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Der BuchspaziererDer Buchspazierer

Der Buchspazierer

Roman

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Der Buchspazierer — Inhalt

„Das geschriebene Wort wird immer bleiben, weil es Dinge gibt, die auf keine Art besser ausgedrückt werden können.“
Mit „Der Buchspazierer“ präsentiert der renommierte Autor Carsten Henn eine gefühlvolle Geschichte darüber, was Menschen verbindet und Bücher so wunderbar macht. Liebevoll und wertig ausgestattet, ist dieser zauberhafte Roman ein ideales Geschenk für alle Buchliebhaber.  

Es sind besondere Kunden, denen der Buchhändler Carl Christian Kollhoff ihre bestellten Bücher nach Hause bringt, abends nach Geschäftsschluss, auf seinem Spaziergang durch die pittoresken Gassen der Stadt. Denn diese Menschen sind für ihn fast wie Freunde, und er ist ihre wichtigste Verbindung zur Welt. Als Kollhoff überraschend seine Anstellung verliert, bedarf es der Macht der Bücher und eines neunjährigen Mädchens, damit sie alle, auch Kollhoff selbst, den Mut finden, aufeinander zuzugehen …  

„Auf dem Rücken trug er einen abgescheuerten alten Lederrucksack, prall gefüllt mit Büchern, jedes davon in Packpapier gehüllt, damit es keinen Schaden nahm. Alle nannten ihn nur den Buchspazierer.“

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erscheint am 02.11.2020
224 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-477-6
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erscheint am 02.11.2020
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99715-7

Leseprobe zu „Der Buchspazierer“

Kapitel 1

Sein eigener Herr

Es heißt, Bücher finden ihre Leser – aber manchmal brauchen sie jemanden, der ihnen den Weg weist. So war es auch an diesem Spätsommertag in der Buchhandlung, die sich Am Stadttor nannte, obwohl das Stadttor oder besser dessen Überreste, die die meisten Bürger für ein gewagtes Kunstwerk hielten, gute drei Kreuzungen entfernt lag.

Die Buchhandlung war sehr alt und über mehrere Epochen errichtet und erweitert worden. Mauerwerk mit Schnörkeln und Gipsstuck fand sich neben schmucklosen rechten Winkeln. Ein Nebeneinander von Alt [...]

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Kapitel 1

Sein eigener Herr

Es heißt, Bücher finden ihre Leser – aber manchmal brauchen sie jemanden, der ihnen den Weg weist. So war es auch an diesem Spätsommertag in der Buchhandlung, die sich Am Stadttor nannte, obwohl das Stadttor oder besser dessen Überreste, die die meisten Bürger für ein gewagtes Kunstwerk hielten, gute drei Kreuzungen entfernt lag.

Die Buchhandlung war sehr alt und über mehrere Epochen errichtet und erweitert worden. Mauerwerk mit Schnörkeln und Gipsstuck fand sich neben schmucklosen rechten Winkeln. Ein Nebeneinander von Alt und Neu, von verspielt und nüchtern bestimmte das Äußere des Gebäudes, fand sich aber auch im Inneren wieder. Rote Plastikständer mit DVDs und CDs standen neben mattierten Metallregalen mit Mangas, diese wiederum neben polierten Glasvitrinen, in denen Globen standen, oder eleganten Holzregalen mit Büchern. Angeboten wurden auch Gesellschaftsspiele, Papeterie, Tee und neuerdings sogar Schokolade. Den verwinkelten Raum beherrschte ein schwerer, dunkler Tresen, den die Mitarbeiter nur den Altar nannten. Er sah aus, als stammte er aus der Barockzeit. Mit Schnitzereien an der Front, die eine ländliche Szene darstellten, bei der eine Jagdgesellschaft auf prachtvollen Rössern, begleitet von einer Meute drahtiger Hunde, hinter einer Rotte Wildschweine herpreschte.

In dieser Buchhandlung wurde nun die Frage gestellt, für die Buchhandlungen existierten: „Können Sie mir ein gutes Buch empfehlen?“ Die Fragestellerin, Ursel Schäfer, wusste genau, was ein gutes Buch ausmachte. Erstens unterhielt sie ein gutes Buch so sehr, dass sie im Bett so lange las, bis ihr die Augen zufielen. Zweitens ließ es sie an mindestens drei, besser vier Stellen weinen. Drittens hatte es nicht weniger als dreihundert Seiten, aber niemals mehr als dreihundertachtzig, und viertens war der Umschlag nicht grün. Büchern mit grünen Umschlägen war nicht zu trauen. Eine bittere Erfahrung, die sie mehrmals hatte machen müssen.

„Sehr gern“, antwortete Sabine Gruber, die seit drei Jahren die Buchhandlung am Stadttor leitete. „Was lesen Sie denn gern?“

Ursel Schäfer wollte das nicht sagen, sie wollte, dass Sabine Gruber es wusste, weil sie eine Buchhändlerin war und dadurch von Natur aus mit einer gewissen Portion an hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet sein musste.

„Nennen Sie mir drei Begriffe, dann suche ich das Passende für Sie heraus. Liebe? Südengland? Ein richtiger Schmöker? Ja?“

„Ist Herr Kollhoff vielleicht da?“, fragte Ursel Schäfer, ihre Stimme leicht unruhig. „Er weiß immer, was mir gefällt. Er weiß immer, was allen gefällt.“

„Nein, er ist heute leider nicht da. Herr Kollhoff arbeitet nur noch ab und an für uns.“

„Wie schade.“

„So, da hätte ich etwas für Sie. Ein Familienroman, der in Cornwall spielt. Sehen Sie hier, auf dem Cover sind das bezaubernde Anwesen der Familie zu sehen und der große umliegende Park.“

„Es ist grün“, sagte Ursel Schäfer und blickte Sabine Gruber vorwurfsvoll an. „Sattgrün!“

„Weil das Buch größtenteils in dem wundervollen Park des Earl of Durnborough spielt. Die Bewertungen sind alle sehr gut!“

Die schwergängige Eingangstür öffnete sich, und das kleine kupferne Glöckchen darüber klingelte hell. Carl Kollhoff klappte seinen Regenschirm zusammen, schüttelte ihn routiniert aus und stellte ihn in den Ständer. Sein Blick glitt durch die Buchhandlung, die er seine Heimat nannte. Er hielt Ausschau nach frisch eingetroffenen Büchern, die zu seinen Kunden wollten. Er kam sich dabei vor wie ein Muschelsammler am Strand. Und er sah auf den ersten Blick etliche Funde, die nur darauf warteten, aufgehoben und vom körnigen Sand befreit zu werden. Aber als er Ursel Schäfer erblickte, waren sie mit einem Mal ganz unwichtig. Sie warf ihm ein warmherziges Lächeln zu, als wäre er ein Amalgam aus all den reizenden Männern, in die sie sich beim Lesen der Bücher verliebt hatte, die Carl ihr über die Jahre empfohlen hatte. Dabei glich Carl keinem von ihnen. Früher hatte Carl mal einen kleinen Bauch gehabt, aber der war mit den Jahren genauso geschwunden wie die Haare auf seinem Kopf, so, als hätten sie vereinbart, ihn gemeinsam zu verlassen. Heute, mit zweiundsiebzig Jahren, war er mager, trug aber immer noch seine viel zu große alte Kleidung. Sein ehemaliger Chef sagte, er sehe mittlerweile aus, als würde er sich nur noch von den Wörtern in seinen Büchern ernähren, und die hätten wenige Kohlenhydrate. Aber viel Substanz, erwiderte Carl daraufhin stets.

