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Wintersong

Roman

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Wintersong — Inhalt

An jenem Tag, an dem das alte Jahr stirbt und die Grenze zwischen den Reichen der Kobolde und der Menschen verwischt, wandelt der Erlkönig durch die Welt der Sterblichen, auf der Suche nach einer Braut. Diese muss ihm in sein Reich unter der Erde folgen, den König ehelichen und sterben – denn nur durch ihren Tod wird die Wiedergeburt des neuen Jahres gewährleistet.
Seit ihrer Kindheit kennt die 18-jährige Liesl die Sage um den unheimlichen, faszinierenden Erlkönig. Als ein mysteriöser Fremder auftaucht und Liesls Schwester entführt, weiß Liesl: Nur sie kann ihre Schwester noch aus den Fängen des Erlkönigs befreien, indem sie ihm in sein Reich folgt und ihn anstelle ihrer Schwester selbst heiratet. Doch wer ist dieser geheimnisvolle Mann? Während Liesl noch versucht, ihre Gefühle zu verstehen, arbeiten die alten Gesetze der Unterwelt bereits gegen sie ...

Erschienen am 01.12.2017
Übersetzer: Diana Bürgel
464 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70458-8
Erschienen am 01.12.2017
Übersetzer: Diana Bürgel
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97850-7

Leseprobe zu »Wintersong«

Ouvertüre


Es war einmal ein kleines Mädchen, das seine Musik für einen kleinen Jungen in den Wäldern spielte. Sie war klein und dunkelhaarig, er hingegen groß und blond, und die beiden gaben ein schönes Paar ab, wenn sie miteinander tanzten. Wenn sie zu der Musik tanzten, die das Mädchen in seinem Kopf hörte.
Ihre Großmutter hatte es vor den Wölfen gewarnt, die diese Wälder durchstreiften. Doch das kleine Mädchen wusste, dass ihm von dem kleinen Jungen keine Gefahr drohte, obwohl er der König der Kobolde war.
Willst du mich heiraten, Elisabeth?, fragte [...]

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Ouvertüre


Es war einmal ein kleines Mädchen, das seine Musik für einen kleinen Jungen in den Wäldern spielte. Sie war klein und dunkelhaarig, er hingegen groß und blond, und die beiden gaben ein schönes Paar ab, wenn sie miteinander tanzten. Wenn sie zu der Musik tanzten, die das Mädchen in seinem Kopf hörte.
Ihre Großmutter hatte es vor den Wölfen gewarnt, die diese Wälder durchstreiften. Doch das kleine Mädchen wusste, dass ihm von dem kleinen Jungen keine Gefahr drohte, obwohl er der König der Kobolde war.
Willst du mich heiraten, Elisabeth?, fragte der kleine Junge, und das kleine Mädchen wunderte sich nicht darüber, dass er ihren Namen kannte.
Oh, antwortete sie. Aber ich bin noch zu jung zum Heiraten.
Dann werde ich warten, sagte der kleine Junge. Solange du dich erinnerst, werde ich warten.
Und das kleine Mädchen lachte und tanzte mit dem Koboldkönig. Mit dem kleinen Jungen, der immer nur ein wenig älter war als sie, immer ein kleines Stück außerhalb ihrer Reichweite.
Während sich die Jahreszeiten wandelten und die Jahre verstrichen, wuchs das kleine Mädchen heran, doch der Koboldkönig blieb derselbe. Sie wusch die Teller, wischte den Boden, kämmte das Haar ihrer Schwester und lief noch immer in den Wald, um ihren alten Freund im Hain zu treffen. Ihre Spiele hatten sich verändert. Jetzt waren es Wahrheit oder Pflicht, Herausforderungen und Mutproben.
Willst du mich heiraten, Elisabeth?, fragte der kleine Junge, aber das kleine Mädchen verstand noch nicht, dass seine Frage nicht zum Spiel gehörte.
Oh, antwortete sie. Aber du hast meine Hand noch nicht gewonnen.
Dann werde ich sie gewinnen, sagte der kleine Junge. Ich werde gewinnen, bis du einwilligst.
Das kleine Mädchen lachte und spielte gegen den Koboldkönig, wobei sie jede Runde und jedes Spiel verlor.
Der Winter wurde zum Frühling, der Frühling zum Sommer, der Sommer zum Herbst und der Herbst wieder zum Winter, doch jeder Wechsel der Jahreszeiten wurde schwieriger, während das kleine Mädchen heranwuchs und der Koboldkönig immer derselbe blieb. Sie wusch die Teller, wischte den Boden, kämmte das Haar ihrer Schwester, tröstete ihren Bruder, wenn er Angst hatte, versteckte den Geldbeutel ihres Vaters, zählte die Münzen und lief nicht mehr in den Wald, um ihren alten Freund zu treffen.
Willst du mich heiraten, Elisabeth?, fragte der Koboldkönig.
Doch das kleine Mädchen antwortete nicht.

