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Through my Heart – Ich begehre nur dichThrough my Heart – Ich begehre nur dich

Die besten deutschen Wattpad-Bücher

Teil 2 der prickelnd-heißen Lovestorys von Wattpad-Phänomen Ariana Godoy – für Fans von Anna Todd und „365 Tage“ 

„Es ist egal, dass du immer flüchtest, Claudia, es gibt Dinge, die sind einfach unausweichlich.“
Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Ach ja, was zum Beispiel?“
„Du und ich.

Wie ist es, mit drei so heißen Kerlen zusammenzuwohnen? Du Glückliche! Kannst du mir die Telefonnummer geben? Das ist nur ein kleiner Teil dessen, was Claudia sich anhören muss, seitdem die Hidalgo-Brüder Artemis, Ares und Apollo zum Traum eines jeden Mädchens in der Stadt wurden. Denn seit vielen Jahren schon arbeitet sie in ihrem Haushalt und hat alle Höhen und Tiefen miterlebt. Doch im Haus der Hidalgos zu wohnen, hat nichts mit Mädchenfantasien zu tun, es steckt viel mehr dahinter ...

Wattpad verbindet eine Gemeinschaft von rund 90 Millionen Leser:innen und Autor:innen durch die Macht der Geschichte und ist damit weltweit die größte Social Reading-Plattform. Bei Wattpad@Piper erscheinen nun die größten Erfolge in überarbeiteter Version als Buch und als E-Book: Stoffe, die bereits hunderttausende von Leser:innen begeistert haben, durch ihren besonderen Stil beeindrucken und sich mit den Themen beschäftigen, die junge Leser:innen wirklich bewegen!

Prolog

1. Juli

Das Feuerwerk erschallt über den ganzen Platz, beleuchtet den nächtlichen Himmel und versieht ihn mit bunten Kreisen, die immer größer werden, ehe sie wieder verschwinden. Die Menschen feiern, johlen und applaudieren, während ich meine schweißnassen Hände an der Hose abreibe, in dem Versuch, sie so trocken zu bekommen.

Weshalb bin ich nur so nervös?

Ihretwegen …

Ich werfe einen kurzen Blick zur Seite und betrachte sie, denke an all das Neue, erwäge und gehe in meinen Gedanken abermals durch, was ich sagen muss, wie ich es sagen muss und ob ich es überhaupt sagen soll. Wir sitzen im Gras, sie lächelt, ihr Blick verliert sich in dem Spektakel, das Feuerwerk spiegelt sich auf ihrem Gesicht, wechselt von rötlichen zu bläulichen und allen möglichen anderen Färbungen.

Immer schon war sie an meiner Seite, seit wir Kinder sind, und schon ganz früh war mir insgeheim bewusst, dass das, was ich für sie empfinde, mehr als nur Zuneigung oder Freundschaft ist. Ich will sehr viel mehr als nur das, und nachdem ich über viele Wochen hinweg all meinen Mut zusammengenommen habe, habe ich beschlossen, dass ich das heute Abend endlich klarstellen will.

Na mach schon, du schaffst das.

Wieder sehe ich zum bunten Himmel, dann schiebe ich meine Hand langsam über das Gras und lege sie auf ihre. Mein Herz schlägt schneller, und ich komme mir so bescheuert vor, weil ich das nicht kontrollieren kann. Ich mag es nicht, wenn ich mich verletzlich fühle, niemals hätte ich gedacht, dass ich für jemand anderes Gefühle entwickeln würde, das war nichts, was ich beabsichtigt hatte. Sie sagt nichts, zieht ihre Hand aber auch nicht weg.

Ich spüre ihren Blick auf mir, wage es aber nicht, sie anzusehen, ich bin nicht gerade gut darin, Worte zu finden, das konnte ich noch nie. Als ich mich dann endlich dazu durchringe, mich dieser Situation zu stellen, mache ich das so schnell, dass es mich selbst überrascht. Mit meiner freien Hand ziehe ich sie am Nacken zu mir und presse meine Lippen auf ihre. Doch das Streifen unserer Lippen ist ebenso flüchtig, wie das Feuerwerk am Himmel verschwindet. Denn sie stößt mich heftig weg, schiebt mich postwendend wieder von sich. Ihre Reaktion überrascht mich völlig, ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Das bittere Gefühl der Ablehnung nistet sich in meinem Bauch ein, quetscht meine Brust zusammen. Sie macht den Mund auf, will etwas sagen, schließt ihn dann aber einfach wieder, und ich erkenne an ihrem Blick, dass sie wohl nicht weiß, was sie sagen soll, ohne mir wehzutun, doch dafür ist es bereits zu spät. Ich presse die Kiefer aufeinander, stehe auf und drehe ihr den Rücken zu, ich will ihr Mitleid nicht.

»­Artemis …«, höre ich sie hinter mir flüstern, doch ich laufe schon los, lasse sie stehen.

In dieser Nacht habe ich beschlossen, sie hinter mir zu lassen und in Sachen Gefühle wieder völlig dichtzumachen. Niemand würde mir mehr so wehtun, ich wollte nie wieder so verletzlich sein, das lohnte sich einfach nicht.


