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Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann

Bericht über ein einfaches Leben

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Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann — Inhalt

Eine schlichte Hütte in einer wilden Wiese hinter einer hohen Haselnusshecke: Das ist Anne Donaths Zuhause. Über zwanzig Jahre ist es nun her, dass sie nach vielen ausgedehnten Reisen in die Sahara ihre Stadtwohnung verließ, kaum dass die Töchter flügge waren, und sich in einem oberschwäbischen Dorf ein kleines Blockhaus bauen ließ. Ihre Experimentierfreude trieb sie dazu, mitten im technisch hochgerüsteten Europa einen Alltag ohne Strom, Telefon, Computer und Auto zu versuchen. Auch jetzt noch, mit fast siebzig, hat sie jeden Morgen Spaß daran, das Experiment zu verlängern.

Erschienen am 01.03.2017
272 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-40615-4
Erschienen am 01.03.2017
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97628-2

Leseprobe zu »Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann«

Wer wandert,
braucht nur,
was er tragen kann.

Baut er ein Haus,
kommt nicht viel
dabei heraus.

Eine Hütte
mit Lagerstatt
und Herdfeuer
vielleicht.

    
Vorwort
März 2016


Der letzte Winter war ja nicht wirklich einer – warum ziert er sich jetzt zu gehen? Doch heute hat die Sonne ihm schon mal richtig gezeigt, wo’s langgeht!
Bei dem Wetter wollte ich gleich das Laub aus der Wiese rechen, aber nun sitze ich im Gras und kaue an einem jungen Löwenzahnblatt. Auf meinen Füßen liegt Sancho, die Wundertüte. Er knackt eine alte Haselnuss, die er ausgebuddelt hat.
Vorläufig [...]

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Wer wandert,
braucht nur,
was er tragen kann.

Baut er ein Haus,
kommt nicht viel
dabei heraus.

Eine Hütte
mit Lagerstatt
und Herdfeuer
vielleicht.

