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Der GebannteDer Gebannte

Der Gebannte

Das Reich der blauen Flamme 1

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Der Gebannte — Inhalt

Der Sage nach hat einst ein legendärer Magier seinen Lehrmeister, den Gebannten, in einem großen magischen Krieg besiegt. Seit dem Ende des Krieges ist die Magie aus der Welt verbannt, gemunkelt wird aber, dass sie immer noch im Untergrund schlummert. Theo verdingt sich auf dem Schwarzmarkt als Verkäufer von mystischen Artefakten. Als er eine Statue veräußern will, gerät er in einen Hinterhalt – die Statue erwacht zum Leben und eine magische blaue Flamme entzündet sich. Bei der Flucht vor seinen Feinden trifft Theo auf Laviany, Angehörige des Nachtclans. Sie hat sich mit ihrer Assassinengilde überworfen und wird ebenfalls verfolgt. Scheinbar hat ihr Jäger es auf Theos Statue abgesehen ...

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erscheint am 01.02.2021
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
416 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70551-6
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erscheint am 01.02.2021
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99765-2

Leseprobe zu „Der Gebannte“

Prolog

Peinigende Stille breitete sich im noch unversehrten Kern der Stadt aus wie Milch, die jemand aus einer gigantischen Kanne auf den Boden goss.

Langsam, aber unerbittlich schwappte sie in jedes Haus, flutete jede Straße, jedes Viertel. Niemand entkam ihr. Die prachtvollen, in ihrem Gold funkelnden Paläste samt ihrer Türme aus blauem Marmor kapitulierten vor ihr ebenso wie die Kirschgärten mit ihrem weißen Blütenmeer, die elfenbeinernen Brücken, die breiten, sonnengetränkten Terrassen aus warmem Sandstein, die herrlichen Springbrunnen, die [...]

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Prolog

Peinigende Stille breitete sich im noch unversehrten Kern der Stadt aus wie Milch, die jemand aus einer gigantischen Kanne auf den Boden goss.

Langsam, aber unerbittlich schwappte sie in jedes Haus, flutete jede Straße, jedes Viertel. Niemand entkam ihr. Die prachtvollen, in ihrem Gold funkelnden Paläste samt ihrer Türme aus blauem Marmor kapitulierten vor ihr ebenso wie die Kirschgärten mit ihrem weißen Blütenmeer, die elfenbeinernen Brücken, die breiten, sonnengetränkten Terrassen aus warmem Sandstein, die herrlichen Springbrunnen, die imposanten Statuen der Helden aus der Vergangenheit oder die Obelisken mit den Darstellungen von Albatrossen.

Die Albatrosse mit ihren gespreizten Flügeln ...

Über sie fiel die Stille zuallerletzt her. Dann aber vermochten nicht einmal mehr diese magischen Geschöpfe, die dem Land vor Hunderten von Jahren ihren ewigen Schutz zugesichert hatten, dieser Kraft etwas entgegenzusetzen. Waren gefallen. Ihre Augen brachen, das von ihrem Gefieder ausgehende Licht erlosch.

Nunmehr für immer.

Vom Hafenviertel angefangen bis hin zur Festung hoch oben am Hang auf den steilen Klippen hatte sich in der gesamten Stadt eisiges Schweigen ausgebreitet.

Kein Vogel sang, denn Vögel gab es nicht mehr. Kein Hund bellte, denn der letzte Vierbeiner war noch vor Anbruch der allmächtigen Lautlosigkeit gestorben. Zusammen mit seinem Herrn. Kein Kind lachte, kein Kind spielte vergnügt. Vom Hafen drang kein Gelärm mehr heran ...

Die Springbrunnen versiegten, das türkisfarbene Wasser ergoss sich nicht länger in die prachtvollen Becken aus rosafarbenem Perlmutt. Der Wind verstummte, müde des vergeblichen Brüllens, das nie das Ohr der Erhabenen Sechs erreichte. Sogar das Meer schwieg, eingeschüchtert vom eigenen Wüten. Als schämte es sich dieses Rasens, zu dem es sich hatte hinreißen lassen, hatte es sich zurückgezogen. Im graubraunen Schlamm zappelten Fische, umschlungen von Algen, im Todeskampf, den Mund zu einem lautlosen Schrei der Agonie geöffnet, während glutrote Krabben auf die Spalten in den Meeresklippen zuflitzten, der kochend heiße Schlick indes obsiegte.

