Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Blick ins Buch
Crush the King (Die Splitterkrone 3)Crush the King (Die Splitterkrone 3)

Crush the King (Die Splitterkrone 3)

Jennifer Estep
Folgen
Nicht mehr folgen

Die Splitterkrone 3

Paperback
€ 17,00
E-Book
€ 14,99
€ 17,00 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 14,99 inkl. MwSt.
sofort per Download lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Crush the King (Die Splitterkrone 3) — Inhalt

Everleigh Blair, die Königin Bellonas, hat einen Mordanschlag auf ihre königliche Familie überlebt, ist einer elitären Gladiatorentruppe beigetreten und hat gelernt, ihre magischen Kräfte zu entfesseln. Als der feindlich gesinnte König von Morta Evie erneut angreift, beschließt sie, dass es an der Zeit ist, ihre Feinde endgültig zu besiegen. Und dafür gibt es keine bessere Gelegenheit als die Regaliaspiele, bei denen Krieger, Adelige und Königshäuser aller Länder zusammenkommen, um ihre Kräfte zu messen ...

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
480 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70543-1
Download Cover
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erschienen am 01.04.2021
Übersetzt von: Vanessa Lamatsch
480 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99834-5
Download Cover

Leseprobe zu „Crush the King (Die Splitterkrone 3)“

1

Der Tag, an dem die Regaliaspiele für mich eigentlich begannen, fing an wie jeder andere.

Damit, dass ich tanzte, tanzte, tanzte, so schnell ich konnte.

„Bewegung! Bewegung!“, blaffte eine strenge Stimme. „Du kommst aus dem Takt!“

Ich zog eine Grimasse, beschleunigte aber gleichzeitig meine Schritte. Meine nackten Füße klatschten auf den Holzboden, meine Arme hoben und senkten sich immer wieder, meine Finger bewegten sich und zeigten mal hierhin, mal dorthin. Laute, fröhliche Musik erfüllte die Luft und ich gab mein Bestes, um meine Bewegungen an den [...]

weiterlesen

1

Der Tag, an dem die Regaliaspiele für mich eigentlich begannen, fing an wie jeder andere.

Damit, dass ich tanzte, tanzte, tanzte, so schnell ich konnte.

„Bewegung! Bewegung!“, blaffte eine strenge Stimme. „Du kommst aus dem Takt!“

Ich zog eine Grimasse, beschleunigte aber gleichzeitig meine Schritte. Meine nackten Füße klatschten auf den Holzboden, meine Arme hoben und senkten sich immer wieder, meine Finger bewegten sich und zeigten mal hierhin, mal dorthin. Laute, fröhliche Musik erfüllte die Luft und ich gab mein Bestes, um meine Bewegungen an den schnellen Rhythmus anzupassen.

„Arme höher!“, blaffte die strenge Stimme. „Finger gespreizt! Zehen gestreckt! Und jetzt, hopp! Springen, springen, springen!“

Bei diesem dämlichen Gespringe fühlte ich mich wie ein Kaninchen, das über ein Feld hoppelt, aber ich tat wie befohlen. Die Musik wurde lauter und schneller und ich wedelte weiter mit Armen und Beinen, in dem verzweifelten Versuch, dem erbarmungslosen Takt zu folgen.

Ich tanzte schon seit mehr als einer Stunde und die Erschöpfung ließ meine Arme und Beine schwer werden. Ich drehte den Kopf, um meine Foltermeisterin zu bitten, das Training zu beenden, doch in diesem Moment blaffte sie einen weiteren Befehl.

„Schau nicht mich an, sondern dich selbst! Erkenne deine Fehler!“

Falls sie meine schlecht gelaunte Miene bemerkte, war es ihr egal, also konzentrierte ich mich wieder auf mein Spiegelbild.

Ich tanzte vor bodentiefen Spiegeln, die eine gesamte Wand des Saals bedeckten. Mein schulterlanges, schwarzes Haar war im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden und meine normalerweise blassen Wangen leuchteten von der dauerhaften Anstrengung so rot wie Tomaten. Ich trug meine übliche königsblaue Tunika, gepaart mit einer schwarzen, engen Hose. Meine schwarzen Stiefel und die Socken hatte ich dagegen ausgezogen. Dieser Tanz wurde traditionell barfuß aufgeführt. Der Parkettboden lag kühl und glatt wie Glas unter meinen heißen, verschwitzten Zehen.

Obwohl ich eigentlich meine Körperhaltung im Blick haben sollte, konnte ich nicht anders, als mir auch alle anderen Reflexionen im Spiegel anzusehen. Die Wände des großen, höhlenartigen Saals waren mit goldbraunem Holz verkleidet. Umrahmt von silbernen Blattapplikationen prangten weiße Stuckornamente an der Decke, von denen drei runde Kristalllüster hingen, die ein wenig an riesige, glitzernde Schneebälle erinnerten. Die Fluorsteine in den Lüstern strahlten helles, weißes Licht aus, sodass man meine Fehler umso besser sehen konnte – genau wie die Oger überall im Raum.

Wilde, knurrende Ogergesichter waren in die Wände und die Stuckornamente geschnitzt. Zusätzlich baumelten silberne Ogerfiguren von den Lüstern wie Windspiele. Allerdings gab es hier keinen Luftzug, der sie fröhlich zum Klimpern gebracht hätte. Weitere knurrende Ogergesichter waren in dunklen Grün- und Rottönen auf die Holzfliesen gemalt, als wäre der gesamte Raum ein riesiges Spielbrett. Ich tanzte auf mehreren Gesichtern und rechnete ständig damit, dass sich die glänzend weißen Zähne aus dem Holz erhoben und mich in die Ferse bissen, wenn ich meine Füße senkte.

