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Turm des OrdensTurm des Ordens

Turm des Ordens

Die Beschwörer 2

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Turm des Ordens — Inhalt

Nachdem die Geisterbeschwörer Ray, Grizzly und Sayunaro nur knapp einem Hinterhalt entkommen sind, wurden ihre Wege getrennt. In der entlegenen Provinz Agosima kämpft Sayunaro unter Anleitung seines alten Meisters Hyeon gegen den Geist, der sich in seinem Körper eingenistet hat. Währenddessen ziehen Grizzly und Ray, der einen verhängnisvollen Handel mit einem Dämon eingehen musste, wieder durch das Land. Doch der Orden der Beschwörer ist gespalten und der Status des Turms, des traditionellen Stützpunkts des Ordens, ist hart umkämpft. Als ein uraltes Artefakt auftaucht, weckt es Begehrlichkeiten bei allen Beschwörern. Schnell wird klar: Es könnte die Zukunft des Ordens für immer verändern.

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erscheint am 01.10.2019
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
496 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70425-0
€ 15,99 [D], € 15,99 [A]
Erscheint am 01.10.2019
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
496 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99496-5

Leseprobe zu „Turm des Ordens“

1  Es werden ihrer drei sein

Vor dem Tor des Palastes vom Statthalter der Provinz Yugora gab es nie viele Bittsteller. Alle wussten, dass Akeno Ishiro die Tradition seiner Vorfahren nicht pflegte und folglich weder regelmäßig Streitigkeiten unter einfachen Untertanen klärte noch Almosen an Bedürftige verteilte oder allein durch Handauflegen Sieche heilte.

Zu dieser frühen Stunde drückte sich hier erst recht kaum jemand herum. Die Sonne war erst vor Kurzem hinter den Dächern der Häuser hervorgekrochen. Wie üblich war sie den Himmel nicht langsam und [...]

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1  Es werden ihrer drei sein

Vor dem Tor des Palastes vom Statthalter der Provinz Yugora gab es nie viele Bittsteller. Alle wussten, dass Akeno Ishiro die Tradition seiner Vorfahren nicht pflegte und folglich weder regelmäßig Streitigkeiten unter einfachen Untertanen klärte noch Almosen an Bedürftige verteilte oder allein durch Handauflegen Sieche heilte.

Zu dieser frühen Stunde drückte sich hier erst recht kaum jemand herum. Die Sonne war erst vor Kurzem hinter den Dächern der Häuser hervorgekrochen. Wie üblich war sie den Himmel nicht langsam und gleichmäßig emporgeklettert, um die nächtliche Kühle durch morgendliche Wärme zu verdrängen, sondern hatte sich mit einem einzigen Satz ans Firmament katapultiert und schickte nun ihre sengenden Strahlen zur Erde hinunter. Am Abend würde sie dann ebenso rasch am Horizont versinken und dem Tag regelrecht das Licht ausblasen.

Das Anwesen der Ishiros lag mitten in der Stadt. Sämtliche Häuser der Umgebung schienen voller Furcht vor diesem Bau zurückzuweichen. Der Statthalter selbst wähnte sich offenbar völlig sicher: Der Graben, der das Gelände säumte, war nicht sehr breit, unmittelbar an der Steinmauer wuchsen Kiefern, sodass man mit ein wenig Kletterei jederzeit auf das Grundstück gelangen konnte. Doch noch nie hatte irgendwer den Wunsch danach verspürt.

Wie es hieß, hatte der erste Herr dieses Anwesens, Odoro Ishiro, befohlen, sämtliche Bäume in der Umgebung zu fällen, da die niederfallenden Blätter ihm, der ewig zu leben gedachte, den Tod in Erinnerung rufen würden. Deshalb hatten einst ausschließlich Steingärten mit versponnenen Umrissen und Hinokis, die heiligen Zypressen, den Schmuck des weitläufigen Geländes gebildet.

Die Nachfahren dieses legendären Gründers der Dynastie hatten in Sachen Unsterblichkeit jedoch einen deutlich geringeren Anspruch und legten wieder einen herrlichen Garten an.

Im grünen Wasser des Grabens trieben denn auch weder die Köpfe von Feinden, noch ragten darin Piken auf. Blutdürstige Geister waren ebenfalls nirgends zu entdecken, einzig gewöhnliche Karpfen zogen träge ihre Bahn.