An den Füßen trug Carl immer klobige, schwere Schuhe. Mit so dickem schwarzem Leder und so festen Sohlen, dass sie für ein ganzes Menschenleben reichten. Und gute Socken, die waren wichtig. Darüber eine olivgrüne Latzhose und in derselben Farbe eine Jacke mit Kragen.

Immer trug er einen Schlapphut, eine Fischermütze mit schmaler Krempe, sodass die Augen vor Regen und grellen Sonnenstrahlen geschützt wurden. Auch in Innenräumen zog er ihn nicht ab, nur zum Schlafen. Ohne fühlte er sich nicht komplett bekleidet. Ebenso wenig sah man ihn ohne seine Brille, deren Gestell er vor Jahrzehnten in einem Antiquitätenladen gekauft hatte. Dahinter lagen Carls kluge Augen, die immer aussahen, als hätte er zu lange bei schlechtem Licht gelesen.

„Frau Schäfer, wie schön, Sie zu sehen“, sagte er und trat zu Ursel Schäfer, die ihrerseits zu ihm trat und damit fort von Sabine Gruber. „Darf ich Ihnen vielleicht ein Buch empfehlen, das sich wunderbar auf Ihrem Nachttisch machen würde?“

„Das letzte hat mir sehr gut gefallen, vor allem, dass sie sich zum Schluss in die Augen gesehen haben. Ein Kuss wäre noch schöner gewesen, um die Sache zu besiegeln. Aber in dem Fall gebe ich mich auch mit einem Blick zufrieden.“

„Er war ja fast noch intensiver als ein Kuss. Manche Blicke können das sein.“

„Nicht, wenn ich küsse!“, sagte Ursel Schäfer und kam sich in diesem Moment wunderbar verrucht vor, was ihr nur noch sehr selten passierte.

„Dieses Buch“, Carl griff eines aus dem Stapel neben der Kasse, „wartet, seit es ausgepackt wurde, auf Sie. Es spielt in der Provence, und jedes Wort duftet nach Lavendel.“

„Bordeauxrote Bücher sind die besten! Endet es mit einem Kuss?“

„Habe ich das je verraten?“

„Nein!“ Sie sah ihn vorwurfsvoll an, nahm ihm aber das Buch aus der Hand.

Natürlich hätte Carl ihr nie einen Roman ohne Happy End empfohlen. Aber den kleinen Nervenkitzel, ob es diesmal anders wäre, wollte er Ursel Schäfer auf keinen Fall rauben.

„Ich bin so froh, dass es Bücher gibt“, sagte sie. „Hoffentlich ändert sich das nie! Es ändert sich ja so viel und so schnell. Alle zahlen jetzt nur noch mit Plastikgeld. Wenn ich an der Kasse die Münzen passend heraussuche, werde ich schon komisch angeguckt!“

„Das geschriebene Wort wird immer bleiben, Frau Schäfer. Weil es Dinge gibt, die auf keine Art besser ausgedrückt werden können. Und der Buchdruck ist die beste Konservierungsmethode für Gedanken und Geschichten. Darin können sie Jahrhunderte überdauern.“

Mit einem warmen Lächeln verabschiedete sich Carl Kollhoff von ihr und ging durch eine mit Werbeplakaten beklebte Tür in den Raum, der Lager und Büro der Buchhandlung in einem war. Der Schreibtisch war voller gestapelter Bücher, der Rand des alten Computerbildschirms voller gelber Zettel und der große Jahresplaner an der Wand voller Einträge in Rot.

Seine Bücher lagen wie immer in einer schwarzen Plastikkiste, die in der dunkelsten Ecke stand. Früher war ihr Platz auf dem Schreibtisch gewesen, doch seit Sabine die Buchhandlung von ihrem Vater übernommen hatte, war die Kiste jeden Tag ein wenig mehr in die am schwersten zugängliche Ecke gewandert. Parallel hatte die Kiste immer mehr an Inhalt verloren. Es gab nicht mehr viele Menschen, denen er Bücher bringen sollte. Jedes Jahr verschwanden mehr von ihnen.

„Moin, Herr Kollhoff! Und, was sagen Sie zu dem Spiel? Das war doch niemals ein Elfer! Ich ärgere mich immer noch über diesen Schiri.“

Leon, der neue Schülerpraktikant, war aus der kleinen Mitarbeitertoilette getreten – und mit ihm Zigarettenrauch. Jeder andere hätte gewusst, dass es völlig sinnlos war, Carl solch eine Frage zu stellen. Denn Carl sah keine Nachrichten, hörte kein Radio, las keine Zeitung. Er war der Welt, wie er sich manchmal eingestand, ein wenig abhandengekommen. Es war eine bewusste Entscheidung gewesen, als ihn all die Berichte über unfähige Staatenlenker, das Schmelzen der Polkappen und das Leid der Vertriebenen trauriger gemacht hatten als das tragischste Familiendrama in Buchform. Es war Selbstschutz gewesen, auch wenn seine Welt seitdem viel kleiner geworden war. Sie maß nur noch gut zwei mal zwei Kilometer, und er schritt an jedem Tag ihre Grenzen ab.

„Kennen Sie das wundervolle Fußballbuch von J. L. Carr?“, fragte Carl, statt sich in der Schiedsrichterfrage auf die Seite des Praktikanten zu stellen.

„Geht es da um unseren Club?“

„Nein, um die Steeple Sinderby Wanderers.“

„Kenn ich nicht. Aber ich lese sowieso keine Bücher. Nur wenn ich muss. Also in der Schule. Und selbst dann versuche ich lieber, nur den Film dazu zu gucken.“ Er grinste, als würde er dadurch geschickt die Lehrer austricksen statt sich selbst.

