Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Blick ins Buch
Wild ChildWild Child

Wild Child

Christiane Stella Bongertz
Folgen
Nicht mehr folgen
,
Eliane Retz
Folgen
Nicht mehr folgen

Entwicklung verstehen, Kleinkinder gelassen erziehen, Konflikte liebevoll lösen

Paperback
€ 18,00
E-Book
€ 13,99
€ 18,00 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 13,99 inkl. MwSt.
sofort per Download lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Wild Child — Inhalt

Zähneputzen, Aufräumen, Anziehen – wie Eltern Konflikte bindungsschonend und liebevoll lösen

  • Erziehungskompetent bleiben, weniger schimpfen, Nerven behalten
  • Für Eltern mit Kleinkindern zwischen 1 und 5 Jahren
  • Mit leicht verständlichem Grundlagenteil über Bedürfnisorientierung und Bindungsforschung
  • Viele praktische Tipps für typische Konfliktsituationen im Alltag

Eltern, die bindungsorientiert mit ihrem Baby leben, wissen: Es nützt der Bindung, wenn sie prompt auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren. Doch wenn das Baby zum Kleinkind wird, konfrontiert es die Eltern zunehmend mit seinen Autonomie- und Abgrenzungswünschen und raubt ihnen oft den letzten Nerv. Wie kann man dann Konflikte liebevoll lösen und gelassen erziehen? Dieses Buch zeigt Eltern von Kleinkindern anhand konkreter Alltagssituationen, wie man mit Wutausbrüchen umgeht, weniger schimpft, trotzdem Grenzen setzt und die Autonomie sowie die Bindung stärkt.

»Ein hervorragend aufgebautes und nützliches Buch, das ich selbst als Nachschlagewerk nutze!« Stefanie Stahl, Psychotherapeutin und Bestseller-Autorin (Das Kind in dir muss Heimat finden)

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 01.02.2021
384 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06249-7
Download Cover
€ 13,99 [D], € 13,99 [A]
Erschienen am 01.02.2021
384 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99898-7
Download Cover

Leseprobe zu „Wild Child“

Ein paar Worte vorab oder: Was ist ein wild child?

Lesezeit: 7 Minuten


Wenn man wild child bei Wikipedia eingibt, findet man unter anderem eine Teenager-Komödie, mehrere Bands und einen Zuchthengst dieses Namens. Außerdem einen Film des berühmten französischen Regisseurs François Truffaut. Darin geht es um ein Kind, das die ersten Jahre seines Lebens keinen Kontakt mit anderen Menschen hat und damit völlig unberührt von dem ist, was wir – auf die ein oder andere Weise – unter Erziehung verstehen. #wildchild ist außerdem ein Hashtag, das Fotografen und [...]

weiterlesen

Ein paar Worte vorab oder: Was ist ein wild child?

