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Protect the PrinceProtect the Prince

Protect the Prince

Die Splitterkrone 2

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Protect the Prince — Inhalt

Everleigh Blair ist die neue Königin von Bellona, doch ihre Probleme fangen gerade erst an: Täglich muss sie sich mit arroganten Adligen am Hof auseinandersetzen, die ihre Hände insgeheim nach der Krone ausstrecken. Als wäre das nicht schlimm genug, versucht ein Auftragsmörder, Evie in ihrem Thronsaal zu töten. Evie fragt sich, ob sie stark genug ist, um ihrer Rolle als Herrin des Winters gerecht zu werden. Während sie darum kämpft, ihre Magie, ihr Leben und ihre Krone zu sichern, verliert sie auch noch ihr Herz an Lucas Sullivan, den unehelichen Sohn des andvarischen Königs ... Und es stellt sich heraus, dass es nur eine Sache gibt, die noch schwieriger ist, als eine Königin zu töten: Einen Prinzen zu beschützen.

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 05.10.2020
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
480 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70542-4
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 05.10.2020
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99766-9

Leseprobe zu „Protect the Prince“

Teil I

Der erste Mordanschlag




Kapitel 1


Der Tag des ersten Mordanschlags begann wie jeder andere Tag auch.

Damit, dass ich mich auf einen Kampf vorbereitete.

Ich saß steif auf einem Stuhl vor dem Schminktisch, der die gesamte Ecke des Raums ausfüllte. Der rechteckige lange Tisch bestand aus tiefschwarzem Ebenholz und wies jede Menge Schubladen und Fächer auf, zusammen mit Knäufen aus Kristall, die glitzerten wie spöttische Augen.

Die Morgensonne glitt an den weißen Spitzenvorhängen vorbei und erhellte die Tischplatte, die mit Schnitzereien von [...]

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Teil I

Der erste Mordanschlag




Kapitel 1


Der Tag des ersten Mordanschlags begann wie jeder andere Tag auch.

Damit, dass ich mich auf einen Kampf vorbereitete.

Ich saß steif auf einem Stuhl vor dem Schminktisch, der die gesamte Ecke des Raums ausfüllte. Der rechteckige lange Tisch bestand aus tiefschwarzem Ebenholz und wies jede Menge Schubladen und Fächer auf, zusammen mit Knäufen aus Kristall, die glitzerten wie spöttische Augen.

Die Morgensonne glitt an den weißen Spitzenvorhängen vorbei und erhellte die Tischplatte, die mit Schnitzereien von Gladiatoren verziert war, die Schwerter, Schilde und Dolche in Händen hielten. Ich betrachtete die Figuren, in die teilweise auch Metall eingelassen war, zusammen mit winzigen Juwelen. Sie schienen mich anzustarren und zu verhöhnen, als wüssten sie, dass ich nicht hier sein sollte.

Ich beugte mich vor und ließ die Fingerspitze über die Schnitzereien gleiten, verzog das Gesicht, als sich die metallenen Spitzen der Waffen und die scharfen Facetten der Juwelenaugen in meine Haut gruben. Ich fragte mich, wie viele andere Frauen hier gesessen und genau dasselbe getan hatten. Dutzende, wenn nicht mehr. Außerdem fragte ich mich, ob sie sich genauso unwohl gefühlt hatten wie ich.

Wahrscheinlich nicht.

Schließlich waren dieser Tisch und die anderen Möbel in diesen Räumlichkeiten ihr Geburtsrecht gewesen, durch Generationen weitervererbt von Mutter auf Tochter. Die Frauen, die vor mir gekommen waren, waren nicht so in die Lage gestolpert, wie es bei mir der Fall war.

Jemand räusperte sich leise, also richtete ich mich wieder auf. Finger machten sich an mir zu schaffen, zogen meine Ärmel zurecht, glätteten mein Haar und trugen sogar Farbe auf meine Lippen auf. Eine Minute später verschwanden die Finger und ich hob den Blick zu dem halbrunden Spiegel, der sich auf dem Tisch erhob wie die Gladiatorenarenen aus der Stadtsilhouette von Svalin.

Auch der Rahmen des Spiegels war mit Schnitzereien verziert. Gargoyles mit Augen aus Saphiren und gebogenen silbernen Hörnern standen Strixen gegenüber, falkenähnlichen Vögeln mit onyxfarbenen Federn, die in metallischem Amethystblau glänzten. Die Kreaturen sahen aus, als wollten sie jeden Moment aus dem Holz springen, sich in die Luft erheben und sich aufeinanderstürzen, genau wie es bei den Gladiatoren auf dem Tisch der Fall war. Ein einzelner perlweißer Caladrius mit Augen aus Zährenstein zierte den höchsten Punkt des Spiegels. Das eulenähnliche Vögelchen schien auf die anderen Kreaturen hinabzublicken, mich eingeschlossen.

Wieder räusperte sich jemand. Ich seufzte und konzentrierte mich endlich auf mein Spiegelbild.

Schwarzes Haar, graublaue Augen, fahles, angespanntes Gesicht. Ich sah aus wie immer, abgesehen von einem bemerkenswerten Unterschied – der Krone auf meinem Kopf.

Mein Blick blieb an dem silbernen Band hängen, das dünn und überraschend schlicht war, abgesehen von den kleinen mitternachtsblauen Zährensteinstücken, die in die Mitte eingefügt waren. Die sieben Zährensteinsplitter formten zusammen eine Krone, als wäre das silberne Band allein nicht genug, um zu verdeutlichen, wer ich nun war.