 

TEIL 1
DER MARKT DER KOBOLDE

 

Sieh die Kobolde nicht an,
Kauf ihre Früchte nicht:
Denn wer weiß, in welche Erde
Sich die darbende Wurzel flicht?


Christina Rossetti, Markt der Kobolde

 


Hüte dich vor den Kobolden


»Hüte dich vor den Kobolden«, sagte Constanze. »Und vor den Waren, die sie feilbieten.«
Ich zuckte zusammen als der Schatten meiner Großmutter über meine Notizen huschte und sowohl meine Gedanken als auch die Papiere vor mir durcheinanderbrachte. Rasch versuchte ich, meine Musik mit zitternden Händen zu verdecken, aber Constanze hatte nicht mich gemeint. Mit finsterer Miene stand sie in der Tür und sah meine Schwester Käthe an, die sich vor dem Spiegel in unserem Schlafzimmer herausputzte.
»Pass gut auf, Katharina.« Mit einem knotigen Finger deutete Constanze auf das Spiegelbild meiner Schwester. »Eitelkeit lässt einen leicht in Versuchung geraten, und sie ist ein Zeichen für einen schwachen Willen.«
Käthe achtete nicht auf sie, kniff sich in die Wangen und schüttelte ihre Locken. »Liesl«, sagte sie und griff nach einem Hut auf der Frisierkommode. »Könntest du mir damit mal helfen?«
Ich legte meine Notizen in ihr kleines abschließbares Kästchen. »Es ist nur ein Markt, Käthe, kein Ball. Wir holen lediglich Josefs Geigenbögen von Herrn Kassl ab.«
»Liesl«, bettelte Käthe. »Bitte.«
Constanze schnaubte abfällig und klopfte mit ihrem Krückstock auf den Boden, aber meine Schwester nahm sie noch immer nicht zur Kenntnis. Wir waren an die mürrischen und unheilschwangeren Äußerungen gewöhnt.
»Na gut«, seufzte ich, versteckte das Kästchen unter unserem Bett und stand auf, um den Hut auf Käthes Haar festzustecken.
Er sah aus wie Zuckerwerk aus Seide und Federn, eine alberne Heuchelei, besonders in unserem kleinen Provinznest. Aber immerhin war meine Schwester genauso albern, also passten sie und der Hut gut zusammen.
»Autsch!«, rief Käthe, als ich sie versehentlich mit einer der Nadeln pikte. »Pass auf, wohin du damit stichst.«
»Dann lern endlich, dich selbst anzuziehen.« Ich strich die Locken meiner Schwester glatt und zupfte ihr Tuch zurecht, damit es ihre nackten Schultern bedeckte. Ihr Kleid war unter den Brüsten gerafft und die schlichten Linien brachten jede Kurve ihres Körpers voll zur Geltung. Käthe zufolge war dies ganz nach der neuesten Mode in Paris, aber in meinen Augen wirkte meine Schwester schockierend unbekleidet.
»Ach was.« Käthe warf ihrem Spiegelbild einen zufriedenen Blick zu. »Du bist ja nur neidisch.«
Ich zuckte innerlich zusammen. Käthe war die Schönheit unserer Familie mit ihrem sonnenscheinhellen Haar, den sommerblauen Augen, den Apfelbäckchen und ihrer vollbusigen Figur. Mit siebzehn sah sie schon aus wie eine erwachsene Frau. Ihre Taille war schmal und die Hüften breit, was ihr neues Kleid äußerst vorteilhaft betonte. Ich dagegen war fast zwei Jahre älter, wirkte aber immer noch wie ein Kind: klein, dünn und blass. Kleiner Kobold hatte Papa mich immer genannt. Fee war Constanzes Wort der Wahl. Nur Josef behauptete, ich sei schön. Nicht hübsch, betonte mein Bruder immer. Schön.
»Ja, ich bin neidisch«, gab ich zu. »Gehen wir jetzt zum Markt oder nicht?«
»Gleich.« Käthe kramte in ihrem Schmuckkästchen herum. »Was meinst du, Liesl?«, fragte sie und hielt eine Handvoll Bänder hoch. »Rot oder blau?«