Lesezeit: 7 Minuten


Wenn man wild child bei Wikipedia eingibt, findet man unter anderem eine Teenager-Komödie, mehrere Bands und einen Zuchthengst dieses Namens. Außerdem einen Film des berühmten französischen Regisseurs François Truffaut. Darin geht es um ein Kind, das die ersten Jahre seines Lebens keinen Kontakt mit anderen Menschen hat und damit völlig unberührt von dem ist, was wir – auf die ein oder andere Weise – unter Erziehung verstehen. #wildchild ist außerdem ein Hashtag, das Fotografen und auch Eltern im Internet für Bilder verwenden, die Kinder und Teenager wild, unangepasst, rebellisch und voller Lebensfreude zeigen.
Wir finden wiederum, dass wild child eine wunderbare Bezeichnung für kleine Kinder ist. Denn auch die sind wild und scheren sich nicht um Konventionen oder darum, was „man“ so macht. Dabei toben sie gern durch die Wohnung, die zu einem Abenteuerspielplatz wird. Testen fasziniert immer wieder die Funktion eines Lichtschalters. Probieren, wie ein Gänseblümchen schmeckt. Oder – das gehört ebenfalls dazu – werfen sich im Supermarkt auf den Boden.
Weil kleine Kinder bereits nach Autonomie – nach Selbstbestimmung – streben, während sie gleichzeitig noch vieles lernen müssen, kommt es oft zu Konflikten: Die Kinder wollen etwas, können oder dürfen diesen Impuls aber nicht einfach so ausleben, wie sie sich das vorstellen. Meist wird darum von „Trotzphase“ oder „Trotzalter“ gesprochen, denn die Kinder reagieren häufig sehr heftig – und nicht nur die, sondern auch ihre Eltern.
Da kann es einem schon mal so vorkommen, als wollten sie einfach nur dagegen sein. Dagegen, dass Papa den Reißverschluss hochzieht, obwohl es allein noch nicht so gut klappt. Dagegen, im Kindersitz zu sitzen, obwohl das doch der Sicherheit dient. Dagegen, die Kiwi zu essen, obwohl die so gesund ist. Dagegen, die Badeschlappen wieder auszuziehen, obwohl vor der Tür Schnee liegt. Der Begriff Trotz unterstellt den Kindern jedoch eine Absicht, die sie nicht haben. Kleine Kinder sind spontan und ohne Kalkül. Sie folgen nur dem Programm, das die Natur ihnen seit Millionen von Jahren mitgegeben hat, damit sie sich zu einem selbstständigen und starken, überlebensfähigen Menschen entwickeln. Auch darum gefällt uns der Begriff wild child so gut, denn er wertet nicht.
Dabei sollte kein wild child allein gelassen werden wie der Junge in Truffauts Film. Es ist zunächst vor allem die Aufgabe der Eltern – also unsere –, dazu beizutragen, dass jedem wild child sein Vorhaben glückt, selbstständig und stark zu werden. Dass es nicht nur unversehrt aufwächst und sich in der Welt behaupten kann, sondern auch seinen Mitmenschen voller Empathie begegnet und ein Leben lang in der Lage ist, liebevolle, wertschätzende Bindungen einzugehen. Dass es lernt, wie es selbst dauerhaft für seine eigene körperliche und psychische Gesundheit sorgen kann. Das ist Erziehung im positiven Sinne, wie wir sie verstehen.
Die in unseren Augen beste Grundlage dafür bildet die bindungsorientierte Erziehung, denn es sind Bindungen zu anderen Menschen, an denen das Kind lernt und wächst. Zunächst zu den Eltern und Geschwistern, später auch zu Großeltern, Babysittern, Pädagogen und Betreuungspersonen in Kita und Schule, zu engen Freunden und viel später zu einem eigenen Partner. Das Leben besteht aus Bindungen, weil wir soziale Wesen sind.
Bindungsorientierte Erziehung wird oft auch bedürfnisorientierte Erziehung genannt. Bei Bindungen geht es immer um Bedürfnisse. Die des Kindes, aber auch die der Eltern und anderer Menschen in der Umgebung des wild child. Diese Bedürfnisse müssen aufeinander abgestimmt und ausgehandelt werden, sodass jeder den Raum bekommt, den er oder sie benötigt. Um zu wachsen, sich zu entfalten oder auch zu erholen von den vielen Anforderungen, die der Alltag an uns alle, Kinder wie Erwachsene, stellt.
Dass all das gelingt, dabei möchten wir Ihnen mit diesem Buch helfen.


So nutzen Sie dieses Buch

Eltern haben wenig Zeit. Auch wenig Zeit zum Lesen. Und sie sind oft müde – zu müde, um sich in wissenschaftliche Bücher über Bindung und kindliche Entwicklung zu vertiefen. Wenn der Akku leer ist, hilft es nichts, dass sie sich für diese Themen interessieren und eigentlich gern Orientierung verschaffen würden. Doch wissenschaftliche Bücher über Bindung sind häufig dicke Wälzer. Hinzu kommt: Oft sind die Informationen darüber, was eine gute, sichere Bindung ausmacht, sehr abstrakt formuliert. Da liest man etwa: Eltern sollen prompt und angemessen auf die Signale des Säuglings reagieren. Aber was ist „prompt“ und was „angemessen“? Später sollen sie dem Kleinkind genügend Autonomie zugestehen. Aber was bedeutet „genügend“ konkret? Sie sollen warm, zugewandt und liebevoll erziehen, aber auch klare Anforderungen an das schon größere Kind herantragen und durchaus für Grenzen einstehen. Aber wie macht man das? Wie viele Grenzen verträgt ein Kind in welchem Alter? Und überhaupt, was bedeutet all dies im Alltag mit Kindern? Wenn das Kleinkind tobt und sich weigert, sich die Haare waschen zu lassen? Wenn es so mit der Entwicklung seiner Autonomie beschäftigt ist, dass elterliche Bedürfnisse nach Hygiene, Ruhe und Ordnung keine Rolle mehr zu spielen scheinen?
Hier möchte dieses Buch helfen. Es soll Ihnen als Informationsquelle und Nachschlagewerk dienen, aber auch als ganz konkreter Retter in der Not, wenn mal wieder nichts so läuft, wie man sich das so schön ausgemalt hat, damals, als das erste Kind noch in Mamas Bauch heranwuchs.
Darum haben wir es übersichtlich aufgeteilt:

