Science-Fiction Literatur
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Moderne Science-Fiction Literatur

Benjamin Rosenbaum spricht über »Die Auflösung«

»Die Auflösung« ist ein außergewöhnlicher und unkonventioneller Science-Fiction-Roman. Der Autor Benjamin Rosenbaum stellt sich auch hier die Frage, die für das Genre typisch ist: »Was passiert, wenn diese Entwicklung so weiter geht?« Doch geht es hier nicht um Raumschiffe, Zeitreisen oder Supercomputer, sondern um die Entwicklung des Menschen; um Biotechnik, die Zukunft der Geschlechter und das Zusammenleben von Milliarden von Menschen. 

Zum Erscheinen des Buchs berichtet uns der Autor über die Entstehung von »Die Auflösung« und erzählt, was ihn dazu gebracht hat, sich gegen die Konventionen des Genres aufzulehnen und einen so innovativen und klugen Science-Fiction-Roman zu schreiben.

Octavia Butler hat mir einmal erzählt, der Trick, einen Roman zu schreiben, ist, seine ganze Besessenheit hineinzugeben. Ein Roman über nur eine einzelne Idee ist zu dürr.  Wenn du einen Roman schreibst, sagte sie, und du hast eine Idee für eine Geschichte, dann schreibe nicht diese Geschichte auf, sondern verpacke sie in dem Roman. Wenn du einen Roman schreibst und er dich mitreißt, wie es »Die Auflösung« für Jahre mit mir gemacht hat, dann wird er zum Tagebuch all deiner Besessenheit.

 

Meine älteste Tochter ist jetzt 17 Jahre alt (etwas älter als Fift im Hauptteil des Buchs). Im Roman geht es um das Kindergroßziehen und dessen wenig beachtetes Gegenstück, das Großgezogenwerden. Eltern leben immer mit einem zweifachen Bewusstsein: Man will die Dinge, die Eltern so wollen, und man weiß gleichzeitig, wie es sich anfühlt, ein Kind zu sein. Ich selbst kenne die Angst und Verantwortung des Elternseins: Ich will immer wissen, wo meine Kinder sind, ich will sie begleiten und beschützen und gleichzeitig weiß ich, wie erdrückend und peinlich sich ebendiese Bemühungen anfühlten, als ich ein Teenager war.

Jetzt verbinden Sie diese Gedanken mit unserer historischen Situation: Nach dem Mooreschen Gesetz haben die Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und einander zu beobachten, explosiv zugenommen. Die spätkapitalistische Industrie der Elternängste (die dem Vorbild der Schönheitsindustrie folgt) terrorisiert die Eltern mit ihren unerreichbaren, widersprüchlichen Anforderungen – bring deinen Kindern das Schlafen mit der Ferber-Methode bei, fördere ihr frühes Genie aber überfordere sie nicht, umkreise sie mit deinem Helikopter, um sie vor den allgegenwärtigen Belästigern zu beschützen, und ermögliche ihnen gleichzeitig eine unbeschwerte Kindheit wie damals.

In dem Buch stelle ich die Frage, die die Science-Fiction-Literatur ausmacht: Was passiert, wenn diese Entwicklung so weitergeht? Eine Welt wird erschaffen, in der neun Elternteile als unverantwortlich wenig erscheinen, in der die ganze Welt bewertet, wie gesund ein Kind in seinem Geschlecht heranwächst, und in der ein versehentlicher Moment totaler Privatsphäre etwas Verstörendes, Erschreckendes und Verführerisches ist.

»Als junger Mensch bin ich ein paarmal verrückt geworden«, sagte er, »und ich glaube, es hat mir wirklich gutgetan.«


aus »Die Auflösung«

Kleine Kinder zu haben, hat mich dazu gebracht, zu realisieren, wie absurd unsere Vorstellungen vom Geschlecht eigentlich sind. Es gibt da dieses winzige quasi-biologische Bisschen, wie verschiedene Körper sich fühlen und handeln, und dann gibt es diesen gigantischen, instabilen Haufen an Ideologien, der darauf getürmt wird. Wir bewerten uns selbst und andere ständig danach, wie gut wir die unmöglichen Ideale unseres Geschlechts erfüllen. Ob wir hart genug sind, ein Mann zu sein, oder weich genug, eine Frau zu sein. Dieser gewaltige Einfluss, den das Gendering auf unser Menschenbild, unsere Handlungsweisen und den einzelnen Menschen hat, bleibt uns meist verborgen und ich wollte ihn sichtbar machen. Ich wollte einen kritischen Blick auf die Gender-Ideologien werfen, indem ich einen anderen, quasi-biologischen Unterschied nehme, z.B. die angeborene Tendenz zur Intro- oder Extrovertiertheit, und schaue, was passiert, wenn wir ihn mit einem ähnlichen kulturellen Gewicht beladen. Wie wäre es, wenn es für uns wichtig wäre, ob ein Mensch schnell oder langsam ist, anstatt hart oder weich?

 

Die Jahre, in denen ich an dem Buch schrieb, waren von einer dezentralisierten, führerlosen Quasi-Revolution nach der anderen gefüllt: Occupy, Der Arabische Frühling, Black Lives Matter. Während des Schreibens spürte ich eine Kontroverse zwischen dem, was die Konventionen des Genres von mir verlangten, was ich über die Macht und ihre Ausübung schreiben sollte, und dem, was ich tatsächlich glaubte und fühlte. Das Genre wollte von mir einen Helden, der einen MacGuffin findet und durch ihn den Tag und die Welt rettet und nebenbei das Böse vernichtet. Mir misslang es immer wieder, eine solche Geschichte zu schreiben, bis ich schließlich einsah, dass das eigentliche Problem darin lag, dass ich sie für eine Lüge hielt. Oder zumindest, dass sie so weit von meinen Erfahrungen von Macht und ihren Auswirkungen entfernt war, dass sie wie eine Lüge wirkte. Leute wie ich finden nicht einfach die Lösung auf das finale Rätsel und retten den Tag. Wir gehören nicht zu einer kleinen Gruppe von wichtigen Leuten, die die wichtigen Entscheidungen treffen. Wir sind Teil einer komplexen, chaotischen und unübersichtlichen Welt, voll von moralischen Gegensätzen, in der es keine eindeutigen Antworten auf unsere Fragen gibt. Wir sind nicht machtlos, aber wir gehören auch nicht zu den mächtigen Leuten. Gemeinsam müssen wir Stellung beziehen und unseren Teil beitragen, um Veränderungen bewirken zu können. Aber als einzelnes Individuum können wir niemals sicher wissen, welchen Unterschied wir gemacht haben, auch wenn wir unsere 15 Minuten Ruhm bekommen haben, und meistens ist auch das Ergebnis der Veränderung ein anderes, als wir uns vorgestellt haben. Ich wollte eine Geschichte vom moralischen Handeln in einer großen, komplexen Welt schreiben. Eine Welt, in der Milliarden von Menschen gleichzeitig auf das Geschehen einwirken. Ein Gegenstück zu den übersichtlichen Welten, die uns sonst in der fiktionalen Literatur geboten werden, in denen die Helden zufälligerweise gerade die Krone, den Einen Ring oder das Ding, das die Welt rettet, tragen und deren moralische Handlungen immer eindeutig und klar sind.

