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Eine Frau für den Barista

Ein Toskana-Krimi

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Eine Frau für den Barista — Inhalt

Alice Martelli. So heißt die neue Kommissarin in Pineta. Da sie von Klatsch als Ermittlungsmethode nicht wenig hält, macht sie bald die Bekanntschaft der BarLume und ihrer eigentümlichen Stammgäste. Die vier Senioren erläutern ihr auch umgehend ihre Theorie zum Verschwinden von Vanessa Benedetti. Sie sind sich sicher, dass ihr Ehemann sie zum Schweigen gebracht hat. Trotz der Affenhitze gelingt es den vier Alten – sebstverständlich wie immer mit der Unterstützung von Massimo, ihrem Barista, – am Ende jede Unklarheit zu beseitigen. Mithilfe messerscharfer Witze und tödlicher Wortgefechte.

 

 

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.04.2016
Übersetzt von: Luis Ruby
224 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30678-2
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.04.2016
Übersetzt von: Luis Ruby
208 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97344-1

Leseprobe zu »Eine Frau für den Barista«

Prolog 


In Pineta schien es ein ruhiger Mittsommertag zu sein wie jeder andere.
Wie üblich war die Sonne hinter den Hügeln im Osten aufgegangen, und alles deutete darauf hin, dass sie im Westen untergehen würde, sich immer weiter von gelb zu rot verfärbend, um schließlich wie jeden Abend ins Meer zu tauchen.
Das Meer wiederum fühlte sich nass an, schmeckte salzig und roch widerlich, Letzteres aufgrund der Ausdünstungen des Erdöls und anderer fossiler Brennstoffe, die der Hafen von Livorno an Tagen, an denen der Schirokko blies, gewissenhaft über die [...]