„Warum absolvierst du dein Praktikum dann hier?“

„Hat meine Schwester vor drei Jahren auch gemacht, wir wohnen direkt um die Ecke, der Weg ist kurz.“ Er verschwieg, dass alle, die keine Praktikumsstelle fanden, zwei Wochen in der Hausmeisterei aushelfen mussten. Der Hausmeister nutzte diese Zeit, um sich bei den Praktikanten – stellvertretend für die gesamte Schülerschaft – mittels demütigender Arbeiten für all die vollgekritzelten Wände, alten Kaugummis unter Tischplatten und Butterbrotreste in den Rabatten zu rächen.

„Liest deine Schwester denn?“

»Nachdem sie hier war, schon – aber das wird mir nicht passieren!«

Carl lächelte, denn er wusste, warum Leons Schwester angefangen hatte zu lesen. Sein ehemaliger Chef, Gustav Gruber, der nun in der Seniorenresidenz Münsterblick lebte, hatte genau gewusst, wie man mit solch leseunwilligen Fällen wie Leon und seiner Schwester umzugehen hatte. Er ließ sie die in die Plastik eingepackten Glückwunschkarten abwischen, jede einzeln. Dabei wurde es den Praktikanten so langweilig, dass sie aus lauter Verzweiflung zu einem Buch griffen, welches er strategisch klug in ihrer Nähe deponiert hatte. Gustav Gruber hatte sie alle bekehrt. Auch mit Kindern war Gustav Gruber klargekommen, Carl dagegen erschienen sie wie fremde Wesen. Das war schon so gewesen, als er selbst ein Kind gewesen war. Und je größer der Abstand zur Kindheit wurde, desto fremder und eigenartiger erschienen sie ihm.

Leons Schwester hatte der alte Gruber damals mit einem Roman gelockt, in dem sich ein junges Mädchen in einen Vampir verliebte. Leon, in dem augenscheinlich gerade die Pubertät wütete, hätte er ein Buch hingelegt, auf dessen Umschlag ein hübscher weiblicher Teenager abgebildet gewesen wäre – und bei dem die Seiten nicht zu dicht bedruckt waren. Der alte Gruber sagte immer: Es ist nicht wichtig, was man liest, sondern dass man liest. Carl konnte das nicht für alle Druckerzeugnisse unterschreiben, denn manche Gedanken, die sich zwischen Buchdeckeln fanden, waren wie Gift – aber viel häufiger steckte Heilung im Papier. Manchmal sogar für Dinge, bei denen man gar nicht gewusst hatte, dass sie der Heilung bedurften.

Vorsichtig nahm Carl die schwarze Plastikkiste aus der Ecke. Heute waren es nur drei Bücher, sie lagen ganz verloren darin. Dann suchte er braunes Packpapier und Kordel, um jedes einzeln einzupacken, als wäre es ein Geschenk. Sabine Gruber hatte ihm mehrfach gesagt, er solle das lassen und die Kosten einsparen, doch Carl bestand darauf, denn das würden seine Kunden erwarten. Carl merkte es nicht, aber er strich über jedes Buch, bevor er es in das dicke Papier einschlug.

Schließlich holte er seinen olivgrünen Bundeswehrrucksack, der von den Jahren gezeichnet war, doch dank Carls Sorgsamkeit und Liebe in sehr guter Verfassung. Noch war er leer, aber sein Faltenwurf zeigte, dass dies nicht seine natürliche Form war. Sanft ließ Carl die Bücher in den schweren Stoff des Rucksacks sinken, den er mit einer weichen Wolldecke ausgelegt hatte. So, als wären es kleine Hundewelpen, die er zu ihren neuen Besitzern tragen würde. Er ordnete die drei Bücher so in dem Rucksack an, dass sich das größte später nahe an seinem Rücken befinden würde und das kleinste am weitesten entfernt, weil es dort durch die Rundung des Rucksacks nicht beeinträchtigt werden würde.

Beim Herausgehen überlegte er kurz und wandte sich dann an Leon. „Wisch doch bitte die Grußkarten ab, das wird Frau Gruber sehr freuen. Am besten holst du sie rein, dann hast du hier deine Ruhe dabei. Ich habe es immer hier am Schreibtisch gemacht.“ Schnell legte er Nick Hornbys Fever Pitch auf den Tisch, das er gerade in einem Regal erspäht hatte. Das Fußballfeld darauf sah verführerisch grün aus – weswegen Ursel Schäfer es sicher keines Blickes würdigen würde.

 

Carl nannte es seine Runde, dabei glich es einem Vieleck durch die Innenstadt, ohne rechten Winkel, ohne Symmetrie. Dort, wo die Reste der Stadtmauer verliefen wie die Zahnruinen eines Greises, endete seine Welt. Seit vierunddreißig Jahren hatte er sie nicht verlassen, denn in ihr befand sich alles, was er zum Leben brauchte.

Carl Kollhoff ging viel zu Fuß, und er dachte genauso viel, wie er ging. Manchmal kam es ihm vor, als könnte er nur richtig denken, wenn er ging. Als würden die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster seine Gedanken erst in Bewegung bringen.

Wenn man durch die Stadt ging, fiel es einem nicht unbedingt auf, doch jede Ringeltaube und jeder Sperling wusste, dass die Stadt rund war. Alle alten Häuser und Gassen waren auf das Münster ausgerichtet, das sich imposant in der Mitte erhob. Wäre die Stadt Teil einer Modelleisenbahnstrecke, hätte man vermutet, dass das Münster im falschen Maßstab gebaut worden sei. Es stammte aus der kurzen Zeitspanne, als die Stadt sehr reich gewesen war. Doch bevor es vollendet werden konnte, hatte diese schon geendet, weswegen ein Turm nie fertiggestellt worden war.

Die Häuser standen ehrfurchtsvoll um das Münster. Einige der besonders alten neigten sogar leicht ihre Häupter. Vor dem Hauptportal hielten sie am meisten Abstand, wodurch hier der größte und schönste Platz der Stadt, der Münsterplatz, entstanden war.

Carl betrat ihn, und sofort war da wieder dieses Gefühl, beobachtet zu werden, wie ein Reh auf einer Lichtung, den Blicken und Gewehrläufen eines Jägers hilflos ausgeliefert – worüber Carl lächeln musste, weil er sich sonst nie wie ein Reh vorkam. Am Münsterplatz war der Geruch der Stadt am intensivsten. Im 17. Jahrhundert war sie belagert worden, und ein Bäcker hatte der Legende nach das Gepuderte Rad erfunden, ein Fettgebäck in Radform mit Speichen, gefüllt mit Schokoladencreme und bestreut mit Puderzucker. Er brachte es den Belagerern, um ihnen auf diese Weise den Wunsch der Stadtbevölkerung mitzuteilen, dass sie abreisen sollten. In Wirklichkeit war das hochkalorische Gebäck erst zweihundert Jahre später erfunden worden, was auch urkundlich belegt war, doch man verbreitete weiter die alte Geschichte, und die Besucher der Stadt glaubten sie gern.

