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Bücher über das Älterwerden

Was ist gut am Älterwerden?

Entdecken Sie mit unseren Autorinnen die schönsten Seiten dieses Lebensabschnitts.
Das Älterwerden ist ein ständiger Prozess, der für viele Menschen mit Sorgen und Unsicherheiten verbunden ist. Doch häufig fehlt nur eine Perspektive, die die Vorzüge des Alterns aufzeigt und Lösungen für aufkommende Probleme bietet. Wir finden, dass das Älterwerden eine schöne Sache ist, die man ruhig zelebrieren kann. Man kennt sich und sein Umfeld besser und ist häufig kompromissloser, was die eigenen Bedürfnisse und Grenzen angeht. Lassen Sie sich für ein paar Seiten von unseren AutorInnen auf Ihrem Weg begleiten.  

Ein originelles Geschenkbuch, das Mut macht, diesem Lebensabschnitt zuversichtlich zu begegnen

Blick ins Buch
AltAlt

Na und?

„Nichts kommt unvorhergesehener als das Alter“, schreibt Simone de Beauvoir. Auch Erica Fischer hat eine Weile gehadert. Heute erlebt sie diese Lebensphase auch als eine Zeit der Freiheit. Neugierig spürt sie dem Zustand nach, den wir als ALT bezeichnen - im Selbstversuch, in der Literatur. Aber auch im Gespräch mit inspirierenden Alten über Liebe, Sex, Politik, Lebenslust und Tod. Eine kluge Annäherung an das, was wirklich zählt im Leben.

Ein empörender Vorgang

„Mir ist etwas Empörendes zugestoßen!“, schrieb die 49-jährige Veza Canetti am 3. Februar 1946 an ihren Schwager Georges: „Ich bin alt geworden!“

Veza Canetti sah eines Tages ein anderes Spiegelbild von sich, als es ihrem inneren Bild entsprach. Wir kennen das alle: dieses Gefühl, dass wir plötzlich und unmerklich gealtert sind.

Aber eigentlich ist der Alterungsprozess ein kontinuierlicher Vorgang. Die Zeitschrift Der Spiegel hat es im November 2019 zusammengefasst: Schon ungefähr im Alter von fünfzehn Jahren nimmt die Elastizität der Linse ab, mit etwa vierzig lässt die Sehfähigkeit in der Nähe merklich nach; etwa ab zwanzig nimmt die Zahl der für die Wahrnehmung von Tönen wichtigen Haarzellen in der Gehörschnecke ab, ab sechzig setzt oft eine Altersschwerhörigkeit ein; mit zwanzig nimmt die Produktion von Lungenbläschen ab, das Lungenvolumen wird kleiner; ab dem Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren nimmt die Fruchtbarkeit der Frau ab, der Testosteronspiegel des Mannes sinkt; ab dreißig verliert der Knorpel des Bewegungsapparats an Elastizität, die Bandscheiben werden steifer; mit dreißig sieht man erste Spuren des Alterns, die Haut bindet weniger Feuchtigkeit und verliert an Elastizität; ab Mitte dreißig beginnen die Haare zu ergrauen; zwischen dreißig und vierzig beginnt der Knochenabbau den Knochenaufbau zu überwiegen; ab vierzig beginnt der Abbau der Muskeln; ungefähr ab vierzig wird mehr Fett eingelagert, der Energieverbrauch sinkt, und das Gewicht kann um ein bis zwei Kilo pro Jahr steigen; mit fünfzig lässt die Filtrationsleistung nach, die Blutreinigung dauert länger und ist weniger effektiv; ab sechzig sinkt die Reaktionsfähigkeit, und Gedächtniseinbußen machen sich bemerkbar, das Koordinationsvermögen verschlechtert sich, und die Geschmacksknospen schwächeln; mit fünfundsechzig Jahren kann das Herz Zeichen von Altersschwäche aufweisen, weil beispielsweise die Blutgefäße verkalken; die Anfälligkeit für Infekte erhöht sich.

»Nimm’s leicht – mehr brauchst du nicht zu tun«, rät die US-amerikanische Dichterin Dorothy Parker. „Kämpf nicht dagegen an. Du bist die einzige, die sich leidenschaftlich für dein Alter interessiert; andere Leute haben selber Sorgen. Es wird vermutlich nie Thema werden, außer du selbst bringst es aufs Tapet.“

Das ist wahr. Ich bin nun achtundsiebzig, alle vom Spiegel aufgezählten Prozesse habe ich bereits durchlaufen. Glücklicherweise waren sie so schleichend, dass außer mir selbst kaum jemand anders es wahrgenommen hat. Jetzt wird mir auch bald noch der Graue Star behoben. Ich werde besser sehen, und niemand wird es merken. Aber trotzdem: Alt werden ist ein empörender Vorgang, eine unerhörte Verletzung der Eigenliebe. Es schmerzt, das jugendliche Aussehen und die jugendliche Kraft zu verlieren.

„Heute wie gestern glaube ich, dass gesellschaftlich alles unternommen werden muss, um alternden und alten Menschen ihr missliches Geschick zu erleichtern“, schrieb der österreichische Schriftsteller Jean Améry im Frühjahr 1977 im Vorwort zur vierten Auflage seines Buches Über das Altern. »Und zugleich beharre ich noch immer darauf, dass alle hochherzigen und hochachtenswerten Bemühungen in dieser Richtung zwar möglicherweise etwas zu lindern vermögen – also: gleichsam harmlose Analgetica sind –, dass sie aber am tragischen Ungemach des Alterns nichts Grundsätzliches zu verändern, zu verbessern imstande sind.« Als Jean Améry sein unerbittliches Buch über das Altern schrieb, war er fünfundfünfzig Jahre alt.

Alt werden ist ein empörender Vorgang, obwohl wir alle wissen, dass wir irgendwann alt werden, wenn wir nicht jung sterben wollen. Doch wir bewahren vom Alter, so Marcel Proust, eine „rein abstrakte Vorstellung“. „Nichts sollte erwartungsgemäßer eintreten, aber nichts kommt unvorhergesehener als das Alter“, schreibt Simone de Beauvoir. »Oft ist der Arbeitende verblüfft, wenn die Stunde der Pensionierung schlägt: Das Datum stand seit langem fest, er hätte sich drauf vorbereiten können. … Jung oder in der Blüte der Jahre denken wir nicht wie Buddha daran, dass das künftige Alter schon in uns wohnt.« Und sie appelliert: „Hören wir auf, uns selbst zu belügen; der Sinn des Lebens ist in Frage gestellt durch die Zukunft, die uns erwartet; wir wissen nicht, wer wir sind, wenn wir nicht wissen, wer wir sein werden: Erkennen wir uns in diesem alten Mann, in jener alten Frau. Das ist unerlässlich, wenn wir unsere menschliche Situation als Ganzes akzeptieren wollen.“

Einfach ist das nicht, denn laut einer Studie ist der Anteil der Befragten, die angeben, 2007 Opfer von Diskriminierung geworden zu sein, bei keiner Diskriminierungsart so hoch wie bei der aufgrund des Alters. Die heutige Gesellschaft in den hoch industrialisierten Ländern hat die von ihr selbst geschaffene Langlebigkeit der Menschen noch nicht bewältigt. Es ändert sich derzeit etwas, aber immer noch haben wir keine Kultur, die sich positiv auf alte Menschen bezieht – es sei denn als ökonomisch interessanter werdende Zielgruppe.

Im Berufsleben gehört man schon ab fünfundvierzig zum „alten Eisen“, und verliert man in diesem Alter den Job, können Altersklischees die Wahl, wer eingestellt wird, beeinflussen. So haben sich bei zwei gleich qualifizierten Job-Kandidaten und -Kandidatinnen laut einer amerikanischen Studie von 2016 80 Prozent der Teilnehmenden für das jüngere Profil entschieden, egal um welche Tätigkeit es sich handelte. Viele Ältere berichten über Probleme beim Abschluss von Versicherungen und bei der Kreditvergabe durch Banken, selbst wenn sie über eine eigene Immobilie verfügen. Auch Schöffinnen und Schöffen dürfen bei Amtsantritt nicht älter als siebzig sein. Als mein Mann und ich eine Reise mit einem Cargo-Frachtschiff buchen wollten, waren wir knapp davor aufzugeben, weil alle angefragten Reedereien eine Altersgrenze von sechsundsiebzig Jahren vorsehen. Schließlich haben wir eine italienische Reederei gefunden, die Passagiere bis fünfundachtzig mitnimmt. Wir haben es nicht als Altersdiskriminierung wahrgenommen, sondern als notwendige, wenn auch vielleicht veraltete Vorsichtsmaßregel, weil es an Bord keinen Arzt gibt.

Wie man im Fall der Reedereien und der Schöffinnen sieht, hat die Festlegung eines bestimmten Alters mehr mit überkommenen Konventionen und Vorstellungen zu tun als mit der gesundheitlichen und geistigen Realität. Denn wann jemand als alt gilt, ist äußerst relativ. Den typischen alten Menschen gibt es nicht. Skilaufende müssen schon früh aus Altersgründen aus dem aktiven Wettkampfsport ausscheiden. Geistig Tätige bleiben oft bis ins Greisenalter „rüstig“. Arme und Schwerarbeiter altern früher.

„Keine Frau entkommt dem Schock, vierzig zu werden“, schrieb Susan Sontag 1972. „Nach Überwindung des ersten Erschreckens hilft ein liebenswerter, verzweifelter Überlebensimpuls vielen Frauen beim Eintritt in ein neues Jahrzehnt, die Grenze um weitere zehn Jahre hinauszuschieben. In der späten Adoleszenz erscheint dreißig das Ende des Lebens. Mit dreißig wird das Urteil auf vierzig verlegt. Mit vierzig geben sie sich noch zehn Jahre.“

Die Missachtung alter Frauen hat eine lange Geschichte. In der Berliner Gemäldegalerie betrachte ich das Gemälde „Der Jungbrunnen“, das Lucas Cranach d. Ä. 1546 malte. Inmitten einer Weltlandschaft befindet sich ein Becken für Nichtschwimmerinnen, in das aus einem hohen Brunnen Wasser fließt. Männer, junge Frauen und Pferdegespanne bringen gebrechliche Greisinnen auf dem Rücken, in Schubkarren und auf Leiterwagen an den Rand des Beckens, wo sie entkleidet werden. Sie haben Hängebrüste und faltige Pos und Bäuche. Junge Frauen helfen ihnen beim Einstieg ins Wasser. Kaum haben sie die Hälfte des Beckens überwunden, werden ihre Brüste prall und ihre Haare nehmen Farbe an. Am anderen Beckenrand werden sie von einem selbstredend angekleideten Mann mit galanter Geste begrüßt und in ein bereitstehendes rotes Zelt gewinkt. Drinnen werden sie eingekleidet, und schon warten die Galane auf sie. Im rechten Vordergrund des Bildes vergnügt sich hinter einem Busch ein Paar beim Liebesspiel. Im Hintergrund ist auf einer Wiese ein großer Tisch weiß gedeckt, an dem die nunmehr jungen Frauen unter den bewundernden Blicken der Männer speisen und sich zum Tanz auffordern lassen.

Ausgehend von Interviews mit Frauen um die vierzig schrieb ich 1983 das Buch Jenseits der Träume. Ich zitiere aus dem Vorwort: „Ja wie alt bist du denn?, fragen mich die jungen Frauen aus der Frauenbewegung, wenn es unüberhörbar wird, dass mir mein Alter ein Problem ist. Bald vierzig, antworte ich verschämt. Was, das hätte ich nie gedacht! Das sieht man aber nicht!“ Wehmütig denke ich an die Zeit zurück, als ich vierzig war. Fotos von damals zeigen mir meine Schönheit und Tatkraft. Dennoch ging es mir schlecht, wahrscheinlich wegen irgendeiner misslungenen Liebe, und ich dachte, ich hätte meine besten Jahre hinter mir.

Heute ist mir mein Alter nur selten ein Problem, bloß eine unleugbare Tatsache, mit der ich offensiv umzugehen versuche. Ich bin alt. „Zu alt“ für so manches, was früher einmal Spaß gemacht hat. Doch die Reaktion fällt immer noch ähnlich aus wie mit vierzig: „Was! Das sieht man aber nicht!“ Es ist die Ziffer, die beeindruckt und augenblicklich ein klischeehaftes inneres Bild abruft, das mit meiner äußeren Erscheinung, vor allem aber mit meiner Lebendigkeit und Neugier auf die Menschen und die Welt nicht übereinzustimmen scheint. Und natürlich fühle ich mich geschmeichelt. Wer möchte nicht jünger wirken. Jünger auszusehen ist für Frauen überlebenswichtig, und sie sind bereit, vieles zu unternehmen, um die Niederlage des sichtbaren Alters hinauszuzögern. Gleichzeitig bedeutet das Kompliment aber auch, dass es mir auf Kosten anderer Frauen gegeben wird, denen man ihr Alter angeblich ansieht.

„Bei Strafe des Ausschlusses“, schreibt Charlotte Wiedemann in einem Kommentar in der tageszeitung. Eine, die in der Öffentlichkeit steht und nichts „an sich machen lässt“, vor allem eine Schauspielerin, wird für ihren Mut gelobt. Stets geht es um die erotische Ausstrahlung, ohne die eine Frau in unserer Gesellschaft nichts mehr zählt. Der Sex-Appeal von Männern hingegen hat ein wesentlich längeres Verfallsdatum. Ein ergrauter Dreitagebart und Falten im kantigen Gesicht machen einen Mann wesentlich anziehender als ein Jungspund, der aussieht wie ein halbes Kind. Bei Frauen ist das anders. Models, die das Schönheitsideal der heutigen Zeit prägen, sollten mit achtzehn längst Karriere gemacht haben. Aber natürlich: Die Aufgabe von Männern ist es auch nicht, zu gefallen, sondern Macht, Finanzkraft und Selbstbewusstsein auszustrahlen. „Die Art, wie Männer sich das Alter ausmalten und wie Frauen es erlebten und erleben, hat wenig miteinander zu tun. Auch im Alter gibt es zwei Kulturen“, schreibt Hannelore Schlaffer in Das Alter. Ein Traum von Jugend.

Die Scham, die das Eingeständnis des eigenen Alters in unserer auf Jugendlichkeit fokussierten Gesellschaft auslöst, lässt sich überall dort beobachten, wo ältere Leute, Frauen ebenso wie Männer, sich weigern, der Schwerhörigkeit durch das Tragen eines Hörgeräts abzuhelfen. Während die Brille ein allgemein akzeptiertes Hilfsmittel ist, das ja auch junge Menschen bisweilen benötigen, gilt das Hörgerät immer noch, wenn auch zunehmend weniger, als unwiderrufliches Zeichen des Alters. Lieber nehmen Menschen soziale Isolierung in Kauf, als sich und der Umwelt einzugestehen, dass der Alterungsprozess eben auch zu Schwerhörigkeit führen kann. Anders als früheren Generationen steht uns aber heute eine ausgereifte Technik zur Verfügung, die es uns ermöglicht, dieser Behinderung fast unsichtbar zu begegnen. Ich selbst habe festgestellt, dass der offensive Umgang mit meiner Schwerhörigkeit, die bei mir bereits mit fünfundsechzig Jahren einsetzte, der beste Weg ist, diese Scham über eine geringfügige Behinderung abzulegen. Aber ich gebe zu, dass die Mitteilung des Hörakustikers, ich würde ein Hörgerät benötigen, erst einmal einen Schock ausgelöst und mich in eine tagelange Depression gestürzt hat.

Einiges hat sich geändert und wird sich weiter ändern. Was als alt wahrgenommen wird, verschiebt sich nach hinten. Zum ersten Mal in der Geschichte können die meisten Menschen auf der Welt damit rechnen, sechzig Jahre und älter zu werden. Ein 2015 in Brasilien oder Myanmar geborenes Kind hat heute eine um zwanzig Jahre höhere Lebenserwartung als noch vor fünfzig Jahren, behauptet der 2016 veröffentlichte WHO-Weltbericht über Altern und Gesundheit. Vorausgesetzt, es fällt nicht einem Krieg, einer Hungersnot, einer durch den Klimawandel verursachten Überschwemmung oder einer „ethnischen Säuberung“ zum Opfer, füge ich hinzu. Diese höhere Lebenserwartung weltweit hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme und deren Haushalte sowie auf die im Gesundheitswesen beschäftigten Arbeitskräfte.

Anfang des 20. Jahrhunderts war eine Frau mit vierzig nicht „älter“, sondern „alt“. Am Ende. Abgeschrieben. Heute, schreibt Susan Sontag, beginnt die Alterskrise bei Frauen früher, dauert aber länger; sie erstreckt sich über den Großteil ihres Lebens. „Die Krise kann jederzeit einsetzen.“ Ähnlich Simone de Beauvoir: „Lange vor der endgültigen Verstümmelung wird die Frau vom Schrecken des Alters verfolgt.“

Für den damals dreiundsechzigjährigen Grafiker der Taschenbuchausgabe meines Buches Jenseits der Träume Celestino Piatti sah eine Frau mit vierzig einer unerfreulichen Zukunft entgegen. Auf dem von zwei Flächen in düsterem Lila und Rotbraun eingefassten Schwarz-Weiß-Foto runzelt eine skeptisch dreinschauende Frau auf grauem Hintergrund nachdenklich die Stirn. Kein Bild, das zum Kauf des Buches einlädt. Seine persönliche Ablehnung älterer Frauen erwies sich als stärker als das Vermarktungsinteresse des Verlags.

„Man sollte von Jugend auf die Forderung beherzigen, den Tod gering zu schätzen, ein Grundsatz, ohne den niemand ruhigen Sinnes zu sein vermag“, schrieb der zweiundsechzigjährige Cicero in De Senectute – „Über das Alter“ im Jahr 44 v. Chr. „Denn sterben muss man gewiss, und ungewiss ist nur, ob man es nicht bereits an diesem Tag muss. Wie könnte also einer festen Sinnes sein, wenn er sich vor dem Tode fürchtet, der zu jeder Stunde droht?“ Cicero ist voller guter Empfehlungen. Dem Nachlassen sexueller Aktivität, heute eines der zentralen Themen von Ratgebern, kann er nur Gutes abgewinnen: „Welch herrliches Geschenk des Lebens, wenn es uns wirklich das nimmt, was in der Jugend die schlimmste Qual des Lasters ist!“ So manche ältere Frau, deren sexuelle Erlebnisse mit ihrem Mann nicht immer berauschend waren, denkt sich das wohl heute auch noch.

Unleugbar ist, dass die vor uns liegende Zeit mit den Jahren schrumpft, auch wenn der Tod laut Cicero theoretisch zu jeder Stunde drohen kann. Aber eben nicht muss, mit fortschreitendem Alter allerdings immer wahrscheinlicher wird. Je weniger Zeit wir vor uns haben, schreibt Améry, desto mehr Zeit sei in uns. Aufgesammelte, abgelebte Zeit. Wir blicken zurück, erinnern uns. Wir werden alt durch die Zeit, die in uns lastet. Die Zukunft, so Améry, sei nicht Zeit, sondern vielmehr Welt und Raum. »Alt sein oder auch nur altern sich spüren, heißt: Zeit haben im Körper … Jung sein, das ist: den Körper hinauswerfen in die Zeit, die keine Zeit ist, sondern Leben, Welt und Raum.«

Welt und Raum würden im Alter schrumpfen, schreibt Améry. Die Welt stehe uns nicht mehr offen. Der Autor spürt, dass er immer mehr verstummt. Was hat er in dieser rasant fortschreitenden Zeit und Welt noch zu sagen? Und er wird auch nicht mehr gefragt. Was er zu sagen hat, sei nicht mehr relevant, sei Meinung von gestern.

Alt werden, so Améry weiter, heißt, sich selbst fremd zu werden. Der Spiegel zeigt uns wie Veza Canetti eine Person, die nicht übereinzubringen ist mit dem Ich, das wir in uns tragen. „Vielleicht die stärkste Komponente des Überdrusses ist eben diese Selbstentfremdung, diese Unstimmigkeit von dem durch die Jahre mitgebrachten jungen Ich und dem Ich der alternden Spiegelfrau. Aber in den gleichen Atemzügen wird ihr […] greifbar, dass sie sich samt Gelbflecken und glanzlosem Auge näher, überdrussvoll traulich-vertrauter ist denn je zuvor und dass sie verurteilt ist, vor ihrem fremdgewordenen Spiegelbild auf immer drangvollere Weise sie selber zu werden.“

Wer kennt diesen verdrießlichen Blick in den Spiegel nicht? Wie Menschen, die sich satt essen können, ihren Magen vergessen, so war unser Gesicht, das wir in jungen Jahren ohne Missvergnügen im Spiegel betrachteten, eine solche Selbstverständlichkeit, dass wir es vergessen konnten. Es war Teil der Welt. Améry spricht von einer narzisstischen Melancholie, die den alternden Menschen erfasst, wenn er sein Spiegelbild betrachtet. Und er rebelliert gegen das seinem Gefühl nach falsche Ich, welches sich ihm offenbart. Bin das noch ich? Aber welches Ich ist eigentlich gemeint? Das Kinder-Ich, das Adoleszenz-Ich, das Ich der erwachsenen Person auf dem Höhepunkt ihrer Kraft?

Das letzte Wort hat der Körper. „Ich bin ich im Altern durch meinen Körper und gegen ihn: ich war ich, als ich jung war, ohne meinen Leib und mit ihm“, schreibt Améry. Erst im Alter entdecken wir den Körper und die Zeit, die wir in unserer Jugend vergessen konnten. „Als Alternde werden wir unserem Körper fremd und seiner trägen Masse zugleich näher als je zuvor.“

Die gut gelaunten, hellwachen Alten, mehrheitlich Frauen, die Museen, Theater, Ausflugslokale, Reisebusse und Kreuzfahrtschiffe bevölkern, scheinen sich mit ihrem fremd gewordenen Körper versöhnt zu haben. Ohne Zahlen zu kennen, behaupte ich, dass der Tourismus und die Kulturindustrie ohne die Generation 60plus blass aussehen würden. Ihre grauhaarigen Konsumentinnen fühlen sich offensichtlich wohl in ihrer Haut und sind fest entschlossen, ihre verbleibende Lebenszeit in vollen Zügen zu nutzen – so sie denn die finanziellen Mittel dazu haben. Denn die Alten bilden keinen monolithischen Block. Der oder die Alte „muss schon immer als Mensch behandelt worden sein“, um mit Simone de Beauvoir zu sprechen.

Der Statistik zufolge ist es den Alten noch nie so gut gegangen. Das Zentrum für Altersforschung weiß, dass es bei den über Sechzigjährigen noch nie so viele Partnerschaften gab wie heute, möglich gemacht unter anderem durch die Angebote des Internets. Partnerschaft ist mehr als Sex, denn gleichzeitig haben ab dem Alter von siebzig ein Drittel bis die Hälfte der Senioren keinen Sex mehr. Es gibt aber andere Herausforderungen: Noch nie haben so viele Senioren an deutschen Hochschulen studiert wie heute, wobei das Fach Geschichte am beliebtesten ist. Nach der U-Kurve des Glücks in Europa sind die Zwanzig- bis Fünfundzwanzigjährigen, deren Leben vor ihnen liegt, am glücklichsten, der Tiefpunkt liegt in der Mitte des Lebens zwischen vierzig und fünfzig, und danach steigt die Kurve kontinuierlich wieder an. Die Psychologie erklärt das damit, dass die Alten, deren Lebenszeit begrenzt ist, sich weniger Sorgen um die Zukunft machen müssen. Allerdings handelt es sich hier um einen Mittelwert, der nicht ausschließt, dass es arme, kranke, depressive und einsame Alte gibt.

