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SpinnenracheSpinnenrache

Spinnenrache

Elemental Assassin 14

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Spinnenrache — Inhalt

Gin Blanco lässt sich von nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Seit sie zu Ashlands Königin der Unterwelt geworden ist, muss sie sich täglich mit Dieben, Betrügern und anderen Kriminellen herumschlagen. Doch als eine tot geglaubte Verwandte ihres Ziehbruders Finn in die Stadt zurückkehrt, wird Gins Leben endgültig auf den Kopf gestellt. Was wird mit Gins Familie passieren, wenn Finn sich der mächtigen Eismagierin Deirdre zuwendet? Er war bisher Gins rechte Hand, aber plötzlich fühlt sie sich ausgeschlossen. Obwohl sie sich gerne für Finn freuen würde, beschleicht „die Spinne“ Gin das ungute Gefühl, dass hinter der Verwandtschaftszusammenführung eine finstere Absicht steckt ...

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 06.07.2020
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
416 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28223-9
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 06.07.2020
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99602-0

Leseprobe zu „Spinnenrache“

Kapitel 1

Ein Grab zu öffnen, war eine schwere, dreckige Arbeit.

Nur gut, dass schwere, dreckige Arbeit zu meinen Spezialitäten gehörte. Auch wenn das hier ein wenig aus dem Rahmen fiel. Als die Spinne, von Beruf Profikillerin, bringe ich Leute gewöhnlich eher unter die Erde, statt sie wieder herauszuholen.

Doch hier war ich nun, auf dem Blue-Ridge-Friedhof, um kurz nach zehn Uhr in dieser kalten Novembernacht. Winzige Schneeflocken trudelten aus den dunklen Wolken am Himmel und tanzten in der böigen Brise wie zerbrechliche Kristall-Elfen. Hin und [...]

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Kapitel 1

Ein Grab zu öffnen, war eine schwere, dreckige Arbeit.

Nur gut, dass schwere, dreckige Arbeit zu meinen Spezialitäten gehörte. Auch wenn das hier ein wenig aus dem Rahmen fiel. Als die Spinne, von Beruf Profikillerin, bringe ich Leute gewöhnlich eher unter die Erde, statt sie wieder herauszuholen.

Doch hier war ich nun, auf dem Blue-Ridge-Friedhof, um kurz nach zehn Uhr in dieser kalten Novembernacht. Winzige Schneeflocken trudelten aus den dunklen Wolken am Himmel und tanzten in der böigen Brise wie zerbrechliche Kristall-Elfen. Hin und wieder frischte der Wind auf, beschoss mich mit Wolken aus Schnee und presste mir eisige Flocken an die ausgekühlten Wangen.

Ich ignorierte den neuesten Ansturm von Schneeflocken auf mein Gesicht und grub weiter, so wie ich es schon seit einer Stunde tat. Die Schaufel in die gefrorene Erde zu bohren und sie dann auf einen Haufen zu kippen, hatte nur ein Gutes: Die wiederholte Bewegung hielt mich warm und gelenkig. Sonst wäre ich genauso kalt und steif geworden wie die Grabsteine um mich herum.

Trotz des Schnees gab es genug Licht, dank der altmodischen Straßenlaternen entlang der Hauptwege des Friedhofes. Eine der Lampen stand nur ungefähr fünf Meter von der Stelle entfernt, an der ich grub. Ihr goldenes Licht beschien den aufragenden Stein vor mir, sodass der eingemeißelte Name auf dem grauen Stein so dunkel hervortrat wie Blut.

Deirdre Shaw.

Die Mutter meines Ziehbruders, Finnegan Lane. Eine Eismagierin. Und eine potenziell gefährliche Feindin.

Vor einer Woche hatte ich eine Akte gefunden, die Fletcher Lane – Finns Vater und mein Profikiller-Mentor – in seinem Büro versteckt hatte. Und in der erklärt wurde, dass Deirdre mächtig, hinterlistig und verräterisch war – und bei Weitem nicht so tot, wie alle glaubten. Also war ich heute Abend hierhergekommen, um herauszufinden, ob sie sich wirklich die Radieschen von unten ansah. Ich hoffte, dass sie tot war und in ihrem Grab verrottete. Darauf gewettet hätte ich aber nicht.

Zu viele Dinge aus meiner eigenen Vergangenheit waren wieder aufgetaucht, um mich zu verfolgen, als dass ich etwas so Wichtiges dem Zufall überlassen hätte.

Plonk.

Meine Schaufel traf auf etwas Hartes, es klang wie Metall. Ich unterbrach meine Bewegungen und atmete tief durch, weil ich hoffte, den Geruch von Verfall wahrzunehmen. Doch ich roch nur den kalten, frischen Duft des Schnees, gepaart mit dem angenehmen Aroma reichhaltiger Erde. Weder Verwesung noch Tod und – wahrscheinlich – auch keine Leiche.

Eilig kratzte ich den Rest der Erde vom Sarg. Eine Rune war in den Deckel gestanzt – gezackte Eisscherben, die so zusammengefügt worden waren, dass sie ein Herz bildeten. Mein Magen verkrampfte sich vor Anspannung. Fletcher hatte dieselbe Rune auf den Deckel von Deirdre Shaws Akte gezeichnet. Das war definitiv das richtige Grab.

Ich stand bereits in der Grube, die ich gegraben hatte. Jetzt kratzte ich noch ein paar Erdbrocken weg, damit ich neben dem Kopfteil des Sarges in die Hocke gehen konnte. Der Metalldeckel war verschlossen, doch er durfte einfach zu lösen sein. Ich legte meine Schaufel zur Seite, zog meine schwarzen Handschuhe aus, hob die Hände und rief meine Eismagie. Die identischen Narben in meinen Handflächen – ein kleiner Kreis umgeben von acht dünnen Strichen – begannen im kalten, silbernen Licht meiner Macht zu glühen. Meine Spinnenrune – das Symbol für Geduld.

Als ich genug Magie hielt, senkte ich die Hände, legte meine Finger um die Schlösser am Sargdeckel und beschoss sie mit meiner Eismacht. Ich überzog die Schlösser mit einer ungefähr fünf Zentimeter dicken Eisschicht, dann schickte ich einen weiteren Magiestoß aus, um die kalten Kristalle zum Bersten zu bringen. Gleichzeitig verhärtete ich meine Haut mit meiner Steinmagie. Die Schlösser zerbrachen unter dem magischen Angriff und meine verhärtete Haut verhinderte, dass die scharfen Splitter mich verletzten. Ich schlug mir die Reste der Schlösser und des elementaren Eises von den Händen, vergrub meine Füße in der Erde, griff nach dem Deckelrand und zerrte daran.

Der Deckel war schwerer, als ich erwartet hatte. Das Metall wollte einfach nicht aufgehen, nicht nach all den friedlichen Jahren im Boden. Der Sarg knirschte und quietschte protestierend, doch ich schaffte es, den Deckel ein paar Zentimeter nach oben zu stemmen. Eilig schnappte ich mir meine Schaufel und schob das Blatt in den Spalt, um mein Werkzeug als Hebel einzusetzen.

Erde prasselte um mich herum zu Boden und vermischte sich mit den Schneeflocken. Ich musste die Nase rümpfen, um ein Niesen zu unterdrücken. Ich schob die gesamte Länge der Schaufel zwischen Deckel und Rand des Sarges, damit die Kiste offen blieb. Dann wischte ich mir den Schweiß von der Stirn, stemmte die Hände auf die Knie, schöpfte Atem und sah nach unten.

Genau wie ich es erwartet hatte, war der Sarg mit schneeweißer Seide ausgekleidet, mit einem kleinen, eckigen Kissen ganz oben, wo der Kopf einer Person ruhen sollte. Doch direkt unter dem Kissen, genau in der Mitte des feinen Stoffbezuges, entdeckte ich etwas, mit dem ich wirklich nicht gerechnet hatte.