    
Vorwort
März 2016


Der letzte Winter war ja nicht wirklich einer – warum ziert er sich jetzt zu gehen? Doch heute hat die Sonne ihm schon mal richtig gezeigt, wo’s langgeht!
Bei dem Wetter wollte ich gleich das Laub aus der Wiese rechen, aber nun sitze ich im Gras und kaue an einem jungen Löwenzahnblatt. Auf meinen Füßen liegt Sancho, die Wundertüte. Er knackt eine alte Haselnuss, die er ausgebuddelt hat.
Vorläufig ist er eine gefleckte Walze auf kurzen Beinen mit einem Ringelschwanz am einen und einer schwarz-weißen Gesichtsmaske am anderen Ende. Mal sehn, wie er sich auswächst.
Er wird wohl der letzte Hund sein, der mein Le-ben begleitet, bis siebzig hab ich’s nicht mehr weit. Langsam kriege ich eine Vorstellung vom Alter.
Wenn die schönen jungen Töchter die ersten zarten Lachfältchen um die Augen und ein wenig Lametta in der Mähne zeigen und auch schon mal zur Lesebrille greifen, wenn sie in die Zeitung gu-cken, muss ich mir nichts vormachen.
Da kann ich mir doch langsam ein paar »Alters-schwächen« eingestehen? Dass die Tagesetappen auf Radtouren deutlich kürzer werden und ich mir immer häufiger eher gemütliche Pausen bei Bä-ckereien an der Strecke einfallen lasse? Ehrgeiz, die nächste Steigung im Sattel oder Wiegetritt zu schaffen, hatte ich allerdings noch nie, geschoben hatte ich früher schon oft, weil ich meist Räder ohne Schaltung hatte.
Zu leugnen ist auch nicht mehr, dass das Kno-chengestell am Morgen schon ein wenig knirscht, bis es so richtig in die Gänge kommt.
Das leichte Dauersirren in den Ohren vergesse ich nur noch im Großstadtgetümmel, zu Hause un-termalt es sogar das Amselflöten im Morgengrauen.
Wenn ich zunehmend Selbstgespräche führe, kann ich mich ja neuerdings darauf rausreden, dass ich diesem kleinen Welpen erklären will, was grade so in meinem Kopf vorgeht, könnte ja was dabei sein, was ihn interessiert!
Immerhin habe ich noch keine Ersatzteile! Vor-läufig gruselt es mich noch sehr, wenn eine Freun-din beim Kaffee zum Besten gibt, dass sie nun doch bald ein neues Knie braucht. Ein richtiger Schauer läuft mir aber bei den Schilderungen diverser Hoch- und Tiefbaumaßnahmen im Mundraum über den Rücken.
Da bin ich ja schon sooo feige und hoffe sehr, weiterhin mit guter Pflege schlimmere Umbauereig-nisse abwenden zu können.
Muss ich meine Lesebrille erwähnen?
Also, gesundheitlich gibt es keinen Grund zu klagen, würde ich sagen. Auch wenn mir bewusst ist, dass schon morgen alles ganz anders sein kann.
Eher hatte ich lange Zeit im Leben Sorgen, dass mich das Alter in Bezug auf die Geldmittel quälen würde. Die Rente für Frauen fällt aus vielen Grün-den meist recht mager aus, und ich kenne aus dem eignen Umfeld Frauen, denen es nicht leichtfällt, von ihrer Rente ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, wenn sie zur Miete wohnen. Ein noch so kleines Auto ist da meist nicht drin. Da bin ich doch froh, dass ich eine eigene, schuldenfreie Immobilie bewohne und einen Garten habe, wenn ich auch der Ehrlichkeit halber vielleicht sagen sollte, dass mein Haus- und Grundbesitz nicht ganz den Vorstellungen entspricht, die wir hierzulande davon haben. Doch wenn sich heutzutage einer bei 800 Euro Rente als reich betrachtet, können wir uns ja mal anschaun, wo er steht und wie er da hingekommen ist:
Geboren bin ich noch in der britischen Zone, ge-rade einen Monat vor der Währungsreform. Damals fing jeder mit vierzig Mark Kopfgeld wieder von vorne an, war froh, wenn er ein altes Fahrrad hatte, der Kohl hinter dem Haus gedieh und er einen Stallhasen mästen konnte. Die Männer konnten noch sägen und Holz hacken und die Frauen aus wenigen Zutaten einen guten Sonntagskuchen backen.
Ich habe zwei Großmütter erlebt. Die eine hieß auch so, war energisch und tatkräftig, schwamm jeden Morgen von April bis Oktober ihre Runden im See und strickte den Enkelkindern wollene Fäustel. Die andere war die Omama. Sie trug Hosenanzüge, rauchte und saß mit einer Wolldecke um den Bauch vor dem Radio, das Ohr ganz am Äther, der für sie voller Geigen hing. Sie strickte uns weiße Gamaschenhosen, schenkte aber auch der Enkeltochter solide Lederhosen, denn Schöngeist und praktischer Sinn müssen sich nicht widersprechen. Und eines Tages zog sie aus ihrem Reisekoffer den Teddybären für mich, der noch lange nach ihrer feinen Wäsche duftete.