Die vergnügten und wissbegierigen Seniorinnen und Senioren sind die sichtbarste Seite des demografischen Wandels, der zu Amérys Zeiten noch nicht so ausgeprägt war. Die Zahl der älteren und hochbetagten Menschen steigt. „Ältere Menschen werden zukünftig unsere Gesellschaft mehr und mehr prägen“, heißt es im Siebten Altenbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2016. Seit dem 19. Jahrhundert habe sich die Lebenserwartung fast verdoppelt. Aktuell gehört hierzulande mehr als jede vierte Person der Generation 60plus an. Im Jahr 2050 werden zwischen 33 und 40 Prozent der Bevölkerung sechzig und älter sein. Die meisten älteren Menschen der Altersgruppe 65plus, so der Bericht, fühlen sich gesundheitlich wohl. Erst im hohen Alter steigt der Pflegebedarf deutlich an, in der Altersgruppe der über Neunzigjährigen sind dann zwei Drittel pflegebedürftig.

Die Pflege, so der bekannteste deutsche Pflegekritiker Claus Fussek, sei ein gigantisches Geschäft, ein riesiger Wachstumsmarkt, auf dem Milliardenbeträge verdient werden. „Wenn man auf einen Altenpflegekongress geht, hat man das Gefühl, auf der CEBIT zu sein“, sagte er dem Online-Nachrichtenticker Telepolis im August 2013. „Wir haben als Gesellschaft ohne Protest die Güter Pflege und Gesundheit der freien Marktwirtschaft übergeben, und nun herrschen dort die Gesetze des Marktes.“ Seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 ist der Anteil der privaten Betreiber von Alten- und Pflegeheimen von 26 auf 40 Prozent gestiegen. Da Personalkosten 70 Prozent und mehr der Gesamtkosten ausmachen, sind Personalkürzungen ein beliebtes Mittel, um die Rendite zu steigern.

In ihrer leidenschaftlichen Anklage gegen die moderne Gesellschaft und ihre Einstellung zu alten Menschen – Das Alter – bezeichnet Simone de Beauvoir Frankreich mit seinen mageren zwölf Prozent der Bevölkerung über fünfundsechzig als Land mit dem höchsten Prozentsatz an Alten weltweit, „verurteilt zu Armut, Einsamkeit, Krankheit, Verzweiflung“. Das war 1970, und Beauvoir sah sich auch vor einer kulturellen Wüste, in der bei Büchern, Filmen, Fernseh- und Radiosendungen die Alten als Zielgruppe fehlten.

Das ist heute anders geworden. Der Markt ist dabei, sich dem steigenden Alter der Kulturkonsumentinnen anzupassen, bisweilen bis zum Überdruss. Immer häufiger erobern Filme über alte Menschen die Leinwand: „Wolke 9“, „Sein letztes Rennen“, „Marigold Hotel“, „Der Hundertjährige“, „Harold and Maude“, „Liebe“, „Mr. Morgan’s Last Love“, „About Schmidt“, „Das Leuchten der Erinnerung“, „Lucky“, „Mrs. Fang“, „Back in the Game“, „Im Labyrinth der Erinnerung“, „Lara“ … Und während sich Greta Garbo schon im Alter von sechsunddreißig Jahren von der Leinwand zurückzog, können wir uns heute an einer wachsenden Zahl in die Jahre gekommener Schauspielerinnen erfreuen.

Nach wie vor erobern im Film faltige Männer über fünfzig kaum zwanzigjährige Schönheiten, und doch ist etwas in Bewegung geraten. Mit dreiundfünfzig denkt die strahlend schöne Julia Roberts noch lange nicht ans Aufhören, ebenso wenig Iris Berben, Corinna Harfouch oder Meryl Streep, von der großartigen Helen Mirren und der 1937 geborenen Jane Fonda ganz zu schweigen. Sie verschweigen auch nicht mehr ihr Alter, wie es früher üblich war und wie auch ich es eine Zeit lang verschämt praktiziert habe.

Vor allem aber der Buchmarkt reagiert auf die „Vergreisung“ der Gesellschaft, wie es abschätzig heißt. Die Liste der Titel zum Altwerden ist endlos: Entscheide selbst, wie alt du bist, Vom Vergnügen, entspannt alt zu werden, Alt werden war gestern, Bin ich schon alt oder wird das wieder?, Das Glück der späten Jahre, Alt werden, ohne alt zu sein, 50 ist das neue 30, Wie kluge Frauen alt werden, Mut zu mir selbst: Alt werden ist nichts für Feiglinge, Ich bin alt und das ist gut so, Alt werden und jung bleiben, Wenn der Wecker nicht mehr klingelt, Klüger werden und Demenz vermeiden, Wer nicht alt werden will, muss früher sterben, Vom Abenteuer, alt zu werden, Die neue Lust am Älterwerden, Für Träume ist man nie zu alt, Lebensplanung für Fortgeschrittene, Fit im Alter, Gesund und glücklich hundert werden, Alt werden nur die anderen, Sex Deluxe: Sinnlich älter werden, Amor altert nicht, Sex in deinem Alter?!, Partnerschaft im Alter, Ziemlich heiße Jahre, Wenn Paare älter werden, Sex Ü60, Partnersuche im Internet für die zweite Lebenshälfte, Liebe bis in den späten Herbst, Wenn Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist …

Alles im Handel erhältlich. „Genieße dein Alter, wenn es ja doch nicht zu ändern ist“, rufen uns diese Bücher zu. Und natürlich haben sie recht. 1970 galt, so de Beauvoir, Liebe und Eifersucht von Alten noch als „widerwärtig oder lächerlich“, Sexualität als „abstoßend“. 2008 hingegen sorgte Andreas Dresens Film „Wolke 9“, in dem das „Tabuthema Sex im Alter“ überraschend offenherzig behandelt wurde, in Cannes für einen zehnminütigen Beifall im Stehen.

Nun füge ich also der langen Liste von Büchern über Alter und Altern ein weiteres hinzu, wenn auch keinen Ratgeber. Über Ratschläge verfüge ich nicht, ich befrage nur mich selbst und spreche mit unterschiedlichen Menschen, die mir erzählen, wie sie ihr Leben im Alter gestalten – je nach ihren früheren und jetzigen Lebensumständen gestalten können. Die Statistiken und Analysen entnehme ich der Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. ´

Zu den zufriedenen Alten gehöre auch ich. Mit achtundsiebzig tut mir, außer an manchen Tagen das linke Knie, nichts weh, ich treibe Sport, lese so viel wie zuletzt als Kind und lebe sorglos mit einem Mann mit guter Rente, den ich erst mit fünfundsechzig kennengelernt habe. „Spätes Glück“ wird das genannt. Vor allem aber arbeite ich, was ich als noch größeres Glück empfinde. Als Freiberuflerin war ich schon immer darauf eingestellt, so lange zu arbeiten, wie es meine geistige und körperliche Verfassung erlaubt. Insofern habe ich mich nie verstärkt um meine Rente gekümmert. Mit Erstaunen konnte ich beim Eintritt des Rentenalters feststellen, dass ich tatsächlich eine – wenn auch bescheidene – Rente beziehe. Zum ersten Mal im Leben habe ich nun ein regelmäßiges Einkommen. Ich habe einen Schreibtisch in einer Bürogemeinschaft, die mir soziale Kontakte zu Jüngeren sichert. Hobbys habe ich keine, ich bin nicht ehrenamtlich tätig und habe keine Kinder und folglich auch keine Enkel, die mich auf Trab halten. Meine Lieblingsbeschäftigung ist die Arbeit. Mit ihr tue ich etwas einigermaßen Sinnvolles und befriedige meine Neugier auf die Welt.

So erlebe ich mein Alter tatsächlich als eine Zeit der Freiheit. Auch als Frau. Während ich mit fünfzig noch darunter litt, trotz gefärbter Haare nicht mehr gesehen zu werden, ist es für mich heute – mit weißen Haaren – entlastend, ich selbst sein zu dürfen, keine Rolle spielen, den Erwartungen an Weiblichkeit nicht mehr entsprechen zu müssen und mich ohne Angst vor sexueller Belästigung frei in der Welt zu bewegen. Wenn ich mich dennoch schminke und sorgfältig kleide, tue ich es für mich selbst und bin froh, dass mein Äußeres von anderen nicht mehr begutachtet wird.

Über Komplimente, vor allem von Frauen, freue ich mich dennoch. Aber manchmal fühlt es sich eben gut an, nicht gesehen zu werden. „Von einem Jahr aufs andere ist die Zeit meine Verbündete geworden, wie für jede Frau“, schreibt die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in ihrem Roman Unrast. „Ich bin unsichtbar, durchsichtig geworden.“ So kann sich ihre Protagonistin durch die Welt bewegen wie ein Gespenst, kann den Leuten unbemerkt über die Schulter schauen und ihren Gesprächen lauschen. Nicht immer ist es jedoch angenehm, unsichtbar zu sein. Um doch noch gesehen zu werden – etwa, wenn mich der Kellner im Restaurant hartnäckig übersieht, während er später eingetroffene Männer und Paare bedient, oder der Spanischlehrer mich nicht aufruft, obwohl ich direkt vor seiner Nase sitze und mich melde –, musste ich lernen, selbstbewusst und fordernd aufzutreten. Als Lernschritt für das vierte Lebensquartal ist das gar nicht schlecht.

Der melancholische Blick in den Spiegel auf den sich verändernden Körper ist allerdings ein Luxusproblem. Dem Altenbericht ist zu entnehmen, dass viele seiner Autorinnen und Autoren „von einem relevanten Anstieg der Altersarmut in den kommenden Jahren und Jahrzehnten“ ausgehen. Insbesondere in Ostdeutschland. Wer sich Sorgen um das tägliche Überleben machen muss, hat wohl keine Muße, mit dem Aussehen zu hadern. „Deutlich ist, dass das Niveau der Eingangsrenten in der gesetzlichen Rentenversicherung seit Jahren sinkt“, urteilt der Altenbericht. Ein Skandal in einem reichen Land wie Deutschland, in dem es immer mehr Superreiche gibt.

„Dass die gesetzliche Rente derart kaputt gemacht wurde, ist der größte sozialpolitische Skandal der Nachkriegszeit“, urteilt Sahra Wagenknecht in Rente und Respekt! Insbesondere alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung, Personen mit Migrationshintergrund, Menschen mit chronischen Erkrankungen und Langzeitarbeitslose sind von Altersarmut bedroht. Sollte die Politik eine solche „soziale Polarisierung des Alters“ nicht wünschen, dann wird sie sich Gedanken machen müssen – über den sozialen Wohnungsbau und bezahlbare Mieten, über existenzsichernde Mindestlöhne, die Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie über eine Umstrukturierung der Renten- und Steuerpolitik, um nur einige Minimalanforderungen zu nennen.

Norberto Bobbio zitiert in seinem Buch Vom Alter. De Senectute aus dem Jahr 1996 erschütternde Aussagen von Menschen in italienischen Altenheimen, deren Einsamkeit so umfassend ist, dass sie nur noch den Tod herbeisehnen. Studien zeigen, dass chronische Einsamkeit, also soziale Isolation, ein größeres Sterberisiko mit sich bringt als fünfzehn Zigaretten am Tag, Fettleibigkeit oder Bluthochdruck. Der Psychiater Manfred Spitzer bezeichnet Einsamkeit mit ihren körperlichen Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer höheren Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, als „Todesursache Nummer eins“.

Das viel zitierte und auch belächelte Einsamkeitsministerium in Großbritannien hat einen Haken: Gesprochen wird über einen emotionalen Zustand, nicht jedoch über öffentliche Strukturen, die soziale Isolation schaffen, über die sterbenden Dörfer, die Ausdünnung der Verkehrsverbindungen, die Entmischung der Innenstädte, die keine Orte der Begegnung mehr anbieten, über die Ausbreitung extremer Berufsanforderungen, die kein Privatleben zulassen. Gesprochen wird nicht über Armut, die Einsamkeitsproduzentin Nummer eins.

Die Armutsforscherin Irene Götz hat in ihrem Buch Kein Ruhestand Frauen zwischen sechzig und achtzig Jahren porträtiert, die im reichen München Not leiden. Mehr als 70 Prozent der Frauen in Bayern leben unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze. Die Autorin berichtet von alten Frauen, die ihr Leben lang erwerbstätig waren und nun auf einem Klappbett im Flur der Tochter schlafen, Straßenzeitungen verkaufen, im Callcenter im Akkord arbeiten. Auf die Generation der Babyboomer, die heute älter als fünfzig sind, sieht sie ein Katastrophenszenario zukommen. Der Anteil an Frauen, die in Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung arbeiten, ist weiterhin hoch, und ihre spätere Rente wird entsprechend niedrig ausfallen. Einen Ausgleich durch betriebliche und private Altersvorsorge haben gerade die unteren Einkommensgruppen kaum zu erwarten.

Den verzweifelten Alten in Italien stellt Bobbio die selbstzufriedene Rede aus der rhetorischen Tradition eines Cicero gegenüber, und die armen Frauen von München und anderswo in Deutschland sind die Schattenseite der in die Jahre gekommenen gut bestallten deutschen Bewohnerinnen und Bewohner von Mallorca mit den verheißungsvollen Lebensratgebern im Gepäck. So wie die Kluft zwischen Arm und Reich allgemein in Zeiten des Neoliberalismus größer wird, so wird die Verteilung der Lebenschancen im Alter ungleicher. Schlimm daran ist zudem, dass die Altersarmut in der Regel endgültig ist.

Wer sich über die „Vergreisung“ unserer Gesellschaft Sorgen macht, sollte sich von Japan warnen lassen, dessen Alte für ihre Langlebigkeit bekannt sind, aber zunehmend ein Problem darstellen. Ein Blick zurück: In einigen Gebieten Japans waren die Dörfer bis in die jüngste Zeit so arm, dass man die Alten opfern musste, schildert Simone de Beauvoir in Das Alter. Man brachte sie auf sogenannte Totenberge und ließ sie dort zurück. Man veranstaltete ein Totenfest mit kostbaren Speisen und Reiswein. Im Morgengrauen danach wurden die Todgeweihten von einem Verwandten an ein Brett gebunden und auf den von Raben umkreisten Berg getragen, dessen Gipfel von Knochen übersät war.

Die Atago-Siedlung am Stadtrand von Tokio ist ein Gebäudekomplex mit 1698 Wohneinheiten, einer von Hunderten ähnlichen Komplexen rund um Tokio. In diesen nicht als Altenheime konzipierten Sozialwohnungen leben heute fast nur noch alte Leute, das Ergebnis einer Sozialpolitik, die jüngere Bewohner ab einer gewissen Einkommenshöhe nicht mehr dort wohnen lässt. Zurück bleiben die Alten, doch die fünfstöckigen Gebäude haben keine Aufzüge, und in der Umgebung gibt es weder einen Supermarkt noch eine Apotheke. Die 1976 eröffnete Grundschule musste 2016 mangels Schülern schließen. Die britische Zeitung The Guardian zitiert einen siebzigjährigen Mitarbeiter des Atago-Wohnkomitees, dem zufolge in den letzten fünf Jahren über 2300 alleinstehende Alte in Japan einen Kodukushi gestorben sind, einen „Tod in Einsamkeit“. So nennen die Japaner den Tod, der erst Wochen später entdeckt wird, ein Damoklesschwert, das über den Bewohnern von Atago schwebt.

Manches, was der ehemalige Journalist des Spiegel Wieland Wagner in seinem 2018 erschienenen Buch über Japan – Abstieg in Würde. Wie ein alterndes Land um seine Zukunft ringt – beschreibt, lässt an den Totenberg denken. Seit neun Jahren in Folge schrumpft die japanische Bevölkerung. Mehr als ein Viertel war 2018 fünfundsechzig Jahre alt und älter, so viele Menschen wie noch nie. Damit war der Anteil der Alten mehr als doppelt so hoch wie jener der unter Fünfzehnjährigen. Während heute die Alten immer älter werden, rücken zu wenige Junge nach. 2017 betrug die Geburtenziffer 1,43 Kinder pro Frau, eigentlich nur geringfügig weniger als in Deutschland. Immer weniger Arbeitsfähige müssen immer mehr Arbeit verrichten, mit derart katastrophalen Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit der noch Erwerbstätigen, dass sich die Regierung 2015 genötigt sah, ihre Landsleute zu fünf Zwangsurlaubstagen im Jahr zu verpflichten.

„Die Vergreisung liegt wie ein grauer Schleier über Japan“, schreibt Wagner. „Allenthalben ist vom Altern und vom Sterben die Rede.“ Katastrophal sind auch die Folgen für die Wirtschaft. Immer weniger Waren werden verkauft, Firmen suchen verzweifelt nach Personal, Betriebe, deren Besitzer in Rente gehen, finden keine Nachfolge, junge Erwerbstätige haben vor lauter Überstunden keine Zeit und wegen der niedrigen Löhne auch kein Geld, eine Familie zu gründen, Alte müssen bis ins hohe Alter schuften, weil ihre karge Rente zum Überleben nicht reicht, Wohnungen und Häuser bleiben unbewohnt und verfallen, die Bettenzahl in Krankenhäusern wird drastisch gesenkt, während das Personal im Pflegebereich heillos überfordert ist.

Immer wieder kommt es vor, dass Pflegende und Angehörige sich nicht mehr zu helfen wissen und als letzten Ausweg ihre Schutzbefohlenen ins Jenseits befördern. Und Karoshi – „Tod durch Überarbeitung“ – ist ein Euphemismus für den Suizid von Mitarbeitern, denen so viele Überstunden abverlangt werden, dass ihnen der Tod wünschenswert erscheint. Selbst die Gefängnisbelegung altert, sodass man dazu übergeht, jüngere Gefangene in der Altenpflege auszubilden.

Während Deutschland sein Demografieproblem durch Zuwanderung lindert, bleiben die Japaner lieber unter sich. Notgedrungen will das Land bis 2025 seine strengen Zuwanderungsregeln lockern und eine halbe Million ausländische Arbeitskräfte ins Land lassen. Schon heute sieht man auf Baustellen, in Supermärkten, Restaurants, Altenheimen und landwirtschaftlichen Betrieben nicht nur japanische Beschäftigte. Doch der rechtlich unsichere Status der Zugewanderten erlaubt es ihnen nicht, sich dauerhaft niederzulassen und eine Familie zu gründen. Stattdessen bevorzugt man in Japan technische Lösungen. „Um Alte und Demente psychisch zu betreuen, setzen viele Heime auch Roboter-Seehunde und Roboter-Katzen ein“, berichtet Wagner. In einem Seniorenheim in Tokio konnte er 2005 noch bestaunen, wie Bewohner von Waschrobotern geduscht und getrocknet wurden, zwölf Jahre später sei man davon wieder abgekommen. „Zwischen den Visionen der amtlichen Planer und dem Alltag der Pfleger klafften offensichtlich Welten“, schließt der Autor.

Auf Deutschland bezogen hat sich die Bertelsmann Stiftung in einer jüngst veröffentlichten Studie mit dem demografischen Wandel beschäftigt. Rein rechnerisch wäre es möglich, mit höherer Zuwanderung den Altenquotienten bis 2035 annähernd konstant zu halten. Auf Bruttobasis würde das jedoch innerhalb von fünfzehn Jahren eine Zuwanderung von knapp 45 Millionen Personen erforderlich machen, was vermutlich in Zeiten von zunehmendem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit politisch nicht durchsetzbar ist. Die tatsächliche Alterung der Gesellschaft würde dadurch aber nur auf später verschoben, denn langfristig altern auch die Zugewanderten oder wandern wieder ab.

„Mögliche Instrumente sind eine schnellere Erwerbsintegration von Zuwanderern, ein Anstieg der Erwerbstätigkeit und des Arbeitsvolumens bei Frauen und Migranten sowie eine Erhöhung der Regelaltersgrenze, die sich an der steigenden Lebenserwartung orientiert“, schlussfolgert die Demografie-Expertin der Bertelsmann Stiftung Martina Lizarazo López. Eine bessere flächendeckende Kinderbetreuung, eine Änderung des sozialen Sicherungssystems, eine kinder- und familienfreundliche Umgestaltung der Arbeitswelt, eine Umverteilung entlohnter und nicht entlohnter Arbeit und eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten, würde ich ergänzen.

 

Heute und morgen erreichen Menschen in Deutschland das Rentenalter, die eine andere Jugend durchlebt haben als frühere Generationen, sie kennen weder Krieg noch Hunger, viele haben sich in jungen Jahren für soziale Gerechtigkeit eingesetzt, haben ihr Leben nicht in der „Normalfamilie“ verbracht und sind Feministinnen, die weniger fügsam sind als frühere Frauengenerationen. „Sie fürchten nicht die Schwierigkeiten, die sie mit ihren Kindern bekommen, weil sie nicht als ›richtige Omas‹ für die Betreuung der Enkel zur Verfügung stehen, sondern einen eigenen Terminkalender haben“, schreibt Gisela Notz. Sie zitiert den „Freiwilligensurvey“ aus dem Jahr 2009, der diagnostiziert, dass sich die Freiwilligen von heute wegen ihrer besseren körperlichen Verfassung und ihres höheren Bildungsniveaus in steigendem Maße als kritische und selbstbewusste Engagierte erweisen. Zunehmend richte sich ihr Engagement direkt auf das Gemeinwesen. Zum Erfahrungswissen der Alten komme nun auch kritische Kompetenz. Sie werden als „unwürdige Greisinnen“ (Brecht) zum Sand im Getriebe der nur auf Verwertbarkeit ausgerichteten neoliberalen Maschinerie.

Angesichts der Vereinsamung und oft desolaten Wohnsituation älterer Menschen entwickeln manche schon in jüngeren Jahren Ideen, wie sie ihr Alter in Gemeinschaft mit Jüngeren und Kindern gestalten wollen. Doch ohne Förderung durch die öffentliche Hand werden diese wunderbaren Ideen nur von einer kleinen finanziell gut ausgestatteten Elite umgesetzt werden können.

Das Alter, schreibt Simone de Beauvoir, „ist nicht nur eine biologische, sondern eine kulturelle Tatsache“. Und eine politische.

Die Alten genießen den Luxus, nicht mehr Teil der Leistungsgesellschaft zu sein. Wahrscheinlich sind deshalb so viele von uns zufrieden. Wir dürfen uns den Müßiggang erlauben. „Müßiggang“ ist ein schönes Wort: sich die Muße nehmen, den Gang zu verlangsamen. Zu schlendern. Auf Italienisch heißt es ozio. Das ist viel zu kurz. „Unser Tatendrang entspringt dem unbewussten Hang, uns für Mittelpunkt, Ursache und Endziel der Zeit zu halten“, schreibt Émile M. Cioran in Lehre vom Zerfall. Alte können sich diese Illusion nicht mehr erlauben. Aber, so Cioran, „Müßiggänger erfassen mehr von den Dingen als Geschäftige, dringen tiefer als diese in sie ein: ihren Horizont begrenzt keinerlei Arbeit.“ Sie tun weder Gutes noch Böses, sind bloß „Zuschauer der in Zuckungen sich windenden Menschheit“.

Heute sagen Wissenschaftler voraus, dass die Menschen eines Tages hundertdreißig Jahre alt werden könnten. Emma Morano aus dem piemontesischen Verbania starb 2017 im Alter von 118 Jahren. Sie wurde 1899 geboren und war die letzte Person der – westlichen Journalistinnen bekannten – Welt, die das gesamte zwanzigste Jahrhundert durchlebt hat. Verständlicherweise wurde sie immer wieder von Leuten aufgesucht, die auf das Geheimnis ihrer Langlebigkeit neugierig waren. Ein Arzt habe ihr geraten, gegen Blutarmut täglich zwei rohe Eier zu essen, gab sie zu Protokoll, daran habe sie sich ihr Leben lang gehalten. Doch der eigentliche Grund für ihr hohes Alter sei ein anderer: Nachdem ihre große Liebe im Ersten Weltkrieg gefallen und ihr zweiter Versuch mit einem Mann an dessen Gewalttätigkeit gescheitert war, verbrachte sie ihr restliches Leben allein, wenn auch nie einsam. Dadurch, verriet sie verschmitzt, habe sie sich eine Menge Ärger erspart.