1. Weshalb willst du nie über ihn sprechen?

  1. Juli

Fünf Jahre später

­CLAUDIA


„Wie ist es, wenn man mit drei gut aussehenden Jungs zusammenlebt?“

„Du kannst dich vielleicht glücklich schätzen.“

„Was bin ich neidisch!“

„Mit solchen Göttern zusammenleben, was für ein Privileg.“

„Wie ist es so, wenn man mit ihnen zusammenlebt?“

„Hast du schon mal einen von ihnen flachgelegt?“

„Könntest du mir die Nummer von einem besorgen?“

Das sind nur einige der Kommentare, mit denen ich mich herumschlagen muss, seit die ­Hidalgo-Brüder größer wurden und sich in den feuchten Traum der Mädchen und Jungs von hier verwandelt haben. ­Artemis, ­Ares und ­Apollo ­Hidalgo, mit denen ich aufwuchs, obwohl wir nicht zu einer Familie gehören, sind die Ursache für viele weibliche Seufzer auf den Straßen. Wie es dazu kam, dass ich bei ihnen lebe? Nun ja, meine Mutter arbeitet schon fast mein ganzes Leben als Haushaltshilfe bei ihnen. Juan ­Hidalgo, der Vater, hat uns die Türen zu seinem Heim geöffnet und uns aufgenommen, wofür ich ihm auf ewig dankbar sein werde. Er hat sich uns gegenüber immer sehr zuvorkommend verhalten. Als meine Mutter vor einem Jahr krank wurde und ihrer Arbeit nicht länger nachgehen konnte, erlaubte er mir, ihren Platz einzunehmen und ihre Arbeit im Haus zu verrichten.

Viele Menschen sind neidisch auf mich, glauben, mein Leben sei perfekt, nur weil ich mit ein paar gut aussehenden Jungs zusammenlebe, aber damit liegen sie völlig falsch. Im Leben dreht sich nicht alles nur um Beziehungen, Sex, Jungs und dergleichen. Für mich geht es im Leben um sehr viel mehr. Beziehungen bringen nur Komplikationen, Probleme, Diskussionen und mitunter vielleicht auch mal ein vorübergehendes Glücksgefühl mit sich, aber lohnt es sich wirklich, dieses Risiko für einen flüchtigen Glücksmoment einzugehen? Meiner Meinung nach nicht, ich ziehe die Stabilität und Ruhe tausendfach dem vor, was eine Beziehung zu bieten hat, deshalb halte ich mich von solchen Dingen fern, es gibt schon genug Dinge, mit denen ich mich gerade herumschlagen muss.

Und damit beziehe ich mich nicht nur auf die Liebe. Es fällt mir schwer, Freundschaften aufzubauen, weil mir schlicht die Zeit dazu fehlt. Tagsüber arbeite ich im Haus der ­Hidalgos, während meiner Pausen pflege und versorge ich meine Mutter, und abends belege ich Abendkurse an der Universität. Mein Tag beginnt um vier Uhr früh, und wenn er endet, ist es fast Mitternacht, also bleibt mir kaum genug Zeit, um zu schlafen. Mit gerade mal zwanzig Jahren sollte ich eigentlich viele Freunde haben, ich aber habe nur eine einzige Freundin, und auch nur deshalb, weil wir dieselben Kurse an der Uni belegen. Natürlich erachte ich die ­Hidalgo-Jungs als meine Freunde, vor allem ­Ares und ­Apollo. ­Artemis – das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Tatsächlich waren ­Artemis und ich als Kinder sehr eng befreundet. Doch alles veränderte sich vor fünf Jahren, an jenem Abend des 4. Juli, als ich ihn wegstieß, nachdem er mich geküsst hatte. Seitdem ist unser Verhältnis nicht mehr freundschaftlich und entspannt, sondern sehr distanziert. Er redet nur mit mir, wenn es unbedingt sein muss. Das ist ­Ares und ­Apollo zwar aufgefallen, aber sie haben nie irgendwelche Fragen gestellt, wofür ich sehr dankbar bin, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich ihnen erläutern soll, was zwischen uns vorgefallen war.

Abgesehen davon war es letztlich einfach für ihn, mir aus dem Weg zu gehen, denn am Ende jenes Sommers fing für ihn die Universität an. Er zog von zu Hause aus und lebte während der fünf Jahre seines Studiums auf dem Campus der Universität. Doch vor einem Monat hat er seinen Abschluss gemacht, und jetzt kommt er wieder nach Hause.

Heute.

Manchmal zeigt sich das Leben von seiner überaus ironischen Seite. Ausgerechnet heute muss er nach Hause kommen, an dem Tag, an dem sich jene Nacht zum fünften Mal jährt. Seine Familie hat eine Überraschungsparty für ihn organisiert. Ich bin nervös, das kann ich nicht leugnen, denn das letzte Mal habe ich ihn vor vier Monaten gesehen, und dann auch nur für einen flüchtigen Moment, als er ein paar Sachen zu Hause abholte. Da hat er mich nicht einmal begrüßt. Ich hoffe ja, ehrlich gesagt, dass wir jetzt einen etwas zivilisierteren Umgang miteinander pflegen können, immerhin sind seit jenem Abend fünf Jahre vergangen, vermutlich erinnert er sich auch gar nicht mehr daran. Ich möchte ja gar nicht, dass unsere Beziehung wieder so eng wird wie damals, ich hoffe einfach nur, dass wir uns ganz locker miteinander unterhalten können, ohne dass sich einer von uns beiden dabei unwohl fühlt.

„Ist das Essen vorbereitet?“, fragt mich Martha, meine Mutter, nun schon zum dritten Mal, während sie mir dabei hilft, den Reißverschluss im Rücken meines schwarzen Kleides zu schließen. Sofía, die Hausherrin, hat mir aufgetragen, dieses Kleid anzuziehen, weil sie möchte, dass alle Bediensteten, die sie eingestellt hat, um sich um ihre Gäste zu kümmern, elegant aussehen, da darf ich keine Ausnahme darstellen. »­Claudia, hörst du mir überhaupt zu?«

Mit einem Lächeln drehe ich mich zu ihr um.

„Alles ist tipptopp, Mama, mach dir keine Sorgen, schlaf einfach, okay?“ Ich zwinge sie, sich hinzulegen, decke sie zu und drücke ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich komme bald zurück.“

„Sieh zu, dass du keine Schwierigkeiten bekommst, du weißt doch, es ist besser zu schweigen als …“

„… als ehrlich zu sein“, beende ich den Satz für sie. „Ich weiß.“

Sie streichelt mir übers Gesicht.

