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100 Jahre Leben

100 Jahre Leben

Hundertjährige geben Antworten auf die großen Fragen

Taschenbuch
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100 Jahre Leben — Inhalt

Kerstin Schweighöfer hat für dieses Buch zehn Hundertjährige getroffen – von der Bäuerin zur Künstlerin, vom Priester bis zur Geschäftsfrau, von Cannes über München, Jena oder Dortmund bis London. In wunderbaren Begegnungen und berührenden Gesprächen erfährt sie manch ein Geheimnis und erhält oft verblüffende Antworten auf die großen Fragen des Lebens: Was macht eine gute Freundschaft, Beziehung oder Ehe aus? Wie kann die große Liebe zur Liebe des Lebens werden? Wie soll man umgehen mit Schmerz und Verlust? Die Protagonisten lassen uns an ihren 100 Jahren Lebensklugheit teilhaben und ziehen uns mit ihrer Weisheit in ihren Bann.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.12.2017
368 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30959-2

Leseprobe zu »100 Jahre Leben«

Vorwort
Gedanken an das Altern schrecken uns oft ab. Wir denken an Tod
und Einsamkeit, Leid und Siechtum. Wenn es um Hundertjährige
geht, ist das merkwürdigerweise ganz anders: Auf einmal bekommt
das Alter einen Glanz, etwas Geheimnisvolles, geradezu
Mythisches umrankt es. Die Hundertjährigen ziehen uns in ihren
Bann. Weil ihre Erfahrungen sie gelehrt haben, welche Werte im
Leben wirklich zählen. Weil sie wissen, was es für ein gutes Leben
braucht.
»Die Menschen vergessen gerne, dass es im Leben nichts Vollkommenes
gibt. Und kein Recht auf Glück«, pflegt Mathilde [...]

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Vorwort
Gedanken an das Altern schrecken uns oft ab. Wir denken an Tod
und Einsamkeit, Leid und Siechtum. Wenn es um Hundertjährige
geht, ist das merkwürdigerweise ganz anders: Auf einmal bekommt
das Alter einen Glanz, etwas Geheimnisvolles, geradezu
Mythisches umrankt es. Die Hundertjährigen ziehen uns in ihren
Bann. Weil ihre Erfahrungen sie gelehrt haben, welche Werte im
Leben wirklich zählen. Weil sie wissen, was es für ein gutes Leben
braucht.
»Die Menschen vergessen gerne, dass es im Leben nichts Vollkommenes
gibt. Und kein Recht auf Glück«, pflegt Mathilde zu
sagen, eine alte Bäuerin aus dem Schwarzwald. Mit ihr hat alles
angefangen. Gut ein halbes Jahrhundert liegt zwischen uns, alt ist
sie für mich schon immer gewesen, und eigentlich kenne ich sie,
seit ich denken kann. Von Schulausflügen und Familienfeiern in
ihrer gemütlichen Schwarzwälder Bauernwirtschaft hoch oben
auf dem Berg. Wenn Mathilde die Gaststube betritt, verstummen
die Leute, um sie dann herzlich zu begrüßen und ihr die mitgebrachten Geschenke zu überreichen. Die alte Wirtin belohnt sie
mit einem Gläschen ihrer speziellen Medizin, wie sie es nennt:
einem Obstler. Dann streicht sie sich die weißgrauen Haare zurück
und ihre Kittelschürze glatt, um mit leuchtend hellblauen
Augen hinter silberumrahmten Brillengläsern einen ihrer nicht
ganz salonfähigen Witze zum Besten zu geben. Das ist die Mathilde,
wie ich sie kannte.
Eine ganz andere Mathilde habe ich kennengelernt, als ich sie
kurz vor ihrem 100.Geburtstag bat, mir aus ihrem Jahrhundertleben
zu erzählen. Dabei entstand die Idee zu diesem Buch über
Menschen, die hundert Jahre alt geworden sind. Jene Zentenare,
wie man sie nennt, denen es gelungen ist, sich schon ein ganzes
Jahrhundert auf diesem Planeten aufzuhalten. Die ihre Eltern oder
Großeltern durch die spanische Grippe verloren, ihre Väter bei
Verdun und ihre Brüder oder Männer bei Stalingrad. Sie haben
noch mitbekommen, wie Kutschen durch Autos ersetzt wurden,
sie haben die ersten Vitamine geschluckt und die ersten Telefone
ausprobiert. Die Erfindung von Staubsauger, Reißverschluss, Nylonstrümpfen
und Kugelschreiber hat ihnen das Leben erleichtert
und die Entdeckung von Insulin und Penicillin das Leben gerettet.
