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Das Jahr der FlutDas Jahr der Flut

Das Jahr der Flut

Roman

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Das Jahr der Flut — Inhalt

Es ist das Jahr der »wasserlosen« Flut: Eine tödliche Pandemie ist über die Menschheit hereingebrochen. Hoch über den Dächern der Stadt leben die wenigen Überlebenden, die Gottesgärtner, bei denen die robuste Toby und die zarte Prostituierte Ren Zuflucht gefunden haben. In ihrem biologisch bepflanzten Garten Eden kämpfen sie ums Überleben in einer Welt, die unter der Herrschaft verantwortungsloser Großkonzerne zugrunde gegangen ist. Eine Zukunftsvision, die vielleicht weniger fern liegt, als wir gerne glauben möchten.

Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Monika Schmalz
480 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31341-4
Erschienen am 12.10.2009
Übersetzer: Monika Schmalz
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7026-5

Leseprobe zu »Das Jahr der Flut«

1.Toby. Jahr Fünfundzwanzig, das Jahr der Flut

Früh am Morgen klettert Toby aufs Dach, um sich den Sonnenaufgang anzusehen. Sie stützt sich auf den Stiel eines Wischmops: Der Fahrstuhl hat schon seit längerem den Geist aufgegeben, die Hintertreppe ist glatt vor Nässe, und wenn sie ausrutscht und hinfällt, ist niemand da, der ihr wieder aufhilft. Als die erste Hitze aufkommt, steigt Nebel aus dem breiten Baumstreifen hoch, der zwischen ihr und der verfallenen Stadt liegt. Die Luft riecht leicht verbrannt, nach Karamell und Tee und ranzigem Grill, und [...]

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1.Toby. Jahr Fünfundzwanzig, das Jahr der Flut