Carls Schritte führten stets über dieselben Pflastersteine des Münsterplatzes, langsam und gleichmäßig. Stand jemand im Weg, wartete Carl und beschleunigte danach seinen Schritt, um die verlorene Zeit wiedergutzumachen. Die Strecke über den Platz war so von ihm angelegt, dass sie auch am Markttag ohne Hindernisse zurückgelegt werden konnte. Zudem führte sie möglichst weit an den vier Bäckereien des Platzes mit Gepuderten Rädern vorbei, denn er ertrug den Geruch des fettig-heißen Gebäcks nicht mehr.

Carl bog in die Beethovenstraße ein, die mehr eine Gasse war und dem großen Komponisten nicht gerecht wurde. Ein Mitarbeiter des Planungsamts hatte sich verwirklicht, indem er einen ganzen Straßenzug nach berühmten Komponisten benannt hatte. Seinem persönlichen Liebling Schubert hatte er die größte Straße gewidmet.

Carl Kollhoff wusste es nicht, doch er befand sich in diesem Moment genau im Mittelpunkt seiner Welt. An zwei Seiten wurde sie von Straßenbahnlinien, der 18 und der 57, begrenzt (obwohl die Stadt nur sieben Straßenbahnlinien besaß, aber so fühlte sie sich verkehrstechnisch wie eine Metropole), an einer Seite von der Schnellstraße in den Norden und an der vierten vom Fluss, der sich die meiste Zeit des Jahres damit begnügte, pittoresk zu plätschern, und nur an wenigen Tagen im Frühling auf ein wenig Hochwasser bestand. Wie ein junger Löwe, der ab und an brüllte, obwohl seine Stimmbänder es nicht hergaben.

Sein erster Abstecher führte ihn heute in die Saliergasse zu Christian von Hohenesch. Dessen aus dunklen Steinen errichtete Villa stand leicht nach hinten versetzt, sodass dem flüchtigen Passanten nicht auffiel, wie herrschaftlich sie war. Sie kauerte sich wie ein geduckter schwarzer Schwan, der nur darauf wartete, die prachtvollen Schwingen auszubreiten. Hinter ihr lag ein rechteckiger Park, gesäumt von riesigen Eichen. In diesem standen drei Bänke, die es Christian von Hohenesch ermöglichten, zu jeder Tageszeit Sonnenstrahlen auf die Seiten eines Buchs fallen zu lassen.

Carl wusste, dass Hohenesch großen Reichtum besaß, aber nicht, dass er der reichste Bürger der Stadt war. Niemand wusste es, selbst Hohenesch nicht, da er sich nicht mit anderen verglich. Seine Familie hatte vor Generationen mit dem Gerberhandwerk am Fluss ihr Vermögen gemacht und es geschafft, dieses in der Industrialisierung nicht zu verlieren. Christian von Hohenesch musste deshalb nicht arbeiten, er ließ arbeiten. Seine Aktien und Depots taten es für ihn. Er verwaltete nur die Verwalter seines Vermögens. Einmal am Tag kam eine Haushälterin, die kochte und die wenigen bewohnten Räume putzte, einmal in der Woche ein Gärtner, damit das Sonnenlicht auch weiterhin einen Weg zu den Buchseiten fand, und einmal im Monat ein Hausmeisterservice. Und von Montag bis Freitag kam Carl mit einem neuen Buch, das Christian von Hohenesch meist bis zum nächsten Tag gelesen hatte. Soweit Carl wusste, hatte Hohenesch die Grenzen seines Reichs seit Ewigkeiten nicht verlassen.

Carl läutete, indem er an einem kupfernen Stab zog, worauf eine tiefe Glocke im Inneren der Villa erklang. Wie immer dauerte es eine Zeit, bis der Hausbesitzer durch den langen, dunklen Flur kam, um die schwere, knarzende Holztür zu öffnen, aber nur einen Spaltbreit. Nie trat Christian von Hohenesch hinaus. Er war ein schöner dunkelhaariger Mann, groß gewachsen, edle Wangenknochen, markantes Kinn – und eine Traurigkeit, die über allem lag wie grauer Puder. Er trug wie stets einen dunkelblauen Zweireiher mit einer frischen weiße Orchideenblüte am Revers, und seine schwarzen Lederschuhe glänzten, als ginge er zu einem Opernball. Hohenesch war viel jünger, als seine Kleidung vermuten ließ. Gerade einmal siebenunddreißig Jahre alt. Doch seit frühester Jugend trug er Anzüge, sie fühlten sich für ihn so natürlich an wie Jeansstoff für andere.

„Herr Kollhoff, Sie sind zu spät. Wir hatten Viertel nach sieben vereinbart“, sagte Hohenesch zur Begrüßung.

Carl neigte wie selbstverständlich den Kopf. Dann zog er vorsichtig das bestellte Buch aus seinem Rucksack. „Hier, Ihr neuer Roman.“ Er zog die Schleife der Kordel gerade, da sie beim Transport leicht verrückt war.

„Sie haben es mir empfohlen. Ich hoffe, zu Recht.“ Hohenesch nahm das Buch, packte es aber nicht aus. Es war ein Roman über die Ausbildung Alexanders des Großen bei Aristoteles. Hohenesch las nur Philosophisches.

Er reichte Carl das Trinkgeld, welches an das Gewicht der Bücher angepasst war. Er hatte dieses zuvor recherchiert. „Beim nächsten Mal wieder pünktlich. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.“

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Auf Wiedersehen.“

„Ja, ich Ihnen selbstverständlich auch.“

Christian von Hohenesch schloss die schwere Tür. Und die Villa sah im selben Augenblick wie unbelebt aus.

Der Hausherr hätte gerne viele Worte über Bücher und Autoren mit Carl gewechselt, den er als gebildeten Mann mit guten Manieren kannte, als einen verwandten Geist. Aber ihm waren mit der Zeit die Worte für Einladungen abhandengekommen. Er musste sie irgendwo in den vielen Zimmern seiner großen Villa verloren haben.