  • In der Einleitung bekommen Sie einen schnellen Überblick, worum es in der bindungs- und bedürfnisorientierten Erziehung geht und warum sie langfristig eine gute Idee ist.
  • In Teil I erklären wir Ihnen leicht verständlich und wissenschaftlich fundiert die Grundlagen der Bindungsforschung, auf denen eine bindungsorientierte Erziehung basiert. Auch wenn dieses Buch sich vorwiegend das Leben mit Kindern nach der Babyzeit zum Thema gemacht hat, klammern wir hier das erste Jahr nicht aus, denn alle Eltern haben das erste Jahr ihres Kindes begleitet. Von dort kommen sie. Viele Fragen deuten sich bereits an, wenn der erste Geburtstag naht. Eine ganz zentrale dabei ist: Wann muss, wann darf, wann kann ich mit dem Erziehen und Grenzensetzen anfangen, ohne das Kind oder mich zu über- oder unterfordern?
  • In Teil II geben wir Ihnen praktisches Wissen und Werkzeuge mit auf den Weg – wie die zwölf Alltags-Basics, mit deren Hilfe Sie leichter durchs Leben navigieren, ohne dabei Ihr Ziel, nämlich Ihr Kind oder Ihre Kinder gut zu erziehen, aus dem Auge zu verlieren.
  • Teil III schließlich widmet sich ganz konkreten Situationen aus dem oft herausfordernden Alltag mit Kindern im Alter von eins bis fünf (aber auch wenn die Kinder jünger oder älter sind, werden Sie Nutzen und Erkenntnisse daraus ziehen können, und vieles kann sogar Begegnungen mit anderen Erwachsenen sehr erleichtern – denn die Psychologie dahinter ist oft die gleiche). Hier erhalten Sie wirkungsvolle Tipps, wie das Leben mit kleinen Kindern wieder einfacher wird. Wir geben Ihnen Orientierung, immer angepasst an den Entwicklungs- und Verständnishorizont Ihres Kindes oder Ihrer Kinder.
  • Im Anhang gibt es außerdem ein Schlagwort-Register, mit dessen Hilfe Sie schnell die Seiten finden, auf denen steht, was Sie suchen. Vom Abholen aus der Kita übers Heimgehen vom Spielplatz bis zum Zähneputzen. Wann immer Sie schnellen konkreten Rat brauchen, ist es empfehlenswert, erst einmal hier nachzuschlagen.

Außerdem haben wir natürlich die von uns herangezogene Literatur im Literaturverzeichnis dokumentiert.


Warum sollten Sie sich ausgerechnet von uns etwas erzählen lassen?