Alt werden ist ein empörender Vorgang, obwohl wir alle wissen, dass wir irgendwann alt werden, wenn wir nicht jung sterben wollen.


Erica Fischer

Mit Scharfsinn und Witz porträtiert Susanne Mayer einen Lebensabschnitt

Blick ins Buch
Die Kunst, stilvoll älter zu werdenDie Kunst, stilvoll älter zu werden

Erfahrungen aus der Vintage-Zone

Vintage-Jahre! Irgendwann ist es so weit: Zeit für das Älterwerden. Wie sich das anfühlt, erzählt die Journalistin Susanne Mayer anhand eines biologisch unabwendbaren Selbstversuchs. Sie erkundet, klug und mit leichter Feder, wie es zu schaffen wäre, gut gelaunt durch diese späten Jahre zu kommen. Fazit: Vintage verlangt Gelassenheit, gegenüber den ehemals heißumkämpften politischen Zielen, den verlorenen Hoffnungen, alten Vorsätzen – und Haltung gegenüber dem, was kommen mag. Mit Scharfsinn und Witz porträtiert Susanne Mayer einen Lebensabschnitt und seine Bewohner.

ERSTE KNITTERUNG 

Kollisionen
Neulich musste ich sehr lachen, Altern wird so obsessiv! In der Zeitung wurde eine Schauspielerin zum Thema Altern befragt, Überschrift: „Anfang 30“, sie sagte: „Ich bin froh um meine Sommersprossen, weil man meine Falten nicht so sieht!“ Meine Falten? Anfang dreißig? Ich wollte gar nicht weiterlesen. Tat es leider doch. Ich las, die Frau ginge jetzt früher ins Bett und sehe morgens trotzdem zerknittert aus. Ich dachte: Liebes! Komm zum Frühstück, dann siehst du meine!
Da stand etwas von einem 26-jährigen Markus, der klagte, er bringe es einfach nicht fertig, sich von seinen Teenie-T-Shirts zu trennen, ja, warum – aus „latenter Angst vor dem Alter“. Im Ernst? Und Ronja von Rönne. Die Autorin ist so jung, dass die Feuilletons sie mit Jahreszahl nennen, wie: „Ronja von Rönne, 23“. Die frische Jungautorin, die auch schon mal als „wohlstandsverwahrlostes Schulmädchen“ rüberkommt, las auf einem Literaturwettbewerb einen Text, der vor Alterspanik schon selber Falten warf: „Ich denke daran, wie ich mit meinem Vater auf einem Konzert im Olympiastadion war, und dann denke ich daran, dass mein Vater altern und sterben wird und dass ich das miterleben werde, und ich muss auch sterben, und überhaupt alle, und dann ruft Grönemeyer Bochum, ich komm aus dir, und ich fange an zu schluchzen …“
Was geht ab? – jung gefragt. Es scheint einen hysterischen Rutsch in Richtung Altern zu geben. Womöglich ist es ja so, dass in einer demographisch entgleisenden Gesellschaft, wo der Trend zu immer mehr alten Leuten geht, nun schon die Jugend überrollt wird von dem Alterstsunami und – trendig, wie sie ist, die Jugend – auf den Trend aufspringt und mit den alten Alten jetzt ums Altsein wetteifert. 
Brillante Idee. Hätte man selber draufkommen sollen, also früher. Im Alter bella figura zu machen ist natürlich erheblich einfacher, weil man gar nicht alt ist, sondern noch jung und formvollendet. Es besteht leider ein wenig die Gefahr, dass die jungen Alten die echten Alten im Altsein abhängen. Auf Style-Blogs schütteln Jungmodels provozierend ihre grau gefärbten Haare. Girlies stratzen auf Instagram in neuen Omablüschen herum. Embrace your granny! Wer wirklich altert, dem wird natürlich oft ein wenig klamm bei dem Thema. 
Der Mann einer Freundin wurde fünfzig, und sie erzählte, er wolle das nicht feiern, offensichtlich ein Fall von echter Alterspanik. Sie regte an, ich möge ihn anrufen und ein wenig aufmuntern. Ich also rufe an, und er sagt pampig: „Und? Wie war dein Fünfzigster?“
Ich wähnte mich zum Zeitpunkt dieses Telefonats Jahrzehnte von fünfzig entfernt. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich just over forty liege, und fand Gelegenheit einzuflechten, dass einer meiner Ex in seiner Mail zu meinem vierzigsten Geburtstag geschrieben hatte: „Du bist der Neid aller Vierzigjährigen.“ Das war sehr nett von ihm, wenn auch meine Nachfolgerin natürlich zehn Jahre jünger ist als ich, Neufrauen haben meiner Erfahrung nach ein konstantes Alter von zehnjahrejünger. Als ich dann fünfzig wurde, brauchte ich zwei Jahre, um mich dem Fakt zu stellen. Ich feierte meinen fünfzigsten Geburtstag mit 52 Jahren. 
Als meine beste Freundin sechzig wurde, fuhr sie mit ihren Lieben nach Wien, weit weg von diesem Sechzigsten. Am Tag des Geburtstags stand ein junger Mann in der Straßenbahn auf und bot ihr seinen Platz an, noch nie hatte ein junger Mann oder irgendein anderer Mensch ihr einen Platz angeboten. Ein schwarzer Tag. Ich hörte es nur von ihrer Tochter, meine Freundin selbst wollte darüber gar nicht reden. 
Als ich selber sechzig geworden war, passierte etwas, was ich schon hatte kommen sehen. Mir wurde harsch beschieden, wie klapprig ich jetzt sei. Quasi Schrott. Die Situation war, dass ich, von rechts kommend, links abbiegen wollte – und fast mit einem Auto kollidierte, das mit Schwung aus dieser Nebenstraße auf die Kreuzung rauschte. Hätte mich fast gerammt. Sah aber toll aus, es handelte sich um ein tief geschnittenes, lang gezogenes Cabrio in der Tönung „Pistazie“. Am Steuer saß ein Gunter-Sachs-Verschnitt (der schnittige Gunter, auch schon tot, kennt ihn noch einer?). Der Typ hatte jedenfalls zu langes, zu fettiges Haar und trug dazu ein zu weit aufgeknöpftes Hemd, er brüllte: „Du dumme alte Fotze, du dürftest doch gar nicht mehr fahren, wieso hast du deinen Führerschein nicht längst abgegeben?“
Ein Hass-Ejakulativ! Premiere! Mein erstes Age-Ba-shing. Es stellten sich folgende Fragen: Wir kannten uns gar nicht, wieso also duzte mich der Kerl? Woher so viel Häme gegenüber einer Lady, deren Baujahr dem seiner Karre ähnlich war – ich war so vintage wie sein Cabrio, für das er offensichtlich tief in die Tasche gegriffen hatte. Und dumm? Für Sie immer noch Dr. phil., Sie Arsch. Als er Anstalten machte, sein Auto zu verlassen, winkte ich ein „Heute nicht, Süßer“ und gab Gas.
Offene Worte. Sind beim Thema Aging ja selten. Mein Coach sagt in aller therapeutischen Vorsicht, ich sehe „altersangemessen prima aus“. Das sagt auch mein Orthopäde, wenn wir über mein knirschendes Knie sprechen. Wenn ich meinen Friseur auf meine silbrigen Strähnen hinweise und frage, ob es Zeit für eine Tönung sei, sagt Steve, ein cool gestylter Schwarzer: „Auf gar keinen Fall!“ So was will man hören. Beim Friseur jedenfalls. Ich liebe es, mit Steve über Girlies abzulästern, denen zu Hairstyling nichts Besseres einfällt als ein kleiner blonder Dutt. Ja, wie Oma ist das denn? Zack, schneidet er meinen Pony ab, ein Dreißig-Jahre-Look, sehr hübsch, noch mal diese junge frische Zahl. Aber natürlich lasse ich mich nicht täuschen. Mein Sohn, der schon seit längerem zwei Kopf größer ist als ich und natürlich auch eine Freundin hat, die einen blonden Dutt trägt, sagte schon, als die Größenverhältnisse noch umgekehrt waren: „Mama, wieso hast du so dicke Adern an den Händen?“ Ja, verdammt, wieso? Würde ich auch gerne wissen. 
Es ist nicht, dass ich mir keine Mühe gebe. Ich habe eine App mit einem roten Herzchen auf weißem Untergrund, die mir meldet, wie viele Schritte ich hinter mich gebracht habe, und auch noch den Wochendurchschnitt und die monatliche Schritthöchstzahl anzeigt. In Zusammenarbeit mit meinem Hund halte ich mich auf Trab. Wir schaffen die von medizinischer Seite dringlich empfohlenen 10 000 Schritte mit links und kommen gelegentlich auf 10 bis 12 Kilometer am Tag. Ich trinke in Maßen, Rotwein, schon als vorbeugende Maßnahme gegen erste Verkalkungen der Halsarterie.
Ich finde es schön, dass es so angenehme Dinge wie Rotwein gegen Altern gibt, und habe mir vorgenommen, von meinem Hauswein Palazzo Antinori aus auszuschwärmen und so einiges durchzutesten. Auch Gin soll gut sein gegen das Altern, ich folge der Queen auf Twitter, fast jeden Tag gegen 17 Uhr heißt es: Gin o’clock! Die Königin von England ist auf diese Weise 89 Jahre alt geworden, ihre Queen Mom war auch eine Gin-Expertin und brachte es auf 102 Jahre, gerne würde ich im Buckingham Palace nachfragen, ob man aus hofprotokollarischen Erwägungen stets bei Beefeater geblieben ist oder auch mal Old-Raj-Gin probiert hat, zartes Safran-Aroma und im Ausklang Koriander, Zitrone und Orange sowie gemahlene Mandel, eine geschmackvolle weiche Erinnerung an das alte Empire. Womöglich aber politisch nicht korrekt?
Als mir die erste Krampfader drohte, oberhalb des linken Knies, übrigens lange bevor Söhne ein Thema waren, habe ich jeden Morgen stramme Fitnessübungen hingelegt, selbst in diesem heißen Sommer auf den Kykladen stand ich morgens am Fenster mit Blick auf die schroff gezackte weiße Felsenküste, die seit Odysseus’ Zeiten in der Sonne liegt und offensichtlich weder nachgibt noch irgendwie schwächelt oder hässlich nachpigmentiert, und schwenkte mein Bein, vor und zurück und vor und zurück, vor, zurück, vor, zurück. Das half, bis ich vor einigen Jahren dann eben doch beim Doktor um ein Venenstripping bat. Man will sich ja am Strand noch zeigen und nicht unter einer Burka Zuflucht suchen.
Alter kann sehr hintertückisch sein. Kommt in Schüben, sagte meine Mutter. Schlägt zu, wenn niemand Böses ahnt. Ich habe Freundinnen, die vom ersten Schub erwischt wurden, als sie dreißig waren, und sich seitdem die Haare färben. Ich kenne junge Männer, die noch vor dem ersten Kind die letzten Haare verlieren. Mein Hund, Farbe Zobel (schwarzbraune Decke über fedrig goldblondem Beinbehang), hatte schon mit einem Jahr die erste weiße Strähne, dort, wo sich im Nacken die Locken so niedlich professoral wellen. Er wird jetzt auch um die Schnauze herum etwas silbrig. Meine Kollegin Uschi sagt, das mache nichts, Jugend sei bei diesem Hund Charakter und würde bestimmt nie vergehen. Das ist natürlich unser aller Hoffnung! Aber sie trügt. Man kann die Leute verwirren, aber irgendwann ist der Punkt erreicht, wo die Karten auf dem Tisch liegen. Neulich, am International Newark Airport, New Jersey, beugte sich eine dralle Schwarze, so eine mit einem festen runden Arsch, mir entgegen und sagte: „Honey, don’t misunderstand me. You do look good!“ – Tatsache sei aber, wenn ich mich für das Seniorenticket für den Manhattan Transfer entscheiden könnte, hätte ich schon 2,50 Dollar gespart, bevor ich Manhattan auch nur erreicht hätte. Dröhnendes Lachen, als wären wir bei einer Gospel-Vorführung. Was bleibt einem übrig, als betont fröhlich einzustimmen?
Vor einigen Monaten, es war schon wieder Geburtstag, ich versuchte, ihn wie immer stilvoll über die Bühne zu bringen, Crémant in der Rosé-Variante und ähnlicher Schnickschnack, erzählte ich dem Kind stolz, eine Kollegin hätte gesagt, die 63 sehe man mir wirklich gar nicht an. „Kein Wunder, Mama“, sagte das Kind trocken, „du bist ja auch erst 62 geworden.“ Ja, so reiht sich plötzlich eine Niederlage an die nächste.
Es altern natürlich nicht nur Frauen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Angst vor dem Altern gerade Männern im Nacken sitzt, zu deren Genderausstattung es ja immer noch ein wenig gehört, keine Angst zu haben. „Ein betagter Mann ist ein klägliches Etwas, / ein zerfetzter Mantel auf einem Stock, es sei denn, / die Seele klatsche in die Hände und singe und singe lauter, jedem Fetzen in ihrem sterblichen Gewand zum Trotz.“ William Butler Yeats, der größte aller irischen Dichter! Yeats ist im Geiste stets ein waghalsiger Revolutionär geblieben, aber beim Thema Alter war er im Sound wie in diesem Gedicht „Segeln nach Byzanz“ doch etwas wehleidig. 
Der erste Satz dieses berühmten Gedichts lautet: „Das ist kein Land für alte Männer“, er wurde zum Inbegriff dieses Gefühls der Entfremdung, das sich nicht nur in einem älteren Mann verhakeln kann: „Die Jungen / einander in den Armen, Vögel in den Bäumen / – jene sterbenden Geschlechter – bei ihrem Lied / die Lachsfälle, die makrelenreichen Meere, / Fisch, Fleisch oder Vögel preisen den ganzen Sommer …“ Das hat den Sound von: Alle balgen sich inmitten eines glorreichen Sommers, der das Leben ist, aber man selbst ist aus dieser glorreichen Zeit herausgefallen.
Ja, man spürt gelegentlich eine Erstarrung, und sei es nur in den Knien. Man wählt den flachen Schuh statt der roten High Heels aus Straußenleder. Ich habe mittlerweile eine sehr hübsche Sammlung von flachen Schuhen. Gerade habe ich ein kleines Vermögen für einen in der Schweiz genähten Schuh in Taupe hingelegt, eigentlich nur, weil mich das Label an die Bergmassive erinnert, die trotz extremer Fältelung unerschütterlich den Zeitläuften trotzen, seit Millionen von Jahren. Aber da ist so eine Neigung, es sich abends zu Hause bequem zu machen. Plötzlich ertappt man sich, wie man nächtens auf medizinischen Online-Portalen rumhängt und sich beim Thema verklumpende Faszien festgelesen hat, von dort flüchtet man sich wieder in die erste Mad Men-Staffel. Wie süß Betty & Co. aussehen, in diesen tollen Vintage-Klamotten. 
Vintage wird jetzt so eine Haltung dem Leben gegenüber, die wie bei Yeats ein wenig sentimental ist und sich zugleich aber den schönen Dingen des Lebens entschieden zuneigt. Man guckt Mad Men und beschließt, nach der Flasche Old-Raj-Gin doch mal The Botanist zu probieren. Oder das süße Monkey-Label? Das wird zu viel? Da ist nun eine Dringlichkeit von wann, wenn nicht jetzt! Etwas Letztes bricht an, und wenn es auch nur die letzte Wanderung über die St.-Oswald-Scharte wäre, E 5, letzte Strecke vor Bozen. Es ist da jetzt etwas, was man nicht wirklich zu Ende denken mag. Man lebt ja noch. Man möchte das ganz langsam ausleben, das, was jetzt ist, so wie man während des Lesens eines tollen Buches sacht auf die Bremse geht, damit es nicht so schnell aus ist. 

Das Glück kennt keine Jahreszahl

Blick ins Buch
Du bist nie zu alt, um glücklich zu seinDu bist nie zu alt, um glücklich zu sein

Lebensweisheiten einer Hundertjährigen

Auch im hohen Alter ist das Leben noch lebenswert: Dies ist die Maxime der 100-jährigen Toyo Shibata, die mit ihren inspirierenden Gedichten und Gedanken ganz Japan tief bewegte. Aus ihrem Buch strömt pure Weisheit. Es ist ebenso melancholisch wie heiter, ebenso weise wie ermutigend. Eine Botschaft der Hoffnung für Menschen jeden Alters.

VORWORT
Leben wie Toyo

 

Toyo Shibata kam 1911 in der japanischen Präfektur Tochigi zu Welt. Der vorliegende Band mit ihren Gedichten stürmte bei seinem Erscheinen in Japan sofort die Bestsellerlisten.
Ich lernte die inzwischen über Hundertjährige vor einigen Jahren durch meine Arbeit als redakteurin der Kolumne „Gedicht am Morgen“ kennen, die in der japanischen Tageszeitung „ Sankei Shinbun “ erscheint. Als ich unter den zahlreichen Einsendungen zum ersten Mal ein Gedicht von ihr entdeckte, wehte mir eine frische Brise entgegen. Ja, so kam es mir vor. Wir druckten es, und von diesem Tag an warteten nicht nur unsere Leser gespannt auf Toyo Shibatas Verse, sondern auch ich.
So begeistert war ich, dass Toyo mein Vorbild wurde und ich ihr nachzueifern begann. Ich trage jetzt Lippenstift, auch wenn mich niemand sieht.
Die Unmittelbarkeit und Frische, die Toyo Shibatas Werke ausstrahlen, erreichen selbst nam-hafte Dichter nur selten. Wer ihre Gedichte mit sich führt, findet in ihnen Ermutigung und wird bei jedem erneuten Lesen immer tiefer von Toyos Lebensweisheit berührt.
Wir danken Toyo Shibata, die uns mit ihrem Sinn für das Unscheinbare so leichthändig den Zauber und die Eindrücke ihres langen Lebens vermittelt.

 

Kazue Arakawa
(Herausgeberin der Kolumne „Gedicht am Morgen“)

Wie wir beim Älterwerden im Herzen jung bleiben

Blick ins Buch
Mittlere ReifeMittlere Reife

Aus meinem Leben

Isabel Varell strahlt auch mit Mitte 50 eine jugendliche Begeisterungsfähigkeit und einen Optimismus aus, die ansteckend wirken. Und das, obwohl sie in ihrem Leben schon so einige Herausforderungen meistern musste. Mutig, ehrlich, fröhlich und manchmal nachdenklich blickt sie auf prägende Lebenssituationen zurück: ihre ersten Versuche als Sängerin, ihre turbulente Beziehung und Ehe mit Drafi Deutscher, von der sie hier erstmals erzählt, ihre Entscheidung, beim Dschungelcamp mitzumachen oder ihr ehrenamtliches Engagement im Hospiz. Es gab Situationen, die sie fast umgeworfen haben, aber immer wieder hat sie es geschafft, aus den Krisen etwas Wertvolles fürs Leben mitzunehmen. So ist ihr Buch auch eine Quelle der Inspiration und ein Plädoyer dafür, sich spielerisch auf das Leben einzulassen und niemals ganz erwachsen zu werden.

Spielplatz Leben

 


„Sie hat ja nur die mittlere Reife mit Ach und Krach erreicht!“ Ich höre noch heute das blöde Getratsche meiner Mutter mit ihren Freundinnen an der Kaffeetafel, direkt vor dem Edel­service „Wildrose“ von Villeroy & Boch. „Wie soll es nun ­weitergehen mit ihr ohne Abitur?“ Cat Stevens schaute mich damals selbstbewusst von der Wand an und sagte: „My Lady D’Arban­ville, scheiß drauf! Gib nicht auf. Wie wollen die denn schon wissen, wer du bist und was du drauf hast! Here comes my baby! You never walk alone!“
„Isabel, merk dir das alles, was du mir da gerade erzählst! Schreib das auf! Hörst du? Du musst das aufschreiben. Eines ­Tages schreibst du ein Buch über dein Leben. Sonst vergisst du das!“
Hape Kerkeling, mein langjähriger bester Freund, redete eindringlich auf mich ein. Aber ich schreibe doch kein Buch. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Wenn ich mir nur überlege, wie anstrengend das wäre … Ich hab so viel erlebt. Das schaffe ich doch gar nicht, das alles aufzuschreiben.
In den Siebzigerjahren ohne Abitur ins Leben zu gehen – das war eine ziemliche Schande, zumindest für meine lieben An­gehörigen. Nun bin ich heute erneut angekommen in der mittleren Reife. Ich habe das Lebensdiplom immer noch nicht in der Tasche. Ich habe viele Ehrenrunden drehen müssen, weil ich wohl in manchen Fächern der Lebensschule nicht so ganz fit war. Vieles hab ich nicht auf Anhieb verstanden. Aber das hier – das habe ich verstanden: Zu glauben, man hätte aus­gelernt, oder zu hoffen, man sei „fertig“ und allwissend, ist Humbug! Wer annimmt, der Reifeprozess sei irgendwann abgeschlossen – man habe ja schließlich alles schon erlebt –, ist alt. Ich fühle mich sehr wohl in meiner mittleren Reife – und sehr jung. Ja, sogar immer wieder mal wie ein Kind.
Ich habe mir als Kind mit einer stark ausgeprägten Fantasie fast alles vorstellen können. Ich fand Ufos spannend – weil ich davon überzeugt war, dass es sie wirklich gibt und sie neue Wesen mitbringen, mit denen wir uns anfreunden können. Ich glaubte an den Weihnachtsmann und ganz besonders, dass alle Menschen sich lieb haben.
Das ist eine spirituelle Gabe, mit der wir alle am Anfang diese Welt betreten. Sie ist quasi unsere Grundausstattung, so wie die Scheibenwischer beim Auto, wenn es die Fabrik verlässt. Dann aber wirken auf unserem Lebenspfad viele Menschen und Ereignisse auf uns ein und programmieren uns um. Wir merken das gar nicht, sondern gehorchen einfach nur.
Ich habe mir auf dem Weg zu meiner mittleren Reife, zu dem Menschen, der ich jetzt bin, Stück für Stück die Erin­nerung an diese spirituelle Gabe eines Kindes zurückerobert. Gut, das mit dem Weihnachtsmann – das krieg ich nicht mehr hin. Aber der Glaube, dass die Menschen es grundsätzlich erst einmal gut meinen, und dass jeder von uns gerne eine Hand ­gereicht bekommt, um auf den Spielplätzen dieser Welt mitspielen zu können, das erhalte ich mir. Dadurch gewinne ich Trost, Erklärungen, Frieden und Mut.
Und mit genau diesem Mut habe ich begonnen, alles auf­zuschreiben.