Die heutigen Zentenare haben die Einführung des Wahlrechtes
für Frauen erlebt, Charles Lindberghs Flug über den Atlantik, den
Reichstagsbrand und die Nürnberger Prozesse, Mauerbau und
Wiedervereinigung. Sie standen an der Wiege eines Vereinten Europas,
waren Zeitzeugen der Gründung des Staates Israel, der
Geburtsstunde von UNO und BRD. Aber auch beeindruckende
Karrieren, bewegende Liebesgeschichten mit persönlichen Hochund
Tiefpunkten hat es für sie gegeben.
All das gilt auch für die zehn Zentenare, die ich nach Monaten
der Recherche finden konnte und die bereit waren, mir für dieses
Buch aus ihrem Leben zu erzählen: angefangen bei Hausfrauen
und Bäuerinnen wie Mathilde über Ingenieure und Wissenschaftler bis hin zu Priestern und Künstlern. Aus Deutschland, Frankreich
und England, den Niederlanden, Ungarn und der Schweiz.
Die meisten von ihnen sind Frauen, was daran liegt, dass wir es
mit einer Generation zu tun haben, in der Frauen nicht nur deshalb
älter werden konnten, weil sie nicht auf den Schlachtfeldern
Europas gefallen sind, sondern auch, weil ihnen männliche Laster
wie Rauchen und Trinken noch fremd waren und sie sich auch in
dieser Hinsicht noch nicht emanzipiert hatten.
Ihre Lebensgeschichten sind geprägt vom Mut, den es immer
wieder braucht, um neue Wege einzuschlagen. Von Lebenslust
und Weisheit. Von Reue, Einsichten, Aufbegehren und Akzeptanz.
Von Tragödien und Trauer, etwa über den Verlust des Partners
oder gar eines Kindes. Vom Hadern mit dem Schicksal und
vom Zweifeln an Gott. Was würden sie heute anders machen –
und warum? Was gerade nicht? Glauben sie an Zufall, an Vorbestimmung
– oder nach wie vor an Gott? Und wie bereiten sie
sich auf den Tod vor?
Zwei von ihnen wollten aus Rücksicht auf ihre Angehörigen
nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Denn im Laufe
unserer Gespräche haben sie mir so manches überraschende Geständnis
gemacht, so manches Geheimnis preisgegeben. Von Mathilde,
der Bäuerin, erfuhr ich, welch hohen Preis sie für ihre Untreue
zahlen musste. Annemarie, eine inzwischen 105 Jahre alte
Dame aus München, erklärte mir, wie sie ihre Ehe trotz eines Seitensprungs
ihres Mannes retten konnte. Und Gerrit aus Rotterdam
berichtete mir von seinem Doppelleben, das er bis ins hohe
Alter führte, weil eine Scheidung für ihn nicht in Frage kam.
Was ist das Geheimnis einer stabilen Ehe? Nehmen wir Leidenschaft
und Sex vielleicht heute zu wichtig? Wie fatal sind Seitensprünge?
Sind enge Freunde für ein gutes Leben wichtiger als ein
Partner? Braucht es für ein erfülltes Leben Kinder?
Für Jeanne aus Paris waren die Kinder das Wichtigste im Leben,aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Tochter in ihr Unglück
lief. Die Schweizer Schreinerstochter Agnes musste akzeptieren,
dass ihr Mann keine lebensfähigen Kinder zeugen konnte, führte
aber dennoch ein von Liebe erfülltes und darüber hinaus filmreifes
Leben, das sie aus der Schweizer Provinz erst in die besten Londoner
Kreise und anschließend nach Dakar und Cannes führte. Abenteuerlich
auch das Leben von Beatrice, einer englischen Lady wie
aus dem Bilderbuch – die trotzdem mit dem Jeep durch Steppen
und Wüstenlandschaften bretterte, nachts dem Heulen der Wölfe
lauschte und tagsüber mit Steinen wilde Hunde vertrieb. Beatrice
war mit Leib und Seele und bis ins hohe Alter hinein Archäologin,
immer auf der Suche nach neuen Fundstätten. »Jeder Mensch
braucht im Leben etwas, das ihn ganz besonders fasziniert – sonst
lebt er nicht«, findet sie. Für sie war der Beruf Berufung, als Arbeit
hat sie ihn nie empfunden. Denn, wie sagt es eine Lebensweisheit
so treffend: »Wer das tut, was er will, braucht nie zu arbeiten.«
Aber auch Beatrice hatte nicht nur Glück im Leben und viele
Widerstände zu überwinden. Der Lebensmut, den viele Zentenare
aufgebracht haben, um ihr Leben dennoch selbst in die Hand zu
nehmen, hat mich tief beeindruckt. Zumal ich mir wie nie zuvor
in meinem Leben darüber bewusst wurde, wie ungeheuer privilegiert
ich bin. Dass ich das Recht hatte und habe, lernen zu dürfen
und eine Ausbildung zu machen. Dass ich zu einem hohen Grad
selbst bestimmen konnte, wie mein Leben bisher aussah. Dass ich
selbst entscheiden konnte, wie ich es finanziere und wo ich es mit
wem verbringe.
