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Töchter der Speicherstadt – Das Versprechen von Glück (Die Kaffee-Saga 3)

Anja Marschall
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Roman

„Ein herausragender Abschluss dieser Trilogie. Ich war und bin immer noch total begeistert. Auch das Cover ist wieder ein echter Hingucker. Für ich ist dieser Traumlektüre wieder ein Lesehighlight, für das ich sehr gerne 5 Sterne vergebe.“ - sonjas_buecherecke

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Töchter der Speicherstadt – Das Versprechen von Glück (Die Kaffee-Saga 3) — Inhalt

Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee und der Traum von Freiheit

Drei starke Frauen in bewegten Zeiten: Band 3 der großen Familiensaga rund um den Aufstieg einer Hamburger Kaffeedynastie vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zwischen 1889 und 1989.

Hamburg 1945: „Behmer & Söhne“ liegt in Schutt und Asche. Doch bald geht es mit dem Wirtschaftswunder aufwärts, und Cläre bezieht mit einem neuen Kontor die wiederaufgebaute Speicherstadt. Zu ihrem Unmut weigert sich ihre Tochter Anna, Verantwortung im Familienunternehmen zu übernehmen. Stattdessen heiratet sie den charmanten Prokuristen der Firma und stürzt sich voll in ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. Als man ihren Mann bei der Unterschlagung von Firmengeldern erwischt, reicht Anna die Scheidung ein und fängt endlich an, ihr Schicksal und das von „Behmer & Söhne“ selbst in die Hand zu nehmen.

Die Hamburger Speicherstadt: weltweit größter historischer Lagerhauskomplex, Architektur-Juwel, UNESCO-Welterbe, Touristen-Magnet – und Herz des Hamburger Kaffeehandels

Mit dem „schwarzen Gold“ wird an der Waterkant schon lange gehandelt. 1887 eröffnete in der Speicherstadt die Hamburger Kaffeebörse und wurde zum wichtigen Handelsplatz für das begehrte und lukrative Genussmittel. 24 Millionen Jutesäcke Kaffee aus Brasilien und Zentralamerika sollen dort in den ersten eineinhalb Jahren gehandelt worden sein. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb Hamburg führend für diesen besonderen Markt, und noch heute ist die Hansestadt für den Kaffeehandel von großer Bedeutung.

Für LeserInnen der neuen historischen Sagas von Fenja Lüders und Anne Jacobs.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 28.07.2022
464 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31723-8
Download Cover
€ 3,99 [D], € 3,99 [A]
Erschienen am 28.07.2022
464 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60100-9
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Leseprobe zu „Töchter der Speicherstadt – Das Versprechen von Glück (Die Kaffee-Saga 3)“

1956–1959

Ein neuer Anfang


1


Gepflegtes Stimmengewirr erfüllte den Saal im Hotel Atlantic bis hinauf zur Stuckdecke. Silberbesteck klapperte leise auf Porzellan. Ein zarter Klang ging durch den Raum, sobald Kristallgläser mit moussierendem Weißwein dezent aneinanderstießen.

Ein Herr im Smoking lachte am Nachbartisch derart wiehernd auf, dass Anna grinsen musste. Schnell senkte sie den Blick, damit ihre Mutter es nicht bemerkte, die sich auf der anderen Tischseite angeregt mit dem Handelsattaché aus Guatemala unterhielt.

Anna war nun schon zum zweiten Mal mit [...]

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1956–1959

Ein neuer Anfang


1


Gepflegtes Stimmengewirr erfüllte den Saal im Hotel Atlantic bis hinauf zur Stuckdecke. Silberbesteck klapperte leise auf Porzellan. Ein zarter Klang ging durch den Raum, sobald Kristallgläser mit moussierendem Weißwein dezent aneinanderstießen.

Ein Herr im Smoking lachte am Nachbartisch derart wiehernd auf, dass Anna grinsen musste. Schnell senkte sie den Blick, damit ihre Mutter es nicht bemerkte, die sich auf der anderen Tischseite angeregt mit dem Handelsattaché aus Guatemala unterhielt.

Anna war nun schon zum zweiten Mal mit ihren Eltern zum „Ball über den Wolken“ in das luxuriöse Hotel an der Alster gekommen. Und dieses Mal schien ihr das Fest noch schillernder und imposanter als im letzten Jahr. Vielleicht lag es daran, dass den Deutschen im letzten Sommer ihre Souveränität von den Alliierten zurückgegeben worden war. Und das nur zehn Jahre nach Kriegsende. Hamburg feierte sich heute Abend selbst und die neue Zeit, obwohl draußen in der Stadt noch immer schwarze Lücken zwischen den Häusern und in den Seelen der Menschen klafften.