 

Carl verließ Christian von Hohenesch – doch eigentlich verließ er jemand anderen. Denn Carl sah die Spiegelungen von Romanen in unserer realen Welt. Für ihn war die Stadt bevölkert von Personen aus Büchern, obwohl diese in ganz anderen Zeiten oder in fernen Ländern lebten. Christian von Hohenesch war für ihn seit dem Moment, als dieser erstmals die schwere Tür der Villa geöffnet hatte, dem großartigen Roman Stolz und Vorurteil von Jane Austen entsprungen. Carl hatte gerade die Villa Pemberley im Derbyshire des 18. Jahrhunderts verlassen und dessen Bewohner Fitzwilliam Darcy, einen reichen, intelligenten Gentleman, der trotz eigentlich tadelloser Manieren häufig ein wenig arrogant und harsch wirkte.

Der Grund für diese Eigenart von Carl lag darin, dass er sich nie gut hatte Namen merken können, es sei denn, sie gehörten Figuren in Romanen. Schon in der Schule war das so gewesen, als viele Lehrer Spitznamen erhalten hatten, meist wenig schmeichelhafte: Klobürste, Prinz Morphium, Spucki. Carl aber hatte ihnen andere verliehen: Odysseus, Tristan oder Gulliver. Nach dem Abitur hatte er im Gegensatz zu seinen Mitschülern nicht mit den Spitznamen aufgehört. So wurde der junge Punker mit der abgewetzten Uniform, dem er während seiner Ausbildung immer auf dem Weg zur Buchhandlung begegnete, zum braven Soldaten Schwejk. Die Obsthändlerin, bei der er seine Äpfel kaufte, zur Königin aus Schneewittchen – erfreulicherweise sah sie davon ab, ihr Obst zu vergiften. Irgendwann fiel Carl auf, dass seine Stadt voller literarischer Figuren war, ja dass sich für jeden Bewohner eine literarische Entsprechung finden ließ. In den nächsten Jahren durfte er Sherlock Holmes kennenlernen, der bei der städtischen Polizei das Morddezernat leitete, und sogar Lady Chatterley, die oft in einem dünnen Kimono die Tür öffnete und in die er sich als junger Mann ein wenig verguckte. Allerdings verließ sie dann mit Adson von Melk die Stadt. Kapitän Ahab war von einem riesigen Maulwurf in seinem Garten besessen, den er nicht zur Strecke bringen konnte. Walter Faber, einem schwer kranken Ingenieur, brachte Carl bis zu seinem Tod Bücher über Südamerika. Und der Graf von Monte Christo hatte in einem Haus mit vergitterten Fenstern gelebt, das früher ein Gefängnis gewesen war und seinen neuen Besitzer auf eine merkwürdige Art in den eigenen Mauern festgehalten hatte.

Fast immer fiel ihm ein passender literarischer Name ein, bevor es ihm gelang, sich den realen einzuprägen. So, als wollte sein Gedächtnis ihn davor schützen, sich mit Profanem zu belasten. Und ab dem Moment, in dem er einen Namen ausgewählt hatte, las er die realen gar nicht mehr. Auf dem Weg von der Netzhaut zu seinem Gehirn verwandelten sich zum Beispiel die Buchstaben eines Christian von Hohenesch wie durch ein Wunder in Mister Darcy, ohne dass es Carl auffiel. Nur in besonderen Situationen erbarmte sich sein Kopf dazu, einen weltlichen Namen herauszurücken.

Viele musste sein Gehirn sich ohnehin nicht mehr merken.

Carls Weg durch die verwinkelten Gassen führte ihn nun zu einer literarischen Figur, deren Schicksal weitaus düsterer war als das des schlussendlich glücklich verheirateten britischen Gentleman.

Seine Kundin wartete hinter der Tür und sah durch den Spion hinaus auf die Gasse, auf die wenigen Menschen, die vorbeigingen. Niemand flanierte hier, niemand bewunderte die Gebäude, denn die schönen lagen mehrere Querstraßen entfernt. In diesem Teil der Altstadt gingen die Menschen schnell, da sie die bedrückende Enge nicht ertragen konnten und es ihnen vorkam, als würden sich die Giebel der Häuser über ihnen schließen, um kein Tageslicht mehr einzulassen.

Die zierliche junge Frau hinter dem Spion wusste, in welchem Zeitraum Carl Kollhoff bei ihr eintreffen würde. Sie wusste zwar auch, dass es albern war, lange Minuten durch den Spion zu blicken, statt im Wohnzimmer auf das Klingeln zu warten, doch sie konnte nicht anders. Andrea Cremmen strich eine blonde Haarsträhne hinter ihr Ohr und zog ihr Kleid gerade. Vom Kindergarten an war sie immer die Schönste gewesen, was ihr Zuneigung, aber auch viel Neid eingebracht hatte. Und eine frühe Ehe mit einem erfolgreichen Mann aus der Versicherungsbranche namens Matthias, der auch abends und am Wochenende lange arbeitete, damit es ihnen gut ging. Andrea selbst war gelernte Krankenschwester, arbeitete jetzt aber halbtags als Sprechstundenhilfe in einer kleinen Hausarztpraxis, wo man sie an den Empfang gesetzt hatte, weil ihr Anblick die Patienten erfreute und beruhigte. Keiner hatte Andrea jemals sagen müssen, dass sie lächeln sollte, Andrea tat es einfach, es gehörte zum Hübschsein dazu. Wer hübsch ist und nicht lächelt, gilt als arrogant. Also lächelte sie den ganzen Tag.

Sie hatte sich niemals getraut, nicht perfekt auszusehen, denn was würde dann passieren? Was würden die anderen Menschen in ihr sehen, was wäre da überhaupt? Carl Kollhoff wirkte wie ein Mann, dem man sich ohne Lächeln zeigen konnte. Denn er würde die richtigen Worte wählen, um das zu beschreiben, was dann zutage trat. Andrea schien es, als wählte er seine Worte so genau aus wie ein Parfümeur die Ingredienzien für ein teures Parfüm. Sie hörte auf zu lächeln und holte die Strähne wieder zurück, erlaubte sich diese paar Haare Unordentlichkeit.

Doch als sie Carl Kollhoff in der Gasse entdeckte, strich sie diese schnell abermals hinter das Ohr.

Carl klingelte und wartete. Andrea Cremmen brauchte immer etwas Zeit, um zur Tür zu kommen, und war stets ein wenig atemlos. Trotzdem lächelte sie ihn jedes Mal freudig an.

Carl hörte, wie hektisch ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde, dann öffnete sich die Haustür.

„Herr Kollhoff, Sie sind aber früh heute! Ich hatte Sie noch gar nicht erwartet. Ich sehe sicher unmöglich aus.“ Sie fuhr sich durch ihre wunderschön glänzende Frisur, die perfekt zu ihrem eleganten Kleid mit den roten Rosen passte.

