Ingeborg Bachmann: Gedichte, Werke, Erzählungen
Ingeborg Bachmann zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Schriftstellerinnen. Anlässlich ihres 100. Geburtstags erscheint nun eine neue, große Biografie über sie.
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Fünfzig Jahre nach ihrem Tod fordern Ingeborg Bachmanns Briefe eine neue Perspektive auf Leben und Werk dieser Autorin, die uns heute aktueller denn je erscheint. Andrea Stolls Biografie beleuchtet das unübersehbare Spektrum Bachmann’scher Ambivalenzen von seinen Ursprüngen her und führt uns vor Augen, wie diese ikonische Dichterin in eine Spirale von Selbstinszenierung und Selbstzerstörung geraten konnte. Dabei stützt Stoll sich neben wissenschaftlichen Recherchen auf Gespräche mit Zeitzeugen und die Auswertung jüngst veröffentlichter Briefe und Tagebucheinträge. Der erfahrenen…
Fünfzig Jahre nach ihrem Tod fordern Ingeborg Bachmanns Briefe eine neue Perspektive auf Leben und Werk dieser Autorin, die uns heute aktueller denn je erscheint. Andrea Stolls Biografie beleuchtet das unübersehbare Spektrum Bachmann’scher Ambivalenzen von seinen Ursprüngen her und führt uns vor Augen, wie diese ikonische Dichterin in eine Spirale von Selbstinszenierung und Selbstzerstörung geraten konnte. Dabei stützt Stoll sich neben wissenschaftlichen Recherchen auf Gespräche mit Zeitzeugen und die Auswertung jüngst veröffentlichter Briefe und Tagebucheinträge. Der erfahrenen Bachmann-Forscherin gelingt so eine erste umfassende Biografie, die viele Rätsel dieses Lebens von den Anfängen bis zu ihrem Ende offenlegen kann.

Ingeborg Bachmann zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Schriftstellerinnen. Anlässlich ihres 100. Geburtstags erscheint nun eine neue, große Biografie über sie.
weitere InfosWas war der beglückendste Moment für Sie bei der Arbeit an diesem Buch?
Jeder, der über Jahre zu einem Thema recherchiert oder forscht, entwickelt ein intuitives Wissen zu bestimmten Themen, deren Wahrhaftigkeit man fühlen, aber noch nicht beweisen kann. Wenn es dann gelingt die entscheidenden Puzzlesteine zusammen zu tragen, entsteht ein enormes Glücksgefühl.
Sie beschäftigen Sie sich schon sehr lange und intensiv mit Ingeborg Bachmann. Wie kam es dazu?
Tatsächlich habe ich Ingeborg Bachmann schon während meines Studiums entdeckt und war gleich von ihr fasziniert. Ich fand ihr Werk außerordentlich, also beschloss ich, eine Dissertation über sie zu schreiben. Prompt geriet ich an einen Doktorvater, der ihren Roman „Malina“ abscheulich fand: der reine Kitsch. Mit dieser Auffassung befand er sich damals übrigens in bester Gesellschaft: Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki sahen das genauso. Für mich war dieser Roman mit seiner unverwechselbaren Autorinnenstimme eine der aufregendsten Entdeckungen – und ich spürte damals, dass ihr Werk ein Höhepunkt modernen Erzählens ist. Der Bachmann-Forscher Hans Höller holte mich daraufhin an die Salzburger Universität, wo ich 15 Jahre als Dozentin arbeitete. Und Suhrkamp beauftragte Weihnachtsurlaub des Vaters von der Front 1939 mich mit der Herausgabe eines Materialienbandes zu „Malina“. Wenn heutzutage eine so großartige Autorin wie Rachel Kushner im New Yorker verkündet: „Malina is the truest portrait of female consiousness since Sappho“, macht mich das ganz einfach glücklich.
Im kommenden Jahr wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Warum zählt sie immer noch zu den meistgelesenen Autorinnen der deutschen Sprache?