 

 

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„Wenn man ganz fest an etwas glaubt – dann wird es wahr …“
Aus Cinderella

 

Doch da geht noch was
Da geht noch was
Das fängt doch grad erst an
Da geht noch mehr
Noch viel viel mehr
Ich arbeite daran


Der König ist schwul, der Hund auch. Ebenso der Igel, aber das ist ja klar, denn der Igel ist auch der König – aus Kosten­gründen.
Der Prinz ist übrigens auch schwul. Der einzige hetero­sexuelle Kollege im Ensemble ist die Taube. 2012 und 2013 heiße ich Jolanda und spiele die gute Fee in dem Popmusical Cinderella. Vier Monate werde ich zusammengewürfelt mit ­einem zauberhaften Ensemble von ganz jungen, sehr guten Musicaldarstellern. Sie alle könnten meine Kinder sein. O. k., so viele wollte ich nie, aber wir hatten eine tolle Zeit mit­einander.
Ich habe noch nie so wenig gearbeitet, denn in meiner Rolle als gute Fee komme ich erst nach der Pause auf die Bühne.
Jeder kennt die Geschichte dieses Märchens: Die bösen Stiefschwestern zerstören Cinderellas wunderschönes Kleid, damit sie nicht zum Ball gehen kann, auf dem der Prinz sich eine Braut aussuchen soll. Also rufen die Freunde von Cinderella – Hund, Maus und Taube – mich, die gute Fee, zu Hilfe. Ich, in ein silbernes bodenlanges Gewand gehüllt, zaubere unter dramatischer Musik und mit geheimnisvollen Nebeleffekten das blaue Kleid hervor, und die ganze Chose ist gerettet.
Aber was so alles hinter der Bühne passiert, ist mindestens genauso spannend …
Zum Beispiel die Hetero-Taube, ich meine natürlich den männlichen Darsteller, verliebt sich in die Maus, weiblich – auch hetero. Eine süße Liebesgeschichte entsteht auf dieser Tournee durch ganz Deutschland, die ich sogar ein bisschen mit anzettele. Schon am ersten Probentag merke ich: Taube und Maus passen zusammen. Beim morgendlichen Joggen mit Taube mache ich ihn darauf aufmerksam.
17 Städte und 13 schlechte Hotels später sind die beiden ein Paar. Die Taube hat im Ensemble ja auch wenig Konkurrenz, denn selbst das Stinktier ist schwul!
Diese Musicalwelt, wie ich sie erlebt habe, ist oft ziemlich schwul besetzt. Und das finde ich sehr angenehm. Für uns Frauen sind schwule Männer ganz wichtig! Mich jedenfalls begleitet das Thema schon mein ganzes Leben.
Als hätte ich einen unsichtbaren Magneten in mir, merke ich schon in jungen Jahren, dass der Funke zwischen mir und schwulen Männern ganz besonders schnell überspringt. Dabei will ich eigentlich gar keinen Unterschied machen zwischen schwul und nicht schwul. Ist doch egal, wer mit wem was hat. Aber so ganz egal ist es dann eben doch nicht.
Vor allem, wenn man eng zusammenarbeitet, ist es praktisch, wenn gar kein Verdacht aufkommen kann, dass ein tie­feres Interesse vorliegen könnte. Das macht frei und fröhlich. Nur ganz selten ist es bedauerlich.
Bei dieser Cinderella-Tournee drängelt sich mein inneres Kind wieder komplett in den Vordergrund. Ich hänge nachts nach der Vorstellung, wenn sich die anderen vom Ensemble schon auf ihren Zimmern befinden, mit Patrick, der den Hund spielt, in den Bars ab, und wir lachen uns über Gott und die Welt schlapp.
Ich bedaure bei uns Erwachsenen den schleichenden Verlust des Albernseins. So ist diese Tournee für mich wie eine Kur zur Regeneration des Kindes in mir. Das tut unheimlich gut.
Alles in mir weigert sich, dieses unbeschwerte Albernsein aufgeben zu sollen, nur weil in der Gesellschaft ab einem bestimmten Alter ein gewisses Maß an Vernünftigsein erwartet wird. Ich möchte niemandem beweisen müssen, was ich sonst noch so in mir habe. Dieses eine Leben werde ich, so gut es geht, verlängern, indem ich mein unbeschwertes, angstfreies, an das Gute glaubende innere Kind liebevoll an der Hand halte und nicht mehr loslasse.
Auch wenn meine äußere Hülle sichtbar älter wird, schäme ich mich nicht vor Naserümpfern und Kopfschüttlern, wenn ich mich ein bisschen lächerlich mache, weil ich albern bin. Für die jugendliche Ausstrahlung ist das definitiv wirkungsvoller als botoxen, liften oder sonstige Manipulation.
Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, ich war erst gestern 22. So wie Patrick auf der Tournee. Ich habe nicht vergessen, wie man sich als junger Mensch fühlt. Mit all den Unsicher­heiten und Ängsten – aber auch dem Mut und der Unbeschwertheit. Patrick ist scheinbar völlig angstfrei. Er erinnert mich an mein früheres Ich. Ich halte die Erinnerung daran ganz fest und sage der Angst den Kampf an. Sie darf ruhig bleiben, aber das mutige Kind bleibt der Chef!
Meine Lachfalten werden bei der Cinderella-Tournee intensiv vertieft. Nicht zuletzt auch durch unsere lustige Fahrgemeinschaft, bestehend aus Patrick, Chrissi, die Cinderella-Darstel­lerin, und Marco, der die Rolle des Königs und des Igels spielt. Marco fährt, und ich sitze vorne neben ihm, hinten Chrissi und Patrick. Draußen pfeift ein kalter Winter um unseren Leih­wagen herum, während wir im Innenraum des Viersitzers das „Kinderparadies“ neu erfinden.
Chrissi ist eher etwas stiller – sie stemmt als Hauptdarstel­lerin schließlich das ganze Stück und muss ihre Stimme ­schonen. Leider geht lachen total auf die Stimmbänder, daher kichert sie leise hinten vor sich hin, wenn Marco und ich vorne wieder die Radiowerbung persiflieren und lautstark mitsingen. Zum Beispiel unseren Lieblingsspot: „Heute ist Frischetag bei Lidl!“ Diesen übertriebenen Werbespot singen wir zum Ärger der anderen Kollegen tagelang beim Soundcheck rauf und runter. Wenn die Geschäftsleitung des Lidl-Konzerns unsere Version gehört hätte, sie hätte uns vom Fleck weg engagiert.
Da ich als gute Fee nur ein einziges Lied in dem Stück singe, lebe ich hier anders, als wenn ich Konzerte gebe. Ich lebe ­diesen Zirkus hier in vollen Zügen aus und vergesse Alter und Alltag.
Schuld daran ist allerdings nicht nur meine neue „Krabbelgruppe“, sondern auch die vielen Kinderaugen, die uns bei ­jeder Vorstellung anstaunen. Ich spiele hier das erste Mal ein Musical für die ganze Familie, also vor allem für Kinder. Was ich hier erlebe, ist umwerfend. Mädchen kommen als Miniprinzessinnen zur Vorstellung, im von Mama gebastelten Tüllröckchen und mit Krönchen in den Haaren. Mit weit aufge­rissenen Augen verlieben sie sich in Cinderella. Und Chrissi ist auch wirklich die bezauberndste Cinderella, die man sich vorstellen kann.
Eines Nachmittags spielen wir in der ausverkauften Jahrhunderthalle in Frankfurt vor circa 4000 Menschen. Ich komme wie immer mit Musik und Nebel aus dem Nichts auf die Bühne, nachdem mich trommelfellerschütternd alle Kinder kreischend zu Hilfe gerufen haben, angestachelt durch Hund, Taube und Maus, als sich eine kleine Prinzessin mit Krönchen unten vor der Bühne aufbaut und unaufhörlich schreit: „Cinderella! Cinderellaaaaaaaa!“ Wir stecken gerade in der Szene, bei der Cinderella mir – der guten Fee – ihr Leid klagt, dass sie kein Kleid für den Ball hat. Wir versuchen krampfhaft, die dröhnende Stimme des Mädchens zu ignorieren. Sie wird wohl gleich aufhören und schnallen, dass wir hier eine Szene spielen, denke ich mir. „Cinderelllaaaaaa!“ Das Persönchen wird doch wohl Eltern haben, die sie gleich einsammeln und ihr einen Schnuller für Fortgeschrittene in das weit geöffnete Mäulchen stecken. Nein, es geht weiter:
„Cinderrrrrelaaaaaaaaaaa!“ Die Jahrhunderthalle ist erfüllt von dieser brüllenden Stimme. Die Kleine braucht kein Mikrofon. Ich merke, so kommen wir nicht weiter, und missachte mitten in unserer Szene ein ungeschriebenes Theatergesetz: Ich durchbreche die vierte Wand! Das ist die unsichtbare imaginäre Wand zwischen Ensemble und Publikum. Ich steige aus meiner Rolle aus, gehe beziehungsweise schreite wichtig ein paar Schritte auf die Bühnenrampe und die kleine Person im Tüllröckchen zu und sage in so strengem Ton, dass ich mich vor mir selbst erschrecke: „Cinderella kann jetzt nicht! Cinderella muss gerade arbeiten!“ Das gesamte, Tausende Menschen umfassende Publikum liegt unter den Stühlen vor Lachen. Vielleicht ist es auch die Freude über das sofort verstummende, offensichtlich allein reisende Kind vor der Bühne. Ich kann kaum an mich halten, als ich wieder zurück Richtung Chrissi gehe, um weiterzuspielen. Chrissi bebt ebenfalls innerlich vor Lachen und kann kaum noch sprechen. Wir sehen uns in die Augen, und uns schmerzen die Bäuche vor unterdrücktem ­Lachen. Ich hole mir Katastrophenbilder ins Hirn, um in meine Rolle zurückzufinden: tote Hamster usw. Es ist wirklich nicht leicht, das Stück ganz normal weiterzuspielen, denn das Publikum kann sich auch kaum beruhigen. Es wartet förmlich auf unseren nächsten Ausfall.
Die Leute kugeln sich auf ihren Stühlen und warten gebannt auf unseren Zusammenbruch. So muss es früher in den römischen Arenen mit den Gladiatoren gewesen sein: Irgendwann stirbt endlich einer.
Mein Text, den ich eigentlich als Fee tragend und hoffnungsvoll bringen soll, lautet:
„Cinderella, ich kann versuchen, für dich zu zaubern, aber nur du allein kannst es fertigbringen, dass dieser Zauber auch wirkt.“ Um während dieser Worte nicht vor Lachen losbrüllen zu müssen, gucke ich gnadenlos haarscharf an Chrissi vorbei in die Luft neben ihrem rechten Ohr. Würden unsere Blicke sich treffen – nur für eine Zehntelsekunde –, ich würde nicht mehr an mich halten können. Meine Atmung ist ganz oben am Kehlkopf. Alle meine Organe sind restlos verkrampft.
Cinderella erwidert: „Ich? Aber ich kann doch gar nicht ­zaubern.“ Chrissis Stimme zittert. Das könnte man ja noch durchgehen lassen als „Cinderellas Betroffenheit und Trauer“ darüber, dass der Besuch bei dem Ball des Königs aussichtslos ist …
Nun wieder ich: „Doch! Das kannst du! (Schnappatmungsrauspruster.) Jeder kann zaubern! Wenn man ganz fest an ­etwas glaubt, dann wird es wahr!“ Puh – geschafft! Das Publikum hängt an unseren Lippen und schmeißt sich weg. Ich spüre, dass die Zuschauer genau merken, was in uns vorgeht. Die Musik setzt erlösend ein zu meinem großen Sololied: „Wunder werden wahr.“
Wir auf der Bühne und auch das Publikum lassen uns langsam wieder einfangen von der im Stück vorgesehenen Traumsequenz. In dem Lied geht es ja um viel mehr als um das blaue Kleid. Es geht um Hoffnung, um den Glauben an uns selbst, an unsere eigene Kraft. Ich sehe in jeder Vorstellung erwachsene Menschen im Publikum vor Rührung weinen.
Wir alle haben eine kleine Cinderella in uns. Eine Miniaturausgabe von uns selbst, die noch an Märchen glauben will. Bei Cinderella ist es das Kleid, das von den bösen Schwestern kaputt gemacht wurde. Bei uns Erwachsenen ist es vielleicht der Job, der gerade nicht gut läuft, oder ein Abschied, den man noch nicht verkraftet hat, oder das Loslassenmüssen irgend­eines Traums. Wir alle hoffen auf eine gute Fee. Eine Fee, die uns sagt: „Du hast alles in dir! Wenn du ganz fest an dich glaubst, werden Wunder wahr.“
Chrissi und ich haben, abgesehen von diesem „Prinzes­sinnen-Vorfall“, an dieser Stelle auf der Bühne immer einen „Magic Moment“. Ich werfe märchenhaft anmutenden Goldstaub auf sie, und wir fühlen uns wie die Botschafter der Liebe und der Hoffnung. Das Leben soll für ein paar Minuten ein Zeichentrickfilm sein.
Bei der anschließenden Autogrammstunde – oder besser gesagt: Autogrammstunden! –, die wir nach jeder Vorstellung im Kostüm geben, sehe ich auch bei den Erwachsenen glänzende Augen, und nicht selten gestehen sie uns, sowohl Frauen als auch Männer, dass sie weinen mussten.
Ich bin den Machern dieser Produktion dankbar, dass sie die Idee hatten, mich als gute Fee Jolanda zu besetzen. Sie haben übrigens auch bei dem Vorfall in der Frankfurter Jahrhunderthalle großzügig und humorvoll reagiert. Das ist nicht so selbstverständlich. Derartiges Verhalten eines Schauspielers auf der Bühne ist eigentlich komplett untersagt. Die Inszenierung des Regisseurs darf niemals verändert werden. Es gibt sicher Regisseure und Theaterleiter, die auf diesen Spaß ganz anders reagiert hätten.
Zu dem kleinen Mädchen, das sich ungeniert an den Bühnenrand gestellt hat, um möglichst sofort und persönlich mit Cinderella zu sprechen, und sich dabei von den anderen 4000 Zuschauern nicht stören ließ, habe ich am gleichen Abend noch so meine eigenen Gedanken. Ist das vielleicht ein bisschen auch so eine „kleine Isabel“, die sich frei ausleben und sich auch nicht davon abhalten lassen möchte, wenn alle anderen um sie herum sich anders und der Situation angepasst verhalten? Irgendwie ist sie mir im Nachhinein sympathisch.
Es ist eine herrliche Zeit mit diesem Ensemble. Geschöpfe wie Chrissi und Patrick hätte ich gerne als Kinder – aber nur, wenn man sich solche Nachkommen per Knopfdruck herzaubern könnte. Als schon fertige eigenständige Wesen, wie sie jetzt sind. Auf die gesamte Zeit davor – von Baby bis Pubertät – kann ich gerne verzichten.
Ich wollte wirklich nie eigene Kinder haben. Viele haben mir im Lauf meines Lebens immer wieder schlau prophezeit: „Das wirst du eines Tages bereuen, wenn du keine Kinder hast! Eines Tages wirst du sehr allein sein.“
Bei mir hat aber diese berühmte biologische Uhr, wenn überhaupt, dann sehr leise getickt. Ich werde mir allerdings, je älter oder – sagen wir mal – „reifer“ ich werde, immer klarer darüber, warum dieser natürliche Wunsch, Mutter zu werden, in mir nicht wirklich ausgeprägt war.
Als Ausrede klang es immer gut, zu sagen, dass Kinder und Familie in den Beruf nicht so richtig reinpassen. Das ist natürlich Quatsch. Viele meiner Kolleginnen stemmen ihre Kar­riere, samt mehrere Kinder, ganz vorbildlich. Nein, bei mir liegt der Hund sicherlich in meiner Kindheit begraben, in meiner zu strengen Erziehung und der damit verbundenen schwierigen Beziehung zwischen meiner Mutter und mir. Davon ­erzähle ich hier auch. Dieser Teil meines Lebens soll jetzt mal endlich raus an die Luft, zum Atmen …
Mir kommt ein weiterer Verdacht über meinen chronischen Kinderlosigkeitswunsch während dieser Cinderella-Tournee. Ich glaube, dass man als werdende Mutter ein weiteres Stückchen seines Kindseins aufgibt oder aufgeben muss. Wenn eine Frau Mutter wird, fällt eine ungeahnt große Verantwortung in das eigene Leben. Eine Verantwortung, gepaart mit dem Wunsch, alles möglichst richtig zu machen mit dem neuen Wesen, das einem der liebe Gott in die Arme geworfen hat. Und dabei kann eine Menge anders laufen, als es für alle Be­teiligten gut ist. Davon kann ich rückblickend ein Liedchen singen. Ein Liedchen mit vielen unschönen Strophen und einem wiederkehrenden Refrain als Endlosschleife, den ich nicht mehr hören mag.

Bewegende Texte für alle, die das Leben lieben

Du bist nie zu alt, um das Leben zu lieben

Ermutigungen einer Hundertjährigen

Für die kleinen und die großen Glücksmomente des Lebens ist man nie zu alt! Das beweist die 100-jährige Toyo Shibata auch in ihrem neuen Gedichtband, der in Japan große Begeisterung hervorrief und ein Millionenerfolg wurde. In ihren bewegenden Gedichten und Gedanken teilt Shibata mit ihren Lesern das Glück, das sie im Alltäglichen findet. Ihre Texte voller Lebensweisheit rühren, erheitern, stimmen nachdenklich und machen Mut. Auf einzigartige Weise schöpft die Poetin aus ihren lebenslangen Erfahrungen und hat sich gleichzeitig stets die Freude an neuen Erkenntnissen bewahrt. Ein Buch für alle, die das Leben lieben.

Shinkawa

Herzlichen Glückwunsch

Der erste Gedichtband einer Frau im biblischen Alter erreicht eine Auflage von über einer Million Exemplaren: Du bist nie zu alt, um glücklich zu sein von Toyo Shibata. Welch ein Erfolg! Die Krönung der Lebensweisheiten einer Hundertjährigen verlangte nach einer festlichen Würdigung. Im Frühjahr 2011 wollten wir daher in einem Hotel in Tokio Toyo und ihr Buch feiern. Während der Planung des Empfangs stiegen die Verkaufszahlen unablässig weiter. Bis auf anderthalb Millionen! Als die Organisatoren diesen rasanten Zulauf am Festtag verkündeten, brachen im Saal wahre Begeisterungsstürme aus.

Ich möchte hier nur einige Sätze aus meiner Ansprache wiedergeben, die ich die Ehre hatte, bei diesem Anlass halten zu dürfen.

„Es wird immer gesagt, dass man für das Gesicht, das man nach dem vierzigsten Lebensjahr hat, selbst die Verantwortung trägt. Toyos Gesicht, das nun regelmäßig in Zeitungen und Zeitschriften erscheint, hat sich in den vergangenen über neunzig Jahren so entwickelt, als entstamme sie einer Samurai-Familie, ihr Lächeln wirkt wie eine Blüte in einer angenehmen Brise. Natürlich haben wir größte Achtung vor ihren Gedichten, die so voller Lebenskraft sind. Doch wenn ich ihr Gesicht betrachte, sehe und bewundere ich darin Toyos größtes Meisterwerk.“

 

Die Gedichte, die in diesem Band versammelt sind, vermitteln etwas Neues und Frisches, sodass mir bei meiner Auswahl der „Morgengedichte“ für die Zeitung Sankei Shimbun mehr als einmal vor Erstaunen die Augen übergingen.

Nehmen wir zum Beispiel das Gedicht „Erinnerung an einen Abschied“, das von Fu¯-chan, einer gleichaltrigen Kollegin und Freundin von Toyo, handelt. An einem Frühlingsabend, als die beiden gerade ihr Gehalt bekommen hatten, vertraut sie Toyo mit leiser Stimme am Fuß der Brücke an, dass sie in ihr Heimatdorf zurückkehren müsse, weil es ihrer Mutter nicht gut gehe. Offenkundig grämt Toyo sich über den nahenden Abschied, dennoch verbirgt sie ihre Tränen und vergleicht sie im Gedicht mit Weidenkätzchen im Wind. Erinnert das Bild der unaufhörlich schwingenden Weidenruten nicht an einen Film mit Kinuyo Tanaka vom Beginn der Showa-Zeit?

Toyos Gedichte gehen zu Herzen wie junge Zweige, die sich im Wind beugen. Darin liegt ihr Zauber. In Verbindung mit ihrem Witz ergreifen uns diese scheinbar mühelos zu Papier gebrachten Verse. Sie zeugen vom Humor eines Menschen, der weiß, wie Tränen schmecken.

 

Bleiben Sie gesund, Toyo-san!

Kazue Shinkawa, Dichterin

Heisei 23 (2011)

 

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Güte

 

Sind wir alt

hungern wir nach Güte

sie ist unsere Nahrung

und schenkt uns Lebenskraft

 

Setzt man mir

geheuchelte Freundlichkeit vor

spucke ich sie aus

 

Gebt mir

wahre Güte zu kosten

mit Liebe gekocht

Was uns die Weisheit hundertjähriger Menschen über das Leben, das Glück und die Liebe lehrt

Blick ins Buch
100 Jahre Leben

Hundertjährige geben Antworten auf die großen Fragen

Kerstin Schweighöfer hat für dieses Buch zehn Hundertjährige getroffen – von der Bäuerin zur Künstlerin, vom Priester bis zur Geschäftsfrau, von Cannes über München, Jena oder Dortmund bis London. In wunderbaren Begegnungen und berührenden Gesprächen erfährt sie manch ein Geheimnis und erhält oft verblüffende Antworten auf die großen Fragen des Lebens: Was macht eine gute Freundschaft, Beziehung oder Ehe aus? Wie kann die große Liebe zur Liebe des Lebens werden? Wie soll man umgehen mit Schmerz und Verlust? Die Protagonisten lassen uns an ihren 100 Jahren Lebensklugheit teilhaben und ziehen uns mit ihrer Weisheit in ihren Bann.