Die Steine barsten nicht mehr, rangen nicht mehr wie Lebewesen nach Atem. Auf ihnen gerannen Basaltströme zu großen Tränen.

Die Stille eroberte die Stadt und richtete sich in ihr ein, als wollte sie nie wieder weichen.

Doch dann wurde sie aufgestört.

In einem Gang mit rosafarbenen Säulen, der zu dem Tempel der Erhabenen Sechs am Fuße eines Hügels führte, waren Schritte zu vernehmen. Sie begleitete ein leises melodisches Pfeifen.

Im dichten Schatten bewegte sich ein Mann. Sobald er ins Sonnenlicht hinaustrat, musste er blinzeln. Einige Sekunden verharrte er reglos, damit sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnten.

Er atmete die heiße, würzige Luft ein. Dann wandte er sich nach Westen um. In weiter Ferne, unmittelbar am Horizont, hinter dem sich das Meer versteckt hatte, waren als stahlgraue Legion Wolken aufgezogen, die der ohnehin dem Untergang geweihten Stadt einen weiteren verhängnisvollen Schlag versetzen wollten.

Eine tiefe Falte durchfurchte die Stirn des Mannes. Was sich hier zusammenbraute, missfiel ihm. Das schienen die Wolken zu spüren, denn sie rückten nicht weiter gegen die Stadt vor. Blitze zuckten. Vermutlich donnerte es auch, doch das vermochte der Mann nicht wahrzunehmen, dazu war das Gewitter viel zu weit weg.

Und näher kam es nun nicht mehr ...

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen und mit Neugier im Blick setzte der Mann seinen Weg fort.

Von dem runden Bau der Bibliothek führte ein schmaler Weg aus schwarzen und weißen Steinplatten um wenige Bäume herum zu einer breiten Treppe. Links und rechts davon standen Löwen aus schneeweißem Stein, die sich auf die Hinterbeine aufgerichtet hatten. Leichten Schrittes erklomm der Mann die Stufen. Erneut pfiff er sein Liedchen vor sich hin. Trotz des langen Anstiegs geriet er nicht außer Atem.

Dann erreichte er die Säule aus dem seltenen dunkelblauen Marmor. Ihre Spitze krönte ein weiterer gigantischer Albatros.

Der Blick des Mannes suchte die Augen des Vogels. Er zog sein stutzerhaftes Barett von kornblumenblauer Farbe vom Kopf und vollführte vor dem Denkmal eine fast spöttische Verbeugung.

Heute konnte er über diese Statue lachen. Das war jedoch nicht immer so gewesen. Noch vor Kurzem hatten diese Vögel, die Hüter der Stadt, ihm unsagbare Angst eingeflößt, hatten ihm jeden Mut genommen und ihn verzagt sein lassen. Hatten seinem Feind geholfen ...

„Aber das ist jetzt vorbei.“

Natürlich antwortete der Vogel ihm nicht.

Nun richtete der Mann seine Aufmerksamkeit auf den Springbrunnen mit den marmornen Delfinen, auf deren Rücken barbusige junge Frauen mit goldenem Haar ritten. Am Rand des Brunnens lag ein toter Star. Seine Flügel waren verbrannt. Aus einer Laune heraus beugte sich der Mann über den Vogel, nahm ihn behutsam auf und pustete sanft auf den bereits starren Körper. Anschließend warf er die kleine Leiche wie einen Stein hoch in die Luft, woraufhin der Star mit den Flügeln zu flattern begann und im Nu davonflog.

„So gefällst du mir schon besser“, murmelte der Mann lächelnd.

Als er weiterging, stellte er fest, dass die Kuppel der prachtvollen Kaserne für die herzogliche Garde eingestürzt war und alle Männer, die sich darin befunden hatten, unter sich begraben hatte.

Die Ruinen zwangen ihn zu einem Umweg, was es ihm jedoch erlaubte, mehr von der Stadt zu sehen, die einstmals sein Zuhause gewesen war.

In der Straße der Tränenperlen, die im ganzen Norden für ihre Goldschmiede bekannt war, herrschte gähnende Leere. Man hatte hier furchtbar gewütet. Die Geschmeide lagen auf dem Pflaster, darunter auch die legendären Goldperlen aus Lethos. Das allerdings beeindruckte den Mann kaum. Diese Kostbarkeiten würdigte er keines Blickes. Er lief an ihnen vorbei, als handelte es sich um Kieselsteine.