Früh am Morgen klettert Toby aufs Dach, um sich den Sonnenaufgang anzusehen. Sie stützt sich auf den Stiel eines Wischmops: Der Fahrstuhl hat schon seit längerem den Geist aufgegeben, die Hintertreppe ist glatt vor Nässe, und wenn sie ausrutscht und hinfällt, ist niemand da, der ihr wieder aufhilft. Als die erste Hitze aufkommt, steigt Nebel aus dem breiten Baumstreifen hoch, der zwischen ihr und der verfallenen Stadt liegt. Die Luft riecht leicht verbrannt, nach Karamell und Tee und ranzigem Grill, und brennender Müllkippe nach einem Regenguss, ein Asche- und Ölgeruch. Die verlassenen Hochhäuser in der Ferne sind wie die Korallen eines uralten Riffs – ausgebleicht und farblos, ohne Leben. Aber es gibt noch Leben. Vögel zwitschern; es müssen Spatzen sein. Ihre kleinen Stimmen sind klar und scharf, Nägel auf Glas: es gibt keinen Autolärm mehr, um sie zu übertönen. Fällt ihnen diese Stille auf, das Fehlen von Motoren? Wenn ja, sind sie glücklicher? Toby hat keine Ahnung. Anders als manche anderen Gärtner – die Verschrobeneren oder womöglich Überdosierten – ist sie nie der Illusion aufgesessen, mit den Vögeln sprechen zu können. Die Sonne erhellt den Osten, taucht den blaugrauen Nebel des fernen Meeres in rötliches Licht. Die Geier, die auf den Pfählen der Wasserkraftanlage brüten, breiten ihre Flügel zum Trocknen aus, klappen auf wie schwarze Regenschirme. Erst einer, dann ein anderer hebt sich mit der Thermik spiralförmig in die Höhe. Wenn sie plötzlich hinabstürzen, heißt das, sie haben Aas entdeckt. Die Geier sind unsere Freunde, lehrten damals die Gärtner. Sie reinigen die Erde. Sie sind Gottes notwendige dunkle Engel des fleischlichen Verfalls. Stellt euch vor, wie schrecklich es wäre, wenn es den Tod nicht gäbe! Glaube ich immer noch daran?, fragt sich Toby. Aus der Nähe sieht alles anders aus. # Auf dem Dach stehen Blumenkübel mit wildwuchernden Zierpflanzen; auch ein paar künstliche Holzbänke. Es gab einmal ein Sonnendach, unter dem man Cocktails trank, aber das hat der Wind weggeweht. Toby setzt sich auf eine der Bänke, um einen Blick über das Gelände zu werfen. Sie hebt ihr Fernglas, sichtet das Gelände von links nach rechts. Die Lumirosen, die die Auffahrt säumen, sind mittlerweile ausgefranst wie alte Haarbürsten, das lila Leuchten verblasst immer mehr in der zunehmenden Helligkeit. Der Westeingang, das Solargebäude in Lehmsteinoptik, die verknäulte Autoschlange vor dem Tor. Die Blumenbeete, erdrückt von Gänsedisteln und Kletten, umflattert von riesigen Aqua-Kudzumotten. Die Brunnen, die muschelförmigen Becken, in denen das Regenwasser steht. Der Parkplatz mit einem rosa Golfwägelchen und zwei rosa AnuYu Spa-Kleinlieferwagen, auf jedem das Logo mit dem zwinkernden Auge. Ein vierter Kleinlieferwagen ist weiter unten in der Auffahrt frontal gegen einen Baum geknallt: Anfangs noch hing ein Arm aus dem Fenster, aber jetzt nicht mehr. Die breiten Rasenstücke sind überwachsen mit Unkraut. Flache ungleichmäßige Hügel sind unter Seidenpflanze, Berufskraut und Sauerampfer begraben, hier und da sieht man einen Fetzen Stoff, das Schimmern eines Knochens. Dort sind die Leute hingefallen, die gerannt oder über den Rasen getaumelt waren. Hinter einem der Blumenkübel hockend hatte Toby vom Dach aus zugesehen, aber nicht lange. Einige dieser Leute hatten nach Hilfe geschrien, als hätten sie gewusst, dass sie da oben ist. Aber wie hätte sie ihnen schon helfen sollen? Eine fleckige Algendecke liegt über dem Swimmingpool. Es haben sich schon Frösche eingefunden. Die Fischreiher und Grünreiher jagen sie im flachen Ende. Eine Zeitlang hatte Toby versucht, die kleinen Tiere, die hineingefallen und ertrunken waren, aus dem Wasser zu schöpfen. Die grün leuchtenden Kaninchen, die Ratten, die Wakunks mit dem gestreiften Schwanz und der Waschbär-Banditenmaske. Aber jetzt lässt sie sie in Ruhe. Vielleicht bringen sie ja Fische hervor, irgendwie. Wenn das Becken noch mehr zum Tümpel geworden ist. Spielt sie mit dem Gedanken, diese theoretischen zukünftigen Fische zu essen? Sicherlich noch nicht jetzt. Sie wendet sich dem dunklen Wald zu, der wie eine Mauer das Gelände umgibt, und den Ranken und Farnwedeln und dem dichten Unterholz, sondiert alles mit ihrem Fernglas. Wenn Gefahr kommt, dann von dort. Aber was für eine Gefahr? Sie hat keine Vorstellung davon. # Nachts sind die üblichen Geräusche zu hören: Das ferne Bellen der Hunde, das Kichern der Mäuse, die Wasserpfeifentöne der Grillen, hier und da das Grumpfen eines Frosches. Das Blut, das in ihren Ohren rauscht: katusch, katusch, katusch. Ein schwerer Besen, der trockenes Laub aufkehrt. „Leg dich schlafen“, sagt