»Der Herzschlag der Welt ist der Herzschlag des Kampfes.«


aus »Die Auflösung«

Ich habe die Handlung des Romans in der fernen Zukunft angesiedelt. Einerseits, weil ich ein unbeschriebenes Blatt vor mir haben wollte. Ich wollte mir selbst die Möglichkeit geben, Dinge wie Familie, Geschlecht, Wirtschaft, Politik und Persönlichkeit neu zu erfinden. Andererseits hat es mich sehr ermüdet, wie die Zukunft bisher beschrieben wurde. Auch wenn wir unsere Romane gerne mit technologischem Glanz verzieren, neigen wir dennoch dazu, rückwendig zu schreiben. Die Monarchie wurde schon zu der Zeit, als die Druckpresse erfunden wurde, als Form der politischen Ordnung abgelöst, und Kriege werden heutzutage durch Doktrinen und PR-Kampagnen gewonnen, anstatt von einzelnen Kriegshelden. Trotzdem schreiben wir Romane über Galaktische Imperien und verwegene Kämpfer. Oder wir beschreiben apokalyptische Szenarien und Dystopien, in denen die Dinge auf ein Minimum der Einfachheit reduziert wurden. In digital-fetischistischen Utopien träumen wir uns in eine transzendente mathematische Glückseligkeit.

Ich wollte einen Roman über eine Welt schreiben, die komplexer und nicht simpler als die unsere ist. Eine Welt von Billionen, in der die Technologie den Menschen plastischer macht, ohne es ihm zu ermöglichen, auf magische Weise dem Körper zu entfliehen. Eine Welt, die uns Hoffnung gibt, unsere Probleme (globale Kriege, Umweltzerstörung) zu überwinden, nur um diese durch neue zu ersetzen.

Ich wollte über eine Welt schreiben, die für mich heute aussieht, wie unsere Welt für einen Bauern im Mittelalter aussehen würde: Ein überwältigendes, komplexes und erschreckendes Paradies; eine Welt, die man sich nur mit Vorsicht wünschen würde.

In anderen Worten: Ich wollte eine Zukunft erschaffen, an die ich selber glauben konnte.

Über den Autor

Benjamin Rosenbaum ist US-amerikanischer Autor. Seine phantastischen Kurzgeschichten begeistern ein großes Publikum. Sie wurden in 25 Sprachen übersetzt und mehrfach für Preise nominiert, unter anderem für den Hugo-, den Nebula- und den World Fantasy Award. »Die Auflösung« ist sein erster Roman. Benjamin Rosenbaum war lange als Programmierer tätig und arbeitete unter anderem an einem preisgekrönten Onlinespiel. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in der Nähe von Basel. Er ist ein langjähriges Vorstandsmitglied und ehemaliger Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde Migwan in Basel.

Blick ins Buch
Die AuflösungDie Auflösung

Roman

In ferner Zukunft leben die Menschen in einer Gesellschaft, die von Biotechnologie und IT geprägt ist. In einer Zeit, in der sich die Geschlechtergrenzen aufgelöst haben und jeder mehrere Körper besitzt, muss die junge Fift ihre Stellung im System behaupten. Doch als sie sich mit dem schlecht beleumundeten Biotechniker Shria anfreundet, gerät alles außer Kontrolle. Ungewollt geraten Fift und Shria in ein skandalöses Kunstspektakel, das in Wirklichkeit der Auftakt einer Revolte gegen das starre System ist. Plötzlich werden sie zu Prominenten und unfreiwilligen Trägern von Umbrüchen ...
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Kapitel 1

 

Fift war fast fünf, und es war nicht mehr ihre Art, in allen ihren Körpern zu schlafen. Sie war kein Baby mehr, sie war alt genug für die Schule, alt genug, um quer durch die Siedlung allein nach Hause zu gehen, die Achse hinunter ins großartige, geschäftige Zentrum von Foo. Aber sie war jetzt schon seit Tagen ganz aus dem Häuschen und hatte praktisch nur noch getanzt – Vater Miskisk hatte gelacht, Vater Smistria hatte sie aus dem Abendmahlgarten gescheucht, Vater Frill hatte sie ins Badezimmer beordert und sie hin und her, hin und her schwimmen lassen, »Damit du dich beruhigst!«. Direkt vorm Abendessen war sie schließlich zusammengebrochen, zweimal – im Atrium und eingerollt auf dem abgestuften Balkon. Vater Arevio und Vater Squell hatten sie dann in jenen beiden Körpern in ihr Zimmer zurückgetragen. Sie hatte es geschafft, in ihrem dritten Körper fast während des ganzen Abendessens wach zu bleiben, wobei sie stark blinzelte, durch die Nase einatmete und versuchte, gerade zu sitzen, während Wellen eines dunkelblauen Schlummers aus ihren beiden schlafenden Gehirnen durch sie hindurchströmten. Als das Abendessen vorbei war, konnte sie nicht aufstehen, und Vater Squell trug auch diesen Körper ins Bett.