Ein Kästchen.

Es hatte ungefähr die Größe eines Handkoffers und bestand aus Steinsilber – einem widerstandsfähigen Metall, das zusätzlich die einzigartige Eigenschaft besaß, Magie aufzunehmen und zu speichern. Die graue Oberfläche des Kästchens glänzte wie eine frisch geprägte Münze, sodass es ebenso sauber und unberührt wirkte wie der weiße Seidenbezug.

Ich runzelte die Stirn. Ich hatte damit gerechnet, den Sarg vollkommen leer vorzufinden. Oder mit einer verwesenden Leiche. Wenn ich viel Glück gehabt hätte, hätte tatsächlich die tote Deirdre Shaw darin gelegen.

Wieso also befand sich dort ein Kästchen? Und wer hatte es in den Sarg getan?

Während ich den kleinen Koffer anstarrte, verkrampfte sich mein Magen zu immer mehr kleinen Knoten. Vor Kurzem hatte ich mich Raymond Pike entgegengestellt, einem Metallelementar, der gerne Bomben gelegt hatte, bevor ich dabei geholfen hatte, ihn im botanischen Garten unter die Erde zu bringen. Raymond hatte einen Brief erhalten, auf dem Deirdre Shaws Rune geprangt hatte. Und er hatte damit angegeben, dass die beiden Geschäftspartner waren – und dass sie die kaltherzigste Person war, der er je begegnet war. Ich fragte mich, ob er ihr den Gefallen getan hatte, das Kästchen in ihrem Sarg zu verkabeln, damit sie jeden in die Luft sprengen konnte, der nachschaute, ob sie wirklich tot war.

Also setzte ich meine Steinmagie ein, um auf die Steine in der Umgebung des Sarges zu lauschen. Doch das Element murmelte nur über die Kälte, den Schnee und die Ruhestörung durch mich. Ich konnte keine anderen emotionalen Resonanzen von den Steinen auffangen … was bedeutete, dass sich diesem Sarg seit Jahren niemand genähert hatte.

Ich ging in die Hocke und strich die Erde zur Seite, die beim Öffnen des Sarges auf den kleinen Koffer gefallen war. Von der Steinsilber-Kiste strahlte keine Magie aus, obwohl auf ihrem Deckel ebenfalls eine Rune prangte – derselbe kleine Kreis umgeben von acht dünnen Strahlen, der auch in meine Handflächen eingebrannt war.

Meine Spinnenrune.

„Fletcher“, flüsterte ich. Mein Atem bildete eine Wolke vor meinem Gesicht.

Der alte Mann hatte das Kästchen hier versteckt, damit ich es fand. Daran zweifelte ich keinen Moment. Fletcher war scheinbar der Einzige, der gewusst hatte, dass Deirdre Shaw nicht tot war. Und noch wichtiger, er hatte mich gekannt. Ihm war bewusst gewesen, dass ich – sollte Deirdre jemals wieder in Ashland und in Finns Leben auftauchen – die Akte über sie finden und hierherkommen würde, um nachzusehen, ob sie tot und beerdigt war.

Wieder einmal hatte der alte Mann mir über seinen Tod hinaus Hinweise hinterlassen, von jenseits seines Grabes, das nur etwa hundert Meter entfernt lag. Aus irgendeinem Grund waren er und Deirdre nicht nebeneinander beerdigt worden. Eine Tatsache, über die ich bis heute nicht groß nachgedacht hatte. Ich fragte mich, wieso Fletcher die angeblich tote Mutter seines Sohnes nicht in seinem Grab hatte beerdigen lassen. Irgendetwas musste zwischen ihm und Deirdre vorgefallen sein – etwas Schlimmes.

Ich ließ meine Finger auch über die Seide in der unteren Hälfte des Sarges gleiten, für den Fall, dass dort noch etwas anderes versteckt worden war. Doch ich fand nichts mehr. Also schob ich die Hände unter das Kästchen und hob es aus seinem seidigen Kokon. Es war überraschend schwer, als hätte Fletcher die Kiste bis zum Rand mit Informationen gefüllt. Das Gewicht machte mich noch neugieriger auf das, was sich darin befand …

„Hast du auch etwas gehört, Don?“

Ich erstarrte und hoffte inständig, dass ich mir die hohe Frauenstimme nur eingebildet hatte.

„Jepp, habe ich, Ethel“, antwortete eine tiefere, männliche Stimme.

So viel Glück hatte ich nicht.

Das Kästchen immer noch in den Armen, stellte ich mich auf die Zehenspitzen und spähte über den Rand des Grabes. Ein Mann und eine Frau standen ungefähr zehn Meter entfernt von mir. Ihrem muskulösen Körperbau und ihrer Größe von kaum einem Meter fünfzig nach waren sie beide Zwerge. Ich hatte nicht gehört, dass ein Auto auf den Friedhof gerollt wäre, also mussten die beiden in der Nähe geparkt haben und zu Fuß aufs Gelände gekommen sein, genau wie ich. Sie trugen warme Winterkleidung ganz in Schwarz und hatten keine Taschenlampen dabei, was bedeutete, dass sie nicht entdeckt werden wollten. Außerdem hatten sie Schaufeln geschultert, deren Metallteile im silbernen Licht der Laternen glänzten. Es gab nur einen Grund, wieso diese beiden so spät am Abend auf dem Friedhof herumkriechen mochten.

Ich verzog angewidert den Mund. Grabräuber waren die schlimmste Form von Abschaum, sogar in der Masse an Kriminellen, die sich so in Ashland tummelte.

Sie mussten meinen Blick gespürt haben – oder den großen Haufen Erde entdeckt, den ich aufgehäuft hatte –, denn beide drehten sich um und sahen mich direkt an.

„Hey!“, rief die Frau, Ethel. „Hier ist jemand.“

Die beiden Zwerge rannten in meine Richtung. Ich fluchte, stellte die Kiste auf den Boden neben dem Grabstein und stemmte mich aus der Grube. Ich war gerade auf die Beine gekommen, als die beiden Zwerge vor mich traten, die Schaufeln jetzt wie Lanzen in den Händen.

Ethel starrte mich aus finster zusammengekniffenen, blauen Augen an. „Was glaubst du, was du hier tust? Das ist unser Friedhof. Er gehört nur uns.“

„Ach, Ethel, sei doch nicht so“, sagte ihr Gefährte. „Sieh es positiv. Zumindest hat sie uns bereits die schwere Arbeit abgenommen, das Grab zu öffnen. Und es sieht aus, als hätte sie auch noch etwas Gutes gefunden.“

Er stach mit seiner Schaufel in Richtung des Steinsilber-Kästchens. Ich ballte die Hände zu Fäusten. Auf keinen Fall würden sie das in ihre schmutzigen Finger bekommen. Nicht, wenn sich darin vielleicht weitere Hinweise zu Deirdre Shaw befanden – darüber, wo sie sich vielleicht aufhielt und wieso alle glaubten, sie wäre tot … inklusive Finn, ihrem Sohn.

Don grinste. Mit seiner leuchtend roten Nase und dem buschigen, weißen Bart sah er aus wie Santa Claus. Und Ethel war sein perfektes Gegenstück: Sie hatte rosige Wangen und kurze, weiße Locken. Falls Santa und Mrs Claus gemeine, nutzlose Grabräuber waren.

„Hey, wir sollten ihr danken, Ethel“, meinte Don langsam. „Bevor wir sie umbringen, natürlich.“

Ethel nickte. „Du hast recht, Schatz. Hast du ja immer.“

Die beiden Zwerge packten ihre Schaufeln fester und kamen auf mich zu, doch ich hielt die Stellung, meine grauen Augen so hart und kalt wie die schneebedeckten Grabsteine.