Der Palast selbst lag auf einer Anhöhe, von der es hieß, sie sei von Hand aufgeschüttet worden, wobei die geknechteten Arbeiter, ausgezehrt von dieser Pein, allesamt den Tod gefunden hätten. Der heutige Kirschgarten war also über ihren Gebeinen angelegt worden. Da es in Yugora ansonsten keine Berge oder Hügel gab, war dieser beeindruckende Bau schon aus weiter Ferne auszumachen. Seine Form erinnerte an einen liegenden Drachen, die Dächer der einzelnen Flügel bildeten die roten Schuppen dazu.

Verschlungene Wege zogen sich zwischen wuchtigen Felsbrocken und grünen, hüfthohen Hecken dahin. Diese verliehen dem Garten nicht nur Schönheit, sondern hätten einen etwaigen Gegner auch gezwungen, die eigenen Reihen aufzulösen, sodass die Feinde von den in Wachtürmen positionierten Bogenschützen der Residenz einzeln abgeschossen worden wären.

Die kleine Menge, die in der brütenden Hitze vor dem Gittertor ausharrte, geriet allmählich in Unruhe. Zwei hagere, braun gebrannte Bauern blickten sich immer wieder um und traten von einem Bein aufs andere. Die Missernte hatte sie hergetrieben, beide wollten ein wenig Geld für den Ankauf neuen Saatguts erbitten.

Sie wurden von einem grimmig aussehenden Waffenschmied beäugt. Der Mann trug drei sorgsam in einen ölgetränkten Lappen gewickelte Schwerter bei sich, die er ohne Frage dem Statthalter verehren wollte. Insgeheim hoffte er wahrscheinlich, dass dieser, von der meisterlichen Arbeit überwältigt, umgehend neue Klingen in Auftrag geben oder ihn gar vom Fleck weg in seinen Dienst nehmen würde.

Ein hoch aufgeschossener Greis erteilte einem zehnjährigen Jungen halblaut kluge Ratschläge. Er gedachte anscheinend, seinen aufgeweckten Enkel beim Statthalter unterzubringen. Der Kleine wiederum litt unter der Hitze ebenso wie unter seinem neuen Gewand, in das man ihn eigens für diesen Besuch gesteckt hatte.

Bei der letzten Bittstellerin handelte es sich um eine dralle Milchfrau, die sich in einem fort den Schweiß von ihrem rotwangigen Gesicht wischte und einen Krug an ihren ausladenden Busen presste. Vermutlich träumte sie von Arbeit in der Küche des Herrn Akeno oder zumindest davon, ihm fortan Milch und Butter zu liefern. Ihr stand auf die Stirn geschrieben, dass sie furchtbar gern ein Schwätzchen gehalten hätte, sich jedoch nicht traute, das Wort als Erste zu ergreifen.

Das tat irgendwann einer der beiden Bauern.

„Was für eine Glut“, stöhnte er und fuhr sich mit der faltigen Hand über die von der Sonne dunkelbraun gefärbte Glatze. „Dabei haben wir noch nicht mal Mittag!“

„Im vorvorigen Jahr war es genauso“, bemerkte die Milchfrau, hochzufrieden angesichts des nun endlich gebrochenen Schweigens. „Da mussten die Beschwörer sogar einen Nabenisho-djoto herbeirufen, damit er die Ratten fängt, die uns damals geplagt haben.“

»Unsere Ernte haben die Herren mit ihren Geistern trotzdem nicht gerettet«, knurrte der andere Bauer, ein buckliger Kerl, der sich den breitkrempigen Hut tief in die Stirn geschoben hatte.

„Posaunt besser nicht in die ganze Stadt hinaus, was ihr von Beschwörern haltet“, warnte ihn der Waffenschmied.

„Angeblich ist der Sohn vom Statthalter ja auch einer“, warf der Greis ein und strich seinem Enkel die Falten der Jacke glatt. Der Blick des Jungen wanderte traurig in die Ferne.