Die Lederhosen reichten anfangs bis unter die Arme, »zum Reinwachsen«. Zehn Jahre später hab ich sie gegen diese unaussprechlichen Nietenhosen getauscht, die heute Jeans heißen und keinen Aufstand in der Verwandtschaft mehr auslösen.
Anfangs wohnte unsere kleine Familie in einem Zimmer bei der Großmutter. Das war wohl etwas eng, aber wir Kinder konnten mit allen Vettern und Kusinen im großen Garten am See die Welt erfor-schen. Später zogen wir um, in ein Dachzimmer, durch das der Schornstein ging. Bald kam ein Kin-derzimmer dazu. Die Pumpe war im Hof, und wenn sie in einem strengen Winter eingefroren war, wur-de sie mit einem richtigen Feuer wieder aufgetaut. Meine Mutter wusch uns im Sommer die Haare draußen an der Regentonne. Und wenn sie die Dielen schrubben wollte, stellte sie die Stühle hoch, setzte uns Kinder dazwischen, und während sie den Boden unter Wasser setzte und den Feudel schwang, hielten wir uns an den hölzernen Stuhlbeinen fest und krähten mit dem Radio: »Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!«
Zu dieser Zeit waren 300 Mark ein guter Monats-lohn. Im Sommer gab es sonntags ein kleines run-
des Vanilleeis am Stiel. Unter dem Weihnachts-baum lag eine Puppe von der Tante, ein Webrah-men, eine Kinderpost, eine Puppenstube, ein Kauf-laden. Nein, nicht alles auf einmal, jedes Jahr ein Stück dazu. Und ein Jahr bekam ich einen ballon-bereiften Roller! Der hielt so lange wie die Leder-hosen, ich hab ihn mit vierzehn gegen das erste selbst verdiente Fahrrad getauscht. Für Ferienarbeit gab es damals fünfzig Pfennig die Stunde in der Gärtnerei, so kostete das Rad vier Wochen Arbeit. Die Fünftagewoche war noch ein fernes Ziel, das Wochenende begann am Samstagnachmittag.
Geld hat man sich damals eingeteilt. Die Omama verwaltete in ihrem Sekretär einige Zigarettendosen mit Gummiband drumrum, auf die sie ihre Pension verteilte. War gegen Monatsende Ebbe in der Metzgerkasse, schob sie den Überschuß aus der Drogeriedose hinüber. Gereicht hat es immer auf diese Weise, sogar für Toto und Lotto.
Meine Mutter bekam zum dritten Kind eine Waschmaschine. So ein Modell findet man heute nur noch im Museum. »Bottichwaschmaschine« hieß dieser archaische Vorläufer unserer heutigen Trommelwaschmaschinen, der zum Schleudern noch nicht geeignet war. Nacheinander zogen wei-tere Haushaltshilfen bei uns ein. Eine Brotschnei-demaschine, ein Mixer, ein Eisschrank, ein Staub-sauger. Und die Öfen wurden von einer Zentralhei-zung abgelöst. Zu dieser Zeit wurden nicht mehr bestimmte Hausarbeiten an dafür vorgesehenen Wochentagen erledigt. Es brummte nun ständig irgendwo in der Wohnung, weil immer gerade einer der kabelschwänzigen Haushaltssklaven seinen Dienst versah.
Auch in Fabriken und Büros nahmen Maschinen den Menschen die Handarbeit ab – oder sollten wir sagen weg? Vorläufig waren Ingenieure und Mon-teure einfach nur mächtig stolz auf die Entwicklun-gen, an denen sie arbeiteten, erleichterten sie doch den Menschen die schwere Knochenarbeit. Aber die Zeit war nicht mehr weit, in der die Welt von Dingen und Dienstleistungen überquoll, die niemand wirklich brauchte und die dennoch nötig wurden, wollte man dieses Wirtschaftssystem am Laufen halten, das nur weiterleben konnte, wenn es wuchs. Schon in diesen Tagen entstanden die – freilich noch etwas unhandlichen – Prototypen der Apparate, die den Menschen auch noch die Kopf-arbeit abnehmen wollten. Beide Entwicklungszwei-ge zusammen sollten einmal die Produktion gewal-tig steigern, während die Beschäftigungsrate kon-stant abnehmen sollte.