„Bevor ihr beide etwas tut, was ihr bald nicht mehr bereuen könnt, weil ihr tot sein werdet, solltet ihr wissen, dass diese Kiste mir gehört“, sagte ich. „Geht jetzt weg und kommt nicht wieder, dann werde ich vergessen, dass ich euch heute Abend gesehen habe.“

„Und wer glaubst du, dass du bist, dass du uns Befehle erteilst?“, blaffte Ethel.

„Gin Blanco. Die bin ich.“

Ich hatte meinen Namen nicht gesagt, um zu prahlen. Eigentlich nicht. Aber ich war inzwischen die Chefin der Unterwelt von Ashland, was bedeuten sollte, dass sie genau wussten, wer ich war – und auch, was ich ihnen antun konnte.

Ethel verdrehte die Augen. „Du musst wirklich verzweifelt sein, wenn du behauptest, du wärst sie. Andererseits, tote Frauen behaupten fast alles, um weiteratmen zu dürfen, nicht wahr, Don?“

Der andere Zwerg nickte. „Jepp.“

Ich knirschte mit den Zähnen. Aus irgendeinem Grund hatten zwielichtige Kerle keinerlei Probleme damit, mich im Pork Pit, meinem Barbecue-Restaurant, aufzuspüren und dort Mordanschläge auf mich zu verüben. Doch wann immer ich mich vom Restaurant entfernte, in eine knifflige Situation geriet und versuchte, die Leute zu warnen, indem ich ihnen verriet, wer ich wirklich war, schien mir niemand zu glauben. Ironie des Schicksals.

„Außerdem“, fuhr Don fort, „würde es auch keine Rolle spielen, wenn du wirklich Gin Blanco wärst. Jeder weiß, dass sie nur dem Namen nach die Oberchefin ist. Es wird nicht mehr lange dauern, bis jemand sie umbringt und ihren Platz einnimmt.“

Das musste ich ihm lassen: In diesem Punkt hatte er recht. Die anderen Bosse intrigierten immer noch gegen mich und viele der lokalen Kriminellen warteten ab, wie es mit meiner Herrschaft über die Unterwelt so weiterging – wie kurz sie dauern würde –, bevor sie sich offiziell auf eine Seite schlugen. Trotzdem kam es mir irgendwie traurig vor, dass selbst die ortsansässigen Grabräuber mich nicht respektierten.

Ich öffnete den Mund, um ihnen zu sagen, dass sie sich benahmen wie Vollidioten, aber Don sprach weiter.

„Genug Gerede jetzt. Es ist schweinekalt hier draußen und wir müssen uns an die Arbeit machen, was bedeutet, dass deine Zeit abgelaufen ist. Aber da du diese Kiste für uns gefunden hast, mache ich dir ein Angebot. Dreh dich um und ich schlage dir die Schaufel auf den Hinterkopf.“ Don ließ sein Werkzeug in einem fiesen Bogen durch die Luft sausen. „Du wirst nicht mal merken, was dich getroffen hat. Ich werde dich sogar in dieses Grab rollen, sodass du wenigstens eine anständige Beerdigung bekommst.“

Ich ließ das Steinsilber-Messer aus meinem rechten Ärmel in meine Hand gleiten und hob die Klinge, sodass sie aufblitzte. „So nett dein Angebot auch ist, ich werde es ablehnen müssen.“

Ethel starrte mich böse an. „So soll es also laufen?“

„So läuft es bei mir immer.“

Die beiden Zwerge wechselten einen Blick, dann hoben sie ihre Schaufeln und stürmten auf mich zu. Ich rief meine Steinmagie und setzte sie erneut ein, um meinen Körper zu verhärten, dann warf ich mich ihnen entgegen.

Ich wich Ethel aus und kam nah genug an Don heran, um ihm meine Klinge über die Brust zu ziehen. Doch er trug so viele Kleidungsschichten, dass es sich anfühlte, als hätte ich ein Marshmallow aufgeschnitten. Ich durchtrennte seine Daunenweste, sodass winzige Federn aufgewirbelt wurden, mir für einen Moment die Sicht raubten und mich zum Niesen brachten. Don jaulte überrascht auf und stolperte rückwärts. Ich nieste wieder und folgte ihm …

Whack!

Ein Schaufelblatt traf meine Schulter, wodurch ich herumgewirbelt wurde. Doch da ich immer noch meine Steinmagie hielt, prallte das Metall von meiner Schulter ab, statt mir alle Knochen im Arm zu brechen.

Ich blinzelte die letzten Federn aus meinen Augen und entdeckte, dass Ethel mich erneut böse anstarrte.

„Schau dir das graue Glühen in ihren Augen an“, schnaubte sie. „Sie ist ein Steinelementar. Wir werden sie zu Tode prügeln müssen, um sie wirklich zu erledigen.“

Don grinste und seine blauen Augen glitzerten in seinem Gesicht, was ihn noch mehr aussehen ließ wie Santa Claus. „Hey, das wird wieder wie in unseren Flitterwochen“, flötete er. „Erinnerst du dich, wie wir diesen Friedhof in Cloudburst Falls ausgeräumt haben, Süße?“

Das Pärchen lächelte sich verträumt zu, bevor sie sich beide erneut auf mich stürzten. Nun, zumindest unternahmen sie noch etwas miteinander.

Statt zu versuchen, all ihre Winterklamotten und die widerstandsfähigen Muskeln darunter zu durchstoßen, rief ich meine Magie, hob die Hand und jagte ihnen eine Salve Eisdolche entgegen. Ethel warf sich zu Boden und entkam so meinem eisigen Angriff, Don war hingegen nicht so clever. Mehrere der langen, scharfen Eisklingen gruben sich ihm in die Brust. Da Zwerge sehr stark waren, brummte er nur, eher überrascht als ernsthaft verletzt, aber immerhin entglitt ihm seine Schaufel und fiel zu Boden.

Ich ließ mein Messer fallen, sprang vorwärts und schnappte mir das Werkzeug, weil es in diesem Fall die bessere Waffe darstellte. Dann riss ich die Arme zurück und schlug ihm die Schaufel so fest wie möglich auf den Kopf, als wäre sein Schädel ein Baseball, den ich aus dem Stadion schlagen wollte.

Bonk.

Don starrte mich schwankend an. Seine Augen verdrehten sich. Seine zwergische Muskulatur mochte außergewöhnlich dick und zäh sein, aber eine kalte Metallschaufel auf den Kopf war mehr als ausreichend, um eine Kerbe in seiner Bowlingkugel von Schädel zu hinterlassen. Trotzdem, es war nur eine Kerbe und er fiel auch nicht um, also schlug ich noch mal zu.

Bonk.

Und dann wieder und wieder, bis sein Schädel brach und ihm Blut über Kopf, Gesicht und Hals rann. Dons Augen wurden glasig und er stürzte zu Boden, wo sein Blut den gefrorenen Boden durchtränkte.

„Don!“, jaulte Ethel, als ihr klar wurde, dass er nie mehr aufstehen würde. „Don!“

Sie packte ihre eigene Schaufel fester, sprang wieder auf und stürzte sich auf mich. „Du Miststück!“, kreischte sie. „Dafür werde ich dich umbringen!“

Ethel hielt direkt vor mir an und hob die Schaufel über den Kopf, um genug Schwung zu bekommen, damit sie mit einem tödlichen Schlag meine Steinmagie durchdringen konnte. Doch indem sie das tat, gab sie sich eine riesige Blöße. Es war zu leicht für mich, mir ein weiteres Messer in die Hand gleiten zu lassen, mich nach vorne zu werfen und die Klinge in ihrer Kehle zu vergraben.

