Veit Heinichen | Reihenfolge | Commissario Laurenti
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Die Krimis von Veit Heinichen

»Heinichen ist ein unermüdlicher Chronist unserer Zeit« NDR

 

Freitag, 01. September 2017 von Piper Verlag


Proteo Laurentis zehnter Fall

Rache ist ein Gericht, das man kalt genießt

Hat Commissario Laurenti damals einen folgenschweren Fehler begangen? Noch immer stellt er sich diese Frage. Ganz besonders, seit Aristèides Albanese nach siebzehn langen Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Jedem der zwölf Zeugen von damals will er eine letzte Mahlzeit bereiten - und bald schon gibt es einen ersten Toten. Aber ist Albanese auch der Täter? Fieberhaft sucht Laurenti nach der Verbindung zwischen damals und heute ...

1) Gib jedem seinen eigenen Tod


Der Handel mit jungen Frauen aus Osteuropa und internationale Korruption: In der mörderischen Hitze des Triestiner Sommers bekommt es Laurenti mit organisierter Kriminalität von europäischem Ausmaße und mit Mord zu tun. Eine Luxusyacht läuft in den frühen Morgenstunden mit voller Fahrt auf die Küste auf. Als sie gefunden wird, ist sie leer, von ihrem Eigner fehlt jede Spur…

»Ein raffinierter Roman. Das Buch hat alles, was ein Krimi braucht: viel Blut, schöne Frauen und einen Commissario.«


Berliner Morgenpost

2) Die Toten vom Karst

Alter und neuer Rassismus, alter und neuer Faschismus mit mörderischen Folgen. Über Triest fegt die Bora nera, ein eiskalter Nordostwind, der die Stadt am Meer unter einer dicken Schneedecke begräbt. Das Wetter passt zur Gemütslage von Kommissar Laurenti, der gerade von seiner Frau verlassen worden ist. Um sich abzulenken, stürzt sich Laurenti in die Arbeit: Immer mehr Rechtsradikale versammeln sich in der Stadt, sogar Laurentis Sohn wird in ihrer Nähe gesehen…
Alte Wunden tun sich auf, deren Ursprung in die ideologischen Niedrigkeiten der Abrechnungen nach dem Zweiten Weltkrieg führen, die bis heute nachwirken.

»Veit Heinichen erschließt sich in diesem Roman topographisch und historisch neue Räume. Mit ›Die Toten vom Karst‹ etabliert sich der Commissario als Serienheld: man möchte noch öfter mit ihm auf Spurensuche gehen.«


Süddeutsche Zeitung

3) Tod auf der Warteliste

Die gnadenlose Ausbeutung von Armut und der Handel mit menschlichen Organen kennen keine Grenzen: Seit beim Gipfeltreffen des deutschen Bundeskanzlers mit Berlusconi ein nackter Mann von der Limousine des Staatsgastes überfahren wurde, spielt Triest verrückt. Jeder verdächtigt jeden, sogar Laurenti gerät ins Fadenkreuz. Als dann noch der Arzt einer exklusiven Beauty-Klinik vor den Toren Triests auf brutale Weise ermordet wird, beginnt das Klima zu kippen.

»In der Reihe der seit Jahren so überaus erfolgreich ermittelnden Regional-Kommissare ist Proteo Laurenti aus Triest einer der kauzig-köstlichsten. Heinichen beherrscht sein Krimi-Handwerk mit erfreulicher Professionalität.«


Der Spiegel

4) Der Tod wirft lange Schattten

Zwei ungelöste Mordfälle der siebziger Jahre, deren Ursprung in der Kollaboration mit den Nazibesatzung liegt: Auch in Kommissar Laurentis 4. Fall führen wieder Spuren in die unruhige politische Vergangenheit Triests. Und nicht nur einfache Kleinkriminelle, sondern die Spannungen der paramilitärischen Stay-Behind-Organisation, geheime Waffendepots und die Kollegen vom italienischen Geheimdienst stören Laurentis Kreise.

»Ausführliche Recherchen, eine fundierte historische Kenntnis und der Wille zum politischen Statement zahlen sich aus - der neueste Krimi von Veit Heinichen ist ein großer Roman geworden.


Berliner Zeitung

5) Totentanz

In seinem fünften Kriminalfall hat Commissario Proteo Laurenti einen Sack voll privater Probleme zu lösen. Darüber hinaus beschäftigt ihn die internationale Müll-Mafia, hinter der alte Bekannte stecken, die ihm an den Kragen wollen, und die Finanz- und Bauspekulationen in Istrien. Was Laurenti jedoch nicht ahnt: Die Verbrecher besitzen ein einzigartiges Präzisionsgewehr, auf das sogar die Amerikaner scharf sind…

6) Die Ruhe des Stärkeren

Europa, Hedgefonds und illegale Hundekämpfe – der neue Kampfhundkapitalismus führt zur internationalen Finanzkrise: Als Commissario Proteo Laurenti nachts von einer EU-Sicherheitskonferenz nach Triest zurückkehrt, wird im selben Zug ein Mann ermordet. Die Ermittlungen belasten Laurenti zusätzlich, denn eigentlich erfordert die Zeremonie zur Erweiterung der Schengen-Zone seine ganze Konzentration. Der sechste Kriminalroman von Veit Heinichen führt in die dunklen Machenschaften in der Grenzregion um die Hafenstadt Triest. Es geht um viel Geld und die politisch-wirtschaftlichen Veränderungen in Europa.

»Mit dem Gespür des Psychoanalytikers legt Heinichen die Gesellschaft in Triest als den Prototyp der paneuropäischen Stadt bloß.«


Badische Zeitung

7) Keine Frage des Geschmacks

Korruption, Manipulation und Ausbeutung: Ein deutscher Filmproduzent wird bei Triest tot aus der Adria gefischt. Mord? Der Verdacht fällt auf Lele Raccaro, den politisch einflussreichen Geschäftsmann, und seine unehelichen Söhne…. Gemeinsam mit der aus Äthiopien stammenden, englischen Journalistin Miriam Natisone begibt sich Kommissar Laurenti auf die Spur der Drahtzieher eines folgenschweren Machtspiels.

»Sorgsam zeichnet er seine Figuren, immer die Sensibilität für kleine Details wahrend, was das Atmosphärische atmen lässt.»


Hamburger Abendblatt

8) Im eigenen Schatten

Raffiniert, spannend und detailgenau zeigt Veit Heinichen in seinem neuen Krimi, wie nah Politik und internationale Kriminalität beieinanderliegen. Das Flugzeug eines honorigen Geschäftsmanns und Expolitikers aus Südtirol explodiert nahe Triest. Sprengstoffspuren am Wrack der Cessna lassen Kommissar Laurenti rasch ein Verbrechen vermuten. Als während der Trauerzeremonie ein Goldtransporter auf der Autostrada A4 brutal überfallen und gekapert wird, überschlagen sich die Ereignisse im Dreiländereck Italien-Österreich-Slowenien.

»Veit Heinichen ist ein unermüdlicher Chronist unserer Zeit und ein Autor, der ohne Angst und Scheu über die Abgründe der Gesellschaft schreibt, dabei aber nie aus den Augen verliert, dass Thriller vor allem spannend sein sollten.«


NDR

9) Die Zeitungsfrau

Illusion oder Wahrheit? Schräge Geschäfte um den Hafen, Kunstraub, Altenheime und Spielautomaten. Der kapitale Raubzug im Freihafen von Porto Vecchio trägt die Handschrift seines alten Feindes Diego Colombo – Commissario Laurentis Jagdeifer ist geweckt und er ist     entschlossen, Diego, an dessen angeblichen Selbstmord er nie geglaubt hat, endlich die Handschellen anzulegen. Was für einen Grund aber könnte Diego haben, nach so vielen Jahren seine Tarnung unnötig aufs Spiel zu setzen? Habgier, Leichtsinn? Oder vielleicht Rache?

»›Die Zeitungsfrau‹ zeigt Veit Heinichen auf der Höhe seines Könnens: Elegant schnürt er aus Werkgeschichte, Gesellschaftskritik und italienischen Momenten ein lesenswertes Paket.«


Weser Kurier

Blick ins Buch
Die ZeitungsfrauDie ZeitungsfrauDie Zeitungsfrau

Commissario Laurenti in schlechter Gesellschaft

Der kapitale Raubzug im Freihafen von Porto Vecchio trägt die Handschrift seines alten Feindes Diego Colombo - Commissario Laurentis Jagdeifer ist geweckt. Insgeheim nötigt ihm die Präzision des Verbrechens zwar einigen Respekt ab – doch ein Unschuldiger stirbt, und Proteo Laurenti ist entschlossen, Diego, an dessen angeblichen Selbstmord er nie geglaubt hat, endlich die Handschellen anzulegen. Was für einen Grund aber könnte Diego haben, nach so vielen Jahren seine Tarnung unnötig aufs Spiel zu setzen? Habgier, Leichtsinn? Oder vielleicht Rache? Laurenti begreift, dass er die Antwort auf diese Frage in den feineren Kreisen Triests finden wird, zu denen Diegos Komplizen von einst längst gehören ...
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Gute Reise

Mild spiegelte sich die Beleuchtung der Uferstraße auf dem glatten Meer. An den Anlegern in der Sacchetta warteten Hunderte Segeljachten und Motorboote darauf, mit dem Frühjahr aus der Winterruhe geführt zu werden. Nur vereinzelt vernahm der Maresciallo mit der Uniform der Guardia di Finanza, der sich auf dem Molo Fratelli Bandiera hinter einem Müllcontainer verbarg, das melodische Klingeln und Klappern der Wanten und Stege, wenn eine Brise übers Wasser hauchte. Mit weit geöffneten Augen folgte er in der Dunkelheit des neuen Monds und der matten Kaibeleuchtung den flinken Bewegungen eines schlanken Mannes, der keine hundert Meter weiter aus einem BMW Touring gestiegen war, dessen Tür er leise ins Schloss drückte, und dann die Absperrung eines Stegs überwand.

Mit einem katzenhaften Sprung landete der akrobatische Kerl an Bord einer enormen Motorjacht, wo er sich sogleich an der Tür zur Kabine zu schaffen machte. Metallisches Kratzen drang herüber. Der Klang eines schweren Vorhängeschlosses, das auf das Deck aus Edelholz fiel, zerriss wie ein Hammerschlag die Stille der Nacht, dem das Geräusch einer Schiebetür folgte, die bis zum Anschlag geöffnet wurde.

Ein greller Blitz zerriss die Dunkelheit, meterhohe Stichflammen jagten zeitgleich mit der Druckwelle der Explosion empor und setzten auch die beiden Segelboote neben der Jacht in Brand. Trümmer fielen in weitem Umkreis herab. Der Maresciallo taumelte ein paar Schritte zurück und fand an einer grauen Hauswand Halt, deren von salzigen Meerwinden mitgenommener Putz unter seinen Händen abbröckelte. Er klopfte sich eilig den Staub von der Uniformjacke, stieg in seinen ginstergelben Lancia Delta in Rallyeausstattung und hielt neben dem Fahrzeug des Einbrechers, aus dessen Kofferraum er drei flache Kartons zog, die er gerade noch mit seinen gespreizten Armen zu umfassen vermochte. Er überprüfte die Aufschriften und hievte sie eilig auf den Rücksitz seines Wagens, den er sogleich wendete und wieder die Mole entlangfuhr, um wenige Meter weiter in den Hof der Guardia di Finanza einzubiegen, aus der bereits die Kollegen der Nachtschicht gelaufen kamen und zum Ort der Explosion hinüberschauten.

»Haben Sie das gesehen, Maresciallo?«, rief ein aufgeregter junger Brigadiere und fuchtelte mit dem ausgestreckten Arm, als hätte er sich verbrannt.

»Alles habe ich gesehen, von Anfang an. Es war Diego Colombo. Er ist in die Jacht eingebrochen. Ich wollte euch gerade rufen, um ihn endlich einzulochen, als die Bombe hochging. Diesmal hat er ganz offensichtlich einen Fehler gemacht. Seinen letzten. Früher oder später passiert das jedem. Es war auf die Sekunde 4 Uhr 44. Montag der 14. April 1991, um 4 Uhr 44.«

Er wiederholte noch einmal Datum und Uhrzeit, als wollte er sie dem jungen Beamten einbläuen, doch das Sirenengeheul der herbeirasenden Feuerwehrautos und Streifenwagen der Polizia di Stato und der Guardia Costiera überlagerte seine Stimme.

»Nach dem Schreck brauche ich eine Zigarette. Hast du eine, Brigadiere?«

»Aber dann ist das unser Fall, Maresciallo.« Der Kollege reichte ihm aufgeregt die Packung und das Feuerzeug. »Worauf warten Sie?«

»Lass das die anderen erledigen. Schau, wie eilig sie es haben. Die Ersten von ihnen laufen schon hinüber. Ich war doch erst auf dem Weg zum Dienst. Ich sage als Zeuge aus. Falscher Ehrgeiz lenkt nur von der eigenen Arbeit ab. Merk dir das. Wir haben schon genug zu tun mit Steuersündern, illegaler Devisenausfuhr und Geldwäsche.« Er tat ein paar tiefe Züge, dann stampfte er mit dem Stiefel auf den Asphalt. »Mit Colombos Tod ist wenigstens Schluss mit den Raubzügen und seinen Bombenanschlägen in der Stadt. Eine wahre Befreiung.«

»Sind Sie sicher, dass er tot ist, Maresciallo?«

»Er hat ein großes Paket hineingeschleppt.« Er spreizte beide Arme. »Wenn du die Detonation so wie ich gesehen hättest, würdest du nicht so dämlich fragen. Von dem blieb höchstens Frikassee übrig, und das werden die Fische fressen, noch bevor die Kriminaltechniker etwas aus dem Wasser ziehen können.«

»War er denn drinnen?«

»Ja. Da ist er nicht mehr rausgekommen.«

Das Heck der Jacht versank immer tiefer, während sein Bug mit der Vertäuung bedrohlich am Steg zerrte. Vom Kabinenaufbau war lediglich ein metallener Stumpf übrig geblieben. Dampfwolken stiegen auf. Oder war es der Rauch von einem Feuer unter Deck? Die Polizisten auf dem Steg wichen zurück, um den Feuerwehrleuten Platz zu machen, die ihre Wasserkanonen auf die in Flammen stehenden Schiffe neben dem Wrack richteten. Trotz der frühen Stunde standen bereits Schaulustige an der Uferstraße.

