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Acht Wochen verrückt

Acht Wochen verrückt

Roman

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Acht Wochen verrückt — Inhalt

»Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag« – so beginnt Eva Lohmanns autobiographischer Roman: Ihre Heldin Mila ist müde, unendlich müde und traurig. Dabei ist sie noch keine dreißig. Aber der Jobfrisst sie auf, und der Sinn ihres Daseins ist ihr aus dem Blick geraten. Mit Depression und Burnout wird sie in eine psychosomatische Klinik eingewiesen, auch wenn das bei ihren ambitionierten Eltern alles andere als populär ist und nicht nur bei ihrem Freund eine gewisse Beängstigung auslöst. Denn niemand von denen, die an einen solchen Ort kommen, ist doch normal, oder? Aber wie verrückt ist Mila eigentlich? Und kann man unter lauter Kranken überhaupt den Weg zurück ins richtige Leben finden?
»Acht Wochen verrückt«, der so unverstellte wie pointierte Roman über das Verrücktsein in normierten Zeiten. Von einer Erzählerin, deren scharfe Beobachtungsgabe niemanden verschont.

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 07.03.2011
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95260-6

Leseprobe zu »Acht Wochen verrückt«

FÜR M. L.

 

»Aber ich möchte nicht unter Verrückte kommen«, meinte Alice.
» Oh, das kannst du wohl kaum verhindern «, sagte die Grinsekatze: »Wir sind hier nämlich alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt. «
»Woher willst du wissen, dass ich verrückt bin?«, erkundigte sich Alice.
»Wenn du es nicht wärest«, stellte die Grinsekatze fest, »dann wärest du nicht hier.«

 

Lewis Carroll,
Alice im Wunderland

 

 

 

ERSTE WOCHE Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag.
Es ist früher Vormittag, und ich sitze zusammen mit vier anderen [...]

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FÜR M. L.

 

»Aber ich möchte nicht unter Verrückte kommen«, meinte Alice.
» Oh, das kannst du wohl kaum verhindern «, sagte die Grinsekatze: »Wir sind hier nämlich alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt. «
»Woher willst du wissen, dass ich verrückt bin?«, erkundigte sich Alice.
»Wenn du es nicht wärest«, stellte die Grinsekatze fest, »dann wärest du nicht hier.«

 

Lewis Carroll,
Alice im Wunderland

 

 

 

