich wieder an alle.

»Wenn mich Ihre Vorschläge zufriedenstellen, werde ich ein gutes Wort für Sie einlegen. Wenn nicht, wird Ihre Freistellung in eine unehrenhafte Entlassung münden, mit all den Folgen, die Ihnen bekannt sein dürften. Die Entscheidung darüber treffe ich. Rechtsmittel sind ausgeschlossen. Habe ich mich verständlich gemacht?«

Sie schaute sich in der Runde um. Aus der Stille meldete sich prompt der Gendarm, der inzwischen puterrot angelaufen war.

»Und was bevollmächtigt Sie, Madame, uns dermaßen zu drohen?«

Statt zu antworten, griff sie mit ihrer elegant manikürten Hand nach dem Smartphone und drückte eine Taste. Der Lautsprecher war eingeschaltet, und alles lauschte gebannt dem Rufton.

Als plötzlich eine sehr vertraute Stimme zu vernehmen war, machte sich auf den Gesichtern der Männer schieres Entsetzen breit.

»Guten Tag, Madame Blanchard. Ich hatte wohl recht in der Annahme, dass Sie eine Bestätigung Ihrer Vollmachten brauchen, nicht wahr?«

»Guten Morgen, Monsieur le Président. Ich fürchte, so ist es.«

Die Männer am Tisch hatten intuitiv Haltung angenommen.

»Meine Herren, dass mir keine Missverständnisse aufkommen«, fuhr der Präsident fort, »Madame Blanchard handelt in meinem Auftrag, hat mein vollstes Vertrauen und ist vollumfänglich befugt zu tun, was sie für geboten und sinnvoll erachtet. Ist das klar angekommen?«

Alle vier hatten sich schnell genug erholt, um die Frage zu bejahen.

Der RAID-Mann sah sich an Kardinal Richelieu erinnert, der nach Dumas Mylady de Winter eine ähnliche Carte blanche ausgestellt hatte, die sich allerdings als eine weniger verlässliche Vollmacht erwies.

»Auf Wiedersehen, Madame«, erklang erneut die Stimme aus Paris, »und viel Glück. Ich bin gespannt auf das, was Sie mir zu sagen haben.«

»Auf Wiedersehen und danke, Monsieur le Président.«

Madame Blanchard stand auf, ließ das Smartphone in ihre Handtasche gleiten und verließ den Raum, gefolgt von den verwunderten Blicken der vier Männer.



2. Der alte Mann


Der alte Mann war nicht bei der Sache und mit seinen Gedanken ganz woanders. Normalerweise hätte sich Gentry schwergetan, den gerissenen alten Vogel zu schlagen, aber heute spielte sein Gegner unkonzentriert und fahrig. Über die drei Jahre, die sie sich in einer hinteren Ecke des ziemlich verlotterten Café de Paris gleich unterhalb des Place Voltaire auf eine Partie Dame und ein kleines Schwätzchen zusammensetzten, hatte er, Gentry, die cleveren Züge des Gegners zu schätzen gelernt. Marcel Carbot mochte weit über achtzig sein – was für die notorisch langlebigen Arlesianer nicht besonders ungewöhnlich war –, spielte aber wie ein junger Berserker und ließ Gentry häufig noch älter aussehen. Carbot bestand darauf, um Geld zu spielen. Das sei Ehrensache. Zur Gewinnausschüttung kam es allerdings nie. Sei’s drum, dachte Gentry mit einem kleinen inneren Lächeln. Die Bilanz würde für ihn wenig vorteilhaft ausfallen.

Diesmal wollte das Gespräch zwischen ihnen nicht wirklich in Schwung kommen, und das war selten der Fall. Der alte Mann erzählte sonst gern von seiner Jugend in Arles, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es waren Geschichten, denen Gentry gern zuhörte. Heute aber war er ungewöhnlich still, und Gentry sah sich genötigt, ein paar Fehler seines Gegners zu übersehen, damit das Spiel ein bisschen länger dauern würde.