»Brigadiere, ich hoffe nur, dass mein Wagen nichts abbekommen hat.«

»Solch einen würde ich auch gerne fahren, Maresciallo.«

»Dann musst du sparen. Du bist grad halb so alt wie ich.« Der Rallye-Lancia kostete mehr als drei seiner Jahresgehälter, doch niemand fragte danach, wie er ihn bezahlt hatte.

»Wie viele Exemplare wurden davon gebaut?«

»In Ginstergelb nur 220.« Der Marescallio trat die Kippe aus. »Den Staub allein kann man abwaschen. Kümmere dich darum, aber mach keine Kratzer in den Lack. Ich will, dass er wie immer glänzt, sobald es hell wird. Und sag mir dann Bescheid, ob der Wagen mehr abbekommen hat. Ich spendier dir später einen Kaffee.«

Der junge Beamte salutierte beflissen und machte sich an die Arbeit, während Maresciallo La Rosa sich am Empfang der Dienststelle in die Anwesenheitsliste eintrug.

 

Die Nachricht von der Explosion im Sporthafen verbreitete sich wie ein Lauffeuer und erreichte Teresa Fonda, kurz nachdem sie ihren kleinen Zeitungsladen an der Piazza San Giovanni geöffnet hatte und die ersten Kunden bediente. Vor wenigen Monaten hatte sie das neun Quadratmeter große Geschäft gegen eine erhebliche Abstandszahlung übernommen, für die Diego Colombo aufgekommen war. Sie waren ein Paar seit Teresas achtzehntem Geburtstag, und sie kannte den acht Jahre älteren, in Argentinien aufgewachsenen Cousin zweiten Grades, seit sie vierzehn war und er in Triest Unterschlupf bei den Verwandten gesucht hatte. In den Falklandkrieg hätte er damals ziehen sollen, stattdessen war er mit einer gestohlenen Jacht aus dem Hafen von Mar del Plata geflohen und hatte es über Brasilien mit dem Boot bis nach Europa geschafft. Rasch fasste er Fuß in der fremden Stadt und hatte sich als Skipper auf den Segeljachten reicher Leute verdingt oder für einen Finanzpolizisten Jobs erledigt, über die er selbst auf die Fragen Teresas schwieg. Erst kurz vor ihrer Hochzeit letztes Jahr hatte Diego sie eingeweiht.

Dank der stets guten Laune der 1,85 Meter großen jungen Frau mit dem schulterlangen dunklen Haar und den üppigen Formen, die sie nicht versteckte, schnellte der Umsatz der Bude an der belebten Piazza rasch empor. In vier Monaten erwartete sie ihr erstes Kind, was ihr noch mehr Energie zu verschaffen schien. Aber als sie das Gesicht des Inspektors sah, der mit einem Kollegen darauf wartete, dass sie alleine im Laden war, verflog ihr strahlendes Lächeln.

»Teresa Fonda?«, fragte der Polizist, der Jeans, T-Shirt und eine Lederjacke trug und seine Dienstmarke zückte.

Teresa schätzte ihn auf Mitte dreißig. Trotz seines Ernstes prägte ihn ein sympathischer Gesichtsausdruck. Blaue Augen, südlicher Teint, leicht welliges, schwarzes Haar. Sie nickte.

»Und wer sind Sie?«

»Ispettore Laurenti, Questura di Trieste. Wo ist Diego Colombo?«

Sein noch jüngerer, blässlicher und schlecht rasierter Kollege starrte wie gebannt auf das tiefe Dekolleté der Ladenbesitzerin.

»Im Urlaub, weshalb?«

Sie zupfte an ihrem leichten zitronengelben Pullover. Der jüngere Polizist errötete.

»Wann kommt er zurück?«

»Weshalb wollen Sie das wissen?«

Der Inspektor hob eine versiegelte Plastikhülle mit einem durchnässten Dokument empor. »Sein Personalausweis schwamm im Sporthafen in der Sacchetta zwischen den Trümmern einer Motorjacht, die mit Sprengstoff in die Luft gejagt wurde.«

Teresas Blick verfinsterte sich, als sie das Passbild erblickte. Rasch sperrte sie vor dem nächsten Kunden die Ladentür ab. »Diego kommt heute aus den Bergen zurück. Er war ein paar Tage im Urlaub.«

»Kann man ihn dort telefonisch erreichen?«

Laurentis Blick war streng. Teresa Fonda biss sich auf die Lippen und schüttelte stumm den Kopf.

»Wohin ist er gefahren? Wir werden die Kollegen bitten, ihn ausfindig zu machen.«

»In die Berge, hat er gesagt. Er nannte keine Adresse. Diego ist schon seit Jahren sauber, Ispettore, dass er ein halbes Jahr im Knast saß, war eine Intrige von diesem Maresciallo von der Guardia di Finanza. Eine üble Falle, doch das Wort eines Uniformierten zählte wie üblich mehr als das eines normalen Bürgers. Weshalb suchen Sie ihn?«

Der Jungspund an der Seite des Inspektors plusterte sich plötzlich auf, als wollte er sich für den süßen Traum rächen, den Teresas Dekolleté bei ihm ausgelöst hatte. Seine Stimme klang rechthaberisch wie das Bellen eines Zwerghundes.

»Ich hoffe, er hat eine gute Reise. Hätte das Dokument länger im Wasser gelegen, wäre es auf den Grund gesunken. Gehen Sie vom Schlimmsten aus, Signorina.«

»Signora, bitte.« Sie schenkte dem Kläffer keinen Blick und wandte sich nur an den Inspektor. »Wie kann ich Sie erreichen?«

Laurenti zog eine Visitenkarte aus dem Portemonnaie und schrieb die Nummer seines ersten Mobiltelefons auf die Rückseite, das er seit einer Woche besaß. Ein klotziges Gerät mit einer langen Antenne. »Rufen Sie mich bitte an, sobald er sich meldet.«

Sie schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und starrte noch immer auf den Schriftzug, als die beiden Polizisten schon auf der Straße waren. Teresa Fonda sah, wie sie die Piazza San Giovanni überquerten und an der Gran Malabar haltmachten, um einen Kaffee zu trinken. Kaum hatte sie den Kunden, die vor ihrem Laden warteten, fast wortlos Zeitungen, Zigaretten und das Wechselgeld ausgehändigt, drehte sie das Schild mit den Öffnungszeiten um, auf dessen Rückseite »Torno subito« zu lesen stand. Zweimal drehte sie den Schlüssel um und eilte zum Taxistand, wo sie den Fahrer anwies, sie zur Sacchetta zu chauffieren.

Diego Colombo, der zukünftige Vater ihres ersten Kindes, war bereits gestern von einer Reise in die Schweiz mit seinem Wagen zurückgekommen und hatte gesagt, er müsse noch einen letzten Auftrag für Maresciallo La Rosa von der Guardia di Finanza erledigen. Danach sei er ihn endgültig los.

Von Weitem schon sah Teresa die Fahrzeuge von Polizei und Feuerwehr, ein riesiger Kranwagen fuhr soeben die hydraulischen Stützen aus, die Köpfe von Tauchern ragten aus dem Wasser, die sich mit Handzeichen verständigten. Der Verkehr der morgendlichen Rushhour musste sich auf einer Fahrspur vorbeiquetschen, das Taxi kam nur schrittweise voran. Der Fahrer schimpfte, als sie ihm den Betrag in die Hand drückte, den der Taxameter gerade anzeigte, und lange vor dem Ziel ausstieg. Zu Fuß war sie deutlich schneller. Sie ließ das Hafenbecken keine Sekunde aus den Augen, erst als sie auf der gegenüberliegenden Landzunge am Molo Fratelli Bandiera vor dem Gebäude der Sektion der Finanzpolizei stand, wendete sie sich um und fragte am Empfang nach Maresciallo Lino La Rosa.

»Du hast ihn umgebracht, du Schwein«, brüllte sie schrill, kaum dass der Uniformierte nach einer langen Viertelstunde endlich auf sie zukam. Er hatte Teresa Fonda am Empfang schmoren lassen, wo sie nervös auf und ab gegangen war. Ein falsches Lächeln zeichnete seine Züge, die Hände steckten in den Hosentaschen.

»Das war kein Unfall, Lino. Das war Mord. Du hast das eingefädelt, weil du wusstest, dass du nichts mehr gegen Diego in der Hand hattest, und Angst bekamst, dass er dich hochgehen lässt. Du hast uns lange genug ausgepresst, dein Spiel ist aus.«

Teresas zeternde Stimme hallte durch den ganzen Flur, die Kollegen des Maresciallos schauten neugierig aus ihren Büros.

»Ah, hat man ihn also gefunden? Das ging ja schnell. Reg dich ab, ich habe nur die Explosion des Schiffes gesehen, als ich zum Dienst fuhr. Es war noch dunkel, aber die Gestalt, die sich dort zu schaffen machte, war eindeutig Diego. Um 4 Uhr 44 genau, heute am 14. April 1991. Das habe ich als Zeuge zu Protokoll gegeben. Dass sein Ausweis aufgetaucht ist, hörte ich auch erst vor Kurzem.«

»Du warst gestern mit ihm verabredet, du Dreckschwein.«

»Du hast eine blühende Fantasie, Mädchen. Liegt wohl an der Schwangerschaft.«

»Wo sind die Bilder? Ein Mantegna, eines von Daniele Crespi und La Maddalena von Tintoretto, die er aus der Schweiz holte. Sie gehören ihm.«

»Kunst interessiert mich einen feuchten Dreck, mir gefällt das richtige Leben. Du spinnst, Mädchen. Ich habe den Verbrecher seit Monaten nicht gesehen. Gott sei Dank. Such dir bessere Gesellschaft. Und verschwinde von hier, bevor ich dich wegen Beleidigung einer Amtsperson und Rufschädigung anzeige und verhaften lasse. Dann kommt die Brut dieses Teufels im Gefängnis zur Welt. Raus hier, und zwar sofort.«

Zwei weitere Uniformierte bauten sich hinter ihm auf. Teresa wich keinen Millimeter vom Fleck und fixierte ihn mit loderndem Blick, der andere in Angst und Schrecken versetzt hätte.

»Du wirst dich noch wundern«, zischte die aufgebrachte junge Frau.

La Rosa drehte sich wortlos ab und entfernte sich im langen Flur. Als er die Tür seines Büros öffnete, wagte er einen Blick zurück. Teresa Fonda war verschwunden. Er ging sofort zum Fenster und versuchte sie vergebens unter den Schaulustigen am Ufer auszumachen. An seinem Schreibtisch hielt er den Vorfall mit Datum und Uhrzeit und Teresas Wortlaut fest, brachte das Blatt dann dem Beamten am Empfang, der es als Zeuge unterschrieb. Man wusste nie.

Wütend und voller verzweifelter Sorge ging Teresa Fonda die Mole entlang und blickte immer wieder zum Anleger hinüber, an der die Taucher die Taue festgemacht hatten, mit denen ein riesiger Kran der Feuerwehr das Wrack bergen sollte. Am gegenüberliegenden Ufer standen noch mehr Gaffer, ein Pressefotograf hatte sich vorgedrängt, und der Kameramann des Regionalfernsehens hatte sein Stativ aufgebaut. Die Sportskanonen der anliegenden Ruderklubs mussten auf ihr heutiges Training verzichten, ein Schiff der Küstenwache blockierte die Hafeneinfahrt, solange die Untersuchungen und die Bergung andauerten.

Erst als Teresa die Bucht zur Hälfte umgangen hatte, schrak sie auf. Der Liegeplatz der Esperanza war leer. Wo zum Teufel war das alte, zwölf Meter lange Segelboot geblieben, mit dem Diego Colombo einst aus Argentinien geflohen war? Er hatte es wie seinen Augapfel gehütet. Teresa biss sich auf die Unterlippe – hatte Maresciallo La Rosa sich vielleicht getäuscht?

 

Geschäfte bis zum Ende

»Du schuldest mir 36 000 Euro Provision! Ich habe dir im letzten Monat sieben Leichen geschickt und in dem zuvor fünf. Ich kenne die Kalkulation. Du verdienst gut genug, und du kennst die Konsequenzen. Das Spiel ist aus.«

Die fahrige, gedrungene Handschrift Darias war unverkennbar. Früher hatte Corrado Giuliani unzählige Liebesbekundungen aus ihrer Hand erhalten, doch seit sich das Blatt gewendet hatte, ließ sie ihn nicht mehr aus dem eisernen Griff entkommen und presste ihn aus. Der 45-jährige Bestattungsunternehmer atmete tief durch, faltete ungeschickt das Papier zusammen und wischte sich den Schweiß von der Stirn, gegen den die Klimaanlage machtlos war, es lag nicht an der ungewöhnlichen Wärme des Septembertags. Corrado Giuliani bebte vor Angst, und seine ohnehin helle Haut war jetzt fast so weiß wie Wandfarbe, als er zu den beiden Typen aufsah, die sich vor ihm aufgebaut hatten.

Seit einer Stunde parkte der klapprige und zerbeulte Lieferwagen vor dem Bestattungsinstitut Pace Eterna am Campo San Giacomo. Die beiden Kerle im Führerhaus hatten unablässig durchs Fenster zu ihm ins Büro im Erdgeschoss des schmucklosen Gebäudes hereingeschaut, wenn sie nicht gerade mit ihren Smartphones spielten. Giuliani war es schwergefallen, sich so lange auf das bedrückte Ehepaar zu konzentrieren, das vor ihm saß und die Beerdigung ihres soeben verblichenen Anverwandten zu regeln hoffte. Unkonzentriert musste er immer wieder nach den Wünschen fragen, die sie bereits genannt hatten, und dann verrechnete er sich auch noch beim Preis und musste die Liste noch einmal kontrollieren. Und als es um die Bezahlung ging, verhaspelte er sich gleich wieder, weshalb die beiden einen langen stummen Blick austauschten, den Vertrag aber dann doch unterzeichneten.

Nur einmal waren die zwei Männer eine Viertelstunde lang in der Spielautomatenbar schräg gegenüber verschwunden. Dann standen sie plötzlich vor ihm, mussten eingetreten sein, als seine letzten Kunden an diesem Tag das Institut verließen. Beide in schmutzigen Bluejeans und T-Shirts, die über ihren tätowierten Oberarmen spannten.