Anno 2015 sind das Selbstverständlichkeiten, zumindest in
unserer westlichen Welt. Für die Menschen in diesem Buch, vor
allem für die Frauen, war das nicht so. Nicht immer waren die Widerstände
überwindbar. Manchmal blieben Freiheit und Selbstbestimmung
unerreichbare Ideale. Trotzdem betrachten die meisten
ihr Leben nach wie vor als Geschenk.In diesem Buch können Leserinnen und Leser zehn Hundertjährigen
begegnen. Es sind Bekanntschaften, die beeindrucken
und die sich lohnen: Ältere werden ihnen regelmäßig beipflichten
und manches wiedererkennen können; Jüngere werden zumindest
aufhorchen, wenn nicht staunen. Weil die Welt in hundert
Jahren eine so völlig andere geworden ist. Und mit ihr unser aller
Leben.
Aber ganz egal, in welcher Epoche wir leben und wie unterschiedlich
unsere Leben verlaufen: Unsere Wünsche und Sehnsüchte
sind dieselben geblieben. Egal, ob anno 1915 oder 2015 – immer
noch verlangen wir Treue und Loyalität von den Menschen,
die uns nahestehen, immer noch brauchen wir Anerkennung und
Lob, nach wie vor streben wir nach Liebe und Glück als höchste
Lebensziele.
Die Hundertjährigen in diesem Buch haben in Erfahrung gebracht,
was wir vom Leben und unseren Mitmenschen erwarten
dürfen und sollten – und was besser nicht. Sie wissen, welche
Werte und Konstanten es als Rüstzeug braucht, um aus einem Dasein
ein erfülltes zu machen. Ihr Erfahrungsschatz kann für uns
zu einer immensen Stütze und Wissensquelle werden – sowohl
für die großen Lebensziele, die wir uns stecken, als auch für die
kleinen Momente des Alltags.



»Auch wenn einem Schlimmes widerfährt:
Das Leben bleibt ein Geschenk«

8
Mathilde
* 18. Juni 1915 in Konstanz am Bodensee
Es riecht nach frischgemähtem Gras. Schwach klingt das Bimmeln
der Kuhglocken herüber. Der Hang neben dem Hof ist noch unberührt,
das Gras meterhoch und wie immer um diese Jahreszeit ein
einziges wogendes Blumenmeer aus Butterblumen und Löwenzahn.
Bruno, der schwarze Labrador von Mathilde, hat sich beim
Durchspringen bestimmt wieder eine gelbe Nase geholt. Wo ist er
eigentlich? Normalerweise liegt er auf der Terrasse der Bauernwirtschaft
in der Sonne, gleich neben der schweren, knarzenden Eingangstür.
Das Blumenbeet auf der anderen Seite der Tür ist wie immer
picobello gepflegt. Vergissmeinnicht, Akeleien. Die ersten
Margeriten. Mathilde ist bekannt für ihren grünen Daumen.
Es ist still an diesem Vormittag. Unter der großen Kastanie
nimmt ein Stammgast gerade den letzten Schluck seines Frühschoppens
und begibt sich zum Zahlen in die Gaststube. Ein Arbeiter
aus dem Dorf unten im Tal. Ich stelle mich einen Moment
lang an die hölzerne Balustrade der Terrasse und lasse den Blick
über die sanft geschwungenen Kuppen und Hügel der Schwarzwaldlandschaft schweifen. Wie vertraut mir alles doch ist! Unzählige
Male schon war ich hier oben bei Mathilde auf dem Hof. Als
Kind auf Schulausflügen und an Wandertagen, am 1. Mai oder
Christi Himmelfahrt. Dann bekamen wir immer eine Bluna und
eine Wurst mit Senf. Auch heute noch zieht es mich regelmäßig
hier hoch, an Ostern oder Weihnachten. Um im Kreise meiner
Lieben hemmungslos über den Osterbrunch oder das Weihnachtsmenü
herzufallen und anschließend einen Spaziergang zu
machen.