»Spielt das eine Rolle?«
Sie seufzte. »Wahrscheinlich nicht. Keiner der Jungen im Dorf achtet jetzt noch darauf, wo ich doch bald heirate.« Finster dreinblickend zupfte sie am Saum ihres Kleides herum. »Hans macht sich nicht viel aus Vergnügen und schönen Kleidern.«
Ich presste die Lippen zusammen. »Hans ist ein guter Mann.«
»Ein guter Mann und langweilig«, erwiderte Käthe. »Hast du ihn neulich abends beim Tanz gesehen? Er hat mich nicht ein einziges Mal aufgefordert. Er hat nur in der Ecke gestanden und vorwurfsvoll geschaut.«
Weil Käthe schamlos mit ein paar österreichischen Soldaten geflirtet hatte, die unterwegs nach München waren, um die Franzosen zu vertreiben. Hübsches Mädel, hatten sie in ihrem komischen österreichischen Akzent gerufen. Komm und gib uns einen Kuss!
»Eine lasterhafte Frau ist wie eine reife Frucht«, stimmte Constanze ein. »Sie bettelt geradezu darum, vom Koboldkönig gepflückt zu werden.«
Ein unbehaglicher Schauer lief mir über den Rücken. Unsere Großmutter erschreckte uns gerne mit Erzählungen über Kobolde und andere Wesen, die in den Wäldern jenseits unseres Dorfes lebten, aber Käthe, Josef und ich glaubten seit unseren Kindertagen nicht mehr an ihre Geschichten. Mit achtzehn war ich zu alt für die Märchen meiner Großmutter, doch der leicht schuldbewusste Nervenkitzel, der mich überkam, wenn der Koboldkönig erwähnt wurde, war mir kostbar. Trotz allem glaubte ich noch immer an ihn. Ich wollte noch immer an ihn glauben.
»Ach, geh und meckere jemand anderen an, du alte Krähe. Warum musst du immer auf mir herumhacken?« Käthe schmollte.
»Denk an meine Worte.« Constanze funkelte meine Schwester an. Der Blick ihrer dunkelbraunen Augen war das Einzige, was in ihrem runzligen Gesicht noch scharf wirkte. »Gib auf dich acht, Katharina, sonst kommen dich die Kobolde holen wegen deiner zügellosen Art.«
»Das ist genug, Constanze«, fiel ich ihr ins Wort. »Lass Käthe in Frieden, damit wir loskommen. Wir müssen zurück sein, bevor Meister Antonius hier ist.«
»Ja, nicht, dass wir das Vorspielen unseres lieben kleinen Josefs für den berühmten Maestro der Violine verpassen«, murmelte meine Schwester.
»Käthe!«
»Schon gut, schon gut.« Sie seufzte. »Hör auf, dir Sorgen zu machen, Liesl. Er wird das schon schaffen. Du bist schlimmer als eine Glucke.«
»Er wird es nicht schaffen, wenn er keinen Geigenbogen hat, mit dem er spielen kann.« Ich wandte mich zum Gehen. »Komm jetzt, oder ich gehe ohne dich.«
»Warte.« Käthe hielt mich an der Hand fest. »Würdest du mich etwas mit deinen Haaren machen lassen? Du hast so wunderschöne Locken. Es ist eine Schande, dass du immer nur diesen geflochtenen Zopf trägst. Ich könnte …«
»Ein Zaunkönig ist immer noch ein Zaunkönig, auch wenn er sich mit Pfauenfedern schmückt.« Ich schüttelte sie ab. »Verschwende nicht deine Zeit. Es ist ja nicht so, als ob Hans – oder sonst irgendjemand – es bemerken würde.«
Bei der Erwähnung ihres Verlobten zuckte meine Schwester zurück. »Schön«, zischte sie und stolzierte ohne ein weiteres Wort an mir vorbei.
»Kä…«, setzte ich an, aber Constanze hielt mich auf, bevor ich ihr nachlaufen konnte.
