Science-Fiction Literatur
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Moderne Science-Fiction Literatur

Benjamin Rosenbaum spricht über „Die Auflösung“

„Die Auflösung“ ist ein außergewöhnlicher und unkonventioneller Science-Fiction-Roman. Der Autor Benjamin Rosenbaum stellt sich auch hier die Frage, die für das Genre typisch ist: „Was passiert, wenn diese Entwicklung so weiter geht?“ Doch geht es hier nicht um Raumschiffe, Zeitreisen oder Supercomputer, sondern um die Entwicklung des Menschen; um Biotechnik, die Zukunft der Geschlechter und das Zusammenleben von Milliarden von Menschen. 

Zum Erscheinen des Buchs berichtet uns der Autor über die Entstehung von „Die Auflösung“ und erzählt, was ihn dazu gebracht hat, sich gegen die Konventionen des Genres aufzulehnen und einen so innovativen und klugen Science-Fiction-Roman zu schreiben.

Octavia Butler hat mir einmal erzählt, der Trick, einen Roman zu schreiben, ist, seine ganze Besessenheit hineinzugeben. Ein Roman über nur eine einzelne Idee ist zu dürr.  Wenn du einen Roman schreibst, sagte sie, und du hast eine Idee für eine Geschichte, dann schreibe nicht diese Geschichte auf, sondern verpacke sie in dem Roman. Wenn du einen Roman schreibst und er dich mitreißt, wie es „Die Auflösung“ für Jahre mit mir gemacht hat, dann wird er zum Tagebuch all deiner Besessenheit.

 

Meine älteste Tochter ist jetzt 17 Jahre alt (etwas älter als Fift im Hauptteil des Buchs). Im Roman geht es um das Kindergroßziehen und dessen wenig beachtetes Gegenstück, das Großgezogenwerden. Eltern leben immer mit einem zweifachen Bewusstsein: Man will die Dinge, die Eltern so wollen, und man weiß gleichzeitig, wie es sich anfühlt, ein Kind zu sein. Ich selbst kenne die Angst und Verantwortung des Elternseins: Ich will immer wissen, wo meine Kinder sind, ich will sie begleiten und beschützen und gleichzeitig weiß ich, wie erdrückend und peinlich sich ebendiese Bemühungen anfühlten, als ich ein Teenager war.

Jetzt verbinden Sie diese Gedanken mit unserer historischen Situation: Nach dem Mooreschen Gesetz haben die Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und einander zu beobachten, explosiv zugenommen. Die spätkapitalistische Industrie der Elternängste (die dem Vorbild der Schönheitsindustrie folgt) terrorisiert die Eltern mit ihren unerreichbaren, widersprüchlichen Anforderungen – bring deinen Kindern das Schlafen mit der Ferber-Methode bei, fördere ihr frühes Genie aber überfordere sie nicht, umkreise sie mit deinem Helikopter, um sie vor den allgegenwärtigen Belästigern zu beschützen, und ermögliche ihnen gleichzeitig eine unbeschwerte Kindheit wie damals.

In dem Buch stelle ich die Frage, die die Science-Fiction-Literatur ausmacht: Was passiert, wenn diese Entwicklung so weitergeht? Eine Welt wird erschaffen, in der neun Elternteile als unverantwortlich wenig erscheinen, in der die ganze Welt bewertet, wie gesund ein Kind in seinem Geschlecht heranwächst, und in der ein versehentlicher Moment totaler Privatsphäre etwas Verstörendes, Erschreckendes und Verführerisches ist.

„Als junger Mensch bin ich ein paarmal verrückt geworden“, sagte er, „und ich glaube, es hat mir wirklich gutgetan.“


aus „Die Auflösung“

Kleine Kinder zu haben, hat mich dazu gebracht, zu realisieren, wie absurd unsere Vorstellungen vom Geschlecht eigentlich sind. Es gibt da dieses winzige quasi-biologische Bisschen, wie verschiedene Körper sich fühlen und handeln, und dann gibt es diesen gigantischen, instabilen Haufen an Ideologien, der darauf getürmt wird. Wir bewerten uns selbst und andere ständig danach, wie gut wir die unmöglichen Ideale unseres Geschlechts erfüllen. Ob wir hart genug sind, ein Mann zu sein, oder weich genug, eine Frau zu sein. Dieser gewaltige Einfluss, den das Gendering auf unser Menschenbild, unsere Handlungsweisen und den einzelnen Menschen hat, bleibt uns meist verborgen und ich wollte ihn sichtbar machen. Ich wollte einen kritischen Blick auf die Gender-Ideologien werfen, indem ich einen anderen, quasi-biologischen Unterschied nehme, z.B. die angeborene Tendenz zur Intro- oder Extrovertiertheit, und schaue, was passiert, wenn wir ihn mit einem ähnlichen kulturellen Gewicht beladen. Wie wäre es, wenn es für uns wichtig wäre, ob ein Mensch schnell oder langsam ist, anstatt hart oder weich?