Trübe Träume: Sie saß in einem langen Flur auf dem Holzboden … ihr Name wurde gerufen … und sie merkte, dass sie gar nicht ihr Kleid anhatte, sondern stattdessen – demütigenderweise – in Vater Frills goldene Glöckchen gekleidet war. Die anderen Kinder lachten sie aus und plötzlich – surreal – war die Diele voller kleiner fliegender Spielzeugfeen, ihre durchsichtigen Flügel flatterten, ihre Projektionsflächen glitzerten …

Dann streichelte etwas zärtlich Fifts Braue; sie versuchte, sich tiefer in die Decken zu kuscheln, als jemand sachte an ihrem Ohrläppchen zupfte. Sie öffnete die Augen: Vater Squell.

»Guten Morgen, kleiner Struwwelkopf«, sagte er. »Heute ist ein großer Tag für dich.«

Vater Squell war schlank und rosig und roch nach Seife und Blumen. Fift kroch auf seinen Schoß und schlang ihre Arme um ihn und presste ihre Nase zwischen seine Brüste. Er war in einen glitzernden, roten Stoff gekleidet, der sich unter Fifts Fingern weich und glatt anfühlte.

Squell war kahl; kupferfarbene Metallstacheln ragten aus seiner Kopfhaut hervor. Manchmal zog Vater Frill ihn damit auf – solche Stacheln waren nicht mehr modern – und manchmal stürmte Vater Squell dann aus dem Zimmer, weil Vater Squell ein bisschen eitel war. Er war nie ein besonders guter Kämpfer, sagten die anderen Väter, doch er hatte einen Körper in den Asteroiden. Und das war etwas Erstaunliches.

Squell streckte den Arm aus – Fift lag noch in seinem Schoß – und fing an, die Braue eines anderen von Fifts Körpern zu streicheln. Fift nieste in jenem Körper und dann nieste sie auch in den beiden anderen. Das war lustig und sie fing an zu kichern. Jetzt war sie ganz wach.

»Steh auf, kleiner Struwwelkopf«, sagte Squell. »Steh auf!«

Fift kroch aus dem Bett und achtete darauf, nicht über sich selbst zu krabbeln. Es machte sie immer ein bisschen unruhig, wenn sie ganz zusammen war, alle drei Körper im selben Raum. Das war gar nicht so gut und lag daran, dass ihre somatische Integration nicht vollständig gelungen war. Deshalb musste sie auch weiterhin zur pädagogischen Expertin Pnim Moralasic Foundelly vom Namensregister Pneumatic-Lance-12 gehen. Die pädagogische Expertin Pnim Moralasic Foundelly hatte einen schrecklichen Nervagenten in Fifts Verstand eingepflanzt, der ihr sagen sollte, dass sie sich selbst in die Augen sehen, koordiniert spielen und ihre Übungen machen sollte. Er nervte gerade, aber Fift ignorierte es. Dann suchte sie unter dem Bett nach ihren Kleidern.

Sie waren nicht da. Sie schloss die Augen (weil sie noch nicht so gut darin war, Dinge im Feed mit geöffneten Augen zu sehen) und benutzte den Hausfeed, um sich überall im Haus umzusehen. Ihre Kleider befanden sich weder auf dem Balkon noch im Atrium, auch nicht in der kleinen Mattenhalle oder im Frühstückszimmer.

Die Väter Arevio, Smistria und Frill und noch einer von Vater Squells Körpern waren im Frühstückszimmer und aßen bereits. Vater Miskisk stritt sich mit der Küche.

{Wo sind meine Kleider?}, fragte Fift ihre Agenten, aber vielleicht auf die falsche Weise, denn sie erwiderten nichts.

»Vater Squell«, sagte sie und öffnete die Augen. »Ich kann meine Kleider nicht finden, und meine Agenten finden sie auch nicht.«

»Ich habe deine Kleider kompostiert, sie waren alt«, erklärte Squell. »Geh nach unten ins Badezimmer und lass dich waschen. Ich mache dir ein paar neue Sachen zum Anziehen.«

Fifts Herz fing an zu hämmern. Die Kleider waren noch nicht alt gewesen, waren erst vor einer Woche aus dem Ofen gekommen. »Aber ich will diese Kleider«, sagte sie.

Squell öffnete die Tür. »Du kannst diese Kleider nicht mehr haben. Wie gesagt, sie sind kompostiert. Und jetzt wird gebadet!« Er schnappte sich Fift, klemmte einen ihrer Körper unter seinen Arm und fing den anderen Körper mit der anderen Hand am Handgelenk.

Fift versuchte sich dem Griff ihres Vaters zu entwinden und riss an ihrem Arm, um loszukommen, während sie noch einmal verzweifelt unter das Bett blickte. »Sie waren nicht alt«, sagte sie mit bebender Stimme.

»Fift«, sagte Squell verärgert. »Das reicht jetzt. Um Kumrus willen ausgerechnet heute!« Er zog sie in zwei ihrer Körper durch die Tür. In einem anderen Körper – dieser hatte silbrige Stacheln auf dem Kopf – kam er den Flur heruntergeeilt.

»Ich will sie wiederhaben«, greinte Fift. Sie wollte nicht weinen. Sie war jetzt kein Baby mehr, sie war ein großes Staidkind, und Staids weinen nicht. Sie wollte nicht weinen. Sie wollte nicht einmal schreien oder darauf herumreiten. Sie wollte ruhig und klar bleiben. Ausgerechnet heute. Sie wehrte sich noch ein bisschen, dann übergab Squell sie seinem anderen Körper.

»Sie sind Kompost«, sagte Squell, der einen roten Kopf bekam in dem Körper mit den Silberstacheln, während der mit den Kupferstacheln das Zimmer betrat. »Sie sind durch die Schleuse gegangen und haben sich aufgelöst. Deine Kleider sind jetzt Teil des Nährstroms. Sie können überall in Fullbelly sein und sind nächste Woche wahrscheinlich Teil deines Frühstücks!«

Fift schnappte nach Luft. Sie wollte ihre Kleider nicht essen.

 

Da war ein kalter Klumpen in ihrem Bauch. Squell fing ihren dritten Körper auf.

Vater Miskisk kam mit zwei Körpern den Korridor herunter. Er war größer als Squell, hatte eine breite Brust und ein kantiges Kinn, dazu eine Mähne aus rotem Haar und eine sonnenaufgangsorangene Haut, die über und über mit weißen Kringeln bedeckt war. Er trug seine Tanzhose, hatte eine tiefe Brummelstimme und roch warm, geröstet und ölig. »Fift, kleine Fift«, sagte er, »komm schon, lass uns herumzoomen. Ich zoome dich ins Badezimmer. Komm, spring auf. Gib sie rüber, Squell.«

»Ich will meine Kleider«, sagte Fift in ihrem dritten Körper, als Squell sie durch die Tür zog.