Jetzt, da Deutschland wieder ein Mitglied der Weltengemeinschaft sei und seit letztem Jahr auch seine Lufthoheit zurückbekommen habe, könne Hamburg wieder das Tor zur Welt werden, wie es das in der Vergangenheit immer gewesen war, meinte der Redner vorn am blumenumrankten Pult. Schon jetzt flöge die Lufthansa von Hamburg bis nach New York. Damit rückten all die faszinierenden Weltstädte wie London, Paris, Rom und Rio so dicht wie noch nie an die Elbe. Applaus.

Anna ließ ihren Blick unauffällig über die bunte Gästeschar gleiten. Ja, ein gewisser weltoffener Hauch lag tatsächlich im Saal. Da saßen Menschen nebeneinander, die bis vor wenigen Jahren noch Feinde gewesen waren. Da flatterten Sprachen durch die Luft, die Deutschland lange nicht gehört hatte, während vor den hohen Fenstern Schneeflocken über der Alster tanzten.

Dass sich seit Annas letztem Besuch beim „Ball über den Wolken“ etwas geändert hatte, hatte sie bereits bemerkt, als sie mit ihren Eltern über den blauen Teppich in die Hotellobby geschritten war, eingemummelt in einen dicken Wintermantel. Anders als im Jahr zuvor waren kaum militärische Uniformen bei den Gästen auszumachen gewesen. Dieses Mal bewegten sich fast nur Zigarren rauchende Herren in Frack und Smoking im eleganten Modemeer aus Seide und Taft ihrer abendrauschenden Damen.

Nur vereinzelt hatte Anna Piloten der Lufthansa in den schicken blauen Uniformen ausmachen können und bildschöne Stewardessen, die die Gäste begrüßten und ihnen die Mäntel abnahmen. Der Fliegerball, wie Annas Vater Kurt den Abend nannte, war das Highlight der Ballsaison in der Stadt. Und Anna war mittendrin.

„Fräulein Ehmke …“ Anna zuckte zusammen, als ihr Tischnachbar, ein gesetzter Herr im altmodischen Frack und mit ausgezeichnetem Appetit, sie ansprach. Er hatte sich als Sir Edmund Carlise vorgestellt und versuchte, Anna seit der Vorspeise von den Vorzügen der Britischen Insel zu überzeugen. „Sind Sie denn schon einmal geflogen?“

Anna verneinte bedauernd und nahm einen Schluck des französischen Weins, woraufhin ihre Mutter Cläre ihr einen warnenden Blick zuwarf.

Schnell wandte Anna sich wieder ihrem Tischherrn zu. Sie war froh, dass er so redselig war, denn Konversation mit betagten Männern zu halten, gehörte nicht zu ihren besonderen Fertigkeiten. Und die fünfundvierzig Jahre hatte der Brite bestimmt schon überschritten. Also beschränkte sie sich auf Lächeln und Nicken sowie ein „Ach, wie interessant“, sobald der Redefluss des Herrn ins Stocken geriet. Ältere Herren liebten es, wenn ein junges Ding auch nur mäßiges Interesse an ihnen vortäuschte.

Ungeduldig hoffte Anna indes, der letzte Gang des Menüs möge bald serviert werden und die letzte Rede ihr Ende finden, damit der Ball im Großen Festsaal endlich beginnen könne. Hier am Tisch konnte doch niemand ihr wunderschönes weißes Ballkleid mit der Tüllstola und dem perlenbesetzten Mieder sehen. Dieser betörende Traum sah fast aus wie ein Kleid von Grace Kelly, deren Bild Anna auf einem Filmplakat gesehen hatte. Inspiriert von dieser Schönheit und Eleganz hatte sie einfach eine der alten Abendroben ihrer Mutter genommen und Perlen aufgestickt, eine Bordüre angebracht und die Träger abgeschnitten. Der Clou aber war der Tüll, den sie sich locker um die nackten Schultern drapierte, um so ihr Dekolleté wunderbar zur Geltung zu bringen.

Anna setzte sich ein wenig gerader hin und nickte einem livrierten Diener zu, der ihr noch etwas Wein nachschenken wollte.