Carl fand sie bezaubernd, und doch ließ ihn Andreas Anblick auch immer ein wenig traurig werden. Denn unter all der Schönheit lag etwas, das er nicht fassen konnte – und es hatte mit dem zu tun, was er jetzt aus seinem Rucksack holte. Eines der Bücher, die Andrea Cremmen so liebte. Mit dem Gewicht des Buchs war alles in Ordnung (Carl mochte es, wenn Bücher das richtige Gewicht hatten: nicht so leicht wie eine Tafel Schokolade, nicht so schwer wie ein Liter Milch), es war das Gewicht des Inhalts, das Carl besorgte.

„Ist es gut?“, fragte Andrea Cremmen ihn und zog die Schleife am Packpapier zurecht.

„Soweit ich gehört habe, steht Die Schattenrose den anderen Werken der Autorin in nichts nach.“

„Richtig schön dramatisch?“

Jetzt war es an Carl zu lächeln. Es gab ein stilles Einverständnis zwischen ihnen. Wenn er ihr ein Buch brachte, war es immer dramatisch und endete tragisch. In der Vergangenheit hatte er ihr manchmal auch Bücher mit Happy End empfohlen, aber die hatten ihr nie gefallen. Sie fand sie zu realitätsfern. Andrea Cremmen liebte Romane, in denen die weibliche Hauptperson litt und am Ende starb oder unglücklich und allein zurückblieb. Offene Enden waren nur dann in Ordnung, wenn sie entweder das eine oder das andere davon zuließen.

„Ich werde wie immer schweigen“, sagte Carl. „Wie hat Ihnen denn der letzte Roman gefallen?“

Andrea Cremmen atmete schwer ein und schüttelte dann den Kopf. „Der war so traurig! Sie ist zum Schluss ins Wasser gegangen … Warum haben Sie mich nicht gewarnt?“ Sie zog spielerisch eine kleine Schnute.

„Das darf ich doch nicht.“

Früher hatte er ihre Bücher immer in buntes, fröhliches Geschenkpapier eingepackt. Aber es war ihm verlogen vorgekommen.

„Bringen Sie mir nächste Woche wieder eins? Ich habe von einem Roman gehört, die ganze Zeit ist darin Nacht, weil er während des Winters in Grönland spielt. Und die Hauptperson hat gerade ihr Kind verloren. Kennen Sie das? Ich fand, das klang richtig gut.“

Carl kannte das Buch. Er hatte gehofft, Andrea Cremmen würde nichts davon mitbekommen.

„Bringe ich Ihnen mit.“ Carl sagte nicht, dass er es gerne mitbringe, denn das würde er nicht.

„Können Sie mir noch etwas ans Herz legen?“

„Es gibt jetzt ganz neu einen Kriminalroman, der in unserer Stadt spielt. Ich habe ihn noch nicht gelesen, aber er soll recht lustig sein.“

Andrea Cremmen winkte ab. „Meinen Sie, das Buch würde mir gefallen?“

Carl hatte es sich zur Aufgabe gemacht, nicht zu lügen. Wenn man einmal eine Lüge in die Welt setzte, bekam man sie nicht wieder eingefangen. „Nein.“

„Geht mir genauso.“

„Aber es könnte Sie zum Lachen bringen. Und Sie haben, ich hoffe, damit trete ich Ihnen nicht zu nahe, ein wirklich schönes Lachen. Sie wissen sicher, dass Charlie Chaplin gesagt hat: Jeder Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Und wir haben ohnehin zu wenige Tage auf dieser Welt, als dass wir einen verlieren dürften.“ So etwas hatte er ihr noch nie gesagt. Vielleicht war die Traurigkeit in ihr an diesem Tag größer als sonst, und er hatte es gespürt? Carl wusste es nicht. Manchmal sagte sein Mund Dinge, die nicht mit seinem Kopf abgesprochen waren.

Andrea Cremmen lächelte nicht mehr, stattdessen zitterte ihre Unterlippe leicht. „Sie haben mir gerade den Tag gerettet. Danke dafür!“ Und dann schloss sie rasch die Tür.

Für Carl hatte nicht Andrea Cremmen die Tür geschlossen, für ihn hatte es die traurige, viel zu jung verheiratete Effi Briest getan, deren Schicksal genauso tragisch war wie das der vielen Frauen, über die Andrea Cremmen las. Carl hätte so gern mehr für sie getan, als Bücher zu bringen, die bewiesen, dass auch andere litten, aber nicht erklärten, wie das Leiden zu beenden war.

Hinter der Tür unterdrückte Andrea Cremmen ihre Tränen. Sie hätte ihm gerne gesagt, was heute passiert war. Aber dafür hätte sie es sich noch einmal vor Augen führen müssen, und das wollte sie nicht. Mit zitternden Händen packte sie das Paket aus und fing noch im Flur an zu lesen.

Gleich auf Seite Eins nahm sich jemand das Leben.

 

Wenige Schritte, nachdem Carl weitergegangen war, hörte er ein leises Maunzen neben sich. Als er hinunterschaute, blickte eine magere dreibeinige Katze hoch. Das Fell struppig, die Ohren durch allerlei Kämpfe ausgefranst. Carl wusste nicht, ob es ein Kater oder eine Katze war, auch wusste er nicht, wo das Tier sein Zuhause hatte, wenn es ein solches überhaupt gab. Aber er wusste, dass sie gute Freunde waren. Andere hatten ein Haustier, er hatte ein Spaziertier.

„Hallo, Hund“, sagte er und lächelte. Den Namen hatte er der Katze gegeben, weil sie sich wie einer benahm. Sie ging bei Fuß, schnüffelte an allem und markierte ihr Revier. Hund maunzte nicht, Hund brummte. Wenn Carl bei seiner Kundschaft war, setzte sich Hund nie hin, Hund lag. Er konnte immer und überall liegen, auf dem schmalsten Treppengeländer.

Hund drückte sich gegen Carls Hosenbein, dann rannte er voraus und blickte ungeduldig zu ihm zurück. Das kluge Tier schien zu wissen, dass es beim dritten Buch, das er heute auslieferte, etwas zu essen geben würde. Vier Kreuzungen entfernt am Elisenbrunnen lebte eine alte Dame, die das genaue Gegenteil von Effi Briest war, geradezu aufgedreht fröhlich und stets bunt gekleidet. Oft trug sie zwei unterschiedliche Socken oder Schuhe, oder ein Träger ihrer Latzhose hing halb über die Schulter. In ihrer Wohnung stapelte sich alles in Bergen, zwischen denen enge Täler und Schluchten verliefen. Die alte Frau erinnerte Carl an eine Figur aus einem Kinderbuch, ein verrücktes junges Mädchen, das sich die Welt so machte, wie sie ihr gefiel. Nur in diese Welt trat das alte Mädchen niemals hinein, denn der offene Himmel machte ihr Angst.

