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Bücher über das Älterwerden

Was ist gut am Älterwerden?

Entdecken Sie mit unseren Autorinnen die schönsten Seiten dieses Lebensabschnitts.
Das Älterwerden ist ein ständiger Prozess, der für viele Menschen mit Sorgen und Unsicherheiten verbunden ist. Doch häufig fehlt nur eine Perspektive, die die Vorzüge des Alterns aufzeigt und Lösungen für aufkommende Probleme bietet. Wir finden, dass das Älterwerden eine schöne Sache ist, die man ruhig zelebrieren kann. Man kennt sich und sein Umfeld besser und ist häufig kompromissloser, was die eigenen Bedürfnisse und Grenzen angeht. Lassen Sie sich für ein paar Seiten von unseren AutorInnen auf Ihrem Weg begleiten.  

„Ein Buch, das mit jeder Seite 1000 eigene Erinnerungen weckt.“ Stern

Die Dinge unseres LebensDie Dinge unseres LebensDie Dinge unseres Lebens

Und was sie über uns erzählen

Vom Abschiednehmen und vom Wert des Erinnerns
Wie viele Dinge sich im Laufe des Lebens und der Generationen ansammeln – das erste Kuscheltier, Liebes- und Abschiedsbriefe, Mamas Pelz, Papas Fotos aus dem Krieg, die Kollektion der Lippenstifte, ein alter Gartenhut, gilbe Dokumente, das gute Kristall. Bleibt alles übrig, wenn wir gehen. Vorbeugendes Aufräumen? Sich „sterbefein machen“, wie die Bayern sagen? Schafft kaum einer und warum auch?

„Ein einfühlsames, so genau und fabelhaft geschriebenes Buch.“ SZ

Susanne Mayer verweigert sich dem Zeitgeist, das alles als Gerümpel zu entsorgen. Die gefeierte Autorin wendet sich den Dingen zu und schreibt, leicht und elegant, von dem, was sich in ihnen verdichtet. Es entsteht ein Familienporträt, das anrührend ist und tief verstörend, zum Lachen verführt und nichts weniger ist als eine poetische Geschichte der Bundesrepublik.

„Ein Buch, das mit jeder Seite 1000 eigene Erinnerungen weckt.“ Stern

Hausaufgabe

Es war so etwas wie der Sommer meines Lebens. Nicht in dem Sinne, dass es der schönste gewesen wäre, der glücklichste oder auch nur der aufregendste. Es war ein Sommer, in dem sich die Jahre des vorangegangenen Lebens unerwartet zusammenballten, verdichteten zu einer Essenz von dem, was war und noch davor gewesen war. Ich verbrachte in diesem Sommer, der einer der ersten Sommer des neuen Jahrtausends war, viele Wochenenden in dem Haus meiner Mutter, in dem wir aufwuchsen, es war ein schönes Haus am Rande einer mittelgroßen Stadt mit Blick auf den Wald. Meine Mutter war nicht mehr da. Alle waren weg. Der Vater schon lange, die Kinder, die Mieter im Obergeschoss – alle. Ich war allein, mit all diesen Dingen.

Wie viel wird bleiben von uns? Was möchten wir, was bleibt, wenn wir weg sind? In einer Ausstellung über das Alter im Wiener Belvedere zeigt die japanische Fotokünstlerin Miyako Ishiuchi im Jahr 2017 letzte Fundstücke von ihrer Mutter, sie heißen Mother #5 oder Mother #36. Das erste, Mother #5, zeigt ein Damenunterkleid aus schwarzer Seide, dessen Brustpartie sich in einer schönen schwarzen Spitze auffächert – ein kleines Nichts, es wirkt, als wäre der Körper der Mutter gerade erst daraus verschwunden und hätte diesen Hauch von Schwarz hinterlassen, eine Durchsichtigkeit, in der sich Abwesenheit und Verlangen, Liebe und Trostlosigkeit, Fassungslosigkeit und Akzeptanz des Unabänderlichen verschränken. Daneben: das Bild eines Lippenstifts. Aus einem bronzefarbenen Trichter, der auf einen lackschwarzen Sextagon aufgesetzt ist, wächst ein Stummel von dunklem Rot. Der Lippenstift ist fast bis zum Ende aufgebraucht, aber in dem winzigen Rest hat sich die Spur der Lippen erhalten, als kleine Kurve um ein Nichts. Eine Chiffre der Abwesenheit, sie sagt stumm: Mehr als diese Leerstelle im Fett des Lippenstifts bleibt vielleicht nicht von uns.

Nun, als meine Mutter fort war, sie verbrachte diesen letzten Sommer ihres Lebens in einem Seniorenheim am Ufer des Rheins, blieb sehr viel mehr zurück als ein seidenes Unterkleid und ein abgemümmelter Lippenstift. Da waren in dem Haus mit dem großen Garten ein weitläufiges Erdgeschoss und darunter – der Stolz der elterlichen Bauherren – die kostenintensive Komplettunterkellerung: Vorraum und Waschküche, sauber gefliest, das Gästezimmer mit der mausgrauen Auslegware; man hatte dazu einen Restbestand vom Teppichboden des Wohnzimmers verwertet, den meine Eltern, die von ihren Eltern zur Sparsamkeit erzogen worden waren, für den Fall der Fälle aufgehoben hatten.

Da war der Heizungskeller mit abgedichteter Ölwanne und Sicherheitsschloss an der Tür, ein Raum für Eingemachtes mit einem Weinregal aus kraftvollen Schmiedeeisenarabesken, dessen Tür abzuschließen gewesen wäre, aber nie wurde, man hatte es wohl angeschafft, weil es gut zum Haus passte, mit seiner Haustür aus schwerem Schmiedeeisen, den Fenstern, dem Treppengeländer aus Schmiedeeisen, deren Kringel mein Vater in Nachtarbeit entworfen hatte. Da war der sogenannte Zickzackkeller, der bis unter den Garten ragte, und vor all diesen Kellerräumen lag die kleine Kellerdiele, in der die Chippendale-Vitrine abgestellt worden war, die sich einmal das Schmuckstück des Esszimmers hatte nennen können. Das Chippendale, das zur Aussteuer meiner Mutter gehört hatte, dann aber in den Keller abgeschoben wurde, als ein stylishes Möbel aus Glas mit Bronze ihren Platz im Esszimmer eroberte.

Man kam in den Keller und wurde dort also von der einsamen Vitrine begrüßt und dem in ihr immer noch zur Schau gestellten silbernen Teegeschirr, ebenfalls Aussteuer und seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt. Immerhin behauptete es seinen Platz in der Vitrine, dieses Set aus Teekanne, Kaffeekanne, Milchkännchen mit Zuckerdose. Das Silber war schon ein wenig abgeschubbert, darunter trat das weiße Porzellan zutage. Die Teekanne hatte ihren Deckel verloren, wohl in den Jahren, in denen wir Kinder sie zur Abmessung des Kaninchenfutters entwendet hatten – bis Heidi, unser Kaninchen, geschlachtet worden war, vielleicht, weil die Eltern mit Grund bezweifelten, ob sie das geeignete Objekt war, um den Kindern verantwortungsvolles Kümmern beizubringen. Jemand hatte aber mit der Kanne Erbarmen gehabt und ihr wieder den angestammten Platz in der Vitrine eingeräumt, wiewohl jetzt mit ihr heruntergestuft zum Kellermöbel, aber wenigstens nicht entsorgt. Niemand war in den Jahrzehnten nach der Schlachtung von Heidi und ihrer Verarbeitung zum Sonntagsbraten auf die Idee gekommen, die Vitrine zu entsorgen, geschweige denn, das abgeschubberte silberne Geschirr. „Wegschmeißen kann man noch immer!“, pflegte meine Mutter zu sagen. Das galt auch für viele andere Dinge.

Alle Kellerräume waren voll. Mit was? Nicht gebrauchten Möbeln aus einem ganzen Jahrhundert, klumpigen schweren Daunendecken, kratzigen Pferde-Wolldecken, muffigen Kissen, den Dokumenten und Urkunden von Generationen, verklebten Büchern, abgelaufenen Konserven etc., davon wird noch im Einzelnen die Rede sein. Einige Kellerräume waren bis unter die Decke vollgestopft. Reichlich gefüllt auch Mutters Räume im Erdgeschoss, die Küche mit der Abstellkammer und dem Spind, das Esszimmer und das Wohnzimmer, das sich anschließende Arbeitszimmer, ihr Schlafzimmer: alles sehr, sehr voll.

Man darf es sich nicht als Messiehaushalt vorstellen, alles war so schön arrangiert, mit einem Auge für Proportionen, die Möbel und Teppiche, die Sofas und Sessel, der alte Schaukelstuhl, ihr Fernsehsessel aus Nubuk, der ganze Nippes. Die kleine Elefantenherden aus Jade, der knallrote Terrier aus Porzellan, die fast durchsichtige Schattenspielpuppe aus Java, der geschnitzte Geisterkopf aus Australien mit seinen leuchtenden Perlmuttaugen, die einem folgten – alles sorgsam ausgesucht, nie hatte ich bemerkt, wie hübsch dieser Nippes war.

Unter dem Chippendale-Esstisch lag noch der Perserteppich aus deutscher Qualitätsproduktion der Fünfziger, im Wohnzimmer dann der echte Perser, von dem Papa kichernd zu sagen pflegte, als gestehe er eine Sünde, er sei teurer als das Auto gewesen, und dann der chinesische Seidenteppich in Lavendel und der Gebetsteppich vor dem Blumenfenster mit kastig vertiefter Fensterbank zur Bepflanzung, ein Hit der Sechzigerjahre, der allerdings nie bepflanzt wurde, weil meine Eltern nach ihren Bauaktivitäten vielleicht zu erschöpft waren. Die Amaryllis wurden auf einen umgedrehten Blumentopf gestellt, damit sie aus dem Fenster gucken konnten.

Es gab Regale mit Büchern, viele Regale und noch mehr Regale mit Büchern, die Bücher standen doppelt und dreifach, es waren Bücher, meist Taschenbücher, auf deren Umschlägen Männer auf Segelbooten mit Südwestern in der Stirn einem Sturm trotzten oder Frauen im Damensattel auf Pferden ritten oder Rosen an Cottages hochkletterten, meine Mutter pflegte sie in Stapeln aus den Holzkisten vor den Buchhandlungen zu ziehen. Es gab in den Möbeln dicht aneinandergeschobenes und gestapeltes Geschirr, in der Speisekammer ein Set alter Pfannen aus schwarzem Eisen, emailliert, so schwer, dass sie wohl Jahrzehnte keiner mehr hochgehoben hatte. Warum auch, es gab ja längst zierliche Pfannen aus Edelstahl. Da waren Backbleche im Zustand fortgeschrittener Verrostung, weil ja schon lange nicht mehr gebacken worden war. Im Schrank seit Ewigkeiten nicht mehr berührte Reste von Mehl oder Zucker in knittrigen Tüten, dafür im Tiefkühlfach ganze Batterien von Fertigmahlzeiten, die sie nicht mehr hatte aufessen können.

Ich erinnere mich daran, wie ich morgens auf der Klappliege im Wohnzimmer aufwachte und durch das Panoramafenster in den großen Garten sah. Ich hätte mich natürlich auch in ihr Bett legen können, in diese großartige Angelegenheit aus mächtigen verschlungenen Messingleisten, die sie sich noch gegönnt hatte, aber ich hatte es nicht über mich gebracht, mich in dieses Bett zu legen, das nach ihr roch, und das Sofa, ein Produkt der Sechzigerjahre in Creme und mit umlaufender Fransenkante, hatte eine zum Schlafen unpraktische Hufeisenform.

So kampierte ich, einen Sommer lang, inmitten des sich um mich herum ausbreitenden Hausstands einer deutschen Beamtenfamilie, als wäre ich ein Gast, zu Besuch in einer Vergangenheit, die ja auch meine war, unserer aller Vergangenheit. Neugierig, hilflos, manchmal wütend, endlich entschieden, gelegentlich nicht ohne Panik, pickte ich mich durch die Dinge, viele Wochenenden lang, versuchte zu ordnen, zu verteilen, loszuwerden oder zu bewahren, so verging das Jahr, an dessen Ende das Haus leer war und meine Mutter tot. Es war, als hätte ich eine Ewigkeit im Anblick dieser Dingwelt verbracht und tauchte nun wieder auf, atemlos.

Der Ethnologe Daniel Miller empfiehlt, Haushalte wie ein Gemälde zu betrachten – mit einer Neugier für die Details, aufmerksam für die Komposition, zugleich nachdenkend über die Frage, was wohl der Rahmen dieses Bildes ist, ohne den seine Entstehung und unser Verstehen nicht möglich ist. Aber, möchte man ergänzen, nicht immer ist es so, dass sich alle Teile eines Puzzles zu einem Bild ordnen lassen, das uns seinen Sinn enthüllt. Dann muss man aushalten, was die Fragmente an Erinnerungen und Gefühlen auslösen, und auch, dass sie Fragen aufwerfen, die vielleicht nie beantwortet, aber uns immer quälen werden.

Erinnerung ist etwas, dessen Regeln wir nicht bestimmen, eher ist es so, dass sie die Regie übernimmt, wie der französische Philosoph Roland Barthes mit Blick auf seine Kindheit schrieb: „Von Anbeginn an drängen sich Szenen, die darauf brennen, eine Rolle zu spielen, ins Rampenlicht der Erinnerung: häufig spüre ich das, sehe ich das in eben dem Augenblick voraus, in dem sie sich bilden. Dieses Theater der Zeit ist das genaue Gegenteil der Suche nach der verlorenen Zeit; denn ich erinnere mich pathetisch, punktuell und nicht philosophisch, diskursiv: ich erinnere mich, um glücklich/unglücklich zu sein – nicht um zu begreifen.“ Genau so war es.

In den ersten Wochen des Jahres hatte morgens, wenn ich in der Früh in diesem kalten Haus wach wurde, noch ein Hauch von Reif über dem Rasen gelegen; darauf die sogenannte weiße Lady, eine sich um die eigene Achse wendende Nymphe mit Amphore, die Mama auf einer der Kreuzfahrten ins Auge gestochen war – war es Kreta gewesen oder die Akropolis? –, sie stand jetzt jedenfalls in Nordrhein-Westfalen auf diesem glitzernden Teppich aus Eiskristallen. Würde man auch entsorgen müssen. Es war allerdings das erste Mal, dass ich sie nicht kitschig fand. Ich war erstaunt über mich selbst, ich dachte, dass der Anblick Mama gefallen hätte, es war etwas, worüber sie unzweifelhaft wortreich am Telefon berichtet haben würde, hinein in mein Schweigen. Nun hätte ich ihr berichten können, wenn ich sie in ihrer Seniorenresidenz am Rhein besuchte, aber es war nichts mehr, was sie noch interessiert hätte.

Später im Jahr würde ich wach werden in einem nicht mehr so kühlen Haus und als Erstes die knallroten Rosen erblicken, die entlang der breiten Terrasse blühten, Polyantha-Rosen von Kordes oder Tantau, deren Kataloge Papas Feierabendbibel gewesen waren, es war ja die deutsche Rosenzeit, die der deutsche Kanzler Adenauer eingeleitet hatte, als er sich mit seinen zur Perfektion gerüschten Edelrosenblüten ablichten ließ. Die Liege, auf der ich meine Nächte verbrachte, steht übrigens schon auf den Fotos der Sechzigerjahre herum, genau vor diesem lang gestreckten leuchtend roten Rosenbeet, flankiert von ihren beiden Schwesterliegen. Noch heute höre ich das Klick-klack-klick, mit der das Kopf- oder das Fußteil erst einmal ganz herunter-, dann langsam wieder hochgefahren werden musste, bis die gewünschte Schräglage erreicht war.

Die Fotos zeigten uns Mädchen mit Mama, die Töchter in Bikinis und sie in einem Strandkleid aus Frottee von Marimekko, angesagtes Nugat auf Creme, man sieht die Bilder und hat sofort einen Whiff von Ambre Solaire in der Nase. Rückblickend scheint es, als hätten wir so gar nichts zu tun gehabt an heißen Nachmittagen, als uns endlosen Schmökerstunden hinzugeben, die Teenager mit ihrer Hausfrau-Mutter, so lange, bis Papas Auto in der Auffahrt der Garage knirschte, dann war es Punkt halb sechs, der Amtsleiter war zurück. Es war ein Leben, das der Autor Harald Jähner in seinem Buch Wolfszeit „das bespöttelte Paradies des Mittelmaßes“ nennt, und nie hätte man damals gedacht, dass es einmal enden könnte.

Der Sommer ging vorbei, die Rosen blühten bis weit in den Oktober hinein, wie sie es immer getan hatten, ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter in jedem Herbst ausführlich berichtet hatte, die Rosen würden ja erstaunlicherweise noch immer blühen. Der Spätsommer war die Zeit der aufstrahlenden Astern, die mein Vater so geliebt hatte. Mit ihren schlichten dunkelgoldenen Blüten erfüllten sie perfekt seine Forderung nach Einfachheit, der er alles unterwarf: Anzüge, Blumen oder die Frisuren der Kinder, deren Ponys penibel zur Seite gekämmt werden mussten, um ja nicht in die Augenbrauen zu hängen, so sollten die hohen Stirnpartien zur Geltung kommen, die angeblich Intelligenz signalisierten. Es war ein großes Vater-Thema, was „gesund“ war oder, Gott behüte, „debil“ wirken könnte, „nervös“ oder „überreizt“. Auf den Fotos halten wir die Köpfe so steif und gerade, als hätten wir Angst, ein Haar könnte ins Rutschen kommen und damit unser ganzes kleines, doch gerade erst anfangendes Leben.

In schrecklichen Momenten dachte ich, wenn ich morgens in diesem nun wieder kühler werdenden Haus aufwachte, voller Panik, dass die Aufgabe zu groß für mich sei, all die Dinge in diesem Haus zu sichten, mich ihnen zu stellen, auszuhalten, was sie preisgeben würden, von meiner Mutter und uns allen, sie dann irgendwie herauszuschaffen aus diesem Haus, das Haus für neue Bewohner vorzubereiten. All diese Dinge und die in ihnen komprimierten Geschichten schienen mehr, als ich je in meinem Restleben bewältigen könnte.

Es war ein Exzess von Dingen. Es gab die Dinge meiner Mutter. Ihre und Papas, der doch schon Jahrzehnte tot war, aber da waren noch die splissigen Holzski, die er aus Zakopane in Polen mitgebracht hatte, aus seinen schwärmend erwähnten Ferien inmitten des Krieges im „judenfrei“ gestellten Zakopane. Es zeigte sich, es waren auch nicht wenige Dinge von uns da, Dinge aus der Kindheit. Der abgelutschte Gummizwerg meiner Schwester. Meine Rollschuhe, auf denen ich in meiner Marika-Kilius-Imitation den kleinen Hügel vor dem Haus heruntergekurvt war in der beliebten „Flieger“-Formation, ein Begriff, der zehn Jahre nach dem Krieg seinen Schrecken verloren hatte, bis ich allerdings ins Wackeln, dann Schlingern geriet, nach vorne kippte und aufs Pflaster knallte. Hansis goldenes Vogelbauer, jetzt in Rostgold. Der Welpenkorb von Hundi, dem schwarzen Pudel in der Größe medium, der in den Achtzigerjahren gestorben war. In den letzten Monaten, hatte sie berichtet, mochte er nicht mehr allein in der Küche schlafen, sondern immer nur neben ihrem Bett, sie habe dann, wenn er unruhig wurde, die Hand in seinen Korb runterhängen lassen und ihn ein wenig gekrault, bis er wieder ruhig wurde, wer weiß, vielleicht auch sie.

Ein alter schmaler Besenschrank, im Keller verstaut, öffnete sich, und ich stand, Auge in Auge, Stapeln von Stoffresten gegenüber, Gardinen jedweden Musters, gelb abstrakt, buntblumig, streng gestreift, grobe Leinentücher, Kittelschürzenreste. In den Kellerregalen standen hohe, kleine, bullige, zierliche Tontöpfe aus Bunzlauer Blau, in denen in meiner Kindheit der Kohl eingelegt worden war, fein geschnitten, mit salziger Lauge übergossen, platt gedrückt von einem kleinen Felsbrocken, der zuletzt auf einen oben mittig platzierten kleinen Teller gelegt wurde, sodass dann alles sorgsam versiegelt war, bis es sich in Sauerkraut verwandelt hatte.

All das und sehr viel mehr war nun im Haus meiner Mutter versiegelt gewesen, auch weil sie gar nicht wenig mitgenommen hatte, als sie und ihr Mann mit der kleinen Familie vierzig Jahre zuvor das Dorf hinter sich gelassen hatten, in das meine Mutter kurz nach Kriegsende und der Eheschließung mit meinem Vater gezogen war, neben den Hof seiner Familie, und wo meine Schwester und ich unsere ersten Jahre verbrachten, um dann mit ihnen in das schicke Neubaugebiet bei der Stadt zu ziehen, wie es meine Mutter so lange ersehnt hatte. Merkwürdig allerdings, wie viele Dinge sie doch mitgeschleppt hatte aus dieser Phase ihres Lebens, aus dem Dorf, das sie so gehasst hatte, „dieses blöde Kaff“, pflegte sie mit mühsam gebändigter Wut zu sagen, mit der an Panik grenzenden Verzweiflung einer, die den Krieg glücklich überlebt hatte und jetzt voller Furcht ist, ihr Restleben könnte in einem rheinischen Kaff verpuffen.

Vielleicht hatten sich die Dinge aus dem Dorf so angeheftet, dass sie auch auf dem ersehnten Umzug nicht abzustreifen gewesen waren. Sie wurden jedenfalls in den Keller verbannt, vielleicht, um sie so besser ignorieren zu können, aber sie waren hartnäckig, diese Dinge, ja, sie waren sogar noch da, als meine Mutter nicht mehr da war. Ich hielt die schweren schwarzen Gehröcke von Onkel Christian hoch, der der letzte Bauer der Familie gewesen war und dessen Schwester die Mutter meines Vaters wurde und dessen kleine Schwester ihr Leben in einem Kloster in Holland verbracht hatte und von der sich saubere, in miniskulen Lettern dicht an dicht geschriebene Briefchen an die Familie finden würden, garniert mit Heiligenbildchen, auf denen blutende Herzen pochten. Meine Mutter pflegte zu raunen, Onkel Christian sei womöglich schwul gewesen, aber davon war in den schweren Gehröcken nichts zu erschnüffeln.

Es wurde ein Sommer, in dem sich Stunden und Tage zu Wochen addierten, die ich also in diesem Haus war, die Dinge betrachtete und wendete und aufnahm, was sie über uns zu erzählen hatten. „Es schien mir eine Zeit lang, als ob ein Ding, das man während seiner Reise durch die Hände der Menschen und ihre Beziehungen verfolgt, mehr über eine Epoche erzählen könne als ein psychologischer Roman“, hatte der russische Autor Sergej Tretjakov einmal formuliert. Wohl wahr. In den Dingen verdichten sich Geschichten. Sie blühen auf, wenn man die Gegenstände in die Hand nimmt. Wenn man sie nur lässt, umgarnen sie uns mit Erinnerungen, sie ziehen uns zurück in eine Vergangenheit, von der wir glaubten, nicht selten erhofften, sie hinter uns gelassen zu haben. Sie zeigen uns, wer wir waren.

Ding-Freude

Solange ich zurückdenken kann, habe ich die Dinge als Faszinosum erlebt. Warum? Vielleicht, weil sie einfach da waren. Manchmal denke ich, die Dinge des Lebens sind mir so nah, weil mir die Menschen oft so fern sind. In dem ersten Haus, in dem ich als Kind lebte – ein langweiliges Giebelhaus, das neben dem alten Fachwerkhof der Familie stand, als Altenteilhaus –, gab es für Erwachsene viel zu tun, sie putzten oder waren im Stall bei den Tieren oder im Garten, wo Kohl und Salat in langen Reihen gesetzt und hochgepäppelt wurden und dann plötzlich Gas gaben, der Salat schoss und wurde in Waschschüsseln eiligst geerntet und war zu essen, die Erwachsenen zogen in die Kartoffeln oder steckten bei den Hühnern, sie waren im Keller bei der großen Wäsche, die in einem steinernen Bottich, unter dem ein Feuer loderte, gekocht wurde, sie standen in der Küche hinterm Herd.