sie laut. Aber sie schläft nicht mehr gut, seit sie in diesem Gebäude allein ist. Manchmal hört sie Stimmen – gequälte menschliche Stimmen, die ihr etwas zurufen. Oder die Stimmen von Frauen, der Frauen, die hier gearbeitet haben, der geplagten Frauen, die zur Erholung und Verjüngung hierher kamen. Die im Swimmingpool planschten, über die Rasenflächen spazierten. Die vielen rosa Stimmen, getröstet und tröstend. Oder die Stimmen der Gärtner, ihr Murmeln oder ihren Gesang; oder die der Kinder, lachend, hoch oben auf dem Felsen Eden. Adam Eins, und Nuala, und Burt. Die alte Pilar inmitten ihrer Bienen. Und Zeb. Wenn einer von ihnen noch am Leben ist, dann Zeb; er könnte jeden Tag die Straße entlang kommen oder hinter den Bäumen auftauchen. Aber er ist bestimmt längst tot. Es ist besser, so zu denken. Keine Hoffnung zu verschwenden. Es muss aber doch jemand überlebt haben; sie kann doch nicht der letzte Mensch auf Erden sein. Es muss doch noch andere geben. Aber sind sie freundlich oder feindlich gesinnt? Wenn sie jemanden sieht, wie soll sie es wissen? Sie ist bereit. Die Türen sind verschlossen, die Fenster verriegelt. Obwohl solche Barrieren keine Garantie sind: Jeder Hohlraum schreit nach Invasion. Sogar im Schlaf lauscht sie wie ein Tier – nach einer Störung im üblichen Muster, einem unbekannten Geräusch, nach einer Stille, die aufbricht wie ein Felsspalt. Wenn die kleinen Tiere mitten im Lied verstummen, sagte Adam One, haben sie Angst. Ihr müsst nach ihrer Angst lauschen. 2. Ren. Jahr Fünfundzwanzig, das Jahr der Flut.Hütet euch vor dem Wort. Hütet euch vor der Schrift. Hinterlasst keine Spuren. Das brachten uns die Gärtner bei, als ich ein Kind dort war. Wir sollten uns auf unser Gedächtnis verlassen, denn was man aufschrieb, war nicht verlässlich. Der Geist wandert von Mund zu Mund, nicht von Ding zu Ding: Bücher konnten verbrannt werden, Papier konnte zerfallen, Computer konnten zerstört werden. Nur der Geist lebt ewig, und der Geist ist kein Ding. Schreiben, sagten die Adams und Evas, war gefährlich, weil man von seinen Feinden rückverfolgt, aufgespürt und mit seinen eigenen Worten gerichtet werden konnte. Aber jetzt, wo die wasserlose Flut über uns gekommen ist, wird wohl alles, was ich aufschreibe, sicher genug sein, denn alle, die es gegen mich verwenden könnten, sind höchstwahrscheinlich tot. Ich kann also aufschreiben, was ich will. Was ich schreibe ist meinen Namen, Ren, mit einem Augenbrauenstift an die Wand neben den Spiegel. Ich habe ihn schon ganz oft geschrieben. Renrenren, wie ein Lied. Wenn man zu lange allein ist, vergisst man schnell, wer man ist. Das hat Amanda mal gesagt. Ich kann nicht aus dem Fenster sehen, es sind Glasbausteine. Ich kann nicht aus der Tür, sie ist von außen verschlossen. Aber ich habe Luft und Wasser, solange die Solaranlage nicht ausfällt. Ich habe immer noch was zu essen. Ich habe Glück. Ich habe wirklich sehr viel Glück. Da kannst du von Glück reden, sagte Amanda immer. Also, ich tu’s. Erstens hatte ich Glück, dass hier im Scales war und arbeiten musste, als die Flut kam. Zweitens hatte ich noch mehr Glück, dass ich gerade in der Klebezone saß, hier war ich nämlich in Sicherheit. Ich hatte einen Riss in meinem Bio-Körperstrumpf – ein Kunde hatte sich gehen lassen und mich durch die grünen Pailletten hindurch gebissen –, und ich musste auf meine Testergebnisse warten. Es war keine nässende, offene Wunde, nur eine Art Schramme am Ellenbogen, also hatte ich eigentlich keinen Grund zur Sorge. Trotzdem wurde hier im Scales immer alles geprüft. Wir hatten einen Ruf zu verteidigen: Wir waren in der ganzen Stadt bekannt als die saubersten Mädchen mit der schmutzigsten Phantasie. Im Scales and Tails war man wirklich gut aufgehoben. Vorausgesetzt, man hatte Talent. Gutes Essen, ärztliche Versorgung wann immer nötig, und das Trinkgeld war super, weil die höchsten Konzernleute hierherkamen. Der Laden war straff organisiert, obwohl er in so einer zwielichtigen Gegend lag – aber alle Nachtclubs lagen in dieser Gegend. Es war eine Imagefrage, würde Mordis sagen: Zwielichtig war gut fürs Geschäft, denn ohne Ecken und Kanten – was Dreckiges oder Kitschiges, leicht Runtergekommenes – würde sich unser Produkt ja durch nichts von der nullachtfünfzehn-Ware unterscheiden, die die Typen auch zu Hause kriegen konnten, mit der Nachtcreme und den weißen Baumwollschlüpfern. Mordis war ein Mann der klaren Ansagen. Er war seit Kindesbeinen im Betrieb, und als Zuhälterei und der Straßenstrich verboten wurden – wegen der öffentlichen Gesundheit und zum Schutz der Frauen, wie es hieß --, und alles zum SeksMart zusammengefasst wurde und unter CorpSeCorps-Kontrolle kam --, wagte Mordis wegen seiner Erfahrung den Sprung. „Man muss nur die richtigen Leute kennen“, sagte er immer. „Und Bescheid wissen über sie.