Aber das war nicht das einzige Geschmeide, das ich trug.

Mit der linken Hand berührte ich das Armband, das mein rechtes Handgelenk umschloss. Es bestand aus gebogenem Silber, geformt wie scharfe Dornen, die sich um die elegante Krone inmitten des Schmuckstücks schlossen und sie beschützten. Die Krone in dem Armband bestand ebenfalls aus sieben Zährensteinsplittern, doch sie enthielt etwas, das die Krone auf meinem Kopf nicht besaß.

Magie.

Wie andere Juwelen konnte auch Zährenstein Magie aufnehmen, speichern und ablenken. Aber er bot zusätzlich noch die besondere Eigenschaft, Schutz vor Magie zu bieten. Er konnte sie abwehren, wie ein Schild einen Gladiator in der Arena beschützen konnte. Jeder mitternachtsblaue Splitter in meinem Armband war mit kalter, harter Macht gefüllt, die an meine eigene Immunität gegen Magie erinnerte. Die kühle Berührung des Schmuckstücks auf der Haut beruhigte mich, genauso wie die darin enthaltene Magie.

An diesem Tag benötigte ich jede erdenkliche Hilfe.

Zum dritten Mal räusperte sich jemand, also löste ich die Hand vom Armband und konzentrierte mich wieder auf mein Spiegelbild.

Behutsam legte ich den Kopf schräg und die silberne Krone neigte sich gefährlich zur Seite. Ich neigte den Kopf in die andere Richtung und sofort kippte sie in die andere Richtung.

„Ich habe immer noch das Gefühl, dass dieses dämliche Teil jeden Moment herunterfallen könnte“, murmelte ich.

„Es wird nicht herunterfallen, meine Königin“, antwortete eine leise Stimme beruhigend. „Wir haben genug Haarnadeln verwendet, um das sicherzustellen.“

Eine Frau trat neben mich. Sie war eher klein gewachsen, daher ragte ihr Kopf nicht besonders hoch über mir auf, obwohl ich saß. Sie war in meinem Alter, etwa siebenundzwanzig, und recht hübsch, hatte blaue Augen, rosige Haut und honigblondes Haar, das zu einem adretten Fischschwanzzopf geflochten war, der ihr über die Schulter fiel. Sie hatte einen untersetzten Körper, aber ihre Finger waren lang, schlank und mit kleinen weißen Narben übersät, weil sich über die Jahre aus Versehen so viele Steck- und Nähnadeln in die Haut gebohrt hatten.

Lady Calanthe war in den letzten Monaten ihres Lebens Königin Cordelias persönliche Garnmeisterin gewesen. Jetzt war sie für mich zuständig. Genau wie ihre beiden jugendlichen Schwestern Camille und Cerana, die hinter ihr standen.

„Gefällt Euch Eure Erscheinung, meine Königin?“, fragte Calanthe.

Ich musterte meine blaue Tunika im Spiegel. Eine Splitterkrone war in silbernem Garn über meinem Herzen eingestickt, während sich weiteres Silbergarn um den Kragen und über meine Ärmel ausbreitete, als hätte ich mich selbst in Dornen eingewickelt. Eine enge schwarze Hose und Stiefel vervollkommneten meine Kleidung.

„Natürlich“, sagte ich. „Eure Arbeit ist großartig wie immer.“

Calanthe nahm das Kompliment mit einem Nicken entgegen. Stolz leuchtete in ihren Augen. Sie rückte die weiten Puffärmel ihres blauen Kleids zurecht, obwohl sie bereits mustergültig saßen. Auch sie waren mit silbernem Garn bestickt, im Einklang mit den Farben der Winterlinie der königlichen Blair-Familie.

Die jetzt meine Farben waren.

„Ich wünschte immer noch, Ihr hättet mir erlaubt, Euch formellere Kleidung anzufertigen“, murmelte Calanthe. „Trotz der wenigen Zeit hätte ich das mit meiner Magie leicht vollbracht.“

Sie war eine Meisterin, was bedeutete, dass ihre Magie ihr erlaubte, mit besonderen Objekten oder Elementen zu arbeiten und daraus Erstaunliches zu erschaffen. Calanthe herrschte über Garn, Stoffe und ähnliches Material. Mir zuckte die Nase. Meine eigene Magie erlaubte mir, ihre Macht an meiner Tunika zu riechen. Es war ein leiser säuerlicher Duft, den ich genauso wahrnahm wie die Farbstoffe, die sie verwendete, um den Kleidungsstücken ihre atemberaubend strahlende Farbe zu verleihen.

Calanthe hatte mich dazu überreden wollen, für die heutige Veranstaltung ein Ballkleid anzuziehen, doch ich hatte abgelehnt. Ich war nicht die Königin, mit der alle gerechnet hatten, und sicherlich nicht die, die sie sich gewünscht hatten. Daher erschien es mir albern und sinnlos, mich in mehrere Lagen aus Seide zu hüllen und mit Massen von Juwelen zu schmücken. Außerdem konnte man in Ballkleidern nicht kämpfen. Wobei ich mir in dieser Hinsicht eigentlich keine Gedanken machte, was ich trug, nachdem jeder Tag in Sieben Türme ein Kampf für mich war.