Es war vor etwas über sieben Jahren gewesen, ein wunderschöner Sommertag, den sie mit ihrem Mann im Garten verbracht hatte, im Schatten des Walnussbaums. Dann kam ein Gewitter, es kam mit Regen und Sturm und vor allem mit brachialer Kraft. Sie waren schon im Haus, als ihnen auffiel, dass sie vor lauter Müßiggang die Mülltonnen auf der Straße hatten stehen lassen – worüber die Nachbarn sich gern beschwerten. Also ging ihr Mann hinaus in den Sturm, obwohl sie versuchte, ihn davon abzuhalten. Geht ganz schnell, sagte er, bin doch gleich wieder da. Und: Was soll schon passieren? Der Ziegel hatte sich von ihrem eigenen Dach gelöst und der Wind ihn zu einem Geschoss gemacht, dem sein Kopf nichts entgegenzusetzen hatte.

Seitdem war es ihr völlig egal, was die Nachbarn dachten. Und seitdem war sie nie mehr unter freien Himmel getreten.

Beim Öffnen der Tür sagte sie nie „Guten Tag, Herr Kollhoff“, „Hallo“ oder „Schön, Sie zu sehen“. Sie sagte „Wollmundig“, „Er handelte mit gerauchten Autos“ oder „Viezeihung“. Als er heute klingelte, warf sie ihm breit grinsend „Selbst-Erfroschung“ entgegen.

Jetzt war es an Carl, aus dem Stegreif eine glaubwürdige Definition dafür zu finden.

»Selbst-Erfroschung bezeichnet den Weg zu der Erkenntnis darüber, was den innersten Kern eines Selbst ausmacht. Der Begriff nimmt Bezug auf das Märchen ›Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich‹, das sich in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an erster Stelle findet. Hinter dem Konzept der Selbst-Erfroschung steht die Hypothese, dass jeder in seinem Inneren einen Frosch hat, den er durch Liebe – im Märchen einen Kuss – in einen strahlenden Prinzen verwandeln muss. Erstmals in der Literatur tauchte der Begriff 1923 in Sigmund Freuds Werk Das Ich und das Es und der Frosch auf.«

Frau Langstrumpf reichte ihm ein Kirschbonbon als Belohnung. War seine Erklärung einmal nicht so passend, erhielt er ein Zitronenbonbon. Im Gegenzug übergab er ihr das bestellte Buch. Auf ihr Packpapier malte er immer eine große rote Blume. Frau Langstrumpf las alles, von klassischen Abenteuerromanen über Science-Fiction bis zu Humoristischem. Allerdings nur leichte Kost, nichts, was sie auf den Boden der Tatsachen holen konnte.

„Übermorgen habe ich wieder ein Wort für Sie“, sagte sie vor dem Schließen der Tür. „Eine ganz besonders harte Nuss.“ Dann beugte sie sich zu Hund und gab ihm aus ihrer Hosentasche etwas, das dieser mit einem Bissen verschlang.

Obwohl Carls Rucksack leer war, galt es, noch einen Kunden aufzusuchen. Jeder Besuch bei ihm war ein Vergnügen, denn er besaß den wärmsten Bariton, den Carl je gehört hatte. Würde man ein Sofa mit dem Klang einer Stimme beziehen, dürfte man nur die dieses Mannes dafür nehmen. Für Carl Kollhoff war er Der Vorleser, nach Bernhard Schlinks Roman über den Jugendlichen Michael Berg, der sich in eine über zwanzig Jahre ältere Frau verliebte und ihr vorlas. Carls Kunde trug allerdings in einer Zigarrenfabrik den Arbeiterinnen vor. Sie war erst vor wenigen Jahren gegründet worden und die einzige im Land. Man leistete sich einen Vorleser, der die ganze Arbeitszeit über aus Büchern vortrug, genau wie es in Kuba üblich war. Das Ganze war vor allem ein Marketinggag, weshalb der Vorleser nicht viel verdiente, doch er liebte seine Arbeit so sehr, dass er ständig einen Schal um seinen Hals trug, um die Stimmbänder zu wärmen. Außerhalb der Zigarrenmanufaktur sprach er zudem kaum, um seine Stimme zu schonen. Deshalb war es einer kleinen Sensation gleichgekommen, dass er bei Carl privat angerufen hatte, um ihn zu bitten, ihm Halspastillen mitzubringen, die es nur in der Apotheke neben der Buchhandlung gab. Der Vorleser selbst wollte nicht auf die Straße, da gerade eine Grippewelle durch die Stadt schwappte. Wohl aus diesem Grund öffnete er seine Tür heute nur einen Spalt. Nachdem er die Packung mit den Pastillen entgegengenommen und Carl dafür ein dankbares Lächeln und die Münzen samt großzügigem Trinkgeld gegeben hatte (das Carl gar nicht annehmen wollte, da er wusste, wie wenig der Vorleser besaß), holte er direkt eine Pastille aus der Dose, bevor er die Tür seiner Mietwohnung unter dem Dach des schmucklosen Mehrfamilienhauses wieder schloss. Bei dessen Bau war an allem gespart worden, was einem Gebäude ein wenig Schönheit oder Liebe verliehen hätte. Es war ein Nutzbau, wie die Käfige, in denen Hühner gehalten wurden.

 

Carl war immer traurig, wenn sein Rucksack leer war, denn dann musste er zurück nach Hause. Nicht, dass er sein Zuhause nicht mochte, doch Hund folgte ihm nie bis dorthin, und hinter der Tür seiner Wohnung wartete niemand, der ihn mit der Flanke anstieß und erwartungsvoll ansah, wenn er gestreichelt werden wollte. Der letzte Abschnitt führte ihn immer über den städtischen Zentralfriedhof. Das beruhigte Carl. Zu wissen, wo sein Weg irgendwann ein Ende finden würde, nahm Letzterem ein wenig den Schrecken. Was auch daran lag, wie schön der Friedhof war. Über zweihundert Jahre alt, und die in der Mitte stehende große Statue des Sensenmanns mit knochigem Schädel schien wissend zu lächeln.