Da ist zum einen die außerordentliche Schönheit und hohe Bewusstheit ihrer Sprache. Kein Wort, kein Motiv, keine Metapher sind zufällig gewählt. Jedes Wort, jeder Satz ist durchdrungen, häufig philosophisch durchdacht und kompositorisch so lange gedreht und gewendet, bis es diese Einmaligkeit des Ausdrucks hat, die wir von Bachmann kennen. Trotz ihres artistischen Sprachbewusstseins gilt für ihre Literatur aber kein l’art pour l’art. Ihr poetisches Sprechenwollen ist aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts entstanden, ihr Wirklichkeitsbewusstsein wurzelt in den traumatischen Erfahrungen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg.
Das gilt auch dann, wenn ihre Gedichte, Erzählungen oder ihre Romanprosa auf den ersten Blick ganz unpolitisch daherkommen, wie aus einer Windstille von Zeit und Ort heraus. Als gebürtige Österreicherin weiß sie um die unterirdischen Querverbindungen, die die Historie eines Landes mit der Mentalität seiner Bewohner verbindet. Im scheinbar Alltäglichsten ist Bachmann häufig am politischsten und führt uns in seit der Antike bekannten Motiven und scheinbar nebensächlichen Szenen archetypische Muster des Menschseins vor Augen. In ihrer unbestechlichen Art, die Wirklichkeit zu betrachten, war sie ihrer Zeit weit voraus. Vieles von dem, was sie aussprach, können wir erst heute in seiner ganzen Tragweite ermessen. So erklärte sie 1971 in einem Hörfunkinterview anlässlich der Veröffentlichung von „Malina“: „Über Krieg kann jeder etwas sagen, und der Krieg ist immer schrecklich. Aber über den Frieden etwas zu schreiben, über das, was wir Frieden nennen, denn das ist der Krieg ... Der Krieg, der wirkliche Krieg, ist nur die Explosion dieses Krieges, der der Frieden ist.“ Wer solche Sätze heute liest, kriegt Gänsehaut. Die Botschaften ihrer Dichtung haben unbestreitbar seismographische Qualität.
Neben ihrem Werk interessiert sich vor allem die deutschsprachige Welt für die Person Ingeborg Bachmann. Sie gehörte fraglos zu den charismatischsten Dichterinnen ihrer Zeit. Kaum eine Autorin hat Kritiker, Leserinnen und auch die Wissenschaft über die Jahrzehnte so fasziniert wie sie. Und doch gibt es noch keine umfassende Biografie über sie. Warum ist das so?
Ingeborg Bachmann war eine Dichterin, die äußerste Gegensätze in sich vereint hat. Sie war scheu, benötigte Stille und Rückzug für ihr Schreiben und fürchtete sich wie ein Kind vor öffentlichen Auftritten. Gleichzeitig wusste sie um die Einmaligkeit ihrer Kunst und hat es verstanden, sich wie eine Diva zu inszenieren. Sie nutzte alle Insignien des eleganten Lebens und verschuldete sich schon mal für Haute Couture und teure Schuhe, die sie dann wie eine Ritterrüstung trug. Ihr Glanz täuschte die Menschen darüber hinweg, dass sie ihr Schreiben im Kern als asozial empfand, sich selbst als Ausgestoßene fühlte, als eine, die ihr Schicksal erleidet, ganz einfach weil sie nicht anders kann. Das hat den biografischen Zugriff für viele Forscher:innen schwer gemacht, es ist eine große Herausforderung, ihre Dichtung und ihre komplexe Persönlichkeit zusammen zu denken. Hinzu kommt, dass ihr persönlicher und literarischer Nachlass nach ihrem frühen und tragischen Tod 1973 auf Jahrzehnte gesperrt war. Erst nach dem Veröffentlichen der Briefwechsel mit Hans Werner Henze 2004 und Paul Celan 2009 konnte biografisch fundierter gearbeitet werden. Während ich an der Herausgabe des Celan Briefwechsels beteiligt war, konnte ich das Vertrauen der Familie gewinnen und habe viele Entdeckungen machen dürfen, die mir zusammen mit den in den letzten Jahren freigegebenen Briefwechseln und Tagebucheinträgen ein sicheres Fundament verschaffen. Das ist deshalb so bedeutsam, weil Bachmanns ANDREA STOLL geboren 1960, lebt als Autorin und Filmemacherin bei Frankfurt. 1991 schrieb sie ihre Dissertation über Ingeborg Bachmann und beschäftigt sich seither immer wieder mit der österreichischen Dichterin, über die sie im Lauf der Jahre Bücher, Essays und Drehbücher veröffentlichte. Der von ihr 2009 mit herausgegebene Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan „Herzzeit“ war ein literarisches Weltereignis. Werk ohne den biografischen Hintergrund so gar nicht entstanden wäre. Leben und Werk sind bei Bachmann viel enger verflochten, als es lange den Anschein hatte. Erst der Celan Briefwechsel Herz zeit hat das Blatt gewendet. Der 2022 erschienene Briefwechsel mit Max Frisch fügt dem Gesamtbild eine weitere neue Perspektive bei und ist für eine um fassende Biografie unerlässlich.