“ Dann grinste er und gab einem einen Klaps auf den Po – aber nur einen freundlichen Klaps, er nahm sich keine Freiheiten bei uns raus. Der hatte Anstand. Er war drahtig, kahlrasiert und hatte schwarz glänzende, hellwache Augen wie ein Ameisenkopf, und er war sehr umgänglich, solange alles glatt lief. Aber wenn die Kunden handgreiflich wurden, ging er dazwischen. „Meine Mädchen rührt keiner an“, sagte er immer. Das war für ihn Ehrensache. Außerdem war er gegen Verschwendung: Wir seien doch sein Kapital, sagte er immer. Das Sahnehäubchen. Nachdem alles von SeksMart geschluckt wurde, war jeder, der bei dem System außen vor blieb, nicht nur illegal, sondern total arm dran. Ein paar kranke alte Wracks, die fast schon bettelnd durch die Gassen zogen. Kein Mann mit einem Rest Hirn im Kopf hätte sich ihnen auch nur auf zehn Meter genähert. „Sondermüll“, sagten wir Scales-Mädchen immer. Wir hätten nicht so überheblich sein dürfen; wir hätten Mitleid haben sollen. Aber Mitleid ist anstrengend, und wir waren jung. # In der Nacht, als die wasserlose Flut begann, wartete ich auf meine Testergebnisse: Man wurde wochenlang in die Klebezone gesperrt, falls man was Ansteckendes hatte. Das Essen kam durch die Sicherheitsluke, es gab eine Mini-Bar mit Knabberzeug und das Wasser wurde gefiltert, sowohl was reinkam als auch was rausging. Man hatte alles, was man brauchte, aber es wurde einem langweilig da drin. Man konnte an den Geräten trainieren, das machte ich auch oft, denn als Trapeztänzerin muss man in Übung bleiben. Man konnte fernsehen oder sich alte Filme angucken, Musik hören, telefonieren. Oder über die Videosprechanlage in andere Räume reinschalten. Wenn wir einen Kunden hatten, zwinkerten wir manchmal extra für das Mädchen in der Klebezone beim Stöhnen in die Kamera. Wir wussten, wo die Kameras versteckt waren, in der Schlangenhaut und in den Federn an der Zimmerdecke. Im Scales waren wir eine große Familie, also selbst wenn man in der Klebezone saß, wollte einem Mordis das Gefühl geben, dass man trotzdem live dabei war. Bei Mordis fühlte ich mich wahnsinnig geborgen. Ich wusste, dass ich sogar mit ganz großem Ärger zu ihm gehen konnte. Solche Leute gab es nicht oft in meinem Leben. Amanda, meistens. Zeb, manchmal. Und Toby. Würde man gar nicht meinen, bei Toby – knallhart wie sie immer war –, aber wenn man kurz vorm Ertrinken ist, will man sich nicht an etwas Weichem, Matschigem festhalten. Da braucht man schon was Festes. Schöpfungstag SCHÖPFUNGSTAG Jahr Fünf. Von der Schöpfung, und wie die Tiere zu ihrem Namen kamen. Gesprochen von Adam Eins. Liebe Freunde, liebe Mitgeschöpfe, liebe Mit-Säugetiere: Am Schöpfungstag vor fünf Jahren war unser Dachgarten Felsen Eden noch ein schwelendes wüstes Land inmitten der schwärenden Slums und Lasterhöhlen der Stadt; nun aber ist er erblüht wie die Rose. Indem wir öde Häuserdächer wie dieses begrünen, leisten wir unseren kleinen Beitrag, um Gottes Geschöpfe vor dem Verfall und der ringsum grassierenden Unfruchtbarkeit zu retten, und ganz nebenbei versorgen wir uns selbst mit giftfreien Nahrungsmitteln. Manche mögen unsere Versuche belächeln, aber wenn alle unserem Beispiel folgen würden, was käme da nicht für ein Wandel über unseren geliebten Planeten! Es liegt noch viel harte Arbeit vor uns, aber fürchtet euch nicht, liebe Freunde: Gutes Mutes schreiten wir voran. Ich freue mich, dass wir alle an unsere Sonnenhüte gedacht haben. # Nun wollen wir uns der Andacht anlässlich unseres alljährlichen Schöpfungstages zuwenden. Das menschliche Wort Gottes spricht auf eine Weise von der Schöpfung, die für die Alten noch nachvollziehbar war. Von Genen und Galaxien ist noch keine Rede, denn solche Begriffe hätten sie mächtig in Verwirrung gestürzt! Aber müssen wir deshalb die Erschaffung der Welt in sechs Tagen als wissenschaftliche Tatsache hinnehmen und empirische Daten somit zum Nonsens erklären? Gott kann weder für die Borniertheit wörtlicher und materialistischer Deutungen herhalten, noch kann Er mit menschlichem Maß gemessen werden, denn Seine Tage sind Äonen, und tausend Epochen unserer Zeit sind für Ihn ein einziger Abend. Anders als in manch anderen Religionen haben wir nie das Gefühl gehabt, dass es einer höheren Sache dient, wenn wir unseren Kindern geologische Lügen auftischen. Denkt an die ersten Sätze jenes menschlichen Wort Gottes: Die Erde ist formlos und wüst, und dann spricht Gott, es werde Licht. Dies ist der Moment, den