Vorab: Sie sollen gar nichts. Wir möchten Sie nicht belehren. Wir möchten Ihnen unser Wissen und unsere Erkenntnisse zur Verfügung stellen. Denn Kinder sind unsere Zukunft, sie sind unendlich wichtig und wertvoll. Wir haben uns eingehend mit den Themen Bindung und Bedürfnisorientierung befasst – wissenschaftlich und praktisch. Wir, das sind:
Dr. Eliane Retz. Ich bin Pädagogin, systemische Beraterin und Mutter von zwei Kindern. Studiert und promoviert habe ich an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In meiner wissenschaftlichen Arbeit hat mich interessiert, wie uns frühe Bindungserfahrungen prägen und was Eltern dabei unterstützt, ihren Weg als Familie zu finden. Die Praxis, der Alltag mit einem kleinen Kind, hat dennoch viele Fragen entstehen lassen, denn Mutter oder Vater zu werden ist ein großer Wendepunkt im eigenen Leben. Diese Fragen habe ich mir und anderen im Lauf der Zeit beantwortet und viele Konflikte gelöst. Dabei habe ich im Alltag erfahren, was ich in der Theorie schon kannte: Das kindliche Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit ist in den ersten Lebensjahren so groß, damit sich eine sichere Bindung entwickeln kann. Für eine gesunde Autonomieentwicklung ist es aber genauso wichtig, das „Selber-tun-wollen“ des Kindes und dessen Wunsch nach Selbstständigkeit zu respektieren und zu fördern.
Warum Kinder so sind, wie sie sind, steht im Mittelpunkt meiner Elternberatung. Schon seit vielen Jahren berate ich Eltern mit ihren Säuglingen und Kleinkindern nach dem familiensystemischen Ansatz. Dabei beziehe ich mich auf aktuelle Erkenntnisse der Bindungs- und Entwicklungsforschung. Auf Instagram schreibe ich ebenfalls über diese Themen (@Dr.Retzel).
Christiane Stella Bongertz. Ich bin Kommunikationswissenschaftlerin, Journalistin und langjährige Autorin der Familienmagazine Eltern und Eltern Family. Für meine Arbeit bin ich es gewohnt, komplexe wissenschaftliche Sachverhalte ebenso verständlich wie unterhaltsam zu präsentieren. Unter anderem betreue ich eine Expertenrubrik, in der ich im engen Austausch mit Wissenschaftlern und anderen Experten stehe. Dabei gewinne ich fundierten und oft frühzeitigen Einblick in aktuelle Themen und Entwicklungen der Forschung – auch in Sachen Erziehung und Bindung.
Mein wissenschaftliches Interesse wiederum liegt auf Wirklichkeitskonstruktion. Dabei geht es darum, wie wir auf Basis unserer – oft unbewussten – Glaubenssätze in Interaktion miteinander unsere gemeinsame Alltagswirklichkeit hervorbringen. Und wenn es um die Alltagswirklichkeit von Familien geht: Wie können wir das Wissen um diese Prozesse nutzen, um bewusst eine langfristig entspannte, liebevolle und förderliche Realität für unsere Kinder und uns selbst als Eltern zu schaffen?
Nicht zu vergessen: Ich bin selbst Mutter und außerdem „Bonusmama“ – diesen charmanten Namen haben Stiefmütter in meiner Wahlheimat Schweden –, mein Einblick ins Thema ist also nicht rein theoretisch.


Einleitung: Bindungs- und Bedürfnisorientierung: Was ist das eigentlich und warum ist das eine gute Idee?