„Vergiss die Kleidung!“, meldete sich eine andere Stimme zu Wort. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass die Leute dir das alles hier geschickt haben.“

Ich wandte mich auf meinem Stuhl um und fasste die große Frau mit dem geflochtenen blonden Haar und der wunderschönen bronzefarbenen Haut ins Auge, die auf einem Samtsofa lagerte. Sie trug eine waldgrüne Tunika, die ihre bernsteinfarbenen Augen betonte, gepaart mit einer engen schwarzen Hose und schwarzen Stiefeln. Ein großer Streitkolben lag neben ihr auf dem Sofa, dessen Spitzen nach und nach in das Polster eindrangen.

Paloma wedelte mit der Hand über den Tisch, der vor ihr stand. „Komm schon! Wie viel Zeug braucht eine Königin?“

Der gesamte verfügbare Platz auf der Tischoberfläche war mit Körben, Schüsseln und Platten bedeckt. Darin und darauf war jede erdenkliche Delikatesse zu finden, die man sich nur vorstellen konnte, von frischen Erzeugnissen über müffelnde Käsesorten bis zu Champagnerflaschen. Auf den anderen Tischen sah es ähnlich aus und dasselbe galt für den Schreibtisch und den Nachttisch neben dem Himmelbett. Sogar auf dem Kleiderschrank in der Ecke waren Gegenstände aufgereiht. Ganz zu schweigen von den Mänteln, Roben und anderen Kleidungsstücken, die sich in den Ecken stapelten, oder den Bildern, Statuen und dem anderen Nippes, der an die Wände gestapelt war. In den letzten Wochen hatte ich so viele Willkommensgeschenke erhalten, dass ich dazu übergegangen war, sie auf den Fensterbrettern aufzuhäufen, damit ich mich noch bewegen konnte.

Paloma zog eine weiße Karte aus einem Korb, der auf dem Tisch stand. „Wer ist Lady Diante? Und wieso hat sie dir einen Korb voller Birnen geschickt?“

„Lady Diante ist eine wohlhabende Adlige, der Obsthaine in einem der südlichen Distrikte gehören“, erklärte ich. „Es ist eine bellonische Tradition, der neuen Königin ein Geschenk zu schicken, um ihr eine lange und erfolgreiche Herrschaft zu wünschen.“

Paloma schnaubte. „Seltsame Tradition, einer Frau ein Geschenk zu schicken, gegen die man bereits Intrigen spinnt.“

Missbilligend schürzte Calanthe die Lippen, und ihre Schwestern keuchten hörbar auf. Calanthe legte Wert auf Traditionen und war immer höflich. Sie konnte nicht viel mit Palomas offenen Worten über Diantes Mangel an Lehnstreue anfangen, aber sie schwieg. Sie mochte eine talentierte Garnmeisterin sein, aber Paloma war ein viel stärkerer Morph.

Calanthe starrte das Morph-Mal an Palomas Kehle an. Alle Morphe trugen Tätowierungen auf dem Körper, die verrieten, in welches Monster oder Tier sie sich verwandeln konnten. Palomas Mal zeigte ein Furcht einflößendes Ogergesicht mit bernsteinfarbenen Augen, einer Locke blonden Haars und jeder Menge scharfer Zähne.

Der Oger musste Calanthes tadelnden Blick gespürt haben, weil seine bernsteinfarbenen Augen sich in ihre Richtung wandten. Der Oger starrte die Garnmeisterin einen Moment lang an, dann öffnete er den Mund zu stummem Gelächter. Calanthe schürzte die Lippen noch stärker und schniefte empört, was den Oger nur noch mehr belustigte.

„Nun, vielleicht solltest du die Birnen kosten“, witzelte ich. „Nur um sicherzustellen, dass Lady Diante mich nicht mit frischen Früchten zu ermorden versucht.“

»Ich glaube … das ist ein hervorragender Vorschlag«, meinte Paloma gedehnt. „Besonders, nachdem ich weiß, dass deine Murksnase es niemals ertrüge, einen Korb mit vergifteten Früchten in der Nähe zu haben.“

Calanthe verzog das Gesicht und ihre Schwestern keuchten wieder auf, als Paloma mich so beiläufig als Murks bezeichnete, was der abwertende Begriff für Personen war, die wenig oder keine Magie besaßen. Doch mir machte die Bemerkung nichts aus. Man hatte mich schon mit viel schlimmeren Schimpfwörtern bedacht. Außerdem war Paloma meine beste Freundin. Und ich fand ihre Ehrlichkeit erfrischend, besonders nach so vielen Jahren, als man mir ins Gesicht gelächelt hatte, nur um hinter meinem Rücken die scharfen Zungen an mir zu wetzen, sobald sich die Gelegenheit dazu ergab.

Ich warf Paloma einen finsteren Blick zu, doch sie nahm sich nur eine Birne aus dem Korb und biss hinein. Sie lächelte mich an, genauso wie das Ogergesicht an ihrem Hals.

„Siehst du?“, murmelte sie. „Nicht die Spur von Gift.“

Ich verdrehte die Augen, konnte aber ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

„Nun, iss schnell!“, riet ich ihr und stand auf. „Weil es jetzt, da ich endlich angemessen gekleidet bin, Zeit wird, uns dem ersten Kampf des Tages zu stellen.“

 

Ich dankte Calanthe und ihren Schwestern für ihre Dienste. Die Garnmeisterin knickste vor mir, warf einen weiteren missbilligenden Blick in Palomas Richtung und verließ den Raum. Während Paloma ihre erste Birne verputzte und sich die nächste nahm, schloss ich einen schwarzen Ledergürtel um meine Taille, um dann ein Schwert und einen Dolch daran zu befestigen.