Schließlich erreichte er die Apfelgärten, die den Palast säumten. Dieser schien aus Sonnenlicht geschaffen, aus Meeresgischt und aus Türkisen. Er galt als der schönste Bau, der je erbaut worden war. Das behaupteten sogar die Eywen, die schon mancherlei gesehen hatten, von dem die Menschen nicht einmal etwas ahnten. Selbst sie waren aus ihren Wäldern gekommen und Tausende von Leagues gewandert, um dieses Wunder der Astoré in Augenschein zu nehmen.

Der Mann jedoch hatte nicht einmal für dieses Meisterwerk einen Blick übrig, denn es verkörperte alles, was er zu hassen gelernt hatte.

Die Bäume trieben dieser Tage die ersten Knospen. Der Mann berührte einen Ast. Die Zeit, die durch diesen floss, raste nun dahin, und kurz darauf hing am Zweig eine saftige Frucht mit leuchtend roter, leicht wächserner Schale.

Er pflückte den Apfel, rieb ihn am Ärmel seiner Wildlederjacke ab und biss hinein. Kauend lief er den schattigen Weg hinunter, der zum Palast führte. Das Halbrund davor säumten Statuen. Die Figuren waren allerdings von ihren Sockeln gestürzt und lagen zersplittert am Boden. Der Kopf eines wunderschönen jungen Bogenschützen fand sich weit vom Hals entfernt. Die steinernen Augen betrachteten den Mann mit einem gewissen Vorwurf, fast als hielte er ihn für schuldig an dem, was hier geschehen war.

Das Palasttor steckte zwar nicht mehr in den Angeln, doch der Zutritt war durch eine Ranke umwunden, die dick wie der Arm eines erwachsenen Mannes war. Als der ungebetene Gast sich näherte, spannte sie sich, dehnte sich und stellte die giftigen, gleichsam stählernen Dornen auf.

„Du kämpfst für jemanden“, sagte der Mann, „der die Schlacht verloren hat.“

Die Ranke erzitterte, schwankte von einer Seite zur anderen, als wöge sie die richtige Entscheidung ab: Sollte sie den Zugang zu den legendären Sälen, die mit ihrem zarten Rosa an Meeresmuscheln erinnerten, freigeben oder nicht?

Schließlich wich sie knackend und knisternd zur Seite.

Eine leichte Brise strich durch die eingeschlagenen Fenster und trug den süßen Duft von Pfirsichen in die Räume. Nur gelegentlich zog dieser Wind den beißenden Geruch von Feuer, Blut und Magie hinter sich her, der von den Geschehnissen kündete, die sich hier zugetragen hatten.

Mühelos fand der Mann seinen Weg durch die Säle, Gänge und Hallen, doch das war kein Wunder, schließlich kannte er ihn auswendig. Unzählige Male hatte er inzwischen davon geträumt, wie er seine Schritte durch das leere Gebäude lenken würde. Nun genoss er jede Sekunde seines bitteren Triumphs, den niemand sonst zu würdigen vermochte.

Irgendwann erreichte er das oberste Stockwerk und betrat einen großen Raum. Im Krieg war der Fußboden aufgerissen worden, während die prachtvolle Deckenbemalung sich in einen gewaltigen, buntscheckigen Fleck verwandelt hatte, der aussah, als hätte jemand allerlei Farben in einen Eimer gegeben und diese dann kräftig verrührt.

Auch hier fehlte in den hohen Fenstern das bunte Glas. Seine spitzen Splitter bedeckten den Boden und erinnerten an mit Blut gesprenkelte Eiskristalle. Die Vorhänge waren verkohlt, die Statuen zerstört. Die Wand gegenüber der Tür dräute in Rußschwarz, an einer Stelle klaffte sogar ein Loch in ihr. Durch dieses fiel ein lanzenscharfer Sonnenstrahl in den Raum. In seinem Licht wirbelten in ungestümem Tanz Schneeflocken.

Sie kamen aus dem Nichts, sie verschwanden im Nichts. Sie verwandelten die Luft in ein eisiges, gut geschärftes Messer.