»Pass gut auf deine Schwester auf, Mädchen«, warnte sie. »Du musst sie beschützen.«
»Tue ich das nicht immer?«, fauchte ich. Stets war es meine Aufgabe gewesen – und die meiner Mutter –, die Familie zusammenzuhalten. Mutter kümmerte sich um das Gasthaus, in dem wir lebten und arbeiteten. Ich kümmerte mich um die Menschen, die es zu unserem Zuhause machten.
»Tust du das wirklich?« Meine Großmutter richtete den Blick ihrer dunklen Augen auf mich. »Josef ist nicht der Einzige, um den man sich kümmern muss, weißt du.«
Ich runzelte die Stirn. »Wie meinst du das?«
»Du vergisst, welcher Tag heute ist.«
Manchmal war es leichter, Constanze ihren Willen zu lassen, als sie zu ignorieren. Ich seufzte. »Welcher Tag ist denn heute?«
»Der Tag, an dem das alte Jahr stirbt.«
Ein weiterer Schauer lief mir über den Rücken. Meine Großmutter hielt sich noch an die alte Ordnung und an den alten Kalender, nach dem diese letzte Nacht des Herbstes den Tod des alten Jahres bedeutete. In dieser Nacht war die Grenze zwischen den Welten dünn. Während der Wintertage wandelten die Bewohner der Unterwelt auf der Erde, bevor das Jahr im Frühling von Neuem begann.
»Die letzte Nacht des Jahres«, wiederholte Constanze. »Nun beginnen die Tage des Winters und der Koboldkönig zieht aus, um sich seine Braut zu suchen.«
Ich wandte das Gesicht ab. Früher einmal hätte ich nicht erst daran erinnert werden müssen. Früher hätte ich meiner Großmutter dabei geholfen, jedes Fenstersims, jede Türschwelle und jeden Eingang mit Salz zu bestreuen, um die Wildlinge in diesen Nächten fernzuhalten. Früher. Aber ich konnte mir den Luxus einer ausschweifenden Fantasie nicht mehr leisten. Es war an der Zeit, dieses kindische Verhalten abzulegen.
»Ich habe keine Zeit für so etwas.« Ich schob Constanze beiseite. »Lass mich vorbei.«
Trauer stand im faltigen Gesicht meiner Großmutter. Trauer und Einsamkeit. Ihre gebeugten Schultern neigten sich noch tiefer unter der Last ihres Glaubens. Nun trug sie diesen Glauben allein. Niemand von uns hielt dem Erlkönig noch die Treue. Niemand außer Josef.
»Liesl!«, rief Käthe von unten. »Kann ich mir deinen roten Mantel ausleihen?«
»Wähle weise, Mädchen«, fuhr Constanze eindringlich fort. »Josef ist nicht Teil des Spiels. Wenn der Erlkönig spielt, dann nimmt er es ernst.«
Abrupt hielt ich inne. »Wovon redest du? Welches Spiel?«
»Sag du es mir.« Constanzes Miene war finster. »Es hat Folgen, welche Wünsche wir in der Dunkelheit fassen, und der Herr des Unheils fordert ihren Preis ein.«
Ihre Worte waren wie Stacheln in meinen Gedanken. Ich dachte daran, wie Mutter uns vor Constanzes vom Alter matt gewordenem Verstand gewarnt hatte, aber meine Großmutter war mir nie klarer und ernsthafter vorgekommen als in diesem Augenblick, und obwohl ich es nicht wollte, wand sich langsam ein Strang der Angst um meinen Hals.
»Ist das ein Ja?«, rief Käthe. »Dann nehme ich ihn mir jetzt!«
Ich gab einen unwilligen Laut von mir. »Nein, kannst du nicht!«, antwortete ich und lehnte mich über das Treppengeländer. »Ich bin gleich da, versprochen!«
»Versprochen, wie?« Constanze lachte gackernd. »Du gibst eine Menge Versprechen, aber wie viele davon hältst du auch?«
»Was …«, begann ich, doch als ich mich umdrehte, war meine Großmutter verschwunden.