Es war nicht die Zeit, in der man für Kinder viel Zeit gehabt hätte. Es wurde ja immerzu gekocht und eingekocht. Was geerntet wurde, musste auch geschnippelt und verarbeitet werden. Es entstanden in den Kellerregalen lange Reihen von Weckgläsern mit Eingemachtem, mit Aprikosen und Kirschen, mit Tomaten und Schweinebraten, Leberwurst und Blutwurst, es wurde nämlich auch geschlachtet. Dann wurde das Schwein, das doch gerade noch von mir in seinem Koben besucht worden war für ein kleines Tête-à-Tête mit mir, seiner Freundin, tot in einer Schubkarre vom Metzger angeliefert und landete in der Zinkwanne, wo es mit heißem Wasser abgeschrubbt wurde. Es lag da in seiner rosigen Haut, und sein Kopf ruhte auf dem Rand der Wanne, und der Bauch wölbte sich vor bis über den Wasserspiegel, die Frauen kicherten und spotteten: „Wie Onkel Paulchen in der Badewanne“, und dann kreischten sie ausgelassen und böse. Es war eigentlich unsere Zinkwanne, also die der Kinder, in der wir im Sommer badeten, das hatte danach jedenfalls seine Unschuld verloren.

Das Ding, erklärt uns die Psychologie, kann ein Werkzeug sein, mithilfe dessen sich unser autonomes Ich konstituiert. Dazu reicht schon, wie Sigmund Freud beobachtete, eine Holzspule, die an einem Faden hängt, dessen Ende in der Hand eines Kindes liegt. Das Kind wird ja, immer wieder, erschüttert von Abwesenheiten seiner Mutter, an der es doch mit der größten Innigkeit hängt, in einer ursprünglichen Verschmolzenheit des Ich mit der Welt. Deshalb kann es sich in ihrer Abwesenheit auch gefährlich abhandenkommen. Das Kind rettet sich, indem es die Holzspule über den Rand seines Bettes wirft und verschwinden lässt („weg!“) und noch einmal hervorzaubert und mit dem größten Entzücken begrüßt („da!“). Mithilfe eines einfachen Holzdings kann es in einer Erfahrung von Selbsttätigkeit das Gefühl der Ohnmacht überwinden, und es scheint, dass sich unsere Faszination mit den Dingen oft ein Leben lang in diesem weiten Spektrum zwischen Freude und Schmerz, Verschmelzung und Trennung bewegt.

Waldi, unser erster Hund, also meiner. Ein Bild zeigt, wie ich Waldi gepackt habe und ihn festhalte, oder ist es womöglich andersrum, dass ich an Waldi etwas habe, an dem ich mich festhalten kann? So wie ein Seiltänzer seinen Stab benutzt, dieses fiepsige Ding, ohne das er nicht über das Seil balancieren könnte, unter dem sich der Abgrund auftut? Der Stab hält ihn, obwohl in der Luft und unbefestigt, also nur, weil der Tänzer sich an ihm festhält. Waldi war von Steiff, hatte aber Rollen, weshalb er dazu gebracht werden konnte, mir brav zu folgen. Erste Dominanz-erfahrung.

Oder Mecki, an dessen Haarschopf meine Schwester zu kleben schien, Nähe und Trost. Kann auch ein Kuscheltuch spenden, also irgendetwas, was gegenständlich ist, wir im Griff haben können, darauf zielen unsere Sehnsüchte, es scheint manchmal so, als könnten wir von den Dingen nie genug bekommen. Meine Puppe Wolfgang hatte schweinchenfarbene Ärmchen und Beinchen aus Bakelit, die mit Gummibändern befestigt waren, damit ich sie so drehen konnte, wie ich wollte, und ich liebte ihn so herunter, dass er alle paar Jahre wieder zur Kur in eine Puppenklinik eingeliefert werden musste, zur Restauration. Welch ein Drama, wenn die Dinge, an die wir uns halten, verschwinden, für eine Zeit lang oder für immer.

Die Dinge, schreibt die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich in ihrem schönen Buch über die Dingwelt, „können uns entgleiten, sich gegen uns kehren oder uns vielleicht ganz besonderen Beistand leisten. Und wie manche Dinge uns durch ihre Überlegenheit einschüchtern! Uns mitleidlos vorführen, dass unser Talent nicht ausreicht, ihnen gerecht zu werden, dass unser Leben zu kurz ist für alle Dinge.“

Dinge können Zuflucht bieten. Ich erinnere mich an die endlosen Stunden, in denen ich auf dem Dachboden allein herumstöberte und all die Dinge besuchte, die meine Freunde waren. Sie waren nur für mich da. Sie verbargen sich ganz offensichtlich, wenn ich nicht da war, sie hielten sich vor anderen versteckt in großen Deckelkörben, die mir bis unter die Arme reichten, und wenn ich die Deckel hochhob, erwachten sie, und ich schaute sie an und sie mich. Sie stellten Heilige dar. Kleine Gestalten, nicht höher als eine Kinderhand, zerbrechlich. Große Laken in Kobaltblau oder Grasgrün waren um sie gewickelt, an den Säumen hatte sie jemand mit goldenen Sternen verziert. Manchmal trugen die Männer einen Stab in der Hand, der oben wie ein Kreuz aussah, einige hatten ein, zwei Schafe neben sich, die sich an ihre Beine drückten oder zu ihren Füßen lagen wie ein Hund.

Die meisten dieser Männer trugen, anders als die Männer im Dorf, ihr Haar lang, es lag dicht an ihrem Kopf und wellte sich meist nach hinten den Nacken herunter und fiel nie nach vorn oder verklumpte, so wie mein Haar es zu tun pflegte, als ich noch kleiner war und es lang trug, bis meine Mutter entschied, es gehöre abgeschnitten, weil langes Haar zu viel Arbeit mache. Schwuppdiwupp und ab! Nicht in der Welt der Deckelkorb-Freunde! Alles an ihnen war konstant, wie es bei Heiligen sein soll, der Schwung ihrer Locken, das ewige Lächeln, die ein wenig himmelwärts gedrehten Augen, selbst dort, wo der Zahn der Zeit sie erwischt hatte, wo etwas abgeplatzt war, von der Fußspitze oder mal ein Näschen – so was kann passieren bei kleinen Gipsfiguren, das wusste ich schon mit vier oder fünf, es hieß schließlich dauernd, wenn etwa ein Regen plötzlich einsetzte: „Du bist ja nicht aus Gips!“

Nun, ich nicht, aber meine Freunde, sie waren aus Gips und warteten geduldig das ganze Jahr, bis es Fronleichnam war und man den Korb vom Boden holte, alle Figuren abstaubte und auf dem Altar dekorierte, der schräg gegenüber unserem Haus aufgebaut war, dort hatten sie ihren großen Auftritt. Unser Altar stand vor der alten Wasserpumpe, die ihrerseits auf einem kleinen Hügel stand. Hier lag eine der zwölf Stationen der großen Prozession, die auf kunstvoll gemusterten Teppichen aus frischen Blüten durch das ganze Dorf führte, und dann würde der Pfarrer kommen, auch zu unserem Altar, der doch sicherlich der schönste im Dorf war, über den Blumenteppich würde er gehen, für den wir alle unsere Pfingstrosen und die Gänseblümchen und die Stiefmütterchen geköpft hatten, und sich vor ihnen verneigen, vor meinen Freunden, den kleinen Heiligen.

Es gab auf dem Dachboden auch einen großen Schrankkoffer aus braun gebeizter Pappe mit Holzleisten verstärkt, er trug die Initialen meines Vaters, ein anspruchsvolles Dr. H. M., und hatte zwei Schnappverschlüsse und in der Mitte noch einen dritten kleinen, der klemmte. Alle drei waren verrostet. Man ruckelte an ihnen, und als sie sich geöffnet hatten und der große schwere Deckel sich hob, stieg eine Wolke aus Mottenkugelgeruch auf und vermischte sich mit dem Duft von Schinken, der aus dem Kamin entkam, der hier auf dem Dachboden eine Öffnung hatte, in die man die riesigen, abgetrennten Schweineschenkel hängte.

Da lagen sie, in diesem Koffersarg, die Kleider der Toten. Schwere lange Mäntel aus grauem Loden, die Arme vor der Brust gefaltet, platt gedrückt die breiten Revers und insgesamt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Omas weiches tiefschwarzes Maulwurf-Cape, in das man Gesicht und Nase wuscheln konnte. Ihr Kleid aus gehäkelter Wollspitze, so umfänglich, dass ich als Kind zweimal darin Platz gefunden hätte, ich kannte es von den Hochzeitsfotos meiner Eltern. Der Rock aus weißer Lochspitze, meine Lieblingscousine hatte ihn einmal vergessen.

Mamas kratziges graues Kostüm mit dem kleinen Persianerkragen, das ihr nicht mehr passte, man konnte es nur noch auf Fotos bewundern, die Mama als junge Frau zeigten, also vor der Hochzeit, mit hohen Hacken, als Stadtlady, sie kam ja aus Hannover. Die weiße Hirtenbluse, ein umgearbeitetes Bettlaken, an den Armansätzen und den Bündchen leicht gesmokt – sie trug es auf dem Foto, auf dem sie auf einer Pferdekutsche in einem Trägerrock sitzt, das erste Foto von ihr auf dem Dorf. Es zeigt sie mit Onkel Christian, dem Bauern, der die junge Frau, die aus Hannover angereist kam, um sich das Rheinland anzuschauen, vom Bahnhof abholte, der damals mitten im Wald lag und später nur noch ein Gebäude war, an dem Züge in Richtung Bonn vorbeirauschten.

Waldi, der Korb mit den Heiligen, der alte Schrankkoffer – alles Dinge, die im Laufe meines Lebens verschwunden sind. Wohin? Ich habe keine Ahnung. Als ich anrückte, um im Haus meiner Mutter die Dinge zu sichten, hatte ich ein wenig Hoffnung, ich könnte ihnen wiederbegegnen. Es war nämlich nicht nur so, dass ich mich vor der Flut der Dinge gefürchtet hätte, es war auch andersrum: Ich begegnete dort zwar eher mehr als weniger Dingen, und trotzdem war es so, dass es Dinge gab, die ich schmerzlich suchte und auf immer vermissen werde. Da war einerseits eine Bedrängung durch die vielen Dinge, andererseits blieb eine Sehnsucht. Es war, als hätten sich einige Dinge selbstständig gemacht, wären abgehauen, ohne auf mich zu warten oder auch nur zurückzuschauen. Eine kindliche Kränkung, könnte man höhnen.

Wo war er, unser alter Kinderwagen aus lindgrünem Plastik, der im heißen Wintergarten stand und uns noch viele Jahre als Spielzeug gedient hatte und in den ich mich zu verkriechen pflegte, wenn mir die Welt zu viel wurde, selbst dann noch, als ich die Knie bis zur Nase hochziehen musste, um hineinzupassen? Von den Dingen, schreibt Marie Luise Kaschnitz, erwarten wir, dass sie uns begleiten „mit der leidenschaftslosen Gelassenheit von Freunden aus alter Zeit“. Warum? „Weil sie uns lange kannten, erkannten wir uns selbst als lange Überdauernde. Sie verurteilen uns nie. Wir waren so lange gewohnt, Liebe an Dinge zu wenden, so lange gewohnt, in ihnen einen Halt zu finden und eine Bestätigung unserer selbst.“

Man kann Dinge mit einem Fingerschnippen verlieren, wahrscheinlicher aber ist es, dass am Ende wir abhandenkommen, ihnen und der Welt. „Viele Dinge werden uns überleben, wir sind ihnen gleichgültig“, schreibt Donata Elschenbroich. Darin liege auch ihre Macht. Und wenn wir Glück haben, finden wir sie dann, im besten Fall, in der Auslage eines Geschäfts, an dem wir nichts ahnend vorbeigehen, und das Auge bleibt hängen dort, an dem alten Besteck, und hier, an dem schönen Kristall, das wir weggegeben haben, und es bietet sich schamlos neuen Menschen an. Oder sollte es gar nicht unseres sein, sondern ein anderes Besteck, anderes Geschirr, anderes Kristall, das nur so ähnlich aussieht wie das, an das wir uns erinnern, weil das, was wir so sehr unser eigen wähnten, doch schnöde Massenware war und nur in unserer Erinnerung ganz besonders ist?

„Dieses Buch ersetzt Ihnen den Coach!“ Hape Kerkeling

Blick ins Buch
Die guten alten Zeiten sind jetztDie guten alten Zeiten sind jetzt

Wie ich das Leben jeden Tag neu erfinde

Älter werden geht auch anders! TV-Star Isabel Varell blickt in ihrer Autobiografie zurück, nach vorn und mittenrein ins Leben als Best Ager. 

Pünktlich zu ihrem 60. Geburtstag im Juli 2021 hat Isabel Varell eine Biografie veröffentlicht, die weniger Furcht vorm Altern, dafür umso mehr Lebenslust und Selbstbewusstsein vermittelt. 

In der glitzernden Welt von Musical und Fernsehen haben Frauen eine schrecklich kurze Halbwertszeit. Niemand weiß das besser als Isabel Varell. Das Multitalent der deutschen Medien musste erleben, wie sie mit jedem weiteren Geburtstag immer härter um neue Engagements zu kämpfen hatte. 

Doch aufgeben, alt werden, in der Versenkung verschwinden? Das kam für die Powerfrau noch nie infrage. Es war ein langer Weg zur seelischen Balance in der Lebensmitte. Doch sie hat gelernt, was alle Frauen ab 50 wissen sollten: Alter ist eine Zahl – und das Leben findet heute statt! 

Mit ihrer ungeschönten und selbstironischen Autobiografie „Die guten alten Zeiten sind jetzt“ spricht Isabel Varell unzähligen Frauen aus der Seele. Ihre Lebenserinnerungen sind ein humorvoller Mutmach-Ratgeber für Best Ager, die in ihrer neuen Dekade nur eines wollen: Alles erleben – in vollen Zügen! 

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Wer über sich selbst lachen und gleichzeitig mit Lebenserfahrung glänzen kann, hat die wichtigsten Werkzeuge für das Leben 50+ bereits in der Hand. SPIEGEL-Bestsellerautorin Isabel Varell nimmt Sie mit auf eine persönliche Zeitreise, in der genauso oft alles schiefgeht wie funktioniert. Und auch, wenn es manchmal wehtut: Es gibt immer einen Weg nach vorn.  

Charmanter als jedes Musical: Diese Biografie verleiht neuen Schwung! 

Mit „Die guten alten Zeiten sind jetzt“ schnappen Sie sich eine neue Hauptrolle in Ihrem Leben und finden in den offenen Worten von Isabel Varell Inspiration für alles, was Ihnen wichtig ist. Vom Leben gelernt? Aber sicher! Vom Altern überrollt? Ganz sicher nicht!

Vorwort von Birgit Schrowange

Seit fast 40 Jahren heißt meine beste Freundin Isabel Varell.

Ich kann mich noch genau an unser Kennenlernen erinnern – es war Liebe auf den ersten Blick – sie als blutjunge Sängerin, damals von Frank Elstner entdeckt und ich in meinem ersten Jahr als Fernsehansagerin beim ZDF.

Wir trafen uns auf einer Veranstaltung in Wiesbaden. Ich moderierte ihren Auftritt an und war sofort fasziniert von ihrer unglaublich präsenten Art, ihrer tollen Stimme und vor allem von ihrem Humor und ihrer unverwechselbaren Lache. Von da an waren wir quasi unzertrennlich, haben Urlaube zusammen verbracht, in Düsseldorfer Diskotheken die Nacht zum Tage gemacht und das Leben, unsere Jugend in vollen Zügen genossen. Besonders gern erinnere ich mich an gemeinsame Auftritte bei Galas und Messen, bei denen wir die Veranstalter oftmals an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachten, z. B. als wir einmal die Rollen vertauschten und sie blitzschnell meine Rolle als Moderatorin übernahm und mich als „Sängerin“ ankündigte. Für Lacher im Saal war gesorgt. Wir hatten Flausen im Kopf, waren jung, ausgelassen und ein Zweiergespann, das bei vielen sicherlich auch ein Kopfschütteln hervorrief.

Sie wurde eine Freundin fürs Leben. Freundschaft bedeutet ihr alles. Auch wenn wir uns heute nicht mehr so oft sehen wie in unserer Jugend, ist es bei einem Treffen so, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Sie ist da, wenn ich sie brauche, und auch umgekehrt, und wir haben schon so manches „Seelenleid“ miteinander durchgemacht. Ich kann mit ihr lachen, mich mit ihr streiten, aber auch weinen und tiefgründige Gespräche führen. Ihr Leben war kein Zuckerschlecken. Davon erzählt sie im Buch. Ungewöhnlich offen „lässt sie die Hosen herunter“, berichtet von der traumatischen Scheidung ihrer Eltern, vom Verlust ihres Stiefvaters, der übergriffigen narzisstischen Mutter, ihren tief sitzenden Ängs-
ten, dem immer wiederkehrenden Gefühl, nicht zu genügen, der Unruhe und Rastlosigkeit, die sie manchmal befallen.

Sie gehört wie ich der Generation der „Kriegsenkel“ an, die oftmals die Ängste, das Sicherheitsdenken und die emotionale Unerreichbarkeit der Eltern, die im zweiten Weltkrieg noch Kinder oder Jugendliche waren, übernommen haben.

In den 60er-Jahren galten Gehorsam, Disziplin und Pflichterfüllung als oberste Tugenden. Körperliche Züchtigung war gesellschaftlicher Konsens und bis in die 70er-Jahre die wohl häufigste Erziehungsmethode.

Sie berichtet von ihrer Einsamkeit als junges Mädchen, dem „Nichtgesehenwerden“, und setzt sich damit auseinander, warum sie ist, wie sie ist.

Sie nimmt uns mit auf eine wunderbare Reise durch ihr bewegtes Leben, lässt uns tief in ihre Seele blicken.

Obwohl ihr Lebensweg nicht immer einfach war, hat sie sich
ihren Optimismus bewahrt, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Toleranz. Sie ist eine Frauenfrau, nicht stutenbissig und neidisch, sondern zugewandt, hilfsbereit, ehrlich und authentisch.

Bei der Lektüre habe ich gelacht und geweint. Sie schreibt schonungslos, offen und immer auch humorvoll, so wie sie eben ist.

Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und mich oft „wiedergefunden“. Es ist ein wunderbar ehrliches, tiefgründiges und authentisches Buch, mit vielen noch nicht bekannten Episoden und Einblicken aus ihrem Leben, das Sie, liebe Leser*innen, sicherlich genauso in seinen Bann ziehen wird wie mich.

Viel Vergnügen beim Lesen,

Ihre Birgit Schrowange


1 Im früheren Leben war ich Ameise – Über den Mut, Angst zu haben

Ich könnte im Boden versinken. Wie bin ich in diese Horrorsituation nur reingeraten? Ich möchte auf der Stelle sterben. Nein, doch lieber nicht sterben. Wer stirbt schon gerne splitterfasernackt und dann noch vor Leuten?

Ja, ich bin nackt – ganz ohne ein einziges Kleidungsstück. Nicht mal ein Höschen habe ich an. Keinen BH, keine Schuhe – nichts! Ich befinde mich in einem nüchternen Konferenzraum. Einer dieser typischen Räume, die in Hotels für Firmen bereitstehen. Am ovalen Tisch, der Platz für 20 Leute gehabt hätte, sitzen acht bis neun Menschen. Eine Frau und der Rest Männer. Ich traue mich nicht, die Männer durchzuzählen. Mein Blick ist starr auf die Tischkante gerichtet. Als wenn einen niemand sehen könnte, wenn man selbst nicht guckt.

Ich kenne keinen dieser Anzugtypen hier an diesem Tisch – außer meinen langjährigsten besten Freund Hape. Er thront mittendrin. Er scheint hier der Grund zu sein, warum diese Leute zusammensitzen und sich besprechen. Aber was hat das alles mit mir zu tun?

Hape ist wie immer schlunzig gekleidet. Ein Karohemd in der Modefarbe Schlamm, dazu ein beiger Schal, Sportkäppi, obwohl er keinen Sport macht, unterm Tisch wahrscheinlich wieder die Levis 501 in Lkw-Fahrer-Schlabbergröße. Und ich bin nackt.

Alle scheinen mich zu ignorieren. Sogar Hape. Er tut fast so, als würde er mich gar nicht kennen. Das tut weh. Ich fühle mich fürchterlich. Was tue ich hier? Wer sind diese Leute? Ich zittere. Nicht, weil mir kalt ist, sondern weil ich mich so schäme. Ich möchte fliehen. Aber wie komme ich hier weg, ohne die Aufmerksamkeit des kompletten Tisches auf mich zu ziehen?

Ich suche Hapes Augen. Für eine Sekunde treffen sich unsere Blicke. Ich merke: Er schämt sich, mich zu kennen. Was denkt er denn jetzt über mich? Wahrscheinlich, dass ich hier an diesem Tisch im Mittelpunkt stehen will. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich will Luft sein. Nebel. Ich will gar nichts sein. Noch nicht mal mehr Isabel will ich sein.

Hape wendet sich begeistert und lachend dieser einen Frau am Tisch zu. Sie sitzt direkt neben ihm und trägt ein feuerrotes Latex-Outfit. Sie strahlt Selbstbewusstsein aus und Erfolg. Wahrscheinlich plant Hape einen Film mit ihr in der Hauptrolle. Vielleicht wird sie die neue Frau an der Seite von Horst Schlämmer. Sein neues „Schätzelein“.

Ich schäme mich so sehr. Als eine Frau von 60 Jahren habe ich dementsprechend schon ein paar Schwachstellen an meinem Körper. Mein Busen ist für mein Alter noch ganz okay, aber wenn ich den Bauch einziehe, wird’s schon schrumpelig. Also so eher etwas faltig.

Ich bete zum Himmel, dass ein Wunder passiert. Lieber Gott, mach, dass ich hier wegkomme.


Ich habe vor nichts Angst?

Zwei Wecker klingeln in diesem Moment. Ich schrecke hoch und setze mich auf die Bettkante. Ich atme schwer und schaue an mir herunter. Ich bin immer noch nackt. Aber ich bin in meinem Schlafzimmer. Kein Konferenzraum. Alle sind weg. Hape, die Dame in Latex und die ganzen Männer in Anzügen. Alles nur ein Traum. Ich könnte in die Luft springen vor Erleichterung. Ich muss später Hape anrufen und es ihm erzählen. Er wird sich kaputtlachen.

Ich stehe auf und schalte die beiden Wecker aus. Ich brauche immer zwei Wecker. Dann kann ich besser schlafen. Seit ich für die Sendung „Live nach neun“ im Ersten morgens um 4:48 Uhr aufstehe, muss ich sicher sein, dass ich wenigstens einen Wecker höre.

Aber trotz meiner Erleichterung, dass ich nur nackt bei mir zu Hause bin und nicht mehr in diesem Konferenzraum, begleitet mich dieser Traum durch den ganzen Tag. Was ist da bloß los in meinem Unterbewusstsein?, frage ich mich. Man müsste einen Traumdeuter fragen.

Stattdessen frage ich Dr. Google nach „Nacktheit im Traum“:

Das Nacktsein kann in Träumen eine wichtige Rolle spielen. Viele Menschen träumen davon, nackt zu sein …

 

Aber ich doch nicht! Ich scrolle weiter. Ah:

Häufig sind Träume von Nacktheit, in denen sich der Träumende sehr unwohl fühlt und sich verstecken oder bedecken möchte. Hierdurch kommt die Angst zum Ausdruck, im realen Leben bloßgestellt zu werden. Der Betroffene schämt sich, beispielsweise für ein bestimmtes sexuelles Bedürfnis.

 

Nein! Das trifft auch nicht auf mich zu. Ich war mit meiner Sexualität eigentlich immer ziemlich im Reinen. Ich lese weiter. Wir kommen der Sache langsam näher:

Der Träumende ist meist nicht selbstbewusst genug, offen zu allen Bereichen seines Lebens oder seines Charakters zu stehen, und fürchtet sich vor einer abschätzigen Meinung seiner Mitmenschen.