»Hier.« Squell versuchte, Miskisk Fifts andere Körper zu übergeben, doch Fift klammerte sich an Squell. Sie wollte jetzt nicht zoomen! Zoomen machte Spaß, aber es war zu wild für diesen Tag und zu wild für eine, die gerade ihre Kleider verloren hatte. Die Kleider waren blassblau gewesen, wolkenweich und hatten beim Laufen immer um Fifts Beine geflüstert.

»O Fift, bitte!«, sagte Squell. »Du musst baden, und heute wirst du nicht zu spät kommen! Ein für alle Mal …«

»Ist sie wirklich schon bereit dafür? Was meinst du?«, fragte Miskisk und versuchte, Fift von Squell wegzuzerren. Allerdings wandte er nicht sehr viel Kraft auf.

»Also bitte, Miskisk«, sagte Squell, »lass uns jetzt nicht damit anfangen. Jedenfalls nicht mit mir. Pip sagt …«

Vater Smistria streckte den Kopf aus der Tür seines Arbeitszimmers. »Warum macht ihr beide das Kind so verrückt?«, bellte er. Er war groß und hager, hatte leuchtend blaue Haut und einen weißen Bart, der zu Hunderten kleiner Zöpfe mit eingewebten kleinen, glitzernden Spiegeln und Juwelen geflochten war. Er trug einen schicken, schwingenden Kampfanzug, der an seiner mageren flachen Brust klebte. Seine Stimme war höher als die von Vater Miskisk, piepsig und rau zugleich. »Das wird eine Katastrophe, wenn ihr ihr den Eindruck vermittelt, dass heute ein Tag zum Herumrennen ist! Fift, du hörst sofort damit auf!«

»Komm schon, Fift«, lockte Miskisk.

»Lass sie runter«, sagte Smistria. »Ich finde es unmöglich, dass ihr wegen eines Staidkindes herumrrangelt und -flattert, das in weniger als drei Stunden …«

»Ach, jetzt lass mal gut sein, Smi«, sagte Miskisk mit einem drohenden Unterton, wandte sich von Fift und Squell ab und Smistria zu. Jetzt kam Smistria ganz in den Korridor heraus und schob sein Gesicht gleich neben das von Miskisk. Man konnte meinen, dass es gleich zwischen ihnen krachte, doch Fift wusste, dass sie einander nicht schlagen würden – erwachsene Bails schlugen einander nur auf den Matten. Trotzdem kuschelte sie sich noch dichter an Squell – ein Körper drückte an seine weiche Brust, ein Körper schmiegte sich um sein Bein und ein Körper drängte zurück durch die Tür. Dabei drückte sie alle ihre Augen zu und blendete den Hausfeed aus, damit sie wirklich gar nichts wahrnahm.

Hinter ihren Lidern sah sie nur die blassblauen Kleider. Es war genau wie in ihrem Traum! Sie hatte ihre Kleider verloren und musste dann ausschließlich Glöckchen tragen wie Vater Frill! Sie schauderte. »Ich möchte nicht, dass meine Kleider im Kompost sind«, sagte sie so vernünftig, wie sie nur konnte.

»Ach, hör doch endlich mit den Kleidern auf!«, sagte Squell. »Keiner interessiert sich für deine Kleider!«

»Das ist nicht wahr«, dröhnte Miskisk entrüstet.

»Es ist wahr«, sagte Smistria, »und …«

Fift merkte, wie ein Schluchzer in ihr aufstieg. Sie versuchte ihn zurückzuhalten, aber er wurde größer und größer und schließlich …

»Ihr Liebsten«, flötete Vater Grobbard.

Fift öffnete die Augen. Vater Grobbard war leise und einkörperlich auf den Flur herausgekommen und stand hinter Squell. Sie war kleiner als Miskisk und Smistria, genauso groß wie Squell, aber massiver: breit und flach wie ein Stein. Wenn Vater Grobbard dastand, sah sie aus, als wollte sie sich nie wieder bewegen. Ihr Etuikleid war schlicht und weiß. Ihre Haut war von einem fleckigen, lehmigen Braun und überall mit den gleichen feinen goldenen Härchen überzogen, sogar oben auf ihrem Kopf.

»Grobby!«, sagte Squell. »Wir versuchen, sie herzurichten, aber das ist ganz schön …«

»Na ja, es ist Grobbards Show«, sagte Smistria. »Heute geht es um dich und um Pip, oder nicht, Grobbard? Warum machst du sie dann nicht fertig!?«

Grobbard streckte den Arm aus. Fift schluckte und dann rutschte sie aus Squells Armen, ging hinüber und nahm ihre Hand.

»Grobbard«, sagte Miskisk, »bist du sicher, dass Fift dafür schon bereit ist? Es ist wirklich …«

»Ja«, sagte Grobbard. Dann sah sie zu Miskisk hinüber. Ihre Miene war so ruhig wie immer. Sie zog eine Braue hoch, nur ein bisschen. Dann blickte sie zu Fifts anderen Körpern zurück und streckte den anderen Arm aus. Squell ließ Fifts andere Arme los, die er noch hielt, und Fift versammelte sich. Sie nahm Vater Grobbards andere Hand und hielt sich an einer Falte von Vater Grobbards Etuikleid fest. So gingen sie hinunter zum Badezimmer.

»Meine Kleider waren nicht alt«, fing Fift auf der Treppe wieder an. »Sie sind erst vor einer Woche aus dem Ofen gekommen.«

»Nein, sie waren nicht alt«, bestätigte Grobbard. »Aber sie waren blau. Blau ist eine Bailfarbe, die Farbe der tosenden, rastlosen See. Du bist eine Staid, und heute wirst du das Erste Tor der Logik durchschreiten. Dabei kannst du keine blauen Kleider tragen.«

»Oh«, hauchte Fift.

Grobbard saß am Rand des Badepools, die Hände im Schoß und die Beine im Wasser, während Fift sich mit Seife abschrubbte.