Wissenschaftler als „Urknall“ bezeichnen, als handle es sich um eine Sexorgie. Und doch stimmen beide Ausführungen im wesentlichen miteinander überein: Dunkelheit, und dann, mit einemmal, Licht. Aber gewiss ist die Schöpfung ein fortdauernder Prozess, denn werden nicht in jedem Augenblick neue Sterne gebildet? Gottes Tage folgen nicht aufeinander, meine Freunde; sie laufen nebeneinander her, der erste mit dem dritten, der vierte mit dem sechsten. Wie wir wissen, brachten die Gewässer am fünften Tage von Gottes Schöpfungsakt Lebewesen hervor, und am sechsten Tag war das trockene Land von Tieren bevölkert, und von Pflanzen und Bäumen; und alle waren gesegnet und sollten sich mehren; und schließlich wurde Adam – das heißt, die Menschheit – geschaffen. Wissenschaftlich betrachtet sind die Tierarten tatsächlich in dieser Reihenfolge auf dem Planeten aufgetreten, und ganz zum Schluss der Mensch. Zumindest mehr oder weniger in dieser Reihenfolge. Oder so gut wie. Was geschieht danach? Gott bringt die Tiere vor den Menschen, „daß er sähe, wie er sie nennte“. Warum wusste Gott nicht schon vorher, welche Namen Adam wählen würde? Die Antwort kann nur sein, dass Er Adam den freien Willen gab, daher kann Adam Dinge tun, die nicht einmal Gott selbst vorhersagen kann. Denkt daran, wenn ihr beim nächsten Mal von Fleischessen oder materiellem Wohlstand in Versuchung geführt werdet! Womöglich weiß nicht einmal Gott jedes Mal, was ihr als nächstes tun werdet! Gott muss die Versammlung der Tiere einberufen haben, indem Er direkt zu ihnen sprach, aber in welcher Sprache? Es war nicht Hebräisch, nicht Arabisch, nicht Chinesisch. Nein: Er rief die Tiere in ihrer jeweils eigenen Sprache. Mit dem Rentier sprach Er Rentier, mit der Spinne Spinne; mit dem Elefanten sprach Er Elefant, mit dem Floh sprach Er Floh, mit dem Tausendfüßler sprach Er Tausendfüßler, und mit der Ameise Ameise. So muss es gewesen sein. Und für Adam selbst waren die Namen der Tiere die ersten Worte, die er sprach – der erste Augenblick der menschlichen Sprache. In diesem kosmischen Augenblick nimmt Adam seine menschliche Seele an. Das Benennen ist – so hoffen wir – wie ein Gruß; einen anderen zu sich heranzuziehen. Stellen wir uns vor, wie Adam von Zuneigung und Freude erfüllt die Namen der Tiere ausrief – Da seid ihr, meine Liebsten! Willkommen! Adams erster Akt gegenüber den Tieren war also ein Akt der Güte und Brüderlichkeit, denn der Mensch im Zustand der Unschuld war noch kein Fleischfresser. Die Tiere wussten das, und sie liefen nicht fort. So muss es an diesem einzigartigen Tag gewesen sein – eine friedliche Versammlung, bei der jedes lebende Wesen auf der Erde vom Menschen angenommen wurde. Wie viel haben wir verloren, liebe Mit-Säugetiere und Mit-Sterbliche! Wie viel haben wir mutwillig zerstört! Wie viel müssen wir wiederherstelllen, in uns selbst! Die Zeit der Namensgebung ist nicht vorbei, meine Freunde. Aus Seiner Sicht leben wir vielleicht noch immer am sechsten Tage. Zur Meditation stellt euch vor, in diesem schützenden Augenblick gewiegt zu werden. Streckt die Hand aus nach diesen sanftmütigen Augen, die euch so viel Vertrauen entgegenbringen – ein Vertrauen, das noch unberührt ist von Mord, Völlerei, Stolz und Verachtung. Sagt ihre Namen. Lasst uns singen. ALS ADAM EINST Als Adam einst erschaffen ward In jenem goldenen Licht, Lebt’ friedlich mit den Tieren er In Gottes Angesicht. Der Mensch erhielt die Sprache und Gab jedem Tier den Namen; Gott rief sie zur Gemeinschaft auf, Worauf sie furchtlos kamen. So sangen, schwebten, tollten sie In ausgelassener Runde, Lobpreisten Gottes Schöpfung Jener allerersten Stunde. Wie kümmerlich und winzig ist Sein Werk im Jetzt und Hier. Den Bund vernichtet hat der Mensch Durch Mord und Lust und Gier. Wie machen wir nur gut, was ihr Beständig müsst verschmerzen? Indem wir Freund euch nennen Aus der Tiefe unsrer Herzen. Aus dem Gesangbuch der Gottesgärtner3. Toby. Podocarp-Fest, Jahr Fünfundzwanzig Der Tag bricht an. Anbruch des Tages. Toby dreht das Wort immer wieder um: Bruch, brechen, gebrochen. Was bricht eigentlich bei Tagesanbruch? Ist es die Nacht? Ist es die Sonne, die vom Horizont entzweigespalten wird wie ein Ei, und dann läuft Licht aus? Sie hält sich das Fernglas vor sie Augen. Die Bäume wirken unschuldig wie eh und je; trotzdem fühlt sie sich beobachtet – als würde selbst der lebloseste Stein oder Baumstumpf sie wittern, und ihr nichts Gutes wollen. Das alles sind Auswirkungen der Isolation. Die Vigilien und Einkehrtage der Gärtner haben sie darauf vorbereitet. Das schwebende orangene Dreieck, die sprechenden Grillen, die sich emporwindenden