Und egal ob Sommer oder Winter: Immer erscheint Mathilde
irgendwann auf der Bildfläche. In einer ihrer unvermeidlichen
Kittelschürzen, die grauen Haare zum Knoten gedreht und auf der
Nase eine silberumrandete Brille, hinter der ihre hellblauen Augen
erstaunlich klar und wach leuchten. Jahr um Jahr scheint sich
nichts zu ändern. Für mich war sie schon immer alt – und ist es
geblieben.
Die Sicht an diesem Tag ist grandios, man kann bis über den
Rhein hinweg nach Frankreich gucken. In der Ferne zeichnet sich
schwach die Silhouette der Vogesen ab. Noch ein paar hundert
Kilometer weiter nordwestlich liegt Verdun. Dort ist Mathildes Vater
gefallen. Im Ersten Weltkrieg. Vor ein paar Wochen hat sie mir
das erst erzählt – und das, obwohl wir uns schon so lange kennen.
Wie immer hatte sie sich an einem Weihnachtstag in der Gaststube
überschwänglich von den Gästen begrüßen lassen und
dann den Zeitpunkt für gekommen erachtet, allen ein Gläschen
ihrer ganz speziellen Medizin zu verordnen: Obstler, den uns ihre
auch mittlerweile schon über 70-jährige Tochter Renate manchmal
bringt. Wenn Renate dann die Flasche mit dem selbstgebrannten
Schnaps auf den Tisch stellt, ist ihre Mutter in der Regel
bereits dabei, einen ihrer nicht ganz salonfähigen Witze zum Besten
zu geben.
Dieses Mal aber kam es nicht so weit. »Na, Mathilde, für nächstes Jahr solltest du dir aber einen ganz besonders großen Vorrat an
Schnapsflaschen anlegen!«, meinte einer der Gäste am Nebentisch.
Und seine Frau fügte hinzu: »Für diesen Fall könntest du ja
vielleicht sogar ein paar Champagnerflaschen kalt stellen!« Die
beiden waren eindeutig besser über die alte Bäuerin informiert als
ich. Mir wurde klar, dass ich so gut wie nichts über sie wusste.
Champagner, da war ich mir trotzdem ziemlich sicher, hatte
Mathilde noch nie in ihrem Leben getrunken. Und der würde
auch gar nicht hierherpassen, auf den Schwarzwaldhof. Neugierig
spitzte ich die Ohren.
»Hundert wird man schließlich nicht alle Tage!«, fuhr die Frau
fort – laut genug, dass es die gesamte Wirtsstube hören konnte.
Worauf es, wie zu erwarten, zu vielen »Ah« und »Oh« kam und
alle durcheinanderzureden begannen: »Mathilde, ist das wirklich
wahr?« – »Das ist ja allerhand!« – »Hundert Jahre!«
Auch ich konnte es zunächst kaum fassen. Auf einmal war Mathilde
nicht mehr einfach nur alt. Nein, sie würde ein Jahrhundertmensch
werden. Das schaffen bislang nur die wenigsten. Und das
ist vielleicht auch der Grund dafür, dass Jahrhundertmenschen
ein geradezu ehrfürchtiger Respekt entgegengebracht wird, ähnlich
wie bei Spitzensportlern, die einen neuen Weltrekord aufgestellt
haben und beim Weitsprung weiter gesprungen sind als alle
anderen Menschen vor ihnen.
Wäre Mathildes Leben ein Weitsprung, würde er die Eckdaten
1915 und 2015 umfassen. Ein gewaltiger Sprung – in jeder Hinsicht:
Beim Absprung 1915 gab es noch kaum Telefone. Autos waren
eine Seltenheit, ebenso wie Strom und fließend Wasser in den
Haushalten. Hundert Jahre später sind für ihre Enkel und Urenkel
Smartphones und Laptops zur Selbstverständlichkeit geworden.
Wobei die Landung erst noch stattfinden muss, denn noch hat
Mathilde die Hacken ja nicht in den Sand gesetzt. Wer weiß, vielleicht
wird sie 101, 102 oder auch 105 Jahre alt.Die alte Bäuerin selbst winkte an diesem Weihnachtsfeiertag
nur ganz nüchtern ab: »Ich weiß noch genau, wie meine Mutter
achtzig wurde«, meinte sie, als sie sich bei den Leuten am Nebentisch
niederließ. Nun habe sie die Mutter um fast zwanzig Jahre
überlebt: »Nie hätte ich gedacht, dass ich so alt werde«, sagte sie
und machte sich ans Austeilen der ersten Runde Schnaps. »Das
muss man halt hinnehmen.«
Hinnehmen. Damit stellte Mathilde ebenso sachlich wie unmissverständlich
klar, dass jedenfalls für sie das Erreichen eines
bestimmten Alters kein Verdienst war, der sich in irgendeiner
Form mit den Leistungen von Spitzensportlern vergleichen ließe.