Einzig der Thron, geschnitzt aus einem Kristallblock von wundersamer Form, war noch unversehrt und protzte mit seinem aufwendigen Ornament. Ein Mann saß darin, die Unterarme auf den hohen Armlehnen. Seine linke Hand war völlig mit dem Sitzmöbel verschmolzen, sodass er keinen Zauber mehr wirken konnte. Noch längst kein Greis, hatte der Mann flachsblondes Haar, blaue Augen und einen gepflegten Bart, der an der Spitze in zwei gleich große Hälften geteilt war. Und trotz der Müdigkeit, die sich in seinem Gesicht spiegelte, trug er einen entschlossenen Ausdruck zur Schau.

Mit einem langen Blick maß er den Eindringling.

„Meinen Glückwunsch“, stieß er nach einer Weile voller Wut aus.

Sein ungebetener Gast rammte die weißen Zähne in den Apfel. Ein finsterer Schatten legte sich über seine bisher freundliche Miene, das Lächeln kroch von seinen Lippen, in seinen Augen blitzte es böse auf.

„Da bin ich also“, sagte er. „Genau wie ich es versprochen habe.“

„Du hast dir mit deinem Erscheinen reichlich Zeit gelassen“, erwiderte der Mann, der an den Thron gebannt war. „Aber immerhin hast du es geschafft, ganz im Gegensatz zu deinen einstigen Weggefährten. Wir sind nämlich die beiden Einzigen, die übrig geblieben sind.“

Der junge Mann schnaubte bloß und durchquerte den Saal. Die Glasscherben knirschten unter seinen Füßen.

„Die Schahuter sind geschlagen und in alle Himmelsrichtungen davongestoben. Jetzt sollen sie sich in Ödien verschanzt haben“, hielt er dann fest. »Sie werden dir nicht mehr dienen. Doch ohne diese Geschöpfe ... Ich habe dich wirklich für stärker gehalten.«

„Das habe ich auch“, brachte der Mann auf dem Thron hervor. Allein der Gedanke, dass er den Kampf verloren hatte, bereitete ihm geradezu körperliche Schmerzen. „Die Astoré haben dich gut dressiert.“

„Hättest du auf diesen einen Mord verzichtet, hätte ich mich niemals auf das Bündnis mit ihnen eingelassen. All das hast du dir also selbst zuzuschreiben.“

„Sie war unsere Feindin. Eine Astoré. Für dieses Volk ist in unserer Welt kein Platz. Und erst recht nicht in meiner Schule! Nur Menschen dürfen in Magie unterwiesen werden!“

„Einige von ihnen hatten ein größeres Recht, sich Mensch zu nennen als du und ich.“

„Ihre Worte sind Gift“, erwiderte der andere unter schallendem Gelächter. „Und dieses Gift ist in dich eingedrungen. Die Astoré sind verlogene Geschöpfe und tun alles, um erneut über echte Magie gebieten zu können. Ja, sie zögern nicht einmal, einem meiner Schüler eine ihrer Dirnen unterzuschieben, um endlich ans Ziel zu gelangen.“

Ein weiterer lanzenscharfer Sonnenstrahl drang durch einen Spalt im Gemäuer ein, erlosch aber sofort. Bedrohliche Schatten ballten sich in den Ecken. Tiefschwarze Rauchwolken, in denen sich die Umrisse von knienden Menschen erkennen ließen. Kaum dass sie sich erhoben, lösten sie sich freilich auf. Da verschwand auch der Zorn wieder aus dem Gesicht des jungen Mannes.

»Du solltest nicht in dieser Weise von ihr sprechen ... Lehrer.«

„Ich bin nicht mehr dein Lehrer, denn du bist längst mein Feind“, erwiderte der Mann auf dem Thron. »Du hast mich und meine Kunst verkauft. Um ein Paar schöner Augen willen hast du einen Krieg gegen mich angefangen. Eine Frage gestatte mir aber: Wie soll ich denn deiner Meinung nach von ihr reden?«

„Wie von deiner Schülerin, das war sie schließlich.“

»Das war sie nur so lange, bis ich die Wahrheit erfahren habe! Durch ihre Adern fließt das Blut dieser widerwärtigen Kreaturen! Denen ist es verboten, sich unser Wissen anzueignen! Die Erhabenen Sechs ...!«