Sollte ihre Mutter doch gucken. Immerhin war sie seit Kurzem volljährig. Da durfte das eine oder andere Glas Wein schon mal sein.

Jetzt hörte sie die ersten Klänge des Orchesters durch die offenen Türen des Ballsaals hereinwehen. Ihr Herz machte einen Hüpfer. Es kostete sie alle Kraft der Welt, nicht aufzuspringen. Mit Elisabeth und Monika würde sie sich so schnell wie möglich vor den Eltern im Gewühl verstecken und sehen, ob es interessante junge Herren gab, die tanzen konnten. Hoffentlich spielte das Orchester nicht nur Walzer, sondern auch etwas Flotteres. Vielleicht sogar etwas aus Amerika. Anna winkte ihren beiden Freundinnen Elisabeth und Monika am Tisch ihres Vaters, Wirtschaftssenator Luigs, unauffällig zu.

Als endlich alle am Tisch den Kaffee ausgetrunken hatten und nur noch ein Stück Patisserie auf dem Teller lag, machte man sich bereit, in den Ballsaal hinüberzugehen. Anna folgte ihrer Mutter, die sich am Arm des Handelsattachés durch die Menge führen ließ, während ihr Gatte Kurt seinen Stock nahm und zusammen mit dem Geschäftsführer des Hamburger Flughafens folgte.

Für ihre Eltern, das wusste Anna, war dieser Abend weniger ein Vergnügen als vielmehr die Möglichkeit, neue Geschäftskontakte anzubahnen. Behmer & Ehmke hatte sich vom Krieg gut erholt, doch anders als ihre Eltern sah Anna in der Kaffeehandelsfirma mit Sitz am Sandtorkai keinen Phönix, der aus den Ruinen des Krieges auferstanden war, sondern eine stets fordernd quakende Ente, um die sich ihre Eltern rund um die Uhr liebevoll kümmerten. Die Firma war der ganze Lebensinhalt der beiden. Eine Leidenschaft, die sie teilten und die Anna ratlos und manchmal sogar einsam zurückließ.

Seit einiger Zeit fragte Anna sich, ob ihre Eltern außer ihrer Hingabe an die Firma überhaupt noch etwas anderes teilten. Sie konnte sich nicht erinnern, dass Cläre und Kurt Ehmke jemals eine vertraute Berührung ausgetauscht hätten. Manchmal fragte sie sich, ob das in den Anfängen ihrer Ehe wohl anders gewesen sein mochte. Noch mehr aber interessierte sie, ob ihre eigene Zukunft mit einem Mann auch so sachlich und poesielos enden würde.

In Gedanken versunken, folgte sie den anderen. Gerade spielte das Orchester die letzten Takte von einem Hit, den Anna seit einiger Zeit täglich im Radio hören konnte: „Arrivederci, Roma“. Schon summte sie mit. Ach, sie liebte alles Italienische, seit sie vor vielen Jahren die Schellackplatten ihrer Mutter in der Abseite entdeckt hatte. Cläre Ehmke hatte jede Platte dieses entzückenden Tenors Caruso gekauft, nachdem sie ihn einmal in der Laeiszhalle hatte sehen können. Leider gingen die meisten Platten bei einem Bombenangriff verloren, doch eine Handvoll der schwarzen Scheiben gab es noch.

Auf der Tanzfläche drehten sich bereits einige Paare. Anna ließ den Blick schweifen, auf der Suche nach Elisabeth und Monika, während ihre Mutter ein Stück entfernt mit einem Herrn plauderte, den Anna nicht kannte.

Annas ganzer Körper kribbelte vor Aufregung, denn sie wusste, dass dieser Abend nicht anders als großartig werden würde. Sie wollte tanzen und sich bewundern lassen, so wie jedes Mädchen im Saal.