»Vater Grobbard«, sagte Fift, »warum bist du ein Vater?«

»Wie meinst du das?«, fragte Vater Grobbard. »Ich bin dein Vater, Fift. Du bist mein Kind.«

»Aber warum bist du keine Mutter? Mutter Pip ist eine Mutter, und sie ist … äh, du bist …«

Grobbards Stirn legte sich einen kurzen Moment lang in Falten, dann glättete sie sich wieder und Grobbards Lippen verzogen sich zum Anflug eines Lächelns. »Ich verstehe. Weil du nur einen Staidvater hast und die anderen Bails sind, glaubst du, dass Vatersein etwas Bailisches ist? Du denkst, Väter müssen ›er‹ sein und Mütter ›sie‹?«

Fift verzog das Gesicht und hörte auf, an sich herumzuschrubben.

»Was ist mit deinen Freunden? Sind alle Mütter deiner Freunde ›Sies‹? Oder sind auch ein paar ›Ers‹ dabei?« Grobbard hielt einen Moment inne, dann fuhr sie sanft fort: »Was ist mit Umlish Mnemu von Mnathis Kohorte? Ihre Mutter ist ein Bail, oder nicht?«

»Oh«, sagte Fift und verzog wieder das Gesicht. »Was macht jemanden denn zur Mutter?«

»Deine Mutter trug dich in ihrer Gebärmutter, Fift. Du bist in ihrem Bauch herangewachsen und wurdest aus ihrer Vagina heraus in die Welt geboren. Manche Familien bekommen ihre Kinder nicht auf diese Weise und in manchen Familien sind alle Eltern Väter. Aber wir sind ziemlich traditionell. Wir sind sogar alle Kumruisten, außer Vater Thurm … Und Kumruisten glauben, dass die biologische Geburt heilig ist. Deshalb hast du eine Mutter.«

Fift wusste das, obwohl es ihr immer noch eigenartig vorkam. Sie war zehn Monate lang in ihrer Mutter Pip gewesen. Einkörperlich, weil ihre beiden anderen Körper da noch nicht gestaltet waren. Ein unheimlicher Gedanke. Winzig, hilflos und ihr nussgroßes Herz zog seine Nährstoffe aus Pips Blut. »Wie ist Pip dazu gekommen, meine Mutter zu werden?«

Jetzt lächelte Grobbard unübersehbar. »Hast du schon einmal versucht, deiner Mutter etwas auszuschlagen? Es gab eine kleine Diskussion darüber, aber ich glaube, wir alle wussten, dass Pip aus diesem Kampf als das jüngere Geschwisterkind hervorgehen musste. Sie hatte sich einen Uterus und die Vagina funktionsfähig machen lassen und dafür gesorgt, dass wir für die Befruchtung alle Penisse hatten. Es war eine aufregende Zeit.«

Fift öffnete den Feed und schlug »Penis« nach. Penisse waren da, um Sperma zu verspritzen, was dabei half, festzulegen, wie das Baby sein würde. Der Uterus konnte das ganze Sperma durchsortieren und sich die Gene herauspicken, die er wollte, aber man musste es vorher ankündigen, um eine Bewilligung zu bekommen, und danach war es wirklich sehr kompliziert. Man hatte an jedem Körper einen Penis, der einem zwischen den Beinen herumbaumelte. »Hast du noch Penisse? Ich meine … an jedem Körper?«

»Ja, ich habe meine behalten«, sagte Grobbard. »Sie passten gut zum Rest von mir und ich mag diese ständigen Veränderungen nicht.«

»Kann ich auch Penisse haben?«, sagte sie.

»Ich glaube schon, wenn du möchtest«, sagte Grobbard. »Aber heute nicht. Heute hast du etwas Wichtigeres zu tun. Und wie ich sehe, hat dein Vater dir neue Kleidung gebacken. Also spüle dich ab und lass uns nach oben gehen.«

 

»Ich rede ganz eindeutig nicht über die Details des … Vorganges.« Vater Smistria breitete die Arme aus.

»Das will ich auch nicht hoffen«, sagte Vater Squell. »Halt still, Fift!« Er nahm Fifts Kopf fest zwischen ein Händepaar, während er sich in seinem anderen Körper über sie beugte und vorsichtig mit dem Depilator ihre letzten Haare von ihr herunterschabte. »Es ist absolut unangemessen, das Ganze überhaupt zur Sprache zu bringen, Smistria. Das ist eine Staidangelegenheit und das ist alles, was es darüber …«

»Ich diskutiere darüber nicht«, fiel Smistria ihm ins Wort. Er drückte sich Öl in die Hände und rieb es über eine andere von Fifts Kopfhäuten. »Und ich will ganz sicher nicht wissen, was in diesem Raum vor sich geht, um Kumrus willen.«

»Das will ich auch nicht hoffen!«, sagte Vater Squell.

Fift steckte in leuchtend weißen Etuikleidern, wie Vater Grobbard sie immer trug. Und Mutter Pip meistens auch. Einer ihrer Köpfe war bereits rasiert und geölt, alles an ihr war geschrubbt und poliert und ihre sämtlichen Finger- und Zehennägel waren geschnitten. In dem Körper, der schon fertig war, stand sie aus der wackeligen Sitzkuppel auf und wanderte über das Moos des kleinen Atriums.

»Fift, lauf nicht weg und mach dich nicht schmutzig«, mahnte Vater Squell.

»Aber worauf es ankommt, ist das Ergebnis«, sagte Smistria. »Das Ergebnis wirkt sich auf unsere gesamte Kohorte aus!«

Jetzt rauschte Vater Frill ins Zimmer – geschmeidig und dunkelhäutig – und aus seiner breiten Stirn wuchs ein Schopf steifer, kupferfarbener Haare. Er hatte weit auseinanderliegende graue Augen, volle Lippen und ein markantes Kinn. »Bei Kumrus Schnurrbart, Smi«, sagte Frill, »willst du das wirklich anziehen?«

»Was ist daran falsch?«, wollte Vater Smistria wissen und sah beleidigt an sich herunter. Er hatte seinen Kampfanzug ausgezogen und war in ein enges Gewand aus Silberbläschen geschlüpft, die zerflossen, aufplatzten, anschwollen und zitterten, wenn er sich bewegte.