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Prolog 


In Pineta schien es ein ruhiger Mittsommertag zu sein wie jeder andere.
Wie üblich war die Sonne hinter den Hügeln im Osten aufgegangen, und alles deutete darauf hin, dass sie im Westen untergehen würde, sich immer weiter von gelb zu rot verfärbend, um schließlich wie jeden Abend ins Meer zu tauchen.
Das Meer wiederum fühlte sich nass an, schmeckte salzig und roch widerlich, Letzteres aufgrund der Ausdünstungen des Erdöls und anderer fossiler Brennstoffe, die der Hafen von Livorno an Tagen, an denen der Schirokko blies, gewissenhaft über die Strände verteilte, also seit einem Monat täglich.
Das Laub war grün, die Zebrastreifen waren weiß, und die Rücken der Urlauber hatten einen Rotstich, so wie die Haushaltszahlen der Stadtverwaltung, und das, obwohl in­­zwischen sämtliche Bodenmarkierungen für Parkplätze blau waren.
Die Kinder spielten, die Mammas gaben den Kleinsten die Brust, die Verkehrspolizisten verhängten Bußgelder, und die Journalisten ergingen sich in Übertreibungen ;
während sich die Angehörigen des Öffentlichen Diens-
tes in dem Wissen, dass ein gleichbleibendes und vor­hersehbares Verhalten wesentlich zur Beruhigung der Bürger beitrug, mit Däumchendrehen beschäftigten, wie üb­­lich.
Kurzum, es schien ein ruhiger Mittsommertag zu sein wie jeder andere in Pineta.
Und der Schein trog nicht.
» › . . . ein äußerst ausgeglichenes Spiel bis zur sechsunddreißigsten Minute der zweiten Halbzeit, als der Spieler mit der Rückennummer 18 von Juve, von Tévez mit einem Steilpass in den Strafraum geschickt, dort zu Boden sank. Für sämtliche Betrachter auf dem Feld wie auf den Rängen eine eindeutige Schwalbe, nur nicht für den Schiedsrichter, der die Aktion mit einem Elfmeterpfiff quittierte. ‹ «
Rimediotti ließ die Gazzetta sinken und schüttelte den Kopf.
» O Mann, jetzt bescheißt ihr auch schon im Pokal «, sagte er und maß Pilade mit einem missbilligenden Blick.
Pilade, der einzige Juve-Fan in einem sportlichen Umfeld, in dem Rimediotti für Inter Mailand war, Aldo und Massimo für AC Turin und Ampelio der Meinung, dass Fußballspieler sowieso alle geschlagen gehörten, zeigte mit dem Zeigefinger auf sich, eine Geste, die bei seiner Körpermasse schwerlich danebengehen konnte.
» Was habe ich damit zu tun ? Ich bin doch nicht der Schiedsrichter. «
» Der arme Pilade hat recht «, verteidigte ihn Aldo und wischte jeden etwaigen Widerspruch mit einer Handbewegung beiseite.
» Ja, zum Glück «, kicherte Ampelio. » Kannst du dir die Spieler vorstellen ? › He, schau mal, der Schiri hockt im Heißluftballon. ‹ «
» Spielleitung aus der Vogelperspektive ? «, fragte Aldo interessiert. » Das wäre doch mal eine interessante Neuigkeit. Sollen wir Blatter anrufen ? Vielleicht für die nächste WM . . . «
» Eine interessante Neuigkeit wäre, wenn ihr mal nicht so viel Blödsinn quatschen würdet «, brummte Pilade. » Ich habe das Spiel von gestern Abend noch nicht einmal gesehen. «
» Hast du keine Lust mehr auf Fußball ? Du wirst alt. «
» Was heißt da werden, war er jemals jung ? «
» Ach, ihr könnt mich mal kreuzweise «, unterbrach sie Pilade. » Es ist einfach alles viel zu viel. Die Liga von Samstag bis Montag, dienstags und mittwochs Champions League, am Donnerstag UEFA Cup. . . «
» Der heißt jetzt Europa League. «
» Na super. Ich bleibe bei UEFA Cup. Für den Freitag haben sie noch nichts gefunden, aber halb so schlimm, am Samstag geht’s ja wieder von vorne los . . . Herr im Himmel, Fußballfan sein ist schlimmer als ein Vollzeitjob ! «
» Was verstehst du denn vom Arbeiten ? «
Pilade war gerade im Begriff, aus der Fülle seiner Weisheit eine passende Antwort zu geben, da öffnete sich die Glastür, und ein groß gewachsener, gut gekleideter Mann trat ein. Er trug ein Reiseköfferchen unterm Arm und die tatkräftige, proaktive Haltung zur Schau, die im höheren Dienstleistungssektor zum guten Ton gehört.
» Guten Tag. «
» Mag für Sie so aussehen «, antwortete eine Stimme von unter dem Tresen.
» Wie bitte ? «
» Mag für Sie so aussehen «, wiederholte Massimo, während er aus dem Tresenjenseits auftauchte, in der Hand eine Flasche Chinotto, mit der er auf die vier Alten deutete. » Für mich ist es dieselbe Nerverei wie immer. Was darf’s sein ? «
» Ein Espresso, bitte. Und wenn es dann recht wäre, fünf Minuten von Ihrer kostbaren Zeit. «
» Der Espresso ist kein Problem «, erwiderte Massimo, während er den Chinotto in ein Glas goss. » Was das Zweite betrifft, werde ich Ihnen, fürchte ich, nicht helfen können. «
Der Neuankömmling sah sich um. In der Bar herrschte bis auf die vier Abgeordneten der Grauen Panther gähnende Leere.
» Wenn Sie mir eine günstigere Uhrzeit nennen könnten . . . «
» Mit der Uhrzeit hat das nichts zu tun, es ist eine Frage von Inhalten. « Massimo deutete auf das Köfferchen des Burschen, auf dem das Logo eines bekannten Herstellers von Glücksspielautomaten prangte. » Wenn das da Ihr Ar­­beitgeber ist, dann gehe ich davon aus, dass Sie die Ab­­sicht verfolgen, mir ein Gerät für Videopoker oder dergleichen anzudrehen. Mir scheint daher angebracht, Sie darauf hinzuweisen, dass ich keinerlei Interesse habe, ein derartiges Gerät in meiner Bar aufzustellen. Wollte ich mich auf ein Gespräch mit Ihnen einlassen, würde ich nur unser beider Zeit vergeuden. «
Damit stellte Massimo seinem Gegenüber höflich, aber bestimmt seine Espressotasse hin.
» Sicher, das verstehe ich «, sagte der Bursche, der auf solche Reaktionen offensichtlich vorbereitet war. » Darf ich Sie, rein interessehalber, fragen, aus welchem Grund . . . «
» Gewiss dürfen Sie. Und meine Antwort lautet als Allererstes, dass wir angesichts der hiesigen Klientel nicht so sehr über Videopoker sprechen müssten wie über Video­briscola. Ich könnte Ihnen noch zweiundvierzig weitere sehr gute Gründe nennen, wenn ich wirklich Wert darauf legte, dass Sie meinen Standpunkt nachvollziehen. Da dies jedoch nicht der Fall ist, bitte ich Sie, mir einfach zu glauben, dass ich weder bereit bin, etwas zu kaufen, noch zu­­zuhören. Ich lade Sie daher ein, in Ruhe Ihren Espresso zu genießen, der, wie Sie zweifellos feststellen können, ganz ausgezeichnet ist. Und dann schleichen Sie sich, aber zackig, sonst lasse ich die Warane von der Leine. «
» Mamma mia, war das unhöflich «, sagte Aldo.
» Aus schierer Notwendigkeit «, erwiderte Massimo und setzte das Glas Chinotto auf dem Tresen ab, nachdem er zufrieden einen Schluck genommen hatte. Vor kaum zehn Sekunden war der Vertreter durch die Glastür ge­­gangen, nicht ohne davor einen Euro neben die Kasse gelegt zu haben, mit der geringschätzigen, überheblichen Miene eines Mannes, der gerade eine Niederlage eingesteckt hat.
» Ach, woher denn «, widersprach Aldo. » Mir rückt schon auch mal ein Vertreter auf die Pelle, der besonders aufdringlich ist, oder einer, dessen Produkte mich nicht interessieren. Aber deshalb behandele ich ihn doch nicht wie den letzten Dreck. «
» Schon klar. Aber, mal ehrlich, schafft dieser Vertreter es dann, dir etwas zu verkaufen, oder gelingt es dir, standhaft zu bleiben ? «
» Also, wenn ich ehrlich bin . . . «
» Wenn du ehrlich bist, schaffen sie’s jedes Mal, dir was unterzujubeln. « Massimo unterstrich seine Worte mit einer sarkastischen Handbewegung. » Und weißt du, warum ? Weil man sich in dem Augenblick, in dem man auch nur kurz mit ihnen redet, auf einen Austausch einlässt, und ab da gehen Informationen hin und her. Sobald du ihm mit Argumenten kommst, gibst du Folgendes über dich preis : › Hier steht ein wohlerzogener, vernünftiger Mensch, der ­bereit ist, sich zu erklären und daher auch zuzuhören. ‹ Der Vertreter schließt daraus : › Wenn ich mich anstrenge, lege ich ihn aufs Kreuz. ‹ Und so hast du auf einmal den Keller voller Balsamico-Essig mit Himbeergeschmack. Ich dagegen behandle die Typen so schlecht, dass man es kaum glauben kann. Die Information, die ich damit aussende, lautet : › Der Typ ist ein Spinner und wahrscheinlich ein Mistkerl, jedenfalls sicher kein vernünftiger Mensch, der hört bestimmt nicht zu. Mit ihm zu diskutieren, ist den Versuch nicht wert. ‹ «