ERSTE WOCHE Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag.
Es ist früher Vormittag, und ich sitze zusammen mit vier anderen frisch Eingewiesenen auf den orange gepolsterten Sesseln des Wartebereichs. Es sieht aus wie in der Lobby eines Hotels. Nichts erinnert hier an ein Krankenhaus. Weder der Brunnen mitten in der Eingangshalle noch die leise Musik, die aus den Boxen über uns kommt.
Nein, das Einzige, was hier an eine psychosomatische Klinik erinnert, sind wir selbst. Alle wahnsinnig nervös. Finger knibbelnd, Tränen wischend, kettenrauchend sitzen wir da und haben einen amtlichen Schaden. Das sagen jedenfalls unsere Ärzte, Therapeuten und Psychiater, die uns hier eingewiesen haben. Aber das ist auch schon so ziemlich alles, was wir wissen; keiner von uns hat eine Ahnung, was in den nächsten Wochen auf uns zukommt.
Verstohlen beobachten wir uns gegenseitig. Wir sind zu fünft : drei Frauen und zwei Männer. Die Frau, die neben mir sitzt, ist schätzungsweise noch keine dreißig und sieht aus wie ein menschgewordenes Bambi. Sie ist sehr hübsch, lächelt scheu und dreht mit zarten Fingern ihre sehr gepflegten, dunkelbraunen Haare zu Spiralen. Was sie wohl für eine Krankheit hat? Vielleicht ist sie tatsächlich ein verwunschenes Reh.
Die andere Frau erinnert mich an die Schalterbeamtin meiner Postfiliale. Sie ist Ende vierzig, mit praktischem Kurzhaarschnitt und Bärchenshirt. Abwechselnd hackt sie auf ihrem Handy herum und zieht an ihrer Zigarette. Durch ihre kurzen, stakkatohaften Bewegungen hat auch sie etwas von einem Tier. Ein aufgeregtes Huhn in nicht artgerechter Umgebung.
Die beiden Männer starren nur vor sich hin. Der jüngere trägt eine dunkle Sonnenbrille und wirkt auf mich komplett erschöpft. Er sieht aus, wie ich mich fühle; ich tippe also auf eine Depression.
Nachdem wir fünf wortlos versucht haben, uns gegenseitig in Schubladen zu stecken, nehmen wir uns die Patienten vor, die schon länger da sind. Das sind also die Verrückten, mit denen wir die nächsten Wochen zusammenleben werden. Auf den ersten Blick sehen die meisten ziemlich normal aus. Sie laufen durch die große Halle, unterhalten sich, lachen sogar und scheinen sich hier wie zu Hause zu fühlen. Ein kleiner, untersetzter Typ läuft an unserer Sitzecke vorbei. Er trägt einen Jogginganzug und viele Haare auf Armen und Brust. Außerdem einen rosa Lippenstift und jede Menge Maskara. Er lächelt uns an, und ich bilde mir ein, dass er mir sogar zugezwinkert hat. Dann verschwindet er in Richtung Fahrstuhl. Bambi schaut ihm mit großen, braunen Augen staunend hinterher. Ich muss schlucken. Warte ein bisschen darauf, dass jemand um die Ecke kommt und sagt: »Hey, das war ein Irrtum, wie konnte das nur passieren; hier gehören Sie aber mit Sicherheit nicht hin …« Passiert aber nicht. Stattdessen müssen wir ewig warten, bis jeder einzeln von der Rezeptionistin aufgerufen wird. Ich lehne mich im Sessel zurück und denke an die vergangene Woche. An meinen letzten Arbeitstag, von dem ich