 

Dem Psychoanalytiker Sigmund Freud zufolge sind Träume vom Nacktsein ein Ausdruck einer unbewussten Sehnsucht: Der Träumende wünscht sich die Unbeschwertheit seiner Kindheit zurück.

 

Oooh nein! Das kann es bei mir nicht sein. Ich fühle mich wohl im Hier und Jetzt. Was aber sicherlich stimmt, ist, dass ich Ängste in mir habe. Angst, nicht anerkannt zu werden. Angst, zu versagen. Angst, nicht geliebt zu werden. Angst, zu verlieren.

Für diese Selbstdiagnose brauche ich keine Psychoanalyse – im Älterwerden wird mir immer mehr klar über mich selbst. Vor allem gestehe ich mir inzwischen ein: Ich HABE Ängste. Ich hatte schon immer Ängste. Dabei habe ausgerechnet ich diesen Satz quasi erfunden: „Ich habe vor nichts Angst!“

Tja, das stimmt natürlich überhaupt nicht. Es tut aber gut, ihn zu sagen. Egal wo. Im privaten Leben genauso wie auf dem beruflichen Feld. Dieser Satz beeindruckt das Gegenüber. Es lässt dich erfolgreich wirken. Alle sollen bitte schön denken: Die ist selbstbewusst. Die kippt nicht um. Die können wir nehmen, die kann das. Sieger erkennt man am Start. Verlierer auch.

Mir sagen so viele Menschen: „Isabel, du bist immer so mutig. Du traust dich was.“ Ja, ich finde mich auch manchmal ganz schön mutig – und zwar deshalb „mutig“, weil ich mich überwinden muss, weil ich Ängste habe. Denn Mut gibt es nicht ohne Angst. Wenn man keine Angst hat, muss man ja nicht mutig sein. Dann macht man einfach alles – ohne nachzudenken.

Ich empfinde es heute als etwas Befreiendes, meine Ängste anzuerkennen. Sie auszusprechen und zu ihnen zu stehen macht mich in diesem Moment angstfrei. Das wäre mir früher nicht in den Sinn gekommen.

Ich habe so viel Schönes und Berührendes erfahren während meiner musikalischen Lesungen mit meinem ersten Buch – vor allem durch die Begegnungen mit Menschen, die zu mir gekommen sind. Im Gespräch mit ihnen habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, sich zu öffnen und zu seinen Gefühlen zu stehen und sie mit anderen zu teilen. Nur wenn man die Hosen runterlässt, wird man beschenkt mit weiteren neuen Geschichten des Lebens. Und deshalb beschäftige ich mich in diesem Buch mit meinem persönlichen Thema: Ängste. Oder Ängstlichkeit. Was hatte ich in meinem Leben schon die Hosen voll. Du meine Güte!

Ein Grund dafür: Mein Leben ist geprägt von Neuanfängen. Während die meisten Menschen über Jahre einer geregelten Arbeit nachgehen – mit vertrauten Wegen und Kollegen, fange ich immer wieder von vorne an. Die meisten Menschen sind den Großteil ihrer beruflichen Jahrzehnte fest verankert in Zusammenarbeiten und erleben eher selten einen Wechsel. Und ich kann gut nachvollziehen, dass es etwas Wundervolles ist, tiefe Bindungen zu Kollegen aufbauen und pflegen zu können. Dann ist der Beruf das zweite Zuhause und sind die Kollegen die zweite Familie. In meinem Beruf ist es eher so: „Gehen Sie zurück auf Los. Ziehen Sie keine 4000 Mark ein und geben Sie die Ereigniskarte zurück.“

Wenn eine Tournee oder ein Engagement vorbei ist, heißt es jedes Mal Abschied nehmen, die Komfortzone verlassen und schnell die Würfel in die Hand nehmen und hoffen auf einen Pasch. Aber der Pasch lässt manchmal ganz schön auf sich warten. Diese Wartezeiten waren hart und manchmal endlos. Nach einer gewissen Zeit neigt die sensible Künstlerseele dazu, sich wertlos zu fühlen. Die Erinnerung an die eigenen Fähigkeiten und Talente verblassen. Sie faden aus wie das Ende eines Liedes. Bis man von sich selbst und seiner inneren Stimme nichts mehr hört. Stille.

Kaum auszuhalten!

Ich war schon immer völlig ungeeignet, mich in diese Zwangspausen fallen zu lassen. Mir mangelte es an Vertrauen, dass schon alles wieder gut wird. Dass ich es schaffe. Dass bald was Neues kommt. Der Grund dafür liegt in meiner Kindheit. Das habe ich herausgefunden durch Gespräche mit Freunden, aber auch mithilfe einer Therapeutin, die mich auf meinem Weg in die Vergangenheit begleitet hat. Die Kindheit soll und darf natürlich keine Entschuldigung für das gesamte Handeln im Erwachsenenleben sein, aber man findet im „Früher“ Erklärungen für sich. Und diese Erklärungen brauchen wir dringend, um uns selbst verzeihen zu können und Verständnis aufzubringen für unser Fühlen, Handeln und Sein.

Der Boden, auf dem ich aufwuchs, war keine gute Erde. Sie gab mir in meine kleinen Wurzeln keine Nährstoffe ab, keinen Dünger für das Selbstbewusstsein, keinen Glauben an mich selbst, weder Zuversicht noch Vertrauen. Ich hatte eine narzisstische Mutter. Sie schaute herab auf andere. Auf Menschen, die sie als nicht würdig und ebenbürtig empfand. Zu dieser Kategorie gehörte auch ich. Nicht immer – aber oft. Dieser Wechsel zwischen überschwänglichen Umarmungen und unkontrollierten Gewaltausbrüchen machte mein Kindsein immer wieder zu einer Tortur. Immer noch frage ich mich, wie ein so junger Mensch so etwas wegsteckt, wenn dir als Kind und Teenager ständig prophezeit wird, dass du es nie zu etwas bringen wirst, weil du nichts kannst. Es ist dann eine Lebensaufgabe, irgendwie die eigene Sicherheit zu finden. Und deine Liebe zu dir selbst.

Ich wusste viel zu lange nicht, dass es nicht schlimm ist, zu scheitern. Ich wusste nicht, dass ich immer wieder auf die Füße fallen kann und werde. Die Muttererde, auf der ich erwuchs, hat mich gehalten und verstoßen – gehalten und verstoßen – gehalten und verstoßen. Ich konnte nicht weg. Ich wäre so gerne weg. Doch die kleinen Wurzelbeinchen blieben stecken in dieser Erde, bis ich mich mit achtzehn selbst entwurzelte, um auf wackeligen Beinen und mit einem ziemlich großen Maul in die Welt zu ziehen. Mein großes Maul brauchte ich, um Ängste zu vertuschen. Nicht bewusst, es war nur ein Instinkt. Mein Instinkt trieb mich nach vorne. Laut und plump. Ganz nach vorne. Nur da wird man gesehen. Vorne in der ersten Reihe – da ist das Feuer am wärmsten. Da müssen die Liebe und der Applaus sein.


Man stirbt nicht so schnell

Heute halte ich erfreulicherweise das Selbstvertrauen und das Vertrauen in meinen weiteren Weg fest in meinen Händen. Ich pflege es fast liebevoll. Ich gieße es wie eine Blume, damit es nicht verwelkt. Ich suche und finde den Sinn in allem, denn alles macht irgendwie Sinn, auch wenn das Schicksal einen mal kurz parkt. In die Warteschleife schiebt. Geduld haben. Das gehört immer wieder zu meinen Entwicklungsfeldern: Geduld üben. Nichts tun – das fällt mir weiterhin schwer. Warten, bis die Würfel wieder fallen mit einem Pasch und man wieder losgehen darf auf das Spielfeld.

Mein Naturell möchte – nein WILL – etwas zu tun haben. Es will ein Blatt durch die Gegend tragen wie eine Ameise.

Vielleicht war ich ja in einem früheren Leben mal eine Ameise. Die müssen auch immer beschäftigt sein. Als Team tragen sie riesig große Blätter von A nach B und haben wahrscheinlich auch danach dieses wunderbare Gefühl, etwas geschafft zu haben. Wertvoll zu sein. Ein großes Blatt irgendwohin zu tragen hat ja auch was Erfüllendes. Jetzt denkt ihr sicher: Eine Ameise fühlt sich doch nicht wertlos oder erfüllt. Oder: Sie fühlt sich gar nicht. Sie ist nur Ameise.

Oh doch! Da habe ich was ganz anderes gehört! Ameisen haben sehr wohl Gefühle.

Wir hatten in unserer Morgensendung Live nach neun mal eine Frau zu Gast, die sich wissenschaftlich mit Ameisen beschäftigt. Sie erzählte uns Verblüffendes über dieses nicht besonders hübsche Tierchen. Ameisen sind sehr soziale Insekten. Sie handeln und leben nicht als Einzelgänger, sondern als Gemeinschaft. Während unsere Ameisenexpertin mit glänzenden Augen leidenschaftlich von ihnen erzählte, merkten wir, wie sehr sie sie liebt. Sie berichtete von einer Ameise, die für eine Kollegin umgedreht und einen 600 Meter langen Weg zurückgegangen ist, weil die Kollegin zu schwach war. Sie hat sie geholt und wieder zu den anderen gebracht. 600 Meter! Bei den kleinen Beinchen ist das umgerechnet in Menschenbeine ein ganzer Marathon. Da müssen doch Gefühle mit im Spiel gewesen sein! Seitdem sind mir Ameisen unglaublich sympathisch.

Bei einer wissenschaftlichen Studie hat man übrigens eine Ameise unter guten, artgerechten Lebensbedingungen, aber alleine beobachtet. Sie ist nach kurzer Zeit gestorben, während Ameisen in der Gesellschaft ein langes Leben bis zu einem Jahr haben können.

Ich habe so viel gemeinsam mit Ameisen. Ich würde auch ein verkürztes Leben haben in der Isolation, selbst wenn es in der luxuriösesten Villa in der Karibik wäre. Ich brauche Artgenossen um mich rum. Und ich bin – wie die Ameise – gerne im Team! In meinem Beruf habe ich sehr häufig völlig neue Leute um mich rum. Und da sind wir wieder bei den Ängsten. Ich spüre gleichermaßen Vorfreude auf neue Kollegen wie auch tief im Bauch brodelnde Ängste. Angst, ich könnte nicht akzeptiert werden. Angst, nicht zu genügen. Angst, ich kann denen womöglich nicht das Wasser reichen.

Ganz besonders geht es mir so vor den Proben für ein neues Theaterstück. Wenn dann der erste Probentag kommt, stehe ich plötzlich vor einem Haufen fremder Menschen, mit denen ich die nächsten zwei Monate täglich zusammen sein werde. Da ist es dringend notwendig, dass man sich gut versteht im Ensemble und einen Sympathie-Draht zueinander hat. Denn wenn’s losgeht, heißt es: Hose runterlassen. Auch wenn ich die Kollegen gerade erst kennengelernt habe. Und irgendwie ist man an jedem Anfang wieder ein bisschen nackt …

Wenn man ein neues Theaterstück einstudiert, braucht man Mut. Mut, dem wildfremden Regisseur etwas anzubieten, aber auch Mut, den noch nicht vertrauten Mitspielern Ideen „vorzutanzen“. Es fühlt sich an wie auf ganz dünnem Eis. Denn wenn man etwas anbietet, indem man es vorspielt, kann es auch peinlich werden. Wie viel Kritik vertrage ich? Wie ehrlich dürfen wir alle dann sein?

Hält man sich besser zurück und lässt die anderen erst mal machen? Nein, das ist nicht meine Art. Ich überwinde in solchen Momenten meine Ängste, „baden zu gehen“, mich nackt zu machen, doof und unfähig gefunden zu werden. Denn ich gehe hundertprozentig davon aus, dass die meisten Kollegen konstruktive Mitarbeit und Vorschläge erst mal mit Respekt honorieren. Abzuwarten ist feige. Es ist okay – aber feige. Ich brüste mich jetzt mal ganz unbescheiden mit meinen Heldentaten in Sachen „Überwinden meiner Ängste“. Dieses Überwinden geht mir heute natürlich leichter von der Hand. Denn heute weiß ich: Man stirbt nicht so schnell. Egal ob und wie sehr ich mich zum Affen mache, ich gehe daran nicht kaputt.

Ich überlebe es.

Und zwar gut!

Ein-Personen-Gerichte, gewürzt mit Erinnerungen und Geschichten

Kochbuch für den großen alten MannKochbuch für den großen alten Mann

„Kochen kann ganz einfach sein – auch für Männer.“

Männer tauchten in den Kochbüchern von Sybil Gräfin Schönfeldt immer wieder auf: Der Freund, der plötzlich Witwer wird, nie in einer Küche stand und nun im Hotel nebenan essen muss. Oder ihr hundertjähriger Onkel, der nie gekocht hat, solange seine Frau lebte, und sich nun in hohem Alter diesem Abenteuer stellt.

Für diese Männer und viele andere, die sich von Dosensuppen und Fertiggerichten ernähren, hat Sybil Gräfin Schönfeldt ihr Buch geschrieben. Darin bekommt „Mann“ viel Wissenswertes rund ums Kochen aufgetischt, garniert mit kleinen und großen Küchentricks und schmackhaften Rezepten. 

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Mit Scharfsinn und Witz porträtiert Susanne Mayer einen Lebensabschnitt

Blick ins Buch
Die Kunst, stilvoll älter zu werdenDie Kunst, stilvoll älter zu werden

Erfahrungen aus der Vintage-Zone

Vintage-Jahre! Irgendwann ist es so weit: Zeit für das Älterwerden. Wie sich das anfühlt, erzählt die Journalistin Susanne Mayer anhand eines biologisch unabwendbaren Selbstversuchs. Sie erkundet, klug und mit leichter Feder, wie es zu schaffen wäre, gut gelaunt durch diese späten Jahre zu kommen. Fazit: Vintage verlangt Gelassenheit, gegenüber den ehemals heißumkämpften politischen Zielen, den verlorenen Hoffnungen, alten Vorsätzen – und Haltung gegenüber dem, was kommen mag. Mit Scharfsinn und Witz porträtiert Susanne Mayer einen Lebensabschnitt und seine Bewohner.

ERSTE KNITTERUNG 

Kollisionen
Neulich musste ich sehr lachen, Altern wird so obsessiv! In der Zeitung wurde eine Schauspielerin zum Thema Altern befragt, Überschrift: „Anfang 30“, sie sagte: „Ich bin froh um meine Sommersprossen, weil man meine Falten nicht so sieht!“ Meine Falten? Anfang dreißig? Ich wollte gar nicht weiterlesen. Tat es leider doch. Ich las, die Frau ginge jetzt früher ins Bett und sehe morgens trotzdem zerknittert aus. Ich dachte: Liebes! Komm zum Frühstück, dann siehst du meine!
Da stand etwas von einem 26-jährigen Markus, der klagte, er bringe es einfach nicht fertig, sich von seinen Teenie-T-Shirts zu trennen, ja, warum – aus „latenter Angst vor dem Alter“. Im Ernst? Und Ronja von Rönne. Die Autorin ist so jung, dass die Feuilletons sie mit Jahreszahl nennen, wie: „Ronja von Rönne, 23“. Die frische Jungautorin, die auch schon mal als „wohlstandsverwahrlostes Schulmädchen“ rüberkommt, las auf einem Literaturwettbewerb einen Text, der vor Alterspanik schon selber Falten warf: „Ich denke daran, wie ich mit meinem Vater auf einem Konzert im Olympiastadion war, und dann denke ich daran, dass mein Vater altern und sterben wird und dass ich das miterleben werde, und ich muss auch sterben, und überhaupt alle, und dann ruft Grönemeyer Bochum, ich komm aus dir, und ich fange an zu schluchzen …“
Was geht ab? – jung gefragt. Es scheint einen hysterischen Rutsch in Richtung Altern zu geben. Womöglich ist es ja so, dass in einer demographisch entgleisenden Gesellschaft, wo der Trend zu immer mehr alten Leuten geht, nun schon die Jugend überrollt wird von dem Alterstsunami und – trendig, wie sie ist, die Jugend – auf den Trend aufspringt und mit den alten Alten jetzt ums Altsein wetteifert. 
Brillante Idee. Hätte man selber draufkommen sollen, also früher. Im Alter bella figura zu machen ist natürlich erheblich einfacher, weil man gar nicht alt ist, sondern noch jung und formvollendet. Es besteht leider ein wenig die Gefahr, dass die jungen Alten die echten Alten im Altsein abhängen. Auf Style-Blogs schütteln Jungmodels provozierend ihre grau gefärbten Haare. Girlies stratzen auf Instagram in neuen Omablüschen herum. Embrace your granny! Wer wirklich altert, dem wird natürlich oft ein wenig klamm bei dem Thema. 
Der Mann einer Freundin wurde fünfzig, und sie erzählte, er wolle das nicht feiern, offensichtlich ein Fall von echter Alterspanik. Sie regte an, ich möge ihn anrufen und ein wenig aufmuntern. Ich also rufe an, und er sagt pampig: „Und? Wie war dein Fünfzigster?“
Ich wähnte mich zum Zeitpunkt dieses Telefonats Jahrzehnte von fünfzig entfernt. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich just over forty liege, und fand Gelegenheit einzuflechten, dass einer meiner Ex in seiner Mail zu meinem vierzigsten Geburtstag geschrieben hatte: „Du bist der Neid aller Vierzigjährigen.“ Das war sehr nett von ihm, wenn auch meine Nachfolgerin natürlich zehn Jahre jünger ist als ich, Neufrauen haben meiner Erfahrung nach ein konstantes Alter von zehnjahrejünger. Als ich dann fünfzig wurde, brauchte ich zwei Jahre, um mich dem Fakt zu stellen. Ich feierte meinen fünfzigsten Geburtstag mit 52 Jahren. 
Als meine beste Freundin sechzig wurde, fuhr sie mit ihren Lieben nach Wien, weit weg von diesem Sechzigsten. Am Tag des Geburtstags stand ein junger Mann in der Straßenbahn auf und bot ihr seinen Platz an, noch nie hatte ein junger Mann oder irgendein anderer Mensch ihr einen Platz angeboten. Ein schwarzer Tag. Ich hörte es nur von ihrer Tochter, meine Freundin selbst wollte darüber gar nicht reden. 
Als ich selber sechzig geworden war, passierte etwas, was ich schon hatte kommen sehen. Mir wurde harsch beschieden, wie klapprig ich jetzt sei. Quasi Schrott. Die Situation war, dass ich, von rechts kommend, links abbiegen wollte – und fast mit einem Auto kollidierte, das mit Schwung aus dieser Nebenstraße auf die Kreuzung rauschte. Hätte mich fast gerammt. Sah aber toll aus, es handelte sich um ein tief geschnittenes, lang gezogenes Cabrio in der Tönung „Pistazie“. Am Steuer saß ein Gunter-Sachs-Verschnitt (der schnittige Gunter, auch schon tot, kennt ihn noch einer?). Der Typ hatte jedenfalls zu langes, zu fettiges Haar und trug dazu ein zu weit aufgeknöpftes Hemd, er brüllte: „Du dumme alte Fotze, du dürftest doch gar nicht mehr fahren, wieso hast du deinen Führerschein nicht längst abgegeben?“
Ein Hass-Ejakulativ! Premiere! Mein erstes Age-Ba-shing. Es stellten sich folgende Fragen: Wir kannten uns gar nicht, wieso also duzte mich der Kerl? Woher so viel Häme gegenüber einer Lady, deren Baujahr dem seiner Karre ähnlich war – ich war so vintage wie sein Cabrio, für das er offensichtlich tief in die Tasche gegriffen hatte. Und dumm? Für Sie immer noch Dr. phil., Sie Arsch. Als er Anstalten machte, sein Auto zu verlassen, winkte ich ein „Heute nicht, Süßer“ und gab Gas.
Offene Worte. Sind beim Thema Aging ja selten. Mein Coach sagt in aller therapeutischen Vorsicht, ich sehe „altersangemessen prima aus“. Das sagt auch mein Orthopäde, wenn wir über mein knirschendes Knie sprechen. Wenn ich meinen Friseur auf meine silbrigen Strähnen hinweise und frage, ob es Zeit für eine Tönung sei, sagt Steve, ein cool gestylter Schwarzer: „Auf gar keinen Fall!“ So was will man hören. Beim Friseur jedenfalls. Ich liebe es, mit Steve über Girlies abzulästern, denen zu Hairstyling nichts Besseres einfällt als ein kleiner blonder Dutt. Ja, wie Oma ist das denn? Zack, schneidet er meinen Pony ab, ein Dreißig-Jahre-Look, sehr hübsch, noch mal diese junge frische Zahl. Aber natürlich lasse ich mich nicht täuschen. Mein Sohn, der schon seit längerem zwei Kopf größer ist als ich und natürlich auch eine Freundin hat, die einen blonden Dutt trägt, sagte schon, als die Größenverhältnisse noch umgekehrt waren: „Mama, wieso hast du so dicke Adern an den Händen?“ Ja, verdammt, wieso? Würde ich auch gerne wissen. 
Es ist nicht, dass ich mir keine Mühe gebe. Ich habe eine App mit einem roten Herzchen auf weißem Untergrund, die mir meldet, wie viele Schritte ich hinter mich gebracht habe, und auch noch den Wochendurchschnitt und die monatliche Schritthöchstzahl anzeigt. In Zusammenarbeit mit meinem Hund halte ich mich auf Trab. Wir schaffen die von medizinischer Seite dringlich empfohlenen 10 000 Schritte mit links und kommen gelegentlich auf 10 bis 12 Kilometer am Tag. Ich trinke in Maßen, Rotwein, schon als vorbeugende Maßnahme gegen erste Verkalkungen der Halsarterie.
Ich finde es schön, dass es so angenehme Dinge wie Rotwein gegen Altern gibt, und habe mir vorgenommen, von meinem Hauswein Palazzo Antinori aus auszuschwärmen und so einiges durchzutesten. Auch Gin soll gut sein gegen das Altern, ich folge der Queen auf Twitter, fast jeden Tag gegen 17 Uhr heißt es: Gin o’clock! Die Königin von England ist auf diese Weise 89 Jahre alt geworden, ihre Queen Mom war auch eine Gin-Expertin und brachte es auf 102 Jahre, gerne würde ich im Buckingham Palace nachfragen, ob man aus hofprotokollarischen Erwägungen stets bei Beefeater geblieben ist oder auch mal Old-Raj-Gin probiert hat, zartes Safran-Aroma und im Ausklang Koriander, Zitrone und Orange sowie gemahlene Mandel, eine geschmackvolle weiche Erinnerung an das alte Empire. Womöglich aber politisch nicht korrekt?
Als mir die erste Krampfader drohte, oberhalb des linken Knies, übrigens lange bevor Söhne ein Thema waren, habe ich jeden Morgen stramme Fitnessübungen hingelegt, selbst in diesem heißen Sommer auf den Kykladen stand ich morgens am Fenster mit Blick auf die schroff gezackte weiße Felsenküste, die seit Odysseus’ Zeiten in der Sonne liegt und offensichtlich weder nachgibt noch irgendwie schwächelt oder hässlich nachpigmentiert, und schwenkte mein Bein, vor und zurück und vor und zurück, vor, zurück, vor, zurück. Das half, bis ich vor einigen Jahren dann eben doch beim Doktor um ein Venenstripping bat. Man will sich ja am Strand noch zeigen und nicht unter einer Burka Zuflucht suchen.
Alter kann sehr hintertückisch sein. Kommt in Schüben, sagte meine Mutter. Schlägt zu, wenn niemand Böses ahnt. Ich habe Freundinnen, die vom ersten Schub erwischt wurden, als sie dreißig waren, und sich seitdem die Haare färben. Ich kenne junge Männer, die noch vor dem ersten Kind die letzten Haare verlieren. Mein Hund, Farbe Zobel (schwarzbraune Decke über fedrig goldblondem Beinbehang), hatte schon mit einem Jahr die erste weiße Strähne, dort, wo sich im Nacken die Locken so niedlich professoral wellen. Er wird jetzt auch um die Schnauze herum etwas silbrig. Meine Kollegin Uschi sagt, das mache nichts, Jugend sei bei diesem Hund Charakter und würde bestimmt nie vergehen. Das ist natürlich unser aller Hoffnung! Aber sie trügt. Man kann die Leute verwirren, aber irgendwann ist der Punkt erreicht, wo die Karten auf dem Tisch liegen. Neulich, am International Newark Airport, New Jersey, beugte sich eine dralle Schwarze, so eine mit einem festen runden Arsch, mir entgegen und sagte: „Honey, don’t misunderstand me. You do look good!“ – Tatsache sei aber, wenn ich mich für das Seniorenticket für den Manhattan Transfer entscheiden könnte, hätte ich schon 2,50 Dollar gespart, bevor ich Manhattan auch nur erreicht hätte. Dröhnendes Lachen, als wären wir bei einer Gospel-Vorführung. Was bleibt einem übrig, als betont fröhlich einzustimmen?
Vor einigen Monaten, es war schon wieder Geburtstag, ich versuchte, ihn wie immer stilvoll über die Bühne zu bringen, Crémant in der Rosé-Variante und ähnlicher Schnickschnack, erzählte ich dem Kind stolz, eine Kollegin hätte gesagt, die 63 sehe man mir wirklich gar nicht an. „Kein Wunder, Mama“, sagte das Kind trocken, „du bist ja auch erst 62 geworden.“ Ja, so reiht sich plötzlich eine Niederlage an die nächste.
Es altern natürlich nicht nur Frauen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Angst vor dem Altern gerade Männern im Nacken sitzt, zu deren Genderausstattung es ja immer noch ein wenig gehört, keine Angst zu haben. „Ein betagter Mann ist ein klägliches Etwas, / ein zerfetzter Mantel auf einem Stock, es sei denn, / die Seele klatsche in die Hände und singe und singe lauter, jedem Fetzen in ihrem sterblichen Gewand zum Trotz.“ William Butler Yeats, der größte aller irischen Dichter! Yeats ist im Geiste stets ein waghalsiger Revolutionär geblieben, aber beim Thema Alter war er im Sound wie in diesem Gedicht „Segeln nach Byzanz“ doch etwas wehleidig. 
Der erste Satz dieses berühmten Gedichts lautet: „Das ist kein Land für alte Männer“, er wurde zum Inbegriff dieses Gefühls der Entfremdung, das sich nicht nur in einem älteren Mann verhakeln kann: „Die Jungen / einander in den Armen, Vögel in den Bäumen / – jene sterbenden Geschlechter – bei ihrem Lied / die Lachsfälle, die makrelenreichen Meere, / Fisch, Fleisch oder Vögel preisen den ganzen Sommer …“ Das hat den Sound von: Alle balgen sich inmitten eines glorreichen Sommers, der das Leben ist, aber man selbst ist aus dieser glorreichen Zeit herausgefallen.
Ja, man spürt gelegentlich eine Erstarrung, und sei es nur in den Knien. Man wählt den flachen Schuh statt der roten High Heels aus Straußenleder. Ich habe mittlerweile eine sehr hübsche Sammlung von flachen Schuhen. Gerade habe ich ein kleines Vermögen für einen in der Schweiz genähten Schuh in Taupe hingelegt, eigentlich nur, weil mich das Label an die Bergmassive erinnert, die trotz extremer Fältelung unerschütterlich den Zeitläuften trotzen, seit Millionen von Jahren. Aber da ist so eine Neigung, es sich abends zu Hause bequem zu machen. Plötzlich ertappt man sich, wie man nächtens auf medizinischen Online-Portalen rumhängt und sich beim Thema verklumpende Faszien festgelesen hat, von dort flüchtet man sich wieder in die erste Mad Men-Staffel. Wie süß Betty & Co. aussehen, in diesen tollen Vintage-Klamotten. 
Vintage wird jetzt so eine Haltung dem Leben gegenüber, die wie bei Yeats ein wenig sentimental ist und sich zugleich aber den schönen Dingen des Lebens entschieden zuneigt. Man guckt Mad Men und beschließt, nach der Flasche Old-Raj-Gin doch mal The Botanist zu probieren. Oder das süße Monkey-Label? Das wird zu viel? Da ist nun eine Dringlichkeit von wann, wenn nicht jetzt! Etwas Letztes bricht an, und wenn es auch nur die letzte Wanderung über die St.-Oswald-Scharte wäre, E 5, letzte Strecke vor Bozen. Es ist da jetzt etwas, was man nicht wirklich zu Ende denken mag. Man lebt ja noch. Man möchte das ganz langsam ausleben, das, was jetzt ist, so wie man während des Lesens eines tollen Buches sacht auf die Bremse geht, damit es nicht so schnell aus ist. 