„Du weißt es nicht, aber die Leute, die heute kommen, können ziemlich unflätig sein.“

„Ich werde keine Schwierigkeiten bekommen, Mama, ich bin erwachsen.“

Ich küsse sie noch einmal auf die Stirn, ehe ich gehe. Im Spiegel überprüfe ich, dass der Dutt, den ich hochgesteckt habe, perfekt sitzt und sich keine rote Strähne selbstständig gemacht hat. Ich kann meine Haare nicht offen tragen, schließlich werde ich mich ums Essen kümmern. Ich schalte das Licht aus und verlasse das Zimmer mit raschen Schritten. Bei jedem Schritt erklingen die Absätze der schwarzen, hochhackigen Schuhe, die ich trage. Obwohl ich nicht oft High Heels trage, kann ich ganz gut darin laufen.

In der Küche treffe ich auf vier Leute, zwei junge Männer im Kellneroutfit und zwei junge Frauen, die dasselbe Kleid tragen wie ich. Ich kenne sie, weil sie zu dem Team gehören, das Frau ­Hidalgo immer für ihre Feiern einstellt. Sie nimmt gern dieselben Leute, weil sie gut arbeiten und mit den Festivitäten in diesem Haus vertraut sind, außerdem ist eines der Mädchen meine Freundin von der Uni. Ich habe ihr geholfen, diesen Job zu bekommen.

„Alles okay?“

Gin, meine Freundin, seufzt.

„Alles gut“, sagt sie und deutet zu dem Mädchen mit den schwarzen Haaren. „Anellie hat ein paar Cocktails vorbereitet und den Champagner und den Wein kühl gestellt.“

„Gut. Wer kümmert sich um die Getränke?“, frage ich und arrangiere ein Tablett mit kleinen Snacks. „Jon?“

Jon nickt.

„Ja, wie immer, der beste Barmann der Welt.“ Er zwinkert mir zu.

Gin verdreht die Augen.

„Wie bitte? Die besten Margaritas der Welt bereite ja wohl ich zu.“

Miguel, der bislang noch nichts gesagt hat, nickt.

„Das kann ich nur bestätigen“, verkündet er.

Jon zeigt ihnen den Stinkefinger, und ich werfe einen Blick auf die Uhr.

„Zeit, rauszugehen, die Gäste sollten so langsam eintreffen.“

Ich beobachte, wie sie nach draußen gehen, und Gin bleibt absichtlich etwas zurück, um neben mir herzulaufen.

„Wie fühlst du dich?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Normal, wie sollte ich mich denn fühlen?“

Sie brummt unwirsch.

„Bei mir musst du dich nicht verstellen, du hast ihn seit Monaten nicht gesehen, bestimmt bist du schrecklich nervös.“

„Alles bestens“, wiederhole ich.

„Ich habe dir doch erzählt, dass ich ihn vor ein paar Tagen in einem Wirtschaftsmagazin gesehen habe“, sagt sie dann. „Weißt du, dass er einer der jüngsten Geschäftsführer im ganzen Land ist?“

Das weiß ich, doch Gin fährt fort.

»Er hatte noch nicht mal das Studium beendet, da hat er bereits als Geschäftsführer in der Firma ­Hidalgo angefangen. Sie haben dem Artikel einen kurzen Überblick über ihn beigefügt, er ist ein verdammtes Genie, hat das Studium mit Auszeichnung bestanden.«

„Gin.“ Ich drehe mich zu ihr um und lege ihr die Hände auf die Schultern. „Ich mag dich wahnsinnig gern, aber könntest du bitte still sein?“

Gin schnaubt.

„Warum willst du nie über ihn reden?“

„Weil es dafür keinen Grund gibt.“

»Mir kann niemand ausreden, dass zwischen euch irgendwas gelaufen sein muss, er ist der Einzige der ­Hidalgos, über den du nie reden willst.«

„Da war nichts“, sage ich, während wir ins Wohnzimmer weitergehen, in dem alles arrangiert ist und die Möbel durch Dekoration und kleine hohe Tische ersetzt wurden, auf denen Snacks und Aperitifs stehen. Sofía und Juan ­Hidalgo stehen bei der Tür, bereit, ihre Gäste zu empfangen, außerdem sehe ich dort ­Apollo, den jüngsten Sohn, der einen hübschen Anzug trägt. Ich runzle die Stirn. Wo ist ­Ares?

Ich eile die Treppe hinauf, weil ich diese Jungs nur zu gut kenne. ­Ares war letzten Abend feiern, ist quasi erst am Morgen nach Hause gekommen, also ist es sehr wahrscheinlich, dass er immer noch schläft, obwohl es schon fast sechs Uhr abends ist. Ohne anzuklopfen, trete ich in sein Zimmer, in dem es noch stockdunkel ist, was mich nicht überrascht. Der Geruch von Alkohol und Zigaretten steigt mir in die Nase. Ich ziehe die Vorhänge auf, und das Abendlicht fällt auf den achtzehnjährigen Jungen, der mir so vertraut ist. Er liegt auf dem Bett, ohne Hemd, das Gesicht ins Kopfkissen gepresst, die Decke nur bis zur Hüfte hochgezogen. Es überrascht mich auch nicht weiter, ein blondes Mädchen zu entdecken, das neben ihm schläft. Ich kenne sie nicht, sie muss wohl eines der Mädchen für einen seiner One-Night-Stands sein.

»­Ares!« Ich schlage ihm sanft gegen die Schulter, doch er stöhnt nur genervt. »­Ares!« Dieses Mal rüttle ich ihn etwas und bringe ihn dazu, diese blauen Augen zu öffnen, die denen seiner Mutter so sehr ähneln.