Ethels Augen traten aus den Höhlen, blutiger Schaum erschien auf ihren Lippen. Sie hustete und warme Blutstropfen brannten auf meinen Wangen, wie es vorhin die Schneeflocken getan hatten. Ich riss mein Messer aus ihrem Fleisch, womit ich noch mehr Schaden anrichtete, doch Ethel war noch nicht bereit, einfach aufzugeben. Sie stolperte nach vorn, hob ihre Schaufel noch höher und wollte ihren tödlichen Schlag doch noch ausführen.

Zu spät.

Das Werkzeug entglitt ihren Händen, dann fiel ihr Körper langsam nach vorne um. Sie landete mit dem Gesicht nach unten auf dem Haufen loser Erde, den ich aufgeworfen hatte … als wäre er ein riesiges Kissen, auf dem sie sich nur einen Moment ausruhen wollte. Nun, so konnte man sich auch zur letzten Ruhe betten.

Nach Luft schnappend, wartete ich wachsam ab. Mehr und mehr Blut drang aus den Wunden des Pärchens, doch Don und Ethel bewegten sich nicht mehr. Sie waren genauso tot wie der Rest der Leichen auf diesem Friedhof.

Als ich mir sicher war, dass sie nicht wieder aufstehen würden, sammelte ich mein erstes Messer vom Boden ein, wischte Ethels Blut von der zweiten Klinge und schob beide Waffen zurück in meine Ärmel. Ich schaute mich um, doch die Nacht war wieder ruhig. Niemand kam, um nachzusehen. Der Friedhof lag relativ abgelegen auf einem der vielen Berghänge, die sich durch Ashland zogen, und ich bezweifelte, dass unser Kampf genug Lärm erzeugt hatte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Trotzdem musste ich irgendetwas mit den Leichen anstellen. Ich wollte nicht, dass jemand erfuhr, dass ich heute Nacht hier gewesen war, und noch weniger, wessen Grab ich geöffnet hatte.

Ich sah auf die Leichen der Zwerge hinunter, dann in den geöffneten Sarg.

Don hatte recht. Ich hatte mir die Mühe gemacht, Deirdre Shaws Grab zu öffnen. Sie lag nicht in ihrem Sarg, also konnte genauso gut irgendwer anders ihn nutzen.

Ich grinste.

Warum nicht ich?



Kapitel 2

Ich rollte die Leichen der Zwerge in den Sarg, schloss den Deckel und schaufelte den Erdhaufen wieder darüber. Dann legte ich die Grassoden aus, die ich zuvor zur Seite geschoben hatte, damit das Wintergras sich erneut der Umgebung anpasste.

Der Schneefall verstärkte sich, während ich arbeitete, bis stetige dicke Flocken vom Himmel fielen. Gut. Die immer höher werdende Schicht aus Weiß auf dem Boden verbarg die unebenen Stellen und die Erdklumpen um das Grab. Zwar rechnete ich nicht damit, dass außer mir noch jemand nach Deirdre Shaw suchen würde, aber Fletcher hatte mir schließlich beigebracht, dass ich in Bezug auf einen neuen und noch quasi unbekannten Feind nie vorsichtig genug sein konnte.

Bis ich damit fertig war, dem Grab ein möglichst unberührtes Aussehen zu verleihen, war es fast Mitternacht geworden. Dann schnappte ich mir den Kasten, der in Deirdres Sarg verborgen gewesen war, und verließ den Friedhof.

Ich ging zu meinem Auto, das ich gute fünfhundert Meter vom Friedhofstor entfernt geparkt hatte. Als ich hergekommen war, hatte ich eine weiße Plastiktüte ins Fenster der Fahrertür geklemmt, als hätte ich eine Panne – damit niemand sich fragte, wieso der Wagen am Straßenrand stand. Aber inzwischen war mein Auto nicht mehr das einzige an der Straße. Ungefähr hundert Meter entfernt stand ein heruntergekommener alter Van, in dessen Fenster ebenfalls eine Tüte klemmte. Wahrscheinlich war das Dons und Ethels Karre, die damit die Beute hatten wegschaffen wollen, die sie beim Grabraub gefunden hätten.

Ich nahm den Van nicht weiter zur Kenntnis. In einigen Tagen würde jemand neugierig – oder gierig – genug werden, um ihn sich genauer anzusehen. Diese Person würde entweder die Polizei rufen, um ein verlassenes Auto zu melden, oder ein Fenster einschlagen, den Van kurzschließen und damit wegfahren, um die Einzelteile zu verkaufen. Ich setzte auf die zweite Möglichkeit. Schließlich befanden wir uns hier in Ashland, der Stadt krimineller Verschwörungen und böswilliger Absichten.

Ich öffnete meinen Wagen, zog die Tüte aus dem Fenster und stieg ein. Dann stellte ich den Kasten auf den Beifahrersitz, drehte die Heizung auf und fuhr nach Hause.

Die Straßen um den Friedhof waren dunkel, kurvig und schneebedeckt. Das zwang mich dazu, langsam zu fahren. Jedes Mal, wenn ich geradeaus fahren konnte, musterte ich den Kasten und fragte mich, welche Geheimnisse sich wohl darin verbargen. Die Spinnenrunen auf meinen Handflächen kribbelten vor Anspannung, doch ich packte das Lenkrad fester und zwang mich, den Blick wieder auf die Straße zu richten. Fletcher hatte mir Geduld beigebracht. Ich konnte mit dem Öffnen warten, bis ich zu Hause war. Außerdem wollte ich den Inhalt langsam, ruhig und sorgfältig durchsuchen, trotz meines brennenden Verlangens, den Deckel sofort aufzureißen und im Innern herumzugraben wie ein Kind in einer Geschenkkiste voller Papier.

Zwanzig Minuten später bog ich von der Straße ab und lenkte meinen Wagen eine holprige, steile Auffahrt hinauf. Die Reifen drehten im Schnee durch, bis sie den Kies darunter fanden, doch ich gab weiter Gas und fuhr langsam den Abhang hinauf.

Oben angekommen, erkannte ich Fletchers Haus – jetzt mein Haus. Der Schnee deckte vieles zu und die fallenden weißen Flocken verbargen einen Großteil der nicht zusammenpassenden Teile aus Ziegeln, Blech und anderen Baumaterialien, aus denen das heruntergekommene Gebäude bestand. Jetzt wirkte das Haus zur Abwechslung einmal ansehnlich und verstärkte so noch mein Gefühl, in eine Schneekugel geraten zu sein.

Eigentlich hätten das Haus, die Rasenfläche davor und die Wälder auf dem Berggrat dahinter einen dunklen und verlassenen Eindruck machen sollen.

Aber das war nicht der Fall.

Eine marineblaue Limousine parkte in der Einfahrt und das Licht auf der Veranda war angeschaltet, ein helles Leuchtfeuer in der ruhigen, verschneiten Nacht.

Bria war hier.

Überrascht nahm ich den Fuß vom Gas. Sofort blieb der Wagen fast im Schnee stecken, also trat ich wieder aufs Pedal, drehte das Lenkrad und parkte neben der Limousine. Ich schaltete den Motor aus und spähte zum Haus hinüber. Sie musste auf mich warten. Ich fragte mich nach dem Grund.

Meine Schwester hatte so wie immer gewirkt, als sie mich zum Mittagessen im Pork Pit besucht hatte. Doch seitdem konnte Verschiedenstes geschehen sein – Gutes wie Schlechtes. Alles war möglich … Bria konnte endlich einen Hinweis auf das Versteck von Emery Slater entdeckt haben, einer Riesenfeindin meinerseits, oder sie benötigte Hilfe bei einem ihrer Fälle. Doch natürlich spuckte mein paranoides Hirn sofort die Worst-Case-Szenarien aus, etwa dass einer unserer Freunde verletzt oder als Geisel genommen worden oder sogar gestorben war.