Unten hatte Käthe meinen roten Mantel von seinem Haken genommen, aber ich schnappte ihn ihr aus den Händen und legte ihn mir selbst um die Schultern. Als Hans uns letztes Mal Geschenke aus dem Stoffgeschäft seines Vaters mitgebracht hatte – noch bevor er um Käthes Hand angehalten und sich zwischen uns alles verändert hatte –, war auch ein schöner Ballen mit schwerer Wolle dabei gewesen. Für die Familie, hatte er gesagt, aber alle hatten gewusst, dass es ein Geschenk an mich war. Die Wolle war in einem tiefen Blutrot gefärbt, das gut zu meinem dunklen Haar passte und meinen blassen Teint belebte. Mutter und Constanze hatten mir aus dem Stoff einen Wintermantel geschneidert und Käthe hatte aus ihrem Neid keinen Hehl gemacht.
Wir gingen an unserem Vater vorbei, der im Wirtsraum verträumte Lieder auf seiner Geige spielte. Ich sah mich nach Gästen um, doch der Raum war leer, der Kamin kalt und die Kohlen erloschen. Papa trug noch immer dieselben Kleider wie am Vorabend und der Geruch nach abgestandenem Bier umwaberte ihn.
»Wo ist Mutter?«, fragte Käthe.
Sie war nirgends zu sehen, was vermutlich auch der Grund war, warum Papa so verwegen war, im Schankraum zu spielen, wo ihn jeder hören konnte. Die Geige war ein wunder Punkt zwischen meinen Eltern. Das Geld war knapp, und Mutter wäre es lieber, wenn Papa gegen Lohn statt zum Vergnügen spielte. Aber vielleicht hatte Meister Antonius’ nahende Ankunft nicht nur Mutters Geldbeutel, sondern auch ihr Herz ein wenig geöffnet. Der berühmte Virtuose würde unserem Gasthaus auf seinem Weg von Wien nach München einen kurzen Besuch abstatten, um meinen kleinen Bruder vorspielen zu lassen.
»Wahrscheinlich hat sie sich kurz hingelegt«, vermutete ich. »Wir sind vor dem Morgengrauen aufgestanden und haben die Zimmer für Meister Antonius geputzt.«
Mein Vater war ein unvergleichlicher Violinist, der einst mit den besten Hofmusikanten in Salzburg gespielt hatte. Er prahlte gerne damit, dass er dort auch die Ehre gehabt hatte, mit Mozart zu arbeiten, einem der größten Konzertkomponisten seiner Zeit. Ein solches Genie gibt es nur einmal in der Lebensspanne eines Menschen, sagte Papa immer. Vielleicht auch nur einmal in zwei Lebensspannen. Dann warf er Josef für gewöhnlich einen schelmischen Blick zu. Aber manchmal schlägt der Blitz auch zweimal ein.
Josef war nirgendwo zu sehen. Mein kleiner Bruder war Fremden gegenüber schüchtern. Wahrscheinlich versteckte er sich im Koboldhain und übte, bis seine Finger bluteten. Wie ich mich doch danach sehnte, mich ihm anzuschließen.
»Gut, dann wird mich niemand vermissen«, sagte Käthe fröhlich. Meine Schwester fand ständig Ausreden, um ihren Pflichten zu entgehen. »Lass uns gehen.«
Die Luft draußen war kühl. Selbst für den Spätherbst war es ein ungewöhnlich kalter Tag und das Licht wirkte fahl und unbeständig. Feiner Nebel hüllte die Bäume entlang des Weges ein und verwandelte ihre dürren Äste in gespenstische Gliedmaßen. Die letzte Nacht des Jahres. An einem solchen Tag fiel es mir tatsächlich nicht schwer, daran zu glauben, dass die Grenzen zwischen den Welten dünn waren.
Der Weg in die Stadt war von Räderspuren zerfurcht und übersät mit Pferdeäpfeln. Käthe und ich gingen ganz am Rand, wo das kurze, tote Gras verhinderte, dass die Feuchtigkeit durch unsere Stiefel sickerte.
»Igitt.« Käthe umging eine weitere schmutzige Pfütze. »Ich wünschte, wir könnten uns eine Kutsche leisten.«
»Wenn Wünsche nur Macht besäßen«, antwortete ich.
»Dann wäre ich die mächtigste Person der Welt. Ich habe nämlich eine Menge Wünsche. Ich wünschte, wir wären reich. Ich wünschte, wir könnten uns alles leisten, was wir wollen. Stell dir das nur mal vor, Liesl: Was wenn, was wenn, was wenn.«
Ich lächelte. Als Mädchen hatten Käthe und ich oft das Was-wenn-Spiel gespielt. Obwohl meine Schwester keinen Blick für das Unheimliche hatte wie Josef und ich, so war sie doch außergewöhnlich fantasiebegabt.
»Ja, was wenn?«, murmelte ich leise.
»Lass uns spielen. Wie sähe eine perfekte Traumwelt aus? Du fängst an, Liesl.«
»In Ordnung.« Ich dachte an Hans, schob diesen Gedanken dann jedoch beiseite. »In einer perfekten Traumwelt wäre Josef ein berühmter Musiker.«
Käthe verzog das Gesicht. »Bei dir geht es immer nur um Josef. Hast du denn keine eigenen Träume?«