Das Glück kennt keine Jahreszahl

Fit und beweglich im Alter

Blick ins Buch
Bonusjahre

Durch Bewegung, Meditation und Elastizität in ein erfülltes und gesundes Leben

Gesundheit und Wohlbefinden durch Beweglichkeit, kraftvolle Ausdauer und Tiefenentspannung

Frank Elstner und der Mediziner Prof. Dr. Gerd Schnack präsentieren in diesem Buch ihr Konzept für ein gesundes, langes und erfülltes Leben im Einklang mit den Prinzipien der Natur: Durch einfache und kurze Übungen für jeden Tag – ob zu Hause, unterwegs oder im Büro – aktivieren wir das Herz-Kreislauf-System, Muskeln, Faszien und Gelenke. So verleihen wir unserem Leben Dyna­mik und die notwendige Gelassenheit im Stressalltag.

 Vorgestellt werden einfache und kurze Übungen für jeden Tag – zu Hause, im Büro und auf Reisen:
* Das Energiewunder der Entspannungshocke als „Stretching Total“ für alle Gelegenheiten
* Das neue leichtfüßige Faszien-Jogging, überall als Kurzpause anwendbar
* Die neue Pausenkultur durch die Vagus-Meditation – die Tiefenentspannung zur Regeneration nach jeder Belastung im Stressalltag

„Gerd Schnack ist eines meiner Vorbilder. Er weiß, was hilft – und er lebt es glaubhaft vor.“
Frank Elstner

Vorwort

Mein Büro befindet sich in einem historischen Gebäude aus dem Jahr 1820, mitten in Baden-Baden. Hohe Decken kennzeichnen die Räume. Doch so schön hohe Decken in einem Altbau sind, sie führen dazu, dass man auf dem Weg in mein Büro, das im zweiten Stock liegt, viele Stufen überwinden muss. Nein, es gibt keinen Fahrstuhl. Treppensteigen ist angesagt.

Dieses Treppenhaus hat mir schon viele spannende Erkenntnisse verschafft: Wenn Gäste zu mir kommen, sehe ich schon von oben, wie die geplante Besprechung in etwa verlaufen wird. Da gibt es die dynamischen Kollegen, die zwei, drei Stufen auf einmal nehmen und die Treppe emporrasen – sie stürzen in mein Zimmer, wedeln mit Konzepten und Businessplänen und sind in Gedanken schon beim nächsten Meeting; das wird meist ein kurzer Termin. Dann gibt es die Bedächtigen, die eigentlich sowieso schon zu spät kommen, aber trotzdem langsam Schritt für Schritt nach oben stampfen. Sie nehmen jede Stufe genau in Augenschein und betrachten nebenher gemütlich die Bilder im Treppenhaus. Bei denen weiß ich, dieser Termin wird dauern ... Und dann gibt es noch die Untrainierten, die sich zuerst etwas verloren im Eingangsbereich umsehen – hoffend, dass es vielleicht doch irgendwo einen Aufzug gibt. Enttäuscht nehmen sie schließlich die Expedition in Angriff und steigen trotzig die Treppe hinauf. Ab und zu bleiben sie keuchend stehen und werfen einen prüfenden Blick nach oben: Wie lange wird die Tortur wohl noch dauern? Jede Stufe wird für sie zu einer Herausforderung, jeder Schritt ist begleitet von einem langsam anschwellenden Schnaufen – und ich weiß, auch dieses Gespräch wird sich hinziehen. Der Partner muss seinen Puls erst mal auf Normalwert herunterfahren ... Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nachhaltig beeindruckt war ich von einem Besucher, der im Sommer 2016 in eigenartigen Verrenkungen zu mir hochhüpfte. Manchmal schien er seine Füße zu verwechseln, und mehr als einmal fürchtete ich, dass er in dem weitläufigen Treppenhaus zuerst Rhythmus und Orientierung und dann den Halt verlieren könnte. Ich gebe zu, ich konnte und wollte ein Grinsen nicht unterdrücken. Gleichzeitig wurde mir ein bisschen bang, denn ausgerechnet mit diesem Mann wollte ich ein Buch über Fitness schreiben. Na, das kann ja heiter werden, dachte ich.

Der Mann, der mich an diesem Sommertag besuchte, war der Präventiv- und Sportmediziner Prof. Gerd Schnack. Zu diesem Zeitpunkt hatte er mir schon viele seiner Erkenntnisse und Übungen vermittelt, die Vorteile der naturrichtigen gegenüber den naturfalschen Bewegungen erklärt und voller Leidenschaft die Entspannungshocke und das Faszien-Joggen vorgeturnt. Die meisten seiner Vorschläge hatte ich ausprobiert. Vieles hatte tatsächlich recht schnell funktioniert, für einige Ergebnisse brauchte ich etwas länger, bei manchen Übungen bin ich noch heute nicht ganz so erfolgreich wie erhofft. Doch das wird schon werden; die Hauptsache ist, man setzt sich in Bewegung. (Zwischenzeitlich habe ich sogar versucht, die Hebb’sche Lernregel bei der Erziehung meiner Hunde anzuwenden. Ich muss sagen: Die ersten Ergebnisse waren recht ermutigend ...)

Wenn wir über „Bonusjahre“ reden, dann meinen wir, mein Koautor Gerd Schnack und ich, erfüllte Lebensjahre: Es sind dazuverdiente Jahre, die man erleben kann, wenn man sich einen Bonus verdient. Wir alle wissen und haben es oft genug gehört, was wir für diesen Bonus tun müssen: Wir müssen uns ernähren, am besten vernünftig, wir müssen uns bewegen, am besten täglich, wir müssen die eine oder andere lieb gewonnene Gewohnheit einschränken oder am besten ganz aufgeben.

„Jeder will alt werden, keiner will es sein“, meinte der Schauspieler Martin Held einmal. Und er hat recht. Wie mir scheint, setzen sich Schauspieler viel intensiver mit dem Altwerden auseinander als die meisten anderen Menschen. Zum einen, weil es die Rollen oft verlangen, zum anderen, weil sie sich permanent in verschiedenen Lebenslagen abgebildet sehen. So kann es passieren, dass man in einem aktuellen Tatort den brutalen alternden Clan-Boss spielt und auf einem anderen Programm in einer 50 Jahre alten Schnulze den tollpatschigen jugendlichen Liebhaber gibt. Dieses Doppelleben verursacht sicher eine spezielle Art der Schizophrenie.

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“, wusste aber auch Christoph Wilhelm Hufeland, der Leibarzt von Goethe, der noch weitere Berühmtheiten wie Friedrich von Schiller und Johann Gottfried Herder behandelte. Wenn Sie sich an das Zitat anderweitig erinnern, dann freue ich mich besonders, denn sehr wahrscheinlich denken Sie dabei an meinen Freund Joachim „Blacky“ Fuchsberger, der sich in bewundernswerter Weise mit dem – nämlich seinem – Alter beschäftigt hat und alles andere war als ein Feigling.

Seien wir also ehrlich: Wer 50, 60 oder – wie wir – schon 70 oder gar 80 Jahre auf dem Buckel hat, ist sicher nicht frei von Malaisen. Ganz ohne Zipperlein geht es im Alter für kaum jemanden ab. Dennoch können wir etwas tun: Wir können günstige Voraussetzungen schaffen, unsere Möglichkeiten nutzen und damit unsere Chancen auf den Bonus verbessern. Zwar werden wir nicht alle Risiken ausschalten können (wenn uns ein fallender Dachziegel im falschen Moment erwischt, hilft die ganze Fitness nichts), aber glücklicherweise kommt das nicht allzu oft vor: Die Statistik beweist, dass man heute als 65-jährige Frau locker 85 Jahre alt werden kann. Und ein 65-jähriger Mann tut gut daran, noch jede Menge Geld zu sparen, um an seinem 80. Geburtstag die große Feier mit allem Drum und Dran bezahlen zu können.

Natürlich gibt es keine Garantie, niemand kann ein sorgenfreies und gesundes Alter garantieren, durch keine Maßnahme der Welt. Manche kleineren oder größeren Gebrechen aber werden Sie vielleicht loswerden, wenn Sie die Tipps von Gerd Schnack befolgen, andere werden Sie hoffentlich gar nicht erst bekommen. Das würde uns freuen, denn nicht zuletzt deswegen haben wir dieses Buch geschrieben.

Dank seines unerschöpflichen Wissens kann uns Gerd Schnack viele Vorgänge des menschlichen Körpers und deren Auswirkungen auf unsere Fitness und unser Wohlbefinden verständlich machen – und auch genau erklären, was man gegen eine Vielzahl von alltäglichen Beschwerden unternehmen kann. Gegenüber vielen Fitnesspredigern hat er einen gewaltigen Vorteil: Er ist kein Theoretiker, sondern einer, der lebt, was er lehrt – auch wenn ich zugeben muss, dass das manchmal kurios aussieht. (Unter uns: Heute hüpfe auch ich die Treppe hoch. Wenn keiner zuschaut ...)

Gerd Schnack ist bereits jenseits der 80, geht aber problemlos für 60 durch. Am 5. Mai 2007 war er zum ersten Mal in meiner Sendung Menschen der Woche. Sein Thema: „Abnehmen durch Nichtstun!“ Tolles Thema. Toller Gast. Anlass für die Einladung damals: Eine Studie hatte gezeigt, dass sich die Deutschen zu wenig bewegen und zu viel essen. Knapp zehn Jahre später kommt eine weitere Studie zu dem erschreckenden Ergebnis, dass sich daran überhaupt nichts geändert hat, ganz im Gegenteil: Die Deutschen bewegen sich noch weniger als früher. 80 Prozent der Befragten verrichten keine intensive körperliche Arbeit, und 32 Prozent sind in ihrer Freizeit kein bisschen aktiv (DKV-Report „Wie gesund ist Deutschland?“). Fazit der Untersuchung: Über die Hälfte der Deutschen bewegt sich nicht genug. Und das, obwohl wir dachten, alle wüssten allmählich, wie wichtig Bewegung ist. (Übrigens: Männer und Frauen sind gleichermaßen träge, das Geschlecht macht in diesem Fall keinen Unterschied.)

Doch geht es in unserem Buch nicht nur um Gesundheit und Fitness. Wir wollen nicht nur ein paar Übungen vorstellen, sondern widmen uns auch den Hintergründen. Wenn man weiß, warum eine Übung welche Wirkung entfaltet, ist man vielleicht motivierter, sinnvolle Anstrengungen zu unternehmen, als wenn man nur mechanisch einer Handlungsanweisung folgt. Wir haben also kein medizinisches Lehrbuch geschrieben, sondern geben persönliche Anregungen, die wir von der besten aller Lehrmeisterinnen, der Natur, übernommen haben. Wie es dazu kam? Vielleicht kurz ein paar Zeilen zu uns.

Ich erblickte das Licht der Welt am 19. April 1942. Dieses Erblicken war perspektiv ziemlich eingeschränkt, denn ich hatte nur ein funktionierendes Auge. Das räumliche Sehen war dadurch erst einmal beeinträchtigt, doch wenn man zweimal gegen eine offene Tür rennt, passt man beim dritten Mal eben besser auf. Meine größten Feinde in der Jugend waren allerdings die Briefkästen, die überall in halber Höhe herumhingen. Die rechts von mir habe ich fast nie gesehen, ihnen verdanke ich so manches blaue Auge. Irgendwann lernt man aber, die Entfernungen einzuschätzen, da reicht dann ein Auge aus. Was mich jedoch von einer erfolgreichen Sportlerlaufbahn abgehalten hat, war meine Mutter. Sie war Künstlerin, besaß eine Unmenge an Fantasie und malte sich bei jeder Sportart, die auch nur ganz entfernt für mich infrage gekommen wäre, die fürchterlichsten Szenarien aus. Was, wenn eine Skispitze versehentlich das Gesicht ihres Sohnes rammte, ein Fuß- oder Handball mit Wucht in sein Auge donnerte oder gar ein Medizinball explodierte? Sie befürchtete, dass ich durch den Sport das einzig funktionierende Augenlicht einbüßen könnte, das ich besaß.

Eine Sportskanone konnte ich mit einer überängstlichen Mutter also nicht werden und richtig fit auch nicht. Zum Spott der Klassenkameraden über mein Aussehen kam die Kränkung, beim Wählen der Teammitglieder nie als Erster aufgerufen zu werden. Im Gegenteil, oft wurde ich eher als eine Strafe empfunden von der Mannschaft, die mich am Schluss nehmen musste.

Genug des Jammerns. Immerhin wurde ich trotz meines eingeschränkten Gesichtsfelds noch ein ganz passabler Tischtennisspieler – was vielleicht auch daran lag, dass keiner meiner Gegner aus meinem Blick so genau ablesen konnte, wohin ich eigentlich zielte.

Dass aus mir kein Olympiasieger geworden ist, daran ist also ganz allein meine Mutter schuld. Sie ist aber auch verantwortlich für eine andere Karriere, die meinen Interessen und Neigungen letztlich besser entsprochen hat. Ich wurde Rundfunksprecher, Moderator, Journalist. Begonnen hat das damals beim SWF in Baden-Baden: Für die Hörfunkproduktion von Bambi suchte der Sender ein Kind, das hochdeutsch sprach. Meine Mutter schlug mich vor, ich machte das Reh und merkte sofort, das hier ist meine Welt. Es folgten Aufträge im Kinderfunk, daneben die Schulzeit, danach das Angebot von Radio Luxemburg und 18 Jahre lang eine spannende und ergiebige Zeit in dem kleinen, aber vitalen und internationalen Nachbarland.

Politisch war ich nie sonderlich aktiv, das lag auch daran, dass ich als Kind so oft umziehen musste: in Linz geboren, in Wien getauft, über Brünn nach Berlin gekommen, dort eingeschult, in Köln umgeschult, dann weiter nach Rastatt und Baden-Baden ... Kein Wunder, dass ich bei dem ganzen Hin und Her nicht nur wenig Interesse an Politik entwickelte, sondern auch ein eher mäßiger Schüler war.

Trotzdem habe ich es später geschafft, mit Radio Luxemburg einen der angesagten Radiosender Europas zu managen und dort eine kompetente Nachrichtenredaktion aufzubauen. Einer der Gründe, warum ich mich dieser Aufgabe mit großer Hingabe widmete, war eine blutige Auseinandersetzung rund 10 000 Kilometer entfernt, der Krieg in Vietnam.

Dieser Krieg war auch für Gerd Schnack ein Ereignis, das sein Leben dramatisch veränderte. Er kämpfte gegen die Auswirkungen der grausamen Kampfhandlungen, nicht als Soldat, sondern als Arzt auf dem „weißen Schiff der Hoffnung“, wie die Vietnamesen das deutsche Hospitalschiff nannten, das von 1966 bis 1972 vor ihrer Küste lag. Deutschland wollte sich nicht militärisch an dem Krieg des Bündnispartners USA beteiligen, sondern wenn überhaupt nur humanitäre Hilfe leisten. Dazu benutzte man einen Dampfer, der die Nachfolge des Seebäderschiffs „Bunte Kuh“ angetreten hatte und zwischen Cuxhaven und Helgoland hin und her schipperte: die „Helgoland“. 1966 wurde das Schiff vom Deutschen Roten Kreuz übernommen und zu einem schwimmenden Krankenhaus umgebaut. Es folgte der bis dahin größte humanitäre Einsatz Deutschlands in einem Kriegsgebiet. Zwei Jahre lang war Gerd Schnack der chirurgische Leiter an Bord. Hier, in Da Nang, einer Großstadt in Südvietnam, wurden hauptsächlich zivile Opfer des Kriegs behandelt: von Minen, Granaten und durch Napalmbomben Verwundete mit schwersten Verletzungen, oft kleine Kinder, deren Haut verbrannt und deren Gesichter zerschossen waren. 11 000 Menschen wurden auf dem schaukelnden Schiff operiert, die Ärzte arbeiteten bis zur vollkommenen Erschöpfung. Auch wenn nicht alle gerettet werden konnten, die „Helgoland“ mit ihren Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern war die beste Klinik Indochinas. Die psychische Belastung der Helfer war enorm, der alltägliche Umgang mit oft grauenvoll verstümmelten Körpern ging an die Substanz. Das Bild dieses Kriegs war das kleine Mädchen Kim Phuc, das weinend nackt auf der Straße läuft. Kurz zuvor war sie von einer Napalmbombe getroffen worden. 2002 war Kim Phuc in meiner Sendung Menschen der Woche. Ich habe sie gefragt, was das für ein Gefühl war, voller Angst um sein Leben zu rennen und dabei fotografiert zu werden. Da erzählte sie, dass der Fotograf Nick Ut sie sofort nach dieser Aufnahme in ein Krankenhaus gebracht habe und sie ihm ihr Leben verdanke.

In diesem Krieg starben zwischen drei und vier Millionen Vietnamesen. 75 Prozent der Opfer waren Zivilisten. Während der täglichen Arbeit in dem engen Hospitalschiff, beim Kampf um jedes Leben, fragte sich Gerd Schnack oft: Wie konnte es sein, dass dieses kleine Land über solch einen langen Zeitraum dem übermächtigen Gegner standhielt? Die nordvietnamesischen Truppen waren den amerikanischen Streitkräften ja in allen Belangen hoffnungslos unterlegen. Was war das ­ Erfolgsrezept der Widerstandskämpfer? Auf diese Frage werden wir später noch zurückkommen.

Nach dem Einsatz auf dem „weißen Schiff der Hoffnung“ kehrte Gerd Schnack nach Deutschland zurück. Sein Weg führte ihn nach Hamburg, wo er sich verstärkt in der Handchirurgie weiterbildete. Dabei stellte er bedauernd fest, dass er als Arzt oft zu spät kam; häufig verloren die Operateure den Wettlauf mit der Krankheit und konnten, wenn überhaupt, nur unter großen Mühen heilen. Gerd Schnack erkannte die Möglichkeit, effektiver zu helfen, und zwar durch Prävention. Diese Methode entwickelte er vor allem bei einer Berufsgruppe, bei der Verspannungen und Verschleißerkrankungen an Muskeln, Sehnen und Gelenken an der Tagesordnung sind: bei den Berufsmusikern.

In Fernsehshows sind die Arbeitstage der Musiker geprägt von langen Wartezeiten, dazwischen gibt es Stellproben, Lichtproben, Soundcheck. Die meiste Zeit verbringen die Musiker in der Garderobe. Anders ergeht es den Mitgliedern der kleinen und großen Orchester, sie üben oft stundenlang. Zwei Drittel der Musiker leiden deshalb unter typischen Berufskrankheiten. Dabei geht es nicht nur um Hörschäden (obwohl: eingezwängt zwischen Pauken und Trompeten ist die Schallemission sicher nicht geringer als in unmittelbarer Nähe eines startenden Jumbo-Jets), sondern auch um extrem unnatürliche Haltungen, zu denen viele Instrumente die Musiker zwingen. Vor allem die Streicher können davon ein Lied singen, sie leiden fast immer unter Verspannungen und Gelenkschmerzen. Gerd Schnack hat schon früh erkannt, dass es in solchen Fällen nicht reicht, ein Fitnessprogramm aufzurufen, so umfangreich es auch sein mag. Um effektiv zu helfen, muss man in die Mechanik des menschlichen Körpers eindringen – oder, warum so bescheiden, muss man sich die Gesetze der Natur zu eigen machen. Dieses Vorhaben aber setzt voraus, dass wir diese Gesetze und Prinzipien überhaupt erst einmal verstehen. Und mit „wir“ meine ich in dem Fall nicht die Experten und Wissenschaftler, sondern Sie und mich.