Sorge und Grauen stiegen mir in der Kehle hoch wie Säure, doch ich zwang mich, ruhig zu bleiben, mein Handy aus der Jackentasche zu ziehen und es anzuschalten. Ich hatte nicht gewollt, dass Silvio Sanchez, mein persönlicher Assistent, mein Handy nachverfolgte und herausbekam, wohin ich unterwegs war. Also hatte ich das Gerät vor meinem Ausflug auf den Friedhof ausgeschaltet.

Ich hatte weder verpasste Anrufe noch irgendwelche Nachrichten. Niemand hatte versucht, mich zu erreichen, was bedeutete, dass es meinen Freunden vermutlich gut ging. Statt meine Befürchtungen zu beschwichtigen, verstärkte diese Tatsache sie nur noch. Was war so wichtig, dass Bria heute Abend gekommen war?

Und das war nicht meine einzige Sorge.

Ich betrachtete den Steinsilber-Kasten auf dem Beifahrersitz. Im goldenen Schein des Verandalichts glitzerte die eingravierte Spinnenrune auf dem Deckel wie ein allwissendes Auge. Am liebsten hätte ich den Kasten hier draußen gelassen, damit Bria ihn nicht sah und mir keine unangenehmen Fragen stellte.

Doch Deirdre Shaw war kein Geheimnis, das ich noch lange wahren konnte. Irgendwann musste ich Finn erzählen, dass seine Mutter noch lebte. Und Bria und Finn liebten sich. Vielleicht konnte mir meine Schwester einen brauchbaren Rat geben, wie ich ihm die Nachricht am besten überbringen sollte. Zumindest würde sie mir zuhören, während ich entschied, wie ich mit der Angelegenheit umgehen wollte.

Also stieg ich aus dem Auto, schnappte mir den Kasten und ging zur Veranda. Auf der Suche nach Eindringlingen ließ ich den Blick über das Haus, den Vorgarten und den Wald gleiten. Gleichzeitig setzte ich meine Steinmagie ein, um den Steinen unter dem Schnee zu lauschen. Doch sie flüsterten nur von der Kälte, dem Wind und dem steten Schneefall – ohne jegliche Untertöne von Angst, Besorgnis und Bösartigkeit. Bria war hier die einzige Person.

Ich trat auf die Veranda, dann schloss ich die Vordertür auf und öffnete sie. Ich trat mir den Schnee von den Füßen und machte insgesamt ziemlichen Lärm, damit sie merkte, dass ich zu Hause angekommen war.

„Gin?“ Brias helle Stimme drang mir durch das Haus ans Ohr.

„Jepp.“

„Ich bin im Wohnzimmer.“

„Komme gleich.“

Ich verschloss die Tür hinter mir, warf meinen Schlüsselbund auf einen Beistelltisch und begab mich in den hinteren Teil des Hauses, den Kasten noch immer unter dem Arm. Als ich das Wohnzimmer betrat, entdeckte ich Detective Bria Coolidge auf der Couch, die den Blick auf ihr Handy gerichtet hatte.

In gewisser Weise waren wir das Spiegelbild der anderen, mit unseren dunklen Jeans und den dicken Oberteilen. Doch natürlich waren Brias Hände und ihre Kleidung sauber und ohne Flecken. Vor ihrem marineblauen Rollkragenpullover leuchtete ihre Schlüsselblumen-Rune in hellem Silber. Außerdem wirkte sie viel entspannter, als ich mich fühlte. Sie hatte die Stiefel ausgezogen und die Füße in den Socken auf den Couchtisch gelegt. Ihre Pistole und die goldene Dienstmarke lagen auf der verkratzten Holzoberfläche, dicht neben … Fletchers Akte über Deirdre.

Ich erstarrte. In der Eile, Deirdres Grab auszuheben, bevor es richtig schneite, hatte ich vor meinem Aufbruch nicht daran gedacht, die Akte zu verstecken. Andererseits hatte ich an diesem Abend auch nicht mit Besuch gerechnet. Hätte ein Eindringling sich im Haus versteckt, hätte ich ihn getötet, damit er keine Chance bekam, irgendwem irgendetwas zu erzählen.

Aber jetzt war Bria hier und hatte die Akte entdeckt. Sie wusste also, dass etwas im Busch war.

Bria wandte den Kopf, und ich sah, wie ihr goldenes Haar glänzte. Der Blick ihrer blauen Augen huschte über meine schwarze Strickmütze, die Fleecejacke, die Jeans und die Stiefel. Trotz meiner dunklen Kleidung bemerkte ihr scharfer Blick mühelos die Erde und das Blut, die an meiner Kleidung klebten.

„Aha“, sagte sie fast amüsiert. „Ich sehe, die Spinne war heute Nacht beschäftigt. Willst du mir erzählen, wo du warst, was du getrieben und wie viele Leute du getötet hast?“

„Das hängt davon ab, wer mich das fragt, die Polizistin oder meine kleine Schwester.“

Auf ihrem hübschen Gesicht zeigte sich ein schelmisches Lächeln. „Nun, diese Polizistin weiß, dass du irgendetwas Zwielichtiges auf dem Blue-Ridge-Friedhof getrieben hast.“

Ich blinzelte. „Woher weißt du, dass ich dort war?“

Sie zählte die Punkte an den Fingern ab. »Zum einen ist es nach Mitternacht, und du trägst deine übliche Profikiller-Kleidung. Außerdem kleben Dreck und Blut an dir … was bedeutet, dass es irgendwo zumindest eine Leiche gab. Ein Friedhof scheint mir der ideale Ort für so etwas zu sein.« Sie hielt inne. „Und es könnte sein, dass ich den GPS-Sender an deinem Auto geortet habe, als ich nach meiner Schicht hier aufgetaucht bin und du nicht zu Hause warst.“

Ich runzelte die Stirn. „Ich habe keinen GPS-Sender in meinem Auto.“

„Richtigstellung! Du hattest keinen GPS-Sender in deinem Auto, bis Silvio vor einigen Tagen einen Tracker daran befestigt hat.“ Bria lächelte wieder. »Er hat nach einer weiteren Möglichkeit gesucht, dich im Blick zu behalten … nachdem du immer dann dein Handy ausschaltest, wenn er nicht wissen soll, wo du dich herumtreibst. Silvio ist ziemlich entschlossen, dich vor dir selbst zu retten, wie er es ausdrückt. Nimm dich in Acht, Gin! Bevor du dich versiehst, näht er GPS-Tracker in deine Unterwäsche ein.«

„Ich werde meinen übereifrigen Assistenten mit Freude erwürgen, wenn er morgen früh zur Arbeit kommt“, knurrte ich. „Aber erst nachdem ich ihm sein Handy und sein Tablet abgenommen habe.“

Sie lachte. „Oh, Silvio sein elektronisches Spielzeug wegzunehmen, dürfte Strafe genug sein. Er hängt ziemlich daran.“

Doch Brias Lachen erstarb und ihr Lächeln verblasste, als sie den silbernen Kasten entdeckte. „Willst du mir erzählen, was heute Abend passiert ist? Und was so wichtig ist an dieser Kiste, die du da an dich drückst, als wären darin alle Geheimnisse des Universums verborgen?“

„Das hängt davon ab“, hielt ich dagegen und trat von einem Fuß auf den anderen. »Erzählst du mir, warum du hier bist? Obwohl ich natürlich nichts gegen Überraschungsbesuche meiner Schwester habe …«

»Ja, heute Abend hast du nicht mit mir gerechnet. Deswegen bist du noch so lange in deinem Auto sitzen geblieben. Du hast darüber nachgedacht, was du tun sollst … und besonders darüber, was du mir erzählen willst.«

Ich zuckte mit den Achseln.