Sondern dass dies ganz ohne ihr Zutun passierte. Trotz oder
gerade wegen ihres schweren Lebens hier oben auf dem Hof.
Inzwischen ist es Frühling geworden und dieses Weihnachtsfest
gut vier Monate her. Gedankenverloren streiche ich über das Holz
der Terrassenbalustrade. Das Bimmeln der Kuhglocken wird von
einem Traktor übertönt. Eine schwarzweiße Katze schleicht über
den Hof, von Labrador Bruno immer noch keine Spur.
Ob Mathilde jemals etwas anderes als eine Kittelschütze getragen
hat? Ob sie sich wohl stattdessen einmal fein herausgeputzt
hat, vielleicht sogar eine Spur Lippenstift auf den Lippen – für ein
Rendezvous mit einem Kavalier, in den sie sich gerade unsterblich
zu verlieben begann? Lag sie jemals träumend im hohen Gras,
zwischen Butterblumen und Löwenzahn, und zählte die vorbeiziehenden
Wolken am tiefblauen Himmel? Was genau wusste ich
eigentlich von ihr? Dass sie seit 24 Jahren Witwe war. Drei Kinder
bekommen hatte, sieben Enkel, zwanzig Urenkel. Mehr nicht. Abgesehen
von dem Gerede unten im Dorf. Diesem Getuschel, dass
sie damals vor achtzig Jahren nicht alleine ins Tal gekommen sei.
Dass sie froh sein müsse, dass der Johannes sie zur Frau genommen
habe. Weil sie eine mit einem unehelichen Kind gewesen sei.Ich gucke der Katze nach, die in der Scheune verschwindet, und
beschließe, in die Gaststube zu gehen. Sollte die Renate etwa dieses
uneheliche Kind sein? Schließlich war sie Mathildes ältestes.
Als damals an Weihnachten schließlich die Obstlerflasche auf
unserem Tisch gelandet war, bekam ich zwar auf diese Frage noch
keine Antwort, dafür aber die Einladung in ihr ereignisreiches
Leben: Mathilde sagte zu, mir ausführlich aus ihrem Jahrhundertleben
zu erzählen.
So kam es, dass wir bald darauf einträchtig an ihrem Lieblingsort
saßen: dem großen grünen Kachelofen ganz hinten in der
Gaststube. Erstmals konnte ich ihr schmales, feines und von unzähligen
Falten durchzogenes Gesicht ganz aus der Nähe betrachten.
Draußen war es immer noch bitterkalt, an den Fenstern hingen
Eiszapfen, auf der Terrasse lag eine dicke Schneeschicht. Es
war ein Sonntag, Mathilde kam gerade aus der Kirche. Wenn
jemand sie mitnehmen kann, geht sie noch jeden Sonntag: »Weil
der Glaube dem Dasein Sinn gibt.«
Ich spürte, wie wichtig Gott in ihrem Leben ist. Hier oben auf
dem Berg, weit entfernt von der Großstadt, ist der Alltag noch sehr
traditionell und von der Kirche geprägt. »Wenn man im Garten etwas
pflanzt, muss man auch warten, bis es wächst und gedeiht«,
fuhr Mathilde fort. Genauso sei es mit dem Glauben: Ohne ihn
nütze alles nichts, ohne ihren Glauben
hätte sie es nicht geschafft. Ob jemand
Jude oder Moslem ist, Atheist oder Christ
so wie sie – das ist ihr egal. Jeder müsse
versuchen, nach seiner Fasson glücklich
zu werden. »Wer sagt, er glaubt nicht,
lügt«, meinte Mathilde. Denn auch Atheisten glaubten. »An irgendetwas
glaubt man immer, an irgendetwas muss man in seinem
Leben glauben! Das gibt dem Leben Halt und Sinn.«
Aber, so eröffnete sie mir und drückte den Rücken gegen den
warmen Ofen: »Ich habe lange Zeit mit Gott gehadert. Und mit
dem Schicksal, das er hier auf Erden für mich vorgesehen hat. Ich
habe an ihm gezweifelt: Warum hatten andere ein so schönes Leben
und ich nicht?« Er habe es nicht immer gut mit ihr gemeint,
ihr Gott. Und die Pfarrer, die sie in jungen Jahren hatte, von denen
fühlte sie sich auch oft im Stich gelassen.
1915 wurde sie geboren, am Bodensee im Kreis Konstanz. Da,
wo ich auch selbst herkomme und aufgewachsen bin. Als ihr Vater
bei Verdun den Soldatentod starb, war sie erst zwei Jahre alt.