» Verstehe «, sagte Aldo, nachdem er einige Sekunden lang den Kopf gewiegt hatte. » Dann sollte ich dich wohl beim Einkauf immer und grundsätzlich zurate ziehen, auch wenn du gerade auf dem Klo hockst. «
» Das wäre zweifellos wünschenswert «, bestätigte Massimo schneidend.
Auf diese Antwort hin wandte sich Aldo an die übrigen drei Spießgesellen.
» Der hat vielleicht einen Charakter . . . «
» Na, du kennst doch den alten Spruch – du wolltest ein Fahrrad, jetzt tritt gefälligst in die Pedale «, gab Pilade zurück, bei dem es mit dem Mitgefühl nicht weit her war.
» So ist es «, unterstrich Ampelio und kicherte. » Blöd, dass der Drahtesel noch nicht mal ’nen Sattel hat. Da kannst du dich nur noch in die Eisen stellen, sonst bist du verratzt. «
Um besser zu verstehen, was da vor sich geht, empfiehlt sich vielleicht ein kurzer Rückblick auf einen Zeitpunkt vor ungefähr drei Monaten.
Denn etwa drei Monate war es her, dass Aldo die BarLume vorsichtiger als sonst betreten hatte, und das zu einer ganz unerhörten Uhrzeit, nämlich um Viertel vor drei Uhr nachmittags, also zu einem Zeitpunkt, der sowohl bei den übrigen Alten wie in der BarLume selbst der Siesta gewidmet war.
» Schönen Tag zusammen «, grüßte er beim Eintreten.
» Hier bin eigentlich nur ich «, antwortete Massimo.
» Na, siehst du «, erwiderte Aldo. » Gut, gut, gut, mein lieber Massimo. Wie geht’s denn so ? «
Massimo verharrte einen Augenblick lang schweigend, bevor er zurückgab :
» Ich weiß nicht warum, aber ich habe das Gefühl, dass du diese Frage gerne von mir gestellt bekommen würdest. «
Nachdem Aldo Massimos Worte sorgsam abgewogen hatte, begann er, langsam zu nicken.
» Tja, das stimmt. « Pause, mit Blick zum Deckenventilator. » Ich fürchte, das stimmt. «
» Schon komisch. Dabei hatte ich gehört, das mit der Wirtschaftskrise sei alles nur Gerede. « Profi, der er war, räumte Massimo nebenbei gewissenhaft die Gläser in den Geschirrkorb, sodass die Sprechpausen vom typischen Klang von Glas gegen Metall interpunktiert wurden. » Ich hatte sogar gehört, die Restaurants seien voll. Das kam übrigens vom Chef von den Deinen, und nicht von der kommunistischen Propaganda. «
» Ich bitte dich «, antwortete Aldo niedergeschlagen, während sein Blick weiterhin den sich drehenden Flügeln folgte. » Die Restaurants mögen voll sein, aber die Leute begnügen sich mit dem Billigsten, was die Speisekarte hergibt. Weißt du, wie oft Tavolone und ich den Mittagstisch mit dem Fisch vom Vorabend bestreiten ? «
Massimo nickte ernst.
Seit seiner Einweihung hatte sich das Restaurant in der Villa del Chiostro als ausgesprochen unglücklicher Standort erwiesen. Teilweise lag das an der Krise, die ja nicht wegzudiskutieren war. Teils auch an ein paar Vorfällen im Restaurant selbst – etwa der Russe, der sich partout von seiner Frau umbringen lassen musste, während sich noch andere Gäste im Lokal aufhielten, und es ist ja wirklich kein Hochgenuss, auf einer Decke am Pool zu liegen und zuzusehen, wie zwei Sanitäter einen Typen vorbeitragen, der unter einer Decke liegt. Wer soll sich da erholen ? Der Hauptgrund aber war : Die Villa del Chiostro war die richtige Location am falschen Ort.
In Krisenzeiten geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Und ein Luxusschuppen, der von Haus aus dazu bestimmt ist, Geldsäcke zu hegen und zu pflegen, mag in Forte dei Marmi einen Sinn haben, nicht aber in Pineta. Ein Stück Pizza auf die Hand passt nun einmal nicht besonders gut zu Champagner.
» Ja, und weiter ? «
» Also, ich habe mir gedacht, ich sollte vielleicht zumachen und neu eröffnen. Ich meine, das Boccaccio in der Villa del Chiostro zumachen und mit etwas ganz anderem beginnen. «
» Ach, wirklich ? «
» Ja. Einen charmanten kleinen Laden, der nur abends offen hat, so im französischen Stil. Feste Karte, die Küche sorgfältig, aber ohne Allüren, Gerichte, die schnell auf den Teller kommen. Ein schlichtes Weinlokal, aber so, wie sich’s gehört. Und nur das Nötigste an Personal. «
» Oha. « Massimo nickte energisch. » Das gefällt mir. Hast du schon einen Platz gefunden ? «
» Doch, doch. Den hätte ich. Gleich hier in der Nähe. Auf dem alten Grundstück von Pasquinucci. «
» Gut. Um nicht zu sagen, sehr gut. Und das stemmst du ganz allein ? «
Aldo wandte den Blick endlich von den Flügeln des Ventilators ab und richtete ihn auf Massimo.
» Nein, wo denkst du hin. In meinem Alter macht man so was nicht allein. Nein, ich hatte überlegt, die Sache mit einem Teilhaber anzugehen. «
» Ja, das wird das Beste sein «, sagte Massimo, aufrichtig davon überzeugt. Aldo war großartig im Umgang mit den Gästen, aber was die wirtschaftliche Seite betraf, zerstreut und chaotisch. Wer auch immer von Aldo hinzugezogen wurde, er würde sich mit Geduld wappnen müssen. » Hast du an jemand Bestimmten gedacht ? «
» Aber sicher. «
Der Ärmste.
» Er ist zuverlässig, selbstsicher, intelligent. Und außerdem hat er seit etwa zehn Jahren eine Bar, er weiß also, wie man einen Laden führt. Aus all diesen Gründen würde ich die Sache gerne in seine Hände legen. «
Ich unterstreiche : Der Ärmste.
» Er ist ein bisschen eine Nervensäge, aber das braucht es ja irgendwie auch «, fuhr Aldo fort und sah Massimo in die Augen. » Außerdem ist er wirklich extrem gescheit. Du wirst es nicht glauben, aber er hat einen Universitätsabschluss. Und zwar in Mathematik. Ungewöhnlich für einen Barista, nicht wahr ? «
Ich muss es umformulieren : Ich Ärmster.
Und so begann das Abenteuer Bocacito, eine hundertprozentige Gemeinschaftsunternehmung von Aldo und Massimo. Personal eingeschlossen. Das fing mit Tavolone an, der abends in Aldos Küche das Zepter schwang und sich tagsüber für Massimo belegte Schnitten ausdachte, die einfach sensationell waren. So hatte die Karte der BarLume ihr eigenes Sortiment an Panini um einige bemerkenswerte Kostproben von Tavolones Einfallsreichtum bereichert, da­­runter das Chourmo ( pürierter Stockfisch mit gerösteten Brotkrumen und pulverisierten getrockneten Tomaten ) und das Raìs ( Carpaccio vom Thunfisch aus Capraia, mariniert in Limettensaft, gerösteter Sesam und Granatapfelkerne ). Dazu kamen Kreationen von Massimo, die leider nicht immer verfügbar waren, etwa das Vintage ( Olivenpaté und Dodo-Schinken, ursprünglich tiefgefrorene Zutaten nicht ausgeschlossen ), das Reverie ( ein Brötchen ohne Belag, Musik nach Wahl des Kunden ) und das Schweinerlei ( Fladenbrot mit Grieben und Rohschinken, serviert von einer Kellnerin im Oben-ohne-Look ). Das alles konnte man bei Bedarf direkt vom Strand aus bestellen, dank einer brandneuen App namens Telephanino ( für iPhone und Android ), die Massimo mithilfe eines ehemaligen Studienkollegen entwickelt hatte. Die Zulieferung erfolgte in Echtzeit am Sonnenschirm des Betreffenden, und zwar durch Tiziana persönlich ( im Badeanzug ).
Ja, Tiziana. Die zweite Mitarbeiterin, die Massimo im Zuge der Transaktion eingestellt hatte. Und wenn er ehrlich mit sich war, auch der einzige wirkliche Grund dafür, dass er Aldo nicht gebeten hatte, sich doch sonst wo an der Küste einen Barista mit Mathediplom zu suchen. Stattdessen hatte er sich auf eine Geschäftsbeziehung mit einem Mann eingelassen, der, wie ihm von Tag zu Tag klarer wurde, der König der Kopflosen war.

