Bindungsorientierte Erziehung | Attachment Parenting
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Was ist bedürfnis- und bindungsorientierte Erziehung?

Entwicklung verstehen, Kleinkinder gelassen erziehen, Konflikte liebevoll lösen

Was Kinder für eine gute Entwicklung brauchen
Kleine Kinder sind wild. Sie scheren sich nicht um Konventionen oder darum, was „man“ so macht. Sie toben gern durch die Wohnung, testen fasziniert immer wieder die Funktion eines Lichtschalters oder – auch das kommt vor – werfen sich im Supermarkt auf den Boden. Dahinter stecken keine böse Absicht oder Kalkül, sie folgen nur dem Programm, das die Natur ihnen seit Millionen von Jahren mitgegeben hat, damit sie sich zu selbstständigen und starken Menschen entwickeln.

Der richtige Umgang mit der „Trotzphase“
Dieses Streben nach Autonomie setzt ein, während das Kind gleichzeitig noch viel lernen muss – und das führt natürlich immer wieder zu Konflikten. Wenn es sich dagegen wehrt, dass Papa den Reißverschluss hochzieht, obwohl es allein noch nicht so gut klappt, oder dagegen, die Kiwi zu essen, obwohl die doch so gesund ist.
Weniger Perfektionismus und mehr Gelassenheit

Eliane Retz und Christiane Stella Bongertz führen uns fundiert und mit zahlreichen Fallbeispielen ans Attachment Parenting heran. Dabei liefern sie keine Patentrezepte, denn die gibt es im Alltag mit Kindern nicht. Aber sie geben Impulse, wie typische Situationen, in denen unterschiedliche Eltern- und Kinderbedürfnisse aufeinanderprallen, anders betrachtet und gelöst werden können.

Blick ins Buch
Wild ChildWild Child

Entwicklung verstehen, Kleinkinder gelassen erziehen, Konflikte liebevoll lösen

Zähneputzen, Aufräumen, Anziehen – wie Eltern Konflikte bindungsschonend und liebevoll lösen Erziehungskompetent bleiben, weniger schimpfen, Nerven behalten Für Eltern mit Kleinkindern zwischen 1 und 5 Jahren Mit leicht verständlichem Grundlagenteil über Bedürfnisorientierung und Bindungsforschung Viele praktische Tipps für typische Konfliktsituationen im Alltag Eltern, die bindungsorientiert mit ihrem Baby leben, wissen: Es nützt der Bindung, wenn sie prompt auf die Bedürfnisse des Kindes reagieren. Doch wenn das Baby zum Kleinkind wird, konfrontiert es die Eltern zunehmend mit seinen Autonomie- und Abgrenzungswünschen und raubt ihnen oft den letzten Nerv. Wie kann man dann Konflikte liebevoll lösen und gelassen erziehen? Dieses Buch zeigt Eltern von Kleinkindern anhand konkreter Alltagssituationen, wie man mit Wutausbrüchen umgeht, weniger schimpft, trotzdem Grenzen setzt und die Autonomie sowie die Bindung stärkt.»Ein hervorragend aufgebautes und nützliches Buch, das ich selbst als Nachschlagewerk nutze!« Stefanie Stahl, Psychotherapeutin und Bestseller-Autorin (Das Kind in dir muss Heimat finden)Wild Child ist ein spannender Ratgeber der in jedem Bücherregal seinen Platz finden sollte. Die Autorinnen schaffen es in verständlicher Sprache, fachlich fundiertes Wissen zu vermitteln und Eltern verschiedene Werkzeuge anhand von Alltagssituationen an die Hand zu geben, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu tadeln. Besonders toll an Wild Child: Die Kapitel sind mit einer ungefähren Lesedauer gekennzeichnet, sodass man schnell einschätzen kann, für welches Kapitel man gerade Zeit hat – denn als Eltern eines Kleinkindes ist die Zeit zum Lesen häufig eher knapp. - Berlin mit Kind

Ein paar Worte vorab oder: Was ist ein wild child?

Lesezeit: 7 Minuten


Wenn man wild child bei Wikipedia eingibt, findet man unter anderem eine Teenager-Komödie, mehrere Bands und einen Zuchthengst dieses Namens. Außerdem einen Film des berühmten französischen Regisseurs François Truffaut. Darin geht es um ein Kind, das die ersten Jahre seines Lebens keinen Kontakt mit anderen Menschen hat und damit völlig unberührt von dem ist, was wir – auf die ein oder andere Weise – unter Erziehung verstehen. #wildchild ist außerdem ein Hashtag, das Fotografen und auch Eltern im Internet für Bilder verwenden, die Kinder und Teenager wild, unangepasst, rebellisch und voller Lebensfreude zeigen.
Wir finden wiederum, dass wild child eine wunderbare Bezeichnung für kleine Kinder ist. Denn auch die sind wild und scheren sich nicht um Konventionen oder darum, was „man“ so macht. Dabei toben sie gern durch die Wohnung, die zu einem Abenteuerspielplatz wird. Testen fasziniert immer wieder die Funktion eines Lichtschalters. Probieren, wie ein Gänseblümchen schmeckt. Oder – das gehört ebenfalls dazu – werfen sich im Supermarkt auf den Boden.
Weil kleine Kinder bereits nach Autonomie – nach Selbstbestimmung – streben, während sie gleichzeitig noch vieles lernen müssen, kommt es oft zu Konflikten: Die Kinder wollen etwas, können oder dürfen diesen Impuls aber nicht einfach so ausleben, wie sie sich das vorstellen. Meist wird darum von „Trotzphase“ oder „Trotzalter“ gesprochen, denn die Kinder reagieren häufig sehr heftig – und nicht nur die, sondern auch ihre Eltern.
Da kann es einem schon mal so vorkommen, als wollten sie einfach nur dagegen sein. Dagegen, dass Papa den Reißverschluss hochzieht, obwohl es allein noch nicht so gut klappt. Dagegen, im Kindersitz zu sitzen, obwohl das doch der Sicherheit dient. Dagegen, die Kiwi zu essen, obwohl die so gesund ist. Dagegen, die Badeschlappen wieder auszuziehen, obwohl vor der Tür Schnee liegt. Der Begriff Trotz unterstellt den Kindern jedoch eine Absicht, die sie nicht haben. Kleine Kinder sind spontan und ohne Kalkül. Sie folgen nur dem Programm, das die Natur ihnen seit Millionen von Jahren mitgegeben hat, damit sie sich zu einem selbstständigen und starken, überlebensfähigen Menschen entwickeln. Auch darum gefällt uns der Begriff wild child so gut, denn er wertet nicht.
Dabei sollte kein wild child allein gelassen werden wie der Junge in Truffauts Film. Es ist zunächst vor allem die Aufgabe der Eltern – also unsere –, dazu beizutragen, dass jedem wild child sein Vorhaben glückt, selbstständig und stark zu werden. Dass es nicht nur unversehrt aufwächst und sich in der Welt behaupten kann, sondern auch seinen Mitmenschen voller Empathie begegnet und ein Leben lang in der Lage ist, liebevolle, wertschätzende Bindungen einzugehen. Dass es lernt, wie es selbst dauerhaft für seine eigene körperliche und psychische Gesundheit sorgen kann. Das ist Erziehung im positiven Sinne, wie wir sie verstehen.
Die in unseren Augen beste Grundlage dafür bildet die bindungsorientierte Erziehung, denn es sind Bindungen zu anderen Menschen, an denen das Kind lernt und wächst. Zunächst zu den Eltern und Geschwistern, später auch zu Großeltern, Babysittern, Pädagogen und Betreuungspersonen in Kita und Schule, zu engen Freunden und viel später zu einem eigenen Partner. Das Leben besteht aus Bindungen, weil wir soziale Wesen sind.
Bindungsorientierte Erziehung wird oft auch bedürfnisorientierte Erziehung genannt. Bei Bindungen geht es immer um Bedürfnisse. Die des Kindes, aber auch die der Eltern und anderer Menschen in der Umgebung des wild child. Diese Bedürfnisse müssen aufeinander abgestimmt und ausgehandelt werden, sodass jeder den Raum bekommt, den er oder sie benötigt. Um zu wachsen, sich zu entfalten oder auch zu erholen von den vielen Anforderungen, die der Alltag an uns alle, Kinder wie Erwachsene, stellt.
Dass all das gelingt, dabei möchten wir Ihnen mit diesem Buch helfen.