Lesezeit: 14 Minuten


„Bindungsorientierte Erziehung? Ja, hab ich schon mal gehört. Das ist doch, wenn man die Kinder stillt, bis sie schon ganz groß sind!“
Oder:
„Klar weiß ich, was ›bedürfnisorientiert‹ bedeutet! Das ist, wenn die Kinder keine Grenzen gesetzt bekommen und alles dürfen. So zieht man Tyrannen auf!“
So oder ähnlich lauten manche Vorurteile, wenn man von bindungs- oder bedürfnisorientierter Erziehung spricht. Auch wenn Stillen zweifellos eine großartige Möglichkeit für die Mutter ist, eine starke Bindung zu ihrem Baby aufzubauen, ist es keinesfalls eine Bedingung dafür. Es gibt noch unendlich viel mehr, was Mütter und Väter tun können, damit Bindungssicherheit wächst und sich langfristig etabliert.
Ein bindungs- und bedürfnisorientierter Erziehungsstil ist auch nicht dasselbe wie die antiautoritäre Bewegung, der weniger erziehungswissenschaftliche als vielmehr politisch motivierte Theorien zugrunde liegen, oder eine permissive Erziehung, bei der dem Kind fast alles erlaubt ist. Er hat auch nichts zu tun mit der noch recht jungen Unerzogen-Bewegung. Wer bindungs- und bedürfnisorientiert erzieht, schreckt logischerweise nicht von vornherein vor dem Begriff „Erziehung“ zurück – den lehnen die Unerzogen-Anhänger aber rundheraus ab. Und nein, Bedürfnisorientierung ist auch nicht damit verknüpft, wie man sich ernährt, welche Standpunkte man bei Gesundheitsthemen vertritt oder gar damit, bei welcher Partei man am Wahltag sein Kreuzchen setzt.
All dies deutet schon an, dass es hier ein großes Spannungsfeld gibt. Die einen sagen: „Ihr tut zu wenig! Ihr starrt nur noch gebannt auf eure Handys, anstatt euch mit euren Kindern zu beschäftigen!“ Aber man hört auch: „Ihr tut zu viel! Ihr verwöhnt eure Kinder mit dieser bedingungslosen Liebe. Diese Generation wird niemals selbstständig werden.“ Da geht es dann um Rabeneltern versus Glucken – oder es werden die moderneren Beschimpfungen verwendet: die (angeblich) überbehütenden Helikopter- oder Rasenmähereltern auf der einen Seite und die (angeblich) nie auftauchenden U-Boot-Eltern auf der anderen.
Irgendwie ist es nie richtig, was Eltern tun.
Wie der Blick in die historische Pädagogik zeigt, müssen sich Eltern bereits seit Jahrhunderten kritisieren lassen. Es gab schon immer zwei Pole: Die einen glaubten, dass Kinder alles mitbringen und wir Erwachsene diesen Prozess am besten liebevoll begleiten, das kleine Pflänzchen hegen und pflegen. Dem gegenüber standen die Vertreter der strafenden Pädagogik: Die kleine Pflanze wird streng überwacht, um Wildwuchs zu verhindern. Auch Gewalt war lange legitim, man durfte die Pflanze in die „richtige Richtung ziehen“.
Darum wird bis heute nach neuen Begrifflichkeiten gesucht, denn wer schon einmal versucht hat, Erziehung zu definieren, der merkt schnell, dass dies ein schwieriges Vorhaben ist. Es impliziert eben dieses „Ziehen“, die „Korrektur“. Viele Eltern sprechen lieber von „begleiten“, von „Beziehung statt Erziehung“. Allerdings fällt dabei ein wenig hintenüber, dass Eltern durchaus eine, wie es im Berufsjargon heißen würde, „leitende Funktion“ haben. Ihre Aufgabe ist es, dem Kind zu zeigen, wo der Weg in eine selbstbestimmte Zukunft entlangführt und wie man ihn geht.
Kinder benötigen Erziehung, davon sind wir überzeugt. Aber nicht, damit sich Eltern ihr Kind zurechtziehen oder -stutzen können wie eine Zierpflanze in einem barocken Garten, die man in eine bestimmte Form pressen möchte. Vielmehr ist gute, förderliche Erziehung wie ein Klettergerüst, das das junge Pflänzchen stützt und schützt und an das es sich anlehnen kann, solange es noch zart und klein ist – damit es ungestört zu einem Baum werden kann, der stark genug ist für die Anforderungen des Lebens.


„Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts“

Das hat der Pädagoge Friedrich Fröbel gesagt, der visionäre Erfinder des Kindergartens und wiederum ein Schüler des Schweizer Pädagogen Heinrich Pestalozzi.
Wir möchten uns dieser „Erziehungsformel“ anschließen.
Die Grundlage des Lernens am Beispiel ist eine vertrauensvolle, stabile Bindung. Ein Kind wird nämlich vor allem dem Exempel desjenigen Menschen folgen, dem es vertraut und dem es sich verbunden fühlt. Und diese Bindung entsteht aus der elterlichen Liebe, die das Kind erfahren darf. Das geschieht von Geburt an, wenn seine angeborenen Bedürfnisse gestillt werden: nach Nahrung, Geborgenheit, Schutz und Nähe. Im Lauf der Zeit lernt das Kind dann auch am Beispiel, wie liebevolle, gute Beziehungen funktionieren: Wenn nämlich nicht nur seine eigenen Bedürfnisse, sondern ebenso die Bedürfnisse der anderen eine Rolle spielen dürfen. Damit es diesen Lernprozess bereitwillig durchlebt, ist eine gute Bindung die Voraussetzung und sichere Basis.
Bindungsorientierung und Bedürfnisorientierung sind aus diesen Gründen zwei Seiten derselben Medaille. Je nachdem, welches Wort man benutzt, schaut man nur auf etwas andere Aspekte derselben Sache.

Wichtig:Wir werden in diesem Buch mal den einen, mal den anderen Begriff benutzen, je nachdem, auf welchen Aspekt wir gerade unseren Blick richten. Dennoch verstehen wir Bindungsorientierung und Bedürfnisorientierung als weitgehend synonym.