Ihr Buch unternimmt den, wie es scheint, überfälligen und ehrgeizigen Versuch, das Leben und das Werk Ingeborg Bachmanns von den ersten Tagen in Klagenfurt bis zu ihrem Tod in Rom in den Mittelpunkt zu stellen. Was erwartet uns in Ihrem Buch?
Was ich nicht wollte, war, die vielen Mythen und Mutmaßungen zu wiederholen, die in den letzten Jahrzehnten über Ingeborg Bachmann geschrieben wurden. Werk und Person allein aus der wissenschaftlichen Analyse heraus deuten zu wollen, führt oft genauso in die Irre, wie es fahrlässig ist, ihr al lein aus dem eigenen Erfahrungshorizont begegnen zu wollen. Es war eine Weile populär, sie an ihren Lebensorten zu imaginieren und Geschichten zu reproduzieren, die Freunde und Weggefährten über sie erzählt haben. Erst heute können wir übersehen, wer da wem auf den Leim gegangen ist, und die Spreu vom Weizen trennen. Die inzwischen aus dem Nachlass veröffentlichten Tagebücher und Briefwechsel erlauben uns nicht nur einen tieferen Einblick in Bachmanns Denken und Fühlen, sie ermöglichen uns auch einen sehr viel klareren Blick auf die von ihr eingesetzten Strategien im Umgang mit anderen Menschen. Vieles von dem, was da im Laufe der Jahre behauptet wurde, erweist sich nun als das, was es immer war: reine Spekulation. Hier genauer zu sein ist mein Ziel, und ich hoffe, dass es mir gelungen ist, Ingeborg Bachmanns Anfänge und das Ende zusammen zu denken.
Worin bestanden für Sie die größten Herausforderungen?
Tatsächlich in dem, was ich eben sagte: die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn da ging es natürlich nicht nur darum, frühe Irrtümer zu erkennen. Angesichts der neuen Quellenlage bestand meine größte Herausforderung darin, auch eigene lieb gewordene Denkmuster zu überwinden und sich alles noch einmal so vorzunehmen, als sähe ich es zum ersten Mal. Das war ungeheuer herausfordernd, aber auch außerordentlich spannend: eine tolle Reise!
Seit einigen Jahren erscheint die große Werkausgabe Ingeborg Bachmanns, in der es auch darum geht, Tagebücher und Briefe erstmals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Max Frisch beispielsweise oder auch Heinrich Böll standen in regem Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann. Haben diese Bände einen großen Einfluss auf Ihre Biografie?
Der Briefwechsel mit Heinrich Böll ist tief berührend und bedeutsam. Der Briefwechsel mit Max Frisch allerdings ist fundamental für das Verständnis von Bachmanns Werk und Person.
Am 25. Juni 2026 wäre Ingeborg Bachmann 100 geworden: Erwartet uns im Jubiläumsjahr eine große Zahl an Veranstaltungen um Werk und Person der Dichterin?
Ganz sicher wird es eine Vielzahl von Publikationen, dramatischen Bearbeitungen, Filmportraits und Veranstaltungen geben. Wir alle sollten diese groß artige Dichterin feiern, die 1973 auf tragische Weise und viel zu jung verstorben ist. Zum 100. Geburtstag wird niemand mehr ihr Werk als Kitsch abtun. Ingeborg Bachmann gehört längst zu den Großen der Weltliteratur. Jedenfalls freue ich mich darauf, mit meiner im Frühjahr erscheinenden Biografie auf Lesereise zu gehen, außerdem feiert ein Theater stück von mir zu Ingeborg Bachmann am 24. April 2026 Premiere an den Kammerspielen in Frankfurt am Main.
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