Der eine hielt ihm grob den Zettel vor die Nase, während der Dünnere und Nervösere der beiden sich sogleich an den Schränken und Vitrinen mit den Mustern zu schaffen machte, Stoffe herausnahm, Kruzifixe und Trauerkarten zu Boden fallen ließ, Holzstücke in den Farben der bestellbaren Särge ins Licht hielt, schließlich die Urnen in jeder Form, Material und Größe begutachtete. Nachdem er erst lange mit dem Schlüsselbund auf diesen herumgeklimpert hatte, knallte er demonstrativ eine auf den Schreibtisch.

»Du kannst uns deine Wünsche gleich mitteilen, wenn du nicht bezahlst.« Seine sizilianische Herkunft war nicht zu überhören. »Wir werden sie berücksichtigen, soweit uns dies möglich ist, wenn wir dich in einem Wald verscharren. Du hast die Wahl zwischen den Wurzeln von Eichen, Kastanien oder Pinien.«

»Oder ziehst du einen Stein an den Beinen vor, mit dem wir dich ins Meer werfen? Seebestattungen sind schwer in Mode gekommen.« Der Akzent klang nach Balkan, der Mann setzte sich vor Giuliani auf den Schreibtisch und scherte sich nicht darum, dass er den soeben abgeschlossenen Bestattungsvertrag zerknitterte. »Für eine Einäscherung garantieren wir dir einen Sonderplatz in der städtischen Müllverbrennung.«

»Du weißt, dass die Chefin zornig ist, weil du ihr ihren Anteil an deinem jämmerlichen Geschäft schuldest«, übernahm der Dünne nahtlos das Wort. »Wir beide aber sind stinkwütend auf dich. Auch wir bekommen unsere Kohle erst, wenn du ihren Anteil zahlst. Und wir warten nun schon zwei Monate.«

Der Sizilianer öffnete eine weitere Schranktür und warf den erstbesten Stapel Unterlagen zu Boden.

»Sie bekommt das Geld schon.« Giulianis blaues Hemd zeigte dunkle Schweißflecken. Seine Stimme war gepresst, der Blick starr. »Ich habe Daria erklärt, dass ich einige Investitionen tätigen musste, damit die Geschäfte weiterlaufen. Fragt sie gefälligst, bevor ihr hier noch weiteren Schaden anrichtet.«

»Vergiss es, Aasgeier. Die Chefin sagt, was Sache ist. Und auch du tust besser, was sie will, weil wir uns sonst selbst bedienen. Wo ist der Tresor?« Der Akzent aus dem Osten war so hart wie der Blick des Mannes.

»Habe ich nicht, schaut euch um. Die Leute bezahlen per Überweisung.«

»Nur den kleinen Teil, die Fünfzehnhundert, die sie von der Steuer absetzen können. Den Rest kassierst du schwarz.« Toni ließ ein Messer aufspringen und putzte sich mit der blitzenden Klinge demonstrativ die Nägel. »Rück die Kohle raus.«

»Ich habe kein Geld hier. Kommt morgen wieder. Zur gleichen Zeit.«

»Du hast gar nichts zu befehlen, du sollst blechen. Jetzt.«

Corrado Giuliani zuckte vor Schreck zusammen, als das Stilett schlagartig vor ihm auf der Tischplatte einschlug und ausfederte. Doch bevor er danach greifen konnte, hielt es bereits der Mann vom Balkan in der Hand und setzte ihm die Klinge an die Kehle. Im selben Moment zog er die Brieftasche des Bestatters aus dessen Jackett und entnahm das Bargeld.

»Was? Nur dreihundert Euro trägst du mit dir? Und wie bezahlst du deine Lieferanten? Ihr arbeitet doch alle schwarz. Und niemand kontrolliert euch.«

»Führ dich nicht auf wie ein Heiliger«, trotzte Giuliani. »Du hast mit Sicherheit noch nie eine Steuererklärung abgegeben. Kommt morgen wieder, habe ich gesagt.«

Sein Blick folgte sogleich dem Klirren einiger Urnen, die Toni am Boden zerschmetterte. Eine aus Gusseisen kullerte übers Parkett, dann fiel ihr Deckel ab und gab ein Bündel zusammengerollter Scheine frei. Der Sizilianer grinste breit, hob es auf und zählte durch.

»Wenigstens eine Anzahlung. Das sind 10 000.«

»Es sind 15 000. Spinnst du?«, krächzte Giuliani aufgebracht.

»Verzugszinsen und Fahrtkosten, Aasgeier. Mal sehen, was sich in den anderen befindet.«

»Sie sind alle leer«, rief Giuliani panisch und konnte dennoch nicht verhindern, dass die ganze Kollektion auf dem Boden landete.

Alabaster, Terrakotta, Kristallglas splitterten in feinste Scherben, nur die Urnen aus Gusseisen und Marmor hielten stand. Geld fand sich keines mehr.

»Du hast Zeit bis morgen Vormittag um neun, Aasgeier.«

Dardan klappte das Messer zu und warf es in Tonis Richtung, der es mit der linken Hand auffing und es gelassen mit den Banknoten einsteckte.

»Eine Quittung können wir dir leider keine ausstellen«, feixte der Sizilianer.

Corrado Giuliani saß zusammengesunken in seinem Bürostuhl und starrte ihnen stumm nach. Als er kurz darauf aus dem Fenster schaute, sah er, wie Toni ihm aus dem Führerhaus des Lieferwagens fröhlich zuwinkte.

Er griff zum Telefon und wählte die Nummer des Altenheimes Golden Age Residenz. Er wusste, dass dies die einzige Möglichkeit war, Daria zu erreichen, denn wenn sie seine Nummer auf dem Mobiltelefon erkannte, würde sie gewiss nicht antworten. Eine der Altenpflegerinnen nahm nach langem Klingeln ab und stellte ihn ins Büro durch, nachdem er sich unter falschem Namen nach einem Pflegeplatz für seine Mutter erkundigt hatte, die in Wirklichkeit schon vor zwei Jahren verblichen war. Noch immer erschauderte er, als er den gutturalen Klang von Daria Bonos Stimme vernahm, die sich in geschäftsmäßiger Freundlichkeit meldete.

»Ich habe ihnen 15 000 gegeben, Daria«, platzte der Bestatter sofort los. »Sie werden behaupten, dass es nur zehntausend Euro gewesen wären, und den Rest selbst einstreichen.«

»Das ist nicht mein Problem. Du bist ein elender Betrüger, Corrado. Du warst es, als du mich gevögelt und mir eine rosige Zukunft ausgemalt hast, bis ich nach Jahren entdecken musste, dass du verheiratet bist und zwei Kinder hast. Und jetzt traust du dich tatsächlich, mich noch einmal hinzuhalten. Vergiss es.«

»Du hast dich dabei nicht gerade zurückgehalten, du konntest ja nicht genug kriegen von mir und meinem Schwanz.«

Sein Blick fiel auf eine goldglänzende Ikone; die Grababnahme Christi war der einzige Wandschmuck in seinem Büro. Ein Geschenk von Daria, als sie noch über beide Ohren in ihn verliebt war und sie große Pläne schmiedete. Sie stammte aus dem Nachlass eines verstorbenen Bewohners der Golden Age Residenz.

»Du bist ein Schwein, wie alle Männer. Das vergesse ich nicht. Wir haben längst eine geschäftliche Übereinkunft, und wenn du deinen Teil nicht erfüllst oder zu dumm bist, deine Schulden richtig zu begleichen, dann ist das dein Problem. Außerdem bist du mit deutlich mehr im Rückstand. Keiner hat mich je so lange hingehalten.«

»Aber, Daria, ich habe dir doch gesagt, dass ich investieren musste …«

»Deine Probleme interessieren mich nicht. Wann bezahlst du den Rest?«

»Sobald ich kann, Daria. Hab ein bisschen Geduld.«

»Geduld hatte ich mehr als genug mit dir. Du bist seit Juli im Rückstand, der September kommt noch dazu. Ich will das Geld jetzt. Wenn du nicht bezahlst, kommen die beiden wieder und schneiden es dir aus den Rippen. Hast du das verstanden?«

»Aber, Daria, es ist nicht so einfach, wie du …«

»Wenn du willst, dann treffe ich mich gerne auch mit deiner Frau, Corrado. Sie wird dich auf die Straße setzen, das garantiere ich, wenn sie von deinen Schweinereien erfährt. Nicht nur mich hast du über Jahre betrogen, vergiss das nicht. Du hast das Bestattungsinstitut von ihrem Vater übernommen. Es gehört noch immer ihr, auch wenn du jeden Monat eine Menge Geld an ihr vorbeischleust.«

»Vergiss nicht, dass ich ein paar Dinge weiß, über die sich die Polizei freuen würde. Deine Ikone an meiner Wand, die du mir so hingebungsvoll vermacht hast, hat dich keinen Cent gekostet, weil deine Handlanger sie gestohlen haben.«

»Beweise es, du Idiot. Du kannst es von mir aus drauf ankommen lassen.« Daria war nicht einzuschüchtern. »Heute ist der 22. September 2015. Morgen will ich das Geld, sonst …«

»Beruhige dich, das habe ich doch schon deinen beiden Eintreibern versprochen. Sorg dafür, dass sie nichts unterschlagen. Du kannst mich nicht ewig ausquetschen.«

Giuliani vernahm nur noch das Tuten in der Leitung. Er wählte sogleich die Nummer der Wohnung im letzten Stock des Gebäudes und behauptete mit falscher Fröhlichkeit, dass er an diesem Tag erst später nach Hause komme. Er habe die Chance, gemeinsam mit Kollegen eine neue Kollektion preisgünstiger Urnen zu erstehen.

Der Bestatter schloss sein Institut an diesem Tag bereits am Nachmittag, rangierte den silbergrauen Mercedes-Leichenwagen aus dem Innenhof und wählte den schnellsten Weg aus der Stadt hinaus, um zwanzig Minuten später am italienisch-slowenischen Grenzübergang Fernetti Ausblick nach Patrouillen zu halten, die den Verkehr von und nach Osteuropa kontrollierten. Täglich kam es hier zu Festnahmen von Gesuchten, die Italien nach verübter Tat verlassen wollten, und zur Beschlagnahme von Diebesgut, das so rasch wie möglich auf den Balkan gebracht werden sollte. In der Gegenrichtung ging es um Flüchtlinge aus dem Nahen Osten oder Afghanistan, Drogen und Waffen.

Corrado Giuliani stellte beruhigt fest, dass im Moment kein besonderes Aufkommen an Polizeibeamten oder Zöllnern den Verkehr unter die Lupe nahm, und fuhr direkt ins nächstgelegene Einkaufszentrum der benachbarten Kleinstadt Sežana. Im Seitengebäude eines Supermarkts befand sich die slowenische Bankfiliale, bei der er noch immer seine unversteuerten Bareinnahmen deponierte, obgleich er diese wegen des kommenden internationalen automatischen Datenaustauschs längst aufgelöst haben müsste. Nicht einmal mehr in einer Urne ließen sie sich verstecken, wie er am Nachmittag lernen musste. Abertausende Bewohner von Grenzstädten in Europa traf das gleiche Problem. Sie waren sich so wenig wie er darüber im Klaren, dass Bares wieder nur unter dem Kopfkissen vor dem Fiskus sicher war.

Giuliani hob 50 000 Euro ab, die er in zwei Briefumschlägen in die Innentaschen seines Jacketts steckte, bevor er die Bank verließ. Er durchquerte den angrenzenden Supermarkt, ohne Einkäufe zu tätigen. Als er sicher war, dass ihm niemand folgte, setzte er sich in seinen Wagen, steckte fünfhundert Euro in seine Brieftasche und versteckte die beiden Umschläge daraufhin unter dem Fahrersitz. Einen Leichenwagen würden auch nervenstarke Diebe kaum anrühren, solange der Parkplatz mit genügend anderen Fahrzeugen voll stand.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Mercedes verschlossen war, ging er zu dem Gebäude zurück und wählte den Eingang zu einem Etablissement namens Paradiso, das er stets in jeglichen Belangen der Körperpflege und Entspannung aufsuchte: vom Haarschnitt bis zum Beischlaf mit einer kaum seiner Sprache kundigen, blutjungen Osteuropäerin aus der Gruppe der Mädchen im Foyer.

Bei Eintritt der Dunkelheit fuhr er zurück nach Triest und genehmigte sich noch einen Aperitif in einer Bar im Zentrum, bevor er den Rest des Abends als biederer Familienvater mit seiner Frau vor dem Fernseher verbrachte. Die Kinder tobten noch mit ihren Freunden auf dem Campo San Giacomo, dem großen Vorplatz der Kirche.

Veit Heinichen, geboren 1957, lebt seit fast zwanzig Jahren in seiner Wahlheimat Triest. Seine Kriminalromane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt. Ausgezeichnet u.a. mit dem Radio Bremen Krimipreis und dem Premio Internazionale Trieste gilt Veit Heinichen nicht nur als glänzender Autor, sondern auch als »großartiger Vermittler italienischer Lebensart« (FAZ).

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Commissario Laurenti vergeht der Appetit

Zwölf Zeugen sagten damals gegen Aristèides Albanese aus. Siebzehn Jahre saß er wegen Totschlags im Gefängnis. Nun ist er draußen und will sich an ihnen allen rächen. Und zwar auf ganz besondere Weise – denn Aristèides ist Koch und plant, jedem von ihnen die Henkersmahlzeit selbst zuzubereiten. Commissario Proteo Laurenti war zwar nie überzeugt von den Aussagen der zwölf, doch seinerzeit setzte er sich wider besseren Wissens nicht gegen den Staatsanwalt durch, der wie besessen schien von dem Fall. Bis heute bereut Laurenti, ihm nicht die Stirn geboten zu haben. Doch gerade, als Aristèides wieder auf freiem Fuß ist, gibt es eine weitere Leiche, und wieder gehört er zu den Verdächtigen. Wie schon vor siebzehn Jahren ermittelt Laurenti – und versucht fieberhaft, das fehlende Glied zwischen den Fällen zu finden.
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A proposito di politica,
ci sarebbe qualcosa da mangiare?

Totò

 

Alles, was gegessen wird,
ist Gegenstand der Macht.