 


Anfang 


Der gelbe Ball rollte mit träger Bestimmtheit dahin, wurde langsamer und kam schließlich ganz zum Stehen. Genau zwanzig Zentimeter von der weißen Kugel entfernt, und dazwischen stand die rote, zu allem Überfluss auch noch nah an der Bande. Mit anderen Worten, die Situation war beschissen.
» Na dann, viel Spaß «, sagte Pilade und senkte das Queue.
Gemessenen Schrittes trat Aldo an den Billardtisch und nahm seinen eigenen Stock, der an der Wand lehnte.
» Was soll ich sagen, ja, den werde ich haben . . . «, erwiderte er nach einer kurzen Pause, in der er die Spitze des Stocks einkreidete.
» Das möchte ich sehen «, antwortete Pilade großspurig. » So wie die Bälle liegen, reicht schon die kleinste Bewegung, damit du’s vermasselst. «
» Mein Gott, da redet der Richtige «, bemerkte Aldo. Un­­klar blieb, ob er damit die spektakulären fünfzehn Strafpunkte meinte, die sich Pilade im Spielverlauf bereits eingehandelt hatte, oder dessen Erstgeborenen Pericle Del Tacca, der von seinem Vater den Leibesumfang, die sympathische Art und den Posten bei der Stadtverwaltung geerbt hatte, nur leider ohne dessen unbestritten wache Intelligenz.
Nach eingehender Betrachtung entschied sich Aldo für einen Kunststoß. Mit kühner Streckung der Wirbelsäule beugte er sich nach vorne und verlagerte sein ganzes Ge­­wicht auf das linke Bein.
» Ha, mal sehen, was jetzt für ein Stoß kommt «, verkündete Rimediotti, während sein Widersacher das Queue vor und zurück gleiten ließ.
» Wenn er sich noch weiter verbiegt, kommt hier höchstens ein sauberer Hexenschuss «, warnte Ampelio beflissen. » Ich seh’s, spüren wird er’s selber. «
» Hm. « Aldo hielt für einen Augenblick inne, während ihm klar wurde, dass seine Position etwas ziemlich Prekäres an sich hatte. » Sollte ich vielleicht besser den langen Stock nehmen ? «
» Es sollte besser jemand anderer stoßen «, gab Massimo zurück, der mit ernstem Gesicht ins Billardzimmer hineinlugte. » Erstens fängst du dir aus der Position locker eine dreistellige Zahl Strafpunkte. Und zweitens ist der Vertreter hier, und da bräuchte ich dich mal kurz. «
Unerschütterlich ließ Aldo den Stock noch ein paar Mal hin und her gleiten und absolvierte den Stoß. Der gelbe Ball drehte sich hinter dem roten vorbei, stieß den weißen gleich zwei Mal an und begleitete ihn schließlich in aller Form in die Mitte des Tischs, wo sämtliche Kegel umfielen, ein Synergieeffekt wie aus dem Bilderbuch. Punkte, Spiel und Sieg. Während Aldo reglos dastand, sei es, um es auf sich wirken zu lassen, wie er’s gerade vermasselt hatte, oder aus Rücksicht auf seinen vierten Lendenwirbel, erhoben sich die üb­­rigen Mitspieler von ihren Stühlen und gingen wieder in den Hauptraum des Lokals.
» Machen die Bälle klack-klack, zahlt der Verlierer zack-zack . . . «, konstatierte Rimediotti mit Genugtuung.
» Ich reime jetzt nicht auf Englisch weiter, das ginge gegen meine Kinderstube «, antwortete Aldo und wandte sich endlich vom Tisch ab. Zu Massimo sagte er : » Aber hatten wir nicht gesagt, dass das mit den Vertretern du übernimmst ? «
» Nein «, antwortete Massimo sachlich, während er auf den Hauptraum zusteuerte. » Ich kümmere mich um feste Nahrung, du ums Flüssige. Sonst geht’s uns wieder wie neulich, als ich zehn Kisten Prosecco bestellt habe und du zehn Kisten Prosecco bestellt hast, und dann waren wir eher für eine venezianische Hochzeit ausgestattet als für einen Aperitif an der toskanischen Küste. Jedem das Seine. «
» Sehe ich auch so. Jedem das Seine. Ästhetik und Einrichtung des Lokals sind demnach meine Sache, nicht wahr ? «
» Auf jeden Fall. «
» Kannst du mir dann sagen, wer diese wahnsinnig witzigen Schildchen an den ausgestellten Gemälden anbringt ? «
Die Ausstellung örtlicher Künstler im Restaurant, für deren Bilder die Kunden sich interessieren und die sie ge­­gebenenfalls auch erwerben konnten, war eine Idee Aldos gewesen. Massimo hatte sich ihr begeistert angeschlossen, bis er erkennen musste, dass einem vom Großteil der ausgestellten Meisterwerke der Appetit verging. So äußerte er seine Ablehnung anonym, indem er die Bildunterschriften, die rechts von den Gemälden angebracht waren, durch objektivere Beschreibungen ersetzte, etwa » Teresa Gottertränk, Barbarei in F-Moll, gemischte Technik ( Acryl und Nasenpopel ), 2005 « oder » Ray Charles, Weltblitze, Öl auf Leinwand und diversen anderen Oberflächen, 1996 «.
» Keine Ahnung «, log Massimo. » Ein anonymer Nichtsnutz, nehme ich an. «
» Anonym, aber ziemlich in Form «, bemerkte Ampelio, der gerade den Raum betrat. » Na, bekanntlich macht die Einsamkeit . . . «
» Ich glaube, das Thema inoffizielle Schildchen sollten wir hier nicht weiterverfolgen «, unterbrach ihn Massimo, während er hinter den Tresen ging, an dem der Notar Aloisi darauf wartete, von Tiziana seinen Cappuccino serviert zu bekommen. » Denn anscheinend bin ich nicht der Einzige, der da gern mal über die Stränge schlägt. Guten Tag, Herr Notar. Darf ich Sie als Juristen mal etwas fragen ? Welche Strafe riskiert einer, der Verkehrszeichen manipuliert oder fälscht ? «
Die Alten wurden rot.
Auch wenn die Behörden es angeblich nicht zur Kenntnis genommen hatten – dass sich der Preis der beiden Bezahlparkplätze direkt vor der BarLume illegal auf fünfzehn Euro die Stunde erhöht hatte, war von den Bewohnern des Städtchens rasch als mögliches Werk unserer Freunde ausgemacht worden. Umso mehr, als die direkten Nutznießer der Operation sie selbst waren. Zuvorderst Del Tacca, dem nämlich als Erstem aufgefallen war, dass die Doppelreihe von blauen Markierungen exakt den offiziellen Abmessungen einer Bocciabahn entsprach ; aber auch die übrigen drei hatten daraus Nutzen gezogen, indem sie an der nun restlos von Kraftfahrzeugen befreiten Stelle aufreibende Wettbewerbe organisiert und bestritten hatten, bis zur letzten Bocciakugel.
» Verkehrszeichen liegen außerhalb meines Tätigkeitsbereichs «, sagte der Notar, ohne auch nur anscheinhalber von seinem Corriere aufzusehen.
Massimos Blick blieb wie immer an der Riesennase des Notars hängen. Zum etwa tausendsten Mal fragte er sich, wie wohl das Leben eines Mannes aussah, der ein dermaßen gewöhnliches Äußeres aufwies, mit Ausnahme einer einzigen Unmäßigkeit – einer dicken, kartoffelhaften Nase, der Nase eines seriösen Menschen. Was der Notar ohne den geringsten Zweifel war.
Darüber hinaus aber konnte jeder erkennen, der auch nur fünf Minuten mit ihm zu tun bekam, dass sich der Notar durch Gelassenheit auszeichnete.