Das ist auch einer der Gründe, warum ich dieses Buch mit Gerd Schnack zusammen schreiben wollte: Ich wollte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und vor allem, wie mir dieses Wissen hilft, einigermaßen fit älter zu werden. Goethe schrieb es schon vor 200 Jahren: „Die sogenannte Gesundheit kann nur im Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte bestehen, wie das Aufheben derselben entsteht und besteht nur aus dem Vorwalten der einen über die andern.“ Gesundheit ist also viel mehr als die Tatsache, dass wir uns nicht krank fühlen, keine Rückenschmerzen haben und uns über eine gut funktionierende Verdauung freuen können. Es ist ein Zustand, in dem wir unser Leben aktiv genießen und gestalten können. Und wer möchte das nicht?

 

Frank Elstner

  

 

Kapitel 1 : Die Vagus-Meditation

  

Frank Elstner

Alles muss im Gleichgewicht sein. Um ins Gleichgewicht zu kommen, müssen wir die richtige Balance zwischen Anspannung und Entspannung finden. Und zur Entspannung eignet sich am besten die Meditation. Prof. Schnack ist in Vietnam erstmals mit diesem Thema in Berührung gekommen. Und das hat ihn, wie er mir erzählte, nie mehr losgelassen. Warum?

 

Prof. Gerd Schnack

Weil die Meditation sicher einen großen Anteil daran hatte, dass diese von Krieg, Gewalt und Hunger bedrängten Menschen selbst noch unter den schlimmsten Umständen unglaublich gelassen bleiben konnten. Unvergessen ist für mich die hohe Schmerztoleranz, die ich selbst bei Kindern beobachten konnte. Noch heute sehe ich zwei Jungen ruhig und entspannt in der ­ Aufnahme sitzen. Die Röntgenaufnahmen zeigten zahlreiche Splitterverletzungen im ganzen Bauchraum verteilt – sie müssen unglaubliche Schmerzen gehabt haben. Sie haben es ertragen, ohne mit der Wimper zu zucken ... Oder ich sehe die junge Frau mit zahlreichen Oberschenkel- und Unterschenkelbrüchen, die so stark unter Schock stand, dass sie von den Schwestern kaum gehalten werden konnte – aber gar nicht wusste, was mit ihr los war. Wegen der vielen Frakturen und eben dieses Schockzustands hatten wir sie nicht sofort operiert, sondern wollten erst einmal die Arme und Beine in einer speziellen Extensionsbehandlung ruhigstellen – da werden schwere Gewichte eingesetzt, um die betroffenen Partien zu stabilisieren. Kurz ­ darauf wurde ich dringend in die Intensivabteilung gerufen, und plötzlich kam mir die Frau am Boden kriechend und alle Gewichte hinter sich herziehend entgegen. Ich habe dann drei große Extremitätenbrüche gleichzeitig operiert. Aber auch nach der Operation stand die Frau noch unter Schock, sie riss sich die Verbände von den Wunden, prompt kam es an einem Bein zu einer schlimmen Infektion – ich musste das Bein später amputieren.

 

Frank Elstner

Nicht gerade eine Erfolgsgeschichte ...

 

Prof. Gerd Schnack

Doch, denn nachdem dieser Schockzustand behoben war, war die Frau die Gelassenheit selbst. Alle Wunden verheilten komplett, ohne Komplikationen, sie konnte dann bald das Bett verlassen und war eine unsere nettesten und freundlichsten Patientinnen, all unsere Schwestern hatten sie ins Herz geschlossen.

 

Frank Elstner

Ich kann mir gut vorstellen, dass man auf der „Helgoland“ großen physischen und noch extremeren psychischen Belastungen ausgesetzt war. Es herrschte Krieg, man konnte jeden Augenblick selbst getroffen werden, dann die langen Schlangen von halb toten Kriegsverletzten, viele schwerstverwundete Kinder, das alles auf einem engen Schiff, das ja auch sicher mehr oder weniger heftig gewackelt hat. Wie war denn die „Helgoland“ ausgerüstet?

 

Prof. Gerd Schnack

Die war sehr gut ausgestattet. Wir arbeiteten auch eng mit den amerikanischen Hospitalschiffen „Repose“ und „Sanctuary“ zusammen, mit deren plastischen Chirurgen, mit den Neurochirurgen etc., denn diese Schiffe der Navy waren alle mit ausgewiesenen Spezialisten bestückt und hochmodern ausgerüstet.

 

Frank Elstner

Die Kriegsverletzten in der Ukraine, in Syrien, in ­ Afghanistan oder in anderen Kriegsgebieten wären sicher froh, wenn sie so ein Hospital hätten. Dort müssen ja teilweise unmenschliche Bedingungen herrschen.

 

Prof. Gerd Schnack

Vor allem, wenn 30 Schwerverletzte akut eingeliefert werden, wie ich das mehrmals auf der „Helgoland“ erlebt habe. Wir haben wirklich Tag und Nacht operiert, standen pausenlos im Einsatz. Und ganz ehrlich, das ging natürlich nicht spurlos an mir vorüber. Nach einem Jahr konnte ich das frische Blut der Verletzten nicht mehr riechen, ich musste ausgetauscht werden. Ich habe dann eine Zeit lang als Unfallchirurg im Hafenkrankenhaus Hamburg gearbeitet. Das Schicksal der vom Krieg verfolgten Menschen in Südostasien hat mich aber niemals wirklich losgelassen, und deswegen bin ich später noch einmal für ein Jahr nach Vietnam zurückgekehrt. Insgesamt war ich circa zwei Jahre der leitende Chirurg auf der „Helgoland“.

Unter dem Eindruck all der erschütternden Er­ eignisse in Vietnam nahm ich dann an einer Fernsehsendung über Meditation im Bayrischen Rundfunk Anfang der 70er-Jahre teil, in der ich eine Diskussion mit dem Sinologen Prof. Paul Ulrich Unschuld führen konnte. Das Thema Meditation hat mich seither nicht mehr losgelassen, ich habe alles gesammelt und gelesen, was ich zu diesem Thema finden konnte. Und manches hat mich zu neuen Erkenntnissen gebracht – zum Beispiel der Artikel in der Medical Tribune über einen Notfall in den Rocky Mountains. Da ist Folgendes passiert:

Ein amerikanischer Arzt findet im Hochgebirge einen Bergsteiger, am Boden liegend. Sein Herz rast mit 200 Schlägen pro Minute, er hat starke Brustschmerzen, eine „paroxysmale Tachykardie“ – also Herzrasen. Der medizinische Kollege hat nichts zur Behandlung zur Hand, erinnert sich aber an den Okulo-Ciliar-Reflex. Dieser tritt auf, wenn man auf den Augapfel drückt oder an den Augenmuskeln zieht. Die Reaktion darauf, wie bei jedem Reflex, kann man nicht willentlich steuern. Was passiert: Die Herzschlagfrequenz fällt deutlich ab, der Blutdruck sinkt. Also testet der Arzt diesen Reflex bei dem Bergsteiger und macht einige Minuten lang eine leichte Augenpressur. Und tatsächlich – nach kurzer Zeit halbiert sich der Herzschlag des Bergsteigers auf 100 Schläge pro Minute, die Herzschmerzen bilden sich zurück, und der Mann kann ohne fremde Hilfe ins Tal absteigen.

Diese Geschichte erzählte ich später einer Anästhesistin in Berlin. Sie antwortete, dass ihr diese Situation bekannt sei, denn wenn Augenärzte am Auge operierten und ständig mit den Händen auf die Augen drückten, müsse sie immer extrem aufpassen und bei der Operation eventuell den abgefallenen Blutdruck wieder durch eine stärkere Infusion in die Höhe treiben.

 

Frank Elstner

Und welche Folgerung haben Sie aus dieser Geschichte gezogen?

 

Prof. Gerd Schnack

Ich habe mir gedacht, dass dieser Reflex, der bei einer Augenoperation eigentlich eine unerwünschte Komplikation darstellt, etwas ist, was wir im Stress­ alltag dringend benötigen, nämlich eine ganz einfache Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Die Augenpressur sendet, vereinfacht gesagt, eine Botschaft an das vegetative Nervensystem, das daraufhin den Herzschlag verlangsamt und die Herzschmerzen abklingen lässt. Das vegetative Nervensystem steuert ganz viele lebenswichtige Körperfunktionen – die Herzfrequenz, den Blutdruck, die Verdauung, den Stoffwechsel, ja sogar das Immunsystem, außerdem checkt es, ob die Organe richtig funktionieren; Funktionen also, die man eigentlich mit dem Willen nicht beeinflussen kann. Deswegen heißt das Nervensystem „autonom“, was so viel bedeutet wie „nicht dem Willen unterliegend“, also „unwillkürlich“.

Bewegende Texte für alle, die das Leben lieben

Blick ins Buch
Ich trug ein grünes Kleid, der Rest war SchicksalIch trug ein grünes Kleid, der Rest war Schicksal

Geschichten von der Liebe

Was bleibt am Ende von der Liebe? Die Journalistin Gina Bucher hat mit vielen Menschen zwischen 60 und 95 gesprochen und lässt diese von der Liebe erzählen, die sie erlebt, vielleicht immer gesucht und manchmal auch nie gefunden haben. Gibt es die eine große Liebe? Wie sind die Befragten mit Krisen umgegangen, wie haben sie ihr Leben bewältigt, wenn der geliebte Mensch gestorben ist? Die Geschichten verdichten sich zu einem Psychogramm der Lebenserfahrung. Sie geben viele kluge Antworten auf die Frage, was eine glückliche Beziehung eigentlich ausmacht und zeigen: Verlieben kann man sich immer wieder!

Liebe ist alles

Was bleibt am Ende von der Liebe übrig ? Dann, wenn man zurückblickt und Bilanzen zieht. Wenn man sein Herz befragt, ob das Leben gut war, wie es war. Wie denkt man über das Leben, wenn es nichts war mit der Liebe oder kompliziert ? Und wie hält man die Liebe fest, wenn man sie einmal gefunden hat ? Wie lässt man sie los, wenn sich der Gefährte, wenn sich die Geliebte verabschiedet, um nicht wiederzukommen ?

Liebe ist alles. Das glauben die Jungen, und das bestätigen uns die Alten. Sucht man sie, meinen manche, das Glück hänge allein an der Liebe. Hat man sie gefunden, stellen viele fest: Es dreht sich tatsächlich alles um die Liebe. Beim Wort Liebe fällt mir der junge Mann ein, den ich an einem Sonntag dabei beobachte, wie er ungeschickt den Arm um die Taille seiner Freundin legt. Sein Versuch, sie festzuhalten, gerät derart steif, dass sie spazieren, als würden sie auf rohen Eiern laufen und nicht auf einem asphaltierten Bürgersteig. Was wird wohl aus der Liebe der beiden werden ? Mir fällt das Liebespaar ein, dem ich zufällig eines Montagmorgens im Zug begegne. 89 Jahre alt sind sie, halten sich an den Händen und küssen sich, als ob sie sich nie mehr wiedersehen würden. Beim Anblick beider Paare verglüht mir fast das Herz. Mir fällt aber auch die ältere Frau ein, die mir an einer Bushaltestelle ungefragt mitteilt, dass niemand auf sie warte und dass das auch gut so sei. Denn von der anderen Straßenseite her lacht uns von einer Plakatwand ein übergroßer, penetrant lächelnder, ergrauter Parship-Mann an, der uns beiden verspricht: „ Jemand wartet auf dich. “ Doch diese sichtlich zufriedene, ebenfalls grauhaarige Frau neben mir überführt die Werbeabteilung von Parship der Unwahrheit: Alleine durchs Leben zu gehen muss nicht schwerer sein als zu zweit. Letztendlich geht es ums Teilen und darum, dass man jemanden hat, der einen ständig auch ein bisschen verändert. Doch das können genauso gut Freunde sein.

Diese Beobachtungen waren Grund genug nachzufragen: Wie stellte man sich die Liebe mit zwanzig vor, und was ist später tatsächlich passiert ? Gefragt habe ich keine Soziologinnen, Psychologen oder Liebesforschende, sondern Experten und Expertinnen, die aus ihrem Alltag erzählen. Gefunden habe ich sie über Inserate in unterschiedlichsten Zeitungen, über Bekannte oder über Gesprächskreise. Manchen begegnete ich, weil ihre Enkel, ihre Töchter oder Söhne neugierig auf die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern waren. Und manche traf ich im Zug, in der Straßenbahn oder auf der Straße. Dass mehr Frauen das Bedürfnis hatten, ihre Geschichte zu erzählen, ist kein Zufall: Bei vielen Frauen ist der Mann bereits gestorben, und es ist einfacher, darüber zu reden, wenn er nicht mehr da ist. Abgesehen davon, dass Männer wohl tatsächlich weniger gern über Gefühle sprechen als Frauen. Auch dass die meisten Gesprächspartner Mütter und Väter sind, ist kein Zufall: In den älteren Generationen war es viel selbstverständlicher als heute, Kinder zu haben. Die Namen der Gesprächspartner und ihrer Angehörigen sind oft nicht dieselben wie jene Namen, die auf den jeweiligen Klingelschildern stehen. Denn manches Gegenüber wollte zwar gerne seine Geschichte erzählen, jedoch nicht die Gefühle seiner Kinder oder seiner Exgeliebten verletzen. Viele der Namen sind deshalb geändert. Und manche Passagen wollten einige Protagonisten dann doch nicht im Buch lesen: die Erkenntnis, dass der andere Aids in die Beziehung gebracht hat; der Seitensprung, von dem man dem Partner nie erzählt hatte; das Kind, das auch ein Kuckuckskind sein könnte. Gründe, die die Erzähler Lügen straften, die anfänglich behaupteten, sie hätten wahrhaft nichts Interessantes zu erzählen.

Auch wenn es ganze Bücherregale zum Thema Liebe gibt, tun sich die meisten Menschen schwer, über die selbst erlebte Liebe viel zu sagen: Ist sie glücklich, ist sie ein Aggregatzustand, der schwer zu beschreiben ist. Die naivste Frage, die man Verliebten stellen kann, ist denn auch, warum sie sich in ihr Gegenüber verliebt haben. Mag der entscheidende Blick noch so fern erinnert sein, die Antwort lautet stets ähnlich ratlos: „ Warum ? Keine Ahnung, darum. “ Trotz solcher Antworten habe ich diese Frage gerne gestellt, immer wieder. Denn Liebesgeschichten sind immer auch Projektionen: Es gibt tausend Varianten von Liebe, und jeder und jede hat dazu seine eigene Definition. Die einzelnen Aggregatzustände des Verliebtseins, des Geliebtwerdens und Loslassens sind rückblickend einfacher zu beschreiben, als wenn man mittendrin steckt. Doch Erinnerung ist meistens unzuverlässig. Erinnert sie sich an den Heiratsantrag in Würzburg, erinnert er sich an denselben Antrag in Paris. Andererseits: Spielt es eine Rolle, dass Erinnerung tatsächlich Erlebtes vergrößert, beschönigt oder auch verschlimmert ? Am Ende bleiben für die Gegenwart die subjektiven Erfahrungen der Vergangenheit, von denen man bestenfalls zehren kann.

Überhaupt, was, wenn die große Liebe nur ein Konstrukt ist ? Ein Antrieb, um lebenslang auf der Suche zu sein nach „ jemandem, der auf dich wartet “ ? Um dabei vielleicht auch etwas ganz anderes zu finden ? Sodass man am Ende wenigstens sagen kann: Ich habe danach gesucht. Auf die großen Fragen wird auch dieses Buch keine großen Antworten geben, sondern allerhöchstens viele kleine Erfahrungen auslegen. Erfahrungen, die sich übrigens von heutigen Liebessorgen und Ängsten gar nicht so groß unterscheiden, auch wenn sich die Umstände seit den Sechzigerjahren mit der Antibabypille und der BRAVO, mit der Aufhebung des Konkubinatsverbots, dem Gender Trouble und der gleichgeschlechtlichen Ehe grundlegend verändert haben: Die Nervosität vor dem ersten Mal, das Ausloten von Freiheit in der Zweisamkeit und die Angst vor der Einsamkeit, das alles kommt heute genauso vor. Nur dass die Achtzigjährigen noch viel weniger Worte für ihre Erfahrungen kennen als die Siebzigjährigen, die die sexuelle Revolution und Emanzipationsbewegung der 68er aktiver miterlebt haben. Dass gerade die Frauen – anders als heute – vieles mit sich selbst ausgemacht haben, ohne groß mit anderen darüber zu reden. Und dass Hollywood unser Bild von der Liebe wesentlich kitschiger gefärbt hat: Die Liebe, da würde mir meine Großmutter bestimmt zustimmen, wurde romantischer, seit sie weniger von ökonomischen Zwängen abhängig ist. Wobei sie wahrscheinlich ergänzen würde: Es sind vor allem die Ansprüche an die Liebe, die bei den jungen Leuten größer geworden sind. Schließlich kann ich heute alles auch alleine – weil die Frauen emanzipierter geworden sind und selbst arbeiten, weil die Männer emanzipierter sind und auch Kinder erziehen können. Übrig bleibt oft die pure Romantik: „ Ich will dich, weil du es bist. “ Was die Liebesbeziehungen nicht einfacher macht.

Spricht man mit den Jungen über die Liebe, bleibt der Eindruck, dass die Liebe ein schwer erklärbares, undefinierbares Wunder ist. Während die Alten oft nur verlegen die Achseln zucken und Banales hervorstreichen – „ Tja, ich war halt fünfzig Jahre verheiratet. Keine Ahnung, wie das mit der Liebe ist “ – oder schlicht Kleinigkeiten ihres Alltags erwähnen. Ernüchternd ist das nicht, sondern vielmehr beruhigend, weil sie eine Liebesgeschichte greifbarer machen. Es braucht kein Wunder zu geschehen – unter Umständen kann ein Glas Orangensaft als Auslöser genügen, um die große Liebe zu finden. Denn von den erzählten Geschichten bleiben am Ende viele Stichworte, die zum Anfangs-, Wende- oder Endpunkt einer Liebe führten: diverse Parkbänke, Orangensaft, ein Aftershave von Cacharel, eine Kuschelparty, ein Münztelefon, Grießbrei oder eben ein grünes Kleid. Und Stichworte, die das Glück entscheidend mitprägten, denn Geschichten über die Liebe sind immer auch Geschichten über das Leben: ein Grundstück, der Kirschbaum, aber auch Lohnkonten oder die Zahnpastatube.



Teil 1

Die Sehnsucht nach Nähe

suchen, finden, frei bleiben


Was ist denn eigentlich Liebe ?

Cornelia Feller, 82 Jahre

Ich war immer gerne für mich alleine. Erst jetzt mit 82 Jahren vermisse ich jemanden. Ich wünsche mir eine Freundin, noch lieber einen Freund, den ich morgens unkompliziert anrufen könnte, um zu fragen: „ Was machst du heute – essen wir zusammen ? “ Nicht einer, der ständig anrufen oder vor der Türe stehen, sondern jemand, den ich regelmäßig treffen würde. Keine Ahnung, wo man solche Männer trifft. Computer und Internet habe ich nicht, aber so würde ich sowieso niemanden kennenlernen wollen. Eher stelle ich mir vor, dass wir uns zufällig begegnen würden. Wahrscheinlich bin ich eine Romantikerin.

Zweimal war ich verheiratet. Heute frage ich mich, ob ich tatsächlich je geliebt habe. Die, in die ich mich verliebt hatte, wollten mich nicht. Und die, die mich unbedingt haben wollten, in die war ich womöglich gar nicht richtig verliebt. Ich habe mir nie Liebesfilme angesehen, die haben mich gelangweilt. Erst in letzter Zeit habe ich mir ein paar angeschaut, und sie haben mich sehr berührt. Haben mich aber auch traurig und wehmütig gemacht. Selbst wenn es in diesen Filmen oft nur darum geht, wie sich zwei Menschen begegnen. Und selten darum, was danach passiert – wenn zum Beispiel einer der beiden besitzergreifend wird. Seither frage ich mich: Was ist denn eigentlich Liebe ?

Meinen ersten Mann habe ich beim Jazz kennengelernt. Ich lebte da schon länger nicht mehr zu Hause, sondern wohnte mit einer Freundin zusammen. Wann immer möglich, gingen wir tanzen. Jeans und Pulli zogen wir erst im Klub an, denn Anfang der Fünfzigerjahre trugen Frauen noch keine Hosen, sondern Rock oder Jupe. Einmal auf einem Jazzball, ich tanzte gerade zu Bebop, kam ein Mann herein. Verkleidet als Neandertaler, ein Fell über die Schultern geworfen, blieb er an der Türe zum Saal stehen und starrte mich einfach an. Ich spürte seine Blicke. Sah ihn aber kaum, weil ich nie gerne meine Brille trug. Noch am selben Abend auf der Tanzfläche sagte er mir, dass er mich liebe. Das war verrückt ! Er fragte, ob wir uns wiedersehen könnten. Auf einen festen Freund hatte ich nicht so richtig Lust. Ganz im Gegenteil: Ich habe nie explizit nach einem Mann gesucht. Das Leben, das ich hatte, gefiel mir ganz gut. Ich tanzte mit verschiedenen Männern und wohnte mit einer Freundin zusammen. Gerne wäre ich Schauspielerin geworden und nach Paris gegangen, doch das traute ich mich nicht.

Dass mich einer so sehr wollte, das beeindruckte mich. Ich war gerade erst zwanzig Jahre alt, er fünf Jahre älter – er hatte aber ein Leben hinter sich, das ihn zwanzig Jahre älter machte. Er war unehelich aufgewachsen, in einem kleinen Dorf, war mit 16 Jahren von zu Hause weggegangen, landete schließlich in der Psychiatrie und bekam einen Vormund. Während unserer Ehe wurde er ein angesehener linker Schriftsteller, in meiner Generation ist er sehr bekannt. Als wir zusammenkamen, hatte er kaum Geld, nur wenig Kleider und hauste in einem winzigen Zimmer, in dem es sogar fast ein wenig stank. Er faszinierte mich. Also blieb ich. Am Anfang hatten wir lediglich, was ich verdiente. Er schrieb und begann sofort, mit einflussreichen Leuten Kontakt aufzunehmen. Dass sich unser Leben anders entwickelte, als ich mir das ursprünglich vorstellte, realisierte ich erst nach ein paar Jahren. Ich hatte mir mein Leben mit ihm anders, freiheitlicher vorgestellt: Schreiben kann er überall, also würden wir herumreisen, er würde schreiben und ich in einem Büro arbeiten, wenn wir Geld brauchten. Seine Manuskripte tippte ich ja ohnehin ab. Er aber bestimmte, und ich machte mit. Er wollte möglichst schnell Karriere machen, dafür brauchte er eine Familie. Und er wollte nicht, dass ich Schauspielerin wurde.

Wir heirateten, und bald darauf kam unser Sohn zur Welt. Damals sind Kinder häufig einfach passiert, ich wusste ja nicht einmal richtig, wie man verhütet. Obwohl ich da bereits eine Abtreibung hinter mir hatte: Als ich mit 18 von meinem damaligen Freund das erste Mal schwanger wurde, war ich furchtbar verzweifelt. Sie sollten mich nicht suchen, schrieb ich meinen Eltern in einem Abschiedsbrief. Denn ich dachte, in meiner Situation gebe es keine andere Lösung, als von einer Brücke zu springen. Meine Mutter fand mich, und zusammen gingen wir zu einem Spezialisten. Berührt hatte mich das nicht so sehr, auch Gewissensbisse hatte ich keine. Eher habe ich mich geschämt. Und gesprochen wurde darüber nicht. Auch meinem Mann erzählte ich später nie davon.

Über die Geburt unseres Sohnes freute er sich sehr. Ich selbst wusste zuerst gar nichts anzufangen mit dem Kind. Es war eigenartig. Ich kann nicht sagen, ich hätte dieses Kind gewollt. Früher wusste ich: Ich will nie ein Kind, nie ! Schlicht, weil ich selbst die Welt sehr negativ erlebt hatte. Und weil ich nicht wollte, dass ein Kind ähnliche Erfahrungen wie ich machen musste. Doch als ich meinen Sohn zum ersten Mal in den Armen hielt, fühlte sich das großartig an. Hilflos auch, weil ich ja keine Ahnung hatte, wie man mit Kindern umgeht. Ich spürte, dass ich ab da eine ganz besondere Verantwortung trug. So sehr, dass ich seit jenem Moment auch keine Selbstmordgedanken mehr hatte.