Bedürfnis- und bindungsorientierte Elternschaft bedeutet, dem Kind vorzuleben: Egal, was ist, egal, welches negative Gefühl dich gerade bewegt, ob du wütend, traurig, genervt, verzweifelt bist und auch, wenn du gerade deinen Bäuchleintee über meinem Computer ausgekippt hast, wir lösen das. Zusammen. Du bist nicht allein. Ich liebe dich ganz genau so, wie du bist. In meinen Augen bleibst und bist du immer liebenswert, auch dann, wenn du dich wenig liebenswert verhältst. Auch dann, wenn du wütend, traurig oder verzweifelt bist. Auch dann, wenn du dich kränkend mir gegenüber verhältst und sagst: „Du bist eine blöde Mama/ein blöder Papa.“ Auch wenn ich nicht immer deiner Meinung bin, kannst du auf mich zählen. Aber auch ich habe Emotionen und Bedürfnisse, die zählen und für die ich einstehen darf.
Durch solch eine liebevolle Haltung fühlt sich das Kind nicht nur gebunden und geborgen. Es lernt am Vorbild, wie man sich selbst und andere liebt, ernst nimmt und dabei gelassen die Herausforderungen des Lebens meistert. Wie man Konflikte aushandelt und bewältigt. Weil dies mit ihm zusammengelebt wird. Daraus erwächst Resilienz, die Fähigkeit, sich wieder aufzurappeln, egal, was kommt. Daraus erwachsen Selbstvertrauen und Stärke. So bildet sich Stressresistenz. Seelische Widerstandskraft. Die wirkt auch auf den Körper zurück. Man weiß heute, dass einem Übermaß an negativem Stress und dem dadurch aus dem Gleichgewicht gebrachten Hormonsystem eine Rolle bei der Entstehung vieler Krankheiten zukommt.
Bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet auch, sich mit dem Kind zu freuen, zusammen Spaß zu haben. Sie bedeutet, einfach das Leben in all seinen Facetten zu teilen und dabei gemeinsam ein festes Band zueinander zu knüpfen, das auch dann nicht reißt, wenn es mal hoch hergeht.

Christiane Stella Bongertz

Über Christiane Stella Bongertz

Biografie

Christiane Stella Bongertz ist Autorin und Kommunikationswissenschaftlerin und lebt mit ihrer Familie in Schweden. Zu ihren Schwerpunktthemen zählen Kleinkind, Familie und Psychologie – mit dem Fokus auf konstruktiver Kommunikation. Sie schreibt für zahlreiche Magazine und Zeitungen wie "Eltern",...

Eliane Retz

Über Eliane Retz

Biografie

Dr. Eliane Retz ist Pädagogin, systemische Beraterin und Mutter von zwei Kindern. Seit vielen Jahren berät sie Eltern mit Babys und Kleinkindern bindungsorientiert, nach dem systemischen Ansatz und basierend auf aktuellen Erkenntnissen der Bindungs- und Entwicklungsforschung. Warum Kinder sind, wie...

Pressestimmen
littleyears.de

„Ich kann mich nun auch Erziehungsratgeber-Besitzerin nennen. Allerdings steht ›Wild Child‹ nicht im Regal, sondern liegt auf dem Nachttisch. Weil er so viele wertvolle Tipper enthält, die ich immer wieder dankbar nachlese.“

Ginasbunterkinderblog

„Wenn du gerade ein begleitendes Buch für dein Wild Child suchst, ist dieses eine absolute Bereicherung mit guten Impulsen und Ideen, Alltagssituationen vielleicht neu und anders zu betrachten.“

Inhaltsangabe
Ein paar Worte vorab oder: Was ist ein wild child?

Einleitung: Bindungs- und Bedürfnisorientierung: Was ist das eigentlich und warum ist das eine gute Idee?


Erster Teil – Bindung verstehen oder: Was Kinder für eine gute Entwicklung brauchen

1 Woher kommt der Wunsch nach Bindung?
2 Wie entsteht Bindung?
3 Wie wird man eine zentrale Bindungsperson?
4 Was hat Autonomie mit Bindung zu tun?
5 Was sind Bindungsstile und was bedeuten sie für die Entwicklung des Kindes?
6 Aber vergessen die Kinder nicht alles, was man für sie in den ersten Jahren tut – und damit auch die Bindung?
7 Das Geheimnis der inneren Reifung oder: Warum jedes Kleinkind ein wild child ist


Zweiter Teil – Von der Theorie zur Praxis: Ein kleiner Werkzeugkasten für Eltern

8 Laufen lernen als Eltern – warum „gut genug“ reicht und Sie Perfektionismus über Bord werfen sollten
9 Ihre eigene Bindungsgeschichte – eine aufschlussreiche Gedankenreise
10 Gut zu wissen! Zwölf Alltags-Basics, damit Sie nicht lange nachdenken müssen
11 Was die Eltern-Kind-Beziehung sonst noch stärkt