Hatte ich. Sie befanden sich eingeschlossen in einem Kästchen, sicher versteckt unter dem Bett, das wir uns teilten. Sie sollten niemals gesehen, niemals gehört werden.
»Gut«, sagte ich. »Dann bist du jetzt dran, Käthe. Wie sieht deine perfekte Traumwelt aus?«
Sie lachte. Es war ein glockenheller Klang, der einzige musikalische Laut, den meine Schwester jemals von sich gab. »Ich bin eine Prinzessin.«
»Natürlich.«
Sie warf mir einen scharfen Blick zu. »Ich bin eine Prinzessin und du bist eine Königin, zufrieden?«
Ich winkte ab.
»Ich bin also eine Prinzessin«, fuhr sie fort. »Papa ist der Kapellmeister des Fürstbischofs und wir leben in Salzburg.«
Käthe und ich waren in Salzburg geboren worden, als Papa noch einer der Hofmusikanten gewesen war und Mama bei einer Truppe gesungen hatte. Bevor uns die Armut in die Hinterwälder Bayerns getrieben hatte.
»Mutter ist der Stolz der Stadt wegen ihrer Schönheit und ihrer Stimme, und Josef ist Meister Antonius’ Meisterschüler.«
»Er studiert also in Salzburg?«, fragte ich. »Nicht in Wien?«
»Dann eben in Wien«, verbesserte sich Käthe. »Oh ja, Wien.« Ihre blauen Augen funkelten, während sie unsere Fantasiewelt weiter ausschmückte. »Natürlich würden wir oft dorthin reisen, um ihn zu besuchen. Vielleicht würden wir auch seine Vorstellungen in Paris, Mannheim und München sehen oder sogar in London! Wir hätten in jeder dieser Städte ein großes Haus aus Gold, Marmor und Mahagoniholz. Wir würden Kleider aus bester Seide und Brokat tragen, an jedem Tag der Woche eines in einer anderen Farbe. Und jeden Morgen würden wir mit Einladungen zu den fantastischsten Bällen, Festen, Opernaufführungen und Theaterstücken überschwemmt werden. Eine ganze Schar junger Burschen würde um unsere Gunst buhlen, und die größten Künstler und Musiker würden uns als vertraute Freunde bezeichnen. Und wir würden jede Nacht durchtanzen und nur Kuchen und Pastete und Schnitzel essen und …«
»Schokoladentorte«, fügte ich hinzu. Nichts aß ich lieber.
»Schokoladentorte«, stimmte Käthe zu. »Wir hätten die feinsten Kutschen und die schönsten Pferde, und …« – sie rutschte in einer Pfütze aus und kreischte auf – »… und wir müssten niemals zu Fuß auf unbefestigten Straßen zum Markt laufen.«
Lachend half ich ihr wieder auf. »Feste, Bälle, glitzernde Gesellschaften. Ist es das, was Prinzessinnen tun? Was ist mit Königinnen? Was ist mit mir?«
»Mit dir?« Käthe schwieg einen Augenblick. »Nein. Königinnen sind zu etwas Höherem bestimmt.«
»Zu etwas Höherem?«, wiederholte ich nachdenklich. »Ein armes, unscheinbares kleines Ding wie ich?«
»Du hast etwas, das beständiger ist als Schönheit«, sagte sie ernst.
»Und was wäre das?«
»Anmut«, antwortete sie schlicht. »Anmut und Talent.«
Ich lachte. »Was ist also mein Schicksal?«
Sie warf mir einen Seitenblick zu. »Du wirst eine ruhmreiche Komponistin.«
Ein eisiger Windhauch erfasste mich und die Kälte drang mir bis auf die Knochen. Es war, als hätte mir meine Schwester in die Brust gegriffen und das noch immer schlagende Herz herausgerissen. Ich hatte ab und zu kleine Melodien aufgeschrieben. Nur kurze Liedchen, keine Hymnen, auf die Ränder meines Gesangbüchleins. Ich hatte vorgehabt, sie irgendwann zu Sonaten und Concerti zusammenzufügen, zu Romanzen und Sinfonien. Meine zarten Hoffnungen und Träume waren schon so lange durch meine Heimlichkeit geschützt, dass ich es nicht ertragen konnte, sie entblößt zu sehen.
»Liesl?« Käthe zupfte an meinem Ärmel. »Liesl, ist alles in Ordnung?«
»Wie …« Meine Stimme klang heiser. »Woher weißt du …«
Sie wand sich. »Ich habe das Kästchen mit deinen Kompositionen unter unserem Bett gefunden«, sagte sie. »Ich wollte nichts Böses, wirklich nicht«, fügte sie rasch hinzu. »Aber ich habe nach einem Knopf gesucht, denn ich fallen gelassen hatte, und …« Sie verstummte, als sie mein Gesicht sah.
Meine Hände zitterten. Wie konnte sie es wagen, meine geheimen Gedanken vor ihren neugierigen Augen auszubreiten?
»Liesl?« Käthe wirkte besorgt. »Was ist los?«
Ich konnte nicht antworten. Nicht, solange meine Schwester nicht einmal begriff, wie schlimm dieser Übergriff für mich war. Käthe besaß keinen Funken musikalisches Talent, was in einer Familie wie der unseren fast als Todsünde galt. Ich wandte mich ab und marschierte weiter in Richtung Markt.