„O nein, zu hell!“, beschwert er sich und hält sich die Augen zu.

„Die Helligkeit ist gerade dein kleinstes Problem.“ Ich richte mich auf und stemme die Hände in die Hüften.

„Was ist los?“ Er setzt sich auf, reibt sich übers Gesicht.

Ich sage nur das eine Wort, mit dem alles gesagt ist, was er wissen muss.

»­Artemis.«

Ich beobachte, wie es in seinem Gehirn klick macht und er aufsteht. Er trägt nur Boxershorts, und hätte ich ihn nicht schon so oft so gesehen, dann wäre ich bei diesem Anblick wohl ganz überwältigt.

„Scheiße! Das ist ja heute!“

„Mach schon, geh duschen“, sage ich ihm. „Dein Anzug hängt an der Tür zum Bad.“

­Ares will fast schon ins Bad rennen, als sein Blick auf das schlafende Mädchen in seinem Bett fällt.

„O scheiße.“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

„Ich dachte, du wolltest dich mal einen Abend lang von sexuellen Abenteuern fernhalten.“

„Ich war … o Mann, scheiß Alkohol.“ Er kratzt sich am Hinterkopf. „Ich habe keine Zeit, mich mit dem Drama zu befassen, dass ich sie jetzt rauswerfen muss.“ Er macht einen Schritt auf mich zu. „Du hast mich doch lieb, oder, Clau?“

„Ich werde sie nicht hier rauskomplimentieren, du bist selbst für das verantwortlich, was du tust und machst.“

„Aber ich habe doch keine Zeit, bitte“, bettelt er mich an. „Wenn ich mich um das hier kümmern muss, dann komme ich nicht rechtzeitig nach unten, um meinen Bruder zu empfangen.“

„Na gut, okay, aber das ist dann wirklich das letzte Mal.“ Ich schiebe ihn Richtung Bad. „Geh schon.“

Seufzend mache ich mich daran, das Mädchen zu wecken. Schweigend zieht sie sich an, wobei ich ihr so viel Privatsphäre lasse, wie ich nur kann. Es ist lästig und außerdem schrecklich zu sagen, dass ich solche Situationen gewohnt bin, aber so ist das nun mal. Da ich mit einem achtzehnjährigen Jungen auf dem Höhepunkt des sexuellen Erwachens zusammenlebe, bin ich quasi dazu gezwungen, mich daran zu gewöhnen. ­Apollo ist da noch immer recht unschuldig, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich muss zugeben, dass die Blondine sehr gut aussieht, und sie tut mir richtig leid.

„Gehen wir, ich rufe dir ein Taxi und begleite dich durch die Hintertür nach draußen.“

Beleidigt sieht sie mich an.

„Durch die Hintertür? Was glaubst du, wer ich bin? Und du hast mir noch immer nicht gesagt, wer du eigentlich bist …“

Ich verstehe ihre Frage, denn in diesem eleganten Kleid weist nichts darauf hin, dass ich nur ein Dienstmädchen bin.

„Das ist nicht weiter wichtig, unten ist gerade eine Feier im Gang, und wenn du nicht willst, dass dich ein Dutzend Leute in diesem Aufzug sehen, dann rate ich dir, die Hintertür zu nehmen.“

Sie wirft mir einen bitterbösen Blick zu.

„Mir doch scheißegal.“

Wie undankbar.

Ich weiß schon, dass ich hier die Drecksarbeit erledige, und ich will das auch kein bisschen unterstützen, aber ich kenne den Jungen gut genug und weiß, dass er schon fast schmerzhaft ehrlich ist und den Mädchen immer klipp und klar sagt, was er von ihnen will und zu geben bereit ist. Wenn sie sich dann dennoch auf ihn einlassen, sich aber mehr von ihm erhoffen, dann ist das ihr Problem.

Nachdem ich das Mädchen nach draußen begleitet und zugesehen habe, wie sie in ein Taxi gestiegen ist, kehre ich zur Party zurück. Es sind schon einige sehr elegant gekleidete Leute da. Alle tragen sie Markenklamotten. Ich setze mein bestes Lächeln auf und fange an, höflich zu bedienen, lache über Witze, die ich kein bisschen witzig finde, und mache allen Komplimente, auch wenn sie nicht ehrlich gemeint sind.

Während die Zeit verstreicht und immer mehr Leute eintreffen, werde ich doch etwas nervös. Das hier ist eine Überraschungsparty, ­Artemis hat keine Ahnung, dass er, wenn er nach so langer Zeit wieder nach Hause kommt, von so vielen Leuten empfangen wird, und der Moment, zu dem er kommt, rückt immer näher. Trotzdem weiß ich gar nicht, warum ich überhaupt so nervös bin. Die Hausherrin bittet um Aufmerksamkeit und darum, dass alle ganz still sind. Jon schaltet das Licht aus, und schweigend harren alle aus, als wir hören, wie die Tür geöffnet wird.

­Artemis ist hier.


2. Frauen wollen doch nie einfach nur Sex

­CLAUDIA


Es gibt Momente, die verstreichen, als wären sie in Zeitlupe aufgenommen worden, insbesondere dann, wenn sie voller Emotionen sind, dabei laufen sie tatsächlich in Echtzeit ab. Die Tür geht auf, das Licht wird eingeschaltet, Applaus brandet auf und hallt im großen Salon wider.

Genervt stelle ich fest, dass mein Herz schneller schlägt, als ich ihn sehe: ­Artemis. Ich kann nicht umhin zu bemerken, wie sehr er sich verändert hat, er ist nicht mehr der siebzehnjährige Junge mit den strahlenden Augen, der an jenem 4. Juli meine Hand ergriffen hat. Er ist jetzt ein gestandener Mann und trägt einen Anzug, der ihn noch älter wirken lässt, als er tatsächlich ist. Seine Eltern begrüßen ihn, gefolgt von einem ganzen Haufen Leute. Er hat sich wirklich sehr verändert, er lächelt nicht mehr so viel, sein Blick ist matt und kalt.