„Darf ich Ihnen meine Tochter vorstellen?“, hörte sie die Stimme ihres Vaters hinter sich. Anna drehte sich um. Neben Kurt Ehmke stand ein hochgewachsener junger Mann mit vollem dunklem Haar und einem Lächeln wie Dean Martin. Anna schluckte. „Meine Tochter hilft mir in der Firma als Stenotypistin und Sekretärin, obwohl sie sich mit dem Geschäft selbst auch recht gut auskennt“, erklärte Kurt Ehmke. „Das Maschineschreiben hat sie im letzten Jahr gelernt. Sie ist wirklich flott. Ihre Mutter möchte, dass sie studiert, aber Anna konnte sich noch nicht entscheiden, welches Fach sie nehmen möchte. Ihre Schulnoten jedenfalls waren stets bestens. Aber man muss ja nichts überstürzen.“

Überrascht sah Anna ihren Vater an. „Ist das ein Verkaufsgespräch, Papi?“

Der Mann an der Seite ihres Vaters lachte auf. „Ich glaube eher, Ihr Herr Vater ist stolz auf Sie, Fräulein Ehmke.“

Kurt Ehmke lächelte. „Das ist Joost van der Vehlen, Kind. Er kommt aus einer Bremer Kaufmannsfamilie und arbeitete für Lloyd’s in London. Er wird künftig bei uns für den Einkauf in Südamerika zuständig sein und die Termingeschäfte überwachen. Ihr werdet euch also öfter im Kontor sehen.“

„Herr van der Vehlen.“ Anna neigte ihr Haupt und reichte ihm die Hand.

„Es ist mir eine Ehre.“ Er hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. Fast hätte Anna gelacht. Es kitzelte. „Darf ich Sie zum Tanz bitten?“, fragte er.

Kurz darauf schwebte Anna mit dem wohl attraktivsten Mann des Abends über das Parkett, während die Sängerin des Orchesters gedankenverloren Ganz Paris träumt von der Liebe sang und die Töchter von Senator Luigs vom Rand der Tanzfläche aus Anna mit neidischem Blick beobachteten.


2


„Schläft die Kleine schon?“ Irma nahm das Kopftuch ab, hängte ihren schneenassen Mantel an den Garderobenhaken und ging in die kleine Küche, aus der Licht in den dunklen Flur fiel. Seit einem Jahr wohnten sie mit einigen anderen Familien in einem alten Haus am Stadtrand von Magdeburg. Den Weg zur Arbeit legte sie bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zurück. Heute Abend hatte es schon wieder geschneit, sodass sie ihr Rad einen Teil des Weges hatte schieben müssen. Ihre Hände waren eiskalt.

Als sie eintrat, nahm Walter gerade einen Schluck aus einer Bierflasche und stellte sie zurück auf den Tisch vor sich. Kopfschüttelnd ging Irma zum Hängeschrank und holte zwei Gläser heraus. Sie setzte sich zu ihm, nahm die halb leere Flasche und verteilte den Rest des Bockbiers auf die Gläser. „Du bist hier nicht im Betrieb. In meiner Küche trinken wir aus Gläsern.“

„Kannst es nicht lassen, was? Immer dieses vornehme Getue.“ Er schob das Glas zur Seite und stand auf, um zur Abseite zu schlurfen, wo weitere Flaschen Diamantbier standen. „Und zu deiner Frage: Ja, unsere Tochter schläft.“ Er nahm eine Flasche heraus, setzte sich wieder und öffnete den Bügelverschluss mit einem Plopp. Er setzte die Flasche an und trank.

Sie schwieg, denn sie wusste, wie der Abend enden würde.

Er stellte sein Bier ab. „Wenn du nicht so oft bei den Parteisitzungen wärst, dann wüsstest du, dass Michaela bereits seit drei Stunden im Bett ist.“

Irma schloss die Augen und rieb mit den Fingern ihre Schläfen. „Ich weiß, es ist spät geworden. Aber Genosse Bender hat schon wieder alle Anträge blockiert. Ich glaube, er macht das nur, um mich zu ärgern. Ines hat das auch gesagt.“

Walter hörte nicht zu, starrte nur auf das Etikett der Flasche in seiner Hand. Er arbeitete als Gießereimechaniker im Ernst-Thälmann-Werk, noch, denn er schien den Streit mit dem Werksleiter förmlich zu suchen.

„Ist etwas passiert?“

„Sie haben Klinger befördert.“

„Obersturmbannführer Klinger? Ich dachte, sie hätten ihn vor drei Jahren aus dem Verkehr gezogen?“

Walter zuckte mit den Achseln. „Die alten Nazis sitzen überall im Betrieb, schanzen sich gegenseitig die wichtigen Stellen zu, angefangen beim Werksdirektor, seinen Stellvertretern, den Direktoren, Assistenten und dem Oberbuchhalter bis runter zum Arbeiter. Alles eine Mischpoke.“

„Was redest du für einen Unsinn. Es sind einzelne Männer. So wie du es hinstellst, ist unser Land infiltriert mit alten Nazis. Das stimmt aber nicht! Wir haben sie alle aufs Genaueste geprüft.“ Irma zog die Schuhe unter dem Tisch aus. Sie war Schichtleiterin beim VEB Röstfein, wo seit zwei Jahren auch echter Bohnenkaffee geröstet wurde und nicht nur Malzkaffee wie im Krieg. Neun Stunden Arbeit und danach in der Kantine Parteisitzungen zu leiten und die Hahnenkämpfe der Genossen zu schlichten, gaben Irma das Gefühl, sechzig statt dreißig Jahre alt zu sein. Sie scheute keine Arbeit, bestimmt nicht, aber als junge Parteisekretärin und Mutter eines kleinen Mädchens, als Hausfrau und auch als Ehefrau eines stets übel gelaunten und unzufriedenen Mannes, fühlte sie sich manchmal unendlich erschöpft.

„Bei uns haben die Kerle genauso Unterschlupf gefunden wie drüben“, behauptete Walter.

„Quatsch. Drüben läuft alles wie zuvor. Die alten Nazi-Bonzen in ihren alten Funktionen. Nur dass sie es jetzt Demokratie nennen. Wir aber sind dabei, ein ganz neues Land aufzubauen. Gerecht und ehrlich.“

Walter lachte. „Ich bin immer wieder fasziniert, Irma, dass du all das glaubst. Hat man uns nicht schon einmal belogen und den perfekten Staat versprochen?“

Erschöpft erhob sie sich. Sie hatte keine Lust auf die ewig gleiche Diskussion, zumal ihre Vorgesetzten derartige Reden sicherlich nicht gutheißen würden. „Ich gehe ins Bett“, murmelte sie, nahm ihre Schuhe in die Hände und wollte hinausgehen.

„Ich hau ab, Irma. Mache rüber. Vielleicht nach Hamburg.“

Sie fuhr herum. „Wie bitte?“

Walter schaute sie aus glasigen Augen an. „Siggi ist gestern mit seiner Familie auch abgehauen. Ihm ist letzte Woche die Hutschnur gerissen, als die TAN-Leute sagten, wir müssten für diese verdammte Arbeitsplatzanalyse sogar den Weg aufs Häuschen auflisten. Himmel!“, entfuhr es ihm.

Irma schreckte zusammen. „Still! Die Kleine!“

Aber Walter ignorierte sie. „Das sind nicht einmal zwei schäbige Minuten, die wir dann von der Maschine weg sind! Zwei Minuten!“

„Die Technische Arbeitsnorm ist wichtig, Walter. Das weißt du doch. Wir alle müssen schneller und besser werden. Darum sind die Genossen von der TAN-Analyse da und schreiben die Zeiten auf.“

„Unsinn! Das ist Schikane.“

Irma kam zurück in die Küche. Leise schloss sie die Tür hinter sich. Die Wände waren dünn, und ihre Nachbarn hatten gute Ohren. „Was ist passiert?“

Walter presste die Zähne gegeneinander. Sie sah seinen Kiefer mahlen. „Wir haben heute für eine Stunde die Arbeit niedergelegt.“

Irma ließ sich auf den Stuhl fallen. „Warum, Walter? Warum immer du?“

Er schlug mit der Hand auf den Tisch. Die Flasche wankte gefährlich. „Ich bin es leid, strammzustehen und alles mit mir machen zu lassen, was andere wollen. Jede meiner Eingaben wird ignoriert. Sie drehen mir jedes Wort achtmal im Mund herum, als suchten sie nur einen Grund, mich der Stasi zu melden. Wenn sie es nicht schon längst getan haben.“ Er funkelte sie an. Sie schwieg. Dann ließ er sich auf den Stuhl zurückfallen. „Irma, komm, lass uns in die Westzone rübergehen. Die bauen ihr Land da drüben genauso auf, wie wir es hier tun.“ Er nahm ihre Hand.