Eine Königin sollte eigentlich keine Waffen tragen müssen, zumindest nicht in ihrem eigenen Palast. Andererseits war ich keine gewöhnliche Königin.

Und es waren keine gewöhnlichen Waffen.

Das Schwert und der Dolch glänzten beide matt und silbrig und in beide Hefte waren mitternachtsblaue Splitter eingelassen, die mein Kronenwappen bildeten. Doch was die Waffen so außergewöhnlich machte, war die Tatsache, dass sie ganz und gar aus Zährenstein bestanden. Das Schwert und der Dolch waren viel leichter als gewöhnliche Klingen und konnten zusätzlich auch noch Magie ablenken und aufnehmen, genau wie die Zährensteinsplitter in meinem Armband.

Ein passender silberner Schild lehnte neben meinem Bett an der Wand, doch ich entschied, es mir nicht auf den Arm zu schieben. Schwert und Dolch zu tragen, war schon bemerkenswert genug. Außerdem noch den Schild zu tragen, hätte mich schwach aussehen lassen. Und das konnte ich mir auf keinen Fall leisten, wenn ich bedachte, wie unsicher ich bisher auf dem Thron saß.

Ich ließ die Finger über das Kronenwappen im Heft des Schwerts gleiten. Trotz ihrer dunkelblauen Färbung glitzerten die Splitter. In den letzten Monaten hatte sich die Splitterkrone zu meinem persönlichen Wappen entwickelt. Unter anderem, weil sie auf vielen Gegenständen auftauchte, die andere mir gegeben hatten, wie auf meinem Armband und den Waffen. Doch inzwischen brachte jeder das Symbol mit mir persönlich in Verbindung, ob es mir nun gefiel oder nicht.

Irgendwie hasste ich die Krone aus Scherben und alles, wofür sie stand. Das Wappen war eine weitere Erinnerung daran, dass ich eine Lückenbüßerin war, die nur durch unerwartete und außergewöhnliche Vorkommnisse den Thron bestiegen hatte.

Meistens erinnerte mich die Splitterkrone an alle die Schwerter, alle die Feinde, die mich einen Kopf kürzer machen wollten. Und am schlimmsten war die Tatsache, dass dieses Symbol stets nur mit den stärksten Herrinnen des Winters in Verbindung gebracht wurde. Das fand ich besonders beunruhigend, da ich immer noch keine Ahnung hatte, was es eigentlich bedeutete, die Herrin des Winters zu sein, besonders in Bezug auf meine Magie.

Doch auf seltsame Art beruhigte mich das Symbol auch. Andere Blairs, andere Herrinnen des Winters, hatten das Leben in Sieben Türme überlebt. Vielleicht gelang mir das auch.

Es wurde Zeit, es herauszufinden.

Paloma nahm den letzten Bissen von ihrer zweiten Birne. Dann stand sie auf, griff nach ihrem stachelbewehrten Streitkolben und warf ihn über die Schulter. Mit der Waffe wirkte sie noch bedrohlicher. „Bist du bereit dafür?“

Ich stieß den Atem aus. „Ich nehme an, das muss ich sein, nicht wahr?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Es ist noch nicht zu spät. Wir könnten uns immer noch aus dem Palast schleichen, weglaufen und uns einer Gladiatorentruppe anschließen.“

Ich schnaubte. „Bitte! Ich würde es nicht mal über den Fluss schaffen, bevor Serilda und Auster mich aufgespürt und hierher zurückgeschleppt hätten.“

Paloma zuckte abermals mit den Achseln, doch sie widersprach nicht. Dann lächelte sie mich an, genauso wie der Oger an ihrem Hals. „Nun, dann solltest du Serilda, Auster und allen anderen die Lektion erteilen, auf die sie gewartet haben.“

Wieder schnaubte ich. „Was sie wirklich wissen wollen, ist nur die Frage, wer als Erstes gegen mich vorgehen wird. Aber du hast recht. Ich kann es genauso gut durchziehen.“

Meine Finger glitten noch einmal über Schwert und Dolch, damit ich Stärke aus den Waffen ziehen konnte. Dann trat ich zu der großen Doppeltür. Genau wie der Schminktisch waren auch hier Gladiatoren und andere Gestalten in das Holz eingeschnitzt. Ich starrte sie eine Weile an, dann atmete ich tief durch, kleisterte mir einen nichtssagend freundlichen Ausdruck ins Gesicht und öffnete die Türflügel.

Sobald ich den Flur betrat, nahmen die zwei Wachmänner neben den Türen Haltung an. Sie trugen beide die Standarduniform, bestehend aus einem einfachen silbernen Brustharnisch über einer kurzärmeligen blauen Tunika, einer engen schwarzen Hose und Stiefeln. Beide Wächter trugen ein Schwert an der Hüfte.

Ich lächelte die Männer an. „Alonzo, Calios, ihr seht heute Morgen sehr gut aus.“

Sie senkten die Köpfe, reagierten sonst aber nicht. Noch vor mehreren Monaten, als ich einfach Lady Everleigh gewesen war, hätten die Männer mit mir geredet, gelacht und Witze gerissen. Jetzt musterten sie mich nur wachsam, als würden sie sich fragen, ob ich mich ihnen gegenüber verletzend äußern wolle. Ich gab mir Mühe, im Angesicht ihres misstrauischen Schweigens keine Grimasse zu ziehen.