Dritter Teil – Konkrete Alltagssituationen bindungsgerecht gestalten und Konflikte lösen

Zu Hause ist was los – denn hier darf das wild child wirklich wild sein
12 Will das aber! Kann selps! Lass mich! Oder: Der Streit beim Anziehen und wie man ihn vermeidet
13 Zähne putzen, Hände waschen oder: Die Sache mit der Körperpflege
14 Meine Windel, mein Kacka, mein Po: Warum das Wickeln plötzlich schwierig wird –
und wie man dabei Machtkämpfe vermeidet
15 Mein Kind will nicht aufs Töpfchen – über den Umgang mit Pipi & Kacka
16 Und täglich ruft das Chaos oder: Der ewige Konflikt ums Aufräumen
17 Lass das! O nein, nicht da dran! Wenn kindliche Neugier Eltern zur Verzweiflung treibt
18 Beim Familienessen geht’s immer drunter und drüber! Gibt es Hilfe?
19 Gute Nacht, mein Kind! Was Sie wissen sollten, wenn Ihr Kind nicht gut ein- oder durchschläft
20 Zurück aus dem Land der Träume: Wenn das Aufwachen schwierig ist
Zum ersten Mal ohne Mama, ohne Papa: Ihr wild child zieht in die Welt
21 Mein Kind kommt in die Betreuung: So klappt die bindungsorientierte Eingewöhnung
22 Mittagsschlaf in der Kita – wie klappt das am besten?
23 Bleib hier, Mama! Bleib hier, Papa! Mein Kind will mich nach den Ferien oder einer Krankheit plötzlich morgens nicht mehr gehen lassen
24 Babysitter-Boogie oder Babysitter-Blues? So gewöhnen sich Kinder an neue Betreuer
25 Wie kommen wir aus dem Haus? Das tägliche Trödel-Drama
26 Schlechte Laune, große Freude – wie das Abholen von der Kita mit weniger Knatsch abläuft
27 Na, wie war es heute? Weiß nicht. Oder: Mein Kind erzählt nichts aus der Kita
Expeditionen im Alltag: Unterwegs mit dem wild child
28 Stop in the name of love – wie Sie bindungsorientiert für Sicherheit im Straßenverkehr eintreten
29 Mein Kind „fremdelt“ (nicht) – ist das gut oder schlecht?
30 Mein Kind spielt nicht mit anderen – aber es braucht doch Spielkameraden, oder?
31 Und Tschüss? Mein Kind will nie nach Hause!
32 Ich kann nicht mehr laufen! Wenn Kleinkinder getragen werden wollen
Wild, wilder, wild child oder: Immer ist was!
33 Alarmstimmung und „Wutausbruch“: Wenn die Gefühle stürmen
34 Mein Kind ist eine „Drama Queen“: Wenn Kinder „übertreiben“, „überängstlich“
oder „wehleidig“ sind
35 Hilf mir! Wenn Kinder Hilfe wollen bei Dingen, die sie eigentlich schon selbst beherrschen
36 Mamaaa! Papaaa! Guck mal! Wenn Kinder Aufmerksamkeit für Alltägliches fordern
37 Wenn Kinder nicht abgeben wollen – über die Last des Teilens
38 Na gut, ausnahmsweise: Wenn Eltern nicht immer richtig konsequent sind
Die Familienbande des wild child
39 Oma und Opa, ihre große Angst vor dem Auf-der Nase-Rumtanzen – und wie man damit umgeht
40 Er sagt/Sie sagt: Wenn Eltern unterschiedlicher Meinung sind
Ausgesprochen schwierig? Wenn das wild child wilde Sachen sagt
41 Du alte Kacka-Pups-Wurst: Wenn Kinder mit Sprache experimentieren
42 Bitte, bitte, sag doch Danke? So legen Sie ganz einfach die Basis für gute Manieren
43 Doofe Mama! Ich mag dich nicht mehr, Papa! Wenn Kinder mit Worten verletzen
44 Mein Kind erzählt Dinge, die nicht stimmen – was tun?


Ein paar Worte zum Abschluss
Dank!
Verweise
Literaturverzeichnis
Register
Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden

Christiane Stella Bongertz - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Christiane Stella Bongertz - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Christiane Stella Bongertz nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen

Eliane Retz - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Eliane Retz - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Eliane Retz nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen