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ShadowsongShadowsong

Shadowsong

Roman

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Shadowsong — Inhalt

Seit Liesl ihr Leben als Königin der Unterwelt hinter sich gelassen hat und zu ihrer Familie zurückgekehrt ist, versucht sie, die Musikkarriere ihres kleinen Bruders Josef zu fördern. Gemeinsam mit ihrer Schwester reist Liesl nach Wien, um Josef zu unterstützen. Doch Josef verhält sich kühl, distanziert und zieht sich immer mehr zurück. Als besorgniserregende Zeichen darauf hindeuten, dass die alte Barriere zwischen den Welten verschwindet, muss Liesl ihren Bruder verlassen und in die Unterwelt zurückkehren. Nur sie kann das Mysterium enträtseln, das den König der Kobolde umgibt. Was muss passieren, damit die alten Gesetze der Unterwelt gebrochen werden können und Liesls unmögliche Liebe eine Chance bekommt?

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erscheint am 02.09.2019
Übersetzt von: Diana Bürgel
416 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-70459-5
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erscheint am 02.09.2019
Übersetzt von: Diana Bürgel
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99485-9

Leseprobe zu „Shadowsong“

Teil 1

Der Ruf


„Auf keinen Fall“, rief Constanze und ließ ihren Gehstock auf den Boden krachen. „Ich verbiete es!“

Wir hatten uns alle nach der Abendessenszeit in der Küche versammelt. Mutter wusch das Geschirr der Gäste ab, während Käthe ein schnelles Essen aus Spätzle und Röstzwiebeln für uns zubereitete. Josefs Brief lag offen auf dem Tisch. Mir hatte er Erlösung gebracht, meiner Großmutter Ärger.

Meister Antonius ist tot. Ich bin in Wien. Komm schnell.

Komm schnell. Eindrückliche und unverblümte Worte auf dem Blatt Papier, doch Constanze und ich [...]

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Teil 1

Der Ruf


„Auf keinen Fall“, rief Constanze und ließ ihren Gehstock auf den Boden krachen. „Ich verbiete es!“

Wir hatten uns alle nach der Abendessenszeit in der Küche versammelt. Mutter wusch das Geschirr der Gäste ab, während Käthe ein schnelles Essen aus Spätzle und Röstzwiebeln für uns zubereitete. Josefs Brief lag offen auf dem Tisch. Mir hatte er Erlösung gebracht, meiner Großmutter Ärger.

Meister Antonius ist tot. Ich bin in Wien. Komm schnell.

Komm schnell. Eindrückliche und unverblümte Worte auf dem Blatt Papier, doch Constanze und ich konnten uns nicht darüber einig werden, was sie zu bedeuten hatten. Ich glaubte, sie wären ein Ruf. Meine Großmutter war anderer Meinung.

„Was willst du mir verbieten?“, gab ich zurück. „Josef zu antworten?“

„Deinen Bruder bei diesen Mätzchen auch noch zu unterstützen!“ Anklagend deutete sie auf den Brief zwischen uns und machte dann mit dem Arm eine ausschweifende, vage Geste, die das Dunkel vor dem Fenster miteinschloss, das Unbekannte jenseits unserer Türschwelle. „Bei diesem … diesem Unsinn mit der Musik!“

„Unsinn?“, fragte Mutter scharf und hielt beim Schrubben der Töpfe und Pfannen inne. „Was für ein Unsinn, Constanze? Meinst du seine Karriere?“

Letztes Jahr hatte mein Bruder die ihm bekannte Welt hinter sich gelassen, um seinem Traum zu folgen – unserem Traum – und ein weltbekannter Violinist zu werden. Das Gasthaus sorgte bereits seit Generationen für das tägliche Brot unserer Familie, aber unsere Leidenschaft galt seit jeher der Musik. Papa war einst Hofmusikant in Salzburg gewesen, wo er auch Mutter kennengelernt hatte, die damals Sängerin in einer Musikertruppe gewesen war. Doch das war, bevor seine verschwenderische und lasterhafte Art ihn wieder in die tiefste Provinz der bayerischen Wälder zurückgetrieben hatte. Josef war der Beste und Strahlendste von uns, der am besten Ausgebildete, der Disziplinierteste, der Talentierteste, und ihm war gelungen, was wir anderen nie erreicht hatten: Er war entkommen.