 

Die Jahre, in denen ich an dem Buch schrieb, waren von einer dezentralisierten, führerlosen Quasi-Revolution nach der anderen gefüllt: Occupy, Der Arabische Frühling, Black Lives Matter. Während des Schreibens spürte ich eine Kontroverse zwischen dem, was die Konventionen des Genres von mir verlangten, was ich über die Macht und ihre Ausübung schreiben sollte, und dem, was ich tatsächlich glaubte und fühlte. Das Genre wollte von mir einen Helden, der einen MacGuffin findet und durch ihn den Tag und die Welt rettet und nebenbei das Böse vernichtet. Mir misslang es immer wieder, eine solche Geschichte zu schreiben, bis ich schließlich einsah, dass das eigentliche Problem darin lag, dass ich sie für eine Lüge hielt. Oder zumindest, dass sie so weit von meinen Erfahrungen von Macht und ihren Auswirkungen entfernt war, dass sie wie eine Lüge wirkte. Leute wie ich finden nicht einfach die Lösung auf das finale Rätsel und retten den Tag. Wir gehören nicht zu einer kleinen Gruppe von wichtigen Leuten, die die wichtigen Entscheidungen treffen. Wir sind Teil einer komplexen, chaotischen und unübersichtlichen Welt, voll von moralischen Gegensätzen, in der es keine eindeutigen Antworten auf unsere Fragen gibt. Wir sind nicht machtlos, aber wir gehören auch nicht zu den mächtigen Leuten. Gemeinsam müssen wir Stellung beziehen und unseren Teil beitragen, um Veränderungen bewirken zu können. Aber als einzelnes Individuum können wir niemals sicher wissen, welchen Unterschied wir gemacht haben, auch wenn wir unsere 15 Minuten Ruhm bekommen haben, und meistens ist auch das Ergebnis der Veränderung ein anderes, als wir uns vorgestellt haben. Ich wollte eine Geschichte vom moralischen Handeln in einer großen, komplexen Welt schreiben. Eine Welt, in der Milliarden von Menschen gleichzeitig auf das Geschehen einwirken. Ein Gegenstück zu den übersichtlichen Welten, die uns sonst in der fiktionalen Literatur geboten werden, in denen die Helden zufälligerweise gerade die Krone, den Einen Ring oder das Ding, das die Welt rettet, tragen und deren moralische Handlungen immer eindeutig und klar sind.

„Der Herzschlag der Welt ist der Herzschlag des Kampfes.“


aus „Die Auflösung“

Ich habe die Handlung des Romans in der fernen Zukunft angesiedelt. Einerseits, weil ich ein unbeschriebenes Blatt vor mir haben wollte. Ich wollte mir selbst die Möglichkeit geben, Dinge wie Familie, Geschlecht, Wirtschaft, Politik und Persönlichkeit neu zu erfinden. Andererseits hat es mich sehr ermüdet, wie die Zukunft bisher beschrieben wurde. Auch wenn wir unsere Romane gerne mit technologischem Glanz verzieren, neigen wir dennoch dazu, rückwendig zu schreiben. Die Monarchie wurde schon zu der Zeit, als die Druckpresse erfunden wurde, als Form der politischen Ordnung abgelöst, und Kriege werden heutzutage durch Doktrinen und PR-Kampagnen gewonnen, anstatt von einzelnen Kriegshelden. Trotzdem schreiben wir Romane über Galaktische Imperien und verwegene Kämpfer. Oder wir beschreiben apokalyptische Szenarien und Dystopien, in denen die Dinge auf ein Minimum der Einfachheit reduziert wurden. In digital-fetischistischen Utopien träumen wir uns in eine transzendente mathematische Glückseligkeit.

Ich wollte einen Roman über eine Welt schreiben, die komplexer und nicht simpler als die unsere ist. Eine Welt von Billionen, in der die Technologie den Menschen plastischer macht, ohne es ihm zu ermöglichen, auf magische Weise dem Körper zu entfliehen. Eine Welt, die uns Hoffnung gibt, unsere Probleme (globale Kriege, Umweltzerstörung) zu überwinden, nur um diese durch neue zu ersetzen.

Ich wollte über eine Welt schreiben, die für mich heute aussieht, wie unsere Welt für einen Bauern im Mittelalter aussehen würde: Ein überwältigendes, komplexes und erschreckendes Paradies; eine Welt, die man sich nur mit Vorsicht wünschen würde.

In anderen Worten: Ich wollte eine Zukunft erschaffen, an die ich selber glauben konnte.

Über den Autor

Benjamin Rosenbaum ist US-amerikanischer Autor. Seine phantastischen Kurzgeschichten begeistern ein großes Publikum. Sie wurden in 25 Sprachen übersetzt und mehrfach für Preise nominiert, unter anderem für den Hugo-, den Nebula- und den World Fantasy Award. „Die Auflösung“ ist sein erster Roman. Benjamin Rosenbaum war lange als Programmierer tätig und arbeitete unter anderem an einem preisgekrönten Onlinespiel. Heute lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in der Nähe von Basel. Er ist ein langjähriges Vorstandsmitglied und ehemaliger Präsident der liberalen jüdischen Gemeinde Migwan in Basel.

Blick ins Buch
Die AuflösungDie Auflösung

Roman

In ferner Zukunft leben die Menschen in einer Gesellschaft, die von Biotechnologie und IT geprägt ist. In einer Zeit, in der sich die Geschlechtergrenzen aufgelöst haben und jeder mehrere Körper besitzt, muss die junge Fift ihre Stellung im System behaupten. Doch als sie sich mit dem schlecht beleumundeten Biotechniker Shria anfreundet, gerät alles außer Kontrolle. Ungewollt geraten Fift und Shria in ein skandalöses Kunstspektakel, das in Wirklichkeit der Auftakt einer Revolte gegen das starre System ist. Plötzlich werden sie zu Prominenten und unfreiwilligen Trägern von Umbrüchen ...
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