„Wie man hört, ist er ja tot“, sagte die Milchfrau und klimperte mit den Wimpern. „Soll schon im Frühjahr gestorben sein.“

Nach diesen Worten breitete sich Stille aus. Die Menschen sahen sich scheu um. Offenbar befürchteten sie, jemand könnte die Bemerkung in den falschen Hals bekommen haben. Tatsächlich trat nun aus dem dichten Schatten einer alten Alatane ein Mann hervor, den zuvor niemand bemerkt hatte. Oder hatte er sich etwa dort versteckt?

Der junge Bursche in zerschlissener, staubiger Reisekleidung betrachtete die beiden Drachen, welche die Steinsäulen links und rechts vom Tor zierten und ihn mit ihren Blicken anzufunkeln schienen. Ein völlig unscheinbarer Gesell. Die Lanze mit dem hellen Holzschaft dürfte sich wohl auch kaum mit den Klingen des Waffenschmieds messen können. Sein ausgeblichenes weizenblondes Haar war im Nacken zu einem lockeren Zopf zusammengebunden, das braun gebrannte Gesicht mit den hohen Wangenknochen, den eingefallenen Wangen und dem kantigen Kinn wirkte ruhig und gelassen, ja, fast unbeteiligt. Nur in den hellen Augen lag ein durchdringender, harter und kalter Ausdruck, der nicht zu seinem Alter passte.

Schweigend musterten die Yugorer ihn, doch der Fremde schien wie gebannt vom Garten jenseits des Tores.

„Was ist das denn für einer?“, fragte der Waffenschmied leise.

„Wie der schon aussieht“, sagte die Milchfrau. „Als ob eine Meute Hunde über ihn hergefallen wäre und sich dann alle im Dreck der Straße gewälzt hätten.“ Sie schnaubte verächtlich und wedelte mit dem Saum ihres neuen Rocks, den sie eigens für den Besuch beim Statthalter erworben hatte.

„He, Bursche!“, rief der Waffenschmied nun. „Weshalb willst du zu Herrn Akeno?“

„Weil ich etwas mit ihm zu besprechen habe“, antwortete dieser, ohne sich umzudrehen.

„Das gilt für uns auch“, murmelte der ältere der beiden Bauern, entlockte dem Fremden damit jedoch auch keine weiteren Erklärungen.

Danach breitete sich wieder Schweigen aus, fast als wäre den Yugorern beim Anblick des Fremden der Wunsch nach einer kleinen Plauderei vergangen.

Diesen wiederum schienen die vergoldeten Gitterstäbe des Tores völlig in ihren Bann geschlagen zu haben.

Es gibt hier nicht einmal Wachtposten, hielt er für sich fest. Zuverlässiger als die zähnefletschenden Drachen dürfte allerdings ohnehin niemand den Eingang hüten können.

Auf dem Anwesen leuchteten in der grellen Sonne die roten Dächer verschiedener Pavillons, im Wasser eines Teiches schaukelten sanft rosafarbene Lotusblüten und verströmten ihren Duft. Über allem hing das friedliche Gesumm der Bienen, das beinahe etwas Einschläferndes hatte.

Im Garten hantierten vier Diener, die jedoch überhaupt nicht auf die Bittsteller achteten. Einer kappte die Zweige einer jungen Kiefer, damit der Baum in der gewünschten Form heranwuchs. Die drei anderen krochen, von breitkrempigen Strohhüten gegen die Sonne geschützt, über den Boden, um den Rasen auszudünnen. Wortlos verrichteten sie ihre Arbeit und hielten nicht eine Sekunde inne. Als diese vier dann aber nach einer weiteren Stunde ihr Tun überraschend einstellten und eine ehrfürchtige Haltung einnahmen, war allen klar, dass die Warterei ein Ende hatte.

Einige Bedienstete in rot-weißen Gewändern hielten mit einem flachen Holztisch auf das Tor zu, bauten einen zusammenklappbaren Stuhl auf und befestigten einen Sonnenschirm daran.

Die Yugorer reckten die Hälse. Da erschien endlich in Begleitung von zwei Lanzenträgern ein Mann in einem weiten grauen Gewand, das sich im Vergleich zu dem seiner Diener geradezu bescheiden ausnahm. Auf seinem schmalen, hageren Gesicht mit der langen, feinen Nase, den tief in den Höhlen versunkenen Augen und dem spitzen Kinn lag ein abgespannter Ausdruck. Ein Sonnenstrahl, der sich in einem der Teiche spiegelte, ließ das Schwarz des kurz geschnittenen, grau melierten Haares glänzen.