Vielleicht lag es an der Arbeit. Denn die Tätigkeit eines Notars besteht nun einmal darin zu verbürgen, dass X tatsächlich der ist, der er zu sein behauptet, dass Y wirklich über das Eigentum an etwas verfügt, das er X zu verkaufen gedenkt, um sodann beiden Parteien nach Maßgabe des Ge­­setzes zu versichern, dass keiner der Beteiligten den anderen über den Tisch zu ziehen versucht ; und da überdies die Zusicherung all dieser Dinge eine Gebühr in vierstelliger Höhe wert ist, liegt auf der Hand, dass einem Notar niemals die Arbeit ausgeht und ebenso wenig die finanziellen Mittel.
Wahrscheinlich lag es auch an seiner Familie. Angefangen bei der Frau, Signora Maria Dolores, einer sprühenden Sechzigjährigen, die ein pfauenhaftes Äußeres hatte und alles andere als ein Spatzenhirn. Nach einmütiger Aussage der Alten hatte sie als eine der schönsten Frauen an der toskanischen Küste gegolten. Die beiden bildeten ein Paar, das rein äußerlich überhaupt nicht zusammenzupassen schien. Massimo, und nicht nur er allein, hatte schon immer Schwierigkeiten gehabt, sich die beiden miteinander vor­zustellen, geschweige denn auf- oder untereinander. Und doch musste es wenigstens zwei Mal dazu gekommen sein, waren die zwei Sprösslinge des Paars doch dem Augen- oder genauer dem Nasenschein nach unverkennbar dem Herrn Notar zuzuordnen.
Beide Söhne hatten sich naheliegenderweise von wundervollen Kindern zu vorbildlichen Studenten entwickelt, um dann als vollwertige Mitglieder die Reihen der herausragenden Angestellten aufzufüllen. Das wiederum hatte ihnen ermöglicht, den Status von Familienvätern zu erlangen, ohne sich jemals auch nur von ferne dem Schicksal eines Durchschnittsdeppen anzunähern, wie es neunundneunzig Prozent der Menschheit in aller Regel blüht oder zumindest droht.
In dürren Worten zusammengefasst : Wenn es in Pineta einen Menschen gab, den Massimo gelegentlich beneidete, so war es dieses Männlein mit der Riesennase, das er jetzt vor sich hatte. Einer Riesennase, die unverändert auf die Zeitung gerichtet blieb, ohne sich Abschweifungen in Richtung von Tizianas Titten zu erlauben oder sich sonst wie um fremde Angelegenheiten zu kümmern.
» Der Herr Notar hat recht «, bekräftigte Ampelio, der sich schon aus dem Schneider wähnte. » Ein Mensch in seiner Position befasst sich nicht mit derlei Kleinkram. Sie haben vor allem mit Immobilien zu tun, stimmt’s ? «
» Unter anderem «, räumte der Notar mit einer leichten Kopfbewegung ein, nach wie vor in die Zeitung versunken.
» Dann wissen Sie sicher auch von dem Schlamassel mit Benedetti und seiner Frau. «
» Na, ich weiß halt, was alle wissen «, konzedierte der Notar nach einem Schluck Cappuccino.
» Ja, ist das denn wahr, dass sie sich haben scheiden ­lassen ? «
» Ich habe das so gehört «, sagte der Notar unverbindlich.
» Entschuldigung, über wen redet ihr da eigentlich ? «, fragte Tiziana, während sie den Filtereinsatz für die Espressomaschine säuberte.
» Die Benedettis, die mit dem Agriturismo-Hotel neben der Donau, weißt du ? «
» Nein, noch nie gehört. «
» Die beiden sind vor drei, vier Jahren aus Umbrien hierhergezogen. Haben damals das Anwesen hinter Ciglieris Landgut gekauft. «
» Wie, das am Bewässerungsgraben ? «
» Ganz genau «, bestätigte Rimediotti. » Neben der Donau halt. «
Tiziana machte ein ungläubiges Gesicht.
» Und da haben die einen Agriturismo eröffnet ? «
Del Tacca breitete die Arme aus, ohne übermäßigen Nachdruck, alles andere an ihm war ja schon breit ge-
nug.
Das Grundstück neben Ciglieris Landgut war in der Tat nicht der gesundheitsförderndste Standort des Universums. Im Osten wurde das von Eukalyptusbäumen bestandene Land durch einen Bewässerungsgraben begrenzt, was es in der Praxis zu einer Art Freiluftdisco für Stechmücken machte ; ganz zu schweigen von dem Graben selbst, der in den Jahren zuvor als exklusive Müllhalde der Feingerberei Martellacci & Brüder gedient hatte. Das Unternehmen hatte bis zu seiner Schließung ( im Jahre 1991, aus einschlägigen juristischen Gründen ) Tonne um Tonne Gerbereiabwässer in den wehrlosen Wasserlauf gekippt. So war er zu dem hübschen Ultramarinblau gekommen, das dem Bewässerungsgraben den Spottnamen Donau eingetragen hatte. Die Zeit hatte die Farbe fortgespült, den Beinamen nicht.
» Also «, setzte Del Tacca zu einer Erklärung an, und zwar völlig dialektfrei, wie immer, wenn es ihm darum ging, den Eindruck von Kompetenz zu vermitteln, » die beiden haben zusammengelebt, waren aber laut standesamtlichem Register rechtsgültig geschieden. «
» Ja, und ? «
» Na, sie hatten sich scheiden lassen, damit er ihr Un­­terhalt zahlen muss «, erläuterte Pilade. » Unterhaltszahlungen vom Exmann sind nämlich steuerfrei. Das heißt, er brauchte auf einen Teil des Einkommens keinen Heller Steuern zahlen. «
Will man einen wortkargen Menschen zum Sprechen bringen, so gibt es kein besseres Mittel, als sich auf dessen Fachgebiet als Kenner aufzuspielen und so viel Blödsinn wie möglich von sich zu geben : Der Wunsch, Irrtümer zu bereinigen und der Wahrheit Geltung zu verschaffen, ist weit stärker als das Bestreben, nicht aufzufallen. Das gilt ganz allgemein und sogar für Leute, denen menschliche Regungen fremd zu sein scheinen wie dem Notar Aloisi. Der trank langsam seinen Cappuccino aus und begann dabei, den Kopf zu schütteln, mit geringer Amplitude, aber beträchtlicher Autorität.
» Das ist so nicht ganz richtig. «
» Ach nein ? «, forderte Pilade ihn heraus. » Wie ist es denn dann ? «
» In Wirklichkeit scheint unser Freund Benedetti, als er noch in Umbrien lebte, bis zum Hals in Schulden gesteckt zu haben. Wie es sich damit auch verhalten mag, jedenfalls schloss er sein Etablissement in Gualdo Tadino, ließ sich scheiden und zog in die Toskana. Durch die Scheidung ging ein Großteil seines Vermögens auf die Ehefrau über, einschließlich des gerade erwähnten Grundstücks, und ist damit dem Zugriff durch die Gläubiger des Exmanns entzogen. Darunter ganz zuvorderst der Staat. «
» Woher wissen Sie denn das alles ? «
» Es ist doch allgemein bekannt «, sagte der Notar mit dem Anflug eines Lächelns. Tatsächlich war die Begehung von Benedettis Agriturismo durch die Finanzpolizei weder kurz noch schmerzlos verlaufen. Und so hatte die Nachricht vom Eintreffen der offiziell Zuständigen recht schnell ihren Weg zur halbamtlichen Öffentlichkeit in der Bar gefunden. Wie auch zu den Ohren des ganzen Städtchens, versteht sich, das die Geschichte nun schon seit Wochen immer weiter ausschmückte. » Ich gebe hier keine Berufsgeheimnisse preis. Im Übrigen hatte ich weder Einsicht in die Akten der beiden Betroffenen noch in das Verhältnis zwischen ihnen. So etwas spricht sich halt herum. «
» Meine Güte, aber das ist doch furchtbar «, bemerkte Tiziana, während sie sich die Hände an der kurzen Schürze abtrocknete, die sie sich um die Taille gebunden hatte. » So etwas spricht sich herum, natürlich, aber ich finde das zum Fürchten. «