»Marcel, alter Freund, es geht mich vielleicht nichts an, aber du scheinst heute nicht ganz bei der Sache zu sein. Was ist los?«

Der alte Mann lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ die Schultern hängen. »Tut mir leid, David. Ja, du hast recht. Ich bin heute keine gute Gesellschaft und ein schlechter Gegner.«

»Warum? Sag’s mir, wenn du willst.«

Der alte Mann seufzte. »Mein Enkel Jean-Claude – ich habe dir doch schon von ihm erzählt, oder?«

»Ja, natürlich. Ist der nicht bei der Gendarmerie?«

»Nun ja. Vor Kurzem wurde er zur DST versetzt.«

Gentry verspürte sofort ein leises Unbehagen. Er wusste mehr über die Direction de la Surveillance du Territoire, den französischen Dienst für Terrorismusbekämpfung, als sein Freund ahnte; und vieles von dem, was er wusste, war nicht gut. Also ging er nicht weiter darauf ein. Aber der Alte redete von sich aus weiter, und Gentry erkannte, dass dessen Augen feucht wurden.

»Vor vier Tagen ist er ums Leben gekommen. Angeblich bei einer Übung.«

Gentry erinnerte sich, dass sein Freund immer mit großem Stolz über den Jungen und seine Karriere gesprochen hatte. Es war in der Familie der Carbots Tradition, Militärdienst zu leisten. Sein Sohn hatte im Algerienkrieg gekämpft und war posthum mit dem Croix de Guerre ausgezeichnet worden. Seine Leiche wurde nie gefunden. Vor vielen Jahren war auch Marcel mit der sehr seltenen Médaille militaire dekoriert worden. Beide, er und sein Sohn, hatten die Fourragère tragen dürfen. Dass er nun auch noch seinen Enkel verloren hatte, musste furchtbar schmerzlich für ihn sein.

»Mein herzliches Beileid, Marcel. Ich weiß, wie stolz du auf ihn warst. Wenn es dir recht ist, würde ich gern an der Beerdigung teilnehmen.«

Gentry wusste, dass die Familie des Jungen im Norden Frankreichs lebte, er aber zu seinen Wurzeln in der Provence zurückgekehrt war, um ein hiesiges Mädchen zu heiraten und mit ihr eine eigene Familie zu gründen. Worüber der Großvater sehr glücklich gewesen war.

»Danke, mein Freund. Die Beisetzung wird in Paris stattfinden, wie man mir gesagt hat. Ich fahre mit dem Zug dorthin. Über Begleitung würde ich mich freuen. Wenn es dir keine Umstände macht.«

»Ach was, natürlich komme ich mit.«

Der Alte hob den Kopf und lächelte dankbar, die Augen jetzt voller Tränen.

»Er ist schon eingeäschert worden. Es wird nur eine Trauerfeier geben.«

Gentry hoffte, dass ihm der alarmierende Gedanke, der ihm spontan in den Sinn kam, nicht anzumerken war, denn schnelle Einäscherungen waren ihm seit jeher suspekt. Er wartete, bis sich der Alte wieder gefasst hatte. Über seine vielen Jahre im Dienst war er unzählige Male mit Nachbesprechungen von Einsätzen traktiert worden und wusste, wie wichtig es war, dass eine gestresste Person ausreichend Zeit bekam, um nähere Auskünfte geben zu können. Nach einer Weile ließ er per Handzeichen zwei Tresterschnäpse bringen. Beide kippten etwas mehr als das übliche Maß. Der Mann am Tresen schien zu wissen, dass mit dem Alten etwas nicht stimmte.

Marcel holte ein frisch gewaschenes Taschentuch hervor, trocknete sich ohne Anzeichen von Verlegenheit die Augen und straffte die Schultern. »In Wirklichkeit war’s kein Unfall.«

Gentry fühlte sich plötzlich sehr müde. Ihm war klar, dass es keinen Sinn hatte zu fragen, woher er das wusste. Er wusste es einfach, und das reichte. Marcel war in der Camargue geboren, und dort hatten auch sein Sohn und sein Enkel gelebt. Sie alle gehörten ein und derselben Gemeinschaft an oder hatten ihr angehört, einer sehr engen Gemeinschaft, von der andere, selbst die Nachbarn aus Arles, ausgeschlossen waren. Jeder kannte jeden. Irgendjemand hatte Marcel gesagt, dass die Militärs logen, und er – wie auch Gentry – war geneigt, diesem Jemand mehr zu glauben als den Großkopferten.