Der Mann raffte sein Gewand, setzte sich, richtete einen Stapel Papiere aus und bedachte die Wartenden jenseits des Gitters mit einem ausdruckslosen Blick.

„Ist das der Herr Statthalter?“, erkundigte sich die Milchfrau im Flüsterton.

„Der hat Besseres zu tun, als seine Zeit mit Leuten wie uns zu vergeuden“, belehrte sie der Greis, strich seinem Enkel über den Kopf und raunte: „Das ist sein Sekretär, der Herr Nagateru.“

Der Fremde mit der Lanze trat als Erster vor.

„Was willst du?“, erkundigte sich der Sekretär und sah ihn teilnahmslos an. „Fasse dich kurz und leg deine Bitte klar dar!“

„Ich möchte mit dem Statthalter sprechen“, erwiderte der junge Mann in höflichem, aber entschiedenem Ton.

„Ich werde es meinem Herrn mitteilen“, sagte der Sekretär und winkte den nächsten Bittsteller heran.

„Teilt dem Statthalter mit, dass ihn ein Beschwörer zu sprechen wünscht“, fuhr der junge Mann jedoch unbeirrt fort.

„Ein Beschwörer?“ Daraufhin nahm der Sekretär den jungen Mann in dem verstaubten Reisekostüm genauer in Augenschein. „Wo ist denn bitte dein Wappen?!“

„Fragt den Statthalter, was ihm wichtiger ist, ein Wappen oder der Beschwörer selbst!“

Der Sekretär verzog die Lippen zu einem Lächeln, sodass diese nur noch eine feine Linie bildeten, während die Stirn mit einem Mal von zwei tiefen Furchen unterteilt wurde.

„Ach ja, wer will nicht alles meinen Herrn sprechen“, brachte er dann heraus, legte eine theatralische Pause ein und lächelte noch verkniffener. „Aber ein Beschwörer? Das ist mir noch nicht untergekommen.“

„Richtet dem Statthalter bitte aus, dass ich Neuigkeiten von seinem Sohn habe!“

„Der Sohn des Herrn Akeno ist tot“, entgegnete der Sekretär kalt und verschränkte die Hände vor der Brust. „Deshalb glaube ich kaum, dass du Neuigkeiten von ihm bringst.“

Nun riss dem jungen Mann doch der Geduldsfaden.

„Unter dem Torbogen wachen zwei Geister, ein weiterer steckt im linken Flügel des einen Drachen“, zischte er und näherte sein Gesicht dem Gitter, das ihn von dem Herrn Sekretär trennte. „Wenn Ihr mein Anliegen nicht vortragt, werde ich alle drei verjagen.“

Nagateru schaute den Frechling einen ausgedehnten Moment lang kalt und befremdet an, dann befahl er einem der beiden Soldaten: „Übermittel Herrn Akeno, dass irgendein Vagabund behauptet, ein Beschwörer zu sein, und den Statthalter von Yugora zu sprechen verlangt.“

Der Soldat machte sich sofort auf den Weg, kehrte aber lange Zeit nicht zurück. Derweil beschäftigte sich der Sekretär ausschließlich mit seinen Schriftstücken. Das Rascheln des feinen Papyrus und das Kratzen des Griffels brachten die übrigen Bittsteller zunehmend gegen den jungen Mann auf.

Dieser schien die Missstimmung allerdings gar nicht zu bemerken, denn erneut hatte er nur Augen für den Garten. Gerade flog ein Reiher auf einen Teich zu, landete auf einem Stein und erstarrte zu einem weißen Standbild.

Endlich kehrte der Soldat zurück. Schnaufend und aufgebracht. Er flüsterte dem Sekretär etwas ins Ohr, dieser lehnte sich auf dem niedrigen Stuhl zurück und maß den seltsamen Besucher mit einem durchdringenden Blick.

„Du kannst eintreten“, sagte er schließlich. „Mein Herr erwartet dich.“

Das Tor öffnete sich gerade so weit, dass der junge Mann sich hindurchzuzwängen vermochte. Seine Lanze stieß dabei gegen einen Gitterstab. Ein klirrendes Geräusch schwebte durch die Luft.