Elias Canetti

 

 

Das Ende der Verbannung

Athos fand sie erst nach langer Suche. Mit dem Bus war er vom Zentrum zu dem grauen Wohnklotz am Stadtrand hochgefahren und hatte sich kurz nach elf unschlüssig für einen der abweisenden Eingangstürme entschieden. Wilde Sprayer hatten die grauen Stahlbetonwände mit unverständlichen Symbolen dekoriert. Als man ihn damals verhaftete, waren Schmierereien an den Hauswänden in Triest noch selten gewesen. Zaghaft stieg er das zugige Treppenhaus hinauf, bis er schließlich mit dem Fuß die breite Glastür zu einem endlosen Flur mit schwarzem Kunststoffboden und schwacher Beleuchtung aufstieß. Kein Mensch außer ihm war hier unterwegs. Die einsame Leuchtreklame einer Apotheke war der einzige Kontrast in der ansonsten anonymen Umgebung. Wer eintreten, Medikamente kaufen wollte, musste klingeln, stand an der Tür. Nach der ersten Ecke kam er sogar an einem karg eingerichteten Postamt vorbei, das an diesem Morgen geöffnet hatte. Nur die Werke der Sprayer brachten etwas Abwechslung in die Tristesse, wobei sie in diesen Korridoren offiziell angebracht worden sein mussten: Es waren sorgsam gestaltete Bilder mit ironischen Kommentaren, die karikaturengleich die kalte Betonarchitektur und ihre Bewohner illustrierten. Die Flure im Zellentrakt des Gefängnisses, in dem er die letzten siebzehn Jahre eingesessen hatte, waren ebenso karg gewesen, dafür sauberer und besser ausgeleuchtet. Aristèides Albanese erinnerte sich nicht mehr, an welchem der verschlossenen Treppenhäuser zu den oberen Etagen er nach dem Klingelschild suchen musste. Über zweieinhalbtausend Menschen wohnten hier, und erst am siebten Eingang fand er den kaum noch lesbaren Namen: Melissa Fabiani. Er hatte vergebens geläutet, sich schließlich die Appartmentnummer eingeprägt, war am Übergang zum angehängten zweiten, nicht weniger labyrinthischen Gebäudekomplex vorübergegangen. Im nächsten Flur standen schlecht gekleidete Frauen rauchend vor dem Schild einer Bar, wo auch Tabakwaren und Zeitungen verkauft wurden. Neben dem Eingang warb ein Streifenplakat mit der Schlagzeile der lokalen Tageszeitung: Tonino Gasparri freigesprochen. Tatbestand der Korruption verjährt.

Aristèides schob angewidert die Zeitung mit dem Foto des Politikers vom Tresen und bestellte. Die grauen Schlieren auf den kreisrunden Fenstern verschleierten den Blick auf den fernen Hafen, die Öltanker und Containerschiffe unten in der Stadt. Es beruhigte ihn, dass die Gläser und Kaffeetassen aus der Spülmaschine kamen.

Tante Milli saß an einem Tisch und war ins Kartenspiel mit anderen Greisen vertieft, vermutlich die einzige Abwechslung, der sie täglich folgte. Trotz ihrer Sauerstoffmaske und des Apparats, der auf Rollen neben ihrem Stuhl stand, erkannte er sie sofort. Sie schenkte dem bärtigen und langhaarigen Riesen, der sie vom Tresen aus fixierte, keine Beachtung. Athos war von ihrem Anblick erschüttert. In ihren Briefen, die ihn Woche für Woche in der Haftanstalt erreichten, hatte sie sich nie über ihre Gesundheit beklagt. Als sie die letzte Karte ausgespielt hatte, bezahlte er seinen Espresso und trat endlich an ihren Tisch.

»Tante Milli«, sagte er.

Die Alte schaute zögernd zu ihm auf, und erst als er seinen Namen nannte, erhellten sich ihre Züge. Melissa nahm die Atemmaske ab. Wie früher, als sie gut im Geschäft gewesen war und die Freier Schlange gestanden hatten, waren ihre Lippen grell geschminkt. Und trotz ihrer Gebrechlichkeit lackierte sie sich noch immer die Nägel. Entschieden drückte sie sich aus ihrem Stuhl und umarmte ihn, so fest sie konnte. Ihre Arme reichten ihm kaum auf den Rücken.

»Kiki? Bist du das wirklich? Vor lauter Haaren sieht man dein Gesicht nicht.« Sie strahlte, ihre Augen blitzten fröhlich, die Lachfalten durchzogen ihr Gesicht, dann verbarg sie es an seiner Brust und hielt sich am Revers seines elfenbeinfarbenen Jacketts fest. »Seit wann bist du draußen? Warum hast du mir nicht geschrieben?«

»Ach, Tante Milli.« Seine kräftigen Hände hielten sie an den Schultern. »Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet, vorzeitig rauszukommen.« Er überging, dass er bereits seit dem Sommer zurück in der Stadt war.

»Hast du dir im Bau angewöhnt, dein eigenes Besteck mit dir herumzutragen? Kochen da auch schon die Chinesen?« Sie zeigte auf die Essstäbchen und den Löffel, die aus der Brusttasche seines Sakkos ragten. »Und rasieren tut man sich im Gefängnis wohl auch nicht. Ohne Bart warst du hübscher, aber das wird schon wieder. Hoffentlich hast du dich wenigstens nicht tätowieren lassen.«

»Spielst du weiter, Melissa, oder müssen wir uns nach Ersatz umsehen?«, fragte eine ungeduldige Stimme vom Tisch.

Die Alte winkte glücklich ab, ihre Hände zogen ihn zu sich herunter, sie küsste ihn herzhaft auf beide Wangen, und ein roter Lippenabdruck blieb auf Höhe seines Jochbeins zurück. »Heute ist ein großer Tag. Du wirst mir alles erzählen, nicht wahr, Kiki?«

»Ich habe eingekauft, Tante Milli.« Wie lange hatte er seinen Kosenamen nicht mehr gehört? Nur sie durfte ihn so nennen. »Ich werde dir ein Mittagessen zubereiten, wie du ewig keines hattest. Darfst du alles essen, was du möchtest?«

»Alles, was mir schmeckt, Kiki.« Die Alte hängte sich bei ihm ein und tippelte hinaus in den langen Flur, das Beatmungsgerät folgte ihr wie ein Kinderspielzeug auf Rädern. Aristèides fürchtete, mit ihm zu kollidieren. Der Barista rief ihr einen Gruß nach, den sie nicht hörte, während ihre Mitspieler aufgeregt tuschelten, wer der bärtige Fünfzigjährige im hellen Anzug sein mochte, dem das zu einem mächtigen Pferdeschwanz gebundene kastanienbraune Haar tief über den Rücken fiel.

Als sie im Aufzug zur zweitletzten Etage des kolossalen Gebäudes fuhren, erklärte sie das Atemproblem. Sie musste das Gerät nicht ständig benutzen, ihre chronische Bronchitis ließ noch genügend Zeit zum Essen, Duschen und anderem. Kiki möge sich keine Sorgen machen, seit zwei Jahren ziehe sie das Ding neben sich her und habe sich so daran gewöhnt, dass sie es kaum mehr wahrnehme. Und wie er gesehen habe, könne sie beim Kartenspiel durchaus noch gewinnen. Nur sei sie schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr aus diesem Wohnkomplex herausgekommen, sie erlebe die wahre Welt höchstens noch vom Balkon ihrer Zweizimmerwohnung aus. Wenigstens habe sie von dort einen unverbaubaren Blick aufs Meer.

»Ich koch dir was Feines zu Mittag, Tante Milli«, sagte er, während sie die Wohnung hinter sich mit einer Sicherheitskette verschloss.

»Den Tisch decke aber ich, sonst habe ich das Gefühl, zu gar nichts mehr zu taugen. Und keine Sorge, mein Besteck ist sauber. Setz dich erst einmal hin und erzähl mir alles.« Melissa Fabiani hob die Atemmaske an, damit er sie besser verstand, wies ihm den Platz auf dem Sofa zu und tippelte in die Küche, wohin ihr Beatmungsgerät ruckweise folgte. Aristèides Albanese strich sich durch den dichten Bart, wie immer wenn er sich zur Ruhe zwang. Als das Geschirr neben dem Esstisch auf dem Boden zersprang, machte er sich Vorwürfe, aber die alte Frau nahm lachend einen Besen aus dem Wandschrank. »Scherben bringen Glück, Kiki. Und wenn heute kein Glückstag ist! Lass schon, das mach ich selbst. Wenn ich keine Teller mehr habe, gebe ich dir Geld, damit du mir neue kaufst. Setz dich wieder.« Wenig später kam sie mit einem Aschenbecher zurück und ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder.

»Aber, Tante Milli, in deinem Zustand solltest du nicht rauchen«, mahnte er, als sie sich setzte, die Maske wieder abnahm, eine extradünne Zigarette ansteckte und zwei Züge tat, die seiner Wahrnehmung nach tiefer waren als jene, die sie aus dem Gerät nahm, das sie am Leben halten sollte.

»Ich hab doch sonst kein Vergnügen mehr. Hast du es dir im Gefängnis abgewöhnt, Kiki?« Sie versuchte, einen Hustenanfall zu unterdrücken.

»Trüffel, Tante Milli. Weißer Trüffel aus Istrien, der hat jetzt Saison. Früher bist du verrückt danach gewesen. Und die Tagliolini habe ich heute Morgen selbst gemacht.«

Athos schraubte einen Glasbehälter auf und hielt ihn der alten Frau unter die Nase, die mit geschlossenen Augen den Duft der frischen Knolle einsog. Gleich darauf nahm sie den letzten Zug von der Zigarette, die fast bis zum Filter aufgeraucht war.

»Ich liebe den Geruch. Eine Freundin hat früher immer gesagt, es erinnere sie an drei Tage ungewaschenen Sack«, lachte sie hustend, wurde aber sogleich ernst. »Du musst auf dein Geld achten. Das Zeug ist wahnsinnig teuer, und im Gefängnis hast du nichts verdient.«

»Ein bisschen schon, mach dir keine Sorgen. Heute ist ein Festtag. Endlich haben wir uns wieder.«

Nachdem er ihr eine halbwegs plausible Geschichte über seine vorzeitige Entlassung erzählt und dabei unterschlagen hatte, dass er schon ein Vierteljahr draußen war, erhob Athos sich von dem durchgelegenen Sofa und ging in die kleine Küche hinüber, wo er eine Flasche Weißwein ins Eisfach des nur spärlich bestückten Kühlschranks legte und die Zutaten ausbreitete. »Mach dir keine Sorgen, Tante Milli. Ich finde mich in jeder Küche zurecht. Setz dich, streng dich bitte nicht an.«

»Ich will dir beim Kochen Gesellschaft leisten. Was hast du eigentlich im Knast zu essen bekommen, Kiki? Ist der Fraß dort wirklich so schlimm, wie sie im Fernsehen immer sagen?«

Selbst hinter Gittern hatte Aristèides Albanese Schlagzeilen gemacht, doch Melissa Fabiani waren die Meldungen entgangen, dass der wegen Totschlags zu zwanzig Jahren verurteilte Gastronom einen Teil der Mensa seines Gefängnisses in ein feines Restaurant verwandelt hatte. So wie er von den Zellengenossen aufgrund seiner kräftigen Statur gerufen wurde, hatten auch die Journalisten ihn nur Athos genannt und sich gar nicht erst die Mühe gemacht, seinen wahren Namen zu recherchieren. Nach den ersten fünf Jahren Haft hatte eine fortschrittliche Gefängnisdirektorin die Leitung der Anstalt übernommen, und dank seiner Kochkünste hatte er sie davon überzeugen können, dass den Inhaftierten mit Unterstützung einer gemeinnützigen Kooperative ein profundes Ausbildungsprogramm geboten werden sollte. Ein Ziel im Leben zu haben, dazu das Handwerkszeug, um es zu erreichen, das gab Hoffnung. Sie würden draußen einfacher in den Alltag zurückfinden können. Bald stimmte die Direktorin auch seinem Vorstoß zu, nicht nur für die Insassen und das Gefängnispersonal zu kochen, sondern einen separaten Teil der Gefängnismensa hinter dem Justizpalast tatsächlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Aufwand sei so viel höher nicht, hatte Athos erklärt, das Projekt müsse sich selbst tragen, die Gewinne sollten zuerst in den Ausbau der Küche und später in die Resozialisierung der Gefangenen fließen. Sein Rezept war so simpel wie überzeugend gewesen. Mit der Zeit wurden Kriminelle zu Köchen, die unter seiner Führung einfachste Zutaten in gute Gerichte verwandelten und adrett auf den Tellern anrichteten – das Modell wurde bald von anderen Haftanstalten im ganzen Land kopiert. Nur den von ihm vorgeschlagenen Namen lehnte die Frau ab: Porte aperte. Geöffnete Türen sollte es nicht geben, dafür prangte der Schriftzug Nostalgia über dem Eingang. Es war Athos sogar gelungen, seinen Mitarbeitern abzugewöhnen, den Polizisten, Staatsanwälten und Richtern auf den Teller zu rotzen, als diese immer zahlreicher zur Mittagszeit ins Nostalgia kamen.

»Du hast trotz der langen Zeit nichts verlernt, Kiki«, sagte Melissa Fabiani selig kauend, nachdem sie mit einem Stück Weißbrot die letzten Trüffelspuren vom Teller gewischt hatte. »So gut habe ich wirklich seit Langem nicht gegessen. Hast du eigentlich kein Gepäck? Du kannst auf dem Sofa schlafen, bis du etwas gefunden hast.«

»Lass mal, Tante Milli, ich bin vierundfünfzig und kann für mich allein sorgen. Außerdem muss ich einmal die Woche bei den Bullen vorbei und unterschreiben, dass es mich gibt.«

»Gleich neben dem Supermarkt unten ist ein Kommissariat, Kiki. Mach das dort, bequemer geht’s nicht.«

Er schüttelte den Kopf. »Weißt du, für den Anfang bin ich der Comunità von Don Alfredo zugewiesen. Endlich tut ein Pfarrer mal ganz uneigennützig ein gutes Werk. Ich muss mich um die Flüchtlinge kümmern, die er aufnimmt, was so viel heißt, dass ich für die Schwarzen koche, die den Weg übers Meer überlebt haben. Bis ich eine eigene Bleibe gefunden habe, wohne ich dort.«

Wieder sagte Aristèides Albanese nur die halbe Wahrheit. Nur zweimal hatte er dort übernachtet, und erst seit es draußen kalt geworden war und die eisige Bora über Triest pfiff, hatte er Unterschlupf in der kleinen Wohnung des zwanzig Jahre jüngeren Pakistaners Aahrash Ahmad Zardari gefunden, der vor neun Jahren als Flüchtling ins Land gekommen war und längst die nötigen Papiere hatte. Aahrash war ebenfalls als Sündenbock für andere eingefahren und nach dem Gefängnis Don Alfredo zugewiesen worden, dem Priester eines einfachen Randbezirks, der trotz des Aufstands der Nachbarn jene Menschen aufnahm, die der Hölle entkommen waren. Aristèides hatte Aahrash auch dort zu seinem Küchenjungen gemacht.