Vorwort
Gedanken an das Altern schrecken uns oft ab. Wir denken an Tod
und Einsamkeit, Leid und Siechtum. Wenn es um Hundertjährige
geht, ist das merkwürdigerweise ganz anders: Auf einmal bekommt
das Alter einen Glanz, etwas Geheimnisvolles, geradezu
Mythisches umrankt es. Die Hundertjährigen ziehen uns in ihren
Bann. Weil ihre Erfahrungen sie gelehrt haben, welche Werte im
Leben wirklich zählen. Weil sie wissen, was es für ein gutes Leben
braucht.
„Die Menschen vergessen gerne, dass es im Leben nichts Vollkommenes
gibt. Und kein Recht auf Glück“, pflegt Mathilde zu
sagen, eine alte Bäuerin aus dem Schwarzwald. Mit ihr hat alles
angefangen. Gut ein halbes Jahrhundert liegt zwischen uns, alt ist
sie für mich schon immer gewesen, und eigentlich kenne ich sie,
seit ich denken kann. Von Schulausflügen und Familienfeiern in
ihrer gemütlichen Schwarzwälder Bauernwirtschaft hoch oben
auf dem Berg. Wenn Mathilde die Gaststube betritt, verstummen
die Leute, um sie dann herzlich zu begrüßen und ihr die mitgebrachten Geschenke zu überreichen. Die alte Wirtin belohnt sie
mit einem Gläschen ihrer speziellen Medizin, wie sie es nennt:
einem Obstler. Dann streicht sie sich die weißgrauen Haare zurück
und ihre Kittelschürze glatt, um mit leuchtend hellblauen
Augen hinter silberumrahmten Brillengläsern einen ihrer nicht
ganz salonfähigen Witze zum Besten zu geben. Das ist die Mathilde,
wie ich sie kannte.
Eine ganz andere Mathilde habe ich kennengelernt, als ich sie
kurz vor ihrem 100.Geburtstag bat, mir aus ihrem Jahrhundertleben
zu erzählen. Dabei entstand die Idee zu diesem Buch über
Menschen, die hundert Jahre alt geworden sind. Jene Zentenare,
wie man sie nennt, denen es gelungen ist, sich schon ein ganzes
Jahrhundert auf diesem Planeten aufzuhalten. Die ihre Eltern oder
Großeltern durch die spanische Grippe verloren, ihre Väter bei
Verdun und ihre Brüder oder Männer bei Stalingrad. Sie haben
noch mitbekommen, wie Kutschen durch Autos ersetzt wurden,
sie haben die ersten Vitamine geschluckt und die ersten Telefone
ausprobiert. Die Erfindung von Staubsauger, Reißverschluss, Nylonstrümpfen
und Kugelschreiber hat ihnen das Leben erleichtert
und die Entdeckung von Insulin und Penicillin das Leben gerettet.
Die heutigen Zentenare haben die Einführung des Wahlrechtes
für Frauen erlebt, Charles Lindberghs Flug über den Atlantik, den
Reichstagsbrand und die Nürnberger Prozesse, Mauerbau und
Wiedervereinigung. Sie standen an der Wiege eines Vereinten Europas,
waren Zeitzeugen der Gründung des Staates Israel, der
Geburtsstunde von UNO und BRD. Aber auch beeindruckende
Karrieren, bewegende Liebesgeschichten mit persönlichen Hochund
Tiefpunkten hat es für sie gegeben.
All das gilt auch für die zehn Zentenare, die ich nach Monaten
der Recherche finden konnte und die bereit waren, mir für dieses
Buch aus ihrem Leben zu erzählen: angefangen bei Hausfrauen
und Bäuerinnen wie Mathilde über Ingenieure und Wissenschaftler bis hin zu Priestern und Künstlern. Aus Deutschland, Frankreich
und England, den Niederlanden, Ungarn und der Schweiz.
Die meisten von ihnen sind Frauen, was daran liegt, dass wir es
mit einer Generation zu tun haben, in der Frauen nicht nur deshalb
älter werden konnten, weil sie nicht auf den Schlachtfeldern
Europas gefallen sind, sondern auch, weil ihnen männliche Laster
wie Rauchen und Trinken noch fremd waren und sie sich auch in
dieser Hinsicht noch nicht emanzipiert hatten.
Ihre Lebensgeschichten sind geprägt vom Mut, den es immer
wieder braucht, um neue Wege einzuschlagen. Von Lebenslust
und Weisheit. Von Reue, Einsichten, Aufbegehren und Akzeptanz.
Von Tragödien und Trauer, etwa über den Verlust des Partners
oder gar eines Kindes. Vom Hadern mit dem Schicksal und
vom Zweifeln an Gott. Was würden sie heute anders machen –
und warum? Was gerade nicht? Glauben sie an Zufall, an Vorbestimmung
– oder nach wie vor an Gott? Und wie bereiten sie
sich auf den Tod vor?
Zwei von ihnen wollten aus Rücksicht auf ihre Angehörigen
nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden. Denn im Laufe
unserer Gespräche haben sie mir so manches überraschende Geständnis
gemacht, so manches Geheimnis preisgegeben. Von Mathilde,
der Bäuerin, erfuhr ich, welch hohen Preis sie für ihre Untreue
zahlen musste. Annemarie, eine inzwischen 105 Jahre alte
Dame aus München, erklärte mir, wie sie ihre Ehe trotz eines Seitensprungs
ihres Mannes retten konnte. Und Gerrit aus Rotterdam
berichtete mir von seinem Doppelleben, das er bis ins hohe
Alter führte, weil eine Scheidung für ihn nicht in Frage kam.
Was ist das Geheimnis einer stabilen Ehe? Nehmen wir Leidenschaft
und Sex vielleicht heute zu wichtig? Wie fatal sind Seitensprünge?
Sind enge Freunde für ein gutes Leben wichtiger als ein
Partner? Braucht es für ein erfülltes Leben Kinder?
Für Jeanne aus Paris waren die Kinder das Wichtigste im Leben,aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Tochter in ihr Unglück
lief. Die Schweizer Schreinerstochter Agnes musste akzeptieren,
dass ihr Mann keine lebensfähigen Kinder zeugen konnte, führte
aber dennoch ein von Liebe erfülltes und darüber hinaus filmreifes
Leben, das sie aus der Schweizer Provinz erst in die besten Londoner
Kreise und anschließend nach Dakar und Cannes führte. Abenteuerlich
auch das Leben von Beatrice, einer englischen Lady wie
aus dem Bilderbuch – die trotzdem mit dem Jeep durch Steppen
und Wüstenlandschaften bretterte, nachts dem Heulen der Wölfe
lauschte und tagsüber mit Steinen wilde Hunde vertrieb. Beatrice
war mit Leib und Seele und bis ins hohe Alter hinein Archäologin,
immer auf der Suche nach neuen Fundstätten. „Jeder Mensch
braucht im Leben etwas, das ihn ganz besonders fasziniert – sonst
lebt er nicht“, findet sie. Für sie war der Beruf Berufung, als Arbeit
hat sie ihn nie empfunden. Denn, wie sagt es eine Lebensweisheit
so treffend: „Wer das tut, was er will, braucht nie zu arbeiten.“
Aber auch Beatrice hatte nicht nur Glück im Leben und viele
Widerstände zu überwinden. Der Lebensmut, den viele Zentenare
aufgebracht haben, um ihr Leben dennoch selbst in die Hand zu
nehmen, hat mich tief beeindruckt. Zumal ich mir wie nie zuvor
in meinem Leben darüber bewusst wurde, wie ungeheuer privilegiert
ich bin. Dass ich das Recht hatte und habe, lernen zu dürfen
und eine Ausbildung zu machen. Dass ich zu einem hohen Grad
selbst bestimmen konnte, wie mein Leben bisher aussah. Dass ich
selbst entscheiden konnte, wie ich es finanziere und wo ich es mit
wem verbringe.
Anno 2015 sind das Selbstverständlichkeiten, zumindest in
unserer westlichen Welt. Für die Menschen in diesem Buch, vor
allem für die Frauen, war das nicht so. Nicht immer waren die Widerstände
überwindbar. Manchmal blieben Freiheit und Selbstbestimmung
unerreichbare Ideale. Trotzdem betrachten die meisten
ihr Leben nach wie vor als Geschenk.In diesem Buch können Leserinnen und Leser zehn Hundertjährigen
begegnen. Es sind Bekanntschaften, die beeindrucken
und die sich lohnen: Ältere werden ihnen regelmäßig beipflichten
und manches wiedererkennen können; Jüngere werden zumindest
aufhorchen, wenn nicht staunen. Weil die Welt in hundert
Jahren eine so völlig andere geworden ist. Und mit ihr unser aller
Leben.
Aber ganz egal, in welcher Epoche wir leben und wie unterschiedlich
unsere Leben verlaufen: Unsere Wünsche und Sehnsüchte
sind dieselben geblieben. Egal, ob anno 1915 oder 2015 – immer
noch verlangen wir Treue und Loyalität von den Menschen,
die uns nahestehen, immer noch brauchen wir Anerkennung und
Lob, nach wie vor streben wir nach Liebe und Glück als höchste
Lebensziele.
Die Hundertjährigen in diesem Buch haben in Erfahrung gebracht,
was wir vom Leben und unseren Mitmenschen erwarten
dürfen und sollten – und was besser nicht. Sie wissen, welche
Werte und Konstanten es als Rüstzeug braucht, um aus einem Dasein
ein erfülltes zu machen. Ihr Erfahrungsschatz kann für uns
zu einer immensen Stütze und Wissensquelle werden – sowohl
für die großen Lebensziele, die wir uns stecken, als auch für die
kleinen Momente des Alltags.



„Auch wenn einem Schlimmes widerfährt:
Das Leben bleibt ein Geschenk“

8
Mathilde
* 18. Juni 1915 in Konstanz am Bodensee
Es riecht nach frischgemähtem Gras. Schwach klingt das Bimmeln
der Kuhglocken herüber. Der Hang neben dem Hof ist noch unberührt,
das Gras meterhoch und wie immer um diese Jahreszeit ein
einziges wogendes Blumenmeer aus Butterblumen und Löwenzahn.
Bruno, der schwarze Labrador von Mathilde, hat sich beim
Durchspringen bestimmt wieder eine gelbe Nase geholt. Wo ist er
eigentlich? Normalerweise liegt er auf der Terrasse der Bauernwirtschaft
in der Sonne, gleich neben der schweren, knarzenden Eingangstür.
Das Blumenbeet auf der anderen Seite der Tür ist wie immer
picobello gepflegt. Vergissmeinnicht, Akeleien. Die ersten
Margeriten. Mathilde ist bekannt für ihren grünen Daumen.
Es ist still an diesem Vormittag. Unter der großen Kastanie
nimmt ein Stammgast gerade den letzten Schluck seines Frühschoppens
und begibt sich zum Zahlen in die Gaststube. Ein Arbeiter
aus dem Dorf unten im Tal. Ich stelle mich einen Moment
lang an die hölzerne Balustrade der Terrasse und lasse den Blick
über die sanft geschwungenen Kuppen und Hügel der Schwarzwaldlandschaft schweifen. Wie vertraut mir alles doch ist! Unzählige
Male schon war ich hier oben bei Mathilde auf dem Hof. Als
Kind auf Schulausflügen und an Wandertagen, am 1. Mai oder
Christi Himmelfahrt. Dann bekamen wir immer eine Bluna und
eine Wurst mit Senf. Auch heute noch zieht es mich regelmäßig
hier hoch, an Ostern oder Weihnachten. Um im Kreise meiner
Lieben hemmungslos über den Osterbrunch oder das Weihnachtsmenü
herzufallen und anschließend einen Spaziergang zu
machen.
Und egal ob Sommer oder Winter: Immer erscheint Mathilde
irgendwann auf der Bildfläche. In einer ihrer unvermeidlichen
Kittelschürzen, die grauen Haare zum Knoten gedreht und auf der
Nase eine silberumrandete Brille, hinter der ihre hellblauen Augen
erstaunlich klar und wach leuchten. Jahr um Jahr scheint sich
nichts zu ändern. Für mich war sie schon immer alt – und ist es
geblieben.
Die Sicht an diesem Tag ist grandios, man kann bis über den
Rhein hinweg nach Frankreich gucken. In der Ferne zeichnet sich
schwach die Silhouette der Vogesen ab. Noch ein paar hundert
Kilometer weiter nordwestlich liegt Verdun. Dort ist Mathildes Vater
gefallen. Im Ersten Weltkrieg. Vor ein paar Wochen hat sie mir
das erst erzählt – und das, obwohl wir uns schon so lange kennen.
Wie immer hatte sie sich an einem Weihnachtstag in der Gaststube
überschwänglich von den Gästen begrüßen lassen und
dann den Zeitpunkt für gekommen erachtet, allen ein Gläschen
ihrer ganz speziellen Medizin zu verordnen: Obstler, den uns ihre
auch mittlerweile schon über 70-jährige Tochter Renate manchmal
bringt. Wenn Renate dann die Flasche mit dem selbstgebrannten
Schnaps auf den Tisch stellt, ist ihre Mutter in der Regel
bereits dabei, einen ihrer nicht ganz salonfähigen Witze zum Besten
zu geben.
Dieses Mal aber kam es nicht so weit. „Na, Mathilde, für nächstes Jahr solltest du dir aber einen ganz besonders großen Vorrat an
Schnapsflaschen anlegen!“, meinte einer der Gäste am Nebentisch.
Und seine Frau fügte hinzu: „Für diesen Fall könntest du ja
vielleicht sogar ein paar Champagnerflaschen kalt stellen!“ Die
beiden waren eindeutig besser über die alte Bäuerin informiert als
ich. Mir wurde klar, dass ich so gut wie nichts über sie wusste.
Champagner, da war ich mir trotzdem ziemlich sicher, hatte
Mathilde noch nie in ihrem Leben getrunken. Und der würde
auch gar nicht hierherpassen, auf den Schwarzwaldhof. Neugierig
spitzte ich die Ohren.
„Hundert wird man schließlich nicht alle Tage!“, fuhr die Frau
fort – laut genug, dass es die gesamte Wirtsstube hören konnte.
Worauf es, wie zu erwarten, zu vielen „Ah“ und „Oh“ kam und
alle durcheinanderzureden begannen: „Mathilde, ist das wirklich
wahr?“ – „Das ist ja allerhand!“ – „Hundert Jahre!“
Auch ich konnte es zunächst kaum fassen. Auf einmal war Mathilde
nicht mehr einfach nur alt. Nein, sie würde ein Jahrhundertmensch
werden. Das schaffen bislang nur die wenigsten. Und das
ist vielleicht auch der Grund dafür, dass Jahrhundertmenschen
ein geradezu ehrfürchtiger Respekt entgegengebracht wird, ähnlich
wie bei Spitzensportlern, die einen neuen Weltrekord aufgestellt
haben und beim Weitsprung weiter gesprungen sind als alle
anderen Menschen vor ihnen.
Wäre Mathildes Leben ein Weitsprung, würde er die Eckdaten
1915 und 2015 umfassen. Ein gewaltiger Sprung – in jeder Hinsicht:
Beim Absprung 1915 gab es noch kaum Telefone. Autos waren
eine Seltenheit, ebenso wie Strom und fließend Wasser in den
Haushalten. Hundert Jahre später sind für ihre Enkel und Urenkel
Smartphones und Laptops zur Selbstverständlichkeit geworden.
Wobei die Landung erst noch stattfinden muss, denn noch hat
Mathilde die Hacken ja nicht in den Sand gesetzt. Wer weiß, vielleicht
wird sie 101, 102 oder auch 105 Jahre alt.Die alte Bäuerin selbst winkte an diesem Weihnachtsfeiertag
nur ganz nüchtern ab: „Ich weiß noch genau, wie meine Mutter
achtzig wurde“, meinte sie, als sie sich bei den Leuten am Nebentisch
niederließ. Nun habe sie die Mutter um fast zwanzig Jahre
überlebt: „Nie hätte ich gedacht, dass ich so alt werde“, sagte sie
und machte sich ans Austeilen der ersten Runde Schnaps. „Das
muss man halt hinnehmen.“
Hinnehmen. Damit stellte Mathilde ebenso sachlich wie unmissverständlich
klar, dass jedenfalls für sie das Erreichen eines
bestimmten Alters kein Verdienst war, der sich in irgendeiner
Form mit den Leistungen von Spitzensportlern vergleichen ließe.
Sondern dass dies ganz ohne ihr Zutun passierte. Trotz oder
gerade wegen ihres schweren Lebens hier oben auf dem Hof.
Inzwischen ist es Frühling geworden und dieses Weihnachtsfest
gut vier Monate her. Gedankenverloren streiche ich über das Holz
der Terrassenbalustrade. Das Bimmeln der Kuhglocken wird von
einem Traktor übertönt. Eine schwarzweiße Katze schleicht über
den Hof, von Labrador Bruno immer noch keine Spur.
Ob Mathilde jemals etwas anderes als eine Kittelschütze getragen
hat? Ob sie sich wohl stattdessen einmal fein herausgeputzt
hat, vielleicht sogar eine Spur Lippenstift auf den Lippen – für ein
Rendezvous mit einem Kavalier, in den sie sich gerade unsterblich
zu verlieben begann? Lag sie jemals träumend im hohen Gras,
zwischen Butterblumen und Löwenzahn, und zählte die vorbeiziehenden
Wolken am tiefblauen Himmel? Was genau wusste ich
eigentlich von ihr? Dass sie seit 24 Jahren Witwe war. Drei Kinder
bekommen hatte, sieben Enkel, zwanzig Urenkel. Mehr nicht. Abgesehen
von dem Gerede unten im Dorf. Diesem Getuschel, dass
sie damals vor achtzig Jahren nicht alleine ins Tal gekommen sei.
Dass sie froh sein müsse, dass der Johannes sie zur Frau genommen
habe. Weil sie eine mit einem unehelichen Kind gewesen sei.Ich gucke der Katze nach, die in der Scheune verschwindet, und
beschließe, in die Gaststube zu gehen. Sollte die Renate etwa dieses
uneheliche Kind sein? Schließlich war sie Mathildes ältestes.
Als damals an Weihnachten schließlich die Obstlerflasche auf
unserem Tisch gelandet war, bekam ich zwar auf diese Frage noch
keine Antwort, dafür aber die Einladung in ihr ereignisreiches
Leben: Mathilde sagte zu, mir ausführlich aus ihrem Jahrhundertleben
zu erzählen.
So kam es, dass wir bald darauf einträchtig an ihrem Lieblingsort
saßen: dem großen grünen Kachelofen ganz hinten in der
Gaststube. Erstmals konnte ich ihr schmales, feines und von unzähligen
Falten durchzogenes Gesicht ganz aus der Nähe betrachten.
Draußen war es immer noch bitterkalt, an den Fenstern hingen
Eiszapfen, auf der Terrasse lag eine dicke Schneeschicht. Es
war ein Sonntag, Mathilde kam gerade aus der Kirche. Wenn
jemand sie mitnehmen kann, geht sie noch jeden Sonntag: „Weil
der Glaube dem Dasein Sinn gibt.“
Ich spürte, wie wichtig Gott in ihrem Leben ist. Hier oben auf
dem Berg, weit entfernt von der Großstadt, ist der Alltag noch sehr
traditionell und von der Kirche geprägt. „Wenn man im Garten etwas
pflanzt, muss man auch warten, bis es wächst und gedeiht“,
fuhr Mathilde fort. Genauso sei es mit dem Glauben: Ohne ihn
nütze alles nichts, ohne ihren Glauben
hätte sie es nicht geschafft. Ob jemand
Jude oder Moslem ist, Atheist oder Christ
so wie sie – das ist ihr egal. Jeder müsse
versuchen, nach seiner Fasson glücklich
zu werden. „Wer sagt, er glaubt nicht,
lügt“, meinte Mathilde. Denn auch Atheisten glaubten. „An irgendetwas
glaubt man immer, an irgendetwas muss man in seinem
Leben glauben! Das gibt dem Leben Halt und Sinn.“
Aber, so eröffnete sie mir und drückte den Rücken gegen den
warmen Ofen: „Ich habe lange Zeit mit Gott gehadert. Und mit
dem Schicksal, das er hier auf Erden für mich vorgesehen hat. Ich
habe an ihm gezweifelt: Warum hatten andere ein so schönes Leben
und ich nicht?“ Er habe es nicht immer gut mit ihr gemeint,
ihr Gott. Und die Pfarrer, die sie in jungen Jahren hatte, von denen
fühlte sie sich auch oft im Stich gelassen.
1915 wurde sie geboren, am Bodensee im Kreis Konstanz. Da,
wo ich auch selbst herkomme und aufgewachsen bin. Als ihr Vater
bei Verdun den Soldatentod starb, war sie erst zwei Jahre alt.
Ihre Mutter heiratete bald darauf einen Mann, der ihr den Hof
machte, den sie aber eigentlich nicht mochte – „aus praktischen
Gründen“.
Mathilde legte eine wirkungsvolle Pause ein, bevor sie diese drei
Worte sagte. Dabei hob sie vielsagend die Hand und beugte sich
nach vorne. Geradeso, als könnte sie einem Schüler, dem es einen
komplizierten Sachverhalt zu erklären galt, in diesem Falle mir,
damit auf die Sprünge helfen, ohne dass es weiterer Worte bedurfte.
„Ihr Frauen heutzutage, ihr habt es ja so viel leichter!“, fügte sie
dann doch noch erklärend hinzu und begann einen für ihre Verhältnisse
ellenlangen Satz: „Ihr seid ja heute finanziell unabhängig,
ihr wisst ja gar nicht, was das für ein Gut ist. Wie oft habe ich
mir in meinem Leben gewünscht, so unabhängig und so frei zu
sein!“
Dass heute viele Frauen von diesen Freiheiten keinen Gebrauch
machen, den Job an den Nagel hängen und es vorziehen, sich wieder
abhängig zu machen, das konnte sie nicht nachvollziehen, die
alte Bäuerin, das war ihr völlig unverständlich.
Mathilde musste tief Luft holen, denn normalerweise geht sie
mit Worten spärlich um. Ihr Redefluss ist wie ein Strahl Wasser,
der regelmäßig versiegt, dann aber plötzlich wieder strömt, kurzzwar nur, dafür aber umso stärker und kräftiger. Kompakt, prägnant,
auf den Punkt gebracht: Aus praktischen Gründen.
Denn mit diesem zweiten Mann, einem Bauern aus der Umgebung,
hatte ihre Mutter wieder finanzielle Sicherheit – und für sich
und ihr Kind ein Dach über dem Kopf. Aber der neue Mann trank
zu oft und zu viel, dann wurde er gewalttätig. Kamen Frau und
Kind ihm in die Quere, verprügelte er sie. Nie habe sie es ihm recht
machen können: „Wenn ein Tag verging, an dem ich nur eine Ohrfeige
bekam, war das ein guter Tag.“
Erschüttert hörte ich zu. Heute würde dieser Mann zumindest
riskieren, dass die Nachbarn das Jugendamt informieren. Doch
das gab es damals ja noch nicht. Häusliche Gewalt war allgegenwärtig
und noch ein völliges Tabu.
„Aber dann hatte der liebe Gott zum Glück ein Einsehen“, erzählte
Mathilde weiter. Der Stiefvater, wieder einmal sturzbetrunken,
kam bei einem Unfall ums Leben. Als er bestattet wurde,
stand ihre Mutter hochschwanger an seinem Grab und weinte.
Mathilde, die ihre Hand hielt, erinnert sich noch genau, wie sie
verständnislos zu ihrer Mutter aufsah und sie fragte, warum sie
denn weine: „Du brauchst doch jetzt nicht mehr zu weinen,
Mama, er kann uns jetzt ja nicht mehr hauen!“
Mathildes Stiefschwester war noch nicht geboren, da heiratete
die Mutter schon wieder, zum dritten Mal. Diesmal hatte die Familie
mehr Glück: Mathildes zweiter Stiefvater, ebenfalls ein Bauer
aus einem Nachbardorf, war gut zu Frau und Kindern. Und er
hatte Geld. Anfangs jedenfalls. Bis 1923, als die Inflation explodierte.
Mathilde war damals acht Jahre alt. „Da haben auch wir
alles verloren. Alles war weg – alles!“
Trotzdem kannte ihre Kindheit auch sorglose Momente.
Wenn sie mit den Tieren auf dem Hof spielte, den Hunden und
Katzen. Oder mit den anderen Mädels aus der Schule zum
Schwimmen an den Bodensee ging. Badeanzüge hatten sie damals nicht, alle zogen sich splitternackt aus, ließen die Kleider
am Ufer liegen.
„Einmal haben die Jungs sich im Gebüsch versteckt und uns beobachtet.
“ Um dann die Kleider zu packen und wegzurennen. „Ich
musste nackig nach Hause laufen, da habe ich mich vielleicht
geschämt!“ Mathilde lächelte verlegen, während sie das sagte.
„Hajoh“, schnaubte sie, was im Alemannischen, jenem Dialekt,
der zwischen Freiburg und Feldberg gesprochen wird, so viel wie
„Jaja“ oder „Ach ja“ bedeutet. „Hajoh!“ – ein Lausbubenstreich sei
das eben gewesen.
Gab es mehr Momente in ihrem Leben, in denen sie sich geschämt
hat?
Sie schwieg eine Weile und nippte an ihrem Tee. Dann seufzte
sie abgrundtief und nickte. Wirklich geschämt, so sehr geschämt
wie nie zuvor und auch später nicht in ihrem ganzen Leben, das
habe sie sich ein paar Jahre später. Nachdem sie auf dem Schulweg
vergewaltigt worden war. Von einem Mitschüler. Da war sie nicht
älter als 13 oder 14 Jahre. Mit Händen und Füßen gewehrt habe sie
sich, aber er sei viel stärker gewesen als sie. „Zum Glück ist er mit
seiner Familie bald darauf weggezogen.“
Ich war erschüttert und gleichzeitig bewegt, dass sie sich mir
anvertraute. Hat sie denn gar nichts unternommen, um den Täter
zur Rechenschaft zu ziehen?
Die alte Frau schüttelte den Kopf. Mit niemandem, noch nicht
einmal ihrer Mutter, habe sie darüber gesprochen. „Ich schämte
mich zu sehr.“ Noch heute werfe sie sich vor, sich nicht genug gewehrt
zu haben, noch heute frage sie sich, was sie damals falsch
gemacht habe. „So was vergisst man sein ganzes Leben nicht
mehr. Hinterher brauchte ein Mann mich nur anzugucken, und
ich hätte ihm eine butzen können.“
Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und beschloss, den Pfarrer
ins Vertrauen zu ziehen. Sie wurde streng katholisch erzogen,ging mit ihren Eltern und Geschwistern nicht nur sonntags in die
Kirche, sondern auch freitags zum Wallfahrtsgottesdienst. Auch
wenn die Familie dann auf dem Heuwagen in den Nachbarort fahren
musste. Der Pfarrer hörte sich die Beichte geduldig an. Dann
sagte er: „Gott und ich, wir verzeihen dir.“ Außerdem ermahnte er
das junge Mädchen, in Zukunft dafür zu sorgen, dass es nicht
mehr so weit kommen konnte.
Mir verschlug es die Sprache.
„Ich habe dann die Schule abgeschlossen und konnte in Konstanz
bei einem Bäcker arbeiten“, fuhr Mathilde fort. „Aber nur bis
1932. Dann mussten alle Landmädchen die Stadt verlassen. Hitler
fand, dass sie den Stadtmädchen nicht die Arbeit wegnehmen
durften.“ So landete sie wieder auf dem elterlichen Hof, pflückte
Erbsen und Bohnen für zwei Pfennig pro Pfund. Pflückte sich ihre
Aussteuer zusammen.
Auf dem Nachbarhof arbeitete ein Junge aus Gelsenkirchen,
den sie gernhatte. Ihm gefiel das schmale junge Mädchen mit dem
langen dunkelblonden Zopf auch, und so wurden die beiden ein
Paar. „Er hat für mich immer Krisi geklaut.“ Kirschen. „Die waren
so süß und so gut! Ich hätte mich das nie getraut“, erinnerte sie
sich, und ihr Gesichtsausdruck bekam zum ersten Mal etwas
Liebliches. Kirschen gab es damals nicht so viele, auch nicht im
Laden, die waren teuer. Und deshalb umso begehrter. „Sobald die
Krisi reif waren, haben die jungen Burschen sie deshalb gestohlen.
Das war damals so. Aber wir sind nie erwischt worden.“
Manchmal streichelte der Junge aus Gelsenkirchen ihren Arm.
Dann war sie glücklich. „Das hat schon gereicht. Geküsst haben
wir uns nie.“ So weit sollte es auch nicht mehr kommen, denn
Mathildes Mutter hatte etwas gegen den jungen Mann und verbot
ihrer Tochter den Umgang. „Er ist dann nach Gelsenkirchen zurückgekehrt,
aber vergessen habe ich ihn nie.“
Sie selbst fing wenig später an, auf dem Gutshof eines Grafenam Bodensee zu arbeiten, als Dienstmädchen. So viel Reichtum
hatte sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen. „Ich hatte zusammen
mit zwei anderen Dienstmädchen ein eigenes Zimmer,
und wir trugen alle schöne schwarze Kleider mit weißer Schürze“,
schwärmte sie.
Ich musste unwillkürlich an die Dienstmädchen aus der englischen
Erfolgsfernsehserie Downton Abbey denken und hätte
gerne noch mehr aus dieser Zeit in Mathildes Leben erfahren.
Aber ich musste mich gedulden, denn Renate wies auf die Uhr:
„Zeit fürs Mittagessen!“ Und anschließend für den Mittagsschlaf.
Für diesen Tag mussten wir das Gespräch beenden.
Das war also unser erstes richtiges Gespräch vor gut drei Monaten.
Nun ist es Ende April geworden, ein paar Tage vor dem
1. Mai. Ich stelle mir vor, wie voll es hier auf der Terrasse dann
wohl wieder sein wird, als ein schwarzes Geschoss
mit wedelndem Schwanz auf mich
zurennt und mich vor Begeisterung fast umwirft.
Bruno, Mathildes schwarzer Labrador.
Es dauert eine Weile, dann erscheint auch
Peter, einer ihrer jüngsten Urenkel. Er hat mit
dem Hund gerade eine lange Wanderung gemacht.
Peter studiert noch, in Freiburg, aber wie üblich vor solchen
Feiertagen, wenn es hoch hergeht, ist auch er angerückt, um
hinterm Tresen oder beim Bedienen zu helfen.
„Du kommst sicher wieder wegen der Mathilde“, meint er.
„Komm rein, die sitzt wie immer am Kachelofen.“
Peter leert noch schnell den Briefkasten, bevor er für mich die
knarzende Eingangstür aufmacht. Auf dem Stammtisch gleich
rechts in der Gaststube steht ein großer Strauß frischer Blumen.
Die kommen sicher aus dem Gemüsegarten hinter dem Haus, da hat Mathilde auch ein paar Blumenbeete angelegt. Mit Osterglocken, Tulpen, Nelken, Astern, Dahlien oder Gladiolen. Je nach Saison. Was im Laufe eines Jahres halt alles wächst und blüht.
Peter hat recht. Sie sitzt am Kachelofen. Seltsam, welch magische Anziehungskraft Öfen auf alte Menschen auszuüben scheinen – auch dann noch, wenn sie kalt sind. Freudig bellend läuft Bruno auf sie zu. Mathilde zuckt zusammen und richtet sich auf, sie war offensichtlich eingenickt. Lächelnd lässt sie sich von ihrem Urenkel einen Kuss geben und von Bruno den Handrücken ablecken.
„Ich habe immer in meinem Leben Hunde gehabt“, sagt sie dann und bedeutet mir mit einem Blick, mich neben sie zu setzen.
„Schau, Uromi, hier ist eine Karte von der Karin!“
„Ja, ist die denn heuer nicht da, um mitzuhelfen?“ Karin ist Peters Schwester.
„Aber nein, die ist doch in Spanien, schau!“ Peter hält uns dieAnsichtskarte hin und verschwindet dann im Gang. Tossa de Mar.
Da war ich auch schon mal.
„Hajoh“, seufzt Mathilde. „Wo die Leut’ heut überall hinkommen!“
Sie selbst hat noch nie in ihrem Leben Urlaub gemacht. Weiter als bis zum Vierwaldstättersee ist Mathilde nie gekommen. Bei einem Schulausflug. Die Schweiz ist hier im Grenzgebiet ja ganz nahe.
„Ich habe auch das Meer noch nie gesehen.“ Sie überlegt kurz.
„Mein Urlaub war, wenn ich ins Krankenhaus musste“, erzählt sie.
„Dort hab ich mich immer erholt.“ Zwei ihrer Kinder sind im Krankenhaus geboren, und einmal musste sie wegen eines Bauchwandbruchs auch länger bleiben. Das kam vom vielen Heben.
„Ich hab halt immer schwer schaffen müssen. Auch sonntags.“ Da wurde morgens in die Kirche gegangen und nachmittags aufs
Feld. Um die Ernte einzuholen. Ihr ganzes Leben lang sei das so gewesen. „Früher mussten wir vorher immer erst den Pfarrer fragen, der hat uns das dann erlaubt.“ Die Bauernwirtschaft hingegen, die durfte sonntags immer offen sein, ohne ausdrückliche Erlaubnis
des Pfarrers: „Das war das tägliche Brot“, erklärt Mathilde.
„Wenn es um das tägliche Brot ging, durfte man auch sonntags arbeiten. Dann brauchte man dafür keine Erlaubnis.“ Heute sei das ja alles ganz anders: „Heute haben die Leut’ nicht nur den ganzen Sonntag frei, sondern auch den Samstag! Sie können auch andauernd Urlaub machen. Und wenn sie nicht essen und trinken, dann sind sie am Einkaufen…“