So nutzen Sie dieses Buch

Eltern haben wenig Zeit. Auch wenig Zeit zum Lesen. Und sie sind oft müde – zu müde, um sich in wissenschaftliche Bücher über Bindung und kindliche Entwicklung zu vertiefen. Wenn der Akku leer ist, hilft es nichts, dass sie sich für diese Themen interessieren und eigentlich gern Orientierung verschaffen würden. Doch wissenschaftliche Bücher über Bindung sind häufig dicke Wälzer. Hinzu kommt: Oft sind die Informationen darüber, was eine gute, sichere Bindung ausmacht, sehr abstrakt formuliert. Da liest man etwa: Eltern sollen prompt und angemessen auf die Signale des Säuglings reagieren. Aber was ist „prompt“ und was „angemessen“? Später sollen sie dem Kleinkind genügend Autonomie zugestehen. Aber was bedeutet „genügend“ konkret? Sie sollen warm, zugewandt und liebevoll erziehen, aber auch klare Anforderungen an das schon größere Kind herantragen und durchaus für Grenzen einstehen. Aber wie macht man das? Wie viele Grenzen verträgt ein Kind in welchem Alter? Und überhaupt, was bedeutet all dies im Alltag mit Kindern? Wenn das Kleinkind tobt und sich weigert, sich die Haare waschen zu lassen? Wenn es so mit der Entwicklung seiner Autonomie beschäftigt ist, dass elterliche Bedürfnisse nach Hygiene, Ruhe und Ordnung keine Rolle mehr zu spielen scheinen?
Hier möchte dieses Buch helfen. Es soll Ihnen als Informationsquelle und Nachschlagewerk dienen, aber auch als ganz konkreter Retter in der Not, wenn mal wieder nichts so läuft, wie man sich das so schön ausgemalt hat, damals, als das erste Kind noch in Mamas Bauch heranwuchs.
Darum haben wir es übersichtlich aufgeteilt:

  • In der Einleitung bekommen Sie einen schnellen Überblick, worum es in der bindungs- und bedürfnisorientierten Erziehung geht und warum sie langfristig eine gute Idee ist.
  • In Teil I erklären wir Ihnen leicht verständlich und wissenschaftlich fundiert die Grundlagen der Bindungsforschung, auf denen eine bindungsorientierte Erziehung basiert. Auch wenn dieses Buch sich vorwiegend das Leben mit Kindern nach der Babyzeit zum Thema gemacht hat, klammern wir hier das erste Jahr nicht aus, denn alle Eltern haben das erste Jahr ihres Kindes begleitet. Von dort kommen sie. Viele Fragen deuten sich bereits an, wenn der erste Geburtstag naht. Eine ganz zentrale dabei ist: Wann muss, wann darf, wann kann ich mit dem Erziehen und Grenzensetzen anfangen, ohne das Kind oder mich zu über- oder unterfordern?
  • In Teil II geben wir Ihnen praktisches Wissen und Werkzeuge mit auf den Weg – wie die zwölf Alltags-Basics, mit deren Hilfe Sie leichter durchs Leben navigieren, ohne dabei Ihr Ziel, nämlich Ihr Kind oder Ihre Kinder gut zu erziehen, aus dem Auge zu verlieren.
  • Teil III schließlich widmet sich ganz konkreten Situationen aus dem oft herausfordernden Alltag mit Kindern im Alter von eins bis fünf (aber auch wenn die Kinder jünger oder älter sind, werden Sie Nutzen und Erkenntnisse daraus ziehen können, und vieles kann sogar Begegnungen mit anderen Erwachsenen sehr erleichtern – denn die Psychologie dahinter ist oft die gleiche). Hier erhalten Sie wirkungsvolle Tipps, wie das Leben mit kleinen Kindern wieder einfacher wird. Wir geben Ihnen Orientierung, immer angepasst an den Entwicklungs- und Verständnishorizont Ihres Kindes oder Ihrer Kinder.
  • Im Anhang gibt es außerdem ein Schlagwort-Register, mit dessen Hilfe Sie schnell die Seiten finden, auf denen steht, was Sie suchen. Vom Abholen aus der Kita übers Heimgehen vom Spielplatz bis zum Zähneputzen. Wann immer Sie schnellen konkreten Rat brauchen, ist es empfehlenswert, erst einmal hier nachzuschlagen.