Als er nach Triest zurückkehrte, war es noch warm gewesen, und nach siebzehn Jahren Gefängnis verabscheute er geschlossene Räume. Wochenlang hatte er in den Stadtparks abseits der üblichen Penner genächtigt, oder er war ans Meeresufer unter der Steilküste gezogen, wo nachts sonst niemand auftauchte. Auch die Nähe der Flüchtlingscamps mied er, sie wurden ständig kontrolliert. Windige Rechtsanwälte verteilten dort in der Hoffnung ihre Visitenkarten, ihr Einkommen mit den Einsprüchen gegen die Ablehnung des politischen Asyls aufzubessern. Sie konnten kein großes Interesse daran haben, die Prozesse in der ersten Instanz zu gewinnen, ihr Honorar, das vom Staat getragen wurde, verdoppelte sich schließlich in der zweiten. Aristèides mied alles, was ihn hätte in einen Konflikt verwickeln können.

In seinem hellen Anzug erregte er wenig Misstrauen, obwohl er sein Hab und Gut in zwei prallen Plastiktaschen mit sich herumtrug. Er wusch sich in den frühen Morgenstunden in der Bahnhofstoilette oder in einem der Kleingärten außerhalb des Zentrums. Polizei und Carabinieri hatten sich mit der Zeit daran gewöhnt, ihn nachts vor dem Grandhotel auf einer Treppenstufe sitzen zu sehen. Irgendwann hatten sie darauf verzichtet, ihn zu überprüfen, als wäre er inzwischen zu einem Teil des beweglichen Inventars der Stadt geworden.

Athos erfüllte seine Auflagen pünktlich, stand morgens bei Don Alfredo in der Küche, und einmal die Woche ging er in die Questura, um den Meldenachweis zu unterzeichnen. Am Nachmittag schien er seine Kreise dann so ziellos durchs Stadtgebiet zu ziehen, dass auch seine Opfer nach ein paar Tagen keinen Verdacht mehr schöpften, wenn sie aus dem Haus traten und gegenüber der Mann mit seinen beiden Taschen kurz innezuhalten schien, bevor er seine Last weiterschleppte. Und falls er später noch immer reglos dastand, hatten sie sich spätestens ab dem dritten Tag an seine Präsenz gewöhnt. Sprach ihn jemand an, murmelte er ein paar Worte über das Wetter und wandte sich gelassen ab. Und unterhielten sie sich unbeschwert auf der Straße oder in einer Bar, dann nahmen sie den aufmerksamen Zuhörer kaum noch wahr. In kurzer Zeit lernte er ihre Gewohnheiten kennen. Athos verspürte weder Wut noch Jähzorn beim Anblick der zwölf Verräter trotz der vielen Jahre, die er im Gefängnis gesessen hatte. Es waren dumme Schafe, Opportunisten. Nur wenn er den Poeten beobachtete, wie Elio Mazza von den anderen früher genannt worden war, wenn er sah, wie er viermal täglich in seinen abgerissenen Klamotten aus dem Haus trat, dann schlug Athos’ Puls schneller, und das Herz raste.

»Ich komme auf dein Angebot zurück und tauche bei dir ab, falls ich Probleme bekomme, weil ich zufällig einem von früher begegne. Du weißt selbst, Tante Milli, dass sie mich hassen.«

»Tonino Gasparri plustert sich noch immer im Stadtparlament auf, Kiki. Vor Kurzem ist er wieder in einer seiner dreckigen Angelegenheiten freigesprochen worden. Er gehört zu den Unantastbaren, dabei ist er wirklich nicht besonders helle. In der Zeitung stand neulich, dass er jetzt sogar fremde Zutaten und Rezepte in den Küchen der Kindertagesstätten verbieten will.«

»Dann soll er doch Tomatensoße und Kartoffelpüree streichen«, lachte Athos. »Auch Kakao und Schokolade. Das Faschistenschwein soll bis zum Lebensende dicke Bohnen fressen, viel mehr hat Europa selbst ja nicht hervorgebracht.«

»Und er müsste auch die Finger von Fedora lassen, die hat eine ungarische Mutter«, pflichtete ihm die Alte bei.

»Er ist schuld an allem. Siebzehn Jahre, Tante Milli, das ist fast ein Drittel meines Lebens. Eines Tages erwische ich ihn. Allen werde ich die Suppe versalzen, verlass dich drauf.«

»Tu nichts Unbesonnenes, Kiki. Versprich mir das. Die schützen sich gegenseitig. Wie damals, als sie geschlossen gegen dich ausgesagt haben, um dich loszuwerden. Und dieser Scheißbulle Laurenti hat dich auch auflaufen lassen und sich vor dem Staatsanwalt weggeduckt. Dabei warst du vor dem Prozess davon überzeugt, er würde klarstellen, dass es sich um eine Verschwörung handelt. Du hast gesagt, dass er auf deiner Seite wäre.«

»Du weißt doch, wie die Dinge laufen, Tante Milli. Laurenti stand damals knapp vor seiner Beförderung zum Commissario und wollte nicht aus Triest weg. Die Beförderung war durch, und wenn der Staatsanwalt protestiert hätte, dann hätte er sich in einem Kaff am Arsch der Welt wiedergefunden, und seine Familie wäre hiergeblieben. Also hat er klein beigegeben. Ich trage ihm das nicht einmal nach. Aber der Staatsanwalt hat sich kaufen lassen.«

»Mach keine Dummheiten, Kiki. Ich will dich nicht noch einmal verlieren. Du dürftest nicht einmal zu meiner Beerdigung kommen, wenn es soweit ist, schließlich sind wir nicht verwandt.«

Die Alte drückte die Atemmaske auf Nase und Mund und zog röchelnd die Luft ein. Athos drückte ihre Hand und wartete, bis es ihr wieder besser ging.

»Bevor du weiterfragst: Dino, dein Sohn, arbeitet als Saisonarbeiter im Gastgewerbe in der Schweiz oder in Österreich. Das hat mir vor Jahren jemand erzählt, ich komm ja nur selten hier raus. Er müsste jetzt vierundzwanzig sein, oder?«

Athos nickte. Er hatte den monatlichen Scheck ausgestellt und seiner Mutter ausgehändigt, mehr hatte er nie mit dem Kleinen zu tun gehabt. Und selbst vom Lohn in der Haftanstalt hatte man ihm noch elf Jahre lang einen Anteil für die Alimente abgezogen, weshalb ihm kaum etwas übrig geblieben war.

»Mit ihrem Überbiss sieht sie aus wie ein Pferd, aber anstatt endlich zum Zahnarzt zu gehen, taucht Fedora manchmal in der Zeitung auf, weil es in ihrem Lokal …«

»Du meinst, in meinem …« Athos richtete sich entschlossen auf.

»… immer wieder zu Zwischenfällen kommt. Sie hat eine gewöhnliche Bar draus gemacht, ständig wird ein Dealer aufgegriffen, oder es gibt eine Prügelei. Gasparri gehört wohl immer noch zu den Stammgästen. Das stand zumindest in der Zeitung. Pure Zeitverschwendung, denk nicht an sie.«

»Als Kellnerin war sie beliebt. Sie war aufmerksam, und verkaufen konnte sie auch.«

»Vor allem sich selbst, würde ich mal sagen.«

Noch während die dralle Fedora Bertone mit ihrem extremen Gebiss bei ihm als Kellnerin gearbeitet hatte, war sie zahlungskräftigen Gästen nach Feierabend auch anders entgegengekommen.

»Sie kann nichts dafür, sie wurde ausgenutzt. Sie hat nur ein bisschen Zuneigung gesucht«, sagte Aristèides besänftigend.

»Die? Sie hat viel Geld mit dieser Sache verdient, Kiki. Wann begreifst du das endlich? Sie hat dir mehr als ein Ei gelegt.«

Nach seiner Verurteilung hatte die Mutter seines Sohnes die Trattoria übernommen. Auch dafür hatte ihr irgendjemand Geld gegeben, während Aristèides Albanese, alias Athos, alias Kiki, auf den Schulden sitzen geblieben war. Und Fedora nannte ihn, um ihn zu ärgern, manchmal auch Kiki, nachdem sie den Kosenamen einmal aus Tante Millis Mund gehört hatte.

»Sie ist und bleibt eine billige blonde Nutte«, sagte Melissa Fabiani. »Und du hast das Pech gehabt, sie zu schwängern.«

»Du warst früher auch blond, Tante Milli«, spottete Athos.

»Gefärbt, Kiki, dafür verdammt gut im Geschäft. Glaub mir, sie hat dich reingelegt. Ihr Männer seid alle berechenbar. Mach einen großen Bogen um Fedora. Lass dich nicht noch einmal verarschen.«

»Ich weiß, was ich will, Tante Milli. Und ich habe einen Plan.«

Der vorwinterliche Sonnenuntergang über dem Meer durchbrach die graue Wolkenschicht und tauchte das Zimmer in dottergelbes Licht, als Aristèides Albanese die Alte zum Abschied umarmte und ihr nochmals für das dicke Bündel Banknoten dankte, das sie aus einem der prallvollen Schuhkartons geholt hatte, von denen gleich mehrere ordentlich nebeneinander in einem Regal in dem engen Entree standen. Noch immer zahlte sie die Miete pünktlich zum Monatsanfang bar auf dem Postamt zehn Stockwerke tiefer ein, wo sie dann auch den Scheck über ihre bescheidene Rente einlöste, den sie per Post erhielt. Melissa Fabiani hatte noch nie in ihrem Leben ein Bankkonto besessen und stets als Geringverdienende gegolten, was zwar nicht der Wahrheit entsprach, ihr aber vor vierzig Jahren zu einer Bleibe in der neu errichteten Sozialwohnung verhalf. Dass diese auf einer der besseren Etagen von Alcatraz lag, wie der Zementklotz im Volksmund genannt wurde, im oberen Stockwerk und mit Blick über Stadt und Meer, hatte sie allerdings jahrelang in natura abgegolten. Der für die Vergabe zuständige Abteilungsleiter hatte als braver Familienvater schon vorher zu ihren Stammkunden gehört, und die Tatsache, dass er das Geld für seine wöchentlichen Besuche nun sparen konnte, entschädigte ihn für die bevorzugte Unterbringung.

Schon beim Essen hatte Aristèides der Alten von den Schwierigkeiten berichtet, mit denen er sich wegen seines Strafregisters herumschlagen musste. Er wollte ein eigenes Lokal mit einem völlig neuen Konzept eröffnen, das er sich die letzten Jahre im Knast ausgedacht hatte. Niedrigste Kosten und eine gute Gewinnspanne sollten seine Unabhängigkeit trotz des Schuldenbergs garantieren, den er seit seinem siebenunddreißigsten Lebensjahr vor sich herschob. Nur durfte das Lokal auf keinen Fall auf seinen Namen laufen, man hätte ihm sofort alles wieder abgenommen. Wenn hingegen Tante Milli offiziell als Geschäftsinhaberin und er als gering bezahlter Angestellter erschien, dann sollte es keine Probleme geben. Was er sonst brauchte, würde sich aus dem schwarz kassierten Teil der Einnahmen bestreiten lassen. Am Ende seiner Schilderungen hatte Melissas Blick geleuchtet, er musste sie nicht lange überreden. Zum ersten Mal in ihrem Leben würde sie ein Bankkonto eröffnen, im Alter von achtzig Jahren.

»Schreib mir deine Telefonnummer auf, Kiki.«

»Ich habe keine, Tante Milli. Ich will kein Mobiltelefon.«

Die Greisin machte große Augen. »Aber irgendwie musst du doch erreichbar sein. So gut wie jeder hat heute so ein Ding.«

»Und schmeißt einen Haufen Geld dafür raus. Ich hatte keines, als ich eingesperrt wurde, weshalb sollte ich jetzt eins brauchen. Mach dir keine Sorgen, ich werde mich regelmäßig bei dir melden.«

»Übrigens steht in der Tiefgarage noch mein Auto, falls es nicht gestohlen wurde«, erzählte sie so aufgeregt, dass sie die Maske überstülpen musste und erst nach langen, geregelten Atemzügen weitersprechen konnte. »Ich habe es nie abgemeldet. Wenn du willst, kannst du es zur Inspektion bringen. Du musst nur die aufgelaufene Steuerschuld begleichen, ich habe es gut zehn Jahre nicht mehr gefahren.«

»Den Fiat Spider, den hast du immer noch?« Athos schüttelte ungläubig den Kopf. Auch ein eigener Wagen, egal wie alt, würde sofort gepfändet werden. Wenn er aber tatsächlich noch auf Tante Milli zugelassen und es nicht zu teuer war, ihn zu überholen, bestand keine Gefahr.

»Seit über dreißig Jahren, Kiki. Schwarz mit roten Lederpolstern. Aber es wird vermutlich nicht reichen, ihn nur zu waschen.«

 

 

Treue und Verrat

Ein Nachmittag im November, an dem das Licht nicht durchzudringen vermochte. Der Nieselregen aus der tief über der Stadt hängenden, fast schwarzen Wolkendecke hielt die Bürger in den Büros oder ihren Wohnungen, nur wenige Menschen eilten mit hochgeschlagenen Kragen durch die grauen Straßenzüge. Dem bärtigen Riesen, der bei den Hafenmolen, den Rive, aus dem Autobus stieg, konnte es nur recht sein, trotzdem zurrte auch er sein helles Jackett enger und schlug den Kragen hoch. Langsam ging er die Via Madonna del Mare hinauf, die im unteren Teil so eng von hohen Palazzi gesäumt war, dass selbst im Juni die Sonne nur kurz auf den Asphalt fiel. Eine Altersresidenz, wenige Lokale, Werkstätten und Büros, eine Schule und das James-Joyce-Museum waren hier in den vergangenen siebzehn Jahren angesiedelt worden. An der kreisrunden Piazza della Valle öffnete soeben die Enoteca, in der ein Kunde offenen Wein abfüllen ließ, während die Trattoria nebenan noch bis zum Abend geschlossen bleiben würde. Aristèides Albanese war die letzten Wochen immer wieder vorbeigekommen und hatte die Eingänge der hell herausgeputzten Häuser aus dem frühen 19. Jahrhundert ins Visier genommen, deren halbrunde Fassaden der Architektur des Platzes folgten und die damals, als er in den Knast musste, noch dunkelgrau von Alter und Abgasen gewesen waren. Sie mussten neue Bewohner gefunden haben, die in die Renovierung investiert und eine hübsche Oase inmitten der Stadt geschaffen hatten.