Die Schule hat mich anfangs sehr verwirrt. Den ersten Tag durfte ich hin, alle weiteren mußte ich. Außerdem sollte ich die linke Hand, mit der alles spielerisch von ganz allein ging, flach wie tot auf das Pult legen und den Griffel in die Rechte neh-men, die gute, die schöne. Wenn die sich vor An-strengung verkrampfte, half ihr heimlich die böse Linke aus. Da waren die Buchstaben gleich wieder rund und schön, aber sie galten trotzdem nicht, weil sie oft aus dem Spiegel guckten, das war wieder nicht erlaubt! Auch durften die Wörter nur von links nach rechts über die Tafel laufen. Kamen sie von der anderen Seite daher, fielen sie einem nassen Lappen zum Opfer. Außerdem guckte ich viel zu oft aus dem Fenster, und im Zeugnis war zu lesen, das Kind sei unkonzentriert und es könne schon, wenn es nur wollte! Bei Buntstift, Pinsel und Schere war es seltsamerweise einerlei, in welcher Hand sie lagen, da stand meiner Entfaltung nichts im Wege; Malen und Werken wurden die schönsten Stunden der Woche. Spannend war es auch, wenn wir in der höheren Mathematik filigrane räumliche Gebilde konstruierten und zu Papier brachten oder für ein X alle natürlichen Zahlen einsetzten, um eine ästhetisch ansprechende Parabel zu zeichnen.
Staunend hab ich aber eines Tages feststellen müssen, daß neben unserer musisch-humanistisch geprägten Mathematikwelt noch ganz andere exis-tierten: Eine Freundin auf der Handelsschule jong-lierte mit Formeln für Zins und Zinseszins!
Mit Chemie und Physik stand ich erheblich auf Kriegsfuß. Da war die Biologie mit ihren bunten Tafelbildern von den Bauplänen des Lebens ganz anders geeignet, meine Aufmerksamkeit von den fahrenden Wolken am Himmel auf die Theorie im Klassenzimmer zu lenken.
Mein Vertrauen in die naturwissenschaftlichen Lehren war noch sehr unkritisch. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, den absoluten Wert der so-genannten Naturkonstanten auf den Prüfstein zu stellen. Und ich hinterfragte auch nicht die klare geometrische Form der Alterspyramide, nie wäre ich auf die Idee gekommen, daß sie in Wirklichkeit ein lebendiger Organismus sein könnte, der eines Tages einmal auf dünnen Beinen einen großen Kopf und einen hungrigen Bauch balancieren müsste!
Während ich mich im Kunstunterricht gut entwi-ckelte, geriet mein Musikabitur zu einer harten Prü-fung, für die Probandin wie für das Auditorium. Ich wollte nie wieder Geige spielen, und eine Schule hätte ich höchstens nach einem Frontenwechsel wieder betreten!
Auf die Erwachsenenfrage, was ich denn einmal werden wollte, kam zuerst eine vernünftige Antwort: Schneiderin. Denn die Frau, die an der Omama ab und zu Maß nahm, durfte alle Zuschneidereste behalten, und ich wollte mir aus allen Schnipseln meiner Aufträge das schönste aller Kleider nähen, so ein Allerleibunt.
Als dann die Tanten von den ersten Reisen nach Paris und Venedig mit Geschichten, Souvenirs und glücklichen Gesichtern heimkamen, wollte ich Fernfahrer werden, wieder das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Dann wollte ich Fischers-frau werden, in einem weißen Würfelhaus auf einer Insel im Mittelmeer auch im Winter bei offener Tür und frischer Luft leben. Über diese Träume haben die Erwachsenen gelächelt. Als ich schreiben, zeichnen und modellieren wollte, haben sie ernst-haft von brotloser Kunst abgeraten.
Ich träumte weiter: Das Winterhalbjahr auf der Südhalbkugel leben? Mit einer Halbtagsarbeit den Lebensunterhalt sichern und die Kunst frei von Erwerbsdruck ausüben?
Und während ich so träumte, galoppierte der Fortschritt durchs Land. Kräne hoben Fertiggaragen in die Vorgärten, weil jetzt jeder ein Auto brauchte. In Deutschland galt als arm, wer noch keine Waschmaschine hatte, und als bedauernswert, wer noch schwarz-weiß fotografierte und fernsah. Vor den Großstädten wuchsen hügelige Parklandschaften auf Müllbergen. Die letzten Flüchtlingsbaracken wurden abgerissen, und die ersten Supermärkte machten sich breit. Und die Illustrierten warfen sich mit Diäten gegen die Wohlstandsbäuche in die Schlacht. Ach ja, und der Brennstoff kam nicht mehr hierzulande aus der Erde oder aus dem Wald, sondern in Riesentankern über das Meer. Das Wort Globalisierung gab es noch nicht, aber sie hatte längst begonnen.