Ich zwang mich, die Männer noch einmal anzulächeln, dann schritt ich den Flur entlang. Paloma reihte sich neben mir ein, den Streitkolben immer noch auf der Schulter. Zusätzlich zu meiner besten Freundin war Paloma auch meine persönliche Wächterin. Und die ehemalige Gladiatorin war stolz darauf, beiläufig jeden zu bedrohen, der in meine Nähe kam.

Die Gemächer der Königin lagen im zweiten Stock. Wir stiegen einige Stufen nach unten, bis wir das Erdgeschoss erreicht hatten.

Der Palast der Sieben Türme war das Herz von Svalin, der Hauptstadt von Bellona. So gut wie alles in den breiten Fluren und weitläufigen Gemeinschaftsräumen stellte einen Tribut an die Gladiatorenvergangenheit des Königreichs dar, von den Wandteppichen, die vor den dunkelgrauen Wänden hingen, über die Statuen, die in verschiedenen Nischen standen, bis zu den hölzernen Vitrinen, in denen Schwerter, Speere, Dolche und Schilde ausgestellt waren. Berühmte Königinnen und Krieger hatten sie vor langer Zeit verwendet.

Doch den offensichtlichsten Hinweis auf die Vergangenheit von Bellona stellten die Säulen dar, die sich in fast jedem Flur und Raum erhoben. Bevor Sieben Türme zum Palast geworden war, hatten diese Gänge zu einer Mine gehört und die Säulen waren die Stützpfeiler für die alten Tunnel gewesen, in dem meine Blair-Vorfahren Fluorstein aus dem Berg gegraben hatten. Über die Jahre waren die Säulen in Kunstwerke verwandelt worden. Sie waren bedeckt mit den Bildern von Gladiatoren, Waffen, Gargoyles, Strixen und Caladriussen, genau wie die Möbel in den königlichen Gemächern.

Doch am beeindruckendsten an den Säulen war die Tatsache, dass sie alle aus dem Zährenstein bestanden, der seine Farbe wechseln konnte, von einem hellen, leuchtenden, sternenhellen Grau zu einem dunklen Mitternachtsblau, je nach Lichteinfall und anderen Bedingungen. Mir war es immer so erschienen, als erweckten die wechselnden Farben des Zährensteins die Gladiatoren und Kreaturen im Stein zum Leben, sodass es aussah, als verfolgten sie sich rund um die Säulen, gefangen in ewigem Kampf.

Ich starrte die Säule neben mir noch eine Weile an, dann zwang ich mich, die Menschen im Palast in Augenschein zu nehmen. Schließlich waren sie diejenigen, die mich wirklich verletzen konnten.

Obwohl es noch früh am Montagmorgen war, hielten sich viele Menschen in den Fluren auf. Diener mit Tabletts voller Esswaren und Getränke. Palastvögte, die auf ihre Posten eilten, um Arbeiter zu überwachen. Wächter, die hier und dort postiert waren und sicherstellten, dass alles ordentlich vonstattenging.

Alle taten, was sie immer taten … bis sie mich entdeckten.

Dann wurden die Augen aufgerissen, Münder blieben offen stehen und Köpfe zuckten zurück. Manche sanken sogar in tiefe, höfische Verbeugungen und Knickse, um sich erst wieder zu erheben, als ich an ihnen vorbeigegangen war. Ich biss die Zähne zusammen und reagierte mit freundlichem Lächeln und Nicken.

Doch das Katzbuckeln war nichts im Vergleich zu dem Geflüster.

„Wieso trägt sie kein Kleid?“

„Weiß sie nicht, wie wichtig der heutige Tag ist?“

„Sie wird keinen Monat mehr durchhalten.“

Das Flüstern erhob sich, sobald ich an jemandem vorbei war, sodass die leisen Kommentare sich von einem Flur in den nächsten ausbreiteten, wie eine Flutwelle, die sich immer höher erhob und über mir zusammenzuschlagen drohte. Ertrinken wäre ein gnädigerer Tod gewesen als das, worauf ich mich hier eingelassen hatte.

Nach den Gerüchten, die mir zu Ohren gekommen waren, hatten die Diener und Wächter eine Wettgemeinschaft gebildet und setzten darauf, wie lange meine unsichere Herrschaft dauern werde. Diese Frage stellte ich mir auch selbst immer wieder. Ich war erst seit ungefähr zwei Monaten Königin, aber ich ertrug schon jetzt die Politik, die internen Machtkämpfe und die ständigen Intrigen kaum noch, die im Palast den Gladiatorenkämpfen entsprachen, die im Königreich so beliebt waren.

Selbst Paloma mit ihrem beängstigenden Streitkolben und dem böse dreinblickenden Oger am Hals konnte das Geflüster nicht verhindern. Wieder biss ich die Zähne zusammen, eilte weiter und gab mir Mühe, nicht auf die Kommentare ringsum zu achten. Auch wenn das einfacher gesagt als getan war.

Paloma und ich bogen um eine Ecke und betraten einen langen Flur, der bis auf die üblichen Wachleute in den Ecken menschenleer war. Mein Blick huschte an den Männern vorbei und saugte sich an der riesigen Flügeltür fest, die sich am anderen Ende vom Boden bis zur Decke erhob. Die Türflügel standen weit offen und ich sah die Menschen, die sich im Raum dahinter bewegten.

Im Thronsaal.

Obwohl ich schon unzählige Male hier gewesen war, verkrampfte sich mein Magen und mein Herzschlag setzte kurz aus. Aber ich zwang mich zum Weitergehen, einen gemessenen Schritt nach dem anderen. Es gab kein Zurück und ich konnte auch nicht fliehen. Nicht vor dem, was mich hier erwartete.