Irma zog sie fort. „Ich gehe nicht rüber. Das weißt du. Mein Zuhause ist hier. Da, wo meine Familie ist.“

Walter rollte mit den Augen. „Deine Familie ist nicht nur hier, sondern auch in Hamburg. Mensch, du hast doch die Tante mit der schicken Villa.“

„Das ist nicht meine Familie.“

„Klar doch! Nur weil deine Eltern tot sind, heißt das doch nicht … Irma, bleib hier!“

Irma stand auf. Dieses Gespräch hatten sie schon so oft geführt. Er wollte fort und sie nicht. Ihre Heimat war hier, beim Konsum an der Ecke, bei der Nachbarin, die immer die Wäscheleine für sich in Anspruch nahm, aber herrliches Rübenmus kochen konnte, hier, bei den Gartenfesten mit den anderen vom Kombinat, den nächtlichen Sitzungen in der Kantine und dem Schwätzchen in der Schlange vor den Läden.

Nein, nichts zog Irma zurück nach Hamburg, wo ihre Mutter nach einem Bombenangriff qualvoll zugrunde gegangen und ihr Vater gestorben war, während die neunzehnjährige Tochter voller Angst in einer kleinen Stadt bei Rostock die sowjetischen Besatzer erlebt hatte. Keiner der Familie Behmer hatte je versucht, sie zu finden, als sie in einem Gefangenenlager gesessen hatte und tagein, tagaus für die Soldaten waschen musste. Nein, sie hatte keine Familie mehr. Und von daher bezeichnete sie sich lieber als Kriegswaise.

Sie hatte sich in der neuen DDR ihr eigenes Leben aufgebaut. Nachdem sie vor vier Jahren beim VEB Röstfein angefangen hatte, hatte sie es schnell bis zur PGO geschafft. Als Parteigruppenorganisatorin hörte man auf sie und respektierte sie. Jetzt, da sich eine weitere Parteigruppe im Betrieb gegründet hatte, konnte sie sich sogar Hoffnung auf die Position der Abteilungsparteisekretärin machen. Was könnte der Westen ihr schon bieten, das sie nicht auch hier hatte?

In der Tür blieb Irma stehen. „Warum wehrst du dich so sehr gegen uns, Walter? Du bist intelligent. Mach doch endlich etwas aus dir. Die Partei braucht gute Leute.“ Sie hörte selbst, dass ihre Stimme eher resigniert als aufmunternd klang. Und sie wusste, dass ihr Mann mit alldem nichts anfangen konnte. Ihm fehlte das Feuer, der Wille zu beweisen, dass der junge Staat der DDR eine bessere Zukunft bot als jener im kapitalistischen Westen. Dort machte man nach dem Krieg genauso weiter wie vorher. Dabei wusste doch jeder, wohin das geführt hatte! Nein, es war dringend Zeit, dass das Volk selbst die Dinge in die Hand nahm und nicht die da oben. „Wir bauen hier ein Land auf, Walter, in dem jeder Werktätige seine Fähigkeiten zum größten Nutzen für das Volk zur Verfügung stellt.“

Ihr Mann stöhnte auf. „Hör auf, du bist hier nicht auf einer Parteiversammlung.“ Dann sah er sie an. „Also, kommst du mit? Du und die Kleine? Wir nehmen unsere Sachen und …“

„Wenn deine Tochter und ich dir so wenig bedeuten, dann solltest du wohl gehen. Es ist mir egal, wohin. Komm nur nicht wieder!“ Mit diesen Worten verließ sie die Küche, lief über den Flur zum Schlafzimmer, knallte die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um.

Anja Marschall

Über Anja Marschall

Biografie

Die gebürtige Hamburgerin Anja Marschall lebt als Autorin und Journalistin mit ihrer Familie in Schleswig-Holstein. Vor ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete sie als Erzieherin, Pressereferentin, Lokaljournalistin, EU-Projektleitung in der Sozialforschung, war Apfelpflückerin in Israel,...

Weitere Titel der Serie „Die Kaffee-Saga“

Drei starke Frauen in bewegten Zeiten, der Duft von Kaffee und der Traum von Freiheit: Begeben Sie sich hinein in die Hamburger Speicherstadt und in die Geschichte einer Hamburger Kaffeedynastie vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte zwischen 1889 und 1989!

Pressestimmen
sonjas_buecherecke

„Ein herausragender Abschluss dieser Trilogie. Ich war und bin immer noch total begeistert. Auch das Cover ist wieder ein echter Hingucker. Für ich ist dieser Traumlektüre wieder ein Lesehighlight, für das ich sehr gerne 5 Sterne vergebe.“

histo-couch.de

„Eine unterhaltsame Lektüre und eine bewegende Rückblende auf die nahe Vergangenheit.“

Burgenländerin

„So richtig zum Mitleiden, Mitfiebern und Mitträumen!“

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