morgens beim Aufstehen noch nicht wusste, dass er für eine lange Zeit mein letzter Arbeitstag sein würde. Trotz des lähmenden Gefühls in meinem Kopf und dem Betonklotz auf meiner Brust war ich aufgestanden, hatte mich geduscht, geschminkt und angezogen. Das Gefühl war schließlich nicht neu. Ich hatte mich genauso ins Büro geschleppt wie die vielen Wochen zuvor. Nachdem ich dort ein paar Dinge erledigt hatte, die mir einfach nur lächerlich und bedeutungslos erschienen, schaltete ich vor lauter Sinnlosigkeit irgendwann ab. Der Computer hielt noch eine Weile durch, dann erschien auch bei ihm der Bildschirmschoner.
Ich starrte noch ein, zwei Stunden auf die animierten Aquariumfische in meinem Rechner. Und das war’s. Ich konnte nicht mehr, und ich wollte nicht mehr, und dann ging ich. Habe den Computer ausgeschaltet und das Büro verlassen. Das erste Mal seit Jahren ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben.
Ich wusste, dass ich einfach nicht mehr funktionierte.

 

Ich bin nach Hause gegangen und habe mich auf mein Sofa gelegt. Dann hab ich mich fallen lassen. Endlich fallen lassen. Heraus aus der bleiernen Hülle meines Körpers durch den groben Sofastoff, hinein bis in die Tiefen der Schaumstofffüllung. Hier war es dicht und still. Der Rest meines Körpers lag in meinem Wohnzimmer wie eine Puppe. Aus der Ferne verfolgte ich, wie meine Umwelt weiter funktionierte, während ich abgeschaltet worden war.
Ich sah, wie mein Freund mir eine Decke brachte und eine Wärmflasche in die Arme legte. Wie Stunden später meine Mutter kam, angereist aus einer anderen Stadt, und sich an mein Sofa setzte. Mit mir sprach und sagte, dass alles gut werde jetzt. Ich glaubte ihr. Mir ging es auch gar nicht schlecht, fand ich. Mir ging es irgendwie überhaupt nicht mehr.
Plötzlich war ich gefühllos wie ein eingeschlafener Arm. Ich wurde in ein Auto gesteckt und zum Arzt gefahren. Von dort aus zum Psychiater. Ich bekam nicht viel mit an diesem Tag. Es war mir auch irgendwie egal. Ich war so lange ganz allein und hilflos gewesen. Sollten sie machen, was sie wollten. Ich jedenfalls machte gar nichts mehr, war einfach nicht mehr da. Nur ab und zu weinte ich. Am Ende dieses Tages bekam ich eine Akuteinweisung für eine psychosomatische Klinik. Ich hatte keine Ahnung, was das sein soll. Und drei Tage später erklärte mir meine Mutter, dass nun in einer Klinik ein Bett für mich frei sei. Dass sie mich hinbringen würden, weil dort Menschen seien, die mir helfen würden. In dem Moment hörte etwas in mir auf. Und ich spürte, dass etwas anderes anfing. Im Nachhinein würde ich es am ehesten als Erleichterung beschreiben.
Es war offiziell: Ich hatte eine Krankheit, war nicht falsch oder egoistisch oder faul. Ich war krank, und ich durfte krank sein. Endlich Verantwortung abgeben. Das war das erste positive Gefühl, das mich nach langer Zeit wieder erreichte. Die Maschinerie war ins Rollen gekommen, und ich selbst war ab sofort nur noch ein passiver Teil der Abläufe.