Bria stellte die Füße auf den Boden und schenkte mir einen ernsten Blick. „Ich bin hier, weil du die letzte Woche über sehr still warst.“

Ich runzelte die Stirn, weil ich nicht verstand, worauf sie hinauswollte. »Okay …«

»Aus unserer Kindheit erinnere ich mich an diese Art des Schweigens. Du bist immer ganz still geworden, wenn du über etwas Wichtiges nachgedacht hast … wann immer du ein Problem lösen wolltest, von dem sonst niemand wusste.« Sie lächelte ein wenig traurig. „Wie damals, als ich Moms Lieblingsschneekugel zerbrochen habe, obwohl ich nicht damit spielen sollte und du überlegt hast, wie du mich decken konntest. Erinnerst du dich?“

Bilder blitzten vor meinem inneren Auge auf. Bria, die bewundernd in eine Schneekugel mit einer wunderschönen Gartenszene starrte, die Blumen besetzt mit winzigen echten Diamanten und anderen glitzernden Edelsteinen. Wie sie die Schneekugel in die Hand genommen und ein wenig zu fest geschüttelt hatte, bis sie ihrem Griff entkam und auf den Boden fiel, um in hundert Stücke zu zerspringen. Meine Schwester, die weinte … nicht wegen des Ärgers, den sie bekommen würde, sondern weil sie etwas so Schönes, Zerbrechliches zerstört hatte. Eigentlich eine eher alltägliche Begebenheit, doch eine der wenigen glücklichen Erinnerungen aus meiner Kindheit …

„Gin?“

„Ja“, presste ich hervor, weil ich einen Kloß im Hals hatte. „Ich erinnere mich.“

„Und erinnerst du dich auch daran, was du getan hast?“

Abermals zuckte ich mit den Achseln, weil ich nicht wusste, worauf sie hinauswollte.

Brias trauriges Lächeln hellte sich ein wenig auf. „Annabella hatte vor, sich aus dem Haus zu schleichen, um mit ihren Freunden zu feiern. Also hast du sie damit erpresst, von ihrem Taschengeld die gleiche Schneekugel zu kaufen, obwohl die ein Vermögen kostete. Mom hat nie erfahren, dass ich die erste zerbrochen hatte.“

Brias Blick glitt zu den zwei Zeichnungen, die ich gemacht hatte und die jetzt auf dem Kaminsims standen. Eine zeigte eine Schneeflocke, das Symbol für eisige Ruhe, die andere eine Efeuranke als Symbol für Eleganz. An den jeweiligen Rahmen hingen dazu passende Schmuckanhänger. Die Runen für Eira Snow, unsere Mutter, und Annabella, unsere ältere Schwester, die beide vor langer Zeit gestorben waren.

Bria griff sich an den Hals und berührte ihre eigene Schlüsselblumen-Rune, das Symbol für Schönheit. Die Bewegung sorgte dafür, dass zwei Ringe an ihrer Hand glitzerten. In die eine war eine Schneeflocke, in die andere eine Efeuranke eingestanzt. Ich trug einen ähnlichen Ring mit meiner Spinnenrune. Ein Geschenk von Bria, zusammen mit einem passenden Anhänger um meinen Hals, der zurzeit unter den vielen Schichten meiner Kleidung verborgen lag.

Einen Moment lang starrte meine Schwester die Zeichnungen noch an, dann löste sie die Hand von der Kette und wandte mir abermals ihre Aufmerksamkeit zu. »Da wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, wie sehr du mich liebst … und wie hinterhältig du sein kannst.«

Ich räusperte mich, um die Erinnerungen und die Melancholie zu verscheuchen, die immer damit einhergingen. „Also bist du heute Abend hergekommen, weil ich still war?“

„Zu still, um genau zu sein.“ Sie musterte mich weiter unverwandt. »Deine besondere Art von Stille, die darauf hinweist, dass etwas im Busch ist. Falls es dich beruhigt … ich glaube nicht, dass außer mir irgendjemandem sonst etwas aufgefallen ist. Nicht einmal Silvio, trotz des GPS-Trackers.«

Bria hatte recht. Ich neigte dazu, still zu werden – zu still –, wenn mich etwas beschäftigte. So war es schon in unserer Kindheit gewesen. Ich wusste nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder genervt sein sollte, dass sie mich so gut kannte. Oder musste ich mir einfach nur Sorgen machen, weil ich den inneren Aufruhr nicht besser verbergen konnte?

»Also …«, sagte sie gedehnt. „Ich bin ausgebildete Polizistin und gehe davon aus, dass du dich wahrscheinlich mit dieser Akte auf dem Couchtisch beschäftigst.“

Ich verspannte mich und umklammerte den Kasten noch fester, den ich nach wie vor in den Händen hielt.

„Ich habe die Akte nicht geöffnet“, erklärte Bria. „Dafür achte ich deine Privatsphäre zu sehr.“

»Aber …«

„Aber ich fände es schön, wenn du mir erzählen würdest, was vor sich geht. Ganz offensichtlich ist die Sache ernster als eine zerbrochene Schneekugel.“ Ihre Miene wirkte entschlossen. »Und besonders solltest du mir verraten, wie ich helfen kann. Egal, wie schlimm es auch ist, wir können das Problem lösen … gemeinsam.«

Obwohl ich ihr gern alles gestanden hätte, zögerte ich, verlagerte nervös mein Gewicht und verschob den Kasten von einem Arm auf den anderen. Trotz Brias Wunsch, mir zu helfen, war ich immer noch ich. Ich war immer noch die misstrauische Profikillerin, zu der Fletcher mich gemacht hatte. Und ich wusste, dass Geheimnisse gefährlicher sein konnten als alles andere.

Sicher, ich verspürte das brennende Verlangen, genau zu erfahren, was der Kasten enthielt, vor allem nachdem der alte Mann meine Spinnenrune eingraviert hatte, eine klare Botschaft, dass ich den Kasten finden sollte. Doch irgendwie fürchtete ich mich auch vor dem möglichen Inhalt. Fürchtete mich vor den dunklen, hässlichen Wahrheiten, die Fletcher mit so viel Mühe im wörtlichen Sinn beerdigt hatte.

Wahrheiten, die Finn verletzen konnten.

Bria spürte mein Zögern und wandte den Blick nicht ab. „Lass mich helfen. Lass mich einen Teil der Bürde tragen. Bitte, Gin!“

Ihre Stimme klang noch sanfter, doch ihr Tonfall war fest und voller Entschlossenheit. Sie stand auf, trat auf mich zu und streckte mir die Hände entgegen. Wartete darauf, dass ich ihre Hilfe annahm und mich ihr öffnete.

Und plötzlich schmolz mein Widerstand einfach so dahin, und ich übergab meiner Schwester den Steinsilber-Kasten. Dann trat ich zurück und massierte mir erst den einen, dann den anderen Arm, um den dumpfen Schmerz zu lindern, der sich in meinen Muskeln eingenistet hatte. Seltsam, bisher war mir gar nicht aufgefallen, wie schwer der Kasten war.

Bria nickte mir zu, dann stellte sie den Kasten auf den Couchtisch neben Deirdres Akte. Sie musterte meinen Spinnenrune auf dem Deckel, sagte aber nichts und machte auch keine Anstalten, das Behältnis zu öffnen. Stattdessen wartete sie, während ich meine mit Blut und Erde verklebte Jacke auszog, eine Decke auf der Couch ausbreitete und mich darauf niederließ. Bria zog den Couchtisch näher heran und nahm neben mir Platz.

Stumm betrachteten wir beide den Kasten. Das einzige Geräusch war das stetige Ticken der verschiedenen Uhren im Haus, zusammen mit dem Wind, der um das Haus pfiff.