Elio Mazza hatte er nach seiner Rückkehr als Ersten ausfindig gemacht. Sein Anblick überraschte ihn. Der einst so selbstsichere und wohlhabende Poet war schnell gealtert, klapperdünn, sein faltiger Hals ragte aus einem schmutzigen Hemdkragen, er trug einen fleckigen Trenchcoat über einem ehemals grauen Anzug, der dringend eine Reinigung gebraucht hätte. Seine besten Zeiten waren lange vorbei. Die stark geröteten Wangen und die Nase ließen sofort an Leberzirrhose denken, seine Augen funkelten nicht mehr, er wirkte, als ob sein Geist in den alten Erinnerungen stockte wie Sauermilch.

Auf Aristèides Liste stand Elio Mazza ganz oben. Voller Groll hatte er das Bild des Poeten selbst nach Jahren nachts in seiner Gefängniszelle nicht abschütteln können. Im Gerichtssaal hatte der Mann hämisch und mit scharfer Stimme den Verteidiger aufgefordert, auch die Tätigkeit der Mutter des Angeklagten zu nennen, als dieser mildernd dessen schwere Kindheit hervorhob. Und bei jeder belastenden Aussage hatte er lautstark applaudiert, worauf die anderen in seinen Jubel einfielen, bis der Vorsitzende ihn schließlich des Saales verweisen musste.

In der Trattoria Pesce d’amare, die Aristèides Albanese ein Jahr zuvor in einem flachen Lagerschuppen beim Obst- und Gemüsegroßmarkt eröffnet hatte, gehörte die Clique um den Poeten, wie sie ihn alle nannten, zum Stammpublikum, für das Geld keine Rolle zu spielen schien. Der Wirt hatte für diese speziellen Kunden stets im hinteren Teil des Lokals reserviert, wo Elio Mazza grundsätzlich den Ehrenplatz am Kopf des Tisches einnahm und sie den anderen Gästen nicht auf die Nerven gingen. Umso besoffener die Runde wurde, desto lauter zitierte der falsche Poet alberne Schlachtrufe aus dem Repertoire von Gabriele D’Annunzio, die aus der Zeit von dessen Besetzung der istrischen Hafenstadt Fiume um 1919 stammten. Inzwischen gehörte die Stadt zu Kroatien und hieß Rijeka.

»A chi la forza?«, rief er dann plötzlich und erhob sich mit dem Glas in der Hand.

»A noi«, brüllten die anderen voller Überzeugung im Chor.

»A chi la fedeltà?«

»A noi.«

»A chi la vittoria?«

»A noi.«[1]

Abstoßend, wie sie den anderen Gästen ihr Gemeinschaftsgefühl aufzwangen.

Es gehörte zur Taktik der Schreihälse, in soeben eröffneten Lokalen sogleich ihre Marke zu setzen. Aristèides verwarf den Gedanken, sie hinauszuwerfen und mit Lokalverbot zu belegen. Für seine Selbstständigkeit hatte er einen hohen Kredit aufgenommen, und Umsatz brachten sie ihm reichlich. Bürger des opportunistischen Mittelstands, Männer in gesicherten Positionen, die zwar auf den Wirt herabschauten, aber seine Küche schätzten und Wein und Grappa kräftig zusprachen. Kaufleute, leitende Angestellte des öffentlichen Dienstes oder einer Bank, ein Rechtsanwalt oder ein Friseur in Begleitung seiner Frau und alle etwa in seinem Alter: Noch keiner hatte die fünfzig überschritten. Und obwohl sie ständig über die Rechnung schimpften und Skonti aushandelten, saß ihnen das Geld locker. Nur einer bezahlte nie und lebte auf Kosten der anderen: Antonio Gasparri, Stadtrat und gleichzeitig Abgeordneter im Landesparlament. Er erwies den anderen dank seiner Verbindungen den einen oder anderen Gefallen, half, Baugesuche durchzudrücken, Arbeitsplätze unter der Hand zu vermitteln, Ausnahmegenehmigungen zu erlangen, in welchen Angelegenheiten auch immer, er sorgte dafür, dass die Amtsleiter im Bedarfsfall ein Auge zudrückten oder vor der Zeit wertvolle Informationen preisgaben. Oft genug kam er auch ohne die abendliche Stammrunde, um mit anderen zahlenden Gästen deren Angelegenheiten zu besprechen. Immer hinten im Saal, selbst wenn das Restaurant nur schwach besucht war. Von Gasparri abgesehen bezahlten alle Gäste selbst, sogar der Aufpeitscher Elio Mazza, der aufgrund seiner Zitierkünste Poet genannt wurde. Es waren die Jahre vor Beginn der großen Krisen, die dem ewigen Wachstum für immer ein Ende setzen sollten.

 

Aristèides hatte Mazza abgepasst, als er an diesem grauen Novembernachmittag wie ein Seemann im Sturm aus einer Bar im Herzen der Altstadt heraustorkelte und ihn anrempelte. Der Mann beschimpfte ihn, erkannte den Riesen allerdings nicht, sondern lallte etwas von dringendem Mittagsschlaf und wankte davon. Aristèides folgte ihm bis zur runden Piazza della Valle, wo Mazza umständlich die Haustür eines der Palazzi aufschloss und sich dann am alten schmiedeeisernen Geländer die Treppe hinaufzog. Bevor die Tür ins Schloss fiel, stellte Aristèides den Fuß auf die Schwelle, schaute sich flüchtig um und folgte dem Poeten, bis dieser hinter der schäbigen Tür zu einem Speicher unterm Dach verschwand, ohne sie ins Schloss zu ziehen.

Elio Mazza war inzwischen fünfundsechzig und seit sechs Jahren ohne Arbeit. Seine Stelle als Sprecher der Hafenbehörde hatte er offiziell wegen seines Alkoholproblems verloren, als ein frischer politischer Wind die ewigen Blockierer beiseitefegte, die bisher jeden Aufschwung verhindert hatten, um den Konkurrenten in die Hand zu spielen. Die Hypothek, die Mazza dann auf die Wohnung seiner Eltern aufnahm, konnte er schon bald nicht mehr abbezahlen, und offensichtlich hatte er auch seine stattliche Pension verpfändet. Antonio Gasparri konnte oder wollte ihn plötzlich nicht mehr retten. Jetzt hauste er in dem unausgebauten, zugigen Abstellraum unterm Dach, wo die Stromleitung illegal angezapft war und sein Abwasser in das Fallrohr der Dachrinne geleitet wurde. Eine rostbesetzte elektrische Kochplatte stand auf einem wackligen Campingtischchen, das er ebenso wie einen dreibeinigen Holzhocker vor der Müllabfuhr bewahrt zu haben schien. Über der mit dreckigen Wolldecken bedeckten Matratze baumelte eine Glühbirne von einem Dachsparren, neben der Schlafstätte standen ein paar angebrochene Flaschen Wein und Grappa, die leeren lagen unter dem Tischchen. Aus einer Papiertüte waren verschrumpelte Kartoffeln auf den Boden gekullert, ein paar Konservenbüchsen und einige Gläser mit anderem Essbaren lagen daneben.

Aristèides drückte die Tür fast lautlos auf, Mazza kehrte ihm den Rücken zu und konnte sich kaum auf den Beinen halten, während er versuchte, in das Behelfsklo zu urinieren. Er hörte den bärtigen Riesen nicht näherkommen, erschrak jedoch kaum, als er sich endlich mit offen stehendem Hosenstall umwandte.

»Privat«, gurgelte er lediglich und sank auf den Hocker.

»A chi è la gloria?«[2], fragte Aristèides zynisch.

»A noi«, murmelte Mazza und versuchte, ihn anzusehen. »Was hast du hier zu suchen?«

»Bist ganz schön runtergekommen. Die besten Jahre sind vorbei, scheint mir.«

»Wer bist du?« Seine Stimme klang willenlos.

»Der große Poet ist abgestürzt«, spottete der Riese lachend. »Glanz und Gloria des Vaterlands. Mit verpissten Hosen.«

»Was willst du?«

»Du musst essen, großer Dichter. Saufen allein macht nicht satt.«

»Es gibt nichts.«

»Klar, die weißen Mäuse, die dir auf der Schulter sitzen, kann keiner fangen.« Aristèides hob drei Kartoffeln auf und betrachtete die Konserven. »Ich bereite dir ein Festmahl zu. Leg dich hin, ich wecke dich, sobald es fertig ist.«

Widerspruchslos glitt der Poet auf die Matratze, schlief aber trotz seines Zustands nicht ein. Manchmal löste sich sein Blick von den bloßen Dachziegeln und glitt dann zu dem Mann hinüber, der den einzigen Topf mit Wasser füllte, ihn auf die angerostete Herdplatte stellte und schließlich eine Büchse mit Makrelen öffnete, obwohl er bei der Kontrolle des Verfallsdatums die Augen verdreht hatte. Auch das Glas Pesto stellte er bereit, setzte sich auf den Hocker und schaute Mazza an.

»Es kommt alles zurück im Leben, Elio«, sagte er. »Auch ich, wie du siehst.«

»Wer zum Teufel bist du?« Noch immer war sein Ton kraftlos.

»Früher war mein Kopf kahl rasiert. Anders als bei dir fallen mir die Haare allerdings nicht aus. Ich hab sie wie meinen Bart siebzehn Jahre wachsen lassen. Außer meinen Haaren habt ihr mir alles genommen.« Er drehte die Hitze zurück, als die Kartoffeln zu kochen begannen, und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

»Gib mir zu trinken, dann komm ich drauf.«

»Der Fusel steht gleich neben dir, Elio. Ich helfe dir nicht.«

Der Poet musste sich halb aufrichten, um eine Flasche zu greifen. Ohne die Miene zu verziehen, nahm er einen großen Schluck und rülpste. Er stank nach billigstem Grappa.

»Wer bist du? Sag’s schon, Arschloch.«

Lächelnd schüttete Aristèides das Wasser ab, schälte die Kartoffeln und schnitt sie in gleich dicke Scheiben, schichtete sie mit je einem Makrelenfilet dazwischen auf wie ein sich nach oben verjüngender Turm und gab das Pesto darüber, das langsam an den Seiten herablief. Dann zog er aus einem Beutelchen in seiner Jackentasche vier große dunkelbraune Bohnen, kratzte die Schalen ab, hackte sie fein und gab sie darüber. Während seiner Beobachtungsgänge hatte er im Ortsteil Prosecco den Zierstrauch im Vorgarten einer Villa entdeckt. Die Leute wussten offensichtlich nicht, was sie dem schönen Schein der Blüten zuliebe anpflanzten. Aristèides drehte den Wasserhahn auf und wusch sich sorgfältig die Hände.

»A chi è la vittoria?«, fragte der Riese spöttisch und blickte herausfordernd auf das Männchen herunter.

»A noi. Aber es heißt Gloria.«

»Also, hier, der Faro della Vittoria für deine Gloria. Unser weißer Leuchtturm mit dem Kupferdach. Ganz allein für dich, D’Annunzio, und für deine Heimatstadt Fiume. Los, iss. Oder muss ich dich füttern?«

Das Männchen rappelte sich auf, stellte die Grappaflasche auf das Tischchen und ließ sich umständlich auf dem dreibeinigen Hocker nieder.

»Jeder Exzess an Gewalt ist legitim, um das Vaterland zu bewahren«, zitierte der Riese den nationalen Großdichter.

Elio Mazza bemühte sich sichtbar, die passenden Sätze in seinem mitgenommenen Gedächtnis zu finden. Er verschluckte sich, hustete, räusperte sich. Dann hob er stolz die Brust und beendete mit salbungsvoller Betonung das Zitat. »Ihr müsst verhindern, dass es einer Handvoll Kuppler und Betrüger gelingt, Italien zu beschmieren und zu verlieren. Alle notwendigen Aktionen werden von Roms Gesetzen gutgeheißen.«

Aristèides applaudierte in Zeitlupe. »Also, iss, bevor es kalt wird.«

»Du hast mir noch immer nicht gesagt, wer du bist.«

»Siebzehn Jahre, großer Poet, sind eine lange Zeit. Was passierte 1999?«

»Scheiß Europa. Vorher hat der Espresso bloß tausend Lire gekostet und der Wein die Hälfte. Wer bist du?«

»Iss.«

Aristèides lehnte sich an den Pfeiler, auf dem der Dachfirst lagerte, und wartete, bis Elio Mazza zuerst misstrauisch die kleinsten Stücke aufspießte und dann gierig den Turm von oben her abtrug. Er schaute nicht vom Teller auf, es war die erste warme Mahlzeit seit Langem. Erst als er sie zu drei Vierteln verschlungen hatte, setzte er die Grappaflasche an den Mund. Wieder rülpste er laut und drehte dem Riesen den Kopf zu.

»Wer bist du?«

»Siebzehn Jahre ist es her, dass ihr Schweine dem Gericht eure Lügen aufgetischt habt, um Tonino Gasparri zu schützen. Klingelt es jetzt bei dir?«

Der Poet versank wieder in sich selbst, dann fuhr er hoch und riss die Augen auf. »Albanese. Aristèides Albanese. Bist du endlich draußen? Ich freue mich, dass du wieder da bist. Wirklich.«

»Du warst der schlimmste Scharfmacher von allen. Aber wie ich sehe, hat Gasparri dich vergessen, sonst würdest du nicht so erbärmlich hausen.«

Mazza setzte die Grappaflasche an und nahm zwei große Schlucke.

»Ich konnte damals nicht anders. Sie haben mich gezwungen«, faselte er mit leerem Blick.