Nicht nur für "alte Frauen" empfehlenswert

Zwei alte FrauenZwei alte FrauenZwei alte Frauen

Eine Legende von Verrat und Tapferkeit

Ein Nomadenstamm im hohen Norden von Alaska: Während eines bitterkalten Winters kommt es zu einer gefährlichen Hungersnot. Wie das alte Stammesgesetz es vorschreibt, beschließt der Häuptling, die ältesten beiden Frauen als „unnütze Esser“ zurückzulassen, um den Stamm zu retten. Doch in der Einsamkeit der eisigen Wildnis geschieht das Unglaubliche: Die beiden alten Indianerfrauen geben nicht auf, sondern besinnen sich auf ihre ureigenen Fähigkeiten, die sie längst vergessen geglaubt hatten …

1
Hunger und Kälte fordern ihren Tribut

Die Luft lag scharf, schweigend und kalt über dem weiten Land. Schlanke Fichtenzweige bogen sich unter der schweren Last des Schnees und warteten auf ferne Frühlingswinde. Die froststarren Weiden schienen in der grimmigen Kälte zu erzittern.

Fern dort oben in diesem scheinbar so unwirtlichen Land lebte eine Schar von Menschen, die in Felle und Tierhäute gekleidet waren und dicht um kleine Feuerstellen hockten. Ihre wettergegerbten Gesichter waren von Hoffnungslosigkeit gezeichnet, denn sie sahen sich dem Hungertod ausgesetzt, und die Zukunft barg wenig Aussicht auf bessere Tage.

Diese Nomaden lebten in der Polarregion von Alaska. Sie nannten sich das Volk, und sie waren ständig unterwegs, auf der Suche nach Nahrung. Wo die Karibus und andere Wandertiere entlangzogen, dort folgte ihnen das Volk. Doch die große Winterkälte schuf besondere Probleme. Die Elche, die ihre bevorzugte Nahrungsquelle bildeten, suchten Schutz vor der durchdringenden Kälte, indem sie sich an einen festen Ort zurückzogen, wo sie schwer zu finden waren. Kleinere und leichter zu erlegende Tiere, wie Kaninchen und Eichhörnchen, konnten eine so große Gruppe wie diese nicht am Leben erhalten. Und während der Kälteperioden verschwanden selbst die kleineren Tiere in ihren Verstecken, oder sie wurden durch Beutejäger – seien es Mensch oder Tier – dezimiert. So schien denn das Land während dieses ungewöhnlich scharfen Frosteinfalls im späten Herbst unter der bedrohlich lauernden Kälte ohne jegliches Leben zu sein.

In der kalten Jahreszeit erforderte das Jagen mehr Kraft als gewöhnlich. Deshalb bekamen die Jäger zuerst zu essen, denn ihr Geschick war es, von dem das Leben des Volkes abhing. Doch da so viele Mäuler zu stopfen waren, war der Vorrat an Nahrung sehr schnell erschöpft. Obwohl alle sich größte Mühe gaben, mit dem Vorhandenen auszukommen, litten viele Frauen und Kinder an Unterernährung, und einige verhungerten sogar.

In diesem Nomadenverbund lebten auch zwei alte Frauen, um die sich das Volk jahrelang gekümmert hatte. Die Ältere der beiden hieß Ch‘idzigyaak, denn bei ihrer Geburt erinnerte sie ihre Eltern an einen Chickadee-Vögel. Die andere Frau hieß Sa‘, was Stern bedeutet, denn als die Geburt herannahte, hatte ihre Mutter in den herbstlichen Nachthimmel hochgeschaut und sich besonders auf die weit entfernten Sterne konzentriert, um sich vom Wehen – schmerz abzulenken.

Immer wenn die Gruppe einen neuen Lagerplatz erreichte, wies der Häuptling die jüngeren Männer an, für diese zwei alten Frauen einen Unterschlupf zu errichten und sie mit Nahrung und Wasser zu versorgen. Die jüngeren Frauen zogen die Habseligkeiten der beiden älteren Frauen von einem Lager zum nächsten, und als Gegenleistung gerbten die alten Frauen Tierhäute für die, die ihnen halfen. Diese Übereinkunft funktionierte gut.

Die zwei Alten besaßen jedoch eine unschöne Eigenschaft, die zu jenen Zeiten nur selten vorkam. Ständig beklagten sie sich über Wehwehchen hier und Zipperlein da. Und zum Beweis ihrer Kümmerlichkeit gingen sie an Stöcken. Überraschenderweise machte das den anderen nichts aus, obwohl sie alle von Kindheit an gelernt hatten, daß Schwäche bei den Bewohnern dieses rauhen Mutterlandes nicht geduldet war. Dennoch machte niemand den zwei alten Frauen Vorhaltungen, und sie wanderten weiter mit den Stärkeren – bis zu jenem verhängnisvollen Tag.

An diesem Tag lag etwas Schwereres als nur die Kälte in der Luft, während das Volk um die wenigen flackernden Feuer versammelt war und dem Häuptling zuhörte. Er war ein Mann, der die anderen fast um Haupteslänge überragte. Tief in seine pelzbesetzte Jacke eingemummt, sprach er von den harten, kalten Tagen, die sie erwarteten, und davon, daß jeder das Seine beitragen müsse, damit sie den Winter überlebten.

Dann machte er plötzlich mit lauter, deutlicher Stimme eine Ankündigung: „Der Rat und ich sind zu einer Entscheidung gelangt.“ Der Häuptling machte eine Pause, als habe er Mühe, die folgenden Worte auszusprechen. „Wir werden die Alten zurücklassen müssen.“

Mit einem schnellen, prüfenden Blick suchte er nach einer Reaktion in der Menge. Doch Hunger und Kälte hatten ihren Tribut gefordert, und das Volk schien nicht entsetzt zu sein. Viele hatten erwartet, daß es geschehen würde, und manche hielten es für das beste. In jenen Tagen war es nicht unüblich, die Alten in Hungerszeiten zurückzulassen, obwohl es in dieser Gruppe zum erstenmal geschah. Die Kargheit dieses urwüchsigen Landes schien danach zu verlangen. Um zu überleben, waren die Menschen gezwungen, sich in mancherlei Weise wie Tiere zu verhalten. Ähnlich jungen, kräftigen Wölfen, die sich vom alten Führer des Rudels absetzen, so pflegten die Menschen ihre Alten zurückzulassen, um sich ohne jene Extrabelastung schneller bewegen zu können.

Ch‘idzigyaak, die ältere Frau, besaß eine Tochter und einen Enkel in der Gruppe. Der Häuptling suchte die beiden mit den Augen in der Menge und sah, daß auch sie keine Reaktion zeigten. Er war höchst erleichtert darüber, daß die unerfreuliche Ankündigung ohne Zwischenfall vonstatten gegangen war, und befahl allen, sofort zu packen. Indessen brachte es dieser tapfere Mann, der ihr Führer war, nicht fertig, den zwei alten Frauen ins Gesicht zu schauen, denn im Augenblick fühlte er sich nicht besonders stark.

Der Häuptling begriff, warum das Volk keine Einwände erhob, auch wenn die beiden alten Frauen von allen wohlgelitten waren. In diesen harten Zeiten waren viele der Männer unzufrieden und wurden schnell wütend. Ein falsches Wort oder eine falsche Bewegung konnte einen Aufruhr auslösen und alles noch schlimmer machen. So kam es, daß die schwachen und erschöpften Mitglieder des Stammes ihre Bestürzung für sich behielten, denn sie wußten, die Kälte konnte zu einer Welle der Panik führen – zu Grausamkeit und Brutalität unter Menschen, die ums Überleben kämpften.

Während der langen Jahre, in denen die Frauen in der Gruppe gelebt hatten, hatte der Häuptling eine Zuneigung zu ihnen gefaßt. Jetzt wollte er so schnell wie möglich fort, damit die zwei alten Frauen ihn nicht anschauen konnten. Er hätte sich sonst elender als je in seinem Leben fühlen müssen.

Die beiden Frauen saßen vor der Feuerstelle, alt und schmal, doch mit stolz erhobenem Kinn. So verbargen sie ihr Entsetzen. Als sie jünger waren, hatten sie erlebt, wie alte Menschen zurückgelassen worden waren, aber sie hätten niemals gedacht, daß dieses Schicksal sie selbst treffen könnte. Sie starrten betäubt vor sich hin, so als hätten sie nicht gehört, daß der Häuptling sie zum sicheren Tod verurteilt hatte – ihrem Schicksal überlassen in einem Land, das nur Stärke verstand. Zwei schwache alte Frauen hatten keine Chance gegen dieses Gesetz der Stärke. Sie wußten sich keinen Rat, als sie die Botschaft vernahmen, und es fehlten ihnen die Worte zu ihrer Verteidigung.

Von den zweien hatte nur Ch‘idzigyaak Familie – die Tochter Ozhii Nelii und den Enkelsohn Shruh Zhuu. Sie wartete darauf, daß ihre Tochter protestieren würde, doch nichts geschah, und es überfiel sie ein noch tieferes Entsetzen. Nicht einmal ihre eigene Tochter versuchte, sie zu beschützen. Auch Sa‘, die neben ihr saß, war wie betäubt. Ihr Kopf drehte sich, und obwohl sie gerne laut geschrien hätte, brachte sie kein Wort heraus. Sie fühlte sich wie in einem schrecklichen Alptraum, in dem sie weder sprechen noch sich bewegen konnte.

Während die Gruppe sich langsam davonschlich, kam Ch‘idzigyaaks Tochter zu ihrer Mutter herüber. Sie trug ein Bündel Babiche – grob abgezogene, ungegerbte Elchhaut, die vielseitig verwendbar war. Voller Scham und Schmerz senkte sie ihren Kopf, denn ihre Mutter weigerte sich, ihre Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen. Statt dessen starrte Ch‘idzigyaak versteinert geradeaus.

Ozhii Nelii war sehr aufgewühlt. Wenn sie ihre Mutter verteidigte, so befürchtete sie, würde das Volk die Sache regeln, indem es sie zusammen mit ihrem Sohn ebenfalls zurückließ. Schlimmstenfalls ließen sie sich womöglich in ihrem ausgehungerten Zustand zu etwas noch Furchtbarerem hinreißen. Das konnte sie nicht riskieren.

Von solchen Gedanken gequält, bat Ozhii Nelii schweigend und mit kummervollem Blick um Vergebung und Verständnis, während sie sachte das Bündel Babiche vor der erstarrten Frau niederlegte. Dann wandte sie sich langsam um und ging mit schwerem Herzen davon, denn sie wußte, sie hatte soeben ihre Mutter verloren.

Der Enkel Shruh Zhuu war tief erschrocken über die Grausamkeit. Er war ein ungewöhnlicher Junge. Während die anderen Jungen miteinander im Mannwerden wetteiferten, indem sie jagten und rangen, gefiel es ihm, seiner Mutter und den zwei alten Frauen bei der Vorratsbeschaffung zu helfen. Sein Verhalten schien nicht in das Muster der Gruppenstruktur zu passen, so wie es von Generation zu Generation überliefert worden war. Die Frauen waren es nämlich, die die meisten mühsamen Aufgaben erledigten und zum Beispiel die hochbepackten Schlitten zogen. Darüber hinaus hatten sie eine Menge anderer zeitraubender Pflichten, während die Männer sich auf die Jagd konzentrierten, damit die Gruppe zu essen hatte. Niemand beklagte sich, denn so war es, und so war es immer gewesen.

Shruh Zhuu hatte große Achtung vor den Frauen. Er sah, wie sie behandelt wurden, und es gefiel ihm nicht. Auch wenn man es ihm immer und immer wieder erklärte, so begriff er doch nie, warum die Männer den Frauen nicht halfen. Aber seine Erziehung hatte ihn gelehrt, nie das Handeln der Erwachsenen in Frage zu stellen, denn das wäre unhöflich. Als Shruh Zhuu kleiner war, hatte er sich nicht gescheut, seine Meinung zu diesem Thema zu äußern, und Jugend und Unschuld waren seine Beschützer. Später lernte er, daß solches Benehmen eine Bestrafung nach sich zog. Er litt unter dem Schmerz des Schweigens, wenn sogar seine Mutter tagelang nicht mit ihm sprach. Auf diese Weise lernte Shruh Zhuu, daß es weniger weh tat, wenn man über gewisse Dinge lieber nachdachte, anstatt sich zu äußern.

Obwohl er fand, das Schlimmste, was das Volk tun konnte, war, die hilflosen alten Frauen im Stich zu lassen, kämpfte Shruh Zhuu innerlich mit sich. Seine Mutter sah die zornige Erregung in seinen Augen, und sie wußte, daß er kurz davor war zu protestieren. Sie ging schnell zu ihm und flüsterte eindringlich in sein Ohr, er dürfe einfach nicht daran denken, denn die Männer seien so verzweifelt, daß sie leicht irgend etwas Furchtbares tun könnten. Shruh Zhuu sah die düsteren Gesichter der Männer und wußte, daß sie recht hatte. Also hielt er seinen Mund, auch wenn der Aufruhr in seinem rebellischen Herzen weitertobte.

In jenen Tagen wurden alle Jungen dazu erzogen, ihre Waffen in Ehren zu halten, manchmal mehr noch als ihre Familie, denn die Waffen würden für ihren Lebensunterhalt sorgen, wenn sie Männer waren. Wurde ein Junge dabei ertappt, wie er seine Waffe falsch behandelte oder für einen falschen Zweck benutzte, so waren harte Strafen die Folge. Wenn der Junge älter wurde, lernte er die Macht seiner Waffe kennen und begriff die Bedeutung, die sie nicht nur für sein eigenes Überleben, sondern auch für das seines Volkes hatte.

Shruh Zhuu schlug seine ganze Erziehung und alle Gedanken an die eigene Sicherheit in den Wind. Aus seinem Gürtel zog er ein Beil aus zugespitzten Tierknochen, die mit gehärteten Elchhautstreifen straff zusammengebunden waren, und steckte es heimlich, gut verborgen vor den Augen des Volkes, hoch oben ins dichte Astwerk einer buschigen jungen Fichte.

Als seine Mutter sich daran machte, ihre Sachen zusammenzupacken, wandte Shruh Zhuu sich zu seiner Großmutter. Obwohl sie so tat, als sehe sie einfach durch ihn hindurch, vergewisserte Shruh Zhuu sich, daß keiner ihn beobachtete, und zeigte auf seinen leeren Gürtel und dann auf die Fichte. Noch einmal schaute er seine Großmutter mit einem Ausdruck der Verzweiflung an, wandte sich widerstrebend um und ging fort zu den anderen. Und mit sinkendem Mut wünschte er sich, er könnte ein Wunder vollbringen, um diesem alptraumhaften Tag ein Ende zu bereiten.

Der lange Zug des ausgehungerten Volkes setzte sich langsam in Bewegung, und zurück blieben die zwei Frauen. Sie saßen immer noch wie betäubt auf ihren aufgehäuften Fichtenzweigen da. Das kleine Feuer warf einen weichen, orangefarbenen Schein auf ihre verwitterten Gesichter. Es verging eine lange Zeit, bevor die Kälte Ch‘idzigyaak aus ihrer Erstarrungweckte. Sie hatte die hilflose Geste ihrer Tochter wohl wahrgenommen, doch sie fand, ihr einziges Kind hätte sie, selbst im Angesicht der Gefahr, verteidigen müssen. Das Herz der alten Frau besänftigte sich, als sie an ihren Enkel dachte. Wie konnte sie bittere Gedanken gegen jemanden hegen, der so jung und so zartfühlend war? Die anderen machten sie zornig, vor allem ihre Tochter! Hatte sie sie nicht zur Stärke erzogen? Heiße, ungebetene Tränen rannen ihr übers Gesicht.

In diesem Augenblick hob Sa‘ ihren Kopf, gerade rechtzeitig, um die Tränen ihrer Freundin zu entdekken. Zorn stieg in ihr hoch. Wie hatten sie es wagen können! Ihre Wangen brannten von der Demütigung. Sie und die andere alte Frau standen nicht kurz vorm Tode! Hatten sie nicht für das, was das Volk ihnen gab, genäht und gegerbt? Sie mußten nicht von Lager zu Lager getragen werden. Sie waren weder hilflos noch hoffnungslos. Und dennoch hatte man sie zum Sterben verurteilt.