Ein schlanker, muskulöser Mann Mitte vierzig, der eine rote Jacke über einem weißen Hemd, eine schwarze Hose und Stiefel trug, stand vor den Fenstern auf seiner Seite der Tür. Im Sonnenlicht, das durch das Glas fiel, glänzte sein schwarzes Haar wie frische Tinte und erhellte das Morph-Mal an seinem Hals, ein Drachengesicht, das mit rubinroten Schuppen besetzt war. Seine Haut schimmerte golden.

Der Mann richtete seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf eine silberne Platte mit Törtchen, die auf dem Fensterbrett stand. Er wählte ein Gebäckstück aus, schob es sich in den Mund und seufzte glücklich.

Aus den Augenwinkeln musste er uns bemerkt haben, weil er den Kopf plötzlich in unsere Richtung wandte. Eilig schob er sich ein weiteres Törtchen in den Mund, während wir auf ihn zutraten.

„Ah, da bist du ja, Evie“, sagte er. „Ich habe mir vor der Veranstaltung nur rasch ein paar Leckereien gegönnt.“

Cho Yamato war nicht nur ein ehemaliger Wachmann der Königin und der Ringmeister einer Gladiatorentruppe, sondern auch noch ein ziemliches Leckermaul. Und dasselbe galt für den Drachen an seinem Hals, dessen Blicke aus den schwarzen Augen immer noch auf das Tablett voller Köstlichkeiten gerichtet waren.

„Ich freue mich zu sehen, dass Theroux sich so trefflich als neuer Küchenvogt eingelebt hat“, sagte ich. „Und sein Bestes gibt, dich mit Nachspeisen zu verwöhnen. Oder hast du diese hier einem armen, nichts ahnenden Diener gestohlen?“

Cho grinste. „Natürlich habe ich sie gestohlen. Theroux’ Nachspeisen sind nicht so gut wie solche, die du anfertigen könntest. Aber dieser Zucker ist immer noch besser als kein Zucker, richtig?“ Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern schob sich gleich ein Kiwitörtchen in den Mund.

Mit Cho zu scherzen, löste einen Teil meiner Anspannung. Auch wenn ich vielleicht nicht gern Königin war, hatte ich zumindest Freunde wie ihn und Paloma, die mir bei dieser gefährlichen Mission halfen.

Cho schluckte, dann musterte er mich prüfend. „Bist du bereit?“, fragte er ernst.

„So bereit, wie ich eben nur sein kann.“

Er und sein Drache am Hals schenkten mir einen mitfühlenden Blick. „Nun, dann lass uns loslegen!“

Cho schlug sich die Kuchenbrösel von den Fingern und strich die rote Jacke glatt. Dann trat er mit großen Schritten vor, bis er genau in der Mitte der offenen Flügeltür stand.

„Ihre Königliche Hoheit, Königin Everleigh Saffira Winter Blair!“ Cho setzte seine Ringmeister-Stimme sehr wirkungsvoll ein, sodass die Worte wie Donner durch den Saal hallten und alle Gespräche übertönten.

Er trat zur Seite. Alle verstummten, wandten sich um und musterten mich. Ich biss die Zähne zusammen, lächelte mein nichtssagendes Lächeln und trat durch die Türen.

Der Thronsaal war der größte Saal im Palast. Das Erdgeschoss umfasste eine riesige höhlenartige Fläche, die nur von den Zährensteinsäulen durchbrochen wurde, die sich nach oben streckten, um die Decke hoch über unseren Köpfen zu tragen. Zierlichere, kürzere Säulen erhoben sich, um die Galerie zu stützen, die sich im ersten Stock an drei Seiten um den Saal herumzog.

Auch diese Säulen waren mit Gladiatoren, Waffen und Kreaturen verziert und das Deckengemälde zeigte eine riesige Schlachtszene, zusammengefügt aus glänzendem Stein, Glas, Metall und Edelsteinen. In der Mitte der Decke hatte Bryn Bellona Winter Blair – meine Ahnin – abgebildet, die ihr Schwert hoch erhoben hielt, um es auf den mortanischen König hinabsausen zu lassen, den sie vor langer Zeit im Kampf besiegt hatte, um ihr Königreich zu errichten.

Und jetzt war es mein Königreich.

So gern ich einfach an die Decke gestarrt und so getan hätte, als gäbe es den Rest der Welt nicht, konzentrierte ich mich doch auf das vor mir Liegende.

Ein langer, breiter, blauer Teppich mit silbernen Stickereien am Rand führte von den Türen quer durch den Saal, bis er vor einem Steinpodium vor der hinteren Wand endete. Als wären der Teppich und das Podium noch nicht Angst einflößend genug, standen bellonische Lords, Ladys, Senatoren, Gildenmeister und andere betuchte, einflussreiche Bürger auf beiden Seiten des Teppichs. Und alle starrten mich an.

Es war, als hätte mir einer wie der andere einen Fehdehandschuh vor die Füße geworfen.

Mit immer noch wohlwollendem Lächeln nahm ich die Schultern zurück, hob das Kinn und trat vor, als wäre dies von Anfang an mein Geburtsrecht gewesen, als wäre ich nicht aus Versehen in diese Situation gestolpert, nachdem der Rest der königlichen Blair-Familie ermordet worden war.