Außerdem haben wir natürlich die von uns herangezogene Literatur im Literaturverzeichnis dokumentiert.


Warum sollten Sie sich ausgerechnet von uns etwas erzählen lassen?

Vorab: Sie sollen gar nichts. Wir möchten Sie nicht belehren. Wir möchten Ihnen unser Wissen und unsere Erkenntnisse zur Verfügung stellen. Denn Kinder sind unsere Zukunft, sie sind unendlich wichtig und wertvoll. Wir haben uns eingehend mit den Themen Bindung und Bedürfnisorientierung befasst – wissenschaftlich und praktisch. Wir, das sind:
Dr. Eliane Retz. Ich bin Pädagogin, systemische Beraterin und Mutter von zwei Kindern. Studiert und promoviert habe ich an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In meiner wissenschaftlichen Arbeit hat mich interessiert, wie uns frühe Bindungserfahrungen prägen und was Eltern dabei unterstützt, ihren Weg als Familie zu finden. Die Praxis, der Alltag mit einem kleinen Kind, hat dennoch viele Fragen entstehen lassen, denn Mutter oder Vater zu werden ist ein großer Wendepunkt im eigenen Leben. Diese Fragen habe ich mir und anderen im Lauf der Zeit beantwortet und viele Konflikte gelöst. Dabei habe ich im Alltag erfahren, was ich in der Theorie schon kannte: Das kindliche Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit ist in den ersten Lebensjahren so groß, damit sich eine sichere Bindung entwickeln kann. Für eine gesunde Autonomieentwicklung ist es aber genauso wichtig, das „Selber-tun-wollen“ des Kindes und dessen Wunsch nach Selbstständigkeit zu respektieren und zu fördern.
Warum Kinder so sind, wie sie sind, steht im Mittelpunkt meiner Elternberatung. Schon seit vielen Jahren berate ich Eltern mit ihren Säuglingen und Kleinkindern nach dem familiensystemischen Ansatz. Dabei beziehe ich mich auf aktuelle Erkenntnisse der Bindungs- und Entwicklungsforschung. Auf Instagram schreibe ich ebenfalls über diese Themen (@Dr.Retzel).
Christiane Stella Bongertz. Ich bin Kommunikationswissenschaftlerin, Journalistin und langjährige Autorin der Familienmagazine Eltern und Eltern Family. Für meine Arbeit bin ich es gewohnt, komplexe wissenschaftliche Sachverhalte ebenso verständlich wie unterhaltsam zu präsentieren. Unter anderem betreue ich eine Expertenrubrik, in der ich im engen Austausch mit Wissenschaftlern und anderen Experten stehe. Dabei gewinne ich fundierten und oft frühzeitigen Einblick in aktuelle Themen und Entwicklungen der Forschung – auch in Sachen Erziehung und Bindung.
Mein wissenschaftliches Interesse wiederum liegt auf Wirklichkeitskonstruktion. Dabei geht es darum, wie wir auf Basis unserer – oft unbewussten – Glaubenssätze in Interaktion miteinander unsere gemeinsame Alltagswirklichkeit hervorbringen. Und wenn es um die Alltagswirklichkeit von Familien geht: Wie können wir das Wissen um diese Prozesse nutzen, um bewusst eine langfristig entspannte, liebevolle und förderliche Realität für unsere Kinder und uns selbst als Eltern zu schaffen?
Nicht zu vergessen: Ich bin selbst Mutter und außerdem „Bonusmama“ – diesen charmanten Namen haben Stiefmütter in meiner Wahlheimat Schweden –, mein Einblick ins Thema ist also nicht rein theoretisch.