Pflanzensäulen, die Augenpaare in den Blättern. Dennoch, wie soll man zwischen Illusion und Wirklichkeit unterschieden? # Die Sonne steht jetzt hoch am Himmel – kleiner, heißer. Toby steigt vom Dach, hüllt sich in ihren rosa Umhang, sprüht sich mit SuperD gegen Insekten ein und rückt ihren breitkrempigen rosa Sonnenhut zurecht. Dann schließt sie die Haustür auf und tritt ins Freie, um die Gartenarbeit zu machen. Hier wurde für das hauseeigene Café der Bio-Salat der Damen angebaut – ihre Garnituren, ihre exotischen transgenen Gemüse, ihre Kräutertees. Darüber ist ein Vogelschutznetz gespannt, und ein Maschendrahtzaun hält die grünen Kaninchen, Luchskätzchen und Wakunks fern, die sich hin und wieder aus dem Park hierher verirrten. Vor der Flut waren sie nicht sehr zahlreich, aber es ist erstaunlich, wie schnell sie sich inzwischen vermehren. Sie zählt auf diesen Garten: Ihre Vorräte im Lagerraum gehen langsam zur Neige. Sie dachte immer, über die Jahre genug für einen Notfall wie diesen gebunkert zu haben, aber sie hatte sich verschätzt, und die Sojabohnen und Sojadinen werden knapp. Zum Glück gedeiht der Gemüsegarten: Die Lacherbsen sprießen, die Bohnanen stehen in voller Blüte, die Polybeersträucher strotzen vor kleinen braunen Kügelchen in allen möglichen Formen und Größen. Sie pflückt ein paar Spinatblätter, schnippt die irisierenden grünen Käfer weg und zertritt sie. Schuldbewusst drückt sie sie mit dem Daumen in die Erde, spricht die Worte zur Seelenrettung und zur Bitte um Vergebung. Obwohl sie gar nicht beobachtet wird, fällt es ihr schwer, eingefleischte Gewohnheiten wie diese abzulegen. Sie versetzt einige Nacktschnecken und Weinbergschnecken und jätet etwas Unkraut, wobei sie den Portulak stehenlässt: Den kann sie sich später blanchieren. An den zarten Mohrrübenwedeln findet sie zwei leuchtend blaue Kudzu-Mottenraupen. Ursprünglich waren sie als biologische Kontrolle gegen die Kudzu-Pflanze entwickelt worden, aber Gartengemüse schmeckt ihnen offenbar besser. Wie so oft in den Anfangsjahren der Genspleiße hat ihnen ihr Designer aus Jux ein Babygesicht mit großen Augen und glücklichem Lächeln verpasst, wodurch das Töten eine ziemliche Überwindung erfordert. Sie pflückt sie von den Mohrrüben, während unter den niedlichen Masken die Unterkiefer gefräßig weitermahlen, hebt den Rand des Netzes und wirft sie hinaus. Die kommen wieder, soviel ist sicher. Auf dem Weg zurück zum Gebäude findet sie am Rand des Pfades den Schwanz eines Spaniels, das lange Fell verfilzt und voller Kletten und Zweige. Wahrscheinlich hat ihn ein Geier hier fallenlassen: Ständig lassen sie irgendetwas fallen. Sie versucht nicht an das zu denken, was sie in den ersten Wochen nach der Flut fallenließen. Finger waren das Schlimmste. Ihre eigenen Hände werden dicker – steif und braun wie Wurzeln. Sie gräbt zu viel in der Erde herum. 4. Toby. Sankt Bashir Alouse, Jahr Fünfundzwanzig. Sie nimmt ihr Bad immer früh am Morgen, bevor die Sonne zu heiß wird. Sie hat verschiedene Eimer und Schüsseln oben auf dem Dach deponiert, um beim Nachmittagsgewitter das Regenwasser zu sammeln: Das Spa hat zwar seinen eigenen Brunnen, aber das Solarsystem funktionert nicht mehr und die Pumpen sind nutzlos. Auch ihre Wäsche wäscht sie auf dem Dach, breitet sie zum Trocknen auf den Bänken aus. Mit dem Grauwassser spült sie ihre Toilette. Sie seift sich ein – Seife gibt es immer noch reichlich, durchgehend rosa – und spült den Schaum mit einem Schwamm ab. Mein Körper schrumpft, denkt sie. Ich ziehe mich zusammen, ich schwinde dahin. Bald bin ich nur noch ein Niednagel. Obwohl sie ja immer eher schlank war – Ach Tobiatha, sagten die Damen immer, Ihre Figur müsste man haben! Sie trocknet sich ab, schlüpft in einen rosa Kittel. Auf diesem steht Melody. Es gibt keinen Grund für ein Namensschild, da keiner mehr da ist, um die Namensschilder zu lesen, insofern zieht sie inzwischen auch die Kittel der anderen an: Anita, Quintana, Ren, Carmel, Symphony. Diese Mädchen waren immer so fröhlich, so voller Hoffnung. Ren nicht, nein: Ren war traurig. Aber Ren war auch früher gegangen. Dann waren alle gegangen, als es richtig losging. Sie waren nach Hause gefahren, um bei ihren Familien zu sein, im Glauben, die Liebe könne sie retten. „Geht schon mal vor“, hatte Toby zu ihnen gesagt. „Ich schließe ab.