» Wie meinst du das ? «, fragte Aldo mit übertriebenem Unverständnis.
» Ich meine, wenn die Sache herausgekommen ist, bedeutet das doch : Jemand hat gesehen, dass die beiden zusammenleben, und dieser Jemand muss es jemand anderem gesagt haben. Schon klar, wir reden hier von einer Straftat, aber derjenige, der ihnen auf die Schliche gekommen ist, woher sollte der wissen, dass sie geschieden sind ? Das ist doch immer noch eine Privatangelegenheit. «
» Privat, pah «, warf Ampelio ein. » Ich wohne in diesem Städtchen. Was hier vor sich geht, betrifft mich auch, und wie. Sehen Sie das nicht genauso, Herr Notar ? «
Der Notar klappte die Zeitung zu, hob die Tasse vom Tellerchen und schwenkte sie ein Stück weit, als wollte er damit ihrer aller Situation umschreiben.
» Kommt darauf an. Tiziana hat schon recht, hier wurde zwar eine Straftat aufgedeckt, aber das war wahrscheinlich nur durch eine weitere Straftat möglich. Oder jedenfalls durch ein Eindringen in die Privatsphäre anderer. Im Übrigen ist privacy ja ein angelsächsischer Begriff. Kein Wunder, dass wir in unseren Breiten damit nichts anzufangen wissen, nicht wahr ? «
» Damit bin ich jetzt aber nicht einverstanden «, ließ sich Rimediotti vernehmen. » Wenn einer festgestellt hat, dass da etwas faul ist, dann hat er doch ganz zu Recht seine Nase in die Angelegenheiten anderer gesteckt. «
» In dem Fall ja «, gab der Notar zu. » Aber wenn das Gegenteil der Fall ist – welches Recht würden Sie ihm dann zusprechen ? «
» Was heißt da welches Recht ? Das des Bürgers natürlich ! « Rimediotti sah sich Zustimmung heischend um. » Wissen Sie, Herr Notar, wenn alle Bürger ihre Nase in fremde Angelegenheiten stecken würden und jedes Mal, wenn sie einen bei einer Sauerei erwischen, überall davon berichten würden, dann würden sich die Leute um einiges anständiger benehmen. «
» Ich sage das ja nicht oft, aber diesmal hat Gino recht «, stimmte Ampelio zu. » Was heißt denn hier privacy ! Für manche Fälle bräuchte man eher einen Marktschreier. «
» Ist gut, Gino «, sagte Aldo geduldig. Er ahnte schon, worauf die Sache hinauslaufen würde. » Aber erlaube mir eine Frage : Wie willst du entscheiden, was dich etwas angeht und was nicht ? «
» Was gibt’s denn da zu entscheiden ? «, sagte Gino unwirsch. » Hast du etwa nicht im Gefühl, was richtig ist und was falsch ? «
» Kommt darauf an. Bei manchen Sachen bin ich mir da sicher, bei anderen schon weniger. « Aldo zog die Augenbrauen hoch, wodurch sich die Falten auf seiner Stirn zu wahren Schluchten vertieften. » Aber kannst du dir vorstellen, was hier los wäre, wenn wir vier plötzlich anfangen würden, Leute zu verpfeifen, bloß weil wir ihr Verhalten nicht kapieren ? Nehmen wir mal an, du, Ampelio, Pilade und ich zeigen systematisch alles an, was unserer Meinung nach nicht in Ordnung oder auch einfach nur unverständlich ist. Die Polizeireviere wären bald randvoll mit Priestern, Fußballern, intelligenten Mitmenschen und Ernährungsberatern. «
» Ich stelle mir vor, dass sie mit Politikern voll wären «, entgegnete Gino gereizt. » Politikern, Richtern und Notaren. «
» Ach ja ? « Der Ausdruck auf Aloisis Gesicht war eher neugierig als irritiert.
» Entschuldigung, Herr Notar, aber sagen Sie doch selbst – in welchem anderen Land muss ich als Käufer einer Wohnung irgendeinem Typ Tausende von Euro zahlen, bloß damit er mir erklärt, dass dem Verkäufer die Wohnung auch wirklich gehört. Das könnte doch auch der nächstbeste Verwaltungsangestellte übernehmen, oder ? «
» Gewiss doch «, stimmte Aloisi zu. » Eine Frage hätte ich allerdings : Wenn Sie auf die Stadtverwaltung gehen, um sich zum Beispiel nach der Grundsteuer zu erkundigen, die Sie in diesem Jahr zu zahlen haben, bekommen Sie dann immer die korrekte Antwort ? «
» Sie sind lustig «, antwortete Ampelio. » Schauen Sie sich doch Pilade an. Eine verlässliche Antwort kriegt man bei dem höchstens, wenn man wissen will, was es in der Bar an süßen Teilchen gibt. «
» Jetzt übertreib’s mal nicht mit dem Gerede «, sagte Pilade.
» Stimmt «, gab Ampelio zurück. » Das machst ja du schon mit der Gabel. «
» Und würden Sie im Falle eines Irrtums erwarten, dass die Stadtverwaltung, ich wiederhole : die Stadtverwaltung Ihnen den Kaufpreis für die Wohnung ersetzt, wenn etwas schiefgeht ? Wenn Sie zum Beispiel herausfinden, dass im Grundbuch eine Hypothek vermerkt ist oder der Eigentümer die Wohnung bereits an zwei weitere Leute veräußert hat ? «
Schweigen. Es war das etwas verlegene Schweigen, wenn man merkt, dass ein Widersacher den wunden Punkt gefunden hat, auf dem er weiter herumreiten kann.
» Da haben Sie’s «, fuhr Aloisi nach einem kurzen Moment fort. » Ein Notar dagegen bürgt mit seinem Privatvermögen. Das heißt, wenn ich eine Immobilie erwerbe und dabei Probleme auftreten, die dem Notar anzukreiden sind, dann ist der Notar persönlich verpflichtet, mir den Kaufpreis zurückzuerstatten, bis auf den letzten Cent. «
» Verstehe «, sagte Gino und schickte sich an, zumindest ein Stückchen Terrain zurückzuerobern. » Aber dass für eine Wohnung, die hundertfünfzigtausend Euro wert ist, gleich eine Gebühr von zwei- oder dreitausend anfällt . . . «
» Dann sollten Sie in den USA investieren «, sagte Aloisi. » Da haben Sie keinen unparteiischen Notar, der für Fehler haftet, und müssen einen Rechtsanwalt beauftragen. Der überprüft dann genau dieselben Dinge, nur dass er ungefähr die doppelte Summe verlangt. Außer natürlich Sie schließen den Handel auf Vertrauensbasis ab und erwerben für den Preis einer Palladio-Villa eine Hütte am Fluss, die vielleicht noch nicht einmal dem Verkäufer gehört. Das kommt gar nicht so selten vor. Um Ihnen das mal zu veranschaulichen : Zur Zeit der Bankenkrise im Jahr 2009 stellte sich heraus, dass etwa eine Million Darlehensverträge in betrügerischer Weise erlangt worden waren, auf Grundlage gefälschter Grundbuchauszüge. Können Sie mir folgen ? «
Rimediotti sah wenig überzeugt aus. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen » Extrem zweifelhaft « und » Ich habe gerade in eine Zitrone gebissen «.
» Also, ich glaube immer noch, dass da was faul ist. «
» Ich schon auch «, versetzte der Notar. » In Italien jagt ein Skandal den nächsten. Damit in Verbindung gebracht werden Politiker, Industrielle, Richter, Kardinäle und Kronprinzen. Aber ist Ihnen auch nur ein einziger Fall in Erinnerung, in den ein Notar verwickelt gewesen wäre ? «
Stille. Diesmal endgültig.
Der einzige Mensch auf der Welt, der in der Lage war, die Alten zum Schweigen zu bringen.
Für Massimo ein Grund mehr, ihn zu beneiden.