Auf Carls Klingelschild stand E. T. A. Kollhoff. Das war eine Lüge, aber nur eine halbe, denn der Nachname stimmte. Schon immer hatte Carl den Schriftsteller E. T. A. Hoffmann bewundert – wegen seiner Initialen. Denn wer besaß schon drei? J. R. R. Tolkien, in der Musik C. P. E. Bach. Drei Initialen hatten etwas ganz Besonderes, zwischen ihnen konnte sich vieles verstecken. Es war, als läge ein Geheimnis in ihnen verborgen – und die Antwort auf die Frage, warum der Besitzer keinen der Vornamen ausschrieb.

Manchmal gingen Briefe zurück, weil ein neuer Postbote nicht wusste, dass Carl sich hinter den Buchstaben verbarg. Aber er änderte das Namensschildchen trotzdem nicht mehr, er war jetzt zweiundsiebzig Jahre und bekam ohnehin nicht mehr viel Post. Und wenn, war sie nie ein Grund zur Freude, da konnte sie ruhig eine Extrarunde im Zustellzentrum drehen.

Carls Wohnung hatte zu viele Zimmer. Es waren vier, dazu eine kleine Küche, ein fensterloses Bad, eine fensterlose Toilette. Manchmal kamen sie ihm vor wie Beete, in denen nie etwas gewachsen war. Denn zwei der Zimmer waren für seine Kinder gedacht gewesen. Das eine hatte das Zimmer für das Mädchen sein sollen, mit einem Fenster zum grünen Innenhof, und ein anderes für seinen Sohn, zur Straße hin, auf der man Autos beim Vorbeifahren beobachten konnte. Doch er hatte nie eine Frau gefunden, mit der er Kinder haben konnte. Die Wohnung hatte er trotzdem behalten. Die Miete war in all den Jahrzehnten nie erhöht worden, da sie wohl vergessen worden war.

Hier lebte er mit seiner Familie aus Papier, die er in Vitrinen mit Milchglasscheiben vor Licht und Staub schützte. Die Bücher wollten immer wieder von ihm gelesen werden. So, wie Perlen getragen werden mochten, weil sie dann schöner wurden, und, mehr noch, wie Tiere gestreichelt werden wollten, um sich geliebt zu fühlen. Manchmal kam es Carl vor, als beständen all die Worte in ihnen aus seinen Zellen, dabei wusste Carl, dass er sie mit den Jahren einfach nur in sich hineingelesen hatte.

Carl verstand Menschen, die Bücher sammelten wie andere Briefmarken. Die ihre Augen gerne über die Buchrücken streifen ließen, weil in den Büchern Menschen lebten, denen sie sich verbunden fühlen, weil sich dort Schicksale ereigneten, die sie teilten. Oder gerne teilen würden. Die ihre Bücher um sich versammelten, als wären sie eine Wohngemeinschaft aus guten Freunden.

Carl hängte seine grüne Jacke an den Haken hinter der Tür, seinen Rucksack daneben und zog beides gerade. Dann ging er in die kleine Küche, um sich am Resopaltisch ein Schwarzbrot mit Butter und Salz zu schmieren, dazu trank er ein Glas Sauerkrautsaft, und danach gab es einen grünen Apfel, geviertelt.

Die Wohnung war damals „mit Balkon“ inseriert worden. Doch dieser bestand nur aus einer gusseisernen Balustrade vor der bodentiefen zweiflügeligen Glastür, neben der sein alter Ohrensessel stand. Darauf ein Buch, in dem als Lesezeichen ein Kassenbon lag. Von diesem Platz aus konnte er in die Altstadt blicken, was er auch jetzt wieder tat. Um zu sehen, ob einer seiner Kunden unterwegs war oder ob Hund über die Dächer sprang, was er nie tat. Carl las immer bis Punkt zehn, dann wusch er sich und ging schlafen. Wenn er die Bettdecke über sich zog, tat er es in dem Bewusstsein, dass er am nächsten Tag wieder ein paar ganz besondere Bücher zu seinen ganz besonderen Kunden bringen durfte.

Carsten Henn

Über Carsten Henn

Biografie

Carsten Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker. Er ist Chefredakteur des Gault & Millau WeinGuides sowie Redaktionsleiter Deutschland des Weinmagazins Vinum. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit alten...

Carsten Henn über seinen Roman „Der Buchspazierer“

Worum geht es im Buch?
Es ist die Geschichte vom alten Buchhändler Carl, der bestellte Bücher jeden Abend zu Fuß zu seinen wenigen verbliebenen Kunden bringt. Eines Tages tritt die neunjährige Schascha in sein Leben und bringt es durcheinander. Erst durch sie wird ihm klar, dass er mit den richtigen Büchern die Leben seiner Kunden verbessern kann.

Für wen haben Sie das Buch geschrieben?
Ganz ehrlich? Eigentlich habe ich es für mich selbst geschrieben, denn ich wollte diese Geschichte unbedingt lesen. Aber nachdem ich den Roman beendet hatte, ist mir klar geworden, dass er für alle ist, die Bücher lieben. Ich hoffe einfach, dass es noch mehr Menschen gibt, die so verrückt sind wie ich und sanft über ein Buch streichen, bevor sie es aufschlagen. Die erste Seite eines Buchs zu lesen ist wie die erste Minute bei einem Date.

Was bedeutet Ihnen das Buch persönlich?
Es ist ein echtes Herzensprojekt. Die Geschichte reifte jahrelang in mir, bis sich alles richtig anfühlte, und ich mich mit Carl und Schascha unterhalten konnte, als säßen wir zusammen in einem Café. Durch die Corona-Krise wurde diese zeitlose, märchenhafte Geschichte plötzlich topaktuell, weil Buchhändler im ganzen Land zu Fuß auslieferten und uns mit etwas versorgtem, das wir zum Überleben brauchten: Büchern. Das ist genau die Kernaussage meines Romans.

Was möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?
Auf welche geradezu magische Art Bücher uns miteinander verbinden können. Indem wir mit anderen über Bücher reden, die uns etwas bedeuten, oder Bücher verschenken, von denen wir wissen, dass sie anderen etwas bedeuten werden. Auch Bücher können, um einen bekannten Liedtext mal etwas abzuwandeln, Brücken sein. Und obwohl es scheint, dass Papier eigentlich kein sonderlich fester Baustoff ist, tragen sie doch schwerste Lasten. 

 

„Wenn man ein Buch geschenkt bekommt, das der Schenker wirklich liebt, überträgt sich etwas von dieser Liebe.“

Aus: Der Buchspazierer

Veranstaltung
Lesung
Mittwoch, 14. April 2021 in Bad Breisig
Zeit:20:00 Uhr
Ort:Kulturbühne Bad Breisig,
Koblenzer Straße 86
53498 Bad Breisig
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