Die Leute traten auf beiden Seiten an den Teppich heran, nickten mir zu, lächelten und machten mir sinnlose Komplimente. Ich erwiderte die Worte und Gesten, machte gute Miene zum bösen Spiel und bemühte mich, mir meine Sorge und Anspannung nicht anmerken zu lassen. Vielleicht wusste ich nicht, wie ich mich als Königin zu benehmen hatte, aber ich war eine Meisterin im Verbergen meiner wahren Gefühle, sodass niemand sie erahnte.

Paloma folgte mir durch die Reihe der Gratulanten. Ihr misstrauischer Blick huschte über alle Menschen hinweg, während sie noch immer den Streitkolben auf der Schulter trug. Sie nahm ihre Pflichten als persönliche Wächterin sehr ernst, obwohl ich ihr mehrfach erklärt hatte, dass ich vonseiten der Adligen keine körperlichen Angriffe erwartete.

Viel eher hatten sie vor, mich mit grausamen Worten und hinterhältigen Intrigen zu vernichten.

Schließlich ließ ich die Menge hinter mir und erreichte die Stufen, die zum Podium führten und die von drei Personen flankiert wurden.

Eine von ihnen war eine Frau um die vierzig, offensichtlich eine Kriegerin. Das erkannte ich an dem Schwert und dem Dolch, den sie an ihrem schwarzen Ledergürtel trug. Ihr kurzes blondes Haar war aus dem Gesicht gekämmt, sodass ich deutlich eine Narbe in Form einer Sonne in einem Augenwinkel ihrer blauen Augen erkennen konnte. Sie trug eine enge schwarzes Hose und Stiefel, kombiniert mit einer weißen Tunika. Darauf war mit schwarzem Garn ein Schwan eingestickt, der auf einem Teich schwamm, umgeben von Blumen und Ranken.

Serilda Swanson, die Anführerin der Gladiatorentruppe zum Schwarzen Schwan und eine meiner wichtigsten Beraterinnen, neigte kurz den Kopf, dann sank sie in einen makellosen bellonischen Hofknicks. Ich biss die Zähne noch ein wenig fester zusammen und vermied, das Gesicht zu verziehen. Ich würde mich nie daran gewöhnen, dass Leute vor mir knicksten, am wenigsten eine Person, die so stark, tödlich und legendär war wie Serilda.

Die zweite Person war ebenfalls eine Frau, die aber älter war, wahrscheinlich über sechzig. Sie hatte kurzes rotes Haar, bernsteinfarbene Augen und bronzefarbene Haut. Bekleidet war sie mit einer waldgrünen Tunika, einer engen schwarzen Hose und Stiefeln und stützte sich auf einen Gehstock, der von einem Knauf in Form eines silbernen Ogerkopfs gekrönt wurde und der zu dem Morph-Mal an ihrem Hals passte.

Lady Xenia, eine ungerische Adlige, nickte mir ebenfalls zu, aber wenigstens sank sie nicht in einen Knicks.

Die dritte Person war ein streng wirkender Mann um die fünfzig mit kurzem grauem Haar, dunkler Haut, braunen Augen und einer schief stehenden Nase, die offensichtlich unzählige Male gebrochen war. Wie die anderen Wachen trug er eine kurzärmelige blaue Tunika zu einer schwarzen Hose und Stiefeln. Mein Blick fiel auf seinen silbernen Brustharnisch, auf dem über dem Herzen meine Krone aus Splittern prangte. Obwohl er den Harnisch schon seit Wochen trug, konnte ich mich nicht daran gewöhnen, ihn mit meinem Wappen zu sehen statt mit der aufgehenden Sonne von Königin Cordelia.

Dies war Auster, der Hauptmann der königlichen Wache und jeglichen Wachpersonals im Palast. Mein Hauptmann.

Hauptmann Austers Finger schlossen sich um das Heft des Schwerts an seinem Gürtel, dann verbeugte er sich nach bellonischer Tradition. Er verharrte viel länger als nötig und schien mir mit jeder zusätzlichen Sekunde seine Ergebenheit und seine Entschlossenheit zu zeigen. Sicher wollte er auf keinen Fall zulassen, dass ich ermordet wurde wie Königin Cordelia.

Schließlich richtete Auster sich wieder auf. Ich schenkte ihm ein ehrliches Lächeln und seine strenge Miene wurde sanfter, auch wenn das nichts an seiner Bereitschaft änderte, das Schwert zu ziehen und mich bis zum letzten Atemzug zu verteidigen.

Obwohl die drei nicht in der Nähe des Teppichs standen, traten Serilda, Xenia und Auster noch weiter zurück, als wollten sie mir den Weg zum Thron ebnen.

Ich blickte zum Thron der Königin auf, der auf dem Podest stand. Der Sessel bestand aus gezackten Zährensteinstücken, die vor Jahrhunderten aus dem Berg von Sieben Türme gegraben und zu einem Thron zusammengesetzt worden waren. Er glänzte in sanftem Licht und veränderte seine Farbe von hellem Grau zu Mitternachtsblau, genau wie die Säulen. Die wechselnden Farben repräsentierten die Sommer- und Winter-Linie der königlichen Blair-Familie, genauso wie die unvergängliche Stärke des bellonischen Volkes.