„Das geht dich nichts an“, fauchte Constanze ihre Schwiegertochter an. „Halte deine spitze, zänkische Nase aus Angelegenheiten heraus, von denen du nichts verstehst.“

„Es geht mich sehr wohl etwas an.“ Mutters Nasenflügel bebten. Normalerweise war sie immer kühl, ruhig und gefasst, doch Großmutter wusste, was ihr unter die Haut ging. „Josef ist mein Sohn.“

„Er gehört dem Erlkönig“, murmelte Constanze. In ihren dunklen Augen glühte fiebriger Glaube. „Nicht dir.“

Mutter rollte mit den Augen und fuhr mit dem Abwasch fort. „Genug jetzt mit den Kobolden und dem ganzen Geschwafel, du alte Hexe. Josef ist zu alt für Märchen und solchen Humbug.“

„Erzähl das der da!“ Constanze deutete mit ihrem knotigen Finger auf mich und ich spürte die Wucht ihres Eifers wie einen Schlag auf die Brust. „Sie glaubt. Sie weiß. Sie trägt den Abdruck der Berührung des Koboldkönigs auf der Seele.“

Ein Schauer kroch mir den Rücken hinauf, eisige Fingerspitzen, die mir über die Haut strichen. Ich schwieg, fühlte jedoch Käthes neugierigen Blick. Früher hätte sie wie Mutter abfällig über das abergläubische Geplapper unserer Großmutter gelacht, aber meine Schwester hatte sich verändert.

Ich hatte mich verändert.

„Wir müssen an Josefs Zukunft denken“, sagte ich leise. „Daran, was er braucht.“

Aber was war es, was mein Bruder brauchte? Die Post war erst am Vortag eingetroffen, doch der Brief war von den vielen unausgesprochenen und unbeantworteten Fragen schon ganz zerlesen. Komm schnell. Was meinte er damit? Dass ich zu ihm kommen sollte? Wie? Warum?

„Was Josef braucht, ist sein Zuhause“, sagte Constanze.

„Und was gibt es hier für ihn, zu dem er nach Hause kommen kann?“, fragte Mutter und ging wütend auf die Rostflecken eines verbeulten Topfes los.

Käthe und ich tauschten einen Blick, hielten unsere Hände aber beschäftigt und den Mund geschlossen.

„Gar nichts gibt es hier“, fuhr sie bitter fort. „Nichts, außer einem langen, langsamen Abstieg ins Armenhaus.“ Mit einem abrupten Klappern legte sie die Spülbürste beiseite und drückte sich Daumen und Zeigefinger ihrer seifigen Hand auf die Nasenwurzel. Seit Papas Tod war die Falte zwischen ihren Brauen wieder und wieder aufgetaucht, und mit jedem Tag, der verging, wurde sie tiefer.

„Sollen wir Josef denn einfach sich selbst überlassen?“, mischte ich mich ein. „Was soll er tun, so weit fort und ohne Freunde?“

Mutter biss sich auf die Lippe. „Was schlägst du vor?“

Darauf hatte ich keine Antwort. Wir hatten nicht die Mittel, um zu ihm zu reisen oder um ihn heimzuholen.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie entschlossen. „Es ist besser, wenn Josef in Wien bleibt. Wenn er dort sein Glück versucht und der Welt seinen Stempel aufdrückt, wie Gott es will.“

„Es spielt keine Rolle, was Gott will“, verkündete Constanze düster. „Sondern nur, was die alten Gesetze verlangen. Wenn man sie um ihr Opfer betrügt, müssen wir alle den Preis dafür zahlen. Die Jagd beginnt und mit ihr kommen Tod, Verderben und Zerstörung.“

Ein plötzliches, schmerzerfülltes Einatmen. Erschrocken sah ich auf, als Käthe rasch den Finger, in den sie sich mit dem Messer geschnitten hatte, in den Mund steckte. Hastig fuhr sie mit dem Kochen fort, doch ihre Hände zitterten, als sie begann, die Spätzle vom Brett zu schaben. Ich erhob mich, um ihr die Arbeit abzunehmen, woraufhin sie sich dankbar daranmachte, die Zwiebeln zu rösten.