Vater Frill ging an Fifts wartendem Körper vorbei, bückte sich und strich mit der Hand über ihre bloße, geölte Kopfhaut, die sich angenehm, aber auch seltsam anfühlte – so als ob eine Schicht abgezogen worden wäre und sich jetzt nichts mehr zwischen ihr und der Welt befände. Seine Glöckchen läuteten – er trug Kaskaden goldener, silberner und roter Glöckchen und eine martialische Schultertasche, die mit winzigen, feingearbeiteten Zeremonialmessern und Granaten behängt war. »Einerseits, Smi, lässt es deinen Schmerbauch aussehen wie einen neu entdeckten Hochalbedo-Mond«, sagte Frill. »Andererseits ist es im Grunde genommen grau.«

»Es ist Silber!«, rief Smistria.

»Also bitte, ihr zwei!« Squell richtete sich auf. Jetzt waren alle Fift-Köpfe rasiert. Er klappte den Depilator zu.

»Smistria, komm schon, nur noch eine Kopfhaut ölen …«

»Das mit dem Mond nimmst du zurück«, sagte Smistria, »sonst wirst du auf der Matte dafür büßen!«

»Aber sicher«, sagte Frill, »nur nicht heute Morgen, denn wir haben einen Termin. Ganz im Ernst, Smi, ist dir bewusst, was hier alles auf dem Spiel steht? Ich übernehme das Ölen und du ziehst dir etwas anderes an. Etwas Bunteres!«

Smistria stürmte hinaus; Fift folgte ihm in den beiden Körpern, bei denen die Vorbereitungen bereits abgeschlossen waren. Vater Frill massierte derweil Öl in ihre dritte Kopfhaut. Seine Hände waren kleiner und weicher als die von Smistria und er roch wie ein wildes Raubtier mit scharfen Zähnen in einem Wald irgendwo oben auf der Oberfläche der Welt.

»Dem werde ich was erzählen mit seinem Hochalbedo-Mond«, murmelte Smistria, als sie durch den Abendmahlgarten kamen. »Arevio! Weißt du, wie spät es ist? Hast du etwa vor, diese Veranstaltung mit dreckigen Händen zu besuchen?«

Vater Arevio blickte zweikörperlich schuldbewusst von seinen Pflanzen auf. »Na ja, Smistria Ishteni, eigentlich wollte ich einkörperlich gehen … Oben bin ich schon umgezogen und …«

»O nein. O nein. Wenn ich zweikörperlich zu dieser … dieser segensleeren Herumsitzung gehe«, knurrte Smistria, »dann wirst du es bei Kumrus heiligen Hoden ebenfalls tun.« Vater Smistria hatte nur zwei Körper – alle anderen von Fifts Eltern, von Vater Nupolo abgesehen, hatten drei oder vier – und er fand es immer ganz fürchterlich, in beiden Körpern irgendwo hinzugehen.

Fift blieb in einem Körper an Smistrias Seite und ging mit dem anderen den Korridor hinunter. Vorhin, in der wackeligen Sitzkuppel, hatte sie ihre Zehen ins Moos gegraben und Frill sagte: »Fast fertig, Fift, jetzt nicht zappeln.«

Vater Arevio seufzte und streifte sich die Hände ab. »In Ordnung. Ich werde mich umziehen. Aber ich muss zugeben, dass ich auf solche Sachen nicht besonders erpicht bin.«

Smistria schnaubte. »Wer ist das schon? Wir müssen draußen eingepfercht in der Galerie sitzen, unsere Klamotten begaffen und uns aufregen – ich schwöre dir, nirgendwo sonst werden so viele Mattenduelle gefordert wie an den Ersten Toren der Logik –, während die da drin Löffel herumreichen und tun … Na ja, was auch immer es ist, was sie da drin tun …«

»Es ist leicht, Vater Smistria«, meinte Fift. »Du brauchst doch nur …«

»Fift Brulio Iraxis!«, sagte Arevio und machte einen Schritt vorwärts.

»Du hörst auf der Stelle auf, Fift!«, forderte Vater Smistria. »Du erzählst uns kein einziges Wort mehr über die … über das.«

Fift schluckte. Sie musste verängstigt gewirkt haben, denn Vater Arevio sagte sanft: »Es ist alles in Ordnung, Fift Brulio.«

»Aber es ist doch nichts Schlimmes«, meinte Fift.

»Natürlich ist es nichts Schlimmes«, sagte Vater Arevio.

»Versteht sich!«, fügte Vater Smistria hinzu. »Aber darüber redest du nicht mit uns.«

»Lass dich von deinem Vater Smistria nicht verunsichern, Fiftling«, sagte Vater Frill in dem kleinen Atrium und rieb Fifts Kopf. »Es ist überhaupt nichts Falsches an der Langen Konversation«, er sprach die Worte betont aus, wie um zu beweisen, dass es ihm nicht peinlich war, sie laut auszusprechen, »es ist sehr wichtig. Es ist das Herz von allem. Und du wirst es ganz genau richtig machen. Es ist einfach nur so, dass Staidangelegenheiten Staidangelegenheiten sind und Bailangelegenheiten Bailangelegenheiten. Du würdest doch auch nicht dabei zusehen wollen, wie wir uns auf den Matten prügeln, oder?«

»Nein.« Ihr gefiel der Gedanke gar nicht, dass ihre Eltern wütend waren und sich schlugen. Die Matten – das klang beängstigend und seltsam. Aber andererseits … wenn sie nun einfach hineinschleichen und zusehen könnte, ohne dass es jemand erfuhr? Nur um es zu sehen? Dann würde sie es wahrscheinlich tun. Aber »Nein« war bestimmt die richtige Antwort.

»Na, siehst du«, sagte Frill. »Das ist genauso.«

Arevio und Smistria gingen nach oben. Fift stand im Abendmahlgarten und sah, wie eine goldene Wolke von Gewürzbienen um die Ranken schwärmte, und roch ihren warmen, gemütlichen Duft, der in der Nase kitzelte.

Es ging diesmal nur darum, stillzusitzen und darauf zu warten, dass man einen Löffel gereicht bekam. Dann musste man ihn im richtigen Moment weiterreichen und die Namen der zwölf Zyklen, die zwanzig Zustände und die acht Corpora der Langen Konversation aufsagen. Dabei durfte man sich nicht von Agenten helfen lassen, aber das war in Ordnung, weil Pip und Grobbard sie sowieso nie mit Agenten üben ließen.