Ich hatte den Thron schon unzählige Male gesehen, doch jetzt, da er mir gehörte, fand ich ihn noch viel einschüchternder. Am meisten war ich davon beeindruckt, dass oben auf der Lehne dieselbe Krone aus Splittern eingelassen war, die auch meine Tunika, mein Armband und meine Waffen zierte. Vor dem königlichen Massaker hatte ich das Symbol nie beachtet, doch jetzt entdeckte ich es, wo immer ich hinging. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich viel glücklicher gewesen wäre, wenn ich diese Krone niemals erblickt hätte. Auf jeden Fall wäre ich sicherer gewesen.

Die Herrinnen des Sommers
sind schön und apart,
mit hübschen Bändern und
Blumen so zart.

Die Herrinnen des Winters
sind kalt und hart,
eisige Kronen aus Splittern
sind ihre Art.

 

Die Worte des alten bellonischen Kinderreims hallten in meinem Kopf wider, als flüsterten ihn mir alle Königinnen, die vor mir gewesen waren, immer wieder ins Ohr. Ich lauschte noch einen Moment auf die Echos, dann atmete ich tief durch, stieg die Stufen empor, drehte mich um und ließ mich auf dem Thron nieder.

Dies war das Signal, auf das alle gewartet hatten. Die Lords, Ladys, Senatoren, Gildenmeister und anderen traten vor und blieben erst wenige Schritte vor dem Podium wieder stehen. Dann bildeten sich schnell die üblichen Gruppen und redeten miteinander, während Diener durch die Menge gingen, um Kiwitörtchen, frische Früchte und Käse sowie Gläser mit prickelnder Brombeer-Sangria zu verteilen.

Ich spähte zu der Galerie im ersten Stock hinauf. Dort oben hielten sich weitere Adlige auf, aßen, tranken, unterhielten sich und beobachteten mich, auch wenn sie viel ärmer und daher weniger einflussreich waren als jene, die sich im Erdgeschoss versammelt hatten.

Ich wollte gerade den Blick senken, als ich einen Mann entdeckte, der allein in einer Ecke der Galerie saß. Er trug einen langen grauen Mantel über sonst schwarzer Kleidung. Sein dunkelbraunes Haar glänzte im Licht der Lampen und ein Bartschatten verdunkelte sein Kinn. Die Miene auf den attraktiven Zügen war so ausdruckslos wie meine und ich konnte seine Gedanken nicht deuten, obwohl seine blauen Augen meinen Blick mit brennender Intensität bannten.

Ich blähte die Nasenflügel. Auch wenn er so weit von mir entfernt saß, konnte ich doch über alle anderen Gerüche im Raum seinen Duft wahrnehmen, kalte, kühle Vanille mit einem Hauch von Schärfe. Ich atmete nochmals tief ein, sog den Duft tief in meine Lungen ein und gab mir Mühe, den heißen Funken der Begierde zu unterdrücken, der in mir aufglomm.

Lucas Sullivan war der magische Vollstrecker des Schwarzen Schwans, ein andvarischer Bastard-Prinz und mein … nun, ich wusste nicht genau, was genau Sullivan für mich war. Viel mehr als ein Freund, aber kein Liebhaber, trotz meiner deutlichen Vorstöße in seine Richtung. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, wie viel er mir bedeutete, besonders nicht jetzt, da ich mich dem nächsten Kampf innerhalb meines eigenen Palasts stellen musste.

Daher senkte ich den Blick und sah erneut über die Adligen hinweg. Obwohl ich bereits seit mehreren Wochen Königin war – seitdem ich Vasilia, die Kronprinzessin und meine verräterische Cousine, getötet hatte –, hielt ich zum ersten Mal offiziell Hof. Alle waren gekommen, um mit mir über Geschäfte und anderes zu sprechen, und es war von großer Bedeutung, dass alles gut vonstattenging. Allerdings bezweifelte ich das schwer. Einiges, was ich zu sagen hatte, würde den Adligen nicht gefallen.

Während die Höflinge sich unterhielten, sich an Sangria und Köstlichkeiten gütlich taten, atmete ich unauffällig ein, ließ die Luft über die Zunge gleiten und kostete so alle darin enthaltenen Gerüche. Die blumigen Parfüms und würzigen Rasierwasser der Gäste. Die fruchtige Note der Sangria. Der durchdringende Geruch des Schimmelkäses, der auf den Tischen an der Wand angeboten wurde.

Ich wollte die Sitzung gerade offiziell eröffnen, als mir ein letzter Geruch in die Nase stieg – pfeffriger Zorn, so stark, dass mir die Nase von der plötzlichen Geruchsexplosion brannte.

Die meisten der Anwesenden mochten auf meine Murksmagie herabblicken, doch mein herausragender Geruchssinn war in einer Hinsicht sehr nützlich. Mit seiner Hilfe erkannte ich die Gefühle von Menschen und sehr oft auch ihre Absichten. Knoblauchähnliche Schuld, aschige Scham, minziges Bedauern. Ich erkannte, was jemand fühlte, und oft auch, was jemand plante, indem ich einfach die Gerüche prüfte, die um diese Person herum in der Luft schwebten.

Ich hatte meine Murksmagie jahrelang verfeinert, also wusste ich, dass dieser nach Pfeffer schmeckende Zorn nur eines bedeuten konnte.

Jemand hier im Saal wollte mich umbringen.

Jennifer Estep

Über Jennifer Estep

Biografie

Jennifer Estep ist SPIEGEL-Bestsellerautorin und lebt in Tennessee, USA. Sie schloss ihr Studium mit einem Bachelor in Englischer Literatur und Journalismus und einem Master in Professional Communications ab. Bei Piper erscheinen ihre Young-Adult-Serien um die „Mythos Academy“, »Mythos Academy...

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