Ihre Freundin hatte achtzig Sommer gesehen, sie selber fünfundsiebzig. Als sie jung war, hatte sie miterlebt, wie die Alten zurückgelassen wurden. Doch die waren dem Tod so nah, daß manche schon blind waren und nicht mehr laufen konnten. Und hier war sie nun, sie, die immer noch laufen, sehen, sprechen konnte, aber... pah! Die jungen Leute heutzutage suchten nach bequemeren Auswegen in harten Zeiten. Als die kalte Luft das Lagerfeuer gelöscht hatte, wurde Sa‘ lebendig, und ein stärkeres Feuer brannte in ihr, fast so, als hätten ihre Lebensgeister der glimmenden Asche die Energie entzogen. Sie ging zu dem Baum und barg das Beil, und bei dem Gedanken an den Enkel ihrer Freundin lächelte sie weich. Sie seufzte, als sie zu ihrer Kameradin zurückkehrte, die sich nicht gerührt hatte.

Sa‘ sah zum blauen Himmel hoch. Für ein erfahrenes Auge bedeutete das Blau zu dieser winterlichen Jahreszeit große Kälte. Wenn erst die Nacht hereinbrach, würde es noch kälter werden. Sa‘ runzelte besorgt die Stirn, kniete neben ihrer Freundin nieder und begann mit sanfter, doch fester Stimme zu sprechen. „Meine Freundin“, sagte sie, machte eine Pause und hoffte, sie könnte stärker sein, als sie sich fühlte. „Wir können hier sitzen und auf den Tod warten. Wir werden nicht lange warten müssen...

Der Zeitpunkt unseres Abschieds von dieser Welt sollte aber noch nicht so bald kommen“, fügte sie schnell hinzu, als ihre Freundin mit erschreckten Augen hochblickte. „Wir werden jedoch sterben, wenn wir einfach nur hier sitzen und warten. Das würde ihnen recht geben, dann wären wir wirklich hilflos.“

Ch‘idzigyaak hörte verzweifelt zu. Sa‘ wußte, daß ihre Freundin gefährlich nahe daran war, ihr Schicksal anzunehmen und an Hunger und Kälte zu sterben. Und so sprach sie noch eindringlicher. „Ja, auf ihre Weise haben sie uns zum Tode verurteilt! Sie glauben, wir seien zu alt und nutzlos. Sie vergessen, daß auch wir ein Recht haben zu leben! Und deshalb, meine Freundin, sage ich, wenn wir denn sterben müssen, so laß uns handelnd sterben und nicht im Sitzen.“

Wenn sich das Eltern-Kind-Verhältnis umkehrt

Blick ins Buch
Nicht mehr wie immerNicht mehr wie immer

Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können: Ein Wegweiser für erwachsene Kinder

Wenn sich das Eltern-Kind-Verhältnis umkehrtIrgendwann merken wir, dass unsere Eltern nicht mehr so können, wie sie wollen. Als Kinder fühlen wir uns hilflos und fragen uns, was wir tun können. Katja Werheid zeigt, wie wir für unsere Eltern da sein können, ohne sie zu bevormunden, und wie wir trotz alter Konflikte Frieden schließen, ohne dabei faule Kompromisse einzugehen. Denn wirklich erwachsen sind wir erst, wenn wir uns eingestehen, dass unsere Zeit mit den Eltern endlich ist. Sie aktiv zu gestalten, indem wir möglichst früh miteinander ins Gespräch kommen, ist die wichtigste Voraussetzung, um unsere Elternbeziehung zu vertiefen.

Vorwort Ein Gespenst geht um
Unter uns „Mittelalten“ geht ein Gespenst um. Es schleicht sich ein, man merkt es anfangs kaum, versteckt hinter dem lauten Getöse von Midlife-Crisis, Pubertät der Sprösslinge, Bandscheibenvorfall und Menopause. Erst zeigt es sich nur ab und zu, ein rasches Huschen um Mitternacht kurz vor dem Einschlafen. Da können wir es noch ignorieren. Doch es kommt immer wieder – bei manchen still und unheimlich, bei manchen als Poltergeist im Zuge einer plötzlichen schlechten Nachricht. Das Gespenst geht nicht mehr weg. Sein Name? Die banale wie unumstößliche Einsicht: Unsere Eltern werden alt.
Alt werden ist aber noch nicht alles. In diesem Falle könnte man sich trösten, mit sinnigen Sprüchen wie: „Man ist so alt, wie man sich fühlt ...“ Auch ein kleines gefühlsmäßiges Age-Lifting würde dagegen vielleicht helfen. Ein neues Hobby, ein Fitnessclub-Abo – wenn gewünscht, könnten wir unseren Eltern bei der Suche nach dem „Uplifter“ assistieren. Nette Geste, aber auf Dauer leider zwecklos. Denn was noch schlimmer ist: Unsere Eltern werden gebrechlich.
Gebrechlich ist eines dieser schönen altertümlichen Eigenschaftswörter im Deutschen, das irgendwie nach „zerbrechlich“ klingt. Moderner und klarer formuliert heißt das: Unsere Eltern sind chronisch krank. Sie stürzen immer öfter, sie brauchen Wochen bis Monate, um sich von häufiger werdenden Gesundheitsproblemen zu erholen, die früher Bagatellen waren. Sie erblinden oder ertauben langsam, trotz Star-Operation und Hörgerät, und landen hin und wieder im Krankenhaus. Und wir, die wir sehen und hören und leidlich geradeaus denken können, bekommen das mit. Ob aus der Ferne oder Nähe, wir spüren: wir können diese Abwärtsspirale nicht aufhalten. Es ist der Lauf der Zeit, der Lauf des Lebens. Natürlich wissen wir das, aber es ist schwer, es zu akzeptieren und auszuhalten.
Dass unsere Eltern alt werden mit allem, was dazugehört, ist auf den ersten Blick sicher kein SmallTalk-Thema. Doch bringt man es auf den Tisch – im Gespräch mit Freunden oder mit netten Kollegen beim Mittagessen, rückt es sofort in den Mittelpunkt. Denn alle kennen es, alle spitzen die Ohren. Möchten erfahren, wie die anderen damit umgehen und erzählen, wie es ihnen selbst ergeht. Probieren Sie es mal aus: Stellen Sie sich auf einer Party zu zweit in die Küche. Wählen Sie einen lockeren Ton, nicht zu schrill und nicht zu laut, aber doch gut hörbar für die Umstehenden. Erzählen Sie eine kleine Anekdote, vielleicht zunächst über einen Onkel, das ist nicht so nah. Nach kurzer Zeit werden Sie nicht mehr allein in der Küche stehen: „Also, wenn ich dazu mal was sagen darf ...“ – „Ich kenn das auch ...“ – „Bei uns läuft das ähnlich ...“
Ich selbst habe eine solche Situation erst vor Kurzem erlebt, als ich mich mit einer Freundin im Café über autofahrende ältere Verwandte unterhielt. Wir tauschten kleine Geschichten darüber aus, welche verblüffenden Argumente unseren Altvorderen einfallen, um zu begründen, warum sie weiterhin die parkplatzmäßig unpraktischsten und unökologischsten aller Autorassen für Tausende Euro jährlich in der Garage durchfüttern, um sie ein- bis zweimal pro Woche mit großem Aufwand zu satteln und durch den Stadtverkehr zu manövrieren. Trotz mehrerer Unfälle, Augen- und Parkinsonkrankheit, allerbester Nahverkehrsanbindung und ausreichend verfügbarem Bargeld für ein Taxi bis Teheran. Und das dreißig Jahre nachdem sie uns das Mofa verboten haben! Dabei waren wir damals bei allerbester Gesundheit, wollten – wie sie heute – nicht über Tempo 50 fahren und hatten uns die Mäuse für den Kauf des knatternden Gefährts selbst zusammengespart. Das sei hinausgeworfenes Geld hieß es, Ende der Diskussion.
Sie konnten damals nachts vor Sorge kein Auge zumachen, bevor unser 18-jähriger Freund (Fahranfänger mit großem „A“) uns nicht wohlbehalten nach Hause gebracht hatte. Das fiel unter die Kategorie „behütet aufwachsen“. Wir aber sollen uns heute keine Sorgen machen, völlig unnötig. Das große „AH“ für Fahr-Aufhörer ist kein Thema. „Behütet Altwerden“ ist erst angesagt, „wenn wir gar nicht mehr können.“ Bloß wann ist dieser Zeitpunkt gekommen? Und wer legt ihn fest? Können wir darauf vertrauen, dass unsere Eltern diesen Wendepunkt schon erkennen werden, oder ist es an uns, sie darauf aufmerksam zu machen? Stichwort: wer hütet wen?
Aber zurück zur Episode im Café: Schon nach kurzer Zeit diskutierten wir zu fünft über Oldies und ihre Autos. Der Kellner steuerte eine Anekdote über seine 93-jährige Großmutter bei, die ihn jedes Mal, wenn er ihr anbot, sie zum Arzt zu fahren, verdächtigte, scharf auf ihre breite Volvo-Schüssel aus den Achtzigern zu sein. Dabei sei er überzeugter Car-Sharer. Das Pärchen vom Nachbartisch berichtete über ein ausgefeiltes System von Maßnahmen zur Vorbeugung von familieninternen Auffahrunfällen in der Doppelgarage des Elternhauses. Die Eltern würden etwa einmal pro Woche Auto fahren, und zwar jeweils das eigene. An den Garagenwänden und zwischen den Autos stapelten sich alte Reifen und Gartenstuhlauflagen, alles zur Vermeidung von Dellen und Kratzern, zusätzlich zu den serienmäßig eingebauten Pieps-Einparkhilfen der beiden Autos und eigens installierten elektrischen Lichtschranken mit Warnton in der Garage. Diese Armada von Vorsichtsmaßnahmen erschien ihnen naheliegender als Veränderungen in Bezug auf die Stahlrösser selbst. In allen anderen Bereichen dachten sie konsequent pragmatisch. Wenn die Schwiegertochter ihre High Heels vor dem Ausgehen vorsorglich mit Gel-Polstern ausstattete, hieß es: „Wozu brauchst du die hohen Dinger überhaupt – du bist doch schön groß?“ Unsere spontane Runde geriet zur schmunzelnden Selbsthilfegruppe: Hilfe, die Vernunft unserer Eltern macht halt vor dem eigenen Garagentor!
Kein Wunder, dass uns das Thema interessiert: Eltern haben wir alle. Egal ob sie in traditioneller Ehe, getrennt, neu liiert oder alleinstehend leben. Ob sie weit entfernt wohnen oder nebenan, in der Großstadt oder auf dem Dorf, ob wir sie täglich oder nur einmal im Jahr treffen – wir sind lebenslang mit ihnen verbunden. Selbst diejenigen, die sehr selten oder konfliktbeladenen Kontakt zu ihren Eltern haben, beschleicht bei Nachrichten über deren zunehmende Gebrechlichkeit ein mulmiges Gefühl. Wie lange kann das wohl noch so weitergehen? Müsste man jetzt schon etwas unternehmen? Vorsorglich, für den Fall, dass ...?
Es ist ein bisschen wie auf der „Titanic“: Man steuert auf etwas Bedrohliches zu, dessen Ausmaße man eigentlich nicht so recht kennt. Das meiste lauert mutmaßlich noch unter der Oberfläche. Auch ist unklar, ob man zumindest dem moralischen Untergang überhaupt noch entgehen kann oder ob es nicht vielleicht schon zu spät ist, das Ruder herumzureißen. Anders als der Eisberg, auf den die „Titanic“ zusteuerte, gibt es in unserem Fall einen Aspekt, der keineswegs ein schlecht kalkulierbares Risiko ist: Der Tod als Abschluss der irdischen Reise ist sozusagen automatisch inbegriffen. Hundertprozentig werden unsere Eltern eines Tages sterben, genau wie wir irgendwann auch. Die Frage ist nur, wie wir gemeinsam mit ihnen die letzte Etappe ihrer Lebensreise gestalten. Oder ob wir uns erst danach die Frage stellen, ob wir anders hätten handeln können. Oder sollen. Oder müssen. Oder hätten können müssen.
Altwerden ist nichts für Feiglinge, heißt es so schön, und da ist was dran. Als Neuropsychologin untersuche und behandele ich Menschen, die von Schlaganfällen, Schädel-Hirn-Verletzungen, Parkinsonkrankheit oder Demenz betroffen sind. Als Wissenschaftlerin erforsche ich die Wirksamkeit neuer verhaltensbezogener Behandlungsmethoden. Die meisten meiner Patienten sind 65+. Ich erlebe täglich, wie sehr sie sich wünschen, dass alles wieder so sein möge wie früher. Auch ihren erwachsenen Kindern fällt es oft schwer, sich auf die Veränderungen im Leben ihrer Eltern einzustellen. Wie ihre Eltern möchten sie, dass es möglichst so weitergeht wie immer: Wenn schon nicht perfekt, so ist es doch wenigstens vertraut. Und so geht der Krug weiter zum Brunnen, bis er eines Tages bricht. Kommt dieser Tag, dann müssen Notlösungen getroffen werden, die schockierend weit von den Wünschen aller Beteiligten entfernt sind und die leider oft zu quälenden Dauerlösungen werden, weil der Zeitpunkt verpasst wurde oder den Eltern inzwischen Kraft und geistiges Vermögen fehlt, um bessere Alternativen zu entwickeln.
Theoretisch wissen wir alle, dass das vermeidbar wäre. Trotzdem stecken wir lange den Kopf in den Sand, in der Hoffnung, das Problem werde sich schon von alleine lösen. Laut Lexikon bezeichnet der Begriff „Problem“ den Abstand zwischen dem wahrgenommenen Ist-Zustand und einem angestrebten Sollzustand. Der Kern unseres Problems liegt nicht nur in der gefühlten Diskrepanz zwischen Tun und Hätte-tun-Sollen; mit der könnten wir uns vielleicht noch arrangieren, so wie wir uns mit vielen Unterschieden zwischen uns und unseren Altvorderen arrangieren. Der tückische Kern des Problems ist der, dass die Diskrepanz stetig größer wird und ihre Verringerung, wenn wir sie denn anstreben, in doppelter Weise an Zeit gekoppelt ist. Denn unsere Eltern werden nicht nur immer gebrechlicher, sondern gleichzeitig läuft ihre verbleibende Lebenszeit ab wie eine Sanduhr. Der Preis für das Herausschieben des eigenen Handelns, das spüren wir deutlich, sind Schuldgefühle. Und der Katalysator dieser Schuldgefühle ist nichts Geringeres als der Tod unserer Eltern.
Ach du meine Güte, werden Sie jetzt denken. Was für ein tonnenschweres Thema! Müssen ausgerechnet wir uns damit auseinandersetzen? Wir, die wir in Frieden und Wohlstand aufwuchsen, konsumieren, bei Bedarf auch mal protestieren oder über chronische Missstände anhaltend lamentieren? Besser ausgebildet, gesünder, sportlicher, faltenfreier, nicht-grauhaariger und hochgewachsener als alle vor uns? Yep, meine Lieben. Leider müssen wir da durch. Das Ableben unserer Eltern ist unvermeidlich und weder mit Hyaluron noch mit Megafon zu bekämpfen. Für die Phase davor hoffe ich, Ihnen mit diesem Buch einen kleinen Wegweiser mitgeben zu können. Es wird nicht nur die Probleme, mit denen Sie konfrontiert sein werden, skizzieren, sondern auch Lösungswege aufzeigen. Denn die Erfahrung zeigt: keine Veränderung ohne eigene Veränderung. Der Schwerpunkt dieses Buches wird also darauf liegen, wie man die eingangs beschriebenen Probleme angeht: Wie man in die Hufe kommt, welche Etappen auf dem Weg liegen, wie man mit Schwierigkeiten klarkommt und was man selbst dabei gewinnen kann.
Übrigens: Auch wenn das Thema nicht so locker-flockig wirkt – kein Grund, den Humor zu verlieren, im Gegenteil. Es gibt viele gute Gründe, mal die Taschenlampe anzuknipsen und sich das Gespenst genauer anzuschauen. Vielleicht verliert es dann seinen Schrecken.


Kapitel 1 Äußere Gegenspieler
Neulich traf ich Thomas, Ende vierzig, verheiratet, Vater von zwei halbwüchsigen Kindern und Leiter der Vertriebsabteilung eines mittelständischen Unternehmens. Er und seine Frau arbeiten beide, besitzen ein Eigenheim, und engagieren sich ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Sie wohnen 300 Kilometer entfernt von Thomas’ westfälischem Elternhaus.
Thomas’ Vater ist vor Kurzem an einem Herzinfarkt verstorben. Auf meine Frage, wie es seiner Mutter gehe, seufzte er. Seit dem Tod des Vaters lasse sie niemanden mehr ins Haus und gehe selbst auch kaum noch nach draußen. Vermutlich Depressionen. Inzwischen sei sie wegen des Bewegungsmangels körperlich so kraftlos, dass sie Haus und Garten kaum noch in Ordnung halten könne. Er blicke nicht wirklich durch, was da los sei. Wegen der Kinder seien Besuche schwierig zu organisieren, daher sehe man sich selten. Als die Kinder klein waren, sei das noch anders gewesen – die Eltern waren damals noch aktiv und kamen mehrmals im Jahr zu Besuch.
Kürzlich habe ihn eine Nachbarin und alte Bekannte der Eltern angerufen und angedeutet, dass sie sich Sorgen um seine Mutter mache. Sie könne ihr eine Haushaltshilfe vermitteln, bezweifle aber, dass sie dieses Angebot annehmen würde. Der Anruf habe ihn zunächst erschreckt. Nach ein paar Tagen habe er sich allerdings entschieden, zu handeln. Die Mission lautete, Mutter Mechthild dazu zu bewegen, wenigstens jemanden zum Saubermachen ins Haus zu lassen. An einem Wochenende sei er mit seinem 13-Jährigen in den Wagen gestiegen, um die Mutter im Münsterland zu besuchen. Die beiden hätten sich extra bei Freunden einquartiert, um Mechthild nicht zu überfordern. „Und?“, wollte ich wissen. „Hatte die Mission Erfolg?“
Thomas zuckte mit den Schultern. Zwar habe sie am Ende halbherzig einem Probetermin mit der empfohlenen Reinigungskraft zugestimmt. Nach seiner Abreise sei daraus aber nie etwas geworden. „Immerhin“, so Thomas, „ich habe es zumindest versucht, mehr kann ich nicht tun. Insgesamt habe ich mich bei der ganzen Aktion aber ziemlich fehl am Platz gefühlt, und auch der Junge konnte mit der Oma gar nichts anfangen. So kraftlos und über alles lamentierend, das war schwer auszuhalten. Ehrlich gesagt, habe ich mich sogar ein wenig geschämt vor dem Jungen, weil in meinem alten Zuhause alles so verwahrlost war.“ Die anderen Großeltern seien genauso alt, aber dort: alles picobello.

Thomas’ Geschichte ist typisch für das große Heer erwachsener Kinder, das in den Achtzigern und Neunzigern von zu Hause auszog, um irgendwo in der Ferne den Grundstein für das eigene Leben zu legen. Typisch ist auch, dass mich diese Geschichte zugleich ratlos und ärgerlich machte. Warum ließ er, ein sozial engagierter und rechtschaffener Mann, seine Mutter schulterzuckend allein mit dem Schlamassel? Warum hatte es überhaupt einen Anruf von Mechthilds Nachbarin gebraucht, damit er mal nach dem Rechten sah? Sicher, es gibt immer Gründe, warum es gerade jetzt nicht passt. Der Job, eine private Krise, eine Urlaubsreise, die Kinder ... Dabei waren seine Kinder inzwischen längst aus dem Gröbsten raus. Unwillkürlich musste ich den Kopf schütteln. Die beiden waren in der Pubertät, da wird doch mal Zeit sein für Besuche im Elternhaus! Zweites Kopfschütteln: Pubertierenden Jugendlichen steht selten der Sinn nach Besuchen bei Oma oder Opa. Und wenn Thomas schon ahnte, dass es kein leichter Besuch werden würde, warum hatte er seinen Sohn dieser Situation überhaupt ausgesetzt? Welchen Zweck sollte der Junge erfüllen? Etwa als menschliches Schutzschild dienen? Wie konnte es sein, dass ein gestandener Mann, dessen hervorragende Kommunikationsfähigkeiten gegenüber Geschäftskunden die Grundlage für einen gut dotierten Job bildeten, im Gespräch mit seiner nächsten Anverwandten so unbeholfen war?
Vor allem aber war ich mit mir selbst unzufrieden: Thomas war mir gegenüber sehr offen gewesen und hatte mich im weiteren Verlauf unseres Gesprächs auch um Rat gefragt. Ich aber hatte nichts Gescheites antworten können. Klar hätte ich die moralischen Maßstäbe ansprechen können, die er sonst an sein Handeln anlegte und die nicht so recht zu der Aktion passten. Doch was hätte das genutzt? Er wusste selbst am besten, dass der Satz: „Ich hab’s versucht, mehr kann ich nicht tun“ zu wenig war. Eine Mischung aus Hilflosigkeit, Überforderung, Angst und Kopf-in-den-Sand-Stecken. Daher hatte ich mich also aufs Mitfühlende beschränkt. Verständnisvolles Seufzen und gemurmelte Bekräftigungen: „Ja, das hört man ja öfters ... bei Susannes Vater läuft das gerade ähnlich ...“ Wirklich weitergebracht hatte ihn das sicher nicht.

Eigentlich beste Voraussetzungen
Die Thomas-Geschichte führt uns vor Augen, wie paradox unser Problem ist. Die äußeren Bedingungen für einen regelmäßigen Kontakt zwischen den Generationen waren noch nie so hervorragend wie heute. Wir wohnen zwar in den seltensten Fällen alle unter einem Dach, doch wir verfügen über ein ausgezeichnetes Verkehrssystem mit dreispurigen Autobahnen, Hochgeschwindigkeitszügen und Billigfliegern. Moderne Kommunikationsmittel erlauben uns, auch über 300 Kilometer Distanz permanent in Kontakt zu bleiben. Die neueste Generation der „smarten“ Telefone, jener schlauen Dinger zum Übertragen von Hörbarem, eignet sich zunehmend besser zur Übertragung von Sichtbarem. Mit Bildern und Videos können wir uns via Telefon oder Tablet ohne großen Aufwand und zeitlich flexibel gegenseitig auf dem Laufenden halten. Selbst diejenigen unter unseren Eltern, die nicht im Internet unterwegs sind, haben meist ein Handy, ein praktisches mobiles Telefon, das unterwegs mehr Sicherheit und soziale Anbindung gewährleistet als die Telefonzelle früherer Zeiten. Die war wahlweise kaputt, oder es fehlte das nötige Kleingeld, das, sofern vorhanden, gefühlt im Sekundentakt durchklackerte.
Doch weder die Fortschritte in der Mobilität noch die verbesserten technischen Möglichkeiten im Bereich Kommunikation scheinen die hinreichende Basis für eine verbesserte Qualität des Generationenaustauschs zu sein. Und auch bei der Quantität scheint durchaus Luft nach oben zu sein. Woran aber hakt es dann? An den human resources?
Wir sind besser ausgebildet und welterfahrener als alle Generationen vor uns. Wenn unsere Kinder groß sind, sind wir fitte fünfzig oder dynamische sechzig und haben im Normalfall dank der allgemein gestiegenen Lebenserwartung immer noch viel Zeit vor uns. Einen Teil dieser Zeit können wir der Beschäftigung mit unseren Eltern widmen, weil diese heutzutage ebenfalls ziemlich alt werden. Wenn es dabei zu Auseinandersetzungen kommen sollte, sind wir eigentlich bestens vorbereitet. Wir sind die erste Generation, der zu Kinder- und Jugendtagen flächendeckend das Gespräch und nicht die Anwendung von Gewalt als gesellschaftlich akzeptierter Standard der Konfliktlösung vermittelt wurde. Wir leben mehrheitlich nicht mehr in der ständigen tief sitzenden Angst, für ein „Nein“ als Reaktion auf eine elterliche Forderung mit Schlägen oder Liebesentzug bestraft zu werden. In der Generation unserer Eltern und Großeltern war das noch ganz anders.
Im beruflichen Kontext haben wir an Kommunikationstrainings, im privaten Umfeld an Veranstaltungen zu den Themen Selbsterfahrung, Sinnfindung und persönliche Weiterentwicklung teilgenommen. Viele von uns sind, wie es so schön heißt, „therapieerfahren“ oder wurden in Job oder Privatleben zumindest schon mal „gecoacht“. Wir haben uns dabei intensiv mit den eigenen Stärken und Schwächen sowie mit deren Entstehungsgeschichte auseinandergesetzt.
Es gibt also – theoretisch – eine ganze Menge von Faktoren, die eine gute Kommunikation zwischen uns und unseren Eltern begünstigen würden. Im konkreten Fall scheinen wir all das zu vergessen. Nicht Kommunikation auf Augenhöhe, sondern Ausweichmanöver, bedrücktes und bedrückendes Schweigen bestimmen den „Dialog“. Der Grund dafür liegt in ein paar Gegenspielern, inneren und äußeren, die diesen eigentlich besten Voraussetzungen entgegenstehen, weil sie Distanz schaffen.