“ Und dann hatte sie abgeschlossen, aber von innen. # Sie schrubbt ihr langes dunkles Haar, dreht es zu einem nassen Knoten zusammen. Es muss unbedingt geschnitten werden. Es ist dick und es wird zu warm damit. Außerdem riecht es nach Hammelfleisch. Beim Haaretrocknen hört sie ein seltsames Geräusch. Drei fette Schweine schnüffeln am Swimmingpool herum – zwei Säue und ein Eber. Das Morgenlicht fällt auf ihre prallen rosa-grauen Körper. Sie wirken viel zu groß und bauchig, um normal zu sein. Solche Schweine hat sie schon mal gesehen, auf der Wiese, aber so dicht haben sie sich noch nie herangewagt. Bestimmt sind sie aus irgendeiner Versuchsfarm ausgebrochen. Sie haben sich am flachen Ende des Pools gruppiert und blicken ihn mit zuckenden Rüsseln unverwandt an, als wären sie in Gedanken versunken. Vielleicht schnuppern sie an dem toten Wakunk, der auf dem brackigen Wasser treibt. Haben sie es darauf abgesehen? Sie tauschen ein leises Grunzen aus, dann weichen sie zurück: Das Tier ist wohl selbst für ihren Geschmack zu verwest. Sie halten inne, um ein letztes Mal zu schnuppern, dann trotten sie um das Gebäude herum. Toby geht am Geländer entlang, verfolgt ihre Spur. Sie haben den Gartenzaun entdeckt, sie schauen hinein. Dann fängt eines der Schweine an zu graben. Sie graben einen Tunnel. „Verschwindet da!“, schreit Toby sie an. Sie werfen einen Blick zu ihr hinauf, tun sie ab. Sie läuft die Treppe hinunter, so schnell wie möglich ohne auszurutschen. Idiot! Sie sollte immer das Gewehr bei sich haben. Sie schnappt es sich von der Wand neben ihrem Bett, eilt zurück aufs Dach. Sie richtet das Zielfernrohr – auf den Eber, ein einfacher Schuss, er steht seitlich –, doch dann zögert sie. Es sind Geschöpfe Gottes. Töte niemals ohne Grund, sagte Adam Eins. „Ich warne euch“, brüllt sie. Erstaunlicherweise scheinen sie sie zu verstehen. Anscheinend haben sie schon mal eine Waffe gesehen – Spraygewehr, Elektroschockgewehr. Sie quieken aufgeregt, drehen sich um und laufen davon. Sie haben ein Viertel der Wiese überquert, als ihr aufgeht, dass sie wiederkommen werden. Sie werden sich nachts unter dem Zaun durchgraben und im Nu ihren Garten verwüstet haben, und das wird das Ende ihrer Vorräte sein. Sie wird sie erschießen müssen, es ist Notwehr. Sie drückt einmal ab, daneben, zweiter Versuch. Der Eber fällt um. Die beiden Säue laufen weiter. Erst als sie den Waldrand erreicht haben, drehen sie sich um und blicken zurück. Dann verschmelzen sie mit dem Laub und sind verschwunden. Tobys Hände zittern. Du hast ein Leben ausgelöscht, sagt sie zu sich. Du hast übereilt und im Zorn gehandelt. Du solltest dich schuldig fühlen. Dennoch spielt sie mit dem Gedanken, mit einem der Küchenmesser hinauszugehen und sich einen Schinken abzusäbeln. Als sie zu den Gärtnern kam, hatte sie die Vegelübde abgelegt, doch die Aussicht auf ein Schinkensandwich ist gerade außerordentlich verlockend. Aber sie widersteht der Versuchung: Auf tierische Eiweiße sollte wirklich nur im Notfall zurückgegriffen werden. Sie murmelt die gärtnerübliche Bitte um Vergebung, obwohl sie gar keine Schuldgefühle hat. Oder zumindest nicht genug. # Sie muss unbedingt Schießen üben. Den Eber abzuschießen, erst daneben zu zielen, die Säue davonkommen zu lassen – das war ungeschickt. In den letzten Wochen hatte sie die Sache mit dem Gewehr etwas schleifen lassen. Jetzt schwört sie sich, es immer und überallhin mitzunehmen – sogar, wenn sie zum Baden aufs Dach geht, sogar auf die Toilette. Sogar in den Garten -- vor allem in den Garten. Schweine sind schlau, sie werden sie im Hinterkopf behalten, sie werden ihr nicht vergeben. Sollte sie jedesmal, wenn sie ins Freie geht, die Tür abschließen? Aber was wäre, wenn sie ganz schnell wieder zurück ins Gebäude müsste? Aber wenn sie die Tür unabgeschlossen lässt, könnte jemand oder etwas sich Zugang verschaffen, während sie im Garten arbeitet, und ihr auflauern. Sie wird an jeden Winkel denken müssen. Ein Ararat ohne die Mauer ist kein Ararat auf Dauer, sagten die Gärtnerkinder im Chor. Eine Mauer ohne Schutz bröckelt und zerfällt zu Schmutz. Die Gärtner liebten ihre Lehrreime. 5. Wenige Tage nach den ersten Ausbrüchen machte sich Toby auf die Suche nach dem Gewehr. Es war an dem Abend, nachdem die Mädchen ihre rosa Kittel abgelegt hatten und aus dem AnuYu geflüchtet waren. Das hier war keine gewöhnliche Pandemie: Man würde sie nicht nach ein paar hunderttausend Todesfällen eingedämmt und mit Biotech und Bleiche aus der Welt geschafft haben. Dies war die wasserlose Flut, vor der die Gärtner so oft gewarnt hatten. Alles sprach dafür: Sie reiste durch die Lüfte wie auf Flügeln, sie brannte sich durch die Städte wie ein Feuer, verseuchte den Pöbel, brachte Terror und Gemetzel. Überall gingen die Lichter aus, Nachrichten kamen nur noch sporadisch: Sämtliche Systeme brachen mit dem Tod ihrer Betreiber zusammen. Es sah alles nach Totalzusammenbruch aus, und deshalb brauchte sie das