Die Yugorer flüsterten erneut miteinander. Verwunderung und Neid lagen in ihren Stimmen. Dass ein Besucher eingelassen wurde, das hatte es noch nie gegeben.

„Die Waffe musst du bei mir lassen“, erklärte der Sekretär.

Ohne Widerspruch händigte der Beschwörer die Lanze aus und ließ sich abtasten.

„Keine Sorge, Junge, auf deine Yari geben wir acht“, versicherte einer der Soldaten, während er dem Besucher die Seiten abklopfte. „Wenn du uns wieder verlässt, holst du sie dir.“ Nach diesen Worten drehte er sich dem Sekretär zu. „Alles in Ordnung.“

Herr Nagateru nickte nur und befahl mit einer Geste, den Besucher zum Statthalter zu bringen.

 

Der weitläufige Garten beherbergte zahllose Lauben, die auf kleinen Inseln in den Teichen errichtet worden waren, ferner geräumige Pavillons, die durch offene Gänge miteinander verbunden waren, sowie Steinaltäre, welche die Gesellschaft von Kirschbäumen genossen. Dieser heilige Baum versinnbildlichte die Ewigkeit.

Durch ein schweres Tor gelangten sie in einen quadratischen Innenhof, der mit feinem Sand ausgestreut war. Ihn säumten Kiefern und einige Hausaltäre, sogenannte Butsudan, über deren steinernen Becken feine Säulen duftenden Rauches aufstiegen.

Das Erste, was dem Besucher dann auffiel, war ein gestrecktes, ebenerdiges Haus mit einem flachen Schrägdach, das mit dunkelgrauen, figürlich gearbeiteten Ziegeln gedeckt war. Sie funkelten in der Sonne wie die Schuppen eines Drachen.

Hinter Bäumen erhob sich ein Wachtturm, in dem Bogenschützen postiert waren. Offenbar hatte der erste Eindruck getrogen: So ungeschützt war der Palast des Statthalters gar nicht.

Das Kernstück des Anwesens, der Palast, mutete riesig an. In dem massiven, in Rot und Weiß gehaltenen Steingebäude residierte die Familie Ishiro bereits seit über fünfhundert Jahren.

In all der Zeit hatte es nur einmal Auseinandersetzungen mit Hakata gegeben, und zwar als Akenos Vaters herrschte. Damals war der Statthalter der Nachbarprovinz mit fünfundzwanzigtausend Mann in die Residenz eingefallen, die lediglich von dreitausend Soldaten verteidigt wurde. Ishiro musste abziehen, kehrte jedoch noch in derselben Nacht zurück. Regen und Nebel machten es seinen Kriegern leicht, die Feinde, die an Lagerfeuern ihren Sieg feierten, hinterrücks abzustechen. Sofort brach Panik aus. Offenbar glaubten die Männer aus Hakata, von blutdürstigen Shiisans angegriffen zu werden.

Danach hatte es niemand mehr gewagt, die Ishiros in ihrer Residenz anzugreifen.

 

Als der Beschwörer die kalten, leeren Hallen des Palasts betrat, wehte ihn eisige Luft an, fast als trumpfte hier drinnen der Winter auf. Der Luftzug strich wie ein unsichtbares Gespenst an den endlosen Wänden entlang und fuhr über die weißen Vorhänge, die von geschnitzten Wandfriesen herabhingen. Sämtliche Räume waren herrlich ausgemalt und mit Reliefdarstellungen aus Mahagoni verziert, die Sitzmöbel vergoldet.

Mitunter nahm ein Fenster eine ganze Wand ein, sodass man einen Blick in den Garten hatte, der damit gleichsam zu einer Verlängerung des Hauses wurde. Wann immer der junge Mann zu diesen Fenstern hinausschaute, versuchte er zu begreifen, wo er sich eigentlich befand, meist jedoch vergeblich. Was für ein Labyrinth ...

Der Soldat wies ihm mit knappen Worten den Weg: nach rechts, nach links, geradeaus. Er würde bestimmt nichts über das Anwesen erzählen.

Immer wieder huschten lautlos Diener in rot-weißen Gewändern an ihnen vorbei. Aus unerfindlichen Gründen verliehen die leuchtenden Farben ihrer Erscheinung jedoch nichts Fröhliches, sondern ließen sie wie Gespenster wirken. Da sie sich obendrein lediglich mit Gesten verständigten, fragte sich der Fremde, ob sie vielleicht stumm seien.