»Niemand hat dich gezwungen. Du hattest Gasparri nur den Job als Sprecher der Hafenbehörde samt deinem hohen Gehalt zu verdanken. Und wie ich sehe, hast du ihn nicht allzu lange behalten.« Der Riese wischte mit dem dreckigen Geschirrtuch sorgfältig seine Spuren vom Geschirr. »Hat’s geschmeckt?«

Mazza wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Und jetzt?«

»Jetzt wird abgerechnet, Elio.«

»Du bist ein Versager, Albanese. Nichts als ein Versager. Du machst mir keine Angst.«

»A chi la forza?«

»A noi.«

»A chi l’ignoto?«

Für wen das Ungewisse sei, hatte D’Annunzio seinem Ruf erst nach der Niederlage seiner Schlacht um Fiume hinzugefügt, mit der er sogar Mussolini Unbehagen bereitete. Mazza war 1951 dort zur Welt gekommen.

»A noi«, lallte er und fegte trotzig den leeren Teller vom Tisch.

»Eben«, sagte Aristèides, kontrollierte noch einmal die Gegenstände, die er berührt hatte, und ging zur Tür. Es war Zeit, die Gegend zu verlassen, bevor die Geschäfte und Büros schlossen und die Straßen sich trotz der Witterung bevölkern würden.

 

Kaum war er wieder allein in seiner Mansarde, taumelte der Poet satt und besoffen zu seiner Schlafstätte und suchte in den Taschen seines fleckigen Jacketts nach dem alten Mobiltelefon mit dem zersplitterten Display, auf dem ihn nie jemand anrief. Der Kredit auf der Prepaidkarte reichte noch für zwei Gespräche. Bruno Guidoni, der Eigentümer der zum Speicher gehörenden Wohnung, antwortete sofort.

»Habe dich lange nicht gehört, Elio. Ist etwas passiert?«

Mazza brauchte einen Moment, bis er ein klares Wort formulieren konnte. »Der Grieche ist in der Stadt zurück.«

»Bist du besoffen? Der hat noch drei Jahre abzusitzen.«

»Aber wenn ich ihn gesehen habe?«

»Dann hast du dich getäuscht und ihn mit jemandem verwechselt.«

»Er war bei mir. Und er hat für mich zu Mittag gekocht.«

»Er war in deiner Bude? Was wollte er?«

»Nichts Besonderes. Er sagte nur, jetzt wird abgerechnet. Ich habe gegessen, und dann ging er wieder. Es hat gut geschmeckt.«

»Weißt du was, Elio? Schlaf deinen Rausch aus und ruf mich morgen wieder an.«

Guidoni legte auf, vermutlich saß er wie jeden Nachmittag beim Kartenspiel in seiner Stammbar. Mazza durchsuchte umständlich die wenigen Nummern, die in seinem alten Telefon gespeichert waren, dann ließ er es lange klingeln, bevor abgenommen wurde.

»Kein gutes Zeichen, von dir zu hören, Poet. Vermutlich brauchst du Geld. Ich hab keins, versuch’s erst gar nicht.« Antonio Gasparris Stimme klang kalt und abweisend. »Zeit hab ich auch keine.«

»Er ist wieder da«, stammelte Mazza.

»Wer denn, Elio?«, fragte der Abgeordnete.

»Der Grieche.«

»Welcher Grieche?«

»Albanese. Er ist raus. Ich dachte, es interessiert dich gewiss.«

»Danke. Ich werd’s überprüfen lassen. Sonst noch was?«

»Hast du ein bisschen Geld für mich? Das, was er mir gekocht hat, war seit Langem das erste warme Gericht, Tonino.«

»Vergiss es, du versäufst es nur.«

»Vergiss du nicht, Tonino, dass ich ein ziemlich brisantes Dokument besitze.«

»Damit kannst du dir den Hintern abwischen.« Gasparri beendete das Gespräch grußlos.

Elio sank auf die Matratze und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Den Mund weit geöffnet schnarchte er, als wollte er die Dachsparren durchsägen. Ein Speichelfaden lief auf seinen Hemdkragen. Er schmatzte zweimal, sein Mund brannte. Es war längst dunkel, als er kurz erwachte. Er tastete mit dem Finger die Zähne ab, dann schob er das Brennen auf den Grappa, den er wie Wasser hinabgeschüttet hatte. Und schlief trotz der Glühbirne über seinem Kopf wieder ein. Erst nach Mitternacht kam er das nächste Mal zu sich. Ein heftiges Rumoren seines Darms zwang ihn auf die Beine, er stützte sich an den Pfeilern ab, um die Toilettenschüssel in der Ecke zu erreichen, und konnte gerade noch die Hose abstreifen, bevor er sich mit einer heftigen Diarrhö entleerte. Vergebens suchte er nach Toilettenpapier, er hatte wieder einmal vergessen, es aus einer Kneipe mitgehen zu lassen. Als er sich trotzdem erheben wollte, riss es ihn schon wieder. Und plötzlich verspürte er auch den Zwang, sich zu erbrechen. Die Nacht verbrachte er zwischen seiner Schlafstätte und dem verdreckten Klo. Am frühen Morgen verschlimmerten sich die Magenkrämpfe und sein Stuhl war blutig. Er schwitzte heftig, obwohl es nasskalt und zugig war.

 

»Patrizia hat einen Darminfekt und die kleine Barbara auch. Ich hoffe, sie steckt uns nicht an. Und meine Mutter macht mir ernste Sorgen«, sagte Laura zu Proteo, als er aus dem Kommissariat nach Hause kam. »Wenn Marco nicht für sie kocht, will sie nur noch Nutella essen. Dabei arbeitet er am Abend doch meist. Mir hört sie natürlich nicht zu. Red du mal ein Wort mit ihr.«

»Als hätte es jemals geholfen, wenn ich deiner Mutter etwas sagte«, winkte Laurenti ab. »Aber versuchen kann ich es ja. Sind Patrizia und die Kleine im Bett?«

»Ich kümmere mich um die beiden, geh du besser nicht zu ihnen. Erstens haben sie noch Fieber, und zweitens läuft Patrizia die ganze Zeit zur Toilette. Die Sache geht angeblich rum, wie immer zu dieser Jahreszeit. In drei Tagen ist es schon vergessen. Hauptsache, wir fangen uns nichts.«

Vor Jahren hatte sich der Haushalt der Familie deutlich vergrößert. Sie waren Großeltern geworden, und schon zuvor hatte Laura ihre Mutter aus der eineinhalb Stunden entfernten Kleinstadt San Daniele im Nordfriaul zu sich geholt. So hatte sie es mit ihren Schwestern vereinbart, die dafür die Produktion des San-Daniele-Schinkens weiterführten, der von der Familie in der vierten Generation hergestellt wurde und ordentliche Renditen abwarf. Nach der Geburt ihrer Urenkelin Barbara war Camilla Tauris, die alte Dame, unersetzlich gewesen, doch seit geraumer Zeit wurde sie vergesslicher und brauchte je nach Tageszeit selbst Hilfe. Es würde den Haushalt verändern, sobald sie sich nicht mehr selbst waschen und ankleiden könnte und auf Hilfe angewiesen wäre. Sie hatten es sich alle anders vorgestellt und diskutierten häufig, wer die Pflege übernehmen sollte, so lange zumindest, wie ihre Mutter überhaupt bei ihnen bleiben konnte. Ihre Enkelin Patrizia verweigerte sich vehement, kündigte an, bald wieder in ihren Beruf als Unterwasserarchäologin zurückkehren zu wollen, falls sie nicht mit Gigi, dem Kapitän, der alle zwei Monate für geraume Zeit hier war, weiteren Nachwuchs zeugen würde. Laura verdrehte allein bei der Vorstellung die Augen, sich nicht mehr ausreichend um die Kunstabteilung des Versteigerungshauses kümmern zu können, an dem sie beteiligt war. Und jetzt verweigerte Camilla anscheinend auch noch das Essen und beharrte auf Nutella, das bei den Einkäufen nie vergessen werden durfte. Immerhin akzeptierte sie, was Marco für sie kochte. Der jüngste Sohn der Laurentis kam diesem Ansinnen auch meistens nach, wenn ihm Zeit dafür blieb. Seit er sich weigerte, wieder eine feste Anstellung in einer Restaurantküche anzunehmen, verdingte er sich als Privatkoch für den gehobenen Mittelstand. Wer seine Gäste im eigenen Heim bewirten und dabei eine gute Figur abgeben wollte, war bei ihm richtig. Es war eine neue Herausforderung, er musste die Räumlichkeiten seiner Gastgeber besichtigen und sich einen Eindruck von deren Küchen verschaffen, musste über ihre Vorlieben sprechen, Allergien und Intoleranzen ausloten, das Budget verhandeln und Menüvorschläge unterbreiten, die seine Kunden bis zuletzt modifizieren würden. Er musste die entsprechenden Weine aus den Vorräten des Hausherrn wählen oder passendere vorschlagen und bestellen. Der Vorschuss für die Einkäufe musste festgesetzt werden, bei mehr als sechzehn Gästen brauchte es eine Küchenhilfe und womöglich einen Kellner. Und dann musste das Salär in bar eingetrieben werden, was beizeiten schwieriger war als die Abendgestaltung selbst. Er war dabei, sich einen guten Namen zu machen, und wurde bereits weiterempfohlen. Und seine Großmutter hatte ihm das Geld für einen alten vierradgetriebenen Fiat Panda gegeben, mit dem er seine Utensilien transportierte.

»Marco sagt zwar, es liefe gut bei ihm. Aber ich weiß, dass zwei seiner Kunden sich um die Endabrechnung drücken und nicht auf seine Anrufe antworten. Immerhin hat er sogar eine Anfrage von Gasparri bekommen.«

»Ich hoffe, du hast deinem Sohn davon abgeraten.«

»Warum sollte ich. In der Gastronomie muss man alle gleich behandeln, sonst geht man unter.«

Laura stellte eine Platte mit rohem Schinken aus der Familienproduktion, durchgereiftem Höhlenkäse, Oliven sowie eine Flasche Weißwein vom Karst auf den Tisch. Ihre Mutter saß abseits in einem Sessel und stierte ausdruckslos auf den Fernseher. Proteo nahm einige der hauchdünnen Scheiben und stellte sich vor die alte Dame.

»Ich finde, euer Schinken schmeckt besser, seit du nicht mehr im Betrieb bist, Camilla«, provozierte er sie. »Er zergeht auf der Zunge. Zu deinen Zeiten war er immer viel zu versalzen, was das Aroma erdrückt hat. Probier mal. Ich bin gespannt, was du sagst. Sechsunddreißig Monate gereift und immer noch so zart. Einfach köstlich.« Er schob ihr eine Scheibe in den Mund, was sie erst zu bemerken schien, als sie den Geschmack spürte.

»Das ist kein Schinken aus San Daniele«, maulte sie sogleich. »Der schmeckt nach Plastik. Warum kauft ihr so schlechtes Zeug, wenn wir selbst den besten machen?«

»Dann versuch mal diesen, und sag mir, wo der herkommt.« Er reichte ihr eine weitere Scheibe.

»Du weißt doch gar nicht, wie guter Schinken schmeckt. Ihr im Süden fresst nur Seeigel.«

Immerhin das hatte sie nicht vergessen. Jeden Sommer protestierte sie angewidert, wenn Proteo in vielen Tauchgängen nur mit Maske, Schnorchel und Handschuhen bewaffnet die stacheligen Tiere vom Meeresboden holte und die ganze Familie über die rohen Seeigel herfiel oder Marco eine Pasta damit zubereitete. Die Leute an der nördlichen Küste hatten keine Kultur für diese Kostbarkeit entwickelt, und die Taucher konnten die Essbaren nicht von den anderen unterscheiden. Doch trotz ihrer Meckerei ließ sich die alte Camilla ohne Anstalten von ihm füttern. Laura schaute ihnen fassungslos zu, während ihr Mann für jede Scheibe eine andere Geschichte erfand. Einmal behauptete er, dass die Scheibe von alten, gut abgehangenen Lawinenhunden sei, das andere Mal vom soeben geborenen Känguru, vom polnischen Vogel Strauß oder gar von Büffeln, die sofort nach dem Melken geschlachtet wurden und aus deren Milch in der Gegend seiner Herkunft feiner Mozzarella geschöpft wurde. Daher seien die Tiere so glücklich. Die Alte kaute stoisch die Bissen, die er ihr reichte. Dann verlangte sie entschieden nach einem Glas Wein. Ihre Tochter protestierte, als Laurenti es neben sie auf das Tischchen stellte, wo sie es zu vergessen schien. Nach ein paar Minuten aber griff sie doch danach und leerte es in einem Zug.

»Ich will Nutella«, sagte sie und watschelte in die Küche hinaus.

»Das ist nicht auszuhalten. Bis nach dem Mittagessen kann sie alles allein, aber je müder sie wird, umso mehr versinkt sie in ihre eigene Welt.« Laura atmete tief durch. »Früher hat sie keine Schokolade gemocht, und deshalb haben wir Kinder auch nie welche bekommen.«

Proteo stach ein Stück gut gereiften Käse vom Laib und schob es sich genüsslich in den Mund. »Glaub bitte nicht, dass ich sie jetzt jeden Abend füttere. Sag mir lieber, wer die Leute sind, die bei Marco in der Kreide stehen.«

»Dabei kannst du so schöne Geschichten erfinden, Proteo.« Seine Frau schenkte ihm einen Blick, der das härteste Herz hätte zerfließen lassen. »Ein Ehepaar, beide Inhaber eines Herrenbekleidungsgeschäfts am Largo Barriera. Und dann noch der Anlageberater der Bank an der Piazza della Borsa.«

»Bei dem ist doch abzusehen, dass er trickst. Mich wundert, dass er überhaupt noch Freunde hat. Warum fragt uns Marco nicht, bevor er einen Job annimmt?« Der Commissario kannte die Eigenheiten vieler Triestiner, und Laura zählte einen Großteil des gehobenen Mittelstands zu den Kunden ihres Versteigerungshauses. »Denen werde ich den Zahn schon ziehen.«

»Misch dich nicht ein, Marco muss seine eigenen Erfahrungen machen«, widersprach Laura. »Livia redet übrigens von Heirat.«

Laurenti fuhr auf. Ihre älteste und hübscheste Tochter, die diverse Fremdsprachen beherrschte und seit einigen Jahren als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei in Frankfurt arbeitete, hatte sich ausgerechnet von ihrem Chef erobern lassen. Im Sommer hatte sie Dirk zum Urlaub mitgebracht. Sein Italienisch war jämmerlich, trotzdem ging er davon aus, dass ihm alle folgen könnten. Er kam vom Hundertsten ins Tausendste und ließ ein Klischee nach dem anderen über die Südeuropäer los, als schriebe er die Reden für seinen rollstuhlfahrenden Finanzminister. Gleichzeitig aß und trank Dirk jedoch, als würde er zu Hause Hunger leiden.