Mutter gab ein angewidertes Schnauben von sich. „Nicht das schon wieder.“ Constanze und sie gingen aufeinander los, solange ich mich erinnern konnte, und das Gezänk war ein ebenso beständiges Hintergrundgeräusch wie Josefs Tonleiterübungen. Nicht einmal Papa war in der Lage gewesen, Frieden zwischen ihnen zu stiften, da er seiner Mutter stets nachgab, obwohl er sich lieber auf die Seite seiner Frau gestellt hätte. „Wenn ich nicht vollkommen sicher wäre, dass dein Platz in der Hölle bereits auf dich wartet, du streitsüchtige alte Harpyie, dann würde ich für deine Seele beten.“

Constanze schlug mit der Hand auf den Tisch und wir zuckten zusammen. „Siehst du denn nicht, dass ich versuche, Josefs Seele zu retten?“, brüllte sie und Spucke flog ihr aus dem Mund.

Wir waren verblüfft. Trotz ihres reizbaren und jähzornigen Wesens verlor Constanze selten die Beherrschung. Auf ihre eigene Weise war sie so verlässlich wie ein Metronom, das beständig zwischen Zufriedenheit und Ärger hin- und herpendelte. Unsere Großmutter war Furcht einflößend, nicht furchtsam.

Dann hörte ich wieder die Stimme meines Bruders. Ich bin hier geboren worden. Ich bin dazu bestimmt, auch hier zu sterben.

Zerstreut ließ ich die Nudeln in den Topf gleiten und verbrannte mich an dem aufspritzenden kochend heißen Wasser. Ungebeten tauchte das Bild kohlschwarzer Augen in einem scharfzügigen Gesicht aus den Tiefen meiner Erinnerung auf.

„Mädchen“, krächzte Constanze und richtete den Blick ihrer dunklen Augen auf mich. „Du weißt, was er ist.“

Ich schwieg. Das Blubbern des kochenden Wassers und das Zischen der Zwiebeln in der Pfanne waren die einzigen Geräusche in der Küche.

„Was?“, fragte Mutter. „Was meinst du damit?“

Käthe warf mir einen Seitenblick zu, aber ich goss nur die Spätzle ab und gab sie in die Pfanne zu den Zwiebeln.

„Über was in aller Welt redet ihr da?“, verlangte Mutter zu wissen. Dann wandte sie sich mir zu. „Liesl?“

Ich gab Käthe ein Zeichen, mir die Teller zu bringen, und verteilte das Essen darauf.

„Nun?“ Constanze grinste. „Was sagst du dazu, Mädchen?“

Du weißt, was er ist.

Ich dachte an die sorglosen Wünsche, die ich als Kind in die Dunkelheit gesagt hatte – Schönheit, Bestätigung, Anerkennung –, aber keiner dieser Wünsche war so inbrünstig und verzweifelt gewesen wie der in jener Nacht, in der ich das schwache Weinen meines Bruders gehört hatte. Käthe, Josef und ich hatten Scharlach bekommen, als wir noch klein gewesen waren. Käthe und ich waren damals schon Kinder, Josef dagegen nur ein Baby. An meiner Schwester und mir war das Schlimmste vorübergegangen, doch als mein Bruder von der Krankheit genesen war, war er ein anderer.

Ein Wechselbalg.

„Ich weiß genau, wer mein Bruder ist“, sagte ich leise, mehr zu mir selbst als zu meiner Großmutter. Ich stellte einen Teller mit einem Berg aus Spätzle und Zwiebeln vor sie hin. „Iss auf.“

„Dann weißt du auch, warum Josef zurückkehren muss“, sagte Constanze. „Warum er heimkehren und hier leben muss.“

Letztendlich kommen wir alle wieder zurück.

Ein Wechselbalg konnte sich nicht weit von der Unterwelt entfernen, sonst verblasste und verging er. Mein Bruder konnte nicht jenseits des Einflussbereichs des Erlkönigs leben, es sei denn aus der Kraft der Liebe. Meiner Liebe. Das war es, was ihn frei sein ließ.

Dann erinnerte ich mich an das Gefühl der Spinnenfinger, die über meine Haut krochen wie Brombeerranken; ein aus Händen geformtes Gesicht und tausend zischende Stimmen, die wisperten: Deine Liebe ist ein Käfig, Sterbliche.

Wieder betrachtete ich den Brief auf dem Tisch. Komm schnell.

„Isst du dein Abendessen?“, fragte ich und sah betont auf Constanzes vollen Teller.