»Was habe ich denn gesagt?« Sie eilte mir nach. »Ich dachte, du würdest dich freuen. Jetzt, wo Josef fortgeht, dachte ich, Papa würde vielleicht … Ich meine, wir wissen alle, dass du genauso viel Talent hast wie …«
»Hör auf.« Die Worte knisterten in der Herbstluft, brachen unter der Kälte meiner Stimme. »Hör auf, Käthe.«
Ihre Wangen wurden rot, als hätte ich sie geschlagen. »Ich verstehe dich nicht.«
»Was verstehst du nicht?«
»Warum du dich hinter Josef versteckst.«
»Was hat Sepperl damit zu tun?«
Käthe verengte die Augen zu Schlitzen. »Für dich hat alles mit unserem kleinen Bruder zu tun. Ich wette, vor ihm hast du deine Musik nicht geheim gehalten.«
Ich zögerte. »Er ist anders.«
»Natürlich ist er anders.« Entnervt warf sie die Hände in die Luft. »Der kostbare Josef, der sensible Josef, der talentierter Josef. Er hat Musik und Wahnsinn und Zauber im Blut – etwas, das die arme, gewöhnliche, unmusikalische Katharina nicht versteht und niemals verstehen kann.«
Ich öffnete den Mund, um zu protestieren, doch dann schloss ich ihn wieder. »Sepperl braucht mich«, sagte ich leise. Es stimmte. Unser Bruder war zerbrechlich, nicht nur in körperlicher Hinsicht.
»Ich brauche dich«, sagte sie ruhig. Verletzt.
Constanzes Worte fielen mir wieder ein. Josef ist nicht der Einzige, um den man sich kümmern muss.
»Du brauchst mich nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Du hast jetzt Hans.«
Käthe versteifte sich. Ihre Lippen wurden schmal und ihre Nasenflügel bebten. »Glaubst du das wirklich?«, fragte sie tonlos. »Dann bist du sogar noch grausamer, als ich dachte.«
Grausam? Was wusste meine Schwester schon von Grausamkeit? Die Welt war wesentlich freundlicher mit ihr umgesprungen als mit mir. Ihre Aussichten waren glücklich, ihre Zukunft gesichert. Sie würde den gefragtesten Mann des Dorfes heiraten, während ich die ungewollte Schwester war, die Verschmähte. Und ich … ich hatte Josef, aber nicht mehr lange. Wenn mein kleiner Bruder fortging, dann würde er meine Kindheit mit sich nehmen: unsere Feiern im Wald, unsere Geschichten über Gnomen und Hödeken, die im Mondlicht tanzten, unsere Spiele, die Musik und die Fantasien. Wenn er fort war, würde mir nur noch die Musik bleiben – die Musik und der Koboldkönig.
»Sei dankbar für das, was du hast«, fauchte ich. »Jugend, Schönheit und, schon sehr bald, einen Ehemann, der dich glücklich machen wird.«
»Glücklich?« Ihre Augen blitzten. »Glaubst du wirklich, Hans könnte mich glücklich machen? Der stumpfsinnige, langweilige Hans, der nicht über die Grenzen dieses dummen, provinziellen Dorfes, in dem er aufgewachsen ist, hinausdenken kann? Der schwerfällige, verlässliche Hans, der mich mit einer Heiratsurkunde in der Hand und einem Baby auf dem Schoß im Gasthaus festhalten wird?«
Ich war zutiefst erschrocken. Hans war ein alter Freund der Familie, und obwohl Käthe und er sich als Kinder nicht nahegestanden hatten – wie Hans und ich –, war mir bis zu diesem Augenblick nicht klar gewesen, wie wenig sie ihn liebte. »Käthe«, sagte ich. »Warum …«
»Warum ich dann eingewilligt habe, ihn zu heiraten? Warum ich bis jetzt nichts gesagt habe?«
Ich nickte.
»Das habe ich.« Tränen stiegen ihr in die Augen. »Immer wieder. Aber du hast nie zugehört. Als ich heute Morgen ausgesprochen habe, wie langweilig er ist, hast du mir nur erklärt, was für ein guter Mann er ist.« Sie wandte sich ab. »Du hörst kein Wort von dem, was ich sage, Liesl. Du bist zu beschäftigt damit, stattdessen Josef zuzuhören.«
Wähle weise. Schuldgefühle machten mir die Kehle eng.
»Ach, Käthe«, flüsterte ich. »Du hättest doch nein sagen können.«
»Wirklich?« Sie schnaubte. »Und Mutter und du hättet das zugelassen? Welche Wahl hatte ich denn, außer seinen Antrag anzunehmen?«
Ihre Anschuldigungen zogen mir den Boden unter den Füßen weg und machten mich mitschuldig an meinem eigenen Groll. Ich war so sicher gewesen und hatte deshalb nie infrage gestellt, dass die Welt nun einmal so war. Der gut aussehende Hans und die schöne Käthe – natürlich gehörten sie zusammen.
»Du hast wenigstens Wahlmöglichkeiten.« Es klang unsicher. »Das ist mehr, als ich jemals haben werde.«
»Wahlmöglichkeiten, ha!« Ihr Lachen klang schroff. »Tja, Liesl, du hast deine Wahl wegen Josef jedenfalls schon vor langer Zeit getroffen. Du kannst mir meine Wahl wegen Hans nicht vorwerfen.«
Den Rest des Weges zum Markt gingen wir schweigend.

S. Jae-Jones

Über S. Jae-Jones

Biografie

S. Jae-Jones wird JJ genannt und ist Künstlerin, Adrenalinjunkie und ehemalige Lektorin. Wenn sie gerade keine Bücher verschlingt, springt sie gerne aus Flugzeugen, moderiert den Pub(lishing) Crawl-Podcast oder verkleidet sich. Sie ist in Los Angeles geboren und aufgewachsen, lebt jetzt aber in...

Pressestimmen

blog4aleshanee.blogspot.de

»Insgesamt ein eher ruhiges, sehr intensives Leseerlebnis, auf das man sich einlassen muss - aber wenn man sich von diesem Sog mitreißen lässt, erlebt man ein ungewöhnliches, erschütterndes und in leisen Tönen leidenschaftliches Plädoyer zum Leben selbst.«

fantasy-news.de

»Wintersong ist eines jener Bücher, das ich einerseits nicht zur Seite legen konnte, von dem ich mir andererseits gewünscht habe, nicht zu Enden. Wenn ihr dunkle, erdige Märchenadaptionen mögt, solltet ihr unbedingt reinlesen.«

w0rdw0rld.blogspot.de

»Eine Geschichte mit einer unglaublichen Kraft, Poesie, Musik und Wildheit.«

Neue Presse

»Ein hochspannendes Fantasy-Märchendrama, dazu kombiniert eine ergreifende Liebesgeschichte - die richtige Mischung, um ganze Nächte durchzulesen.«

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