 

Zwei 


» Gestatten Sie ? «
Ach ja. Du hast mir gerade noch gefehlt.
In Unkenntnis von Massimos Reaktion hatte sich ein Mann mit einem runden, jovialen Gesicht zur Glastür hereingebeugt und betrat jetzt die Bar, ohne eine Antwort abzuwarten. Aus einem Abstand, der nach Auffahrunfall schrie, folgte ihm eine zweite Gestalt, die überhaupt nichts Joviales an sich hatte.
» Ja, da schau her, Bertelloni ! Komm doch rein, Bertelloni, auf dich haben wir gewartet «, empfing ihn Ampelio wie der wahre Herr des Hauses.
Doch, doch.
» Na, dann nehme ich doch kurz mal Platz «, sagte der andere mit einem Schritt auf die Viererbande zu und machte seine Ankündigung auch gleich wahr. » Was zum Trinken nehme ich auch. He, Massimo, du entscheidest doch immer für alle, was kriege ich ? «
Von mir aus gern eine Lungenentzündung. Eine doppelte, versteht sich.
Von allen denkbaren Quälgeistern in Pineta und Umgebung stellte das Duo Bertelloni-Menotti, seit Massimo die Bar eröffnet hatte, eine der gefürchtetsten Bedrohungen dar. Hauptsächlich wegen des tonangebenden Elements: Evaristo Bertelloni, 59, von Beruf Metzger, gutmütige Ausstrahlung und von Natur aus optimistisch ; wobei einer, der in einem Strandbad eine Metzgerei führt, zwangsläufig Optimist sein muss. Im Übrigen hatte Massimo ihn noch nie ohne seinen treuesten Begleiter gesehen, Brunero Menotti, 58, von Beruf Freund Bertellonis, ein schweigsamer Mann mit dauerhafter Leidensmiene, deren Ursache keiner kannte, vielleicht waren es Magenprobleme, vielleicht ein natürlicher Hang zur Melancholie, vielleicht auch der Umstand, dass er fortwährend den Reden seines Intimus ausgesetzt war. Denn Bertelloni bekam einfach den Mund nicht zu.
Nicht dass er ein Dummkopf gewesen wäre, im Gegenteil. Es verhielt sich schlichtweg so : Völlig unabhängig vom Thema, ob es nun um die bürgerliche Mitte ging oder um einen Mittelstürmer – sobald Bertelloni das Wort ergriff, war es vorbei. Der Gesprächspartner wurde bis zur Erschöpfung mit einem wahren Wust von Sätzen überschüttet. Menotti sorgte für die rhythmische Untermalung, indem er die Sprechpausen des Freundes mit wenigen resignierten Einsilbigkeiten füllte.
Zum Glück ließ Bertelloni sich nur sporadisch in der BarLume blicken, was dem Umstand zu verdanken war, dass er ein gut gehendes Geschäft besaß und sich bisher nicht entschließen konnte, in den Ruhestand zu treten. Doch früher oder später würde es so kommen, und diese Aussicht versetzte Massimo in Angst und Schrecken.
» Ich würde um diese Uhrzeit einen Espresso nehmen «, sagte Massimo. Und dann die Kurve kratzen, vielleicht hast du ja noch zu tun. Wobei ich mir da keine großen Hoffnungen mache, so wie du dich auf den Stuhl gefläzt hast.
» Ja, dann mach mir einen schönen Espresso, bravo. Und danach bringst du mir noch einen kleinen Cognac. « Bertelloni machte es sich auf dem Stuhl gemütlich, der das mit einem Knarren quittierte. » Für ein halbes Stündchen kann der Laden ruhig zu bleiben, meine Schäfchen habe ich seit heute Vormittag im Trockenen. «
» Stimmt «, pflichtete Menotti bei, seiner Rolle als Laienbruder treu.
» Was war denn los, hattest du einen amerikanischen Touristen da ? «
» Nein, nein, das bleibt alles schön bei uns. Du kennst doch die Tante aus dem Agriturismo drüben an der Donau ? «
» Wen, die Frau vom Benedetti ? «, fragte Rimediotti.
» Na ja, Frau «, antwortete Bertelloni achselzuckend. » An­­geblich sind die beiden geschieden, hast du vielleicht auch gehört. Zusammen wohnen tun sie noch, aber nach dem, was man so hört, sind sie geschieden. «
» Na so was, darüber haben wir uns erst gestern unter. . . «
» Aber weißt du, warum das so ist ? «, fuhr Bertelloni fort und legte eine bedeutungsschwere kleine Pause ein. » Weil er davor, als sie noch in Umbrien gewohnt haben, einen Haufen Schulden hatte. Habe ich dir doch mal erzählt, das mit seinen Schulden, oder ? «
» Mhm «, bestätigte Menotti so lakonisch wie wehmütig.
» Und da hat er eben durch die Scheidung das Haus auf die Frau übertragen. « Bertelloni machte eine weitere speicheltriefende Pause. » Da hat er also einen Haufen Schulden, und angeblich wollten sie ihm schon das Haus wegpfänden, aber das können sie jetzt nicht mehr, verstehst du ? «
» Ja, tue ich. Ich bin doch nicht er «, sagte Ampelio mit einer Handbewegung in Richtung Menotti. Davon ermutigt, dass er ausnahmsweise einmal nicht als der Dümmste im Raum dastand, versuchte Rimediotti sich ins Gespräch einzumischen :
» Stell dir vor, gerade gestern war der Notar Aloi. . . «
» Jedenfalls «, fuhr Bertelloni ungerührt fort, » schneit die heute Morgen bei mir rein und sagt : Evaristo, meine Gäste wollen heute Abend grillen. Hättest du mir was Ordentliches, das man schön auf den Rost legen kann ? Für fünfzehn Personen, vielleicht auch zwanzig. «
» Allmächtiger ! «, rief Ampelio. » Haben die Platz für so viele Leute ? «
» Ach was, noch nicht mal, wenn du sie im Butterfass stampfst «, meldete sich Pilade zu Wort. » Ich habe die Katas­tereinträge höchstpersönlich vorgenommen, und das sind drei Doppel- und ein Dreierzimmer. Entweder er lässt ein paar Leute draußen schlafen, oder er zählt die Hühner als Abendessensgäste. «
» Kann ich mir kaum vorstellen «, sagte Aldo. » Die Frau soll ja so was von geizig sein . . . «
» Ha, das stimmt «, pflichtete ihm Ampelio nachdenklich bei. » Die würde noch Mücken die Haut abziehen, um sich daraus ein Kleid zu schneidern. Wie viele Steaks hat sie denn gekauft für ihre zwanzig Personen, eins oder zwei ? «
» Nein, zehn. Jedes ein Kilo schwer «, antwortete Bertelloni, während hinter ihm Menotti feierlich den Kopf wiegte.
» Allmächtiger ! «, wiederholte Ampelio. » Zehn Kilo Fleisch für zwanzig Personen ? «
» Hat er doch gesagt, dass er seine Schäfchen für heute im Trockenen hat «, antwortete Pilade und wedelte mit der Rechten in Richtung Bertellonis. Einer Hand, die übrigens auch auf dem Metzgertresen nicht schlecht ausgesehen hätte.
» Das ist noch nicht alles «, fuhr der andere mit einem boshaften Lächeln fort. » Die wollte auch noch anderthalb Kilo Schweinerippchen und zwei Dutzend Würste, Evaristo, das muss mindestens eine pro Kopf sein, ja ? Und zwei große Schweinesteaks, vielleicht hat das ja jemand lieber. Braucht’s noch was mehr ? «
» Tja, ich weiß nicht, was die braucht «, bemerkte Ampelio kopfschüttelnd. » Ich kann das gar nicht mit anhören, für arme Leute ist das doch ein Schlag ins Gesicht. Stell dir vor, was die da alles wegschmeißen. Wer soll das ganze Zeug denn essen, Mensch . . . «
» Ach, vielleicht verbringen sie den Tag am Meer, da kann man abends schon Hunger haben «, sagte Rimediotti entschuldigend.
» Ja, wie reizend. Sie fahren an den Strand und kriegen Hunger. Und wenn sie zur Abwechslung mal arbeiten müssten, was wäre dann, schieben sie dann einen Elefanten in die Röhre ? Strand, dass ich nicht lache, bei mir kam der Hunger vom Buckeln mit der Schaufel und der Spitzhacke ! Und daheim gab’s dann sicher kein Steak. Brot und Zwiebeln. Nicht viel Brot, und Zwiebeln massenhaft. «