Angewidert betrachtete sie die Spätzle und rümpfte die Nase. „Ich habe keinen Hunger.“

„Tja, etwas anderes bekommst du aber nicht, du undankbare Nervensäge.“ Wütend stieß Mutter die Gabel in ihr Essen. „Wir können es uns nicht leisten, deinem besonderen Geschmack nachzukommen. Wir können es uns ja kaum leisten, satt zu werden.“

Ihre Worte schienen dröhnend nachzuhallen. Gerügt nahm Constanze ihre Gabel und begann zu essen, wobei sie auf dieser deprimierenden Verkündung herumzukauen schien. Obwohl wir nach Papas Tod all seine Schulden beglichen hatten, tauchte für jede bezahlte Rechnung nur wieder eine weitere offene auf. Das Abdichten von Lecks auf einem sinkenden Schiff.

Sobald wir mit dem Essen fertig waren, räumte Käthe die Teller ab und ich übernahm den Abwasch.

„Komm“, sagte Mutter und bot Constanze den Arm an. „Schaffen wir dich ins Bett.“

„Nein, nicht du“, antwortete meine Großmutter mit Abscheu. „Du bist nutzlos, das bist du. Das Mädchen kann mir nach oben helfen.“

„Das Mädchen hat einen Namen“, sagte ich, ohne sie anzusehen.

„Habe ich mit dir gesprochen, Elizabeth?“, fauchte Constanze.

Verblüfft hob ich den Blick von dem schmutzigen Geschirr und sah, dass meine Großmutter Käthe anstarrte.

„Ich?“, fragte meine Schwester überrascht.

„Ja, du, Magda“, fuhr Constanze sie an. „Wer denn sonst?“

Magda? Ich sah erst Käthe an, dann Mutter, die genauso verblüfft schien wie wir. Geh schon, formte sie stumm mit den Lippen. Käthe sah nicht begeistert aus, bot Constanze aber dennoch den Arm an. Sie schnitt eine Grimasse, als unsere Großmutter mit gehässiger Kraft zupackte.

Mutter folgte den beiden mit dem Blick die Treppe hinauf, und nachdem sie verschwunden waren, sagte sie: „Ich schwöre es, sie wird mit jedem Tag verrückter.“

Ich kehrte zum Abwasch zurück. „Sie ist alt. Das ist vielleicht zu erwarten.“

Mutter schnaubte. „Meine Großmutter war bis zu dem Tag, an dem sie gestorben ist, bei klarem Verstand, und sie war viel älter als Constanze.“

Ich schwieg, während ich die Teller in einen Bottich mit klarem Wasser tauchte, bevor ich sie zum Trocknen an Mutter weiterreichte. „Am besten achten wir gar nicht darauf“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu mir. „Elfen. Die Wilde Jagd. Das Ende der Welt. Man könnte fast meinen, dass sie an diese Märchen wirklich glaubt.“

Ich fand einen sauberen Zipfel an meiner Schürze, griff nach einem Teller und half meiner Mutter beim Abtrocknen. „Sie ist alt“, wiederholte ich. „Dieser Aberglaube existiert hier schon ewig.“

„Ja, aber es sind trotzdem nur Geschichten“, gab sie ungeduldig zurück. „Niemand glaubt daran, dass sie wirklich wahr sind. Manchmal bin ich nicht sicher, ob Constanze weiß, ob wir in der Wirklichkeit leben oder in einem Märchen, das sie sich ausgedacht hat.“

Wieder sagte ich nichts. Mutter und ich räumten das saubere Geschirr ein, wischten die Arbeitsflächen ab und fegten den wenigen Schmutz auf dem Küchenboden zusammen, bevor wir auf getrenntem Weg zu unseren Zimmern gingen.

Trotz dem, was Mutter glaubte, lebten wir nicht in einem Märchen, das sich Constanze ausgedacht hatte, sondern in einer furchtbaren, grässlichen Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit der Opfer und des Handels. Einer Wirklichkeit, in der es Kobolde und Loreley gab, Mythen und Zauber und die Unterwelt. Ich war mit den Geschichten meiner Großmutter aufgewachsen. Ich, die ich die Braut des Koboldkönigs gewesen und wieder fortgegangen war, wusste besser als jeder andere, wozu es führte, wenn man die alten Gesetze missachtete, die über Leben und Tod regierten. Wahr und unwahr – diese Unterscheidung war ebenso unzuverlässig wie die Erinnerung, und ich lebte in dem Dazwischen, zwischen schöner Lüge und hässlicher Wahrheit. Aber ich sprach nicht davon. Ich konnte nicht davon sprechen.