Ihre Mutter heiratete bald darauf einen Mann, der ihr den Hof
machte, den sie aber eigentlich nicht mochte – »aus praktischen
Gründen«.
Mathilde legte eine wirkungsvolle Pause ein, bevor sie diese drei
Worte sagte. Dabei hob sie vielsagend die Hand und beugte sich
nach vorne. Geradeso, als könnte sie einem Schüler, dem es einen
komplizierten Sachverhalt zu erklären galt, in diesem Falle mir,
damit auf die Sprünge helfen, ohne dass es weiterer Worte bedurfte.
»Ihr Frauen heutzutage, ihr habt es ja so viel leichter!«, fügte sie
dann doch noch erklärend hinzu und begann einen für ihre Verhältnisse
ellenlangen Satz: »Ihr seid ja heute finanziell unabhängig,
ihr wisst ja gar nicht, was das für ein Gut ist. Wie oft habe ich
mir in meinem Leben gewünscht, so unabhängig und so frei zu
sein!«
Dass heute viele Frauen von diesen Freiheiten keinen Gebrauch
machen, den Job an den Nagel hängen und es vorziehen, sich wieder
abhängig zu machen, das konnte sie nicht nachvollziehen, die
alte Bäuerin, das war ihr völlig unverständlich.
Mathilde musste tief Luft holen, denn normalerweise geht sie
mit Worten spärlich um. Ihr Redefluss ist wie ein Strahl Wasser,
der regelmäßig versiegt, dann aber plötzlich wieder strömt, kurzzwar nur, dafür aber umso stärker und kräftiger. Kompakt, prägnant,
auf den Punkt gebracht: Aus praktischen Gründen.
Denn mit diesem zweiten Mann, einem Bauern aus der Umgebung,
hatte ihre Mutter wieder finanzielle Sicherheit – und für sich
und ihr Kind ein Dach über dem Kopf. Aber der neue Mann trank
zu oft und zu viel, dann wurde er gewalttätig. Kamen Frau und
Kind ihm in die Quere, verprügelte er sie. Nie habe sie es ihm recht
machen können: »Wenn ein Tag verging, an dem ich nur eine Ohrfeige
bekam, war das ein guter Tag.«
Erschüttert hörte ich zu. Heute würde dieser Mann zumindest
riskieren, dass die Nachbarn das Jugendamt informieren. Doch
das gab es damals ja noch nicht. Häusliche Gewalt war allgegenwärtig
und noch ein völliges Tabu.
»Aber dann hatte der liebe Gott zum Glück ein Einsehen«, erzählte
Mathilde weiter. Der Stiefvater, wieder einmal sturzbetrunken,
kam bei einem Unfall ums Leben. Als er bestattet wurde,
stand ihre Mutter hochschwanger an seinem Grab und weinte.
Mathilde, die ihre Hand hielt, erinnert sich noch genau, wie sie
verständnislos zu ihrer Mutter aufsah und sie fragte, warum sie
denn weine: »Du brauchst doch jetzt nicht mehr zu weinen,
Mama, er kann uns jetzt ja nicht mehr hauen!«
Mathildes Stiefschwester war noch nicht geboren, da heiratete
die Mutter schon wieder, zum dritten Mal. Diesmal hatte die Familie
mehr Glück: Mathildes zweiter Stiefvater, ebenfalls ein Bauer
aus einem Nachbardorf, war gut zu Frau und Kindern. Und er
hatte Geld. Anfangs jedenfalls. Bis 1923, als die Inflation explodierte.
Mathilde war damals acht Jahre alt. »Da haben auch wir
alles verloren. Alles war weg – alles!«
Trotzdem kannte ihre Kindheit auch sorglose Momente.
Wenn sie mit den Tieren auf dem Hof spielte, den Hunden und
Katzen. Oder mit den anderen Mädels aus der Schule zum
Schwimmen an den Bodensee ging. Badeanzüge hatten sie damals nicht, alle zogen sich splitternackt aus, ließen die Kleider
am Ufer liegen.
»Einmal haben die Jungs sich im Gebüsch versteckt und uns beobachtet.
« Um dann die Kleider zu packen und wegzurennen. »Ich
musste nackig nach Hause laufen, da habe ich mich vielleicht
geschämt!« Mathilde lächelte verlegen, während sie das sagte.
»Hajoh«, schnaubte sie, was im Alemannischen, jenem Dialekt,
der zwischen Freiburg und Feldberg gesprochen wird, so viel wie
»Jaja« oder »Ach ja« bedeutet. »Hajoh!« – ein Lausbubenstreich sei
das eben gewesen.
Gab es mehr Momente in ihrem Leben, in denen sie sich geschämt
hat?