»Wo hat der Unfall offiziell stattgefunden?«

»In den Alpen.«

»Und wo war er tatsächlich?«

»Bei Beauduc.«

Gentry überlegte. Die Camargue lag im Rhônedelta, wo sich der große Fluss ins Mittelmeer ergoss. Trotzdem gab es dort erstaunlich wenige Sandstrände, die Besuchern zugänglich waren. Das ganze Gebiet war ein Nationalpark, durch den nur wenige Straßen führten, noch weniger bis ans Meer. Die bekanntesten Strände waren der von Saintes-Maries-de-la-Mer und Île des Sables. Der von Beauduc war nur über eine rund fünf Kilometer lange, holprige Schotterpiste zu erreichen, die sich mit einem herkömmlichen Auto kaum befahren ließ. Gentry hatte nie auch nur die geringste Lust verspürt, diesen Ort aufzusuchen. Wie sein Freund Smith fand er Sand unangenehm, und Strände waren ihm ohnehin verhasst, wobei ihm durchaus bewusst war, dass Smith gewichtigere Gründe hatte, sie zu verabscheuen. Immerhin kannte er den von Beauduc gut genug, um sicher zu sein, dass es im Januar keinen vernunftbegabten Menschen dorthin verschlug. Was vielleicht auch erklärte, woher der Alte wusste, dass es sich nicht um einen unglücklichen Unfall während einer Übung handeln konnte, dem sein Enkel zum Opfer gefallen war. Nichts von dem, was in Beauduc passierte, blieb den Anwohnern verborgen; normalerweise waren sie sogar auf die eine oder andere Weise darin verwickelt.

Gentry ahnte, was dem alten Mann Kummer bereitete. Es war nicht nur der Verlust des Enkels. Wahrscheinlich grämte ihn ebenso sehr, dass er nicht wusste, was passiert war, und er es wohl auch nie erfahren würde. Das Gefühl, belogen zu werden, kann eine geradezu zersetzende Wirkung haben. Er blickte auf den kleinen Tisch und das vergessene Spiel vor ihnen und empfand tiefes Bedauern.

»Wär’s dir recht, Marcel, wenn ich meine Nase in die Sache reinstecken würde?«

Sofort leuchtete in den Augen des Mannes ein Funken Hoffnung auf. »Könntest du das?«

Gentry nickte und legte dem Alten eine Hand auf den Arm. »Ich glaube, ja.« Eigentlich hätte er antworten müssen: »Nein, aber ich kenne jemanden, der es könnte«, doch so genau mochte er es jetzt nicht nehmen; es hätte den Freund nur unnötig verunsichert.

»Ich wäre dir sehr dankbar. Wenn ich wüsste, dass irgendwann die Wahrheit ans Licht kommt, würde mir die Trauerfeier weniger schwerfallen.«

»Verstehe, aber ob sie ans Licht kommt, kann ich nicht versprechen.«

»Ja, ja, ich weiß. Aber trotzdem …« Damit stand er abrupt auf und streckte die Hand aus. »Ich muss jetzt gehen, David. Tut mir leid, ich fürchte, ich war dir heute keine gute Gesellschaft. Vielleicht das nächste Mal. Ich rufe dich an, wenn ich weiß, wann die Trauerfeier stattfindet. Danke noch mal für alles.«

Er drückte Gentrys Hand, straffte die Schultern und verließ in aufrechter Haltung das Café. Gentry holte sich von der Bar die aktuelle Ausgabe von Le Provence, dem regionalen Tagblatt, nahm noch einen weiteren Cognac mit und setzte sich zurück an seinen Tisch in der Ecke. Er wollte noch eine Weile nachdenken und nicht bloß Löcher in die Luft starren, was die anderen Gäste (sie kannten ihn allesamt gut) als Aufforderung verstanden hätten, sich zu ihm zu setzen und über die jüngste Tragödie zu sprechen, die dem Alten widerfahren war. Darum tat er, als vertiefte er sich in die Zeitungslektüre, und hoffte, ungestört zu bleiben.

Dass irgendetwas schiefgelaufen war, lag auf der Hand. Offizielle Verlautbarungen über ungewöhnliche Vorkommnisse gehörten früher zu seinem Berufsalltag, und die traurige kleine Geschichte, von der er soeben erfahren hatte, stank zum Himmel. Er hielt es für angebracht, irgendetwas zu ihrer Aufklärung zu unternehmen. Nach einer Weile stand er auf, beglich seine Rechnung und ging langsam durch die engen mittelalterlichen Straßen zurück zu seinem Haus. Er fand, es war an der Zeit, ein paar Gefälligkeiten einzufordern.