Wenn Constanze verrückt wurde, dann wurde ich es auch.

Das Violinspiel des Jungen war magisch. Es wurde gemunkelt, dass selbst jene mit anspruchsvollem Geschmack und großem Vermögen vor dem Konzertsaal Schlange standen, um sich auf eine Reise ins Unbekannte mitnehmen zu lassen. Der Spielort war klein und intim, bestuhlt, aber nur für etwa zwanzig Personen. Trotzdem war es die größte Versammlung, vor der der Junge und sein Gefährte jemals gespielt hatten, und er war nervös.

Sein Meister war ein berühmter Violinist, ein italienisches Genie, doch Alter und Rheumatismus hatten die Finger des betagten Mannes schon längst zur Untätigkeit verdammt. Man sagte, in seiner Blütezeit habe Giovanni Antonius Rossi mit seinem Spiel selbst die Engel zu Tränen gerührt und die Teufel zum Tanzen gebracht, und die Konzertbesucher hofften, wenigstens einen Funken der vergangenen Gabe des Virtuosen in seinem geheimnisvollen Schüler wiederzufinden.

Ein Findelkind, ein Wechselbalg, flüsterten die Konzertbesucher. Aufgelesen am Straßenrand in den dunkelsten Wäldern Bayerns.

Der Junge hatte einen Namen, aber der war irgendwo zwischen den Gerüchten verloren gegangen. Meiser Antonius’ Schüler. Der goldhaarige Engel. Der schöne Junge. Sein Name war Josef, doch daran erinnerte sich niemand mehr, abgesehen von seinem Gefährten, seinem Begleiter, seinem Geliebten.

Auch der Gefährte hatte einen Namen, allerdings hielt niemand es für lohnenswert, ihn sich zu merken. Der dunkelhäutige Junge. Der Neger. Der Diener. Er hieß François, aber niemand nannte ihn so, außer Josef, der den Namen seines Geliebten auf den Lippen und im Herzen trug.

Das Konzert kennzeichnete Josefs Einführung in die kultivierte Gesellschaft Wiens. Seit die Adligen Frankreichs entweder geköpft oder davongejagt wurden, musste Meister Antonius feststellen, dass seine Geldschatullen in seinem Pariser Heim immer leerer wurden, da die reichen Mäzene ihre Mittel lieber Bonapartes Armee zukommen ließen. Also hatte der alte Virtuose die Stadt der Revolution verlassen und war in die Stadt seines größten Triumphes zurückgekehrt, in der Hoffnung, die Goldfische mit jüngeren, hübscheren Ködern wieder einzufangen. Zurzeit genossen sie die Gastfreundschaft der Baroness von Schenk, in deren Salon die Vorstellung stattfinden sollte.

„Enttäusche mich nicht, Junge“, sagte der Meister, als sie auf der Seitenbühne standen und auf ihren Auftritt warteten. „Unsere Lebensgrundlage hängt von dir ab.“

„Ja, Maestro“, sagte Josef, es klang heiser. In der Nacht zuvor hatte er schlecht geschlafen, sein Magen war vor Nervosität verkrampft, seine Träume waren von dem halb erinnerten Klang donnernder Hufschläge durchbrochen worden.

„Behalte einen kühlen Kopf“, sagte Meister Antonius warnend. „Kein Geheule und Gejammer wegen deines Zuhauses. Du bist jetzt ein Mann. Sei stark.“

Josef schluckte und sah François an. Der junge Mann nickte ihm kaum merklich zu, eine ermutigende Geste, die ihrem Lehrer nicht verborgen blieb.

„Genug“, knurrte Meister Antonius. „Du“ – er deutete auf François – „hör auf, ihn zu verhätscheln. Und du“ – er deutete auf Josef – »reiß dich zusammen. Wir können es uns nicht leisten, jetzt den Kopf zu verlieren. Wir werden mit ein paar Stücken beginnen, die ich komponiert habe, dann geht es wie geplant mit Mozart weiter, ça va?«

Josef duckte sich unter dem finsteren Blick seines Meisters. „Ja, Maestro“, flüsterte er.

»Wenn du gut bist – aber nur, wenn du gut bist –, dann darfst du als Zugabe Vivaldi spielen.« Der alte Virtuose durchbohrte seinen Schüler mit Blicken. „Und komm mir nicht mit diesem ›Erlkönig‹-Unsinn. Unser Publikum ist an die Musik der Großen gewöhnt. Beleidige ihre Ohren nicht mit dieser Monstrosität.“

„Ja, Maestro.“ Josefs Stimme war kaum hörbar.