Sie schwieg eine Weile und nippte an ihrem Tee. Dann seufzte
sie abgrundtief und nickte. Wirklich geschämt, so sehr geschämt
wie nie zuvor und auch später nicht in ihrem ganzen Leben, das
habe sie sich ein paar Jahre später. Nachdem sie auf dem Schulweg
vergewaltigt worden war. Von einem Mitschüler. Da war sie nicht
älter als 13 oder 14 Jahre. Mit Händen und Füßen gewehrt habe sie
sich, aber er sei viel stärker gewesen als sie. »Zum Glück ist er mit
seiner Familie bald darauf weggezogen.«
Ich war erschüttert und gleichzeitig bewegt, dass sie sich mir
anvertraute. Hat sie denn gar nichts unternommen, um den Täter
zur Rechenschaft zu ziehen?
Die alte Frau schüttelte den Kopf. Mit niemandem, noch nicht
einmal ihrer Mutter, habe sie darüber gesprochen. »Ich schämte
mich zu sehr.« Noch heute werfe sie sich vor, sich nicht genug gewehrt
zu haben, noch heute frage sie sich, was sie damals falsch
gemacht habe. »So was vergisst man sein ganzes Leben nicht
mehr. Hinterher brauchte ein Mann mich nur anzugucken, und
ich hätte ihm eine butzen können.«
Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und beschloss, den Pfarrer
ins Vertrauen zu ziehen. Sie wurde streng katholisch erzogen,ging mit ihren Eltern und Geschwistern nicht nur sonntags in die
Kirche, sondern auch freitags zum Wallfahrtsgottesdienst. Auch
wenn die Familie dann auf dem Heuwagen in den Nachbarort fahren
musste. Der Pfarrer hörte sich die Beichte geduldig an. Dann
sagte er: »Gott und ich, wir verzeihen dir.« Außerdem ermahnte er
das junge Mädchen, in Zukunft dafür zu sorgen, dass es nicht
mehr so weit kommen konnte.
Mir verschlug es die Sprache.
»Ich habe dann die Schule abgeschlossen und konnte in Konstanz
bei einem Bäcker arbeiten«, fuhr Mathilde fort. »Aber nur bis
1932. Dann mussten alle Landmädchen die Stadt verlassen. Hitler
fand, dass sie den Stadtmädchen nicht die Arbeit wegnehmen
durften.« So landete sie wieder auf dem elterlichen Hof, pflückte
Erbsen und Bohnen für zwei Pfennig pro Pfund. Pflückte sich ihre
Aussteuer zusammen.
Auf dem Nachbarhof arbeitete ein Junge aus Gelsenkirchen,
den sie gernhatte. Ihm gefiel das schmale junge Mädchen mit dem
langen dunkelblonden Zopf auch, und so wurden die beiden ein
Paar. »Er hat für mich immer Krisi geklaut.« Kirschen. »Die waren
so süß und so gut! Ich hätte mich das nie getraut«, erinnerte sie
sich, und ihr Gesichtsausdruck bekam zum ersten Mal etwas
Liebliches. Kirschen gab es damals nicht so viele, auch nicht im
Laden, die waren teuer. Und deshalb umso begehrter. »Sobald die
Krisi reif waren, haben die jungen Burschen sie deshalb gestohlen.
Das war damals so. Aber wir sind nie erwischt worden.«
Manchmal streichelte der Junge aus Gelsenkirchen ihren Arm.
Dann war sie glücklich. »Das hat schon gereicht. Geküsst haben
wir uns nie.« So weit sollte es auch nicht mehr kommen, denn
Mathildes Mutter hatte etwas gegen den jungen Mann und verbot
ihrer Tochter den Umgang. »Er ist dann nach Gelsenkirchen zurückgekehrt,
aber vergessen habe ich ihn nie.«
Sie selbst fing wenig später an, auf dem Gutshof eines Grafenam Bodensee zu arbeiten, als Dienstmädchen. So viel Reichtum
hatte sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen. »Ich hatte zusammen
mit zwei anderen Dienstmädchen ein eigenes Zimmer,
und wir trugen alle schöne schwarze Kleider mit weißer Schürze«,
schwärmte sie.
Ich musste unwillkürlich an die Dienstmädchen aus der englischen
Erfolgsfernsehserie Downton Abbey denken und hätte
gerne noch mehr aus dieser Zeit in Mathildes Leben erfahren.
Aber ich musste mich gedulden, denn Renate wies auf die Uhr:
»Zeit fürs Mittagessen!« Und anschließend für den Mittagsschlaf.
Für diesen Tag mussten wir das Gespräch beenden.