Sein Arbeitszimmer war eine kleine Dachloggia, hoch oben auf einem fünfstöckigen alten Haus, das ihm gehörte. Eine Wendeltreppe, die in einem Schrank seines Schlafzimmers ein Stockwerk tiefer fußte, führte hinauf in die Kammer. Einst eine Dachterrasse und darum mit Steinplatten gefliest, bot sich von ihr aus ein Dreihundertsechzig-Grad-Panorama über die Stadt. Der Blick reichte bis über die Flussbiegung im Norden hinaus, die gesamte Altstadt, dahinter im Westen zum Gebirgszug der Alpillen und über das Amphitheater und Saint-Trophime hinweg bis tief in den Süden. Anders als der Rest des täuschend großen Hauses, in dem hinter zugezogenen Fensterläden meist Dunkelheit herrschte, waren alle vier Seiten der Dachkammer verglast, und der Raum war entsprechend hell. Deutlich anders war auch das Mobiliar. Die unteren Räume besaßen die Atmosphäre eines Herrenklubs mit viel Mahagoni, dunklem Leder, Holzvertäfelung und orientalischen Teppichen – ganz nach dem Geschmack eines betuchten Staatsdieners im Ruhestand, der auf Geselligkeit wenig Wert legte und lieber allein war. Die Loggia hingegen war extrem minimalistisch eingerichtet: ein großer Tisch mit Edelstahlgestell und Glasplatte, auf der eine Halogenlampe aus gebürstetem Stahl stand, davor ein passender Bürosessel mit hoher Lehne. Auf einem ähnlichen, aber kleineren Tisch war ein MacBook Air platziert, das auf dem Glas zu schweben schien. Daneben lagen, etwas profaner, ein einzelner Aktenordner mit den Papieren, die es aktuell zu bearbeiten galt, ein Schreibblock und ein Zeichenstift. In die Loggia gelangte immer nur eine Projektarbeit und blieb dort, bis sie erledigt war. Ein kleines Satellitentelefon. Der Rest der Einrichtung bestand aus einer Flasche Banff Single Malt, einem georgischen Schwenker aus geschliffenem Kristall sowie einer Chaise von Charles Eames samt Fußbänkchen. Abgesehen von der Tischlampe wurde der Raum beleuchtet von dem, was sich der Herrgott gerade an Illumination für Arles und die Provence hatte einfallen lassen, wenngleich vor der vollen Sonneneinstrahlung im Sommer fotoempfindliche Glasscheiben schützten.

Kein Gebäude in der näheren Umgebung war gleich hoch oder gar höher, weshalb die Loggia von außen nicht unmittelbar eingesehen werden konnte – mit einer der Gründe dafür, dass Gentry das Haus überhaupt gekauft hatte. Wer auf die Idee verfallen wäre, ihn hinter seinen kugelsicheren Scheiben zu beobachten, müsste überdies bald feststellen, dass das Glas undurchsichtig war, auch dann, wenn bei Nacht dahinter Licht brannte. Zudem war die Loggia schon wegen ihres großen Abstands zur Dachkante hin von der Straße aus nicht zu sehen. Er war der Einzige, der diesen Glaskasten betrat, und nur wenige wussten von seiner Existenz. Die Männer, die ihn errichtet hatten, kamen wie auch das Baumaterial vom Geheimdienst in London. Sie hatten ihren Job nebenbei gemacht und gut daran verdient.

Gentry setzte sich an den kleinen Schreibtisch, startete den Laptop und tätigte ein paar Anrufe.

3. Eine alte Freundschaft

Sie trafen sich fast jede Woche einmal auf einen Drink und zum Schach, in der einen oder anderen Wohnung oder auch, was aber seltener vorkam, nur auf einen Drink und zum Plaudern in einer der vielen Bars der Stadt. Smith hatte sich ein oder zwei Jahre später als Gentry in Arles niedergelassen, was für beide überraschend kam. Obwohl sie jahrelang eng zusammengearbeitet hatten, war ihre Vorliebe für die wunderschöne alte Stadt im Norden der Camargue nie zur Sprache gekommen. Smith hatte sie seit seiner Kindheit immer wieder besucht, zuerst mit seinem Vater, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Marseille stationiert gewesen war und im Auftrag der Alliierten im Süden Frankreichs Nazis gejagt hatte. Arles war voll davon gewesen, obwohl sich im Nachhinein hartnäckig die Behauptung hielt, es habe keine Kollaboration und nur Résistance gegeben. Gentry hatte sich unabhängig von Smith in die alte Römerstadt verliebt. Als es für ihn an der Zeit war, in den Ruhestand zu treten und den Gespenstern Englands – sowohl den realen als auch den eingebildeten – zu entkommen, bot sich Arles für ihn wie selbstverständlich als Zufluchtsort an. Er hatte erst in späteren Jahren die Stadt für sich entdeckt, fühlte sich aber ebenso stark wie Smith zu ihr hingezogen. Und so hatte er für sein Antiquariat nach einem geräumigen Hôtel particulier im Stadtzentrum Ausschau gehalten, an einem so versteckten Ort, dass sich nur wirklich ernsthafte Sammler von Büchern die Mühe machten, ihn aufzusuchen. Er hatte das Richtige gefunden.