Einleitung: Bindungs- und Bedürfnisorientierung: Was ist das eigentlich und warum ist das eine gute Idee?

Lesezeit: 14 Minuten


„Bindungsorientierte Erziehung? Ja, hab ich schon mal gehört. Das ist doch, wenn man die Kinder stillt, bis sie schon ganz groß sind!“
Oder:
„Klar weiß ich, was ›bedürfnisorientiert‹ bedeutet! Das ist, wenn die Kinder keine Grenzen gesetzt bekommen und alles dürfen. So zieht man Tyrannen auf!“
So oder ähnlich lauten manche Vorurteile, wenn man von bindungs- oder bedürfnisorientierter Erziehung spricht. Auch wenn Stillen zweifellos eine großartige Möglichkeit für die Mutter ist, eine starke Bindung zu ihrem Baby aufzubauen, ist es keinesfalls eine Bedingung dafür. Es gibt noch unendlich viel mehr, was Mütter und Väter tun können, damit Bindungssicherheit wächst und sich langfristig etabliert.
Ein bindungs- und bedürfnisorientierter Erziehungsstil ist auch nicht dasselbe wie die antiautoritäre Bewegung, der weniger erziehungswissenschaftliche als vielmehr politisch motivierte Theorien zugrunde liegen, oder eine permissive Erziehung, bei der dem Kind fast alles erlaubt ist. Er hat auch nichts zu tun mit der noch recht jungen Unerzogen-Bewegung. Wer bindungs- und bedürfnisorientiert erzieht, schreckt logischerweise nicht von vornherein vor dem Begriff „Erziehung“ zurück – den lehnen die Unerzogen-Anhänger aber rundheraus ab. Und nein, Bedürfnisorientierung ist auch nicht damit verknüpft, wie man sich ernährt, welche Standpunkte man bei Gesundheitsthemen vertritt oder gar damit, bei welcher Partei man am Wahltag sein Kreuzchen setzt.
All dies deutet schon an, dass es hier ein großes Spannungsfeld gibt. Die einen sagen: „Ihr tut zu wenig! Ihr starrt nur noch gebannt auf eure Handys, anstatt euch mit euren Kindern zu beschäftigen!“ Aber man hört auch: „Ihr tut zu viel! Ihr verwöhnt eure Kinder mit dieser bedingungslosen Liebe. Diese Generation wird niemals selbstständig werden.“ Da geht es dann um Rabeneltern versus Glucken – oder es werden die moderneren Beschimpfungen verwendet: die (angeblich) überbehütenden Helikopter- oder Rasenmähereltern auf der einen Seite und die (angeblich) nie auftauchenden U-Boot-Eltern auf der anderen.
Irgendwie ist es nie richtig, was Eltern tun.
Wie der Blick in die historische Pädagogik zeigt, müssen sich Eltern bereits seit Jahrhunderten kritisieren lassen. Es gab schon immer zwei Pole: Die einen glaubten, dass Kinder alles mitbringen und wir Erwachsene diesen Prozess am besten liebevoll begleiten, das kleine Pflänzchen hegen und pflegen. Dem gegenüber standen die Vertreter der strafenden Pädagogik: Die kleine Pflanze wird streng überwacht, um Wildwuchs zu verhindern. Auch Gewalt war lange legitim, man durfte die Pflanze in die „richtige Richtung ziehen“.
Darum wird bis heute nach neuen Begrifflichkeiten gesucht, denn wer schon einmal versucht hat, Erziehung zu definieren, der merkt schnell, dass dies ein schwieriges Vorhaben ist. Es impliziert eben dieses „Ziehen“, die „Korrektur“. Viele Eltern sprechen lieber von „begleiten“, von „Beziehung statt Erziehung“. Allerdings fällt dabei ein wenig hintenüber, dass Eltern durchaus eine, wie es im Berufsjargon heißen würde, „leitende Funktion“ haben. Ihre Aufgabe ist es, dem Kind zu zeigen, wo der Weg in eine selbstbestimmte Zukunft entlangführt und wie man ihn geht.
Kinder benötigen Erziehung, davon sind wir überzeugt. Aber nicht, damit sich Eltern ihr Kind zurechtziehen oder -stutzen können wie eine Zierpflanze in einem barocken Garten, die man in eine bestimmte Form pressen möchte. Vielmehr ist gute, förderliche Erziehung wie ein Klettergerüst, das das junge Pflänzchen stützt und schützt und an das es sich anlehnen kann, solange es noch zart und klein ist – damit es ungestört zu einem Baum werden kann, der stark genug ist für die Anforderungen des Lebens.


„Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts“

Das hat der Pädagoge Friedrich Fröbel gesagt, der visionäre Erfinder des Kindergartens und wiederum ein Schüler des Schweizer Pädagogen Heinrich Pestalozzi.
Wir möchten uns dieser „Erziehungsformel“ anschließen.
Die Grundlage des Lernens am Beispiel ist eine vertrauensvolle, stabile Bindung. Ein Kind wird nämlich vor allem dem Exempel desjenigen Menschen folgen, dem es vertraut und dem es sich verbunden fühlt. Und diese Bindung entsteht aus der elterlichen Liebe, die das Kind erfahren darf. Das geschieht von Geburt an, wenn seine angeborenen Bedürfnisse gestillt werden: nach Nahrung, Geborgenheit, Schutz und Nähe. Im Lauf der Zeit lernt das Kind dann auch am Beispiel, wie liebevolle, gute Beziehungen funktionieren: Wenn nämlich nicht nur seine eigenen Bedürfnisse, sondern ebenso die Bedürfnisse der anderen eine Rolle spielen dürfen. Damit es diesen Lernprozess bereitwillig durchlebt, ist eine gute Bindung die Voraussetzung und sichere Basis.
Bindungsorientierung und Bedürfnisorientierung sind aus diesen Gründen zwei Seiten derselben Medaille. Je nachdem, welches Wort man benutzt, schaut man nur auf etwas andere Aspekte derselben Sache.

Wichtig:Wir werden in diesem Buch mal den einen, mal den anderen Begriff benutzen, je nachdem, auf welchen Aspekt wir gerade unseren Blick richten. Dennoch verstehen wir Bindungsorientierung und Bedürfnisorientierung als weitgehend synonym.

Bedürfnis- und bindungsorientierte Elternschaft bedeutet, dem Kind vorzuleben: Egal, was ist, egal, welches negative Gefühl dich gerade bewegt, ob du wütend, traurig, genervt, verzweifelt bist und auch, wenn du gerade deinen Bäuchleintee über meinem Computer ausgekippt hast, wir lösen das. Zusammen. Du bist nicht allein. Ich liebe dich ganz genau so, wie du bist. In meinen Augen bleibst und bist du immer liebenswert, auch dann, wenn du dich wenig liebenswert verhältst. Auch dann, wenn du wütend, traurig oder verzweifelt bist. Auch dann, wenn du dich kränkend mir gegenüber verhältst und sagst: „Du bist eine blöde Mama/ein blöder Papa.“ Auch wenn ich nicht immer deiner Meinung bin, kannst du auf mich zählen. Aber auch ich habe Emotionen und Bedürfnisse, die zählen und für die ich einstehen darf.
Durch solch eine liebevolle Haltung fühlt sich das Kind nicht nur gebunden und geborgen. Es lernt am Vorbild, wie man sich selbst und andere liebt, ernst nimmt und dabei gelassen die Herausforderungen des Lebens meistert. Wie man Konflikte aushandelt und bewältigt. Weil dies mit ihm zusammengelebt wird. Daraus erwächst Resilienz, die Fähigkeit, sich wieder aufzurappeln, egal, was kommt. Daraus erwachsen Selbstvertrauen und Stärke. So bildet sich Stressresistenz. Seelische Widerstandskraft. Die wirkt auch auf den Körper zurück. Man weiß heute, dass einem Übermaß an negativem Stress und dem dadurch aus dem Gleichgewicht gebrachten Hormonsystem eine Rolle bei der Entstehung vieler Krankheiten zukommt.
Bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet auch, sich mit dem Kind zu freuen, zusammen Spaß zu haben. Sie bedeutet, einfach das Leben in all seinen Facetten zu teilen und dabei gemeinsam ein festes Band zueinander zu knüpfen, das auch dann nicht reißt, wenn es mal hoch hergeht.