Das war also unser erstes richtiges Gespräch vor gut drei Monaten.
Nun ist es Ende April geworden, ein paar Tage vor dem
1. Mai. Ich stelle mir vor, wie voll es hier auf der Terrasse dann
wohl wieder sein wird, als ein schwarzes Geschoss
mit wedelndem Schwanz auf mich
zurennt und mich vor Begeisterung fast umwirft.
Bruno, Mathildes schwarzer Labrador.
Es dauert eine Weile, dann erscheint auch
Peter, einer ihrer jüngsten Urenkel. Er hat mit
dem Hund gerade eine lange Wanderung gemacht.
Peter studiert noch, in Freiburg, aber wie üblich vor solchen
Feiertagen, wenn es hoch hergeht, ist auch er angerückt, um
hinterm Tresen oder beim Bedienen zu helfen.
»Du kommst sicher wieder wegen der Mathilde«, meint er.
»Komm rein, die sitzt wie immer am Kachelofen.«
Peter leert noch schnell den Briefkasten, bevor er für mich die
knarzende Eingangstür aufmacht. Auf dem Stammtisch gleich
rechts in der Gaststube steht ein großer Strauß frischer Blumen.
Die kommen sicher aus dem Gemüsegarten hinter dem Haus, da hat Mathilde auch ein paar Blumenbeete angelegt. Mit Osterglocken, Tulpen, Nelken, Astern, Dahlien oder Gladiolen. Je nach Saison. Was im Laufe eines Jahres halt alles wächst und blüht.
Peter hat recht. Sie sitzt am Kachelofen. Seltsam, welch magische Anziehungskraft Öfen auf alte Menschen auszuüben scheinen – auch dann noch, wenn sie kalt sind. Freudig bellend läuft Bruno auf sie zu. Mathilde zuckt zusammen und richtet sich auf, sie war offensichtlich eingenickt. Lächelnd lässt sie sich von ihrem Urenkel einen Kuss geben und von Bruno den Handrücken ablecken.
»Ich habe immer in meinem Leben Hunde gehabt«, sagt sie dann und bedeutet mir mit einem Blick, mich neben sie zu setzen.
»Schau, Uromi, hier ist eine Karte von der Karin!«
»Ja, ist die denn heuer nicht da, um mitzuhelfen?« Karin ist Peters Schwester.
»Aber nein, die ist doch in Spanien, schau!« Peter hält uns dieAnsichtskarte hin und verschwindet dann im Gang. Tossa de Mar.
Da war ich auch schon mal.
»Hajoh«, seufzt Mathilde. »Wo die Leut’ heut überall hinkommen!«
Sie selbst hat noch nie in ihrem Leben Urlaub gemacht. Weiter als bis zum Vierwaldstättersee ist Mathilde nie gekommen. Bei einem Schulausflug. Die Schweiz ist hier im Grenzgebiet ja ganz nahe.
»Ich habe auch das Meer noch nie gesehen.« Sie überlegt kurz.
»Mein Urlaub war, wenn ich ins Krankenhaus musste«, erzählt sie.
»Dort hab ich mich immer erholt.« Zwei ihrer Kinder sind im Krankenhaus geboren, und einmal musste sie wegen eines Bauchwandbruchs auch länger bleiben. Das kam vom vielen Heben.
»Ich hab halt immer schwer schaffen müssen. Auch sonntags.« Da wurde morgens in die Kirche gegangen und nachmittags aufs
Feld. Um die Ernte einzuholen. Ihr ganzes Leben lang sei das so gewesen. »Früher mussten wir vorher immer erst den Pfarrer fragen, der hat uns das dann erlaubt.« Die Bauernwirtschaft hingegen, die durfte sonntags immer offen sein, ohne ausdrückliche Erlaubnis
des Pfarrers: »Das war das tägliche Brot«, erklärt Mathilde.
»Wenn es um das tägliche Brot ging, durfte man auch sonntags arbeiten. Dann brauchte man dafür keine Erlaubnis.« Heute sei das ja alles ganz anders: »Heute haben die Leut’ nicht nur den ganzen Sonntag frei, sondern auch den Samstag! Sie können auch andauernd Urlaub machen. Und wenn sie nicht essen und trinken, dann sind sie am Einkaufen…«

Kerstin Schweighöfer

Über Kerstin Schweighöfer

Biografie

Kerstin Schweighöfer, Jahrgang 1960, besuchte nach ihrem Studium in München und Lyon (Romanistik, Politologie und Kunstgeschichte) die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Seit 1990 lebt sie als freie Autorin und Auslandskorrespondentin in den Niederlanden und arbeitet vorwiegend für die...

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