Ich holte tief Luft. »Erinnerst du dich an Raymond Pike, der damit angegeben hat, dass er mit jemandem zusammenarbeitet … so wie es klang, mit einer ganzen Gruppe von Leuten?«

»Ja …«

„Nun, ich habe die Identität von einer dieser Personen herausgefunden.“

„Und?“

„Ihr Name ist Deirdre Shaw.“ Es kostete mich eine Sekunde, den Rest meines Geständnisses über die Lippen zu bringen. „Und sie ist Finns gar nicht so tote Mutter.“

Brias Augen wurden groß und ihre Lippen formten ein O. Für einen Moment saß sie wie erstarrt, ihr ganzer Körper war steif vor Schock. Sie rang nach Luft, atmete tief durch und schüttelte den Kopf, wie um meine Worte aus ihrer Wahrnehmung zu vertreiben. Ihr Blick schweifte zu der Akte auf dem Tisch, dann zu dem Kasten, schließlich zurück zu der Akte.

„Bist du dir sicher?“, fragte sie und ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Ich bin mir sicher. Die Akte habe ich in Fletchers Büro gefunden … versteckt in einer geheimen Schublade. Offenbar wollte er nicht, dass sie jemals gefunden wurde. In dieser Akte wird behauptet, dass Deirdre Shaw Finns Mutter ist und eindeutig noch am Leben ist.« Ich hielt inne, weil ich nur mit Mühe weitersprechen konnte. »Also bin ich heute Abend zum Blue-Ridge-Friedhof gefahren, um ihr Grab auszuheben und herauszufinden, ob sie tatsächlich dort beerdigt wurde …«

Ich überreichte Bria die Akte und erzählte ihr alles, was an diesem Abend geschehen war. Schweigend hörte sie sich meine sachlich kurze Zusammenfassung an, nahm alles zur Kenntnis, was ich sagte, und analysierte meinen Bericht, während sie in Fletchers Akte blätterte.

Als ich fertig war, hatte auch Bria alle Informationen durchgesehen. Sie musterte das aktuelle Foto von Deirdre in der Akte, dann beugte sie sich vor und starrte die Rune an, die Fletcher auf das Register gemalt hatte – dieses Herz aus gezackten Eissplittern.

Bria runzelte die Stirn und tippte mit dem Finger auf das Symbol. „Es mag verrückt klingen und du wirst es nicht sonderlich hilfreich finden, aber ich habe diese Rune irgendwo schon einmal gesehen.“

„Ja, sie befand sich auf dem Brief, den du in Pikes Penthouse gefunden hast. Auf dem Brief, den du Lorelei Parker gebracht hast, zusammen mit den restlichen Sachen ihres Bruders. Lorelei hat mir eine Kopie davon gegeben. Der Brief war nicht unterschrieben, da war nur diese Rune. Ich habe das Symbol erkannt und mich durch Fletchers Akten gegraben. So habe ich die Informationen über Deirdre gefunden.“

Bria schüttelte den Kopf. „Nein, diese Rune habe ich anderswo gesehen. Schon bei Pikes Brief kam sie mir irgendwie vertraut vor. Also habe ich die Runendatenbank der Polizei durchsucht und nachgeforscht, woher ich sie kennen könnte. Doch in der Datenbank war nichts zu finden, also bin ich nicht weitergekommen. Trotzdem, von irgendwoher kenne ich das Symbol.“

Ich kaute auf der Unterlippe, während ich darüber nachdachte, wo Bria Deirdres Rune schon einmal begegnet sein mochte. Natürlich fand ich keine Antwort auf diese Frage. Sie hatte recht. Dass sie die Rune schon einmal gesehen hatte, verstärkte nur meine Unruhe.

„Also, was hat es mit dem Kasten auf sich? Was enthält er?“, fragte Bria. „Und wieso hat Fletcher ihn in Deirdres Grab versteckt?“

„Es wird Zeit, dass wir es herausfinden.“

Ich zog den Kasten an den Rand des Tischs. Obwohl ich am Steinsilber weder Schlösser noch Verschlüsse entdecken konnte, war er trotzdem fest verschlossen. Also ließ ich ein Messer in meine Hand gleiten und schob die Spitze in den Spalt zwischen Deckel und Kasten. Dann führte ich das Messer im Schlitz entlang und bewegte es dabei leicht. Das Behältnis wollte sich genauso wenig öffnen lassen wie Deirdres Sarg, doch schließlich schaffte ich es. Mit einem lauten Plopp wie bei einem Einmachglas öffnete sich der Deckel – als wäre der Kasten vakuumversiegelt gewesen. Vielleicht stimmte das sogar.

Ich legte das Messer ab, griff nach dem Deckel, hob ihn an und legte ihn zur Seite. Neben mir beugte Bria sich vor. Sie war genauso neugierig auf den Inhalt wie ich.

Die Antwort?

Fotos.

Dutzende von Fotos, alle alt, leicht vergilbt und verblasst, mit abgegriffenen Rändern, als hätte jemand – Fletcher – immer wieder nachdenklich die Finger darüber gleiten lassen.

Und auf jedem einzelnen Bild war Deirdre Shaw abgebildet.

In den Fotos war sie jung, um die zwanzig, und sehr schön – mit fahlblauen Augen und langem goldenem Haar. Die erste Abbildung zeigte sie auf eine Weise, als wäre sie eine Märchenprinzessin, gekleidet in ein blaues Sommerkleid, mit einer Krone aus blauen Blüten auf dem Kopf. Sie sah aus den Augenwinkeln in die Kamera, als wäre sie zu scheu, um gern fotografiert zu werden, auch wenn ihre Lippen zu einem befriedigten kleinen Lächeln verzogen waren.

Die nächsten Bilder zeigten Deirdre und Fletcher zusammen, Händchen haltend, auf einem Spaziergang durch den Wald oder sogar bei einem gemeinsamen Schokoladen-Milchshake im Pork Pit. Ganz offensichtlich zeigte sich hier der Beginn ihrer Beziehung, zumal sie sich verträumt in die Augen sahen. Sie gaben ein hübsches Paar ab. Deirdre schlank, blond und schön, Fletcher groß, stark und attraktiv mit seinem dunkelbraunen Haar und den grünen Augen.

Doch als ich weiter durch die Fotos blätterte, veränderte sich dieser Eindruck.

Fletcher blieb so glücklich wie immer, doch Deirdre lächelte in den Fotos immer seltener, je größer und runder ihr Bauch und je deutlicher wurde, dass sie schwanger war. Ein Schnappschuss zeigte Deirdre offensichtlich kurz vor dem Ende der Schwangerschaft. Fletcher hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und lächelte in die Kamera, doch Deirdres Miene wirkte eher wie eine Grimasse, so als hätte sie sich nur für dieses Bild ein Lächeln ins Gesicht gezwungen.

Und schließlich sah ich das erste und einzige Foto von Finn.

Es musste einige Tage nach seiner Geburt entstanden sein, weil mein Bruder nur ein winziges, in Decken gewickeltes Bündel war, das in Fletchers Armen lag, das schlafende Gesichtchen zur Kamera hin gerichtet. Fletcher strahlte und seine Lippen waren zu einem breiten Grinsen verzogen. Deirdre stand neben ihm und betrachtete Finn, doch ihr Blick war glasig und ihre Miene seltsam leer, so als starre sie das Baby einer anderen Frau an statt ihren eigenen Sohn.

Dieses letzte Foto sorgte dafür, dass sich noch mehr kalte Sorge in meiner Brust sammelte – als bestände mein Herz aus denselben gezackten Eisscherben wie Deirdres Rune.

„Das gleicht einer Chronik ihrer Beziehung“, murmelte Bria, als sie die Fotos betrachtete, die ich ihr nacheinander reichte. „Nur dass nichts verrät, wie oder wann sie sich schließlich getrennt haben.“

„Ich nehme an, dieser Teil war nicht sonderlich fotogen.“

Bria legte die Fotos zur Seite und ich fischte die letzten Überbleibsel aus dem Kasten. Ein Verlobungsring mit einem Loch, wo der Diamant sitzen sollte. Eine herzförmige leere Parfumflasche mit einem Riss, die immer noch leicht nach Pfingstrosen duftete. Eine blaue Kamee mit dem Bild einer Mutter, die ein Kind hielt, in der Mitte in zwei Stücke zerbrochen.

