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Die Splitterklinge (Gargoyle Queen 3)

Jennifer Estep
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Roman

Paperback (18,00 €) E-Book (14,99 €)
€ 18,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 28.03.2024 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
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Die Splitterklinge (Gargoyle Queen 3) — Inhalt

Abenteuerlich, magisch und romantisch!

Kronprinzessin Gemma rennt die Zeit davon. Obwohl sie eine gerissene Spionin und Mentalmagierin ist, konnte sie den geheimnisvollen Feind noch nicht enttarnen, der ihr Königreich Andvari bedroht. Inmitten der Vorbereitungen für ein spektakuläres Gladiatorenturnier heckt Gemma einen kühnen Plan aus. Doch schon bald gerät alles außer Kontrolle: Während ihr die Macht über ihr Königreich entgleitet, muss sie ihre Beziehung zu Prinz Leonidas retten und das Geheimnis um ihre Magie entschlüsseln. Sonst stirbt ihre Familie und ihre geliebte Heimat wird zerstört.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erscheint am 28.03.2024
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
448 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70753-4
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€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erscheint am 28.03.2024
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
448 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60723-0
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Leseprobe zu „Die Splitterklinge (Gargoyle Queen 3)“

1


Ich habe in meinem Leben schon viele Rollen gespielt.

Am häufigsten trete ich als Gemma Armina Merilde Ripley auf, Kronprinzessin von Andvari, von bösen Zungen auch Glimma genannt. Das ist auch meine berühmteste Rolle, und ich vermute, Prinzessin Gemma ist meine wahre Identität, egal was geschieht.

Aber ich bin nicht nur sie.

Prinzessin Gemma ist nur ein Teil meiner Persönlichkeit – eine sorgfältig geschaffene Rolle, die es mir erlaubt, durch Andvari und die angrenzenden Königreiche zu reisen, um diejenigen auszuspionieren, die meinem Volk schaden wollen. [...]

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1


Ich habe in meinem Leben schon viele Rollen gespielt.

Am häufigsten trete ich als Gemma Armina Merilde Ripley auf, Kronprinzessin von Andvari, von bösen Zungen auch Glimma genannt. Das ist auch meine berühmteste Rolle, und ich vermute, Prinzessin Gemma ist meine wahre Identität, egal was geschieht.

Aber ich bin nicht nur sie.

Prinzessin Gemma ist nur ein Teil meiner Persönlichkeit – eine sorgfältig geschaffene Rolle, die es mir erlaubt, durch Andvari und die angrenzenden Königreiche zu reisen, um diejenigen auszuspionieren, die meinem Volk schaden wollen. Ich sammle Informationen über ihre Intrigen und durchkreuze bösartige Pläne, wie auch immer sie aussehen mögen.

Die Arbeit als Spionin ist viel nützlicher und befriedigender als das Prinzessinnendasein. In den letzten Wochen war ich in viele Rollen geschlüpft. Ich hatte mich als Minenarbeiterin, als Juwelierin und als Gladiatorin ausgegeben. Im Moment spielte ich eine ganz neue Rolle, die sich aber noch als die wichtigste herausstellen könnte.

Kopfgeldjägerin.

Ich ging in die Hocke, schob mich langsam vorwärts und spähte um die Seite einer großen Holzkiste. Ähnliche Kisten standen überall am Ufer aufgestapelt. Dazwischen lagen dicke Seile zusammengerollt wie Korallenvipern auf den dreckigen Pflastersteinen. Kleine Ruderboote ruhten ein Stück entfernt am schlammigen Ufer, und der feuchte Gestank von Fisch füllte die Novemberluft. Alles wirkte vollkommen normal, doch mein Blick huschte zu einem Schiff an dem Dock, das sich vor mir in den Summanus erstreckte.

Das Schiff war das größte hier am Flusshafen, mit Masten, die hoch in die Luft aufragten. Der Rumpf mochte irgendwann einmal in leuchtendem Kobaltblau gestrichen worden sein, doch die Elemente hatten das Holz verwittert, bis es dasselbe schmutzige Blau zeigte wie der Fluss. Der einzige echte Farbfleck waren die blutroten Buchstaben, die den Namen des Schiffes bildeten – Ertrunkener Mann. Ich konnte nur hoffen, dass dieser Name ein Omen für die Zukunft war … auch wenn ertrinken ein viel zu schneller und gnädiger Tod für die Person wäre, die ich jagte.