 

»Milena Winter, bitte.«
Ich werde als Letzte aufgerufen. Die anderen sind schon verschwunden, merke ich erst jetzt, irgendwo in den Winkeln dieser Klinik angekommen. Die Rezeptionistin erklärt mir freundlich und heute zum mindestens fünften Mal die Basics :
»Herzlich willkommen in unserer Klinik, Frau Winter. Ich habe hier für Sie die Schlüssel zu einem Zweierzimmer. Machen Sie sich keine Gedanken, das ist ein nettes Mädchen, mit dem Sie zusammenwohnen werden. Sie werden sich bestimmt gut verstehen. Ansonsten bitte keine Besucher auf dem Zimmer, in Ordnung?«
Ich nicke brav.
» Da vorne ist der Speisesaal, Frau Winter … « Sie mustert mich von oben bis unten und blättert kurz in den Unterlagen. »Da Sie nicht wegen Essstörungen hier sind, können Sie sich aussuchen, wann Sie zum Essen gehen wollen. Essenszeiten sind immer ab acht, dreizehn und neunzehn Uhr jeweils eine Stunde. Im Vorraum befinden sich die Postfächer für Nachrichten von uns oder private Post. Wenn Sie den Gang weiter runtergehen, kommen Sie zum Fernsehzimmer. Und die Sporthalle ist direkt hier die Treppe runter. Sonst noch was?« Sie überlegte kurz. »Ach ja, Einschluss ist bei uns immer um 23 Uhr. Alles Weitere finden Sie hier in diesen Unterlagen. Auch die Namen Ihrer zuständigen Therapeuten und Ärzte. Die stellen sich aber nachher noch bei Ihnen vor, ja?«
» Nein ! «, denke ich und sage : » Alles klar. «
Die Rezeptionistin nickt zufrieden. »Gut, Frau Winter, das wär’s erst mal. Dann wünsche ich Ihnen fürs Erste einen schönen Aufenthalt. Da vorne ist der Fahrstuhl.«

 

Ich fahre hoch in mein Stockwerk, finde Zimmer einhundertvierundzwanzig und schließe auf. Ein großer Raum mit zwei Betten, zwei Schreibtischen, zwei Schränken und zwei Nachtschränkchen. Ein Badezimmer (ohne Schlüssel) und ein Balkon mit Blick auf den See. Immer noch mehr Hotel als Krankenhaus, stelle ich erleichtert fest.
Meine neue Mitbewohnerin scheint ausgeflogen zu sein. Auf dem Nachtschränkchen des einen, belegten Bettes liegen Postkarten, Fotos, Bücher und Frauenzeitschriften. Ich schaue genauer hin. Die Bücher tragen Titel wie: Der wunderbare Massenselbstmord und Das Drama des begabten Kindes. Außerdem liegt auf dem Bett noch ein psychologisches Fachbuch. Eine Psychologiestudentin?
Willkommen im Land der Verrückten, murmele ich leise. Ich räume meinen Schrank ein und drapiere meine mitgebrachten Kosmetika auf der freien Abstellfläche im Bad. Dann entdecke ich eine kleine Schublade in dem Nachtschränkchen neben dem Bett. Dort lege ich meinen Weingummivorrat an.
Als ich mich einigermaßen in meinem neuen Zimmer eingerichtet habe, setze ich mich auf das leere, frisch bezogene Bett und ziehe die Beine hoch. Wann lerne ich meine Mitbewohnerin kennen? Wie lange sie wohl schon hier ist? Und weswegen? Weswegen bin ich eigentlich hier? Und nicht im Büro, wo meine Kolleginnen um diese Uhrzeit gerade die erste Kaffeepause einlegen?
Meine Gedanken überschlagen sich, purzeln durcheinander. Ich fühle mich plötzlich wahnsinnig müde. Es ist anstrengend, in die Klapse zu ziehen, denke ich noch. Und dann tauche ich ein in das frisch gemachte Bett, lasse die Daunendecke über mich schwappen und werde endlich in mein geliebtes Traumland gespült.