Tod und Sterben: die großen Tabus
Fangen wir mit den äußeren Gegenspielern an: den Rahmenbedingungen, die unsere Distanz und Verunsicherung vergrößern. Der vielleicht wichtigste Gegenspieler verbirgt sich hinter der Frage, wie wir heute im gesellschaftlichen Kontext mit Tod und Sterben umgehen. „Nicht der Tod, sondern das Sterben beunruhigt mich“, lautet ein berühmter Ausspruch des französischen Renaissance-Philosophen Michel de Montaigne.1 Renaissancetypisch blickte er beunruhigt auf das Diesseitige, das Sterben. Für die Zeit nach dem Tod hingegen vertraute er auf das Paradies, ein einigermaßen anständiges Leben und eine Beichte vor dem Ableben vorausgesetzt. Dieses Grundvertrauen haben viele Menschen heute nicht mehr: Sie fürchten beides, das Sterben und den Tod. Sie sehen es sogar als eine Einheit. Dabei macht es durchaus Sinn, das Sterben als Prozess zu unterscheiden vom Tod als dem Zustand danach. Dafür posthum merci, Monsieur de Montaigne! Das, was nach unserem Tod passiert, ist Glaubenssache. Wir können uns darüber austauschen, wir können die Annahmen übernehmen, die Religionen dazu vorgeben, oder unsere eigenen Vorstellungen entwickeln. Wobei auch die Annahme, dass nach dem Tod alles zu Ende ist, eine reine Hypothese ist. Ganz anders verhält es sich mit dem Sterben: Es ist ähnlich wie die Geburt ein Prozess, den wir beschreiben und miter-leben können. Der zwar individuell unterschiedlich anmutet, jedoch einem bestimmten Ablauf folgt. Sterben ist ein Teil des Lebens, wenn auch der letzte.
Zunächst also zum Sterben: Wieso wissen wir fast 500 Jahre nach der Renaissance immer noch so wenig darüber? Die einzige Antwort, die mir einfällt, ist: Wir vermeiden dieses Thema, solange es geht. In unserer modernen Gesellschaft wird alles Mögliche, das früher als der Privatsphäre zugehörig galt, bis in die letzten Details ausgelotet und ausgebreitet. Allen voran Sexualität und Partnerschaft, in religiösen Kontexten häufig tabuisiert und bis in die späten sechziger Jahre hinter die Milchglasscheibe des ehelichen Zusammenlebens verbannt. Heute jedoch wird über alle Facetten, vom Seitensprung über Sex-Spielzeuge bis zum konstruktiven Streiten unter Paaren offen diskutiert. Magazine und Ratgeber sind voll davon! Details zu heiklen Übergangsphasen wie Geburt, Pubertät oder der Menopause des Mannes sind zum Allgemeinwissen geworden. Über den Schritt vom Leben innerhalb des Mutterleibs zum Leben draußen sind beispielsweise auch Menschen, die selbst keine Kinder haben, zumindest in groben Zügen informiert: Die Fruchtblase platzt, die Wehen setzen ein und werden immer stärker, in der Eröffnungsphase sollte man sie weghecheln und erst später in der Austreibungsphase kräftig mitpressen. Wenn das Baby auf der Welt ist: Andocken lassen, Nabelschnur durchschneiden, Mutterkuchen abwarten.
Mal ehrlich: Könnten Sie den Prozess des Sterbens ähnlich präzise beschreiben? Welche Anzeichen den herannahenden Tod ankündigen oder wie man unterstützend darauf eingeht, dieses Wissen ist allenfalls spezialisiertem Pflegepersonal und Ärzten vorbehalten. Warum gibt es für Laien zwar flächendeckend Geburtsvorbereitungskurse, während Informationen zum Sterben allenfalls in Spezialvorträgen für ehrenamtliche Hospizmitarbeiter vermittelt werden?
Paradoxerweise bekommen wir, sobald wir den Fernseher anschalten oder ins Internet gehen, massenweise Sterbende präsentiert. Durchschnittlich 18 000 Leichen hat ein Kind heute bei Erreichen der Volljährigkeit in den verschiedenen Medien gesehen.2 Wenige Sekunden Naheinstellung aufs Gesicht, die Augen brechen, der Kopf fällt zur Seite. Zack, Kameraschnitt, in der Raumtotale werden die Reaktionen von Gegnern, Trauernden oder Ermittlern gezeigt. Geht so Sterben? Grundschulkinder sind heute mehrheitlich der Auffassung, Menschen würden immer durch Mord sterben. Das haben Befragungen ergeben.3 Wir Erwachsenen wissen natürlich, dass das nicht stimmt. Aber viel mehr wissen wir nicht.
Natürliches Sterben, die in unserem friedlichen und zivilisierten Land ungleich häufigere Variante als die durch Fremdeinwirkung, vollzieht sich sehr langsam. Die Veränderungen sind schleichend, ziehen sich über Tage hin. Der Appetit schwindet, der Organismus wird langsam schwächer, die Blutversorgung konzentriert sich auf die Körpermitte. Die Atmung verändert sich – Sterbende atmen durch den Mund, der dabei leicht geöffnet ist und deshalb quälend austrocknet. Der Atem rasselt, wenn wegen schwindender Nierenfunktion Flüssigkeit in der Lunge eingelagert wird und der Schluckreflex den Speichel nicht mehr abtransportiert. Phasen der Unruhe und Phasen des Dahindämmerns wechseln sich ab, manche Sterbende durchleben jetzt intensive Fantasien. Die Gesichtszüge fallen ein, die Nase ragt scheinbar spitzer heraus – das hippokratische Gesicht, für Pflegende in früheren Zeiten das Zeichen, den Geistlichen zu rufen. Jetzt stellen die Organe nach und nach ihren Dienst ein. Zum Schluss wird der Atem unregelmäßig, das Herz setzt aus. Ein letztes, unbändiges und von positiven Gefühlen begleitetes Aufbäumen des Gehirns – aus neurowissenschaftlicher Sicht ein letztes Anfluten von Endorphinen und Neurotransmittern, aus religiöser Sicht die Begleiterscheinung des Seelenübergangs ins Jenseits.
Eines solchen natürlichen Todes zu sterben ist medial natürlich viel schwieriger darzustellen als der gewaltsame Tod. Selbst in Texten wird das Sterben selten ausführlich beschrieben – vielleicht fehlt die überraschende Wendung, der Tod taugt schlecht als Pointe. Wohltuende Ausnahme: die ungemein fesselnde, detail- und geistreiche Darstellung von Roland Schulz im Magazin der Süddeutschen Zeitung, für die er den Deutschen Reporterpreis 2016 erhielt.4 Selten hatte man bisher die Chance, das Sterben so faktenreich und dabei so respektvoll und menschlich aus der Nahperspektive nachzuvollziehen.
Natürlich gibt es einleuchtende Gründe, warum wir Angst vor dem Sterben haben. Bis vor etwa fünfzig Jahren fand das Sterben meist zu Hause statt. Wenn die Pflegenden die oben beschriebenen Sterbezeichen erkannten, leiteten sie das Abschiednehmen ein. Je nach Konfession wurde der Gemeindepfarrer mit der „Letzten Ölung“ oder der Pastor mit einem tröstlichen Bibelwort zum Hausbesuch gebeten. Kinder konnten einen Blick auf die Sterbenden werfen, durften noch einmal ans Bett treten und erfuhren eine letzte, wichtige Berührung. Vielleicht schauten Freunde und Familienangehörige noch mal herein und erhielten letzte Worte mit auf den Weg. Der herannahende Tod hat immer etwas Schicksalhaftes, spannungsvoll Wartendes. Die vertraute häusliche Umgebung schaffte jedoch für alle Beteiligten Sicherheit und nahm dem Sterben das Gespenstische.
Je mehr sich in der Nachkriegszeit die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten entwickelten, desto weniger wurde zu Hause gestorben. Sterben verlagerte sich in Heime und Kliniken, Abschiednehmen fand – wenn überhaupt – häufig im piepsenden und blinkenden Rahmen der Intensivstation statt, und nicht immer konnten ökonomische Interessen der Kliniken dabei völlig ausgeschlossen werden. Dieses Phänomen und das gleichzeitig beeindruckende Voranschreiten von Hospizbewegung und Palliativmedizin in den letzten zwei Jahrzehnten sind andernorts mit viel Herz und Sachverstand beschrieben worden5. Aktuell stirbt in Deutschland, so eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung6, jeder Zweite im Krankenhaus, obwohl sich 75 Prozent wünschen, zu Hause zu sterben. Etwa 30 Prozent aller Deutschen erhalten heutzutage eine ambulante oder stationäre palliativmedizinische Behandlung – etwa 90 Prozent würden eine solche benötigen, so die Experten, die die Studie verfassten. Vieles hat sich getan – aber es gibt noch Luft nach oben.

Wenden wir uns nun dem Tod selbst zu. Der englische Soziologe Tony Walter, langjähriger Direktor des „Centre for Death and Society“ in Bath, veröffentlichte bereits 1991 einen sehr scharfsinnigen Artikel, der noch heute als klassische Referenz in der „Tabu-Debatte“ gilt.7 Walter ging darin der Frage nach, warum sich die These von der Tabuisierung des Todes in der modernen Gesellschaft so hartnäckig halte, obwohl der Tod in den Medien stetig an Präsenz gewinne – wohlgemerkt, der Artikel erschien 1991, vor der Geburt des WorldWideWeb.
Die von Walter favorisierte Antwort: Nicht die moderne Gesellschaft tabuisiert den Tod, sondern das moderne Individuum. Gesellschaften, so der zweidimensionale Erklärungsansatz des Soziologen, unterschieden sich nicht nur darin, ob sie den Tod tabuisierten oder nicht, sondern vor allem darin, ob sie Zeit als ein zyklisches oder lineares Phänomen begriffen. In Kulturen, in denen Zeit als Kreislauf konzeptualisiert werde, sei ein Ende nicht vorgesehen. Folglich werde der Tod gesellschaftlich tabuisiert, denn ein Ende des Kreislaufs würde das große Ganze infrage stellen. Begräbnisrituale symbolisierten in diesen Kulturen die Fortsetzung des Lebens in anderen Sphären: Tote werden auf die Reise ins Totenreich geschickt, ausgestattet mit Fahrzeugen, Waffen, Schmuck, Nahrung und allerlei anderen Beigaben.
In Kulturen, die an eine Fortsetzung ohne den irdischen Körper denken, existieren Vorstellungen wie die, dass sich Geist oder Seele lösen und in andere Sphären gelangen. Häufig werden Rituale durchgeführt, um diese Loslösung zu erleichtern. Für das einzelne Individuum bedeutet das, den eigenen Tod nicht fürchten zu müssen, da das große Ganze ja weitergeht.
Anders in modernen westlichen Kulturen: Hier werde Zeit als lineares Phänomen gesehen, folglich habe auch die Lebenszeit einen Anfang und ein Ende. Der Tod werde gesellschaftlich nicht tabuisiert, sondern – siehe oben – tausendfach auf allen Kanälen gezeigt. Für das moderne Individuum jedoch, so Walter, seien der eigene Verfall und die eigene Auslöschung bedrohlich. Es gebe keine allgemeinverbindlichen Rituale mehr, um die Lebenszeit des Einzelnen als kurze Episode in einen großen, immerwährenden Staffellauf einzubinden.
Um im Bild zu bleiben: Jeder läuft sein Rennen als Einzelläufer, solange er kann, und ignoriert sein Ende, auch wenn ihm schon merklich die Puste ausgeht. Was ihm dabei hilft, ist die variable Streckenlänge und die Unkenntnis derselben: Niemand weiß, ob die eigene Ziellinie nach 100, 400 oder 1000 Metern erreicht ist. Daher tun die Einzelläufer so, als ob es gar keine Ziellinie gäbe. Nicht für sich selbst, aber auch nicht für die anderen. Wer sagt schon gern mit einem kurzen Blick über die Schulter: „Tschüs, dich gibt’s bald nicht mehr, wir laufen dann ohne dich weiter!“ Bei einem linearen Zeitverständnis wie dem unseren würde das äußerst unsportlich wirken, zumal die kurze Streckenlänge ja jeden treffen kann. Laut Walter würden solche Aussagen vermieden, um auch noch dem angeschlagensten Läufer die Möglichkeit zu geben, bis zum Schluss sein Gesicht zu wahren. Man redet nicht über das Ende. Außer man ist Onkologe. Und selbst die müssen sich die Fähigkeit, das Unaussprechliche auszusprechen, hart antrainieren.
Walters zweidimensionaler Ansatz erklärt den Widerspruch zwischen der öffentlichen Allgegenwärtigkeit des Todes und der privaten Sprachlosigkeit in unserer Gesellschaft ganz gut, finde ich. Seine Theorie macht begreifbar, warum der Umgang mit dem Tod im Extremfall einem absurden Theaterstück gleicht: In Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern liegen Menschen, die so todkrank sind, dass keine Heilungschancen mehr bestehen und die Medizin nur noch palliativ tätig sein kann. Viele der Kranken werden von ihren engsten Angehörigen täglich besucht, dabei reden sie über alles Mögliche, verlieren aber kein Wort über den nahenden Tod. Nicht die Angehörigen, nicht die Sterbenden. Beide Seiten sind der Auffassung, der jeweils anderen damit etwas Gutes zu tun, obwohl beide unter dieser Sprachlosigkeit leiden.
Für lange Gespräche ist der Zeitpunkt dann häufig auch zu spät – Körper und Geist sind schon zu sehr mit dem Showdown beschäftigt, und die Kapazitäten sind begrenzt. Das Einzige, was hilft: Sprechen Sie schon vorher darüber. Ziehen Sie Bilanz, tauschen Sie sich aus darüber, was Sie glauben: ob und wie es weitergeht. Ob Sie hoffen, nach dem Tod den Verstorbenen wiederzusehen, ob Sie Angst haben vor dem Jüngsten Gericht oder ob Sie sich darauf freuen, als Teilchen im All herumschweben zu können. Dann ist entweder schon alles gesagt, wenn es so weit ist, oder man kann darauf aufbauen. Dazu später mehr.

Gesellschaftlicher Wandel und Generationenüberlappung
Neben der Tabuisierung des Endes, die Mitglieder aller modernen säkularen Gesellschaften betreffen dürfte, gibt es noch ein paar gesellschaftlich-historische Besonderheiten, die speziell die hiesige Generation der ab 1960 Geborenen betrifft. Diese Besonderheiten beziehen sich auf die Phase vor dem Tod: Der über Jahrhunderte bestehende Generationenvertrag zwischen Eltern, die ihre Kinder bis zum Erwachsenwerden betreuen, woraufhin diese dann ihre Eltern bis zum Tod betreuen, besteht nicht mehr. Zumindest nicht mehr in der gewohnten Form.
Denen, die dies betrauern, sollte man zu bedenken geben, dass die Menschen vor dem Zweiten Weltkrieg im Schnitt mehr Kinder hatten. Die Hauptbetreuung übernahm eines davon, häufig ein unverheiratetes, meist weibliches, und wohl nicht immer ganz freiwillig. Es wurde gesellschaftlich erwartet, dass man sich kümmerte, es gab wesentlich weniger professionelle Betreuungseinrichtungen, aber die Übernahme der Aufgabe war sicherlich nicht immer nur zum eigenen Schaden. Zudem war die Aufgabe zeitlich etwas begrenzter als heute, denn die Eltern lebten früher bekanntlich weniger lange.
Nicht von ungefähr begann die Generation derer, die im Nachkriegsdeutschland aufwuchsen, diesen Generationenvertrag schrittweise aufzulösen. Oder besser gesagt: zu flexibilisieren, weil sie Freiheit und Gleichheit nicht nur als hehre Werte in ihrer neuen Verfassung wissen wollten, sondern daraus auch für ihr Privatleben das Recht auf individuelle Lebensgestaltung, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung im Zusammenleben mit anderen ableiteten. Sie gaben diese Werte an ihre Kinder weiter, die ihren Beruf, ihre Partner, ihren Wohnort, ihre Freizeitbeschäftigungen und – inzwischen gab es die Geburtenkontrolle – auch die Größe ihrer Familie selbst wählen konnten und durften. Das taten sie dann auch. Mit dem Ergebnis, dass sich die Kinder- und Enkelschar und somit die Anzahl potenzieller Besucher und Betreuer für die Altersphase verringerte. Aus der bauchigen Generationenpyramide wurde eine Bohnenstange.8
Seit den siebziger Jahren schließlich hat sich unsere Gesellschaft auch auf anderen Ebenen rasant verändert. Der Ausbau des Bildungssystems, die Veränderung von Familienstrukturen und die gestiegenen Anforderungen an Mobilität im Arbeitsleben, um nur einige Aspekte zu nennen. Viele von uns leben seit ihrer Volljährigkeit weit entfernt von ihren Eltern. Und in den damals neuen Bundesländern führten die ökonomischen Folgen der Wende dazu, dass auch bereits langjährig erwachsene Kinder aus wirtschaftlichen Gründen wegzogen.
Die heutige mittlere Generation hat im Schnitt höhere Bildungsabschlüsse als ihre Eltern. Besonders deutlich wird diese Diskrepanz zwischen Töchtern und Müttern. Es gehört daher immer seltener zum Lebensentwurf von Frauen, ihre Eltern oder sogar Schwiegereltern selbst zu pflegen: sie haben andere Alternativen. Durch die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit ist es – trotz ausbleibender Lohngerechtigkeit – auch für Ehemänner weniger attraktiv, aufgrund eines familiären Pflege-Arrangements Einbußen im Doppelverdiener-Haushalt in Kauf zu nehmen oder gar durch eigenen Mehrverdienst auszugleichen.
Faktisch sind pflegende Angehörige allerdings nach wie vor unverzichtbar. Sie sind, wie die Robert-Bosch-Stiftung in einem Bericht des Jahres 2014 konstatierte, „Deutschlands größter Pflegedienst“: So werden beispielsweise 80 Prozent aller Demenzkranken von ihren Angehörigen betreut. Immer noch mehrheitlich von Frauen, aber der Anteil pflegender Männer steigt kontinuierlich. Von etwa 10 Prozent zu Anfang des Jahrtausends hat er sich auf 20 Prozent verdoppelt.9 Insgesamt sinkt der Anteil der Vollzeit-Familienpflege jedoch zugunsten einer zeitweisen Betreuung in einem Umfang von maximal zwei Stunden täglich.
Neben den bereits erwähnten Faktoren wie steigender Frauenerwerbstätigkeit und Doppelverdiener-Arrangements liegt dies auch an der zunehmenden Vielfalt von Lebensformen, die inzwischen ebenfalls in die Jahre kommen. Die viel beachteten Großstadt-Singles haben im Alter keine pflegenden Ehepartner. Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer von jüngeren Lebensabschnittspartnerinnen gepflegt werden, sinkt mit abnehmender Beziehungsdauer vor dem Eintritt in diese Phase. Sie sinkt auch, je größer die Möglichkeiten der Partnerin sind, eigenes Einkommen zu beziehen.
Schlechte Nachrichten auch für die Verheirateten unter uns: Gut 40 Prozent der Ehen werden wieder geschieden10, und die dabei entstehenden Ex-Schwiegertöchter werden die Eltern ihrer Ex-Männer ziemlich sicher nicht pflegen. Auch für die Kinder hat eine Trennung Konsequenzen, denn ihre Eltern leben in zwei verschiedenen Haushalten, vielleicht sogar in unterschiedlichen Orten. Das vergrößert den Aufwand, mit beiden Elternteilen Kontakt zu halten.
Viele getrennte Elternteile gehen neue Partnerschaften ein oder gründen neue Familien. Die „Patchwork“-Familie ist inzwischen gesellschaftliche Realität. Wenn neue Partner erst nach der eigenen aktiven Familienphase ins Leben der Getrennten treten, ergeben sich daraus wieder neue Patchwork-Varianten: Menschen, die nie zusammengelebt haben, treffen als erwachsene Kinder ihres jeweiligen Elternteils in sehr privaten Situationen aufeinander. Dies kann sich als Glücksfall erweisen oder als das Aufeinanderprallen Lichtjahre voneinander entfernter Galaxien. In jedem Fall ist es erst mal komplizierter und verlangt mehr Flexibilität von uns als das traditionelle Ehe- und Arbeitsteilungsmodell, das erst endet, wenn einer von beiden stirbt.

Eine Folge der steigenden Lebenserwartung ist auch die verlängerte Generationenüberlappung.11 Unsere Eltern sind in der heutigen Zeit durchschnittlich nicht mehr dreißig, sondern fünfzig Jahre gemeinsam mit uns auf der Welt – bis wir selbst alt werden. Alles hat sich ein Stück nach hinten verschoben: Wir bekommen auch später in unserem Leben das erste Kind, derzeit mit etwa 31 Jahren im Vergleich zu 25 Jahren anno 1965. Die Lebenserwartung an sich hat aber einen noch größeren Schritt vollzogen.
Der interessanteste Parameter dabei ist die sogenannte fernere Lebenserwartung, also die Anzahl der Jahre, die man mit 65 durchschnittlich noch zu erwarten hat. Im Jahr 1900 waren das geschlechtsunabhängig etwa zehn Jahre. 1965 hatten Männer mit 65 durchschnittlich noch zwölf, Frauen 15 Jahre vor sich; unsere Großeltern-Generation starb also mit Mitte siebzig bis achtzig. Wer heute 65 Jahre ist, hat im Schnitt noch 17 (Männer) bzw. 21 Jahre (Frauen) vor sich!12 Damit rückt der Zeitpunkt, an dem wir uns von unseren Eltern verabschieden müssen, von den Vierzigern in die Fünfziger oder sogar Sechziger unseres Lebens. Rentner über sechzig, die um ihre kürzlich verstorbenen Eltern trauern, mögen uns heute noch ungewöhnlich erscheinen, werden aber künftig keine Seltenheit sein. Enkel erleben ihre Großeltern schon heute nicht nur während der Kindheit, sondern bis weit hinein ins eigene Erwachsenenalter.
Diese verlängerte Überlappung der Generationen bringt Veränderungen für das Zusammenleben mit sich. Ein Sprichwort sagt: „In den Augen unserer Eltern bleiben wir immer Kinder.“ Wie aber gestalten wir die Beziehung zu Mutti und Vati, wenn diese neunzig sind und wir mit sechzig selbst Enkel haben und uns mit den ersten Altersplagen herumschlagen?

Diese Bücher und viele weitere holen ihre LeserInnen in ihrem Alterungsprozess genau da ab, wo sie sind.  Wer jetzt neugierig ist, nach Unterstützung und Rat sucht oder sich und sein Alter zu akzeptieren versucht, der könnte hier fündig werden. Ob Ratgeber, Biografie oder ergreifender Roman: das Älterwerden ist kein Tabuthema, sondern wird in all seinen Facetten besprochen, erklärt, interpretiert und geschätzt! 

Romane über das Älterwerden
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