»Heiraten, einen Deutschen?« Proteo hätte ein Süditaliener besser gefallen, und der Gedanke, seine älteste Tochter für immer so weit weg zu wissen, behagte ihm noch weniger.

»Ich befürchte, du wirst deutsche Enkel bekommen«, flötete Laura und blickte zum Fenster hinaus aufs nachtschwarze Meer, während sie verlegen eine Strähne ihres dicken blonden Haars um den Finger drehte. Ganz offensichtlich wusste sie es schon länger und hatte nur auf den richtigen Moment gewartet, ihrem Mann davon zu erzählen. Nachdem er seiner senilen Schwiegermutter ein Märchen nach dem anderen aufgetischt hatte, hielt sie den Zeitpunkt wohl für gekommen. »Keine Angst, du wirst dich daran gewöhnen, Proteo. Und Livia ist schließlich im richtigen Alter.«

 

»Carlo?«, rief er ins Telefon. »Ich bin’s, Gasparri.«

»Dottor Gasparri, buona sera.« Staatsanwalt Scoglio war auf der Hut. Dass der Politiker sich meldete, bedeutete nichts Gutes. »Was kann ich für Sie tun?«

»Wenn es jemand weiß, dann du, Carlo. Ich habe gehört, dass der Grieche auf freiem Fuß ist.«

»Wen meinen Sie?« Scoglio klemmte seine Aktentasche unter den Arm, schloss die Bürotür hinter sich ab und stieg langsam die breite Treppe des imposanten Justizpalasts hinunter.

»Albanese. Aristèides Albanese, Mensch. Wer sonst? Stimmt es, dass er draußen ist?«

»Warum nicht, Dottor Gasparri?«

»Er hatte zwanzig Jahre kassiert. Die sind noch lange nicht vorbei.«

»Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie selbst genügend Freunde, Dottore, die wegen guter Führung vorzeitig auf Bewährung entlassen worden sind oder dank ärztlicher Gutachten gar nicht erst einfahren mussten. Warum nicht er?«

»Muss einer auf Bewährung sich nicht melden?«

»Das interessiert die Staatsanwaltschaft nicht. Ein rein administrativer Akt, Dottore. Ein Teil der Strafe. Gemeingefährliche Verbrecher bleiben hingegen drin.«

»Verdammt, Carlo. Stimmt es, oder stimmt es nicht? Du warst damals doch selbst dabei. Ich muss es wissen.« Tonino Gasparri ging ungeduldig vor dem einzigen Fenster seiner Wohnung in der Via Mazzini auf und ab, von wo man einen kleinen Ausschnitt des nächtlichen Meeres sehen konnte. Die Lichter auf der Diga Antica, dem Deich zum Schutz des Porto Vecchio, waren erloschen, seit er die Pacht der dortigen Gastronomie und der schicken Badeanstalt einem großzügigen Parteifreund zugeschanzt und dieser einen betrügerischen Bankrott hingelegt hatte.

Staatsanwalt Scoglio grinste und blieb eine Antwort schuldig, legte aber noch nicht auf.

»Bist du noch dran, Carlo? Falls der Grieche zurück in der Stadt ist, betrifft uns das alle.«

»Einen schönen Abend, Dottore.« Der Staatsanwalt hatte erfahren, was er wollte. Der Politiker fürchtete sich offensichtlich vor einer Konfrontation mit Albanese. Tatsächlich wusste Carlo Scoglio nichts von einer vorzeitigen Entlassung des Kochs. Er stieg in den Fond seines Dienstwagens und ließ sich nach Hause bringen, wo ihn seine Frau wie stets penibel seine Pünktlichkeit überwachend zum Abendessen erwartete. Seit zwei Jahren akzeptierte sie nur noch triftige Gründe für sein Ausbleiben oder für allzu deutliche Verspätungen.

Antonio Gasparri war seit seiner Gymnasialzeit in der Politik, als handelte es sich um einen genetischen Defekt seiner Familie. Der Großvater war ein glühender Vertreter der Repubblica di Salò gewesen und auch nach dem Krieg und dem Abzug der Alliierten aus Triest in der faschistischen Nachfolgepartei geblieben. Eine Position, die bald Gasparris Vater übernahm, später traten die Söhne in seine Fußstapfen. Die Partei hatte sich freilich längst umbenannt und war Teil eines populistischen Rechtsbündnisses geworden, das lange Jahre die Regierung stellte. Heute war es nicht einmal mehr die drittstärkste Gruppe im Parlament, allerdings hatte Tonino Gasparri noch nie einen Posten verloren. Bald würden es vierzig Jahre sein, von denen er über die Hälfte im Stadtrat von Triest gesessen hatte, in der fünften Legislaturperiode zudem im Regionalparlament. Er war Vorsitzender verschiedener Komitees und Kommissionen, die von der Urbanistik bis zum Gesundheitswesen, von der Verkehrs- und Schulpolitik bis zum Tourismus reichten. Dieser Mann schien in allem kompetent zu sein. Vor allem hatte er Verbündete auch in der größten gegnerischen Partei, als könnten sie sich gemeinsam und fern der Bürger Stadt und Land zurechtformen. Seine Bezüge überstiegen bei Weitem, was er aus eigener Fähigkeit hätte erwirtschaften können. In seinem Curriculum Vitae war von einem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu lesen, doch kursierten Stimmen, die sagten, er habe den Abschluss nur dem Zutun von Parteifreunden zu verdanken.

Er war von magerer Gestalt und mittlerer Größe, bis heute hatte er sich keinen Friseur gesucht, der sein dunkelgraues Haar passabel zu schneiden gewusst hätte, stattdessen bediente er sich eines seiner Getreuen aus dem lokalen Parteivorstand. Auch seine Kleidung fiel nicht weiter auf. Dass niemand ihn übersehen konnte, lag allein an seinem wohl vererbten Selbstbewusstsein und an der Macht, mit der er in der Stadt etwas durchzusetzen wusste – oder zu verhindern. Eine Funktion im Vordergrund, Bürgermeisterposten oder Parteivorstand, hatte er stets abgelehnt. Man konnte sich jedoch darauf verlassen, dass, sobald seine Partei wieder an die Macht kam, er alles dafür tun würde, jeden Fortschritt so schnell wie möglich zurückzudrehen. Viel Arbeit würde dabei nicht anfallen, schließlich waren die Kollegen der anderen Parteien genauso wenig daran interessiert, infolge zu vieler Neuerungen die Kontrolle zu verlieren.

Er bewohnte eine großzügige Wohnung im vierten Stock eines neoklassizistischen Palazzos in der Via Mazzini, die er kaum nutzte. Tonino, wie ihn alle riefen, verbrachte die meiste Zeit mit seinen Seilschaften in Sitzungssälen, Büros, Bars und Restaurants. Beizeiten sah man ihn in weiblicher Begleitung nach Hause gehen. Und nicht immer war es Fedora Bertone, die ihm gefällig war.

An diesem Abend telefonierte er fieberhaft. Wegen der vielen Konferenzen hatte er am Nachmittag nicht die Gelegenheit gefunden, der Behauptung von Elio Mazza, dem Poeten, nachzugehen, dass Aristèides Albanese vorzeitig entlassen worden und in die Stadt zurückgekehrt sei. Bruno Guidoni hatte ihn gestern ebenfalls angerufen, aber auch er konnte nichts Neues sagen. Der Staatsanwalt hatte nicht einmal versprochen, sich kundig zu machen, und siezte ihn sogar abweisend. Seine Vertrauensperson im Polizeipräsidium war nicht zu erreichen, und auch in der Präfektur blitzte er ab. Tonino Gasparri war stets davon ausgegangen, dass Albanese seine Strafe bis zum Ende absitzen müsste und sich nie in die Stadt zurücktrauen würde, aus der er einst verbannt worden war.

Antonio Gasparri suchte in einem Sideboard nach dem Cannabis und drehte sich einen Joint, der ihn beruhigen sollte. Eine Angewohnheit, die er seit seiner Jugend und trotz seiner üblichen Moralpredigten beibehalten hatte. Als Student hatte man ihn erwischt, als er in der Viale XX Settembre das Zeug verdealte, und schon damals mussten ihn seine Verbündeten retten. Oder sein Vater. Der Vorfall war nie an die Öffentlichkeit gekommen und das Verfahren stillschweigend eingestellt worden. Er nahm zwei tiefe Züge und sinnierte, wie mit Aristèides zu verfahren wäre und was er vorhaben könnte. Er hätte es sogar verstehen können, wenn der Mann zurückgekommen wäre, um sich an ihnen zu rächen. Heute würde es schwieriger sein, ihn noch einmal auf ähnliche Weise loszuwerden. Die Social Media und das Internet hatten zwar die Oberhand gewonnen, Schmutzkampagnen gab es en masse und waren beizeiten erfolgreich, doch das war nicht seine Welt. Auch die Redaktion der Lokalzeitung hatte er nicht mehr im Griff. Dass der Grieche wieder in der Stadt war, wäre an sich keine große Nachricht gewesen. Allzu sehr aufgebauscht konnte sie sich aber als zweischneidiges Schwert erweisen, sollte in einem Artikel die alte Geschichte aufgeblättert und die Namen der Beteiligten genannt werden. Im Moment blieb wenig anderes übrig, als auf der Hut zu sein und sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Antonio Gasparri schrak auf, als er zur Uhr blickte, er hatte noch ein wichtiges Treffen vor sich, und danach erwartete ihn seine Parteigruppe in der Bar Medusa. Dort ließ sich offen reden, der Wirtin Fedora Bertone konnte er seit jeher vertrauen.

Bei der griechisch-orthodoxen Kirche San Nicolò überquerte er die Rive und ging auf der Mole in Richtung Campo Marzio. Bei der Stazione Marittima war der gesamte Parkplatz wegen eines Kreuzfahrtschiffs abgesperrt, das Punkt sieben Uhr am nächsten Morgen an der Mole festmachen würde. Ein paar Meter weiter stand ein glatzköpfiger, stämmiger Mann in Lederjacke rauchend neben seiner schwarzen Ducati Monster.

»Lange hätte ich nicht mehr gewartet, Tonino«, sagte er, als Gasparri auf ihn zukam.

»Verzeih, aber ich habe noch eine wichtige Nachricht bekommen.« Der Politiker klopfte dem Kerl, der ihn deutlich überragte, versöhnlich auf die Schulter. »Du hast doch jetzt Ferien, da kommt es auf zwanzig Minuten nicht an. Konntest du dir einen Überblick verschaffen?«

»Kein Problem. Morgen früh läuft alles wie geplant. Du hast hoffentlich das Geld dabei, die anderen wollen anschließend sofort abhauen.«

Gasparri zog einen prallen Briefumschlag aus der Innentasche seines Jacketts. »Je zehn für jeden von ihnen. Du bekommst deinen Anteil später samt einer Prämie von hundertfünfzig Prozent. Du weißt, es ist mir wichtig, dass die Sache klappt. Macht keine Fehler, und lasst euch bloß nicht erwischen.«

»Keine Sorge, die anderen wissen nicht, von wem der Auftrag kommt. Und aus mir kriegt niemand etwas raus.« Der Motorradfahrer trat die Zigarette aus, setzte den Helm auf und ließ seine Maschine mit donnerndem Motor an. Als er sich auf den Sattel schwang, wirkte das Gefährt wie ein Spielzeug unter ihm.

»Soll ich dich irgendwo absetzen, Tonino?«, fragte er, bevor er das Visier schloss.

»Lass mal, ich geh besser zu Fuß. Am besten du verschwindest danach für zwei Wochen. Mach eine Kreuzfahrt oder so was.« Gasparri zeigte auf die Absperrungen. »Und wenn du etwas brauchst, dann melde dich über die üblichen Kanäle. Ansonsten sehen wir uns nach deiner Rückkehr oben in den Bergen.« Wie viele andere Triestiner hatte auch er schon vor Jahren mit Schwarzgeld eine Wohnung in dem Kärntner Bergdorf Bad Kleinkirchheim gekauft.

Die Kneipe war halb leer, und sie erwarteten ihn ungeduldig am letzten Tisch, abseits der anderen Gäste. Kaum hatte Fedora ihm ein Glas gebracht, fasste er in aller Kürze die Ereignisse des Tages zusammen. Bruno Guidoni nickte zur Bestätigung.

»Wie sieht der Grieche wohl heute aus?«, fragte die Wirtin. Ihre Zähne blitzten im Licht.

Gasparri hob ratlos die Brauen und wandte sich an Guidoni. »Mir hat der Staatsanwalt nichts sagen wollen. Hast du mit ihm gesprochen?«

Der andere verneinte und griff zum Telefon, doch hörte er unter der Nummer des Poeten lediglich die Ansage der Telefongesellschaft, dass der Teilnehmer derzeit nicht zu erreichen sei. Er stellte die Stimme wie zum Beweis auf Lautsprecher. »Er wird uns morgen Genaueres sagen, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hat. Auch der Grieche wird ein paar Haare verloren haben, wie fast alle von uns.«

»Er hatte doch schon damals eine Glatze«, lachte Fedora und bleckte die Zähne wie ein wieherndes Pferd. Ihr extremer Überbiss stand in größtmöglichem Widerspruch zu den perfekten Formen ihres Körpers. Aristèides hatte sie zu ihrem Ärger oft damit gehänselt, dass sie auf Modeschauen den Leuten nur dann den Atem raubte, wenn sie maskiert oder mit Schleier defilierte. Sex hatte er dennoch mit ihr haben wollen. Erst als sie ihm sagte, dass sie ein Kind von ihm erwartete, wurde sie wieder zur Bedienung in seinem Restaurant. Das hatte sie ihm nie verziehen.

»Sollte er wirklich zurück sein, werden wir es bald wissen«, scherzte Gasparri gekünstelt. »Wenn einer von uns etwas erfährt, sagt er den anderen sofort Bescheid. Und falls es eine von Elio Mazzas Wahnvorstellungen war, dann hat er eine Abreibung verdient. Die hilft ihm vielleicht generell wieder auf die Beine.«

 

[1] »Wer hat die Kraft?«
»Wir.«
»Wem gehört die Treue?«
»Uns.«
»Wem gehört der Sieg?«

[2] »Wem gehört der Ruhm?«

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