„Erinnerungsstücke, die Fletcher aus glücklicheren Zeiten aufgehoben hat?“, schlug Bria vor.

„Vielleicht“, erwiderte ich. „Vielleicht senden sie aber auch eine Botschaft aus.“

Sie hob die beiden Hälften der Kamee hoch. „Welche Botschaft sendet ein zerbrochener Anhänger?“

„Keine positive.“

Eine weiche blaue Babydecke lag ebenfalls in dem Kasten. In weißen Buchstaben war Finns Name in eine Ecke eingestickt. Ich hob die Decke, weil ich damit rechnete, dass sie das letzte Teil in der Kiste war, doch darunter lagen noch zwei Dinge – zwei Briefe in verschlossenen Umschlägen, einer adressiert an mich und der andere an Finn.

Ich keuchte auf, doch Bria sah gerade noch einmal die Fotos durch und bemerkte meine Überraschung nicht. Ich ließ die Decke wieder fallen, um die Briefe zu verdecken. Ich liebte meine Schwester, aber ich wollte Fletchers Worte allein lesen, wollte ein wenig Zeit haben, um darüber nachzudenken und sie zu verarbeiten. Ganz zu schweigen von Finns Brief. Ich wusste im Moment nicht einmal, was genau ich damit anfangen sollte.

„Das ist alles?“, fragte Bria. „Nur noch eine Babydecke? Mehr ist da nicht zu finden?“

„Jepp“, log ich. „Wieso?“

Sie zuckte mit den Achseln. »Das ist alles sicher sehr interessant, aber nichts davon kommt mir besonders weltbewegend vor. Insgesamt finde ich es ein bisschen … enttäuschend.«

„Du bist nicht diejenige mit der plötzlich gar nicht mehr so toten Mutter.“

„Stimmt“, sagte Bria. „Aber Fletcher hat dir schon öfter Hinweise und Briefe hinterlassen. Viel klarere Hinweise. Das hier wirkt eher wie eine Memorabilienkiste. Ich dachte einfach, da müsste mehr zu finden sein. Dokumente, Zertifikate, vielleicht sogar ein Tagebuch, das dich über Deirdre ins Bild setzt oder dir verrät, warum sie ihren eigenen Tod vortäuschte und die Stadt verließ. Und warum Fletcher dabei mitspielte.“

Ich hob die Schultern und gab mir Mühe, nicht auf die Babydecke zu starren, unter der sich die beiden Briefe verbargen. „Der alte Mann hat mir immer die Informationen hinterlassen, die er als besonders wichtig erachtet hat. In diesem Fall waren das wahrscheinlich die Fotos. Vielleicht wollte er, dass ich Deirdre so sehe, wie sie damals war.“

„Nun ja, du kanntest Fletcher am besten. Vielleicht ergibt alles mehr Sinn, wenn du dir alles nochmals ansiehst.“

Bria biss sich auf die Unterlippe, senkte den Blick auf ihre Hände und drehte die Runenringe an ihrem Finger. Dies tat sie nur, wenn sie tief in Gedanken versunken war oder sich irgendwelche Sorgen machte. Ein verräterisches Zeichen … wie meine Stille.

Nach einigen Sekunden hielt sie die Finger wieder still und sah mich an. „Also, was erzählen wir Finn?“

Ich rieb mir über das Gesicht, ohne damit den dumpfen Schmerz in meinen Schläfen vertreiben zu können. „Ich weiß es nicht. Eigentlich hatte ich gehofft, sie aufspüren und ein paar Erkundigungen einholen zu können, bevor ich ihm irgendetwas erzähle. Doch bisher ist sie wie ein Geist. Kein Führerschein, keine Grundbucheinträge, keine Steuernummer, kein Hinweis auf Deirdre Shaw irgendwo in Ashland.“ Ich machte eine Geste, die den Kasten, die Fotos und die anderen Stücke einschloss. „Trotz dieser Dinge weiß ich über sie eigentlich nur, dass sie nicht so tot ist, wie sie es angeblich sein soll.“

„Du musst Finn erzählen, dass seine Mutter lebt“, sagte Bria sanft. „Es wird ihn bereits verletzen, dass du ihm nicht sofort davon erzählt hast, sobald du es erfahren hattest. Je länger du wartest, desto schlimmer wird es. Das weißt du.“

Ich wusste es in der Tat, was aber nicht bedeutete, dass es mir gefiel. Wie brachte man jemandem eine solche Nachricht bei? Wie geht man dabei vor, die Grundfesten eines Lebens zu erschüttern? Wie sollte ich alles infrage stellen, was er vermeintlich je über seine Eltern gewusst hatte? Und das alles wäre schon schlimm genug gewesen, wenn es sich um einen Fremden gehandelt hätte. Doch hier ging es um Finn. Den Kerl, mit dem ich aufgewachsen war. Den Kerl, mit dem ich so viel durchgemacht hatte. Den Mann, der in allen Punkten, die wirklich zählten, mein Bruder war.

Ich wusste es nicht, aber ich befand mich in der verdammt unangenehmen Situation, es herausfinden zu müssen.

„Nun“, sagte ich und stellte die Tatsachen so locker dar, wie Finn es an meiner Stelle getan hätte. „Ich würde sagen, wir umschmeicheln ihn mit gutem Essen und Alkohol und dann lassen wir die Katze aus dem Sack. Während er sich seinen Lieblingsbeschäftigungen hingibt, helfen wir ihm bei der Überwindung des Schocks.“

Bria nickte. „Das ist tatsächlich kein übler Plan. Morgen sind wir zu einer Cocktailparty seiner Bank eingeladen. Finn umwirbt gerade eine neue Klientin, die er mir vorstellen will. Du und Owen könnten mitkommen, danach könnten wir gemeinsam im Underwood’s zu Abend essen, ihm dort alles erzählen und im Anschluss überlegen, wie wir weitermachen wollen.“

Ich verzog das Gesicht.

„Was ist los?“ Ihre Augen wurden schmal. „Moment mal! Du hast auch Owen nichts von all dem erzählt?“

Wieder zog ich eine Grimasse. „Ich habe niemandem außer dir davon erzählt. Ich wollte wissen, womit ich es wirklich zu tun habe, bevor ich auspacke. Aber ich habe nur das hier.“ Ich wedelte mit der Hand über den Fotos und seltsamen Erinnerungsstücken herum. „Und nicht gerade viel zu erzählen.“

„Trotzdem“, meinte Bria. „Das hat alles irgendeine Bedeutung. Fletcher hätte diese Stücke nicht in Deirdres Sarg beerdigt, wenn sie nicht wichtig wären. Das ist doch eine klare Botschaft.“

Ich seufzte. „Du könntest recht haben, aber ich habe keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat. Diesmal nicht.“

Bria griff nach der Akte und betrachtete abermals Deirdres Eissplitter-Herzrune. „Nun, was immer Fletcher dir sagen wollte, ich habe ein schlechtes Gefühl bei der Sache, Gin.“

Ich senkte den Blick auf das Foto von Fletcher mit Finn im Arm, Deirdre mit diesem kalten, leeren Blick neben sich. „Ja. Ich auch.“

Jennifer Estep

Über Jennifer Estep

Biografie

Jennifer Estep ist SPIEGEL-Bestsellerautorin und lebt in Tennessee, USA. Sie schloss ihr Studium mit einem Bachelor in Englischer Literatur und Journalismus und einem Master in Professional Communications ab. Bei Piper erscheinen ihre Young-Adult-Serien um die „Mythos Academy“, »Mythos Academy...

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