Am Ende des Korridors streckte sie den Kopf in den Hauptvorraum.

Mutter Pip war schon da, einkörperlich, in einem weißen Etuikleid wie Fift, mit einem dunklen, waldgrünen Hautton. Sie hatte Knubbelfinger, die normalerweise entspannt waren, momentan aber an ihrem Daumen zupften – zupf, zupf, zupf. Sie hatte einen kraftvollen, suchenden Blick, der aus weißen, goldenen und schwarzen Augen tief in einen hineinsah, aber gerade jetzt sprühten ihre Augen Funken. Fift war sich nicht sicher, aber sie vermutete, dass Mutter Pip womöglich wütend war.

Die Väter Miskisk und Nupolo und Frill und Squell waren auch da. Nupolo brütete finster. Squell drückte sich die Hände auf den Mund. Frill streckte wütend die Arme hoch.

Vater Miskisk rief etwas und deutete auf Mutter Pip. »Immer ist sie es! Sie ist die Mutter, sie wacht über unsere Bewertungen, sie entscheidet, wo wir leben werden und wann die kleine Fift … wann sie …«

»Jetzt beruhige dich mal, Misky«, sagte Frill. »Pip wird kein zweites Mal Mutter werden – sogar sie weiß, dass es zu viel wäre! Nupolo wird es oder Arevio oder Thurm, falls er dafür seine Zustimmung gegeben hat, oder, na ja …« Er zupfte an einem der Messer an seinem Beutel, als ob er darauf wartete, dass jemand »oder Frill« sagen würde – aber das tat niemand.

»Falls ich …«, setzte Pip an.

»Warum reden wir darüber?«, fragte Nupolo. »An Fifts großem Tag? Es gibt keinen Grund zur Eile. Sie ist noch nicht mal fünf …«

Squell blickte auf und entdeckte Fift in der Tür. In dem kleinen Atrium, wo Frill gerade damit fertig geworden war, ihre Kopfhaut zu ölen und seine Hände mit einem Handtuch abrubbelte, sagte Squell: »Geh da weg, Fift. Komm bitte wieder hierher.«

»Jetzt ist das Alter, wo es darauf ankommt!«, röhrte Miskisk. Ihm liefen Tränen übers Gesicht. »Und weshalb glaubt ihr, dass sich jemals etwas daran ändern wird? Keiner von euch wird es jemals wagen, sich mit Pip über Mutterschaft zu streiten – und keiner von euch hat die Stärke, dabei zuzusehen, wie Fift von einem jüngeren Geschwisterkind verdrängt wird!«

Pip presste die Lippen aufeinander, bis nur noch ein schmaler Strich übrig blieb.

»Fift«, sagte Squell in dem kleinen Atrium.

»Oh, um Kumrus willen, Squell«, sagte Frill in dem kleinen Atrium, »bring sie einfach dort raus. Oder muss ich es tun?«

Fift kam aus dem Abendmahlgarten in den Flur. Sie zögerte. Vater Squell wollte, dass sie ins Atrium zurückkam. Aber im Hauptvorraum …

Miskisk weinte. Ihre Bailväter hatten immer geweint, aber diesmal war es anders. Seine Glieder waren ganz schlaff vor Kummer und Hoffnungslosigkeit; er sah aus, als würde er gleich zusammenbrechen. Fift lief es kalt über die Rücken und der Anblick schlug ihr auf die Mägen. Sie lief den Korridor hinunter zu Vater Miskisk.

»Es stimmt!«, jammerte Miskisk. »Du bist zu feige und zu bequem! Es wäre dir lieber, sie endet geschwisterlos, als dass du die unvermeidliche Qual ihrer Verdrängung ertragen würdest!«

Geschwisterlos war ein schlimmes Wort, so viel wusste Fift.

Fift holte sich selbst ein und trat zweikörperlich in den Vorraum. »Vater Miskisk«, sagte sie, »willst du zoomen? Wir könnten zoomen.«

Miskisk heulte und Vater Squell eilte durch den Raum; er nahm Fifts einen Körper und streckte dem anderen die Hand hin. »Schluss mit Zoomen, Struwwelkopf. Komm mit mir.«

In dem kleinen Atrium sagte Squell: »Hilf mir bitte ein bisschen, Frill.« Auch dort nahm er Fift hoch.

Frill seufzte, durchquerte den Vorraum und schnappte sich Fifts dritten Körper.

Vater Smistria, der in eine Explosion messerartiger roter und orangefarbener Federn gekleidet war, rauschte an ihnen vorbei in den Vorraum.

»Smi, sag es ihnen doch«, schluchzte Miskisk, »dass du meiner Meinung bist! Es ist noch zu früh dafür – Pip kann doch nicht einfach – Fift hat noch ein bisschen Zeit zu Hause verdient, damit sie herumlaufen und spielen und andere Farben als nur Weiß tragen kann, bevor …«

»Ob ich auch der Meinung bin, dass Pip sich als Boss aufspielt?«, fragte Smistria. »Und dass hier alle viel zu schnell jeden Streit verschieben, insbesondere wenn es um das Geschwisterkind Nummer zwei geht? Das tue ich mit Sicherheit! Aber bin ich auch der Meinung, dass es euch erlaubt sein sollte, Fift als Baby hierzubehalten – mit Reifen behängt und ›herumzoomend‹ –, nur um euren selbstsüchtigen Wunsch nach einem Bailkind zu befriedigen?«

Sie trieben Fift die Treppe hinauf, die sich zweikörperlich an Squells weiche, nach Seife riechende Haut kuschelte und an Frills Glöckchen quetschte, die um sie herumklimperten.

»Warum regt Vater Miskisk sich so auf?«, fragte Fift.

»Mach dir darüber keine Sorgen, Fiftling«, antwortete Frill. »Du konzentrierst dich auf das, was du heute tun musst.«

»Ausgerechnet heute«, sagte Squell. »Ich kann ihm nicht glauben!«

»Werde ich ein älteres Geschwisterkind sein?« Ältere Geschwisterkinder waren arm und wurden zur Seite gestoßen. Jüngere Geschwisterkinder schmiegten sich an. Aber ein jüngeres Geschwisterkind zu haben bedeutete auch, nicht allein zu sein. Dann gab es jemanden, den man beschützen, unterstützen und mit dem man seine Kindheit teilen konnte. Und irgendwie war es auch nicht recht, ein Einzelkind zu sein.