Zwei, drei Jahre bestimmt waren wir sehr glücklich. Die ersten Jahre blieb ich zu Hause, Kinderhorte gab es noch keine. Mein Mann arbeitete tagsüber beim Radio, um etwas Geld zu verdienen. Abends saß er bis 22 Uhr an seiner Schreibmaschine. Das weiß ich deshalb so genau, weil ab 22 Uhr die Nachtruhe galt und die alten Schreibmaschinen unheimlich laut waren. Er fing ja ganz unten an, mit einer Bürostelle, und machte innerhalb kurzer Zeit Karriere als Schriftsteller. Heute denke ich, dass ich sehr viel dazu beigetragen habe, dass er überhaupt schreiben konnte. Denn ich ließ ihn einfach. Konflikten aber ging er aus dem Weg. Wollte ich mit ihm über unsere Beziehung reden, sagte er nur: „ Ich liebe dich, ich sorge für dich. Was willst du denn mehr ? “ Das reichte mir aber nicht. Denn seine Liebe spürte ich nicht, und er ging ja überhaupt nicht auf mich ein. Er bestimmte, wie ich zu fühlen hatte. Ich weiß nicht, ob er mich tatsächlich so sehr liebte, wie er das immer behauptete. Mittlerweile weiß ich, dass er vor allem nicht alleine sein konnte.

Wir waren 16 Jahre verheiratet. Treu waren wir beide nicht. Ich wusste von ihm, dass er ein Verhältnis mit einem Abteilungsleiter im Radio hatte, obwohl er keineswegs schwul war. Als ich ihn darauf ansprach, stritt er es ab. Heute würde ich mich wehren ! Damals aber war ich schüchtern und verklemmt und nahm das einfach so hin. Heute bin ich ein ganz anderer Mensch. Eifersüchtig war ich nicht, aber es ärgerte mich. Erst viel später erfuhr ich, dass er auch andere Freundinnen hatte, und sogar mit einer Frau ein Kind. Davon hatte ich nichts gemerkt. Oder vielleicht war es mir auch egal. Es gibt viele Nebengeschichten, die ich nicht alle erzählen kann. Eine Liebesbeziehung hatte ich mit seinem Halbbruder. Ihn habe ich tatsächlich geliebt – und er mich. Er bewunderte mich als Frau seines großen Bruders. Er war ganz anders, wahnsinnig herzlich. Wir standen uns sehr nahe, mit ihm konnte ich träumen und Pläne schmieden. Nur zusammen sein konnten wir nicht, schließlich war er ja mein Schwager. Wir fürchteten, mein Mann, sein Bruder, könnte uns alle beide umbringen. Ich habe meinem Mann nie davon erzählt, aber er hatte es gemerkt, das weiß ich. Die Geschichte endete tragisch, als sein Bruder sich das Leben nahm.

Zweimal trennte ich mich von meinem Mann und kehrte beide Male wieder zurück. Hauptsächlich wegen meines Sohnes. Ich vermisste ihn, liebte ihn so sehr, dass ich es einfach nicht ertrug. Später bekamen wir noch eine Tochter. Erst die dritte Trennung war definitiv, weil da der Mann eine Rolle spielte, den ich später heiratete. Begegnet sind wir uns in den Ferien, die ich mit meinem ersten Mann verbrachte. Auch andere Künstler und Freunde waren da. Auch dieser zweite Mann sah mich und wusste sofort: „ Du gefällst mir. Du bist die erste Frau, die ich liebe. “ Eine Nacht lang wägte ich ab, überlegte hin und her – und entschied mich schließlich für ihn, verließ meinen ersten Mann noch während der Ferien. Wahrscheinlich wusste ich, dass ich es nicht alleine schaffen würde, von meinem ersten Mann wegzukommen. Doch die Trennung war happig. Mein erster Mann plagte mich, schrieb uns fürchterliche Schandbriefe, ich sei die letzte Hure und was weiß ich was alles. Später heiratete er noch zweimal. Die Erste sei mir ähnlich gewesen, sagte man. Sie trug wohl das Haar kurz, war auch groß und schlank – das war aber auch alles. Und doch: Er suchte mich offenbar wieder. Vielleicht war ich doch seine große Liebe ?

Auch beim zweiten Mann würde ich heute sagen: Richtig in ihn verliebt war ich nicht, nein. Er war Fotograf, einer, der viel arbeitete. Ich mochte ihn. Er spielte den Clown, der er aber gar nicht war, wenn man ihn besser kannte. Er wolle mir ein Haus bauen, sagte er. Ich wollte aber gar kein Haus. Noch immer wäre ich lieber nach Paris gegangen. Warum ich wieder den Vorstellungen eines Mannes folgte, statt meine eigenen Pläne zu verwirklichen, weiß ich nicht. Heute glaube ich, dass ich vor allem auf der Suche nach jemandem war, der mich gerne mochte, der mich liebte. Denn ich bin ohne viel Liebe aufgewachsen.

Mein zweiter Mann hatte ein gut gehendes Fotoatelier in einer anderen Stadt, also zog ich zu ihm. Wir heirateten, weil ein befreundeter Anwalt mir das nahegelegt hatte. Er kannte meine finanziellen Verhältnisse. Er wusste, dass ich nichts besaß, dass ich bei meinem ersten Mann auf alles verzichtet hatte. Geld war mir zwar nicht so wichtig, aber die Argumente sah ich ein. Auch mein zweiter Mann freute sich über die Gelegenheit, ein großes Fest zu machen, und so heirateten wir. Nicht in der Kirche, sondern in unserem neuen Haus mit einem richtig großen Künstlerfest. Für meine Kinder war jene Zeit schwierig, sie mochten diesen zweiten Mann nicht. Nach sieben Jahren Ehe trennten wir uns schließlich. Er hatte irgendwann eine Freundin, eine ganz junge. Wirklich wehgetan hat mir das nicht, nein. Es kam sehr überraschend, und ich hatte kein Geld. Ich suchte mir eine Stelle und zog weg. Auch wenn es keine lustige Zeit war, wirklich Angst hatte ich nie. Ich war nie verzweifelt. Ich merkte immer, dass das Leben weitergehen wird. Und das tut es faszinierenderweise auch immer !

Mein wirkliches Leben begann für mich erst nach der zweiten Scheidung. Da musste ich mein Leben wieder selbst in die Hand nehmen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich nach dem ersten Schock am Küchentisch in meiner neuen Wohnung saß und dachte: Jetzt bin ich wirklich alleine, und alles, was ich tue, liegt in meiner Verantwortung. Das war ein wunderbarer Moment. Seither habe ich mich sehr verändert. In eine Richtung, die ich mir eigentlich schon vor dreißig Jahren gewünscht hätte. Und doch: Mein Leben war gut so, wie es war. Nur so konnte ich an den heutigen Punkt gelangen.

Auch wenn ich selbst die Liebe eher als Abhängigkeit erlebt habe: Ich glaube nach wie vor an sie. An die Liebe, die beide frei sein lässt und wo zwei sich gegenseitig helfen. Ich weiß, dass es sie gibt, ich kenne solche Ehen. Mir ist es noch nie so gut gegangen wie jetzt. Nur das Alleinsein bereitet mir plötzlich Mühe. Mir fehlt der Garten, den ich vor drei Jahren aufgeben musste, als ich gestürzt bin, die Kinder, die unterdessen erwachsen, und die Enkel, die auch schon groß sind. Mir fehlt jemand, besonders morgens, wenn der Tag beginnt.

Einmal war ich mit einem Architekten befreundet. Von Anfang an stellte ich klar, dass ich gerne mit ihm zusammen sei, Ausflüge machte oder Ausstellungen besuchte: „ Aber mehr ist nicht. “ Er akzeptierte das und wusste: „ Wenn eine Frau nicht will, dann ist nichts zu wollen. “ Mit ihm entwickelte sich eine tolle Freundschaft. Wir wohnten nicht zusammen, aber unternahmen viel. Unterdessen ist er gestorben. So einen wie ihn vermisse ich. Es ist eine Binsenwahrheit, aber sie stimmt: Die guten Männer sind immer besetzt. Einem gestand ich einmal, dass ich mich in ihn verliebt hätte. Von nichts kommt ja schließlich nichts. Also fragte ich ihn, ob wir uns wieder einmal treffen würden. Er freue sich sehr, sagte er mir, aber er sei in festen Händen. Andere klopfen anzügliche Sprüche und Witze. Solche alten Glüschtler[1] gibt es viele. Von denen habe ich schon einige kennengelernt. Das finde ich ekelhaft.

Wäre ich nicht an meinen ersten Mann geraten, ich hätte vielleicht nie geheiratet. Es gefiel mir alleine. Es gefiel mir, zu arbeiten, mit einer Freundin zu wohnen. Ich hätte mir durchaus auch vorstellen können, ledig zu bleiben. Vielleicht hätte ich dann irgendwann den Mut gehabt, endlich wegzugehen. Am liebsten nach Paris. Dorthin wollte ich schon immer, geschafft habe ich es nie. Nach meiner Trennung hätte ich gehen können. Aber auch da traute ich mich einfach nicht. Ich hatte immer Sehnsucht nach der Freiheit, wusste aber eigentlich nie, was das überhaupt bedeutete.

Cornelia Feller freut sich sichtlich auf unser Gespräch. Denn, das hatte sie mir bereits am Telefon erklärt, sie denke in letzter Zeit öfter über die Liebe nach. Ihr Leben beschreibt sie als turbulent genug: „ Ich bin froh, dass ich so alt geworden bin, damit ich alles Erlebte überdenken kann. “ Wir treffen uns in einem Tearoom in ihrer Nachbarschaft, den sie vorher nicht kannte: Sie verkehrte ihr Leben lang in Bars, die in meiner Generation längst zu Legenden geworden sind. Die Kaffeemaschine steht etwas zu nah bei uns, und das Café ist besser besucht, als ich es angenommen hatte, gewisse Fragen stelle ich mehrmals. Erst mit der Zeit merke ich, dass sie ein Hörgerät trägt.

Den schwarzen Rollkragenpullover, sagt sie schüchtern, trage sie heute zum ersten Mal seit Langem wieder. Früher habe sie sich ausschließlich schwarz oder violett gekleidet: „ Da hatte ich auch noch längere Haare, wie Juliette Gréco. Sagt Ihnen dieser Name etwas ? “ Unterdessen trägt sie ihr Haar kurz mit einem Seitenscheitel. Cornelia Feller ist groß und schlank. Sie wirkt mit ihren grazilen Bewegungen um einiges jünger, als sie ist, auch wenn ihre rechte Gesichtshälfte manchmal zuckt und sie das Hörgerät je nach Geräuschlage neu einstellen muss. Dass sie mit ihrer entrückten Erscheinung für die Männer eine Muse gewesen ist, kann man sich leicht vorstellen.

Viele Passagen ihres Lebens, die sie mir an diesem schummrigen Winternachmittag erzählt, kommentiert Cornelia Feller mit einem hilflosen Achselzucken, mit einer seltsamen Distanz und einer Lakonie in der Stimme, als ob es nicht ihr Leben gewesen wäre: Sagt, dass sie sich an gewisse Situationen nicht mehr erinnere. Dass sie selbst nicht verstehe, warum sie so oder so gehandelt habe. Vieles bleibt vage. Und viele meiner Fragen erübrigen sich, weil sie sich diese genauso selbst stellt. Ihr Staunen über sich und die Welt ist entwaffnend, weil sie Fragen in den Raum stellt und keinen Hehl aus ihrer Melancholie macht, die sie schon immer begleitet habe. Selbstmordgedanken, sagt sie, seien ihr schon seit eh und je sehr vertraut: „ Ich dachte immer schon: Wenn ich es einmal nicht mehr aushalte im Leben, dann springe ich einfach von einer Brücke. “

Stellenweise zögert sie, mir alles zu erzählen. Sie will, schweigt dann aber doch. Ich frage sie, ob es ihr zu persönlich sei. Sie verneint. Sagt, dass sie viele Therapiegespräche, einzeln und in Gruppen, gebraucht habe, um offener, zufriedener, ja dankbarer für ihr Leben zu werden. Auch spirituelle Erfahrungen waren wichtig, sich selbst näherzukommen. Sprechen wir über die Gegenwart, blüht sie auf. Unterdessen flirte sie wieder mit jungen Männern, sie lächelt und streicht sich zufrieden die Armstulpen mit Leopardenmuster zurück: „ Was Männer immer tun, gilt bei Frauen ja als peinlich. Aber als ältere Frau kann ich das jetzt. “ Natürlich würde sie mit dem heutigen Wissen die Welt erobern, wäre sie nochmals zwanzig Jahre alt. Aber: „ Es ist wichtig, das alles erlebt zu haben, um überhaupt an einen gewissen Punkt zu kommen, um etwas über das Leben zu erkennen. “ Dadurch etwa, dass sie immer mehr Verantwortung für ihr Tun übernommen habe, sei sie auch ihrem Traum von Freiheit näher gekommen.

Seit der Pensionierung tanzt sie regelmäßig in einem Tanztheater. In der letzten Saison zusammen mit acht Frauen im Stück „ Rendez-vous “, in dem es darum ging, wie sich mehrere Frauen auf die Kontaktanzeige eines Mannes melden. In dieser Saison pausiert sie, denn es gehe um die Beatles, doch mit dieser Musik werde sie einfach nicht warm, schließlich hätten ihre Kinder die Beatles gehört und nicht ihre Generation, lacht sie.

Als wir uns Monate später wiedersehen, strahlt Cornelia Feller. Sie habe sich kurz nach unserem ersten Gespräch verliebt, und warnt im gleichen Atemzug, es sei allerdings kompliziert. Denn der Mann, den sie über ein Theaterprojekt kennengelernt habe, habe seit Jahren eine Lebenspartnerin. Trotzdem verabredet er sich mit Cornelia Feller und macht ihr Komplimente, zum Beispiel zu ihrem Haar, das sich wie Seide anfühle. Wir sprechen jetzt plötzlich über Schmetterlinge im Bauch und über die Aufregung, sich im Badeanzug mit einem neu kennengelernten Mann im Thermalbad zu treffen. Cornelia Feller freut das zuerst einmal, auch wenn sie skeptisch bleibt: „ Es ist ein großes Geschenk, dass es einen Mann gibt, dem ich gefalle. “ Überrascht, dass sie plötzlich wieder flirtet, ist sie nicht. Auch wenn andere Frauen in ihrem Alter mit diesem Thema längst abgeschlossen hätten: „ Ich denke nie, dass es vorbei ist. Warum auch ? “


[1] Lustmolche

Was uns die Weisheit hundertjähriger Menschen über das Leben, das Glück und die Liebe lehrt

Blick ins Buch
100 Jahre Leben

Hundertjährige geben Antworten auf die großen Fragen

Was uns die Weisheit hundertjähriger Menschen über das Leben, das Glück und die Liebe lehrt
Berührende Lebensweisheiten - In diesem Buch teilen Hundertjährige ihre Lebenserfahrungen und bieten verblüffende Antworten auf die großen Fragen des Lebens.

„Ein Buch voller bewegender Lebensgeschichten, die uns Lesern zeigen, welche Werte im Spiegel der Zeit wirklich zählen.“ Pflege leben

In wunderbaren Begegnungen und berührenden Gesprächen hat die Autorin Kerstin Schweighöfer verblüffende Antworten auf die wichtigsten Lebensfragen erhalten: Was macht eine gute Freundschaft, Beziehung oder Ehe aus? Wie kann die große Liebe zur Liebe des Lebens werden? Wie soll man umgehen mit Schmerz und Verlust?

Die Befragten lassen uns an ihren 100 Jahren Lebensklugheit teilhaben und ziehen uns mit ihrer Weisheit in ihren Bann.

  • Zehn Hundertjährige erzählen ihre Lebensgeschichte – von der Bäuerin zur Künstlerin, vom Priester bis zur Geschäftsfrau, von Cannes über München, Jena oder Dortmund bis London.

  • Geschenkidee - Ein ideales Geschenk für Frauen ab 60, die sich für Biografien und Lebensgeschichten interessieren.

Vorwort
Gedanken an das Altern schrecken uns oft ab. Wir denken an Tod und Einsamkeit, Leid und Siechtum. Wenn es um Hundertjährige geht, ist das merkwürdigerweise ganz anders: Auf einmal bekommt das Alter einen Glanz, etwas Geheimnisvolles, geradezu Mythisches umrankt es. Die Hundertjährigen ziehen uns in ihren Bann. Weil ihre Erfahrungen sie gelehrt haben, welche Werte im Leben wirklich zählen. Weil sie wissen, was es für ein gutes Leben braucht.

„Die Menschen vergessen gerne, dass es im Leben nichts Vollkommenes gibt. Und kein Recht auf Glück“, pflegt Mathilde zu sagen, eine alte Bäuerin aus dem Schwarzwald. Mit ihr hat alles angefangen. Gut ein halbes Jahrhundert liegt zwischen uns, alt ist sie für mich schon immer gewesen, und eigentlich kenne ich sie, seit ich denken kann. Von Schulausflügen und Familienfeiern in ihrer gemütlichen Schwarzwälder Bauernwirtschaft hoch oben auf dem Berg. Wenn Mathilde die Gaststube betritt, verstummen die Leute, um sie dann herzlich zu begrüßen und ihr die mitgebrachten Geschenke zu überreichen. Die alte Wirtin belohnt sie mit einem Gläschen ihrer speziellen Medizin, wie sie es nennt: einem Obstler. Dann streicht sie sich die weißgrauen Haare zurück und ihre Kittelschürze glatt, um mit leuchtend hellblauen Augen hinter silberumrahmten Brillengläsern einen ihrer nicht ganz salonfähigen Witze zum Besten zu geben. Das ist die Mathilde, wie ich sie kannte.


Eine ganz andere Mathilde habe ich kennengelernt, als ich siekurz vor ihrem 100.Geburtstag bat, mir aus ihrem Jahrhundertleben
zu erzählen. Dabei entstand die Idee zu diesem Buch überMenschen, die hundert Jahre alt geworden sind. Jene Zentenare, wie man sie nennt, denen es gelungen ist, sich schon ein ganzes Jahrhundert auf diesem Planeten aufzuhalten. Die ihre Eltern oder Großeltern durch die spanische Grippe verloren, ihre Väter bei Verdun und ihre Brüder oder Männer bei Stalingrad. Sie haben noch mitbekommen, wie Kutschen durch Autos ersetzt wurden, sie haben die ersten Vitamine geschluckt und die ersten Telefone ausprobiert. Die Erfindung von Staubsauger, Reißverschluss, Nylonstrümpfen und Kugelschreiber hat ihnen das Leben erleichtert und die Entdeckung von Insulin und Penicillin das Leben gerettet.

Die heutigen Zentenare haben die Einführung des Wahlrechtes für Frauen erlebt, Charles Lindberghs Flug über den Atlantik, den Reichstagsbrand und die Nürnberger Prozesse, Mauerbau und Wiedervereinigung. Sie standen an der Wiege eines Vereinten Europas, waren Zeitzeugen der Gründung des Staates Israel, der Geburtsstunde von UNO und BRD. Aber auch beeindruckende Karrieren, bewegende Liebesgeschichten mit persönlichen Hochund Tiefpunkten hat es für sie gegeben.

All das gilt auch für die zehn Zentenare, die ich nach Monaten der Recherche finden konnte und die bereit waren, mir für dieses Buch aus ihrem Leben zu erzählen: angefangen bei Hausfrauen und Bäuerinnen wie Mathilde über Ingenieure und Wissenschaftler bis hin zu Priestern und Künstlern. Aus Deutschland, Frankreich und England, den Niederlanden, Ungarn und der Schweiz.

Die meisten von ihnen sind Frauen, was daran liegt, dass wir es mit einer Generation zu tun haben, in der Frauen nicht nur deshalb älter werden konnten, weil sie nicht auf den Schlachtfeldern Europas gefallen sind, sondern auch, weil ihnen männliche Laster wie Rauchen und Trinken noch fremd waren und sie sich auch in dieser Hinsicht noch nicht emanzipiert hatten.

Ihre Lebensgeschichten sind geprägt vom Mut, den es immer wieder braucht, um neue Wege einzuschlagen. Von Lebenslust und Weisheit. Von Reue, Einsichten, Aufbegehren und Akzeptanz. Von Tragödien und Trauer, etwa über den Verlust des Partners oder gar eines Kindes. Vom Hadern mit dem Schicksal und vom Zweifeln an Gott. Was würden sie heute anders machen – und warum? Was gerade nicht? Glauben sie an Zufall, an Vorbestimmung – oder nach wie vor an Gott? Und wie bereiten sie sich auf den Tod vor?

Zwei von ihnen wollten aus Rücksicht auf ihre Angehörigen nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Denn im Laufe unserer Gespräche haben sie mir so manches überraschende Geständnis gemacht, so manches Geheimnis preisgegeben. Von Mathilde, der Bäuerin, erfuhr ich, welch hohen Preis sie für ihre Untreue zahlen musste. Annemarie, eine inzwischen 105 Jahre alte Dame aus München, erklärte mir, wie sie ihre Ehe trotz eines Seitensprungs ihres Mannes retten konnte. Und Gerrit aus Rotterdam berichtete mir von seinem Doppelleben, das er bis ins hohe Alter führte, weil eine Scheidung für ihn nicht in Frage kam.

Was ist das Geheimnis einer stabilen Ehe? Nehmen wir Leidenschaft und Sex vielleicht heute zu wichtig? Wie fatal sind Seitensprünge Sind enge Freunde für ein gutes Leben wichtiger als ein Partner? Braucht es für ein erfülltes Leben Kinder?

Für Jeanne aus Paris waren die Kinder das Wichtigste im Leben, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Tochter in ihr Unglück lief. Die Schweizer Schreinerstochter Agnes musste akzeptieren, dass ihr Mann keine lebensfähigen Kinder zeugen konnte, führte aber dennoch ein von Liebe erfülltes und darüber hinaus filmreifes Leben, das sie aus der Schweizer Provinz erst in die besten Londoner Kreise und anschließend nach Dakar und Cannes führte. Abenteuerlich auch das Leben von Beatrice, einer englischen Lady wie aus dem Bilderbuch – die trotzdem mit dem Jeep durch Steppen und Wüstenlandschaften bretterte, nachts dem Heulen der Wölfe lauschte und tagsüber mit Steinen wilde Hunde vertrieb. Beatrice war mit Leib und Seele und bis ins hohe Alter hinein Archäologin, immer auf der Suche nach neuen Fundstätten.

„Jeder Mensch braucht im Leben etwas, das ihn ganz besonders fasziniert – sonst lebt er nicht“, findet sie. Für sie war der Beruf Berufung, als Arbeit hat sie ihn nie empfunden. Denn, wie sagt es eine Lebensweisheit so treffend: „Wer das tut, was er will, braucht nie zu arbeiten.“

Aber auch Beatrice hatte nicht nur Glück im Leben und viele Widerstände zu überwinden. Der Lebensmut, den viele Zentenare aufgebracht haben, um ihr Leben dennoch selbst in die Hand zu nehmen, hat mich tief beeindruckt. Zumal ich mir wie nie zuvor in meinem Leben darüber bewusst wurde, wie ungeheuer privilegiert ich bin. Dass ich das Recht hatte und habe, lernen zu dürfen
und eine Ausbildung zu machen. Dass ich zu einem hohen Grad selbst bestimmen konnte, wie mein Leben bisher aussah. Dass ich selbst entscheiden konnte, wie ich es finanziere und wo ich es mit wem verbringe.

Anno 2015 sind das Selbstverständlichkeiten, zumindest in unserer westlichen Welt. Für die Menschen in diesem Buch, vor allem für die Frauen, war das nicht so. Nicht immer waren die Widerstände überwindbar. Manchmal blieben Freiheit und Selbstbestimmung unerreichbare Ideale. Trotzdem betrachten die meisten ihr Leben nach wie vor als Geschenk.In diesem Buch können Leserinnen und Leser zehn Hundertjährigen begegnen. Es sind Bekanntschaften, die beeindrucken und die sich lohnen: Ältere werden ihnen regelmäßig beipflichten und manches wiedererkennen können; Jüngere werden zumindest aufhorchen, wenn nicht staunen. Weil die Welt in hundert Jahren eine so völlig andere geworden ist. Und mit ihr unser aller Leben.