„… sind ausgemachte Dummköpfe!“, spie der junge Mann aus. „Allein ihre Verbote haben zu diesem Krieg geführt! Bedenke doch bloß, wie viele Leben ihre Fehler uns alle gekostet haben!“

„Es steht dir nicht zu, über diese Dinge zu urteilen! Sie hat mich getäuscht! Sie hat mein Brot gegessen, unter meinem Dach gelebt und meine Gastfreundschaft genossen! Vor allem aber hat sie sich von mir in Dingen unterweisen lassen, deren Kenntnis ihr eigentlich verboten ist. Deshalb habe ich getan, was deine Aufgabe gewesen wäre! Arila und Neysi durften mein Können nicht an ihresgleichen weitergeben!“

„Du hast eine derart abgrundtiefe Angst vor dem Dunkel, das alten Legenden und Sagen zufolge auf Geheiß der Astoré eintreten kann, dass du es schließlich selbst in unsere Welt gelassen hast.“

Er hob einen schwarzen Eisenhandschuh vom Boden auf. Der Rand war scharfkantig, darunter quoll dunkler Rauch auf. Einen ausgedehnten Moment lang betrachteten beide Männer das Stück, dann steckte der Jüngere es in die Tasche über seiner Schulter.

„Du hast gehandelt wie ein dummer Junge“, fuhr er fort. „Und damit schlimmes Unheil angerichtet. Indem du dich auf einen Handel mit den Schahutern eingelassen hast, hast du mich förmlich in die Arme der Astoré getrieben. Doch nur ein Narr lässt in seiner Angst vor dem Fuchs einen Leoparden in den Hühnerstall. Schahuter kennen nur sich, aber keine Verbündeten. Am Ende bist du dem Dunkel weit näher als ich.“

„Was hast du mit dem Handschuh vor?“, fragte der Mann auf dem Thron.

„Ich werde ihn in etwas Schönes verwandeln und anschließend so gut verstecken, dass niemand ihn je wiederfindet. Wie hast du Neysi davon überzeugen können, von ihm Gebrauch zu machen?“

„Schmerz ist ein gewichtiges Argument.“

Sein einstiger Schüler nickte bloß, während sein Blick den Schneeflocken folgte, die erneut durch den Raum wirbelten.

»Die Astoré ...«, brachte der Mann auf dem Thron dann endlich heraus. „Sie haben dich nur benutzt.“

„Ich bin mit Sicherheit nicht ihre Marionette.“

„Mach dir doch nichts vor!“ Der Mann auf dem Thron ballte in hilfloser Wut die rechte Hand zur Faust. „Sie haben dich auf die Idee gebracht hierherzukommen.“

„Und wer hat dich auf die Idee gebracht, die Schahuter von der anderen Seite herbeizurufen? In deiner Angst vor den Astoré hast du schier den Verstand verloren und das Dunkel am Ende selbst geweckt. Die Schahuter hatten ihre Macht nach der Schlacht der Schatten eingebüßt! Sie sind damals in den lichtlosen Niederungen von Daul genauso bezwungen worden wie der Dunkle Reiter. Nun hast du ihnen erneut Macht gegeben! Diese Wesen sind wieder bei uns eingefallen! Die Städte im Süden ertrinken bereits in Blut! Wie konntest du nur so dumm sein und einen Vertrag mit diesen Kreaturen schließen?! Dämonen halten sich nie an Absprachen! Du hast diese Welt zerstört! Du hast gemordet! Neysi, Quint, Cam, Voyez und Lavenda sind tot! Und all das nur wegen deiner Ängste!“

Der junge Mann trat einen Schritt vor und grinste unschön. Sein Gesicht nahm sich nun regelrecht abstoßend aus.

„Was bildest du dir ein?!“, zischte der Mann auf dem Thron. „Die Magie der anderen Seite brodelt auch in deinem Blut! Du bist also keinen Deut besser als ich! Bleibt die Frage, wie du dich verhältst, wenn die dunkle Magie alle Kraft aus dir herausgesaugt hat und Tribut von dir verlangt! Wir wollen doch mal sehen, ob am Ende nicht du unserer Welt den Todesstoß versetzt!“

»Du hast recht, auch mich verzehrt das Dunkel ...«

»Wenigstens etwas ...«

„Dass dich das freut, glaube ich unbesehen.“

„O ja! Deshalb werden wir beide nicht mehr lange leben!“

„Da irrst du, Lehrer. Wenn wir beide miteinander fertig sind, werde ich jeder Magie abschwören.“