François sah die geröteten Wangen und die angespannten Kiefermuskeln des Jungen und legte seine warme Hand um die geballte Faust seines Geliebten. Hab Geduld, mon cœur, schien die Berührung zu sagen.

Aber Josef antwortete nicht.

Meister Antonius teilte die Vorhänge und die jungen Männer traten hinaus in den höflichen Applaus des Publikums. François setzte sich an das Pianoforte und Josef machte seine Violine bereit. Sie teilten einen Blick, einen Moment, ein Gefühl, eine Frage.

Das Konzert begann wie geplant. Der Schüler spielte eine Auswahl der Stücke, die sein Meister komponiert hatte, begleitet von dem anderen Jungen am Klavier. Doch das Publikum war alt, und es erinnerte sich noch daran, wie göttlich das Spiel des Meisters gewesen war, wie tragend der Klang. Dieser Junge war gut: Die Noten waren klar, die Bogensetzung elegant. Doch vielleicht fehlte noch etwas – die Seele, ein Funke. Es war, als hörte man die Worte eines geliebten Dichters in eine fremde Sprache übersetzt.

Vielleicht hatten sie zu viel erwartet. Talent war immerhin unbeständig, und jene, die am hellsten strahlten, hielten oft nicht lange durch.

Die Engel werden Meister Antonius holen, wenn der Teufel nicht schneller ist, hatte man einst über den alten Virtuosen gesagt. Eine solche Gabe war nicht für sterbliche Ohren bestimmt.

Schließlich war es das Alter gewesen, das Meister Antonius noch vor Gott und dem Teufel bekommen hatte, aber es schien nicht so, als wäre sein Schüler mit demselben himmlischen Funken gesegnet. Pflichtschuldig applaudierte das Publikum nach jedem Stück, und alle fanden sich damit ab, einen langen Abend ohne viel Bedeutung vor sich zu haben, während der Virtuose auf der Seitenbühne angesichts des sinkenden Werts seines Schülers vor Wut schäumte.

Von der gegenüberliegenden Seitenbühne aus folgte noch ein anderes Augenpaar der Vorstellung. Es waren verblüffende Augen. Grün wie Smaragde oder die tiefen Wasser eines Sommersees glommen sie im Dunkeln.

Nachdem die Stücke des Meisters beendet waren, fuhren Josef und François mit einer Sonate Mozarts fort. Stille senkte sich über den Saal, dumpf und erfüllt von der unaufmerksamen Reglosigkeit vornehmer Langeweile. Hinten im Saal erhob sich leises Schnarchen und Meister Antonius wütete stumm vor sich hin. Doch immer noch musterten die grünen Augen die beiden Jungen aus den Schatten. Abwartend. Begehrlich.

Als das Konzert vorüber war, erhob sich das Publikum applaudierend von den Stühlen und verlangte pflichtschuldig nach einer Zugabe. Josef und François verbeugten sich und Meister Antonius schloss die Faust um seine Perücke, woraufhin weißer Puder in die Luft stob. Vivaldi, rette uns, dachte er. Roter Priester, erhöre mein Flehen. Ein weiteres Mal verbeugten sich Josef und François und tauschten erneut einen intimen Blick, die Antwort auf eine unausgesprochene Frage.

François setzte sich wieder ans Klavier. Dunkle Hände und weiße Spitzenärmel über schwarzen scharfen Tönen und natürlichen Elfenbeinklängen. Josef setzte die Geige ans Kinn und hob den Bogen. Das Rosshaar bebte erwartungsvoll. Josef gab das Tempo vor und François antwortete ihm, sodass sich zwischen ihnen ein Klangteppich entspann.

Es war nicht Vivaldi.

Die Konzertbesucher richteten sich auf ihren Stühlen auf, die Verwirrung schärfte ihre Aufmerksamkeit. So ein Spiel hatten sie noch nie zuvor gehört. So eine Musik hatten sie noch nie zuvor gehört

Es war „Der Erlkönig“.

Auf der Seitenbühne ließ Meister Antonius verzweifelt den Kopf in die Hände sinken. Die grünen Augen auf der anderen Seite der Bühne glommen auf.