An allen Abzweigungen standen bewaffnete Posten, die ihm finstere Blicke hinterherschickten, die geradezu wie Kletten an ihm haften blieben.

Irgendwann liefen die beiden an einer Tür vorbei, die in dem Beschwörer den unbezwingbaren Wunsch weckte, stehen zu bleiben. Sie unterschied sich zwar durch nichts von den anderen, trotzdem wollte er unbedingt das Zimmer dahinter betreten oder wenigstens durch das Schlüsselloch linsen.

„Was ist das für ein Raum?“, erkundigte er sich bei dem Soldaten.

„Das geht dich nichts an.“

Kurz darauf brachte der Soldat ihn in das Empfangszimmer, das von Kerzen hell erleuchtet wurde, und bat ihn zu warten.

Auch dieser saalartige Raum bestach mit seiner Pracht. In den Wandreliefs glitzerten Saphire. An einer Stelle zierte zudem ein Ornament aus Rubinen die Wand. In die schweren Vorhänge vor dem vergitterten Fenster waren Goldfäden und rosafarbene Perlen eingewebt. An den Gerüchten, dass der Herrscher Yugoras unglaublich reich war, musste also etwas dran sein.

Nach einer Weile ging die Tür zum Nebenzimmer auf, und ein Diener in einem purpurroten Gewand forderte ihn auf einzutreten.

Akeno Ishiro saß an einem niedrigen Tisch und ging einige Papiere durch. Sein bis zum Kragen geschlossenes Obergewand erinnerte an einen Offiziersrock, nur dass statt Orden an ihm Edelsteine und Goldstickerei funkelten. Der Beschwörer wurde beinahe geblendet.

Kaum vernahm der Statthalter das Geräusch der Schritte, hob er den Kopf. Er hatte ein strenges, ausdrucksloses Gesicht mit einem schweren Kinn und breiten Wangenknochen. Seine Stirn durchfurchte eine Narbe, die sich in dem dichten, kurzen weizenblonden Haar verlor. Die Nase mit den scharf geschnittenen Flügeln musste irgendwann einmal gebrochen gewesen sein. Seine ganze Erscheinung verströmte geballte Körperkraft, starken Willen und unbedingte Entschlossenheit.

Die grauen Augen ruhten einen ausgedehnten Moment lang mit stahlhartem Blick auf dem Besucher, bevor er ihn mit einem Nicken aufforderte, sich auf einer Schilfmatte niederzulassen.

„Angeblich bist du ein Beschwörer“, brachte er in herrischem Ton hervor.

„Mein Name ist Ray. Ich habe meine Ausbildung an der Seite Eures Sohnes absolviert.“

Daraufhin sah Herr Akeno seinen Besucher noch durchdringender an. Mit einem Nicken hieß er den Diener, den Raum zu verlassen. Sobald der Mann die Tür hinter sich geschlossen hatte, drehte er sich wieder Ray zu.

„Ich erinnere mich an dich“, sagte er. „Ich habe dich schon einmal in der Nähe eures Tempels gesehen.“

„Erinnert Ihr Euch etwa an alle Menschen, denen Ihr irgendwann begegnet seid?“

„Ich habe ein vorzügliches Gedächtnis“, antwortete der Statthalter mit einem angedeuteten Lächeln. „Worüber wolltest du mit mir reden?“

„Ich bringe Neuigkeiten von Eurem Sohn.“

„Mein Sohn gilt offiziell als tot.“

„Aber das stimmt nicht. Er lebt noch.“

»Und was lässt dich vermuten, dass mich diese Nachricht interessieren könnte? Sayunaro hat sich von seiner Familie, seinem Namen und seinem Haus losgesagt. Er hat unser Angebot, nach seiner Ausbildung zu uns zurückzukehren, abgelehnt und uns mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass wir ihn als gestorben zu betrachten haben.«

„Es geht aber nicht nur um Euren Sohn“, antwortete Ray. „Ich habe auch Nachrichten, die für den Turm des Ordens in Warra und damit für ganz Akane von Bedeutung sein könnten.“

„Dann lasse sie mich hören!“

„Um am Ende unserer Ausbildung das Zertifikat des Beschwörers zu erhalten“, holte Ray aus, „sollten wir uns am Tag der Geister durch Warra zum Haupttempel des Ordens schlagen.“

Der Statthalter zog eine Augenbraue hoch, sagte jedoch nichts. Jeder in Akane wusste, was das bedeutete. An diesem Tag fielen sämtliche Geister in die Welt der Menschen ein, und selbst die friedlichsten Geschöpfe aus der jenseitigen Welt verwandelten sich dann in wilde Bestien. Niemand verließ daher am Tag der Geister freiwillig das Haus.