Frill und Squell blickten einander über Fifts Köpfe hinweg an und Fift spürte, wie ihre Körper sich verspannten.

»Damit ist das Thema erledigt, Struwwelkopf«, sagte Squell. »Da springen viel zu viele Gedanken in deinen Köpfen hin und her. Wir werden uns alle jetzt nur noch auf das konzentrieren, was du heute tun musst, in Ordnung?«

{Warum ist es schlimm, ein Einzelkind zu sein?}, fragte Fift ihre Agenten.

{Das ist nicht der Ausdruck, der sich gehört}, sendete Fifts Agent für soziale Feinheiten. {Du solltest sagen: »ein Individuum mit einer schweren relativischen Familiarressourcen-Allokations-Kindheit«}.

{Wie wäre es mit geschwisterlos?}, sendete Fift. Sie wusste, dass es schlimm war und dass sie es nicht sagen sollte – und schon gar nicht senden. Aber sie wusste auch, dass es etwas mit ihr zu tun hatte. Euch wäre es lieber, sie endete geschwisterlos …

{So ein Wort sagen wir nicht}, sendete der Agent für soziale Feinheiten.

Fift schloss alle ihre Augen und kramte zwischen ihren Agenten herum. Der Feed-Navigations-Agent sollte ihr dabei helfen, den Hauptvorraum zu finden, und da war er. Sie konnte ihn sehen.

Miskisk war auf die Knie gefallen. »Ihr zerreißt mir das Herz«, sagte er. Von seinem Kinn tropften Tränen. »Ich habe hier überhaupt keine Stimme. Alles ist ihr kaltes Reich …« Er deutete zu Mutter Pip.

»Darf ich?«, sagte Pip mit eisiger Stimme.

»Ich kann das nicht mehr«, röhrte Miskisk. »Ich kann nicht …«

»Wir haben ein Gelübde«, sagte Nupolo entsetzt.

Und dann kamen Frill und Squell und Fift aus der Wohnung heraus und traten durch die Vordertür auf die Oberfläche von Foo. Die Privatsphäreneinstellung des Hausfeeds blendete die Wohnung aus und Fift konnte nichts mehr sehen. Frill setzte Fift ab, aber der zweikörperliche Squell behielt sie im Arm.

Über ihnen befand sich die glänzende Unterseite der Sisterin-Siedlung – Andock-Achsen, Kugelgärten und Strömungsschleusen strebten bogenförmig in die Ferne. Vor ihnen lag der Rand von Foo – ihr Viertel, Langsam-wie-Melasse, war am Ende einer Sprosse von Foos großartigem Drehrad gelegen –, dahinter befand sich um diese Jahreszeit ein großes, leeres Luftgewölbe … darauf folgte der fluffige Ozinth und das Untere und Hintere, welches mit glitzernden Kugel-Habilitationen übersät war … Dahinter ging es noch weiter, Habitation um Habitation, hell und dunkel, glatt und stachelig, still und in Bewegung – alles streckte sich nach der gewölbten Decke von Fullbelly.

Vater Grobbard erwartete sie auf dem Weg am Rand eines Schwebgartens.

{Was ist ein Gelübde?}, fragte Fift ihre Agenten.

{Ein Gelübde ist ein Versprechen, das Leute geben}, fing der Kontext-Erklärungs-Agent an.

{Aber was haben sie damit gemeint?}, sendete Fift. {Welches Gelübde haben meine Eltern geleistet?}

Es gab eine Verzögerung, und als der Kontext-Erklärungs-Agent antwortete, klang es fast widerwillig. {Deine Eltern haben das Gelübde abgelegt, sämtliche zweiundzwanzig Jahre deiner Ersten Kindheit zusammenzubleiben, alle in derselben Wohnung zu schlafen und – wenigstens einmal im Monat – an Familienzusammenkünften teilzunehmen. Außerdem haben sie noch verschiedene andere Bedingungen akzeptieren müssen. Die nachbarschaftlichen Zustimmungsraten für deine Geburt wären sonst nicht hoch genug gewesen.}

{Aber das ist überhaupt nichts Ungewöhnliches}, sendete der Agent für soziale Feinheiten. {Du solltest dir keine Sorgen machen.}

»Lasst uns doch einfach mal losgehen, oder?«, meinte Grobbard. »Du hast einen großen Tag vor dir; da können wir ruhig früh da sein. Die anderen werden uns einholen.«

»Aber was ist mit Vater Miskisk?«, fragte Fift. »Vater Miskisk ist traurig …«

Grobbard legte zärtlich eine Hand auf Fifts Schulter und Fift erinnerte sich, dass sie hier draußen, außerhalb ihrer Wohnung, nicht mehr im Hausfeed waren. Sie waren jetzt im Weltfeed und alle Welt konnte sie sehen und hören.

»Die werden uns einholen, Fift«, sagte Vater Grobbard noch einmal. »Du sortierst jetzt bitte deine Gedanken und machst dich bereit.« Sie gingen los und folgten dem Pfad zwischen den Gärten und den Pavillons von Langsam-wie-Melasse: Frill ging voran, Grobbard blickte hinaus ins Gewölbe von Fullbelly und Squell hielt zweikörperlich alle drei Körper Fifts an der Hand.

{Vater Miskisk}, sendete Fift. {Vater Miskisk … Ich werde mein Bestes geben!}

Es ging nur darum, stillzusitzen und darauf zu warten, dass man einen Löffel gereicht bekam, dann musste man ihn im richtigen Moment weiterreichen und die Namen der zwölf Zyklen, die zwanzig Zustände und die acht Corpora der Langen Konversation aufsagen. Sie musste in weißen Kleidchen auf einem Holzboden sitzen, all ihre Köpfe waren rasiert und geölt. Ihre Baileltern warteten draußen in der Galerie. Sie wollte es gut machen, dann waren alle stolz, hinterher würde es Ümelkuchen und Süßspitz geben. Und dann würde Vater Miskisk lächeln.