Ein Eishauch schien durch den Saal zu streifen, obwohl keine Brise die Spitzensäume und den Federschmuck der Gäste durchfuhr. Der Geruch nach Erde und Lehm, nach Orten der Tiefe stieg empor, eine Kaverne aus Klang und Empfindung. War das ein Wassertropfen, der auf Stein fiel? Oder das ferne Rumpeln einer wilden Flucht? In den Winkeln des Sichtfelds begannen sich die Schatten zu regen, die engelsgesichtigen Putten und kunstvoll gehauenen Blumen an den Säulen des Saals hatten auf einmal etwas Finsteres. Die Zuhörer sahen nicht zu genau hin, aus Angst davor, dass sich die Engel und Wasserspeier in Dämonen und Kobolde verwandelt hatten.

Nur einer der Zuhörer tat es.

Die lebhaft grünen Augen betrachteten die Verwandlung, welche die Musik brachte, dann verschwanden sie in der Dunkelheit.

Nachdem die Zugabe geendet hatte, folgte ein Moment der Stille, als würde die Welt vor Anbruch eines Sturms den Atem anhalten. Dann brach ein Donner aus rauen Rufen und tosendem Applaus los, denn die Zuhörer mussten jubeln, um nicht angesichts der wirren Angst und Freude, die sie alle erfüllte, in Tränen auszubrechen. Angewidert riss sich Meister Antonius die Perücke vom Kopf und verließ schnaubend die Bühne.

Auf dem Weg kam er an einer schönen, grünäugigen Frau vorbei, die eine silberne Saliera in Form eines Schwans trug. Sie nickten einander im Vorbeigehen zu, woraufhin sich der alte Virtuose in seine Gemächer zurückzog und die Frau auf den Saal zuhumpelte. Er sah nicht, wie sie eine Salzlinie auf die Schwelle zum Konzertsaal streute. Er hörte nichts von den Lobpreisungen, die auf seinen Schüler niederregneten und er verpasste den Boten, der eine Nachricht für ihn hatte.

„Meister Antonius?“, fragte der Postbote, als ihm die grünäugige Frau die Tür öffnete. Sie hatte sich eine hellrote Mohnblume ans Mieder gesteckt.

„Er hat sich bereits für den Abend zurückgezogen“, sagte sie. „Wie kann ich Euch helfen?“

„Diese Briefe sind für seinen Schüler, einen Herr Vogler?“ Der Postbote griff in seine Tasche und holte ein Bündel Briefe hervor, jeder davon in derselben verzweifelten Handschrift geschrieben. „Sie wurden an seine frühere Adresse in Paris geschickt, aber wir konnte ihn erst jetzt hier in Wien finden.“

„Ich verstehe“, sagte die Frau. „Ich werde dafür sorgen, dass sie an den Richtigen weitergegeben werden.“ Sie gab dem Postboten eine Goldmünze, woraufhin er sich an den Hut tippte und wieder in die Nacht davonritt.

Die grünäugige Frau trat über die Salzspur in den Saal, wobei sie darauf achtete, die Schutzlinie nicht mit dem Rock zu verwischen. Als sie wieder im Schatten stand, überflog sie die Briefe auf der Suche nach einer Signatur.

Komponistin von „Der Erlkönig“.

Lächelnd steckte sie sich die Briefe ins Mieder, bevor sie auf die Bühne hinaushumpelte, um dem Jungen und seinem schwarzen Freund zu gratulieren. Oben wälzte sich Meister Antonius in seinem Bett hin und her und versuchte, den Klang von Hufen und heulenden Hunden auszublenden, während er sich fragte, ob der Teufel nun doch noch gekommen war, um ihn zu holen.

Am nächsten Morgen warf man die Küchenmagd hinaus, weil sie Salz gestohlen hatte, und der alte Meister wurde tot in seinen Gemächern aufgefunden. Mit blauen Lippen und einem merkwürdigen silbernen Streifen über der Kehle.

S. Jae-Jones

Über S. Jae-Jones

Biografie

S. Jae-Jones wird JJ genannt und ist Künstlerin, Adrenalinjunkie und ehemalige Lektorin. Wenn sie gerade keine Bücher verschlingt, springt sie gerne aus Flugzeugen, moderiert den Pub(lishing) Crawl-Podcast oder verkleidet sich. Sie ist in Los Angeles geboren und aufgewachsen, lebt jetzt aber in...

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