Die Grundlagen für bindungsorientierte Erziehung
Erziehen und Grenzensetzen, ohne das Kind oder mich zu über- oder unterfordern: Wie reagiert man angemessen auf die Bedürfnisse von Kindern? Wieviel Autonomie braucht ein Kleinkind?

Praktische Tipps für den Alltag mit Kindern
Leichter durchs Leben navigieren, ohne dabei Ihr Ziel, nämlich Ihr Kind oder Ihre Kinder gut zu erziehen, aus dem Auge zu verlieren.

Hilfestellungen bei konfliktreichen Situationen
Wirkungsvolle Tipps, wie das Leben mit kleinen Kindern wieder einfacher wird, angepasst an den Entwicklungs- und Verständnishorizont Ihres Kindes oder Ihrer Kinder.

„Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts“ Friedrich Fröbel

Bedürfnis- und bindungsorientierte Elternschaft bedeutet, dem Kind vorzuleben: Egal, was ist, egal, welches negative Gefühl dich gerade bewegt, ob du wütend, traurig, genervt, verzweifelt bist und auch, wenn du gerade deinen Bäuchleintee über meinem Computer ausgekippt hast, wir lösen das. Zusammen. Du bist nicht allein. Ich liebe dich ganz genau so, wie du bist. In meinen Augen bleibst und bist du immer liebenswert, auch dann, wenn du dich wenig liebenswert verhältst.

Auch dann, wenn du wütend, traurig oder verzweifelt bist. Auch dann, wenn du dich kränkend mir gegenüber verhältst und sagst: „Du bist eine blöde Mama/ein blöder Papa.“ Auch wenn ich nicht immer deiner Meinung bin, kannst du auf mich zählen. Aber auch ich habe Emotionen und Bedürfnisse, die zählen und für die ich einstehen darf. Durch solch eine liebevolle Haltung fühlt sich das Kind nicht nur gebunden und geborgen.

Es lernt am Vorbild, wie man sich selbst und andere liebt, ernst nimmt und dabei gelassen die Herausforderungen des Lebens meistert. Wie man Konflikte aushandelt und bewältigt. Weil dies mit ihm zusammengelebt wird. Daraus erwächst Resilienz, die Fähigkeit, sich wieder aufzurappeln, egal, was kommt. Daraus erwachsen Selbstvertrauen und Stärke. So bildet sich Stressresistenz.

„Um sich gut zu entwickeln braucht ein Kind Bindung und Autonomie"

Ein Interview mit den Autorinnen Eliane Retz und Christiane Stella Bongertz

Warum heißt Ihr Buch „Wild Child"?