Ich machte erst mal mein Lehrerexamen in Franken, heiratete und bekam drei Töchter. Unser Haushalt entwickelte sich standesgemäß. Radio, Plattenspieler und Fernsehapparat hatten wir schon zu Studentenzeiten. Staubsauger, Waschmaschine und Trockner brachten die Kinder mit sich. Und am Ende kümmerte sich auch noch Lady Siemens in der Küche um unser schmutziges Geschirr. Wir lebten in einer geräumigen Fünfzimmerwohnung, vor der Tür standen zwei Autos, am Bodensee lag eine Jolle. Wir machten zwei Mal im Jahr Urlaub, oft in Nordafrika, und die Ferien am Meer in Südfrank-reich waren für meine Kinder so selbstverständlich wie das Taschengeld und das Fahrrad.
Bei der Scheidung mit Mitte dreißig ist mir zum ersten Mal das Thema Rente begegnet. Mir sollten im Rahmen des Versorgungsausgleiches nach zwölf Jahren Ehe später einmal, wenn ich 63 sein würde, 124 DM zustehen. Aber das war damals noch dreißig Jahre weit weg, und außerdem ging ich ja nun, nachdem die Kinder groß genug waren, selbst arbeiten. Allerdings gestaltete sich der Wie-dereinstieg in das Berufsleben etwas krumm. Ich hatte zwar das erste Staatsexamen als Grund- und Hauptschullehrer in der Tasche, hatte es aber in einem anderen Bundesland erworben. Hier in Württemberg wollten sie mir nur zwei Semester anerkennen. Einer Klinik war das gleich, sie suchte eine Lehrkraft für ihre Patienten. Mit dem Gehalt sah es allerdings nicht rosig aus. Wissen Sie, Leh-rer gehören bei uns zur Beschäftigungstherapie. Beschäftigungstherapeut haben Sie nicht gelernt, nicht wahr? Also sind Sie eine Hilfskraft. Deshalb fällt Ihr Gehalt na-türlich etwas geringer aus. Das werden Sie doch einsehen. Sie sind doch nicht dumm, Sie haben doch studiert! Mir blieb ob dieser Logik der Mund offen stehen, aber ich wollte die Stelle haben. War sie doch die Möglichkeit, meinen Beruf ausüben zu können, ohne erneut das Bun-desland wechseln zu müssen. Außerdem hatte ich die Vorstellung, daß ich in einer Klinik als Lehrer Freiheiten genießen würde, die ich mir in Abhän-gigkeit von einem Schulamt nie würde erkämpfen können. Wir hatten als Schüler mit dem Rotstift des Lehrers gelebt und gelitten. Markiert wurde, was falsch war. Eine Anerkennung stand höchstens pauschal als knappe Bemerkung unter der Arbeit. Ich malte mir aus, daß es unter Umständen manchmal auch besser sein könnte, das Richtige bunt hervorzuheben. Auch wieder so ein Traum. Jetzt konnte ich jedenfalls einige meiner Vorstel-lungen umsetzen, das hat mir und meinen kranken erwachsenen Schülern gutgetan. Und ich selbst habe bei dieser Arbeit auch einiges gelernt. Dass wirkliche Veränderungen nicht nur kompetente Hilfestellung, sondern einfach auch Zeit brauchen. In allen unseren Bildungsstätten vertrauen wir doch auf den Nürnberger Trichter und lassen dem Stoff selten Zeit, sich zu setzen.
Mit ein wenig Beharrlichkeit hab ich noch einen Aufstieg vom Lohn einer Putzfrau zu dem einer Schreibkraft geschafft, dann war das Ende der Fahnenstange erreicht.
Wer wenig verdient, bekommt auch mal wenig Rente. Wenn ich dann noch an die Mieten denke … und eigentlich wollte ich doch schon immer ein eigenes Haus. Nicht nur irgendein Wohneigentum im fünften Stock, sondern eine eigene Hütte, um die ich herumlaufen könnte. Wo ich im Sommer morgens mit dem Kaffeebecher auf den Stufen vor der Tür sitzen könnte, zugucken, wie der Salat wächst …
Ich hab noch mal gelernt, Krankenpflege an un-serer Klinik. Da bekommt man während der Ausbil-dung, die mit viel Arbeitseinsatz verbunden ist, so tausend Mark im Monat. Als Krankenschwester hab ich dann zwar auch keine Reichtümer verdient, aber mein Lohn war nicht mehr Verhandlungssache. Und als die Klinik mich später mal wieder als Lehrer brauchen konnte, stand ich nicht mehr mit offenem Mund in der Gegend herum, sondern hatte was zu sagen. Mit einem Lehrer- und einem Krankenpflegeexamen fühlte ich mich nun als Fachkraft für eine Patientenschule. Wir wurden uns einig, und so gab es keinen Grund mehr, den Arbeitgeber je wieder zu wechseln.
In dieser Zeit habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie ich mietfrei in die Rente gehen könnte. Da war ich Anfang vierzig, und die Jahre, die mir zum Abzahlen bleiben würden, wurden im-mer weniger. Das Haus auf dem Karopapier wurde immer kleiner, die Ausstattung immer einfacher. Kompromisse musste ich keine mehr machen, die Kinder waren ausgeflogen und der Hund, der übrig blieb, hatte in dieser Sache kein Stimmrecht.
Anfang der Neunziger war ich wieder in Algerien gewesen. Vor dem Hintergrund meiner Ideen von der eigenen Hütte hatte ich mir die Lebensbedin-gungen der Menschen dort mit anderen Augen angesehen als früher. Eine Woche habe ich in einem Tuaregdorf zugebracht. Nach zwei Tagen hatten sie ihren Besuch vergessen, und ich konnte mich frei unter ihnen bewegen. Ich habe ein Dorf erlebt, das im Tefedestgebirge abseits aller Pisten liegt, in dem es kein Auto gibt – außer einem Wrack auf vier Steinen –, das nicht mal einen Generator hat, geschweige denn irgendwelche Geräte, die sich damit betreiben ließen. Wer nun aber glaubt, dass sich die Menschen ohne Strom das Leben vor lauter harter Handarbeit sauer werden lassen, der irrt gewaltig. Hastig habe ich Fatima, Mohammed, Kouna, Hamma, Ali und Saida nur einmal erlebt, als ein alter Lkw auf der offenen Ladefläche die Schulkinder für die Ferien heimbrachte. Sonst gingen alle Verrichtungen in Ruhe vor sich, und es blieb viel Zeit für Geselligkeit. Auf der Heimfahrt habe ich viel gegrübelt:
In endlos langen Schuljahren hatten sie mir bei-gebracht, Dinge groß und Tätigkeiten klein zu schreiben, Wurzeln zu ziehen, ein blütenweißes Kissen mit gewaschenen Händen zu besticken und eine Sonatine auf der Geige zu spielen.
Machte sich Unlust breit, so hieß es: Non scholae, sed vitae discimus! – obwohl schon Seneca beklagt hatte, daß genau das Gegenteil der Fall sei.
Im Sommer 1969 hatte ich endlich das Abitur in der Tasche – und keine Ahnung, wie man Feuer macht, wenn man friert, welche Kräuter essbar sind, wenn man hungert, und wo man Wasser suchen muss, wenn man Durst hat.
All das konnte mir ein Hirtenkind in der Sahara schon mit zehn Jahren zeigen, ohne je in die Schu-le gegangen zu sein. So nahm ich Nachhilfe in Nordafrika, wo man das Leben einfach noch am Alltag lernen kann.
Die Tuareg bauen sich in vier Tagen eine Schilf-hütte, die ihren Bedürfnissen genügt. Und wenn sie doch eines Tages der Sturm mitnimmt, so ist nicht viel verloren. Wir dagegen bauen uns aufwendige Wohnmaschinen, für die wir uns über Jahrzehnte verschulden müssen. Und deren Unterhalt uns für den Rest unseres Lebens in die Pflicht nimmt. Natürlich müssen wir alle Risiken hoch versichern, um diese Werte zu erhalten, besonders, solange sie noch nicht bezahlt sind. Ich wollte ein Haus haben, ja, aber ich wollte nicht sein Sklave werden. Es sollte mir ein Dach über dem Kopf sein. Ich wollte meine eigenen vier Wände haben, fünf müßten es nicht werden.
Eine Schilfhütte täte es in unserem Klima wohl nicht, aber vielleicht eine aus Holz? Mit einem Ofen in der Ecke, der kocht und heizt? Auch ein Klo und einen Wasserhahn im Haus fände ich nicht schlecht. Und ein großes Fenster, das viel Licht reinlässt. Einen Keller für Holz und Gemüse im Winter, und … Unds gab es jede Menge!
Im Sommer 1993 kaufte ich eine Wiese. Im Jahrhundertsommer 2003 saß ich immer noch dort. Aber es hatte sich viel verändert:
Seit das neue Jahrtausend begonnen hat, muss ich nur noch einen Tag der Woche dem Geldver-dienen opfern. An den anderen sechs Tagen kann ich direkt am Leben teilhaben, ganz im Sinne Tho-reaus, von dem ich in der Schule nie etwas gehört hatte.

Anne Donath

Über Anne Donath

Biographie

Anne Donath, geboren 1948 in Malente in Schleswig-Holstein, von Beruf Krankenpflegerin und Lehrerin, entschloss sich 1993 zu einem radikalen Neuanfang: Sie bezog eine einfache Holzhütte und lebt dort analog und in vielem autark. Die Mutter dreier erwachsener Töchter wohnt, wenn sie nicht reist, im...

Pressestimmen

Bücherrundschau

»Mit fast siebzig, hat sie jeden Morgen Spaß daran, das Experiment zu verlängern. Wer nach einer nachhaltigen Lebensweise sucht und gewohnte gesellschaftliche Zwänge in Frage stellt und dabei Ausblick nach Alternativen hält, findet in dem bewegenden Buch von Donath zahlreiche Hinweise und Anregungen zum Nach- und Überdenken!«

momag

»Eine Geschichte, authentisch und mit vielen Bildern. Man möchte sie fast nachleben.«

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