Allerdings lässt sich nicht verneinen, dass er noch besser aussieht als früher, seine Gesichtszüge sind reifer geworden, ein Dreitagebart ziert sein Gesicht. Als ich den Blick endlich von ihm abwende, entdecke ich die rothaarige Frau an seiner Seite. Sie ist wunderschön, hat fantastische Kurven und ihr Kleid einen gewagten Ausschnitt. Sie streicht sich eine rote Haarsträhne hinters Ohr, lächelt dabei ­Artemis’ Mutter an. So, wie sie an seiner Seite klebt, muss sie ihm sehr nahestehen.

Das geht dich gar nichts an, ­Claudia.

Ich schüttle den Kopf, will mich schon abwenden, als mein Blick den von ­Artemis kreuzt. Diese kaffeebraunen Augen, die ich immer so sanft fand, sehen mich an, und ich höre auf zu atmen, die Atmosphäre um mich herum verändert sich und die Anspannung zwischen uns ist deutlich zu spüren, als würde uns eine ganze Kette von Gefühlen inmitten all dieser Leute verbinden. Ich bin nicht mutig genug, seinen Blick zu ertragen, also wende ich mich ab. Und habe Gin vor mir.

„In echt sieht er ja noch besser aus.“

Ich lasse das unkommentiert und gehe an ihr vorbei weiter. Jon empfängt mich mit einem breiten Grinsen an der Bar.

„Warum bist du immer so ernst? Es ist kein Verbrechen, auch mal zu lächeln!“

Ich reiche ihm das leere Tablett, damit er es mit Champagnergläsern füllt.

„Ich habe keinen Grund zu lächeln.“

Jon reicht mir das Tablett mit den vollen Gläsern.

„Dafür braucht man nicht unbedingt einen Grund.“ Er beugt sich etwas über den Tresen. „Du bist sehr hübsch, wenn du lächelst.“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

„Ich habe dir schon gesagt, dass deine Flirtversuche bei mir vergeblich sind.“

„Die können gar nicht funktionieren, Clau steht mehr auf Männer mit Bart“, meint Gin.

Jon macht kurz einen Schmollmund und zieht eine Schnute.

„Für dich würde ich mir auch einen Bart wachsen lassen“, sagt er dann.

Ich will schon etwas darauf erwidern, als mich zwei Arme von hinten umschlingen. Ein vertrauter Parfumduft steigt mir in die Nase, während ­Ares mich fest an sich presst.

„Du hast mich gerettet, danke.“

Ich löse mich aus der Umarmung und drehe mich zu ihm um.

„Das war das letzte Mal.“

Er grinst mich breit an.

„Versprochen.“

„Das hast du schon das letzte Mal gesagt.“

„Dann gebe ich dir eben ein doppeltes und dreifaches Versprechen?“ Er sieht mich mit diesen unschuldig dreinblickenden Augen an, was ihm bestimmt schon einige Mädchen beschafft hat. Ich gehe nicht darauf ein, stupse ihn nur gegen die Stirn. ­Ares lacht, und ich sehe, wie ­Artemis und die Rothaarige sich ihm langsam von hinten nähern, bestimmt wollen sie ­Ares begrüßen.

Das ist der Moment, um zu verschwinden.

„Ich hole noch ein paar Snacks“, murmele ich. Ich lasse Gin stehen, die mir gerade widersprechen will, denn wir beide wissen, dass noch genügend Snacks da sind.

Die Küche ist mein Refugium, dort bin ich aufgewachsen, habe am Tisch gekritzelt und gemalt, während meine Mutter gekocht und geputzt hat. Dieser Raum wird von den ­Hidalgos nur selten aufgesucht: Er ist mein Reich. Dabei wollte ich das gar nicht unbedingt, ich bin einfach hier in diesem kleinen Raum aufgewachsen. Es war gar nicht beabsichtigt gewesen, dass er sich in mein Refugium verwandelt, das ist einfach so passiert. Ich arrangiere, was bereits fertig ist, gebe vor, etwas zu tun zu haben, für den Fall, dass doch jemand reinkommt. Dabei vergeude ich hier nur meine Zeit, und wenn Frau ­Hidalgo das mitbekommt, wird sie mich dafür vermutlich zur Rede stellen. Ich habe keine Ahnung, warum ich gerade vor ­Artemis geflüchtet bin.

Vor meinem inneren Auge hat sich dieser Abend anders abgespielt, nie hätte ich gedacht, dass ich mich wie ein Feigling in der Küche verstecke. Was ist nur los mit mir?

Dich beeindruckt einfach nur, wie reif er aussieht, das ist alles.

Du hast dich doch bislang noch nie von jemandem einschüchtern lassen, also lass nicht zu, dass er derjenige ist, dem das zum ersten Mal gelingt.

„Alles okay?“ ­Apollos Stimme, der Jüngste der Familie ­Hidalgo, lässt mich überrascht zusammenzucken.

Ich drehe mich zu ihm um.

„Ja, alles bestens.“

­Apollo ist die unschuldige Version seiner beiden Brüder. Mit seinen großen honigfarbenen Augen und diesem kindlichen Lächeln sieht er sehr süß aus, und ich wage es zu behaupten, dass er mit der Zeit sogar noch attraktiver sein wird als seine Brüder, außerdem besitzt er ein sehr viel angenehmeres Wesen.

„Und warum versteckst du dich dann hier?“ Er lehnt sich mit verschränkten Armen an den Küchentisch.