Ab und zu hielten die beiden Freunde auch außerhalb der Reihe ein Treffen ab. Dafür gab es dann meist einen bestimmten Grund. Gentrys Anruf fiel darunter, und seine Hoffnung, dass Smith helfen würde, bewahrheitete sich.

Es war schon spät am Nachmittag, als er die Nummer wählte. Am anderen Ende klingelte es etliche Male. Anscheinend saß Smith nicht an seinem Schreibtisch. Womöglich meldete sich gleich der Anrufbeantworter. Den Smith nie abhörte. Wahrscheinlich, glaubte Gentry, hatte Smith nicht einmal versucht, die Funktionsweise von dem Ding zu erlernen. Aber dann nahm er schließlich doch ab.

»Ja?«

»Smith? Gentry.«

Gemäß britischer Privatschultradition nannten sich enge Freunde stets bei ihren Nachnamen, was auch für die beiden ganz selbstverständlich war. Und keiner erkundigte sich nach dem Befinden des jeweils anderen. Die Antwort darauf war klar.

»Hast du einen Moment Zeit? Ich möchte dich um Rat bitten.«

»Soll heißen, um meine Hilfe.«

Gentry lachte. »Ja, recht hast du.«

»Schön. Komm vorbei. In zehn Minuten.«

Gentry lehnte sich zurück und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Es war einer jener fantastisch klaren, sonnigen Tage, die es winters in der Provence häufiger gab, und die Aussicht von seiner Loggia war atemberaubend. Er fasste im Geiste zusammen, was er erfahren hatte, und das war herzlich wenig. Fünf Minuten später machte er sich auf den Weg, passierte das Amphitheater, überquerte den Place de la Major und klopfte an Smiths Haustür.

Arthur, der aus düstersten Winkeln Ostlondons adoptierte große Windhund, begrüßte ihn wie immer überschwänglich. Smith hatte bereits zwei Drinks eingeschenkt, einen Banff Malt für Gentry und einen verschnittenen Scotch aus dem Supermarkt mit Perrier-Wasser für sich selbst. Mit den Gläsern in der Hand setzten sie sich auf eines der beiden verschlissenen, rechtwinklig angeordneten Sofas, während der Hund auf dem anderen Platz nahm. Gentry hielt nicht lange hinterm Berg.

»Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.«

Das tat er selten, sehr selten. Und deshalb nahm Smith sein Anliegen ernst.

»Der Enkel eines Freundes von mir wurde vor Kurzem während einer Übung von Spezialkräften getötet. So wurde es jedenfalls seinem Großvater mitgeteilt.«

»Und du zweifelst daran, dass dem so ist?« Smith konnte die Zeichen deutlich lesen.

»Ich bin mir nicht sicher, weiß aber, dass Leute von ziemlich weit oben, Militärs und andere, den Fall untersuchen.«

»Erzähl«, sagte Smith und schenkte nach.

Peter Smith und David Gentry konnten auf eine lange gemeinsame Geschichte zurückblicken, die bis auf ihre Zeit als Studenten zurückging. Gentry war als junger Mann nach einem Universitätsabschluss in Geschichte sofort zum Geheimdienst gegangen und bis zu seiner Pensionierung dort geblieben. Smith hatte eine krummere Laufbahn eingeschlagen: Er war in Amerika und Europa als Dozent für Kunstgeschichte tätig gewesen sowie als Geschäftsmann in verschiedenen Branchen; er hatte eine Familie gegründet und verschiedene andere Unternehmungen in Angriff genommen, wie etwa das eine oder andere Projekt im Auftrag von Gentrys Arbeitgeber, einer Spezialabteilung des britischen Geheimdienstes. Sie hatten viel zusammengearbeitet, der eine übernahm die Planung und überwachte, der andere war im Außeneinsatz tätig. Ihre Freundschaft dauerte an.