Das Hashtag #wildchild wird oft für Bilder verwendet, die Kinder unangepasst und voller Lebensfreude zeigen. Wir finden, dass der Begriff toll auf kleine Kinder passt, denn die sind von Natur aus wild und wollen die Welt kennenlernen. Das ist das Programm, das ihnen die Evolution mitgegeben hat und das sich oft erstmals mit voller Wucht in der Autonomiephase ab etwa anderthalb Jahren zeigt: Dann will so ein wild child unheimlich viel, kann aber noch relativ wenig. Das führt ziemlich regelmäßig zu Frust und Konflikten. Statt dass wir jetzt den Kindern nun „Trotz“ und damit Kalkül unterstellen – das sie schon aufgrund ihrer Gehirnentwicklung gar nicht haben können – brauchen die Kinder nun noch mehr als vorher die Unterstützung und das liebevolle Vorbild von uns Eltern. Ein Gespür dafür zu entwickeln, in Alltagssituationen angemessen liebevoll zu reagieren, ohne sich einerseits aufzureiben oder andererseits seine Erziehungsaufgabe zu vergessen, dabei möchten wir helfen.

Was ist bindungsorientierte Erziehung?

Diese Form der Erziehung rückt Bindung und Autonomie in den Mittelpunkt. Denn ein Kind braucht beides, um sich gut zu entwickeln, auch wenn das wie ein Widerspruch klingen mag. Dafür, dass es sich traut, die Welt zu entdecken, ist eine möglichst sichere Bindungsbeziehung zu den Eltern das Fundament. Ist das gegeben, sind die Kinder große Welterforscher, sie spielen vertieft und knüpfen gute Beziehungen zu ihren Peers. Dabei gewinnen sie immer mehr an Unabhängigkeit, ohne davon überfordert zu werden. Denn ein sicher gebundenes Kind weiß, dass es jederzeit Unterstützung von seiner sicheren Basis, den Eltern, bekommen kann, wenn es mit einer Aufgabe oder einem Gefühl nicht zurechtkommt. Bindungsorientierte Erziehung grenzen wir dabei ganz klar von antiautoritären Konzepten ab. Bindungsorientiert heißt nicht „grenzenlos“. Aber es bedeutet, dass man Erziehung nicht als einen Machtkampf betrachtet, sondern jeden Tag erneut dazu bereit ist, seinem Kind zuzuhören und gemeinsam mit ihm nach Lösungen zu suchen, wenn es Konflikte gibt – angepasst an den kognitiv-emotionalen Entwicklungsstand.

Wie kommt man als Eltern gut durch die sogenannte „Trotzphase“?

Die Erkenntnis, dass Kleinkinder extrem abhängig von ihren Eltern sind und gerade deshalb so intensiv nach Unabhängigkeit streben müssen, um eben nicht ein Leben lang abhängig zu bleiben, hilft Eltern oft sehr. Kinder sind nicht gegen ihre Eltern, wenn sie Autonomie zeigen, sie „trotzen“ nicht, sondern versuchen vielmehr, die eigene Entwicklung aktiv zu gestalten. Dabei sollte man sich von der Vorstellung lösen, dass man im Alltag mit Kindern nur bestimmte Tricks anwenden muss, damit das Zusammenleben gut klappt. Stattdessen geht es um das elterliche Mindset. Wird der Alltag zur Herausforderung, weil das Kleinkind eben alterstypisch wild ist, ist es gut, wenn Eltern die wissenschaftlichen Fakten kennen, warum es sich so verhält. Dann bekommt diese stürmische Phase eine große Sinnhaftigkeit, Mama und Papa können das Kind annehmend begleiten und Konflikte einfühlsam lösen. 

Wer sollte Ihr Buch lesen?

Erst mal soll niemand irgendetwas – aber wir würden uns sehr freuen, wenn wir mit unserem Wissen und auch unserer Erfahrung Eltern von Kleinkindern in ihrem oft stressigen Alltag entlasten könnten. Damit sie sich darauf konzentrieren können, ihre Kinder liebevoll durch diese aufregende Phase des Größerwerdens begleiten und, ja, auch leiten zu können. Und wir würden uns wünschen, dass auch Großeltern, Babysitter oder jede und jeder andere, die oder der mit kleinen Kindern zu tun hat, mal einen interessierten Blick hineinwerfen würden – um besser zu verstehen, was mit den „kleinen Wilden“ eigentlich wirklich los ist.

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