„Glaubst du wirklich, dass sich Milo auf diesem Schiff befindet?“, murmelte eine Stimme.

Ich sah die Frau an, die neben mir kauerte. Sie trug einen dunkelgrünen Mantel über einer Tunika in derselben Farbe, gepaart mit einer schwarzen Hose und Stiefeln. An ihrem Gürtel hing ein Schwert. Ihr langes, schwarzes Haar war zu einem Zopf geflochten, und ihre smaragdgrünen Augen sowie die goldene Haut leuchteten in der herannahenden Morgendämmerung, genauso wie das Drachengesicht mit den smaragdfarbenen Schuppen und schwarzen Augen, das auf ihrer rechten Hand prangte. Alle Morphe trugen eine Tätowierung auf dem Körper, die verriet, in welche größere, stärkere Kreatur sie sich verwandeln konnten.

Trotz der zunehmenden Helligkeit blieb Lady Reiko Yamato, meine Freundin und Spionagekollegin, fast unsichtbar in den Schatten verborgen. Obwohl ich ähnlich gekleidet war wie sie, mit dunkelblauem Mantel und Tunika, fühlte ich mich exponiert wie eine Gladiatorin, die mitten im Kampfring steht. Doch selbst wenn die Mittagssonne vom Himmel geleuchtet hätte: Reiko hätte einen Weg gefunden, um mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Sie war einfach eine talentierte Spionin – die beste Spionin, meiner Meinung nach.

Reiko und ich beobachteten die Ertrunkener Mann inzwischen seit einer guten halben Stunde. Es hatte sich niemand dem Schiff genähert, und es war auch niemand auf dem Deck erschienen. Eine fast unheimliche Stille herrschte, nur unterbrochen vom stetigen Klatschen der Wellen an den Rumpf des Schiffes und einer Brise, die durch die Segel fuhr.

„Glaubst du wirklich, Milo hält sich auf diesem Schiff auf?“, fragte Reiko wieder.

„Lass mich schauen, ob ich es herausfinden kann.“

Ich atmete einmal tief durch, dann rief ich meine Magie und suchte damit das Schiff ab. Als Mentalmagierin konnte ich spüren, ob sich andere Leute in der Nähe aufhielten, besonders, wenn ich ihnen schon mal begegnet war. Und unglücklicherweise kannte ich Kronprinz Milo Maximus Moreland Morricone von Morta viel besser, als mir lieb war.

Vor ein paar Monaten waren an der Grenze zwischen Andvari und Morta Dutzende von Händlern, Minenarbeitern und Wachen ums Leben gekommen. Manche waren bei Raubüberfällen gestorben. Andere bei einem Minenunfall. Und wieder andere waren nach einem plötzlichen Gewitter von einer Springflut weggerissen worden. Mein Großvater und mein Vater – König Heinrich und Kronprinz Dominic Ripley – waren davon ausgegangen, dass es sich um tragische Unglücksfälle handelte, aber mir waren so viele Todesfälle in so kurzer Zeit extrem verdächtig erschienen. Als Prinzessin Gemma hatte ich jeden Unglücksort besucht, um den Familien der Opfer mein Beileid auszusprechen. Dabei hatte ich eine sehr besorgniserregende Erkenntnis gewonnen: An jedem dieser Orte waren auch große Mengen Zährenstein verschwunden.

Meine Nachforschungen hatten mich schließlich nach Blauberg geführt, eine Stadt in der Nähe der andvarisch-mortanischen Grenze. Als Minenarbeiterin Gemma verkleidet, hatte ich feststellen müssen, dass Conley, der Vorarbeiter der Mine, Zährenstein stahl und an mortanische Soldaten verkaufte. Conley hatte mich in einen Abgrund gestoßen und als tot zurückgelassen, aber ich war gerettet und nach Myrkvior gebracht worden, den königlichen Palast in Majesta, der Hauptstadt von Morta.

Trotz der Gefahren hatte mir mein Aufenthalt in Myrkvior die perfekte Gelegenheit geboten, herauszufinden, welcher Angehörige des mortanischen Königshauses tatsächlich Zährenstein einlagerte und warum. Also war ich in eine weitere Rolle geschlüpft – in die von Armina, einer unbedeutenden Adeligen und Juwelierin. Doch meine Tarnung war nicht so gut gewesen, wie ich gedacht hatte, sodass Königin Maeven Morricone meine wahre Identität als Prinzessin Gemma Ripley auf ihrer Geburtstagsparty enthüllt hatte.

Und dann hatte sie mich an Milo übergeben, damit er mich foltern konnte.

Der Uferbereich flackerte und verschwand, zusammen mit der Ertrunkener Mann. Plötzlich befand ich mich wieder in Milos Werkstatt und starrte auf meinen eigenen, bewusstlosen Körper, der an einen Tisch gekettet war. Der Rücken aufgerissen von Peitschenhieben, die Hände durchbohrt, die Haut verbrannt. Blut tropfte aus meinen Wunden auf den Stein, und jedes leise Plopp klang in meinem Geist so laut wie ein Glockenschlag. Obwohl die Folter bereits ein paar Monate zurücklag, begann mein Herz jedes Mal zu rasen, wenn ich daran dachte. Meine Atmung beschleunigte sich, und in meinem Nacken bildete sich kalter Schweiß.

In dem verzweifelten Versuch, diese Erinnerungen zu bannen, packte ich den silbernen Anhänger, der an einer Kette um meinen Hals hing, und konzentrierte mich auf die schwarzen Gagatsplitter in Form eines knurrenden Gargoyle-Gesichts – das königliche Wappen der Ripleys. Winzige, mitternachtsblaue Zährensteinsplitter bildeten Hörner, Augen und Nase des Gargoyles, der eine unheimliche Ähnlichkeit mit Grimley aufwies – meinem persönlichen, über alles geliebten Gargoyle. Dasselbe Wappen glitzerte auch auf dem Griff des hellgrauen Zährensteindolchs an meinem Gürtel. Alvis, der königliche Juwelier von Glitnir, hatte Anhänger und Dolch vor Jahren für mich angefertigt, als ich gerade erst gelernt hatte, meine Mentalmagie zu beherrschen – womit ich aber bis heute so meine Schwierigkeiten hatte.

Ich umklammerte den Anhänger so fest, dass meine Finger schmerzten. Dieses unangenehme Gefühl, als sich die Spitzen der Juwelen in meine Haut bohrten, half mir, die Erinnerungen zu vertreiben. Milos Werkstatt verschwand, und vor mir lag wieder das Flussufer, auch wenn der plötzliche Szenenwechsel bei mir einen leichten Schwindel verursachte.

„Gemma?“, fragte Reiko. „Geht es dir gut?“

„Prima“, log ich.

Ich ließ die Kette los. Der Anhänger mit dem vertrauten Gewicht sank wieder an seinen Platz über meinem Herzen und beruhigte mich, bis mein Herz endlich wieder in dem normalen Takt schlug.

Reiko zog eine Augenbraue hoch. Es war offensichtlich, dass sie mir meine Lüge nicht abkaufte, aber ich ignorierte ihren besorgten Blick. Verglichen mit den vielen Malen, in denen meine Magie mich in die entfernte Vergangenheit geschleudert hatte, bis ich vollkommen von Erinnerungen überwältigt wurde, war dieser kurze Blick auf mein gefoltertes Ich nur eine kleine Irritation.

„Wenn es dir prima geht, wieso reibst du dir dann die Hände?“, fragte sie.

Ich hatte mir erst die eine Handfläche und dann die andere massiert, um den dumpfen Druck und die heißen Funken der Phantomschmerzen dort zu vertreiben. Ertappt senkte ich eilig die Arme.

Reikos Miene blieb ausdruckslos, doch ihr innerer Drache verzog das Gesicht und wandte schnell den schwarzen Blick von mir ab. Milos gezackte Pfeile und seine Blitzmagie hatten Narben auf meinen Händen hinterlassen, vorn und hinten, als hätte jemand rote Sterne auf meine Hände gezeichnet.

Ich ballte die Hände zu Fäusten, was die dumpfen Schmerzen und das elektrische Kribbeln zwar verstärkte, aber jetzt machte es mir nichts mehr aus. Dadurch wuchs nur meine Entschlossenheit, herauszufinden, ob sich Milo wirklich auf der Ertrunkener Mann versteckte – und ihn in dem Fall endlich für all das zu töten, was er mir angetan hatte.

Also atmete ich erneut tief durch und rief meine Magie. Dieses Mal flackerten keine Erinnerungen auf, sodass ich das Schiff untersuchen konnte.

Meine Magie verriet mir aber nicht nur, ob sich andere Leute in der Nähe aufhielten, ich konnte auch ihre Gedanken hören und ihre Emotionen spüren. Ironischerweise hatte ich mir diesen Aspekt meiner Magie immer so vorgestellt, als stände ich auf dem Deck meines eigenen, inneren Schiffes und würde meine Hand in das Meer der Gedanken und Empfindungen anderer Leute tauchen, das um mich herum toste.

Im Moment lag dieses Meer allerdings vollkommen ruhig vor mir, und ich hörte keine Gedanken, spürte keinerlei Emotionen. Keine knisternde Wut, keine eisige Bösartigkeit – nichts, was darauf hingewiesen hätte, dass Milo oder sonst jemand sich in der Nähe aufhielt. Das Schiff konnte vollkommen leer sein – oder voller schlafender Matrosen.

Frustriert stieß ich die Luft aus, gab meine Macht frei und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass er auf dem Schiff ist, aber ich kann mir nicht sicher sein. Nicht, ohne tatsächlich an Bord zu gehen und alles zu durchsuchen.“

Reiko senkte die Hand an ihr Schwert. „Nun, dann können wir es auch angehen.“

Diesmal war ich es, die kritisch eine Augenbraue hob. „Ist es jetzt nicht an der Zeit, mir zu erzählen, dass es eine Falle sein könnte? Dass Milo ein Dutzend Männer unter Deck versteckt haben könnte, die nur darauf warten, uns zu töten?“

Sie schnaubte. „Wenn ich dir das erzählen muss, hast du nicht besonders gut aufgepasst, vor allem vor ein paar Wochen während des Gipfels.“

Ich verzog das Gesicht. Der Gipfel sollte eigentlich eine friedliche Versammlung von Adeligen, Händlern, Gildenmeistern und Herrschern der verschiedenen Königreiche sein, auf der sie Handelsverträge abschließen können –, dieses Jahr aber hatte die Veranstaltung in einem Blutbad geendet.

Milo hatte als Mitglied der mortanischen Abordnung am Gipfel teilgenommen. Er hatte mit Corvina Dumond zusammengearbeitet, einer mächtigen Wettermagierin, die mit ihm verlobt gewesen war. Milo hatte gehofft, dass Corvina mich umbrachte, genauso wie seinen jüngeren Halbbruder Leonidas, aber die Adelige war entschlossen gewesen, alle Morricones zu töten – vor allem Königin Maeven –, um selbst den Thron von Morta zu besteigen.

Beim Gipfel hatte Corvina die Dumont-Kämpfer angewiesen, alle anwesenden Herrscherinnen und Herrscher sowie ihre Familien zu attackieren, meinen Vater eingeschlossen. Es war mir gelungen, Corvina zu töten, doch Milo war entkommen, zusammen mit seinem loyalen Hauptmann Wexel, Corvinas heimlichem Geliebten.

Danach hatte Kronprinz Dominic Ripley sich mit einigen anderen Herrschern zusammengetan, um ein riesiges Kopfgeld auf Milo auszusetzen – hunderttausend Goldkronen. Laut meinen Quellen suchten alle Kopfgeldjäger und Söldner auf dem buchovischen Kontinent nach Milo, um sich die Belohnung zu sichern.

Und ich hatte mich ihnen angeschlossen.

In der öffentlichen Wahrnehmung kam Prinzessin Gemma ihren üblichen Pflichten als Botschafterin nach und reiste dafür von einer Stadt in Andvari zur nächsten, um sich mit Adeligen, Händlern und anderen Persönlichkeiten zu treffen. Insgeheim hatten Reiko und ich die letzten Wochen aber damit verbracht, Milo von einem Versteck zum nächsten zu verfolgen. Eine verlassene Farm ein Stück außerhalb von Caldwell. Ein Gasthaus bei Haverton. Eine Taverne am Rand von Blauberg. Der Kronprinz war durch das Land gehetzt wie ein gejagter Hirsch, in dem Versuch, der Gier der Kopfgeldjäger genauso zu entkommen wie dem wilden Feuer meiner Rachegelüste.

Ich hatte jede mir zur Verfügung stehende Quelle angezapft, in jeder Stadt, die wir aufgesucht hatten. Ich hatte um Neuigkeiten und Gerüchte gebeten und hatte Dutzende Briefe von Leuten aus dem gesamten buchovischen Kontinent gelesen und sie auf den kleinsten Hinweis auf Milos und Wexels Aufenthaltsort hin durchsucht. Ein paarmal waren Reiko und ich den Mortanern wirklich nahe gekommen … hatten sie nur um wenige Stunden verpasst, was meine Wut und Frustration nur noch gesteigert hatte.

Ich fühlte mich in meiner neuen Rolle als Kopfgeldjägerin wirklich wohl, die Belohnung war mir aber vollkommen egal. Ich wollte Milo einfach nur finden und umbringen, bevor er noch irgendjemanden verletzen konnte.

Besonders meine Gargoyles.

Trotz des Blutbades auf dem Gipfel hatte ich endlich eines von Milos wichtigsten Zielen durchschaut: Er wollte die andvarischen Gargoyles abschlachten. Mit ihrer steinernen Haut waren Gargoyles fast unverwundbar. Doch die Zährensteinpfeile des Kronprinzen, die mit dem Gift aus getrockneten und zerstoßenen Narrensternblüten überzogen waren, konnten sie verletzen.

Ich war mir immer noch nicht sicher, wie die Vernichtung der Gargoyles Milo dabei helfen sollte, mein Königreich zu erobern, aber ich war überzeugt, dass das nur ein Teil eines größeren, tödlicheren Plans war – weswegen ich den Kronprinz so schnell wie möglich finden und vernichten musste.

„Gemma?“, fragte Reiko. „Bist du bereit, das Schiff zu durchsuchen?“

Ich verdrängte meine finsteren Gedanken. „Für gewöhnlich hast du es nicht so eilig, in eine mögliche Falle zu tappen. Meistens versuchst du, mir solchen Leichtsinn auszureden.“

„Stimmt. Aber ich weiß jetzt schon genau, was du sagen wirst.“ Sie wackelte mit den Augenbrauen. „Komm schon. Sprich die Worte mit mir zusammen: An Deck dieses Schiffes zu gehen …“

Ich verdrehte die Augen, spielte aber mit. „… ist das Risiko wert.“

Reiko grinste. „Genau! Also können wir uns auch an Bord schleichen, die Falle auslösen, die Milo und Wexel vielleicht für uns hinterlassen haben, und dann mit unseren normalen Aufgaben weitermachen. Wenn wir uns beeilen, können wir nach Glitnir zurückkehren, bevor den Kochmeistern diese köstlichen Apfel-Zimt-Hörnchen ausgehen.“

„Deine Liebe zu Süßigkeiten wird dich eines Tages noch in Schwierigkeiten bringen“, zog ich sie auf.

Reiko grinste nur breiter. „Vielleicht. Auf jeden Fall will ich diese Hörnchen, also lass uns gehen. Fallen und Köstlichkeiten warten auf uns!“

Sie stand auf, zog ihr Schwert und setzte sich in Bewegung. Ich verdrehte noch einmal die Augen, doch dann zog ich mit einem breiten Grinsen meinen Dolch und folgte meiner Freundin.

 

Reiko glitt von einem Schatten zum nächsten, so lautlos wie Rauch, der sich durch die Luft schlängelt. Ich schlich hinter ihr her, doch meine Stiefel kratzten immer wieder viel zu laut über die Pflastersteine. Falls Milo und Wexel sich tatsächlich auf der Ertrunkener Mann verbargen, so würden sie mich sicher kommen hören.

Als wir uns dem Schiff näherten, schickte ich erneut meine Magie aus. Zum ersten Mal spürte ich die Anwesenheit mehrerer Personen an Bord wie dämmrige Kerzen in einem dunklen Raum. Die helle, heiße Gegenwart von Milos Blitzmagie aber fühlte ich nicht, genauso wenig wie die brutale Macht von Wexels Stärkemagie. Vielleicht blockierten der dicke Rumpf und das Wasser meine Macht.

Wir betraten den Kai, und sofort knirschte ein Holzbrett unter meinen Füßen unheilvoll.

Reiko warf mir einen genervten Blick zu. „Musst du so laut sein, Gemma? Du klingst wie ein Gargoyle im Porzellanladen.“

„Tut mir leid, Eure Königliche Spionigkeit“, stichelte ich zurück. „Manche von uns sind eben nicht so leichtfüßig wie Drachen.“

Sie schnaubte, und der Drache auf ihrer Hand tat es ihr nach, dann glitt sie weiter. Ich stieß den Atem aus und folgte ihr, so leise ich konnte.

Schnell erreichten wir die breite Landungsbrücke, die auf das Hauptdeck des Schiffes führte. Reiko hob in einer stummen Frage die Augenbrauen. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich konnte Milo nach wie vor nicht in der Nähe spüren.

Vor zwei Tagen hatte ein Gastwirt behauptet, er hätte vor Kurzem ein Zimmer an einen wohlhabenden, mortanischen Adeligen vermietet, der davon gesprochen hatte, hier in Allenstadt bald eine Schiffspassage nach Süden buchen zu wollen.

Wir hatten den Hafen kurz vor Mitternacht, also vor mehreren Stunden, erreicht. Alle hatten bereits in ihren Betten gelegen. Das hatte es Reiko leicht gemacht, ins Büro des Hafenmeisters einzubrechen und dort nach Informationen zu suchen. Nach den Aufzeichnungen war die Ertrunkener Mann gestern Morgen in den Hafen von Allenstadt eingelaufen. Ihre Passagiere hatten das Schiff verlassen. Der Rest des Tages war dem Wiederauffüllen der Vorräte vorbehalten gewesen. Das Schiff sollte am Morgen ablegen, um erneut über den Summanus nach Fortuna zu fahren … und es war das einzige Schiff im Hafen, das groß genug war, um Passagiere aufzunehmen. Wenn die Gerüchte stimmten und Milo vorhatte, auf der Ertrunkener Mann zu entkommen, dann befand er sich entweder bereits an Bord oder er musste bald kommen.

In jedem Fall waren wir dem Kronprinzen auf den Fersen, zumindest waren wir ihm näher als in den ganzen letzten Wochen. Und ich war entschlossen, den Bastard endlich zu erwischen.

Reiko schlich den Landungssteg entlang und betrat das Deck. Ich folgte ihr, wobei es mir zur Abwechslung gelang, kein Geräusch zu erzeugen. Mit gezogenen Waffen sahen wir uns auf dem breiten, rechteckigen Deck um.

An einer Reling standen mehrere Fässer mit Pfeilen, die dazugehörigen Langbogen waren in Bündeln daneben verstaut. In anderen Fässern erkannte ich Schwerter. Vom Hauptmast hing ein Netz mit Speeren, von denen viele Widerhaken an den Spitzen hatten. Ein weiteres Netz voller Speere lag in der Nähe des Steuerrades an der Reling.

Die unzähligen Waffen überraschten mich nicht. Auf dem Summanus gab es jede Menge Piraten, die Schiffe enterten, Matrosen ermordeten und kostbare Fracht stahlen – genauso wie auf der Kalten Salzsee im Norden und der Blauen Glas-See im Süden.

„Glaubst du, Milo könnte sich unter Deck aufhalten?“, flüsterte Reiko. Ihr Atem bildete in der kühlen Luft Wolken vor ihrem Gesicht.

Ich rief erneut meine Magie, doch ich konnte immer noch keine Blitzmagie spüren …

Stampf-stampf-stampf-stampf.

Schritte erklangen. Ein Mann um die sechzig tauchte über eine Treppe aus dem Bauch des Schiffes auf. Lockiges, graues Haar fiel ihm bis auf die breiten Schultern. Auf seiner dunkelbraunen Haut erkannte ich noch dunklere Sommersprossen, sicherlich der Effekt eines Lebens in praller Sonne. Seine Augen hatten einen hellen Braunton, in etwa denselben wie der Firnis auf dem Holz des Decks. Eine gezackte Narbe teilte eine buschige Augenbraue des Mannes, als hätte ihn irgendwann einmal jemand mit einem Haken gefangen wie einen Fisch.

Obwohl es noch so früh am Morgen war, war der Mann gut frisiert, und der minzige Duft seiner Zahnpasta war trotz des Fischgeruchs wahrnehmbar, der über dem Schiff lag. Er trug eine kurze, sandbraune Jacke gepaart mit einer passenden Tunika, einer engen Hose und Stiefeln. Über seinem Herzen prangte ein eingesticktes Wappen: ein Männergesicht mit hervortretenden Augen und geöffnetem Mund. Das Wappen sah genauso aus wie die Galionsfigur und wies ihn als Kapitän des Schiffes aus.

Ein Entermesser mit goldenem Griff hing von seinem braunen Ledergürtel neben einem Fernglas und ein paar langen, dünnen Messern. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie der Kapitän seine formelle Jacke abwarf, die Ärmel seiner Tunika hochrollte und mit den Messern den Fang des Tages ausnahm – oder einen Matrosen, der sich seinen Befehlen widersetzt hatte.

Der Kapitän hob gähnend die Arme. Er sah zum Himmel und verzog das Gesicht, als würde ihm irgendetwas an dem hübschen, pinkfarbenen Sonnenaufgang missfallen, dann senkte er die Arme und sah sich auf dem Deck um.

Reiko neigte abrupt den Kopf zur Seite, um mich zu fragen, ob wir uns hinter die Fässer ducken sollten, aber ich schüttelte den Kopf. Ich war es leid, herumzuschleichen. Vor allem, da der Kapitän vielleicht über die Antworten – und die Passagiere – verfügte, nach denen wir so verzweifelt suchten.

Als uns der Kapitän entdeckte, blinzelte er überrascht, dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „So früh am Morgen hatte ich noch gar nicht mit Besuchern gerechnet. Ich bin Kapitän Davies. Und wer seid ihr beiden Hübschen?“

„Armina“, antwortete ich, indem ich meinen zweiten Vornamen verwendete, so wie ich es auf Spionagemissionen immer tat. „Und das hier ist Resplenda.“

Reiko zog eine Augenbraue hoch, offensichtlich gefiel ihr der hastig vergebene Name nicht, doch ich ignorierte sie.

Kapitän Davies musterte uns von Kopf bis Fuß, wobei sein Blick ausgiebig auf unseren Brüsten und Hüften verweilte. Je länger er uns ansah, desto breiter wurde sein Grinsen. Lust strahlte in spürbaren Wellen von ihm aus, sodass mir schlecht wurde.

„Seid ihr zwei hier, um mir das Bett zu wärmen, bevor wir Segel setzen? Falls ja, muss ich meiner Mannschaft einen Bonus für ihren herausragenden Geschmack auszahlen.“ Wieder glitt sein anzüglicher Blick über unsere Körper, und er grinste so breit, dass ich seine Goldzähne sehen konnte.

Reiko knurrte, und aus dem Maul ihres inneren Drachen drang Rauch, der über ihre Haut glitt. Davies Grinsen verblasste. Jeder mit auch nur ein bisschen gesundem Menschenverstand nahm sich vor Morphen in Acht – besonders vor Drachenmorphen. Außerdem wirkte Reiko, als würde sie beim nächsten wollüstigen Kommentar übers Deck stürmen und ihm ihr Schwert in die Brust rammen.

Davies spitzte die Lippen und gab einen scharfen, lauten Pfiff von sich, der mich an den Kampfschrei eines Strix erinnerte.

Reiko und ich verspannten uns. Ein paar Sekunden lang geschah gar nichts, doch dann erklangen schwere Schritte, und ein Dutzend Männer stürmte die Stufen nach oben aufs Deck. Die Männer trugen alle dunkelbraune Tuniken, Hosen und Stiefel, und jeder von ihnen hielt ein Entermesser in der Hand. Sie verteilten sich in einem Halbkreis auf dem Deck und starrten uns genauso lüstern an wie ihr Kapitän.

Davies zog seine Klinge und stach damit vor Reiko und mir in die Luft. „Was wollt ihr?“, verlangte er zu wissen. „Wenn ihr gekommen seid, um mein Schiff zu übernehmen, erwartet euch eine unangenehme Überraschung. Die Besatzung der Ertrunkener Mann wird nicht kampflos aufgeben.“

Mit einem zustimmenden Murmeln hoben die Matrosen ihre Waffen ein wenig höher.

Reiko knurrte wieder, bereit zum Kampf. Ich allerdings schob den Dolch zurück in die Scheide und hob besänftigend die leeren Hände.

„Wir sind nicht hier, um Ärger zu machen. Wir brauchen nur ein paar Informationen.“ Ich senkte eine Hand und schüttelte den grauen Samtbeutel an meinem Gürtel. „Und wir sind bereit, dafür zu zahlen.“

Davies’ Augen begannen zu leuchten, als er das Klimpern von Münzen hörte. „Was für Informationen?“

„Ich will wissen, ob irgendwelche Mortaner – besonders irgendwelche mortanischen Adeligen – eine Passage auf eurem Schiff gebucht haben.“

Der Kapitän kratzte sich am Kinn. „Nein, es sind keine Adeligen an mich herangetreten. Ich segele nur nach Fortuna und zurück.“ Er sah sich um. „Hattet ihr irgendwelche Anfragen?“

Die Matrosen schüttelten alle den Kopf. Frust stieg in mir auf. Milo war nicht hier. Er war wahrscheinlich niemals hier gewesen … und ich hatte mal wieder eine Menge Zeit darauf verschwendet, einem Gerücht nachzujagen, das zu nichts führte. Ich hatte geglaubt, Milo wollte nach Süden, weg von Andvari und Morta, doch offenbar hatte ich mich geirrt – so wie ich mich in letzter Zeit bei so vielem geirrt hatte.

Davies vollführte eine ausladende Geste, die das gesamte Schiff einschloss. „Ich habe keine mortanischen Passagiere, aber ihr zwei Damen dürft gerne mit uns segeln. Ich bin mir sicher, wir finden eine gute Verwendung für euch.“

Einige Matrosen grinsten anzüglich. Die Wellen der Lust, die von ihnen ausgingen, trafen mich wie ein Schlag gegen die Brust. Nur mit Mühe widerstand ich dem Drang, zu knurren.

„Vergesst es“, blaffte Reiko. „Wir gehen jetzt.“

Davies grinste fies und berechnend. „Für einen hübschen kleinen Drachen wie dich kann ich bei der Fortuna-Präge einen hervorragenden Preis erzielen.“ Sein Blick huschte zu mir. „Für dich werde ich weniger kriegen … aber ich bin mir sicher, irgendwer will dich schon für seine Sammlung.“

Mir drehte sich der Magen um, während ich gleichzeitig vor Wut kochte. Davies und seine Männer waren keine schlichten Matrosen, die Fracht über den Fluss schipperten. Nein, sie waren Flusspiraten – Entführer –, die Unschuldigen auflauerten und sie an die DiLucris verkauften – die mächtige, reiche Familie, der die Fortuna-Präge gehörte. Die DiLucris handelten mit allen möglichen illegalen Gütern. Besonders bekannt waren sie für ihre Auktionen, bei denen seltene, kostbare Güter versteigert wurden … und unter anderem wurden dort auch Männer, Frauen und Kinder an den Höchstbietenden verschachert. Angeblich waren all diese Leute Schuldknechte, die sich ihre Freiheit zurückverdienen konnten. Doch in Wirklichkeit waren sie Sklaven – und ihnen wurde viel Schlimmeres angetan, als sie nur zu schwerer Arbeit zu zwingen. Großvater Heinrich und Königin Everleigh Blair von Bellona versuchten seit Jahren, die Auktionen der DiLucris zu unterbinden, doch bisher ohne Erfolg.

„Wo ist Wexel?“, wollte ich wissen. „Wird es nicht langsam Zeit, dass sich diese feige Ratte zeigt?“

Kapitän Davies runzelte die Stirn, bis seine buschigen Augenbrauen eine durchgehende Linie bildeten. „Wer ist Wexel?“

Ich öffnete den Mund, um zu antworten, doch er wedelte wegwerfend mit der Hand.

„Spielt keine Rolle, wer euch hergeschickt hat.“ Wieder grinste er bösartig. „Wir werden eine Menge Spaß mit dir und deiner Freundin haben, bevor wir euch an die DiLucris ausliefern.“

Davies spitzte die Lippen und pfiff erneut. Die Piraten grinsten, hoben die Waffen und traten vor.

Zur Abwechslung waren wir nicht in eine Falle von Milo und Wexel getappt … trotzdem schwebten Reiko und ich in tödlicher Gefahr.

Jennifer Estep

Über Jennifer Estep

Biografie

Jennifer Estep ist SPIEGEL- und internationale Bestsellerautorin und immer auf der Suche nach ihrer nächsten Fantasy-Romanidee. In ihrer Freizeit trifft sie sich gerne mit Freunden und Familie, macht Yoga und liest Fantasy- und Liebesromane. Außerdem sieht sie viel zu viel fern und liebt alles, was...

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