„Ich verstecke mich doch nicht.“

­Apollo zieht eine Augenbraue hoch.

„Und was machst du hier dann?“

Ich mache den Mund auf, schließe ihn wieder, denke darüber nach, wie ich mich herausreden kann, bis mir etwas einfällt.

„Ich bin dabei …“

„… deine Zeit zu vertrödeln“, unterbricht mich Sofía ­Hidalgo, die soeben in die Küche kommt. „Darf ich erfahren, was du die letzten zwanzig Minuten gemacht hast?“

„Ich wollte nur sicherstellen, dass …“

„Ich will nichts hören!“, sagt sie und bringt mich damit zum Schweigen. „Ich will keine Ausreden, geh einfach wieder nach draußen und kümmere dich um meine Gäste.“

Ich beiße mir auf die Zunge, weil ich meiner Mutter versprochen habe, dass ich mich betragen und anständig sein würde. Widerwillig schiebe ich mich an ­Apollo vorbei und kehre zurück zu dieser Farce, die sie Party nennen. Ich bediene die Gäste, schenke Getränke nach und lächele, als wäre ich bescheuert. Ich halte meinen Blick wie auch meine Gedanken von dem fern, dem heute Abend die Aufmerksamkeit aller gilt. Zu meinem Unglück lässt mich meine Sorge, nicht auf ­Artemis zu treffen, geradewegs gegen die Brust dessen rempeln, mit dem ich hier am wenigsten gerechnet hätte: Daniel. Seine Augen leuchten, als er mich sieht.

„Meine bezaubernde Jeannie.“

Scheiße.

„Hallo“, begrüße ich ihn mit Handschlag und will schon an ihm vorbeigehen, als er mich am Arm festhält.

„Hey, hey, warte mal.“ Ich drehe mich zu ihm um. „Wenn du glaubst, dass du mir dieses Mal entwischen kannst, dann hast du dich getäuscht.“

Ich löse mich aus seinem Griff.

„Ich bin gerade ziemlich beschäftigt.“

„Wieso hast du meine Anrufe ignoriert?“ Auf genau diese Unterhaltung hätte ich gern verzichtet. „Mir ist schon klar, dass du einen auf schwer zu bekommen machst, aber jetzt hast du mich zwei Monate ignoriert, ist das nicht ein bisschen viel?“

Ach, Daniel.

Um die Geschichte kurz zusammenzufassen: Daniel war das Ergebnis einer Nacht, in der sich Alkohol mit dem Verlangen nach Sex vereint hatten. Er spielt im Fußballteam von ­Ares und ist verdammt gut. Obwohl er jünger ist als ich, ist er auch im Bett richtig gut. Ja, der Sex war gut, aber das war es eben auch: einfach nur Sex.

Stimmt schon, wenn ich Lust auf Sex habe, dann bin ich da sehr ehrlich und sage auch, was ich will. Meinetwegen kann mich die Gesellschaft mal kreuzweise, auch wir Frauen haben das Recht, jemanden flachzulegen, wenn uns gerade danach ist, wann immer uns danach ist und auf wen wir gerade Lust haben, und zumindest solange ich mich schütze und auf mich achtgebe, muss sich kein anderer einen Kopf darum machen. Vielleicht verurteilen mich manche deswegen, aber das ist mir völlig egal.

Ich habe kein Interesse an einer Beziehung, genieße aber die sexuelle Gesellschaft eines attraktiven Mannes, der weiß, was er macht. Ist daran etwas schlecht? Über mein Leben bestimme allein ich. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass ich den Menschen, die eine Beziehung führen oder den Sex als etwas Heiliges erachten, widersprechen würde. Ich respektiere ihre Überzeugungen, genau wie ich mir wünsche, dass auch meine respektiert werden. Ein jeder gräbt seinen eigenen Tunnel, um sich mit der Dunkelheit auseinanderzusetzen und schließlich wieder ins Licht hinauszutreten. Und so sage ich Daniel jetzt, von Angesicht zu Angesicht:

„Daniel, du bist ein sehr attraktiver Mann.“

Er lächelt.

„Danke.“

„Aber das zwischen uns war nur ein One-Night-Stand, also lass es einfach darauf beruhen und vergiss mich.“

Sein Lächeln verschwindet nicht nur, Verwirrung macht sich auf seinem Gesicht breit.

„Was?“

Frustriert fahre ich mir übers Gesicht. Die Menschen um mich herum, die Anspannung, dass die Hausherrin mich nicht erneut dabei ertappen soll, wie ich nicht arbeite, bringt meine unverblümte, abweisende Seite zum Vorschein.

„Daniel, das war nur eine Nacht mit Sex, mehr nicht. Ich mache keinen auf schwer zu bekommen, ich wollte dich einfach nur flachlegen, das habe ich gemacht, und das war’s.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Warum?“

„Frauen wollen doch nie einfach nur Sex.“

„Was für eine schreckliche Verallgemeinerung, es tut mir leid, wenn ich deine Statistiken durcheinanderbringe, aber ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass ich nicht mehr will.“

»Ich habe keine Ahnung, was für ein verdammtes Spielchen du spielst, ­Claudia, aber du kannst damit aufhören, du hast mein Interesse geweckt, du musst dir keine Mühe mehr geben.«

Wieso ist es so schwierig zu glauben, dass auch eine Frau einfach nur Spaß am Sex haben will und mehr nicht?

„Ich spiele hier nichts und …“

„Alles okay?“

­Ares gesellt sich zu uns, und ich lächle ihn an.

„Alles bestens, ich wollte gerade weiter.“

So schnell ich kann verschwinde ich von dort, lasse Daniel einfach stehen. Die Party verläuft ganz normal, und als sie zu Ende ist, helfen mir Gin und die anderen beim Zusammenräumen, ehe sie nach Hause gehen. Ich sehe nach, ob meine Mutter gut schläft, dann gehe ich nach unten in die Küche und überprüfe, ob auch tatsächlich alles aufgeräumt ist. Seufzend reibe ich mir übers Gesicht.