 

Als ich wieder aufwache, ist es Mittagszeit, und ich bin noch immer bei den Verrückten. Eine von ihnen steht sogar direkt neben meinem Bett.
» Hallo, ich bin Clara. Wollte dich nicht wecken, Entschuldigung. «
Ich schaue in ein schmales, freundliches Gesicht und bin sofort erleichtert.
»Mila«, sage ich, denn mehr fällt mir gerade nicht ein. Ich setze mich auf und betrachte sie genauer. Ihr Gesicht ist voller Sommersprossen, auf ihrer Oberlippe liegen sie so dicht beieinander, dass es ein bisschen aussieht, als hätte sie einen kleinen Bart. Außerdem hat sie sehr dunkle, fast schwarze Haare, die sie zu einem kleinen Dutt gebunden hat. Wie Schneewittchen und Pippi Langstrumpf in einer Person, das macht mich sofort ein bisschen neidisch. Ich bemerke allerdings ziemlich schnell, dass das auch das einzig Beneidenswerte an dieser Frau ist.
Die restliche Clara scheint nur aus Knochen zu bestehen. Sie treten spitz an allen Stellen ihres Körpers hervor, nur eine dünne, gespannte Pergamenthaut scheint sie daran zu hindern, aus diesem Gebilde herauszubrechen. Mit diesem Minimalkörper, auf dem ein viel zu großer, maximaler Kopf steckt, wirkt sie wie ein hübscher, aber hungriger Alien. Irgendwie unheimlich.
Clara scheint es gewohnt zu sein, auf diese unverschämte Weise gemustert zu werden, denn sie hat in der Zwischenzeit angefangen, munter mit mir zu plaudern. Wir machen ein bisschen Smalltalk, was man halt so redet, wenn man den Menschen kennenlernt, mit dem man die nächsten Wochen ein Zimmer teilen soll. » Und warum bist du hier? «, fragt mich Clara.
Ich zögere, weiß aber irgendwie auch, dass ich keine Wahl habe.
»Auf meiner Einweisung steht, dass ich eine ›mittelschwere Depression‹ habe. Und du?« Ich frage schnell zurück.
»Bulimie, auch mit einhergehender Depression«, antwortet Clara mit einem fast gelangweilten Seufzer. Ich nicke und fühle mich ein kleines bisschen minderwertig. Meine Depression geht mit niemandem einher, sie kam ganz allein. Hoffentlich ist sie wenigstens groß genug.
»Und wie lange bist du schon hier?«, frage ich sie.
» Heute genau eine Woche. Ist also noch nicht viel passiert in dem Bereich«, sagt sie und haut sich so kräftig auf die klapprigen Hüftknochen, dass ich Angst bekomme, ihr Körper könnte in sich zusammenfallen.
» Wo wir gerade dabei sind «, frage ich, ohne meinen Blick von ihrer Knochenlandschaft nehmen zu können, » würdest du mit mir zu Mittag essen?«
Ich fürchte mich davor, alleine in den Speisesaal zu gehen. In Gesellschaft von jemandem, der sich hier schon auskennt, wäre es einfacher. Aber Clara schüttelt den Kopf und guckt komisch. »Ich hab schon gegessen.«
Das hätte ich mir auch denken können. »Mhm, dann muss ich wohl alleine los.«
Clara nickt abwesend, während sie plötzlich sehr beschäftigt damit ist, ihre Fingernägel zu inspizieren. An diese Krankheit werde ich mich gewöhnen müssen. Mein Magen jedenfalls knurrt mich immer lauter an. Also gehe ich nun alleine zum Mittagessen und versuche, Angst und Schüchternheit zu ignorieren. Auf dem Weg in den Speisesaal denke ich an meine Kollegen im Büro, die zu dieser Tageszeit auch in der Kantine sitzen. Mit dem immer gleichen Essen, den immer gleichen Gesprächen, der immer gleichen Langeweile.
Schlimmer als die letzten Wochen dort kann es hier auch nicht werden, denke ich, als ich im großen, zweiflügligen Speisesaal ankomme. Mir steigt ein bekannter Geruch in die Nase. Kantinengeruch. Eine vertraute Mischung aus verkochten Möhren, abgestandenem Waschwasser und frittierten Kalorien. Ich entscheide mich für den rechten Flügel des Saals. Alle Tische sind vollbesetzt mit Patienten, die gerade zu Mittag essen. Sie plappern miteinander oder wahlweise auch mit sich selbst und scheinen alle genau zu wissen, was sie hier tun und warum sie hier sind. Ich komme mir ziemlich schnell bescheuert vor.
Ratlos stelle ich mich erst mal ans Buffet, betrachte die zwei Mittagsmenüs und versuche dabei unauffällig herauszufinden, wo ich mich hinsetzen kann. Alles besetzt. Wo mal ein Platz frei ist, kenne ich keines der Gesichter am Tisch. Mir wird heiß. Kurz taucht in meinem Kopf das Wort »Sozialphobie« auf. Ich trau mich einfach nicht. Aber wenn ich mich nicht traue, mich irgendwo hinzusetzen, kann ich verdammt noch mal nichts essen. Ich versuche weiter, möglichst lässig auszusehen und schlendere zum Obstkorb. Mein Magen knurrt jetzt ordinär laut. Hoffentlich hört mich keiner. Heute Morgen habe ich vor lauter Aufregung natürlich nichts gefrühstückt. Aber wenn ich mir jetzt den Teller vollade, muss ich mich damit auch irgendwo hinsetzen.
Es ist so lächerlich. Ich darf nicht mehr länger auf diese Äpfel starren; bestimmt falle ich langsam auf. Panik. Und dann merke ich es auch schon. Meine innere Kamera läuft und ist im Aufnahmemodus. Ich sehe mich mit den Augen der anderen. Kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand in diesem Raum noch irgendetwas anderes tut, als mich heimlich zu beobachten. Ich bin Frischfleisch in der Klinik. Und stehe weiter vorm Obstkorb rum.
›Entscheide dich!‹, befehle ich mir selbst. ›Iss oder geh – aber mach dich nicht länger lächerlich!‹
Und dann entscheidet sich etwas in mir. Ich glaube nicht, dass ich es bin. Aber ich beobachte mich dabei, wie ich mir einen lächerlich kleinen Apfel schnappe und mich verstohlen aus dem Speisesaal schleiche.
›Nur raus hier!‹, schreit eine Stimme in mir. Und während die innere Kamera herumschwenkt und meinen Abgang filmt, überschlage ich in meinem Kopf, ob ich mich für heute auch an meinem Weingummivorrat satt essen kann. Es wird knapp werden.