Die Geschichte von dem Vorfall bei Beauduc war schnell erzählt. Wie immer berichtete Gentry präzise und ohne Umschweife. Es war ein Briefing wie in alter Zeit; Smith hörte aufmerksam zu und verzichtete auf jeden Kommentar, obwohl ihm sofort einige Leerstellen in dem Vortrag auffielen. Er wusste allerdings, dass sein Freund immer Fragen offenließ, um den Zuhörer neugierig zu machen.

Die zügige Einäscherung war ein klarer Hinweis darauf, dass etwas im Argen lag. Es gab keinen ersichtlichen Grund dafür, was einen bestimmten Verdacht nahelegte, aber Smith wusste seinem Freund nichts anzubieten, was der nicht längst selbst in Betracht gezogen hatte. Gentry war der stille Ermittler, und zwar mehr als alles andere. Er verfügte über zahllose Kontakte weit über die Region hinaus und war sehr wohl in der Lage, Spuren aufzunehmen. In dieser Beziehung war er auf Smiths eher praktischen und manchmal auch handgreiflichen Ansatz nicht angewiesen. Die Antwort auf die Frage, die im Raum stand, lag offenbar in dem, was Gentry unerwähnt gelassen hatte, und Smith wusste, dass von ihm nun erwartet wurde, gezielt nachzuhaken.

»Okay, und wofür brauchst du mich?«

Auf den Busch zu klopfen hatte keinen Zweck. Und von seiner Sympathie für den Freund abgesehen, konnte sich Smith für den Fall nicht recht begeistern. Noch nicht.

»Von einem Freund aus dem Élysée-Palast weiß ich, dass man sich an höchster Stelle brennend für die Sache interessiert, und damit ist nicht der Wald-und-Wiesen-Übungsunfall gemeint.«

Dass Gentry auch einen Kontakt im Amtssitz des Präsidenten hatte, überraschte Smith nicht im Geringsten. Für seinen früheren Arbeitgeber, den unpassend, aber bequemerweise sogenannten britischen Geheimdienst, war Gentry gerade deshalb so wertvoll gewesen, weil er still und heimlich Quellen anzugraben und zu vernetzen vermochte.

»Es wurde ein Ausschuss aus vier Spitzenbeamten der Polizei und einem hochrangigen Geheimdienstler gegründet, die Ermittlungen aufnehmen sollen. Den Vorsitz führt eine vom Präsidenten höchstpersönlich bestellte Frau.«

Smith ließ sich auf Gentrys Spielchen wieder einmal gern ein. »Und?«

Klar, dass es ein »Und« gab.

»Sie ist eine alte Freundin von dir. Suzanne Blanchard.«

Smith ließ die Information auf sich wirken. »Ah«, sagte er schließlich leise. »Ich verstehe.« Wieder blieb es eine Weile still, ziemlich lange sogar, denn Smith machte im Geiste eine Bestandsaufnahme. »Und was genau wünschst du dir von mir?«

»Nun, offen gesagt, in Anbetracht der Tatsache, dass du eine Menge Beweise gegen sie in der Hand hältst, die zwar nicht ausreichen, um sie vor Gericht zu stellen, sie aber immerhin direkt in Verbindung bringen mit der rituellen Kastration und dem Mord an ihrem verblichenen Gatten …« Gentry machte eine Pause und betrachtete seinen alten Freund. »Ich dachte, es könnte dir gefallen, sie zu fragen, was am Strand von Beauduc tatsächlich passiert ist.«

»Hum«, sagte Smith und griff wieder zur Flasche.

Anthony Coles

Über Anthony Coles

Biografie

Anthony Coles lebt, genau wie seine Hauptfigur, seit einigen Jahren in Arles. Und genau wie Peter Smith ist auch er Kunsthistoriker, der an renommierten Universitäten auf beiden Seiten des Atlantiks unterrichtet hat. Für den Geheimdienst war er allerdings nie tätig, sondern, etwas prosaischer, im...

Weitere Titel der Serie »Peter-Smith-Reihe«

Peter Smith wollte den Polizeijob an den Nagel hängen und sein Leben in Frankreich genießen. Doch dann wird er wieder in Verbrechen hineingezogen und beginnt zu ermitteln.

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