„Müde?“

Als ich seine Stimme höre, stockt mir der Atem. Auch seine Stimme hat sich verändert, sie klingt sehr viel männlicher, fester und verlangender, als ich sie in Erinnerung habe. Ich drehe mich um, und zum ersten Mal seit langer Zeit steht er vor mir.

­Artemis.


3. Überraschung!

­ARTEMIS


„Na mach schon, jetzt lächle doch ein bisschen“, bittet mich Cristina und bedenkt mich mit einem ihrer vorwurfsvollen Blicke.

Ich erwidere nichts darauf, mein Blick geht stur auf die Straße, die vor mir liegt, während ich diese Strecke entlangfahre, die ich so gut kenne. Ich bin kein bisschen begeistert darüber, wieder nach Hause zu kommen, dieser Ort ist so voll bitterer Erinnerungen, dass ich ihn am liebsten vergessen würde. Cristina wiederum strahlt vor Glück. Sie genießt solche Veranstaltungen.

„Weshalb bist du so ernst?“ Ihre Frage hängt unbeantwortet in der Luft, ich habe keine Lust, etwas zu erklären, und so wie es aussieht, ist ihr das auch klar. „Wie ich es hasse, wenn du in dieses sture Schweigen verfällst, das ist so nervig.“

Danach lässt sie mich in Ruhe und erneuert ihr Make-up, obwohl das gar nicht notwendig ist. Sie sieht in diesem roten Kleid, das sich ihren Kurven perfekt anpasst, einfach hinreißend aus. Ihre roten Haare trägt sie offen, die Spitzen hat sie eingedreht. Ich bin mir sicher, dass meine Mutter von ihr begeistert sein wird, sie hat Stil und stammt aus einer angesehenen Familie, genau das, was meine Mutter sich immer schon für mich gewünscht hat. Mein Handy vibriert in meiner Tasche, und ich stecke mir den Stöpsel ins Ohr und schalte ihn ein, um den Anruf anzunehmen.

„Ja bitte?“

»Herr ­Hidalgo.« David, meine rechte Hand, ist am Apparat. „Es tut mir leid, Sie heute zu stören, ich weiß, dass …“

„Worum geht’s, David?“

„Ja, also.“ Es folgt eine Pause. „Wir haben ein Problem. Der Fuhrpark hat einen Zwischenfall mit einem der beiden Bulldozer gemeldet.“

Der ­Hidalgo-Konzern ist eines der größten Bauunternehmen des Landes, hat Standorte in den verschiedenen Bundesstaaten, ich kümmere mich um den Hauptsitz, und wir haben sehr viele Projekte am Laufen. Die Bulldozer, mit denen der Boden abgetragen wird, gehören zu unseren teuersten Maschinen. Also seufze ich, ehe ich leise murmele:

„Ich höre hoffentlich besser nichts Schlechtes, was ist passiert?“

„Bei den Arbeiten am neuen Kanal kam es anscheinend zu einem Erdrutsch und der Bulldozer ist in den Kanal gefallen. Er wurde bereits mit Kranen herausgezogen, funktioniert aber nicht mehr.“

„Scheiße.“ Cristina sieht mich besorgt an. „Geht es dem Fahrer des Bulldozers gut?“

»Ja, Herr ­Hidalgo.« Das erleichtert mich. „Wohin sollen wir die Maschine schicken? Zu den Herstellern oder in unseren Betrieb?“

„In unseren Betrieb, ich vertraue unseren Mechanikern, halten Sie mich auf dem Laufenden.“ Nachdem er mir das bestätigt hat, lege ich auf. Ich spüre, dass Cristinas Blick auf mir ruht.

„Alles okay?“

„Ja, Probleme mit den Maschinen.“

Ich parke das Auto und löse den Sicherheitsgurt.

„Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen aufgeregt bin“, gibt sie zu und stößt ein nervöses Lachen aus.

Ich steige aus, gehe um das Auto herum und öffne die Tür für Cristina. Sie steigt aus, ergreift meine Hand und gemeinsam gehen wir zur Haustür.

Mein Zuhause …

Obwohl ich die letzten fünf Jahre nicht hier gelebt habe und nur zu Besuch hier war, erfasst mich ein Gefühl der Vertrautheit, und ein schwarzes Augenpaar schleicht sich in meine Gedanken, über das ich mich jedes Mal ärgere, wenn ich mich daran erinnere.

„Man hört gar nichts, hast du nicht gesagt, dass eine Party stattfindet?“, murmelt Cristina leise und hält ihr Ohr an die Tür.

„Das tut sie, aber meine Mutter hofft, dass es eine Überraschung wird.“ Ehe ich die Tür aufmache, sage ich noch: „Tu einfach so, als wärst du überrascht.“

„Überraschung!“, rufen alle einstimmig, als ich eintrete. Ich gebe mir Mühe, freundlich zu lächeln, denn diese Leute hier habe ich nur ein paarmal bei Sitzungen oder auf Feiern von meiner Mutter getroffen. Dann sehe ich meine Eltern. Die Falten im Gesicht meines Vaters sind tiefer geworden, die Schatten unter seinen Augen nicht zu übersehen. Der Stress und das Leben haben sich gerächt. Meine Mutter lächelt mich herzlich an, Papa streckt mir nur die Hand entgegen und ­Apollo, mein jüngster Bruder, umarmt mich kurz. Ich stecke die Hände in die Hosentaschen und stelle ihnen Cristina vor.