 

Was soll ich hier nur den ganzen Tag mit mir anfangen? Ich laufe durch die Gänge, schaue mich um, versuche mich in der großen Klinik zu orientieren. Die Ärzte und Therapeuten scheinen noch nichts von mir wissen zu wollen.
Ich frage mich, was hier eigentlich von mir erwartet wird. Wird überhaupt etwas erwartet? Soll einfach mal ich zur Abwechslung etwas erwarten? Oder ist das hier eine spezielle Taktik, ein Therapieansatz, mich warten zu lassen?
Alle anderen scheinen sehr beschäftigt zu sein. Jedenfalls sehen sie aus, als fühlten sie sich gut aufgehoben. Nur ich fühle mich hier gerade noch sehr unaufgehoben. Ich hole mein Tagebuch aus dem Zimmer (auch Clara ist nicht da, was tut sie nur den ganzen Tag?) und setze mich damit auf eine Bank bei der Wiese vor dem Klinikeingang.
Überall sitzen oder stehen andere Patienten rum. Rauchend, in kleinen Gruppen, zu zweit in intensiven Gesprächen, viele laufen auch mit dem Handy in der Hand die Straße auf und ab und telefonieren dabei lautstark und selbstbewusst mit ihren Angehörigen. Ich frage mich, wie die Anwohner, die ihre Häuschen vor Jahren mal in diese Idylle gebaut haben, den verrückten Patientenauflauf in der Nachbarschaft finden. Haben sie Mitleid? Oder Angst? Sind sie genervt? Das wohl am ehesten, wenn sie Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat die kaputten Gestalten sehen, die hier eingeliefert werden. Ihre Gespräche auf offener Straße mitbekommen, die immer gleichen Geschichten hören. Die Leute, die hier wohnen, müssen unfreiwillige Experten sein für psychosomatische Erkrankungen.
Ich selbst weiß nicht viel darüber, was genau hier alles behandelt werden kann. Wenn ich mich umschaue, gibt es nur wenige, bei denen man den Grund ihres Aufenthaltes erahnen kann. Nur den sehr Dicken, den sehr Dünnen und ein paar Menschen mit auffälligen Schnittwunden an den Unterarmen kann man ein bisschen von dem Elend ansehen, das sich in ihrem Inneren abspielt.
Ich versuche, mich auf mein Tagebuch zu konzentrieren, meine wirren Gedanken festzuhalten. Aber die Gedanken lassen sich heute nicht gerne festhalten, einer jagt den anderen, wild schreien sie durcheinander, drängeln sich vor. Wenn ich mich endlich für einen Gedanken entschieden habe und ihn zu Papier bringen will, verwandelt er sich, wird ungreifbar oder springt einfach auf die Picknickdecke der Gruppe Patienten, die gerade laut lachend auf der Wiese Platz genommen hat.
Dann eben nicht, sage ich ein bisschen genervt zu meinen sprunghaften Gedanken, aber die hören mir eh nicht zu. Ich merke, wie ich Kopfschmerzen bekomme. Das passiert, wenn meine Gedanken aus der Reihe tanzen. Ich klappe das immer noch leere Tagebuch zu und gehe auf mein Zimmer, um mir eine meiner Notfalltabletten zu genehmigen.
Eigentlich ist es hier verboten, Tabletten zu nehmen, ohne das mit den Ärzten abzusprechen. Aber für mich mache ich heute mal eine Ausnahme. Schon ein paar Minuten später kehrt Ruhe ein in meinem Kopf. Die meisten Gedanken, eben noch umtriebig und sprunghaft, legen sich schlafen. Die wenigen anderen, die noch durchhalten, werden angenehm entspannt und sanft. Sie schlendern durch meinen Kopf, bleiben mal hier, mal dort stehen, flüstern miteinander und hören auf, mich zu stressen. Ihre Ruhe überträgt sich auf mich, ich fühle mich auf eine angenehme Weise schwer und müde. Ich merke, wie ich plötzlich auch keinen Hunger mehr habe, was mir sehr entgegenkommt, denn so kann ich das Abendessen ausfallen lassen. Ich setze mich auf mein Bett und überlasse meinen Kopf erleichtert den wenigen Gedanken, die nun noch wach sind.
Draußen fängt es langsam an zu dämmern. Durch die geöffnete Balkontür höre ich die gedämpfte Stimme einer Frau, die davon singt, dass alle Mädchen die Liebe küssen sollen.

 