„Sayunaro, ein weiterer Freund und ich haben diese Aufgabe gemeistert“, fuhr Ray fort. »Allerdings sind wir zu spät im Haupttempel erschienen. Unser Lehrer hat nicht auf uns gewartet und Warra nach diesem Feiertag sofort verlassen, um sich, wie wir später herausgefunden haben, nach Agosima zu begeben. Selbst als wir ihn dort gefunden hatten, wies er uns ab. Nur Euren Sohn wollte er noch weiter ausbilden. Nachdem mein Freund und ich unseren Lehrer verlassen hatten, wollten uns die Beschwörer aus Rumung umbringen. Rumung ist die Hauptstadt von ...«

„Ich weiß“, fiel ihm Herr Akeno ins Wort. „Fahre fort!“

»Diese Beschwörer bringen alle Fremden um. Ausnahmslos jeden, der sie besucht. Seitdem habe ich nichts mehr von Sayunaro gehört, obwohl ich ihm einen Uddo geschickt habe, also einen Geist mit einer Nachricht. Aber er ist nicht zurückgekehrt ...«

»Und was erwartest du jetzt von mir? Dass ich eine Armee aussende, um in Erfahrung zu bringen, ob mein Sohn, der sich von mir losgesagt hat, wohlauf ist? Niemand hat ihn gezwungen, in die ferne Provinz Agosima zu gehen oder seine Ausbildung fortzusetzen!«

„Mir gefällt nicht, was da in Agosima vor sich geht“, brachte Ray heraus, ohne auf Ishiros Bemerkung einzugehen. Auf seinem Gesicht lag nun ein finsterer Ausdruck. In Gedanken weilte er wieder in Rumung. »Diese Beschwörer sind unglaublich stark. Sie arbeiten mit Geistern zusammen, schöpfen aus ihnen Kraft ...«

Er sah den Statthalter fragend an, denn er bezweifelte, dass dieser die Tragweite der Aussage ermessen konnte, doch Herr Akeno bedeutete ihm mit einem ungeduldigen Nicken fortzufahren.

„Meiner Ansicht nach töten sie deshalb alle Besucher“, sagte Ray. „Damit niemand davon berichten kann, was sich dort zusammenbraut. Deshalb muss ich dem Turm des Ordens in Warra davon berichten.“

»Der Turm des Ordens ist ausschließlich mit seinen eigenen Ränken beschäftigt und schert sich in keiner Weise um eine so ferne Provinz. Und einen Beschwörer ohne Zertifikat würde ohnehin niemand anhören.«

„Ganz im Gegensatz zu Euch.“

„Was könnte ich den Meistern dort denn sagen?“, fragte Herr Akeno lachend. »Dass mich ein junger Mann aufgesucht hat, der durch die Prüfung gefallen ist und der nun behauptet, ein paar Verrückte hätten sich ihm gegenüber nicht gerade freundlich verhalten ... Im Übrigen solltest du dich keinen falschen Vorstellungen hingeben: Auch ich bin im Turm kein besonders gern gesehener Gast.«

»Das ist mir bekannt. Sayunaro hat mir von Euren Vorbehalten gegenüber dem Orden berichtet. Trotzdem bin ich mir sicher, dass Ihr jemanden kennt, der diese Nachricht weiterleiten könnte. Jemanden, dem auch der Orden vertraut ...«