„Das ist meine Freundin Cristina.“

„Freut mich sehr.“ Cristina stellt ihr hübschestes Lächeln zur Schau, als sie meinen Eltern und ­Apollo die Hand reicht. „Was für ein schönes Haus.“

„Vielen Dank.“ Meine Mutter beäugt sie und sieht zufrieden aus mit dem, was sie da vor sich hat.

Dann fängt meine Mutter an, Cristina mit einem Haufen Fragen zu überschütten, und mein Blick schweift durch den Saal, bis ich bei einem schwarzen Augenpaar hängen bleibe: ­Claudia. Ich balle die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten. Es überrascht mich, wie hübsch sie aussieht, mir stockt einen winzigen Moment lang der Atem. Die letzten Jahre stehen ihr sehr gut zu Gesicht, daran gibt es keinen Zweifel. Ich fühle mich siegreich, als sie den Blick zuerst abwendet. Kannst mich wohl nicht ansehen, was?

Der restliche Abend verläuft ohne besondere Vorkommnisse, ich rede mit den Freunden meiner Mutter, nicke, wenn sie ihre langweiligen Geschichten erzählen, und bringe mich hier und da etwas ein. Unvermeidbar suche ich immer wieder nach einer anderen Rothaarigen als der, die neben mir steht. ­Claudia bedient und kümmert sich um die Gäste, aber jedes Mal, wenn ich mich einer Gruppe nähere, bei der sie gerade steht, verschwindet sie, als hätte ich die Pest. Also kannst du dich mir auch nicht stellen?

 

Nachdem wir uns von allen Gästen verabschiedet haben, nehmen meine Eltern, Cristina und ich im Salon Platz.

„Du bist eine sehr interessante Frau, Cristina, das freut mich …“ Meine Mutter macht Cristina Komplimente, ich nehme einen Schluck Whisky.

Die Augen meiner Mutter strahlen, wenn sie mit ihr redet. Es ist ganz offensichtlich, dass Cristina die Erwartungen erfüllt, die meine Mutter an mich hatte. Mein Vater lässt verlauten, dass er müde ist, und verabschiedet sich.

„Zeit, schlafen zu gehen.“ Meine Mutter wendet sich an Cristina. »Ich sage ­Claudia, dass sie das Gästezimmer für dich herrichten soll.« Meine Mutter steht auf, doch ich halte sie sanft am Handgelenk zurück.

„Das ist nicht nötig, Cristina wird bei mir schlafen.“ Ich sehe, dass Cristina etwas rot wird und beschämt den Blick senkt. Ein spöttisches Grinsen schleicht sich auf meine Lippen. Wenn ich an das denke, was sie mich alles mit ihr anstellen lässt, dann hat sie so gar nichts Unschuldiges.

Ein missbilligender Ausdruck huscht über das Gesicht meiner Mutter.

»­Artemis …«

„Wir sind erwachsen, Mutter, du musst hier niemandes Keuschheit wahren.“ Ich lasse sie los und stehe auf. »Ich sage ­Claudia, dass sie zusätzliche Handtücher und ein paar Sandwiches auf mein Zimmer bringen soll.«

Meine Mutter würde gern widersprechen, aber ich weiß, dass sie das in Gegenwart von Cristina nicht tun wird. Ich stelle das Whiskyglas auf dem Tisch neben dem Sofa ab, schiebe die Hände in die Hosentaschen und mache mich auf den Weg in die Küche. Dort angekommen, bleibe ich im Türrahmen stehen und betrachte sie. ­Claudia macht gerade noch sauber und räumt alles auf, sie steht mit dem Rücken zu mir da, also kann ich sie zum ersten Mal heute Abend ganz genau ansehen. Ihr Körper wirkt sehr viel erwachsener, ihre Kurven zeichnen sich deutlicher ab. Dieses Kleid klebt an ihr wie eine zweite Haut, und sie hat ihre Haare zu einem hohen Dutt zusammengebunden. Sie ist nicht mehr das fünfzehnjährige Mädchen, dem ich ganz unschuldig meine Liebe gestanden habe. Sie ist eine Frau, die ich sehr gern nackt in meinem Bett sehen würde, eine Frau, die ich richtig hart rannehmen würde. Ich schüttle den Kopf, vertreibe diese dämlichen, lüsternen Gedanken, und beschließe, etwas zu sagen.

„Müde?“

Sie verkrampft sich sichtlich, als sie sich zu mir umdreht. Einen Moment lang sieht sie mich mit diesen Augen an, in denen das Feuer lodert und noch etwas anderes … Angst? Verlangen? Ich weiß es nicht, die Atmosphäre verändert sich, und eine Anspannung, die ich noch nie zuvor zwischen uns wahrgenommen habe, macht sich breit.

Ihre Stimme ist sanft, aber schneidend.

„Nein.“

Einerseits würde ich sie gern fragen, wie es ihrer Mutter geht, wie es für sie an der Universität läuft, aber das geht mich nichts mehr an, sie ist nicht länger meine Kindheitsfreundin, nur noch ein Dienstmädchen, und das möchte ich gleich deutlich machen.

»Einfach nur ›Nein‹? Solltest du nicht eigentlich ›Nein, Herr ­Hidalgo‹ sagen? Oder hast du vielleicht vergessen, wie du die Hausherren ansprechen sollst?«

Ihr Blick wird härter, und ich sehe sehr wohl, dass sie nur zu gern etwas darauf erwidern würde, aber das macht sie nicht.

»Nein, Herr ­Hidalgo.« Sie zieht das letzte Wort wütend in die Länge. ­Claudia war immer schon ebenso wild und heftig, wie ihre Haare rot sind, es fällt ihr keineswegs leicht, nachzugeben, was mich geradezu dazu drängt, sie noch mehr in die Knie zu zwingen.

„Bring Handtücher und Sandwiches auf mein Zimmer“, verlange ich barsch. Sie nickt nur, und ich verlasse die Küche.

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