Aber ganz egal, in welcher Epoche wir leben und wie unterschiedlich unsere Leben verlaufen: Unsere Wünsche und Sehnsüchte sind dieselben geblieben. Egal, ob anno 1915 oder 2015 – immer noch verlangen wir Treue und Loyalität von den Menschen, die uns nahestehen, immer noch brauchen wir Anerkennung und Lob, nach wie vor streben wir nach Liebe und Glück als höchste Lebensziele.

Die Hundertjährigen in diesem Buch haben in Erfahrung gebracht, was wir vom Leben und unseren Mitmenschen erwarten dürfen und sollten – und was besser nicht. Sie wissen, welche Werte und Konstanten es als Rüstzeug braucht, um aus einem Dasein ein erfülltes zu machen. Ihr Erfahrungsschatz kann für uns zu einer immensen Stütze und Wissensquelle werden – sowohl für die großen Lebensziele, die wir uns stecken, als auch für die kleinen Momente des Alltags.


„Auch wenn einem Schlimmes widerfährt:
Das Leben bleibt ein Geschenk“


Nicht nur für "alte Frauen" empfehlenswert

Kochbuch für die kleine alte FrauKochbuch für die kleine alte Frau

Was koche ich für mich allein?

Wie Sybil Gräfin Schönfeldt diese tägliche Frage eines jeden Alleinlebenden löst, ob Witwe, Witwer oder Single. Wie sie aus dem Reichtum ihrer Erfahrungen als Food-Journalistin und aus dem Schatz an Familienrezepten schöpft und mit ihrer lebenslangen Liebe und Lust am Kochen Ideen für Ein-Personen-Gerichte entwickelt. Was ihr schmeckt, wo sie isst und was sie isst. Das ist so locker und leicht, so anregend und amüsant erzählt wie ein bunter Reigen.
Dieses Kochbuch ist eine kulinarisch-autobiografische Köstlichkeit.

„In den kleinen Geschichten, die zu jedem Rezept gehören, spürt man die lebenslange Lust der Autorin am Kochen. Und am Leben natürlich.“ Christine Westermann

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Wenn sich das Eltern-Kind-Verhältnis umkehrt

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Nicht mehr wie immerNicht mehr wie immer

Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können: Ein Wegweiser für erwachsene Kinder

Wenn sich das Eltern-Kind-Verhältnis umkehrt
Irgendwann merken wir, dass unsere Eltern nicht mehr so können, wie sie wollen. Als Kinder fühlen wir uns hilflos und fragen uns, was wir tun können. Katja Werheid zeigt, wie wir für unsere Eltern da sein können, ohne sie zu bevormunden, und wie wir trotz alter Konflikte Frieden schließen, ohne dabei faule Kompromisse einzugehen. Denn wirklich erwachsen sind wir erst, wenn wir uns eingestehen, dass unsere Zeit mit den Eltern endlich ist. Sie aktiv zu gestalten, indem wir möglichst früh miteinander ins Gespräch kommen, ist die wichtigste Voraussetzung, um unsere Elternbeziehung zu vertiefen.

Vorwort Ein Gespenst geht um
Unter uns „Mittelalten“ geht ein Gespenst um. Es schleicht sich ein, man merkt es anfangs kaum, versteckt hinter dem lauten Getöse von Midlife-Crisis, Pubertät der Sprösslinge, Bandscheibenvorfall und Menopause. Erst zeigt es sich nur ab und zu, ein rasches Huschen um Mitternacht kurz vor dem Einschlafen. Da können wir es noch ignorieren. Doch es kommt immer wieder – bei manchen still und unheimlich, bei manchen als Poltergeist im Zuge einer plötzlichen schlechten Nachricht. Das Gespenst geht nicht mehr weg. Sein Name? Die banale wie unumstößliche Einsicht: Unsere Eltern werden alt.
Alt werden ist aber noch nicht alles. In diesem Falle könnte man sich trösten, mit sinnigen Sprüchen wie: „Man ist so alt, wie man sich fühlt ...“ Auch ein kleines gefühlsmäßiges Age-Lifting würde dagegen vielleicht helfen. Ein neues Hobby, ein Fitnessclub-Abo – wenn gewünscht, könnten wir unseren Eltern bei der Suche nach dem „Uplifter“ assistieren. Nette Geste, aber auf Dauer leider zwecklos. Denn was noch schlimmer ist: Unsere Eltern werden gebrechlich.
Gebrechlich ist eines dieser schönen altertümlichen Eigenschaftswörter im Deutschen, das irgendwie nach „zerbrechlich“ klingt. Moderner und klarer formuliert heißt das: Unsere Eltern sind chronisch krank. Sie stürzen immer öfter, sie brauchen Wochen bis Monate, um sich von häufiger werdenden Gesundheitsproblemen zu erholen, die früher Bagatellen waren. Sie erblinden oder ertauben langsam, trotz Star-Operation und Hörgerät, und landen hin und wieder im Krankenhaus. Und wir, die wir sehen und hören und leidlich geradeaus denken können, bekommen das mit. Ob aus der Ferne oder Nähe, wir spüren: wir können diese Abwärtsspirale nicht aufhalten. Es ist der Lauf der Zeit, der Lauf des Lebens. Natürlich wissen wir das, aber es ist schwer, es zu akzeptieren und auszuhalten.
Dass unsere Eltern alt werden mit allem, was dazugehört, ist auf den ersten Blick sicher kein SmallTalk-Thema. Doch bringt man es auf den Tisch – im Gespräch mit Freunden oder mit netten Kollegen beim Mittagessen, rückt es sofort in den Mittelpunkt. Denn alle kennen es, alle spitzen die Ohren. Möchten erfahren, wie die anderen damit umgehen und erzählen, wie es ihnen selbst ergeht. Probieren Sie es mal aus: Stellen Sie sich auf einer Party zu zweit in die Küche. Wählen Sie einen lockeren Ton, nicht zu schrill und nicht zu laut, aber doch gut hörbar für die Umstehenden. Erzählen Sie eine kleine Anekdote, vielleicht zunächst über einen Onkel, das ist nicht so nah. Nach kurzer Zeit werden Sie nicht mehr allein in der Küche stehen: „Also, wenn ich dazu mal was sagen darf ...“ – „Ich kenn das auch ...“ – „Bei uns läuft das ähnlich ...“
Ich selbst habe eine solche Situation erst vor Kurzem erlebt, als ich mich mit einer Freundin im Café über autofahrende ältere Verwandte unterhielt. Wir tauschten kleine Geschichten darüber aus, welche verblüffenden Argumente unseren Altvorderen einfallen, um zu begründen, warum sie weiterhin die parkplatzmäßig unpraktischsten und unökologischsten aller Autorassen für Tausende Euro jährlich in der Garage durchfüttern, um sie ein- bis zweimal pro Woche mit großem Aufwand zu satteln und durch den Stadtverkehr zu manövrieren. Trotz mehrerer Unfälle, Augen- und Parkinsonkrankheit, allerbester Nahverkehrsanbindung und ausreichend verfügbarem Bargeld für ein Taxi bis Teheran. Und das dreißig Jahre nachdem sie uns das Mofa verboten haben! Dabei waren wir damals bei allerbester Gesundheit, wollten – wie sie heute – nicht über Tempo 50 fahren und hatten uns die Mäuse für den Kauf des knatternden Gefährts selbst zusammengespart. Das sei hinausgeworfenes Geld hieß es, Ende der Diskussion.
Sie konnten damals nachts vor Sorge kein Auge zumachen, bevor unser 18-jähriger Freund (Fahranfänger mit großem „A“) uns nicht wohlbehalten nach Hause gebracht hatte. Das fiel unter die Kategorie „behütet aufwachsen“. Wir aber sollen uns heute keine Sorgen machen, völlig unnötig. Das große „AH“ für Fahr-Aufhörer ist kein Thema. „Behütet Altwerden“ ist erst angesagt, „wenn wir gar nicht mehr können.“ Bloß wann ist dieser Zeitpunkt gekommen? Und wer legt ihn fest? Können wir darauf vertrauen, dass unsere Eltern diesen Wendepunkt schon erkennen werden, oder ist es an uns, sie darauf aufmerksam zu machen? Stichwort: wer hütet wen?
Aber zurück zur Episode im Café: Schon nach kurzer Zeit diskutierten wir zu fünft über Oldies und ihre Autos. Der Kellner steuerte eine Anekdote über seine 93-jährige Großmutter bei, die ihn jedes Mal, wenn er ihr anbot, sie zum Arzt zu fahren, verdächtigte, scharf auf ihre breite Volvo-Schüssel aus den Achtzigern zu sein. Dabei sei er überzeugter Car-Sharer. Das Pärchen vom Nachbartisch berichtete über ein ausgefeiltes System von Maßnahmen zur Vorbeugung von familieninternen Auffahrunfällen in der Doppelgarage des Elternhauses. Die Eltern würden etwa einmal pro Woche Auto fahren, und zwar jeweils das eigene. An den Garagenwänden und zwischen den Autos stapelten sich alte Reifen und Gartenstuhlauflagen, alles zur Vermeidung von Dellen und Kratzern, zusätzlich zu den serienmäßig eingebauten Pieps-Einparkhilfen der beiden Autos und eigens installierten elektrischen Lichtschranken mit Warnton in der Garage. Diese Armada von Vorsichtsmaßnahmen erschien ihnen naheliegender als Veränderungen in Bezug auf die Stahlrösser selbst. In allen anderen Bereichen dachten sie konsequent pragmatisch. Wenn die Schwiegertochter ihre High Heels vor dem Ausgehen vorsorglich mit Gel-Polstern ausstattete, hieß es: „Wozu brauchst du die hohen Dinger überhaupt – du bist doch schön groß?“ Unsere spontane Runde geriet zur schmunzelnden Selbsthilfegruppe: Hilfe, die Vernunft unserer Eltern macht halt vor dem eigenen Garagentor!
Kein Wunder, dass uns das Thema interessiert: Eltern haben wir alle. Egal ob sie in traditioneller Ehe, getrennt, neu liiert oder alleinstehend leben. Ob sie weit entfernt wohnen oder nebenan, in der Großstadt oder auf dem Dorf, ob wir sie täglich oder nur einmal im Jahr treffen – wir sind lebenslang mit ihnen verbunden. Selbst diejenigen, die sehr selten oder konfliktbeladenen Kontakt zu ihren Eltern haben, beschleicht bei Nachrichten über deren zunehmende Gebrechlichkeit ein mulmiges Gefühl. Wie lange kann das wohl noch so weitergehen? Müsste man jetzt schon etwas unternehmen? Vorsorglich, für den Fall, dass ...?
Es ist ein bisschen wie auf der „Titanic“: Man steuert auf etwas Bedrohliches zu, dessen Ausmaße man eigentlich nicht so recht kennt. Das meiste lauert mutmaßlich noch unter der Oberfläche. Auch ist unklar, ob man zumindest dem moralischen Untergang überhaupt noch entgehen kann oder ob es nicht vielleicht schon zu spät ist, das Ruder herumzureißen. Anders als der Eisberg, auf den die „Titanic“ zusteuerte, gibt es in unserem Fall einen Aspekt, der keineswegs ein schlecht kalkulierbares Risiko ist: Der Tod als Abschluss der irdischen Reise ist sozusagen automatisch inbegriffen. Hundertprozentig werden unsere Eltern eines Tages sterben, genau wie wir irgendwann auch. Die Frage ist nur, wie wir gemeinsam mit ihnen die letzte Etappe ihrer Lebensreise gestalten. Oder ob wir uns erst danach die Frage stellen, ob wir anders hätten handeln können. Oder sollen. Oder müssen. Oder hätten können müssen.
Altwerden ist nichts für Feiglinge, heißt es so schön, und da ist was dran. Als Neuropsychologin untersuche und behandele ich Menschen, die von Schlaganfällen, Schädel-Hirn-Verletzungen, Parkinsonkrankheit oder Demenz betroffen sind. Als Wissenschaftlerin erforsche ich die Wirksamkeit neuer verhaltensbezogener Behandlungsmethoden. Die meisten meiner Patienten sind 65+. Ich erlebe täglich, wie sehr sie sich wünschen, dass alles wieder so sein möge wie früher. Auch ihren erwachsenen Kindern fällt es oft schwer, sich auf die Veränderungen im Leben ihrer Eltern einzustellen. Wie ihre Eltern möchten sie, dass es möglichst so weitergeht wie immer: Wenn schon nicht perfekt, so ist es doch wenigstens vertraut. Und so geht der Krug weiter zum Brunnen, bis er eines Tages bricht. Kommt dieser Tag, dann müssen Notlösungen getroffen werden, die schockierend weit von den Wünschen aller Beteiligten entfernt sind und die leider oft zu quälenden Dauerlösungen werden, weil der Zeitpunkt verpasst wurde oder den Eltern inzwischen Kraft und geistiges Vermögen fehlt, um bessere Alternativen zu entwickeln.
Theoretisch wissen wir alle, dass das vermeidbar wäre. Trotzdem stecken wir lange den Kopf in den Sand, in der Hoffnung, das Problem werde sich schon von alleine lösen. Laut Lexikon bezeichnet der Begriff „Problem“ den Abstand zwischen dem wahrgenommenen Ist-Zustand und einem angestrebten Sollzustand. Der Kern unseres Problems liegt nicht nur in der gefühlten Diskrepanz zwischen Tun und Hätte-tun-Sollen; mit der könnten wir uns vielleicht noch arrangieren, so wie wir uns mit vielen Unterschieden zwischen uns und unseren Altvorderen arrangieren. Der tückische Kern des Problems ist der, dass die Diskrepanz stetig größer wird und ihre Verringerung, wenn wir sie denn anstreben, in doppelter Weise an Zeit gekoppelt ist. Denn unsere Eltern werden nicht nur immer gebrechlicher, sondern gleichzeitig läuft ihre verbleibende Lebenszeit ab wie eine Sanduhr. Der Preis für das Herausschieben des eigenen Handelns, das spüren wir deutlich, sind Schuldgefühle. Und der Katalysator dieser Schuldgefühle ist nichts Geringeres als der Tod unserer Eltern.
Ach du meine Güte, werden Sie jetzt denken. Was für ein tonnenschweres Thema! Müssen ausgerechnet wir uns damit auseinandersetzen? Wir, die wir in Frieden und Wohlstand aufwuchsen, konsumieren, bei Bedarf auch mal protestieren oder über chronische Missstände anhaltend lamentieren? Besser ausgebildet, gesünder, sportlicher, faltenfreier, nicht-grauhaariger und hochgewachsener als alle vor uns? Yep, meine Lieben. Leider müssen wir da durch. Das Ableben unserer Eltern ist unvermeidlich und weder mit Hyaluron noch mit Megafon zu bekämpfen. Für die Phase davor hoffe ich, Ihnen mit diesem Buch einen kleinen Wegweiser mitgeben zu können. Es wird nicht nur die Probleme, mit denen Sie konfrontiert sein werden, skizzieren, sondern auch Lösungswege aufzeigen. Denn die Erfahrung zeigt: keine Veränderung ohne eigene Veränderung. Der Schwerpunkt dieses Buches wird also darauf liegen, wie man die eingangs beschriebenen Probleme angeht: Wie man in die Hufe kommt, welche Etappen auf dem Weg liegen, wie man mit Schwierigkeiten klarkommt und was man selbst dabei gewinnen kann.
Übrigens: Auch wenn das Thema nicht so locker-flockig wirkt – kein Grund, den Humor zu verlieren, im Gegenteil. Es gibt viele gute Gründe, mal die Taschenlampe anzuknipsen und sich das Gespenst genauer anzuschauen. Vielleicht verliert es dann seinen Schrecken.


Kapitel 1 Äußere Gegenspieler
Neulich traf ich Thomas, Ende vierzig, verheiratet, Vater von zwei halbwüchsigen Kindern und Leiter der Vertriebsabteilung eines mittelständischen Unternehmens. Er und seine Frau arbeiten beide, besitzen ein Eigenheim, und engagieren sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Sie wohnen 300 Kilometer entfernt von Thomas’ westfälischem Elternhaus.
Thomas’ Vater ist vor Kurzem an einem Herzinfarkt verstorben. Auf meine Frage, wie es seiner Mutter gehe, seufzte er. Seit dem Tod des Vaters lasse sie niemanden mehr ins Haus und gehe selbst auch kaum noch nach draußen. Vermutlich Depressionen. Inzwischen sei sie wegen des Bewegungsmangels körperlich so kraftlos, dass sie Haus und Garten kaum noch in Ordnung halten könne. Er blicke nicht wirklich durch, was da los sei. Wegen der Kinder seien Besuche schwierig zu organisieren, daher sehe man sich selten. Als die Kinder klein waren, sei das noch anders gewesen – die Eltern waren damals noch aktiv und kamen mehrmals im Jahr zu Besuch.
Kürzlich habe ihn eine Nachbarin und alte Bekannte der Eltern angerufen und angedeutet, dass sie sich Sorgen um seine Mutter mache. Sie könne ihr eine Haushaltshilfe vermitteln, bezweifle aber, dass sie dieses Angebot annehmen würde. Der Anruf habe ihn zunächst erschreckt. Nach ein paar Tagen habe er sich allerdings entschieden, zu handeln. Die Mission lautete, Mutter Mechthild dazu zu bewegen, wenigstens jemanden zum Saubermachen ins Haus zu lassen. An einem Wochenende sei er mit seinem 13-Jährigen in den Wagen gestiegen, um die Mutter im Münsterland zu besuchen. Die beiden hätten sich extra bei Freunden einquartiert, um Mechthild nicht zu überfordern. „Und?“, wollte ich wissen. „Hatte die Mission Erfolg?“
Thomas zuckte mit den Schultern. Zwar habe sie am Ende halbherzig einem Probetermin mit der empfohlenen Reinigungskraft zugestimmt. Nach seiner Abreise sei daraus aber nie etwas geworden. „Immerhin“, so Thomas, „ich habe es zumindest versucht, mehr kann ich nicht tun. Insgesamt habe ich mich bei der ganzen Aktion aber ziemlich fehl am Platz gefühlt, und auch der Junge konnte mit der Oma gar nichts anfangen. So kraftlos und über alles lamentierend, das war schwer auszuhalten. Ehrlich gesagt, habe ich mich sogar ein wenig geschämt vor dem Jungen, weil in meinem alten Zuhause alles so verwahrlost war.“ Die anderen Großeltern seien genauso alt, aber dort: alles picobello.

Thomas’ Geschichte ist typisch für das große Heer erwachsener Kinder, das in den Achtzigern und Neunzigern von zu Hause auszog, um irgendwo in der Ferne den Grundstein für das eigene Leben zu legen. Typisch ist auch, dass mich diese Geschichte zugleich ratlos und ärgerlich machte. Warum ließ er, ein sozial engagierter und rechtschaffener Mann, seine Mutter schulterzuckend allein mit dem Schlamassel? Warum hatte es überhaupt einen Anruf von Mechthilds Nachbarin gebraucht, damit er mal nach dem Rechten sah? Sicher, es gibt immer Gründe, warum es gerade jetzt nicht passt. Der Job, eine private Krise, eine Urlaubsreise, die Kinder ... Dabei waren seine Kinder inzwischen längst aus dem Gröbsten raus. Unwillkürlich musste ich den Kopf schütteln. Die beiden waren in der Pubertät, da wird doch mal Zeit sein für Besuche im Elternhaus! Zweites Kopfschütteln: Pubertierenden Jugendlichen steht selten der Sinn nach Besuchen bei Oma oder Opa. Und wenn Thomas schon ahnte, dass es kein leichter Besuch werden würde, warum hatte er seinen Sohn dieser Situation überhaupt ausgesetzt? Welchen Zweck sollte der Junge erfüllen? Etwa als menschliches Schutzschild dienen? Wie konnte es sein, dass ein gestandener Mann, dessen hervorragende Kommunikationsfähigkeiten gegenüber Geschäftskunden die Grundlage für einen gut dotierten Job bildeten, im Gespräch mit seiner nächsten Anverwandten so unbeholfen war?
Vor allem aber war ich mit mir selbst unzufrieden: Thomas war mir gegenüber sehr offen gewesen und hatte mich im weiteren Verlauf unseres Gesprächs auch um Rat gefragt. Ich aber hatte nichts Gescheites antworten können. Klar hätte ich die moralischen Maßstäbe ansprechen können, die er sonst an sein Handeln anlegte und die nicht so recht zu der Aktion passten. Doch was hätte das genutzt? Er wusste selbst am besten, dass der Satz: „Ich hab’s versucht, mehr kann ich nicht tun“ zu wenig war. Eine Mischung aus Hilflosigkeit, Überforderung, Angst und Kopf-in-den-Sand-Stecken. Daher hatte ich mich also aufs Mitfühlende beschränkt. Verständnisvolles Seufzen und gemurmelte Bekräftigungen: „Ja, das hört man ja öfters ... bei Susannes Vater läuft das gerade ähnlich ...“ Wirklich weitergebracht hatte ihn das sicher nicht.

Eigentlich beste Voraussetzungen
Die Thomas-Geschichte führt uns vor Augen, wie paradox unser Problem ist. Die äußeren Bedingungen für einen regelmäßigen Kontakt zwischen den Generationen waren noch nie so hervorragend wie heute. Wir wohnen zwar in den seltensten Fällen alle unter einem Dach, doch wir verfügen über ein ausgezeichnetes Verkehrssystem mit dreispurigen Autobahnen, Hochgeschwindigkeitszügen und Billigfliegern. Moderne Kommunikationsmittel erlauben uns, auch über 300 Kilometer Distanz permanent in Kontakt zu bleiben. Die neueste Generation der „smarten“ Telefone, jener schlauen Dinger zum Übertragen von Hörbarem, eignet sich zunehmend besser zur Übertragung von Sichtbarem. Mit Bildern und Videos können wir uns via Telefon oder Tablet ohne großen Aufwand und zeitlich flexibel gegenseitig auf dem Laufenden halten. Selbst diejenigen unter unseren Eltern, die nicht im Internet unterwegs sind, haben meist ein Handy, ein praktisches mobiles Telefon, das unterwegs mehr Sicherheit und soziale Anbindung gewährleistet als die Telefonzelle früherer Zeiten. Die war wahlweise kaputt, oder es fehlte das nötige Kleingeld, das, sofern vorhanden, gefühlt im Sekundentakt durchklackerte.
Doch weder die Fortschritte in der Mobilität noch die verbesserten technischen Möglichkeiten im Bereich Kommunikation scheinen die hinreichende Basis für eine verbesserte Qualität des Generationenaustauschs zu sein. Und auch bei der Quantität scheint durchaus Luft nach oben zu sein. Woran aber hakt es dann? An den human resources?
Wir sind besser ausgebildet und welterfahrener als alle Generationen vor uns. Wenn unsere Kinder groß sind, sind wir fitte fünfzig oder dynamische sechzig und haben im Normalfall dank der allgemein gestiegenen Lebenserwartung immer noch viel Zeit vor uns. Einen Teil dieser Zeit können wir der Beschäftigung mit unseren Eltern widmen, weil diese heutzutage ebenfalls ziemlich alt werden. Wenn es dabei zu Auseinandersetzungen kommen sollte, sind wir eigentlich bestens vorbereitet. Wir sind die erste Generation, der zu Kinder- und Jugendtagen flächendeckend das Gespräch und nicht die Anwendung von Gewalt als gesellschaftlich akzeptierter Standard der Konfliktlösung vermittelt wurde. Wir leben mehrheitlich nicht mehr in der ständigen tief sitzenden Angst, für ein „Nein“ als Reaktion auf eine elterliche Forderung mit Schlägen oder Liebesentzug bestraft zu werden. In der Generation unserer Eltern und Großeltern war das noch ganz anders.
Im beruflichen Kontext haben wir an Kommunikationstrainings, im privaten Umfeld an Veranstaltungen zu den Themen Selbsterfahrung, Sinnfindung und persönliche Weiterentwicklung teilgenommen. Viele von uns sind, wie es so schön heißt, „therapieerfahren“ oder wurden in Job oder Privatleben zumindest schon mal „gecoacht“. Wir haben uns dabei intensiv mit den eigenen Stärken und Schwächen sowie mit deren Entstehungsgeschichte auseinandergesetzt.
Es gibt also – theoretisch – eine ganze Menge von Faktoren, die eine gute Kommunikation zwischen uns und unseren Eltern begünstigen würden. Im konkreten Fall scheinen wir all das zu vergessen. Nicht Kommunikation auf Augenhöhe, sondern Ausweichmanöver, bedrücktes und bedrückendes Schweigen bestimmen den „Dialog“. Der Grund dafür liegt in ein paar Gegenspielern, inneren und äußeren, die diesen eigentlich besten Voraussetzungen entgegenstehen, weil sie Distanz schaffen.