Gewehr. Gewehre waren gesetzeswidrig, und während es vor einer Woche noch fatale Folgen gehabt hätte, mit einem erwischt zu werden, waren solche Gesetze jetzt nicht mehr von Belang. Der Ausflug würde riskant sein. Sie würde zu Fuß – es fuhren ja keine öffentlichen Verkehrsmittel – in ihr altes Plebsviertel gehen und das armselige kleine Terrassenhaus wiederfinden müssen, das für kurze Zeit ihren Eltern gehört hatte. Dann würde sie das Gewehr ausgraben müssen, in der Hoffnung, dabei unbeobachtet zu bleiben. Der weite Fußmarsch war nicht das Problem: Sie hatte sich fit gehalten. Die Gefahr ging eher von anderen Menschen aus. Überall wurde geplündert, zumindest der stockenden Berichterstattung nach zu urteilen, die sie übers Telefon empfing. In der Dämmerung verließ sie das Spa und schloss hinter sich das Tor. Sie überquerte die breiten Rasenfläche und folgte dem Waldweg, wo die Gäste früher ihre schattigen Spaziergänge unternahmen, zum Nordeingang: Dort war sie weniger leicht zu sehen. Ein paar letzte Lämpchen säumten den Pfad. Niemand kam ihr entgegen, nur ein grünes Kaninchen verschwand hoppelnd im Gebüsch, und ein Luchskätzchen huschte vor ihr über den Weg, wandte sich um und starrte sie mit funkelnden Augen an. Das Eingangstor stand offen. Vorsichtig schlüpfte sie hindurch. Dann lief sie quer durch den Heritage Park. Leute eilten an ihr vorbei, einzeln und in Gruppen, um die Stadt zu verlassen und in der Hoffnung, sich durch das wuchernde Plebsland schlagen und draußen auf dem Land Schutz suchen zu können. Ein Husten, ein weinendes Kind. Fast wäre sie über jemanden am Boden gestolpert. Als sie den äußersten Rand des Parks erreichte, war es stockfinster. Sie bewegte sich von Baum zu Baum an der Umgrenzung entlang, immer im Schatten der Bäume. Der Boulevard war mit Autos, Lieferwagen, Solarbikes und Bussen verstopft, und die Fahrer hupten und brüllten. Einige der Fahrzeuge hatten sich überschlagen und brannten. Das Plündern war schon in vollem Gange. CorpSeCorps-Männer waren nirgends zu sehen. Die hatten bestimmt als Erste das Weite gesucht, hatten sich in die geschlossenen Konzern-Festungen geflüchtet, um ihre Haut zu retten, während sie – so hoffte Toby jedenfalls – den tödlichen Virus schon in sich trugen. Irgendwo fielen Schüsse. Es waren also auch schon andere Gärten umgegraben worden, dachte Toby: Ihr Gewehr war nicht das einzige. Ein Stück die Straße hinauf waren Barrikaden aus zusammengeschobenen Autos aufgebaut. Da standen die Verteidiger, bewaffnet mit, ja mit was eigentlich? Metallrohren, soweit Toby erkennen konnte. Die Menge brüllte sie wütend an, bewarf sie mit Ziegel- und Pflastersteinen: Sie wollten vorbei, der Stadt entfliehen. Was wollten die Leute auf den Barrikaden? Beute, mit Sicherheit. Geraubten Sex und Geld, und andere sinnlose Dinge. Wenn die wasserlosen Wasser steigen, sagte Adam Eins damals, werden die Leute versuchen, sich vor dem Ertrinken zu retten. Sie werden sich an jeden Strohhalm klammern. Nehmt euch in Acht, dass ihr nicht dieser Strohhalm seid, meine Freunde, denn wenn sich jemand an euch klammert, ja auch nur berührt, werdet ihr mit ihm ertrinken. # Toby drehte sich von den Barrikaden weg – sie würde einen Bogen schlagen müssen. Sie hielt sich in der Dunkelheit, bewegte sich geduckt im Schutz der Blätter am Parkrand entlang. Jetzt hatte sie den offenen Platz erreicht, wo die Gärtner immer ihren Markt abgehalten hatten, und das Lehmhaus, wo die Kinder immer spielten. Sie versteckte sich dahinter, wartete auf irgendeine Ablenkung. Und tatsächlich krachte es kurz darauf, etwas explodierte, und während sich alle danach umdrehten, schlenderte sie hinüber. Nicht rennen, hatte Zeb gelehrt: Wer wegrennt, macht sich zur Beute. In den Seitenstraßen wimmelte es von Menschen; sie sprang ihnen aus dem Weg. Sie hatte sich Chirurgenhandschuhe angezogen, eine kugelsichere Weste aus der Seide einer transgenen Spinnenziege, die sie im Jahr zuvor aus dem AnuYu-Wachhaus geklaut hatte, und einen schwarzen Luftfilter-Nasenhut. Aus dem Gartenschuppen hatte sie einen Spaten und ein Brecheisen mitgenommen, die beide bei beherztem Einsatz tödlich sein konnten. In ihrer Tasche befand sich eine Flasche AnuYu Glanzhaarspray, eine wirksame Waffe, wenn man damit direkt in die Augen zielte. Sie hatte viel über diese Dinge von Zeb gelernt, in seinem Gewaltminimierungs-Unterricht: Zeb war immer der Meinung, dass Gewalt vor allem der eigenen Person gegenüber minimiert werden müsse.

Margaret Atwood

Über Margaret Atwood

Biografie

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und...

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