Erst am Abend trudelt auch Clara ein. Als sie ins Zimmer kommt, ist es halb neun, und ich bin schon im Schlafanzug.
»Du scheinst ja ganz schön beschäftigt zu sein«, sage ich zur Begrüßung und bereue es sofort. Als ob ich neidisch darauf wäre, dass sie hier so viel zu tun hat.
Aber Clara reagiert entspannt. »Ja, bei mir geht es jetzt richtig los, ich hatte heute viele Termine.«
» Ach, und das ist am Anfang nicht so? «, ich versuche dabei nicht zu erleichtert zu klingen. Sie war also nicht den ganzen Tag mit anderen Verrückten Kaffee trinken, während ich nicht wusste, wohin mit mir.
Sie schüttelt den Kopf. »Die ersten Tage waren ziemlich entspannt. Die von der Klinik wollen, dass du dich eingewöhnst, Leute kennenlernst, zur Ruhe kommst. So was halt. Außerdem dauert es einfach ein bisschen, bis sie dir deinen Behandlungsplan zusammengestellt haben.«
»Und ich hab mich schon gefragt, was ihr alle den ganzen Tag macht, während ich mich zu Tode langweile.«
Clara lacht. Sie macht sich bettfertig. »Das war bei mir genauso. Aber der Rhythmus hier ist auch einfach anders. Versuch, dir Zeit zu lassen und nicht darauf zu achten, was die anderen machen. Weißt du, ich bin selbst noch nicht lange da, aber ich glaube, das hier ist einer der wenigen Orte im Leben, an dem man einfach mal man selbst sein kann.«
Sie zieht ihren Rock aus und schlüpft in eine weite Schlafanzughose, für einen Moment sehe ich ihre dürren, knochigen Beine. An der Stelle, an der sich bei mir die Oberschenkelinnenseiten berühren, ist bei ihr einfach nur Luft.
»Aber was soll ich denn tun, den ganzen Tag?«
»Geh raus, schau dir die Patienten an, die schon länger hier sind. Die sitzen zum Teil stundenlang auf der Wiese und tun gar nichts. Lesen kein Buch, hören keine Musik, starren einfach bloß in die Luft und denken nach.«
» Und worüber? «
»Keine Ahnung, worüber. Über sich, übers Leben, was weiß ich. «
Ich nicke zögerlich. »Ja, das ist ja auch bestimmt ganz nett. Aber wann geht es denn los? Ich bin doch nicht hier, um zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren. Ich muss wieder gesund werden.«
Clara lächelt mitleidig. »Das Gefühl hatte ich in den ersten Tagen auch. Bloß schnell wieder gesund und einsatzfähig werden. Keiner hat Zeit, alles muss schnell passieren, bloß keine Umwege gehen. Aber ich habe mir vorgenommen «, sie schlüpft unter ihre Decke, » dass ich das hier wie einen riesigen Spielplatz betrachte. Hier gelten die Regeln nicht, die ich da draußen die letzten zwanzig Jahre gelernt habe.«
Ich bin skeptisch. »Du meinst, wir haben hier so eine Art Narrenfreiheit? «
Clara grinst. »Wo, wenn nicht hier, bitte schön? Wir sind in der Klapse, was kann uns denn noch passieren? Probier dich aus, sei egoistisch, nimm dir Zeit. Sei einfach mal so, wie du früher warst.« Sie schaltet ihre Nachttischlampe an und stellt den Wecker.
»Es gibt hier keinen direkten Weg zum Erfolg. Jedenfalls nicht so, wie du es dir vielleicht vorstellst. Und jetzt Schluss mit der Sonntagspredigt«, sagt Clara und nimmt sich ein Buch von dem Turm auf ihrem Nachtschränkchen. Dabei hänge ich gerade so an ihren Lippen.
»Ach, eins noch«, Clara grinst und schlägt ihr Buch auf, » das, was du heute Nacht träumst, geht in Erfüllung. «
Sie sagt es beiläufig, ohne mich dabei anzuschauen. Ich knipse meine Nachttischlampe aus, während Clara zu lesen anfängt.
» Na, dann werde ich mich mal anstrengen. «
» Genau. Mach dir mal ordentlich Druck … «

Eva Lohmann

Über Eva Lohmann

Biografie

Eva Lohmann, Jahrgang 1981, arbeitet als Inneneinrichterin und Werbetexterin in Hamburg. Ihr schonungslos offenes Debüt „Acht Wochen verrückt“ über die Erlebnisse ihrer Heldin in einer Psychoklinik fand große Beachtung in der Presse und wurde ein Publikumserfolg.