» Tja, das sieht man «, antwortete Aldo. » Bist ganz schön säuerlich geworden. Und weißt du was ? Man kann Fleisch sogar im Kühlschrank aufbewahren. «
» Na eben «, sagte Bertelloni mit Nachdruck. » Ich glaube, die frieren einiges ein. «
» Worauf willst du hinaus ? «
» Ich schätze, nach all den Gerüchten wollen sie wahrscheinlich zeigen, dass das gar nicht stimmt mit den Schulden oder den angeblichen Problemen. Die wollen zeigen, dass es ihnen gut geht, dass sie Gäste haben, dass der Agriturismo voll besetzt ist und Leute zum Essen kommen und so. Soll halt keiner denken, dass sie aus dem letzten Loch pfeifen. Bei all den Aasgeiern, die unterwegs sind. Stimmt’s oder habe ich recht ? «
» Und ob «, bestätigte Menotti.
» Na, wie steht’s, heute Abend ? «
Aldo nickte, ohne den Kopf von seinem Notizbuch zu heben und ohne allzu große Überzeugung. Um ihn herum brodelte es im Bocacito, einem Lokal im Zenit seines Glanzes und Fassungsvermögens. Sämtliche Tische waren be­­setzt. Bis auf einen.
» Besser. «
Massimo sah sich um. Einen Moment lang folgte er ­Tiziana mit dem Blick, die sich so geschwind wie anmutig zwischen den Tischen bewegte.
» Besser ? Im Sinn von › Besser, als ich erwartet hätte ‹ oder im Sinn von › Besser, Sie bringen mir einen Eimer, ich muss kotzen ‹ ? Deiner Miene nach, ehrlich gesagt . . . «
» Ich habe den Film auch gesehen, fang also nicht an, die Witze abzukupfern. Nein, besser, als ich erwartet hätte. Sehr viel besser sogar. «
» Was hast du dann ? «
» Es gibt da ein paar Sachen, die mir nicht gefallen. «
» Bloß ein paar ? Du Glückspilz. « Massimo machte wieder ein ernstes Gesicht. » Aber im Ernst, worum geht’s ? «
» Nummer eins sitzt da drüben. «
Aldo wies mit einer Kopfbewegung auf den kleinen Tisch am Fenster, wo ein verlegen wirkender Marchino Tizianas Dahingleiten zwischen einer Bestellung und der nächsten verfolgte.
» Aha. Na und ? Das ist doch ein Gast wie jeder andere. «
» Nein, das ist kein Gast wie jeder andere. Das ist Marchino. «
» Gut, du hast recht. Er ist kein Gast wie jeder andere. So was kommt vor. Das ist normal. «
» Nein, das ist nicht normal. Wenn Tiziana Buchhändlerin wäre, würde der Typ glatt das Lesen anfangen. « Aldo schüttelte den Kopf. » Jetzt ist Tiziana hier angestellt, und da kommt er halt acht Tage die Woche zum Abendessen. Meinst du nicht auch, dass das böse ausgehen könnte ? «
» Könnte. Könnte. Gibst du mir mal die Speisekarte ? Da, schau. « Massimo fing an vorzulesen, im Tonfall eines Maître. » Seebarsch-Mousse mit Bergamottöl auf knusprigen Blättern vom lila Ofenkartoffelpüree, 18 Euro. Riesengarnelen auf einer Creme aus Zolfini-Bohnen und angebräuntem Sesam, 18 Euro. Cavatelli aus geröstetem Hartweizen mit Seeteufel, 20 Euro. « Massimo klappte die Speisekarte mit einem weichen Schnalzen wieder zu. » Und so weiter, und so fort. Was macht Marchino beruflich ? «
» Der war bei einer Firma, die Fenster und Türen herstellt. Aber seit sechs Monaten ist er anscheinend arbeitslos. «
» Na, siehst du. Da endet gar nichts böse. «
» Ich finde, du nimmst die Sache zu sehr auf die leichte Schulter. «
» Ganz bestimmt. Und Nummer zwei ? «
» Was ? «
» Du hast gesagt, dir würden hier ein paar Sachen nicht ge­­fallen. «
» Ach ja. Aber › nicht gefallen ‹ stimmt nicht, ich verstehe es nur nicht. Siehst du die vier dort hinten an dem Tisch unter dem Tavarelli ? «
Massimo drehte sich um. Besagter Tavarelli, ein großes Ölgemälde, zeigte ein halb überschwemmtes Städtchen, dessen eigentlicher Titel Das Hochwasser von ’66 lautete. Massimo hatte es allerdings mit einem provisorischen Schild ausgestattet, auf dem der Satz zu lesen war : » Ich hatte gerade den Wasserhahn aufgedreht, um ein Bad zu nehmen, da klingelte das Telefon. « Unter dem Bild saß eine Gruppe von vier Personen, zwei Männer und zwei Frauen hörbar teutonischen Ursprungs, die sich mit entspannter Miene unterhielten – anscheinend hatten sie noch ihren halben Urlaub vor sich.
» Ja, ich sehe sie. Wenn ich mir die Sprache so anhöre, dann haben die durchaus das Geld, um jeden Abend hier essen zu gehen. Da sind sie zwar die Einzigen in Europa, aber das passt schon. «
» Weißt du, woher sie kommen ? «
» Na, entweder sind es Deutsche oder es sind Österreicher . . . «
» Die kommen von der Donau. Von der auf Benedettis Grundstück. «
» Verstehe. Na gut. Da ist es doch plausibel, dass sie jeden Abend hier aufkreuzen, oder ? «
» Nein, Massimo, ich habe mich nicht klar genug ausgedrückt. Weißt du noch, was Bertelloni heute Vormittag erzählt hat ? Dass Benedettis Frau ein ganzes Rind gekauft hat, weil sie heute Abend grillen wollten ? «
» Ach ja. Na, vielleicht sind sie Vegetarier. «
» Und dann kommen sie hierher ? Nein, das Problem liegt anderswo. Ich kann ein bisschen Deutsch, das habe ich auf Kreuzfahrtschiffen aufgeschnappt. Wenn ich das vorhin richtig verstanden habe, sind sie heute Abend da, weil drüben bei Benedetti noch nichts auf dem Tisch stand. «
» Interessant. Und was heißt das jetzt, willst du Benedetti einen Catering-Service anbieten ? «
» Nein, ich wüsste nur gern, was passiert ist. «
» Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Und was hast du sonst noch so vor ? «
Aldo warf Massimo einen gleichmütigen Blick zu.
» Meine Arbeit machen. Mich um die Gäste kümmern. Also auch mit ihnen plaudern, mich erkundigen, ob’s ihnen schmeckt und ob sie ihren Urlaub genießen. Übrigens kann einer von den Teutonen ganz gut Italienisch. « Aldo hielt eine Handfläche nach oben. » Dem macht es doch Freude, vor seinen Freunden einen Plausch mit dem Wirt zu halten. «
» Das gehört dazu, was ? «
» Genau. Das gehört dazu. Meine Aufgabe ist, mich um die Gäste zu kümmern. Dein Reich ist die Bar. Oder genauer, il barre, wie ihr das nennt, du und die anderen Grobklötze. Dann mach’s mal gut. «

Marco Malvaldi

Über Marco Malvaldi

Biografie

Marco Malvaldi, geboren 1974 in Pisa, arbeitete bis vor Kurzem als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Chemie der dortigen Universität. Mit seinen Krimis um die vier alten Männer und den sympathischen Barbesitzer Massimo avancierte er zum Bestsellerautor. Daneben veröffentlichte er...

Pressestimmen

General-Anzeiger

»Was Malvaldis Bücher auszeichnet, ist sein herrlicher, ebenso lockerer wie bissiger Humor der finanzgroßmächtige deutsche Touristen ebenso aufs Korn nimmt, wie italienischen Schlendrian, aber auch den Autor und seine Figuren selbst. Ein Lesevergnügen ersten Ranges.«

Wiener Journal

»Krimikunst vom Feinsten«

mobil - Deutsche Rheuma-Liga

»Spürbares italienisches Flair, gepaart mit Witz und Spannung: So macht Krimi-Lesen Spaß - sogar, wenn man eigentlich gar kein Krimi-Fan ist.«

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