„Dann lass mich meine Frage wiederholen“, entgegnete Akeno. »Was genau willst du dem Orden mitteilen? Dass ein paar närrische Beschwörer sich in einer fernen Provinz mit geheimem Wissen beschäftigen, Experimente mit Geistern durchführen und Fremde töten? Selbst wenn dir jemand diese Geschichte abnimmt, weißt du, was man dir antworten würde? Dass in Agosima schon immer merkwürdige Dinge geschehen sind, das würde man dir antworten! Deshalb unterhalten wir ja auch kaum Kontakte mit dieser Provinz. Und das schon seit vielen Hundert Jahren nicht. Was glaubst du denn, warum Agosima von der übrigen Welt abgeschnitten ist?! Der Orden wird sich folglich nicht im Mindesten darum scheren, was in einer Provinz vor sich geht, die für uns politisch keine Rolle spielt.«

„Ihr seid doch ein kluger Mann“, brachte Ray voller Eifer hervor. „Euch muss doch klar sein, dass die Beschwörer in Agosima nicht ohne Grund das verbotene Wissen pflegen und jeden Fremden töten, der etwas über ihre ungeheure Macht berichten könnte.“

„Und vermutlich bist du ein recht begabter Beschwörer, denn immerhin hast du deinen Besuch in Agosima überlebt. Von Politik verstehst du allerdings leider nicht das Geringste“, stellte Akeno ruhig und freundlich fest. „Agosima ist weit weg und stellt keine unmittelbare Gefahr dar, Sinora aber schon, und diese Provinz liegt nicht mehr fernab von allem. Stammst du nicht auch von dort?“

„Ja. Aber was hat das für eine Bedeutung?“

»Vielleicht solltest du mir erst einmal beweisen, dass dich niemand zu mir geschickt hat, damit du mit diesem Märchen von den feindlichen Beschwörern in Agosima unsere Aufmerksamkeit von Sinora ablenkst.«

„Diesen Unsinn glaubt Ihr doch selbst nicht!“

„Dieser Unsinn hört sich weit glaubwürdiger an als die Geschichte, die du mir eben aufgetischt hast.“

„Dann werdet Ihr also nichts unternehmen?“

„Doch“, antwortete Akeno da zu Rays Überraschung und deutete ein Lächeln an, als er sah, wie dieser neuen Mut schöpfte. „Mein Sohn verfügt über die Gabe. Wenn er vor einer Gefahr warnt, ist etwas dran. Bei dir dürfte es vermutlich kaum anders sein.“

„Und was schlagt Ihr vor?“

„Nichts zu überstürzen. Wo hast du Quartier genommen?“

„Bisher noch nirgends. Ich bin erst heute in der Stadt eingetroffen und habe mich dann umgehend zu Euch begeben.“

„Dann bleib hier. Ich überlege mir in aller Ruhe, wie wir jetzt am besten weiter vorgehen.“ Er zog an einer Schnur, irgendwo bimmelte laut eine Glocke, und unverzüglich trat ein Diener ein. „Dieser junge Mann ist der neue Beschwörer der Familie Ishiro“, teilte der Statthalter ihm in herrischem Ton mit. „Begleite ihn in die Gemächer für unsere Gäste und sorge dafür, dass es ihm an nichts mangelt.“

Ray sah Herrn Akeno leicht befremdet an. Er hatte ihn ja eigentlich nicht um eine Anstellung gebeten ... Trotzdem erhob er keinen Widerspruch. Der Diener verneigte sich vor ihm und bat ihn untertänig, ihm zu folgen.

„Ich habe noch eine Bitte“, wandte sich Ray an Herrn Akeno. „Könnte man mir meine Lanze zurückgeben?“

 

Elena Bychkova

Über Elena Bychkova

Biografie

Elena Bychkova wurde 1976 in Moskau geboren. Sie studierte Journalismus an der Staatlichen Universität Moskau und veröffentlichte mehrere Romane, die millionenfach verkauft und mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Alexey Pehov, einem...

Alexey Pehov

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Biografie

Alexey Pehov, geboren 1978 in Moskau, studierte Medizin. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen. Er ist neben Sergej Lukianenko der erfolgreichste phantastische Schriftsteller Russlands. „Die Chroniken von Siala“ wurden zu millionenfach...

Natalya Turchaninova

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Natalya Turchaninova, geboren 1976 in Moskau, ist Psychologin. Seit 2004 veröffentlicht sie in Russland erfolgreich Fantasyromane, die mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurden. Zusammen mit ihren Co-Autoren Alexey Pehov und Elena Bychkova bildet sie ein in Russland sehr beliebtes...

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