Medien zu »Acht Wochen verrückt«

Pressestimmen

Grazia

»Eva Lohmann aus Hamburg hat einen berührenden Roman über ihre Krankheit geschrieben.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»›Acht Wochen verrückt‹ ist leichte Lektüre über schweren Stoff: Achtsamkeit mich sich selbst zu lernen.«

NDR 1

»Lohmann beschreibt die 8 Wochen in der Klinik, ehrlich, ohne Selbstmitleid und mit viel Sympathie für die ›Gesellschaft der Irren‹.«

Kieler Nachrichten

»Schonungslos gibt sie einen Einblick in die Gedankenwelt ihrer Protagonisten. Und sie zeigt, dass es durchaus einen Weg zurück ins Leben geben kann. Das macht Mut und ist eine beachtenswerte Reaktion auf das große Schweigen gegenüber psychischen Erkrankungen.«

rbb Radio Fritz

»›Acht Wochen verrückt‹ handelt zwar von Depressionen, ist aber federleicht geschrieben (…). Ohne Selbstmitleid, schlicht und ehrlich zeigt es den Weg aus der Krise (…).«

Südwest Presse

»Die authentische, ehrliche Art des Erzählens, mit Platz für Humor, aber nicht für Pauschalurteile, macht es zu einer spannenden, unterhaltenden Lektüre.«

Flensburger Tageblatt

»Ein beeindruckendes Roman-Debüt. (…) Lohmann beschreibt intensiv, mitfühlend und mit einer tollen Sprache.«

WDR

»Ihr Roman ermöglicht mehr Verständnis für das Tabuthema, zumal sie leichthändig und nicht 'betroffen' erzählt. Zugleich macht sie spürbar, wie tief seelische Krankheit erschüttert, ermöglicht Blicke hinter die Kulissen. Lohmanns Umgang mit dem heiklen Erzählstoff ist mutig, da sie trotz der Fiktion viel von sich selber zeigt. Dabei trifft sie genau den richtigen Ton.«

Schleswig-Holstein am Sonntag

»Acht Wochen verrückt ist ein aufregend ehrliches Buch. Lohmann nimmt in ihren Schilderungen kein Blatt vor den Mund, schönt nichts. Und gewährt dabei spannende Einblicke. Doch nicht nur das. Lohmanns Buch macht auch nachdenklich. Zudem versteht Eva Lohmann es, ihre Geschichte in eine wunderbare Sprache zu hüllen.«

NDR

»Anrührend ehrlich, ohne Selbstmitleid und ohne Belehrungen.«

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

»Eva Lohmann lässt Mila ganz genau beobachten, schont den Leser nicht. Doch es geschieht auf ganz sanfte Art. Die Geschichte von Mila, sie berührt. Nicht nur deshalb ist dieses Buch so lesenswert«

Welt am Sonntag

»In ihrem Roman ›Acht Wochen verrückt‹ verarbeitet die Autorin, sensibel und präzise beobachtet, ihre eigenen Erfahrungen.«

Neue Westfälische

»Der autobiografisch geprägte Roman ermöglicht mehr Verständnis für ein Tabuthema, zumal Lohmann leichthändig und nicht 'betroffen' erzählt. Zugleich macht die Autorin spürbar, wie tief seelische Krankheit erschüttert, ermöglicht Blicke hinter die Kulisse. Ihr Umgang mit dem heiklen Erzählstoff ist mutig, aber sie trifft einen angemessenen Ton.«

Aachener Zeitung

»Es ist eine ernste Geschichte, aber Lohmann schafft es gerade zu meisterhaft, der Erzählung keine Sentimentalität aufzudrücken. Und gerade das stimmt nachdenklich. Es ist, wie es ist. Ein bemerkenswerter Stil. Sie verzichtet darauf Mitleid für die überforderte Mila zu erhaschen, sie schafft es, die Ticks der Patienten nicht ins Lächerliche zu ziehen. Ihr Humor ist fein, kommt immer dann zum Tragen, wenn auch die Figuren lachen dürfen.«

WDR 1Live

»Die geschlossene Klinik, die Eva Lohmann beschreibt hat dennoch zum Glück nichts zu tun mit ›Einer flog übers Kuckucksnest‹ (…) Ein mildes Licht scheint und lässt Lebensgefahren, Psychosen, Intrigen, Dramen mit dem Ex umso schneidender erscheinen. Das besondere: Eva Lohmann kann diese Szenen treffsicher, souverän beschreiben.«

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