Tod und Sterben: die großen Tabus
Fangen wir mit den äußeren Gegenspielern an: den Rahmenbedingungen, die unsere Distanz und Verunsicherung vergrößern. Der vielleicht wichtigste Gegenspieler verbirgt sich hinter der Frage, wie wir heute im gesellschaftlichen Kontext mit Tod und Sterben umgehen. „Nicht der Tod, sondern das Sterben beunruhigt mich“, lautet ein berühmter Ausspruch des französischen Renaissance-Philosophen Michel de Montaigne.1 Renaissancetypisch blickte er beunruhigt auf das Diesseitige, das Sterben. Für die Zeit nach dem Tod hingegen vertraute er auf das Paradies, ein einigermaßen anständiges Leben und eine Beichte vor dem Ableben vorausgesetzt. Dieses Grundvertrauen haben viele Menschen heute nicht mehr: Sie fürchten beides, das Sterben und den Tod. Sie sehen es sogar als eine Einheit. Dabei macht es durchaus Sinn, das Sterben als Prozess zu unterscheiden vom Tod als dem Zustand danach. Dafür posthum merci, Monsieur de Montaigne! Das, was nach unserem Tod passiert, ist Glaubenssache. Wir können uns darüber austauschen, wir können die Annahmen übernehmen, die Religionen dazu vorgeben, oder unsere eigenen Vorstellungen entwickeln. Wobei auch die Annahme, dass nach dem Tod alles zu Ende ist, eine reine Hypothese ist. Ganz anders verhält es sich mit dem Sterben: Es ist ähnlich wie die Geburt ein Prozess, den wir beschreiben und miter-leben können. Der zwar individuell unterschiedlich anmutet, jedoch einem bestimmten Ablauf folgt. Sterben ist ein Teil des Lebens, wenn auch der letzte.
Zunächst also zum Sterben: Wieso wissen wir fast 500 Jahre nach der Renaissance immer noch so wenig darüber? Die einzige Antwort, die mir einfällt, ist: Wir vermeiden dieses Thema, solange es geht. In unserer modernen Gesellschaft wird alles Mögliche, das früher als der Privatsphäre zugehörig galt, bis in die letzten Details ausgelotet und ausgebreitet. Allen voran Sexualität und Partnerschaft, in religiösen Kontexten häufig tabuisiert und bis in die späten sechziger Jahre hinter die Milchglasscheibe des ehelichen Zusammenlebens verbannt. Heute jedoch wird über alle Facetten, vom Seitensprung über Sex-Spielzeuge bis zum konstruktiven Streiten unter Paaren offen diskutiert. Magazine und Ratgeber sind voll davon! Details zu heiklen Übergangsphasen wie Geburt, Pubertät oder der Menopause des Mannes sind zum Allgemeinwissen geworden. Über den Schritt vom Leben innerhalb des Mutterleibs zum Leben draußen sind beispielsweise auch Menschen, die selbst keine Kinder haben, zumindest in groben Zügen informiert: Die Fruchtblase platzt, die Wehen setzen ein und werden immer stärker, in der Eröffnungsphase sollte man sie weghecheln und erst später in der Austreibungsphase kräftig mitpressen. Wenn das Baby auf der Welt ist: Andocken lassen, Nabelschnur durchschneiden, Mutterkuchen abwarten.
Mal ehrlich: Könnten Sie den Prozess des Sterbens ähnlich präzise beschreiben? Welche Anzeichen den herannahenden Tod ankündigen oder wie man unterstützend darauf eingeht, dieses Wissen ist allenfalls spezialisiertem Pflegepersonal und Ärzten vorbehalten. Warum gibt es für Laien zwar flächendeckend Geburtsvorbereitungskurse, während Informationen zum Sterben allenfalls in Spezialvorträgen für ehrenamtliche Hospizmitarbeiter vermittelt werden?
Paradoxerweise bekommen wir, sobald wir den Fernseher anschalten oder ins Internet gehen, massenweise Sterbende präsentiert. Durchschnittlich 18 000 Leichen hat ein Kind heute bei Erreichen der Volljährigkeit in den verschiedenen Medien gesehen.2 Wenige Sekunden Naheinstellung aufs Gesicht, die Augen brechen, der Kopf fällt zur Seite. Zack, Kameraschnitt, in der Raumtotale werden die Reaktionen von Gegnern, Trauernden oder Ermittlern gezeigt. Geht so Sterben? Grundschulkinder sind heute mehrheitlich der Auffassung, Menschen würden immer durch Mord sterben. Das haben Befragungen ergeben.3 Wir Erwachsenen wissen natürlich, dass das nicht stimmt. Aber viel mehr wissen wir nicht.
Natürliches Sterben, die in unserem friedlichen und zivilisierten Land ungleich häufigere Variante als die durch Fremdeinwirkung, vollzieht sich sehr langsam. Die Veränderungen sind schleichend, ziehen sich über Tage hin. Der Appetit schwindet, der Organismus wird langsam schwächer, die Blutversorgung konzentriert sich auf die Körpermitte. Die Atmung verändert sich – Sterbende atmen durch den Mund, der dabei leicht geöffnet ist und deshalb quälend austrocknet. Der Atem rasselt, wenn wegen schwindender Nierenfunktion Flüssigkeit in der Lunge eingelagert wird und der Schluckreflex den Speichel nicht mehr abtransportiert. Phasen der Unruhe und Phasen des Dahindämmerns wechseln sich ab, manche Sterbende durchleben jetzt intensive Fantasien. Die Gesichtszüge fallen ein, die Nase ragt scheinbar spitzer heraus – das hippokratische Gesicht, für Pflegende in früheren Zeiten das Zeichen, den Geistlichen zu rufen. Jetzt stellen die Organe nach und nach ihren Dienst ein. Zum Schluss wird der Atem unregelmäßig, das Herz setzt aus. Ein letztes, unbändiges und von positiven Gefühlen begleitetes Aufbäumen des Gehirns – aus neurowissenschaftlicher Sicht ein letztes Anfluten von Endorphinen und Neurotransmittern, aus religiöser Sicht die Begleiterscheinung des Seelenübergangs ins Jenseits.
Eines solchen natürlichen Todes zu sterben ist medial natürlich viel schwieriger darzustellen als der gewaltsame Tod. Selbst in Texten wird das Sterben selten ausführlich beschrieben – vielleicht fehlt die überraschende Wendung, der Tod taugt schlecht als Pointe. Wohltuende Ausnahme: die ungemein fesselnde, detail- und geistreiche Darstellung von Roland Schulz im Magazin der Süddeutschen Zeitung, für die er den Deutschen Reporterpreis 2016 erhielt.4 Selten hatte man bisher die Chance, das Sterben so faktenreich und dabei so respektvoll und menschlich aus der Nahperspektive nachzuvollziehen.
Natürlich gibt es einleuchtende Gründe, warum wir Angst vor dem Sterben haben. Bis vor etwa fünfzig Jahren fand das Sterben meist zu Hause statt. Wenn die Pflegenden die oben beschriebenen Sterbezeichen erkannten, leiteten sie das Abschiednehmen ein. Je nach Konfession wurde der Gemeindepfarrer mit der „Letzten Ölung“ oder der Pastor mit einem tröstlichen Bibelwort zum Hausbesuch gebeten. Kinder konnten einen Blick auf die Sterbenden werfen, durften noch einmal ans Bett treten und erfuhren eine letzte, wichtige Berührung. Vielleicht schauten Freunde und Familienangehörige noch mal herein und erhielten letzte Worte mit auf den Weg. Der herannahende Tod hat immer etwas Schicksalhaftes, spannungsvoll Wartendes. Die vertraute häusliche Umgebung schaffte jedoch für alle Beteiligten Sicherheit und nahm dem Sterben das Gespenstische.
Je mehr sich in der Nachkriegszeit die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten entwickelten, desto weniger wurde zu Hause gestorben. Sterben verlagerte sich in Heime und Kliniken, Abschiednehmen fand – wenn überhaupt – häufig im piepsenden und blinkenden Rahmen der Intensivstation statt, und nicht immer konnten ökonomische Interessen der Kliniken dabei völlig ausgeschlossen werden. Dieses Phänomen und das gleichzeitig beeindruckende Voranschreiten von Hospizbewegung und Palliativmedizin in den letzten zwei Jahrzehnten sind andernorts mit viel Herz und Sachverstand beschrieben worden5. Aktuell stirbt in Deutschland, so eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung6, jeder Zweite im Krankenhaus, obwohl sich 75 Prozent wünschen, zu Hause zu sterben. Etwa 30 Prozent aller Deutschen erhalten heutzutage eine ambulante oder stationäre palliativmedizinische Behandlung – etwa 90 Prozent würden eine solche benötigen, so die Experten, die die Studie verfassten. Vieles hat sich getan – aber es gibt noch Luft nach oben.

Wenden wir uns nun dem Tod selbst zu. Der englische Soziologe Tony Walter, langjähriger Direktor des „Centre for Death and Society“ in Bath, veröffentlichte bereits 1991 einen sehr scharfsinnigen Artikel, der noch heute als klassische Referenz in der „Tabu-Debatte“ gilt.7 Walter ging darin der Frage nach, warum sich die These von der Tabuisierung des Todes in der modernen Gesellschaft so hartnäckig halte, obwohl der Tod in den Medien stetig an Präsenz gewinne – wohlgemerkt, der Artikel erschien 1991, vor der Geburt des WorldWideWeb.
Die von Walter favorisierte Antwort: Nicht die moderne Gesellschaft tabuisiert den Tod, sondern das moderne Individuum. Gesellschaften, so der zweidimensionale Erklärungsansatz des Soziologen, unterschieden sich nicht nur darin, ob sie den Tod tabuisierten oder nicht, sondern vor allem darin, ob sie Zeit als ein zyklisches oder lineares Phänomen begriffen. In Kulturen, in denen Zeit als Kreislauf konzeptualisiert werde, sei ein Ende nicht vorgesehen. Folglich werde der Tod gesellschaftlich tabuisiert, denn ein Ende des Kreislaufs würde das große Ganze infrage stellen. Begräbnisrituale symbolisierten in diesen Kulturen die Fortsetzung des Lebens in anderen Sphären: Tote werden auf die Reise ins Totenreich geschickt, ausgestattet mit Fahrzeugen, Waffen, Schmuck, Nahrung und allerlei anderen Beigaben.
In Kulturen, die an eine Fortsetzung ohne den irdischen Körper denken, existieren Vorstellungen wie die, dass sich Geist oder Seele lösen und in andere Sphären gelangen. Häufig werden Rituale durchgeführt, um diese Loslösung zu erleichtern. Für das einzelne Individuum bedeutet das, den eigenen Tod nicht fürchten zu müssen, da das große Ganze ja weitergeht.
Anders in modernen westlichen Kulturen: Hier werde Zeit als lineares Phänomen gesehen, folglich habe auch die Lebenszeit einen Anfang und ein Ende. Der Tod werde gesellschaftlich nicht tabuisiert, sondern – siehe oben – tausendfach auf allen Kanälen gezeigt. Für das moderne Individuum jedoch, so Walter, seien der eigene Verfall und die eigene Auslöschung bedrohlich. Es gebe keine allgemeinverbindlichen Rituale mehr, um die Lebenszeit des Einzelnen als kurze Episode in einen großen, immerwährenden Staffellauf einzubinden.
Um im Bild zu bleiben: Jeder läuft sein Rennen als Einzelläufer, solange er kann, und ignoriert sein Ende, auch wenn ihm schon merklich die Puste ausgeht. Was ihm dabei hilft, ist die variable Streckenlänge und die Unkenntnis derselben: Niemand weiß, ob die eigene Ziellinie nach 100, 400 oder 1000 Metern erreicht ist. Daher tun die Einzelläufer so, als ob es gar keine Ziellinie gäbe. Nicht für sich selbst, aber auch nicht für die anderen. Wer sagt schon gern mit einem kurzen Blick über die Schulter: „Tschüs, dich gibt’s bald nicht mehr, wir laufen dann ohne dich weiter!“ Bei einem linearen Zeitverständnis wie dem unseren würde das äußerst unsportlich wirken, zumal die kurze Streckenlänge ja jeden treffen kann. Laut Walter würden solche Aussagen vermieden, um auch noch dem angeschlagensten Läufer die Möglichkeit zu geben, bis zum Schluss sein Gesicht zu wahren. Man redet nicht über das Ende. Außer man ist Onkologe. Und selbst die müssen sich die Fähigkeit, das Unaussprechliche auszusprechen, hart antrainieren.
Walters zweidimensionaler Ansatz erklärt den Widerspruch zwischen der öffentlichen Allgegenwärtigkeit des Todes und der privaten Sprachlosigkeit in unserer Gesellschaft ganz gut, finde ich. Seine Theorie macht begreifbar, warum der Umgang mit dem Tod im Extremfall einem absurden Theaterstück gleicht: In Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern liegen Menschen, die so todkrank sind, dass keine Heilungschancen mehr bestehen und die Medizin nur noch palliativ tätig sein kann. Viele der Kranken werden von ihren engsten Angehörigen täglich besucht, dabei reden sie über alles Mögliche, verlieren aber kein Wort über den nahenden Tod. Nicht die Angehörigen, nicht die Sterbenden. Beide Seiten sind der Auffassung, der jeweils anderen damit etwas Gutes zu tun, obwohl beide unter dieser Sprachlosigkeit leiden.
Für lange Gespräche ist der Zeitpunkt dann häufig auch zu spät – Körper und Geist sind schon zu sehr mit dem Showdown beschäftigt, und die Kapazitäten sind begrenzt. Das Einzige, was hilft: Sprechen Sie schon vorher darüber. Ziehen Sie Bilanz, tauschen Sie sich aus darüber, was Sie glauben: ob und wie es weitergeht. Ob Sie hoffen, nach dem Tod den Verstorbenen wiederzusehen, ob Sie Angst haben vor dem Jüngsten Gericht oder ob Sie sich darauf freuen, als Teilchen im All herumschweben zu können. Dann ist entweder schon alles gesagt, wenn es so weit ist, oder man kann darauf aufbauen. Dazu später mehr.

Gesellschaftlicher Wandel und Generationenüberlappung
Neben der Tabuisierung des Endes, die Mitglieder aller modernen säkularen Gesellschaften betreffen dürfte, gibt es noch ein paar gesellschaftlich-historische Besonderheiten, die speziell die hiesige Generation der ab 1960 Geborenen betrifft. Diese Besonderheiten beziehen sich auf die Phase vor dem Tod: Der über Jahrhunderte bestehende Generationenvertrag zwischen Eltern, die ihre Kinder bis zum Erwachsenwerden betreuen, woraufhin diese dann ihre Eltern bis zum Tod betreuen, besteht nicht mehr. Zumindest nicht mehr in der gewohnten Form.
Denen, die dies betrauern, sollte man zu bedenken geben, dass die Menschen vor dem Zweiten Weltkrieg im Schnitt mehr Kinder hatten. Die Hauptbetreuung übernahm eines davon, häufig ein unverheiratetes, meist weibliches, und wohl nicht immer ganz freiwillig. Es wurde gesellschaftlich erwartet, dass man sich kümmerte, es gab wesentlich weniger professionelle Betreuungseinrichtungen, aber die Übernahme der Aufgabe war sicherlich nicht immer nur zum eigenen Schaden. Zudem war die Aufgabe zeitlich etwas begrenzter als heute, denn die Eltern lebten früher bekanntlich weniger lange.
Nicht von ungefähr begann die Generation derer, die im Nachkriegsdeutschland aufwuchsen, diesen Generationenvertrag schrittweise aufzulösen. Oder besser gesagt: zu flexibilisieren, weil sie Freiheit und Gleichheit nicht nur als hehre Werte in ihrer neuen Verfassung wissen wollten, sondern daraus auch für ihr Privatleben das Recht auf individuelle Lebensgestaltung, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung im Zusammenleben mit anderen ableiteten. Sie gaben diese Werte an ihre Kinder weiter, die ihren Beruf, ihre Partner, ihren Wohnort, ihre Freizeitbeschäftigungen und – inzwischen gab es die Geburtenkontrolle – auch die Größe ihrer Familie selbst wählen konnten und durften. Das taten sie dann auch. Mit dem Ergebnis, dass sich die Kinder- und Enkelschar und somit die Anzahl potenzieller Besucher und Betreuer für die Altersphase verringerte. Aus der bauchigen Generationenpyramide wurde eine Bohnenstange.8
Seit den siebziger Jahren schließlich hat sich unsere Gesellschaft auch auf anderen Ebenen rasant verändert. Der Ausbau des Bildungssystems, die Veränderung von Familienstrukturen und die gestiegenen Anforderungen an Mobilität im Arbeitsleben, um nur einige Aspekte zu nennen. Viele von uns leben seit ihrer Volljährigkeit weit entfernt von ihren Eltern. Und in den damals neuen Bundesländern führten die ökonomischen Folgen der Wende dazu, dass auch bereits langjährig erwachsene Kinder aus wirtschaftlichen Gründen wegzogen.
Die heutige mittlere Generation hat im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse als ihre Eltern. Besonders deutlich wird diese Diskrepanz zwischen Töchtern und Müttern. Es gehört daher immer seltener zum Lebensentwurf von Frauen, ihre Eltern oder sogar Schwiegereltern selbst zu pflegen: sie haben andere Alternativen. Durch die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit ist es – trotz ausbleibender Lohngerechtigkeit – auch für Ehemänner weniger attraktiv, aufgrund eines familiären Pflege-Arrangements Einbußen im Doppelverdiener-Haushalt in Kauf zu nehmen oder gar durch eigenen Mehrverdienst auszugleichen.
Faktisch sind pflegende Angehörige allerdings nach wie vor unverzichtbar. Sie sind, wie die Robert-Bosch-Stiftung in einem Bericht des Jahres 2014 konstatierte, „Deutschlands größter Pflegedienst“: So werden beispielsweise 80 Prozent aller Demenzkranken von ihren Angehörigen betreut. Immer noch mehrheitlich von Frauen, aber der Anteil pflegender Männer steigt kontinuierlich. Von etwa 10 Prozent zu Anfang des Jahrtausends hat er sich auf 20 Prozent verdoppelt.9 Insgesamt sinkt der Anteil der Vollzeit-Familienpflege jedoch zugunsten einer zeitweisen Betreuung in einem Umfang von maximal zwei Stunden täglich.
Neben den bereits erwähnten Faktoren wie steigender Frauenerwerbstätigkeit und Doppelverdiener-Arrangements liegt dies auch an der zunehmenden Vielfalt von Lebensformen, die inzwischen ebenfalls in die Jahre kommen. Die viel beachteten Großstadt-Singles haben im Alter keine pflegenden Ehepartner. Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer von jüngeren Lebensabschnittspartnerinnen gepflegt werden, sinkt mit abnehmender Beziehungsdauer vor dem Eintritt in diese Phase. Sie sinkt auch, je größer die Möglichkeiten der Partnerin sind, eigenes Einkommen zu beziehen.
Schlechte Nachrichten auch für die Verheirateten unter uns: Gut 40 Prozent der Ehen werden wieder geschieden10, und die dabei entstehenden Ex-Schwiegertöchter werden die Eltern ihrer Ex-Männer ziemlich sicher nicht pflegen. Auch für die Kinder hat eine Trennung Konsequenzen, denn ihre Eltern leben in zwei verschiedenen Haushalten, vielleicht sogar in unterschiedlichen Orten. Das vergrößert den Aufwand, mit beiden Elternteilen Kontakt zu halten.
Viele getrennte Elternteile gehen neue Partnerschaften ein oder gründen neue Familien. Die „Patchwork“-Familie ist inzwischen gesellschaftliche Realität. Wenn neue Partner erst nach der eigenen aktiven Familienphase ins Leben der Getrennten treten, ergeben sich daraus wieder neue Patchwork-Varianten: Menschen, die nie zusammengelebt haben, treffen als erwachsene Kinder ihres jeweiligen Elternteils in sehr privaten Situationen aufeinander. Dies kann sich als Glücksfall erweisen oder als das Aufeinanderprallen Lichtjahre voneinander entfernter Galaxien. In jedem Fall ist es erst mal komplizierter und verlangt mehr Flexibilität von uns als das traditionelle Ehe- und Arbeitsteilungsmodell, das erst endet, wenn einer von beiden stirbt.

Eine Folge der steigenden Lebenserwartung ist auch die verlängerte Generationenüberlappung.11 Unsere Eltern sind in der heutigen Zeit durchschnittlich nicht mehr dreißig, sondern fünfzig Jahre gemeinsam mit uns auf der Welt – bis wir selbst alt werden. Alles hat sich ein Stück nach hinten verschoben: Wir bekommen auch später in unserem Leben das erste Kind, derzeit mit etwa 31 Jahren im Vergleich zu 25 Jahren anno 1965. Die Lebenserwartung an sich hat aber einen noch größeren Schritt vollzogen.
Der interessanteste Parameter dabei ist die sogenannte fernere Lebenserwartung, also die Anzahl der Jahre, die man mit 65 durchschnittlich noch zu erwarten hat. Im Jahr 1900 waren das geschlechtsunabhängig etwa zehn Jahre. 1965 hatten Männer mit 65 durchschnittlich noch zwölf, Frauen 15 Jahre vor sich; unsere Großeltern-Generation starb also mit Mitte siebzig bis achtzig. Wer heute 65 Jahre ist, hat im Schnitt noch 17 (Männer) bzw. 21 Jahre (Frauen) vor sich!12 Damit rückt der Zeitpunkt, an dem wir uns von unseren Eltern verabschieden müssen, von den Vierzigern in die Fünfziger oder sogar Sechziger unseres Lebens. Rentner über sechzig, die um ihre kürzlich verstorbenen Eltern trauern, mögen uns heute noch ungewöhnlich erscheinen, werden aber künftig keine Seltenheit sein. Enkel erleben ihre Großeltern schon heute nicht nur während der Kindheit, sondern bis weit hinein ins eigene Erwachsenenalter.
Diese verlängerte Überlappung der Generationen bringt Veränderungen für das Zusammenleben mit sich. Ein Sprichwort sagt: „In den Augen unserer Eltern bleiben wir immer Kinder.“ Wie aber gestalten wir die Beziehung zu Mutti und Vati, wenn diese neunzig sind und wir mit sechzig selbst Enkel haben und uns mit den ersten Altersplagen herumschlagen?

Diese Bücher und viele weitere holen ihre LeserInnen in ihrem Alterungsprozess genau da ab, wo sie sind.  Wer jetzt neugierig ist, nach Unterstützung und Rat sucht oder sich und sein Alter zu akzeptieren versucht, der könnte hier fündig werden. Ob Ratgeber, Biografie oder ergreifender Roman: das Älterwerden ist kein Tabuthema, sondern wird in all seinen Facetten besprochen, erklärt, interpretiert und geschätzt! 

Romane über das Älterwerden
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Themenspecial
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Bonusjahre - Mehr Lebensqualität und Gesundheit
Bewegung, Ernährung, Psyche - Das Bonusjahre-Programm mit Frank Elstner liefert praktische Anleitungen, die es den Lesern ermöglichen, ihren Alltag in Eigenregie kraftvoller zu bewältigen, auch und gerade wenn die ein oder andere gesundheitliche Herausforderung ihren Tribut fordert.