»Du ...?« Der Mann auf dem Thron starrte seinen einstigen Schüler ungläubig an. „Du willst dich von dir selbst lossagen?“

„Damit folge ich nur dem Beispiel der Erhabenen Sechs“, erwiderte sein einstiger Schüler lachend. »Sie kannten nur ein Ziel, und das bestand darin, die Astoré auszulöschen. Dafür haben sie mit eigenen Händen die Schahuter geschaffen. Als ihnen die Tragweite dieses Schrittes bewusst geworden ist, haben sie sich immerhin dazu durchgerungen, sich von jeder Magie loszusagen. Das werde ich auch tun. Weder ein Schahuter noch ein Astoré soll Macht über mich erlangen. Magier vermögen die Welt nämlich weit schneller zu vernichten als Dämonen. Ich aber liebe die Welt ... jedenfalls das, was von ihr geblieben ist. Verschließe daher nicht länger die Augen vor der Wahrheit! Die Magie ...« Er fuhr mit der Hand durch die Luft, die daraufhin zu vibrieren anfing. »Sie ist längst nicht so viel wert wie das Leben einer einzigen Frau. Deshalb sei diese Kraft ebenso verflucht wie du, denn sie hat uns Tod und Leid gebracht. Meine Freunde, meine Familie, mein Glauben – all das ist wegen deiner Angst ausgelöscht worden.«

Der Mann auf dem Thron ließ sich die Worte durch den Kopf gehen.

„Damit ist mein Lebenswerk hinfällig“, sagte er nach einer Weile. „Du bist mein letzter Schüler gewesen. Wenn ich diese Welt verlasse und du der Magie abschwörst, wird auch die Gabe verkümmern, die uns die Erhabenen Sechs hinterlassen haben.“

»Diese Sechs haben die Magie den Astoré gestohlen, nun nehme ich sie den Menschen wieder weg. Allen, die wie du und ich sind. Wir werden keine Rolle mehr spielen, sondern zu einer Legende werden. Zu einem Mythos, womöglich aber auch zu einem Schauermärchen.«

„Wag das ja nicht!“

„Du hast mir nichts mehr zu sagen“, erwiderte der junge Mann mit bitterem Lachen. „Wer noch über die Gabe verfügt, wird sterben. Nur dann kann die Welt leben!“

„Wer aber wird dann die Geschöpfe aufhalten, die von der anderen Seite her bei uns einfallen? Die Astoré? Zwischen ihnen und den Schahutern besteht schon seit Langem kein Unterschied mehr. Wenn du die Magie vernichtest, wird niemand mehr diese Kreaturen aufhalten können! Besinne dich also eines Besseren! Nichts wird mehr so werden, wie es einst war!“

»Sieh einmal zum Fenster hinaus, Lehrer. Die Welt ist längst eine andere, und das nur deinetwegen! Das Geeinte Königreich ist zerschlagen. Das Zeitalter der Blüte ist vorüber, nun beginnt das Zeitalter des Vergessens. Die Welt indes muss leben, sie muss frei atmen. Deshalb habe ich getan, was du nicht vermochtest. Ich habe ihr diese Freiheit gegeben.«

„Freiheit!“, spie der Mann auf dem Thron aus. „Du hast ihr lediglich Schmerz, Leid und Angst vor der Zukunft gegeben.“

„All dies ist Teil des Lebens. Das habe ich verstanden, als du sie getötet hast. Doch heute klopft dein Tod an die Tür. Hörst du ihn?“

Nach diesen Worten ging er fort. Seine Schritte verhallten in der Stille, die sich wieder ausbreitete. Vielleicht würde sie eine Minute währen, vielleicht aber auch eine Stunde. In jedem Fall aber würde sie weichen, sobald das Meer abermals durch die Stadt branden würde.

Das Wasser würde das Ende der alten Welt mit sich bringen. Und den Beginn einer neuen Zeit.

Alexey Pehov

Über Alexey Pehov

Biografie

Alexey Pehov, geboren 1978 in Moskau, studierte Medizin. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen. Er ist neben Sergej Lukianenko der erfolgreichste phantastische Schriftsteller Russlands. „Die Chroniken von Siala“ wurden zu millionenfach...

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