Ich tanzte allein … allerdings saßen in einer Ecke mehrere Musiker und spielten, spielten, spielten so schnell wie möglich auf ihren Flöten und Violinen. Meine Foltermeisterin dagegen lungerte nur knapp einen Meter entfernt in einem grün gepolsterten Sessel herum.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie etwas Silbernes auf mich zuschoss. Wieder zog ich eine Grimasse. Ich wusste genau, was mich erwartete, wich aber nicht aus.

Plock.

Das stumpfe Ende eines silbernen Gehstocks traf meinen rechten Oberschenkel. Der Schlag war nicht so hart, dass er einen blauen Fleck erzeugt hätte, aber doch heftig genug, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich stolperte zur Seite, hörte aber nicht auf zu tanzen. Das hätte nur dafür gesorgt, dass sie mich noch mal geschlagen hätte – und zwar fester.

„Nicht in Gedanken verlieren! Und den Blick gerade!“, bellte sie. „Du musst dich auf den Tanz und nur auf den Tanz konzentrieren!“

Ich öffnete den Mund, um einen spitzen Kommentar darüber abzugeben, dass meine Konzentration schwer aufrechtzuerhalten war, wenn sie ständig mit ihrem verdammten Gehstock nach mir schlug, doch sie kam mir zuvor.

„Und denk nicht mal daran, mir eine unverschämte Antwort zu geben.“

»Ja … gnädige Dame … Euer Wunsch … ist mir Befehl … und Euer Glück … meine drängendste Sorge … und meine einzige … wahre Freude …«, keuchte ich, dann hob ich die Hand und salutierte spöttisch.

Einem der Musiker in der Ecke entkam ein Lachen, das laut genug war, um die Melodie zu übertönen.

Meine Foltermeisterin richtete ihren strengen Blick auf ihn. Der Musiker zuckte zusammen, überrascht von ihrer plötzlichen, unerwarteten Aufmerksamkeit. Sein Bogen glitt ungeschickt über die Seiten seiner Violine, sodass ein lautes, kreischendes Geräusch durch den Saal hallte.

„Genug!“, blaffte sie. „Das reicht! Hört auf, zu spielen!“

Die Musik verstummte abrupt. Stille breitete sich im Tanzsaal aus. Die plötzliche Ruhe wirkte ohrenbetäubender als die stürmische Melodie zuvor. Ich hörte auf zu tanzen, dann ließ ich den Kopf sinken und stemmte die Hände in die Hüften, um wieder zu Atem zu kommen.

Die Frau in dem samtbezogenen Sessel rammte ihren Gehstock auf den Boden und stand auf. Sie trug eine dunkelgrüne Tunika, eine schwarze, enge Hose und Schuhe mit niedrigen Absätzen, mit denen sie trotzdem fast einen Meter achtzig groß war. Ihre kupferfarbenen Locken fielen ihr locker um die Schultern, und der Blick in ihren bernsteinfarbenen Augen war scharf und kritisch. Falten zeichneten ihre bronzefarbene Haut, doch obwohl sie über sechzig war, war ihr Körper stark und muskulös. Eigentlich hätte sie ihren Gehstock nicht gebraucht … außer um mich damit zu piken, natürlich.

Die Frau beäugte mich einen Moment, dann richtete sie ihren Blick wieder auf die Musiker. Das Ogergesicht an ihrem Hals allerdings starrte mich weiter an, als könnte die Kreatur meine unhöflichen Gedanken in Bezug auf ihre Herrin spüren.

Alle Morphe hatten irgendeine Art von Mal an ihrem Körper, das anzeigte, in welche Kreatur sie sich verwandeln konnten. Das Mal meiner Foltermeisterin zeigte ein knurrendes Ogergesicht, bei dem Haar- und Augenfarbe gleich waren wie bei der Frau selbst. Der Oger kniff die Augen zusammen und schürzte die Lippen, sodass ich seine unzähligen, spitzen Zähne sehen konnte. Die Kreatur war auch nicht glücklich mit mir.

Trotz des missbilligenden Blickes zwinkerte ich dem Oger zu. Ich war in dieser Hinsicht einfach unverbesserlich. Morph-Male spiegelten oft die Gefühle und Gesichtsausdrücke ihrer menschlichen Alter Egos wider. Der Oger verdrehte die Augen, genau wie seine Herrin es während meiner Trainingsstunde mehr als einmal getan hatte.

Lady Xenia, meine Foltermeisterin/Tanzlehrerin, stach mit ihrem Gehstock in Richtung der Musiker in die Luft. „Verlasst uns! Sofort!“

Das musste sie dem Orchester nicht zweimal sagen. Die Musiker schnappten sich ihre Instrumente und Notenblätter und eilten aus dem Tanzsaal. Der Violinist, der über meinen frechen Salut gelacht hatte, bedachte mich noch mit einem mitfühlenden Blick. Auch ihm zwinkerte ich zu. Er grinste kurz, dann floh er mit den anderen aus dem Raum.

Lady Xenia drehte sich um und stach mit dem Stock in meine Richtung. Der silberne Ogerkopf am Knauf sah genauso aus wie das Morph-Mal an ihrem Hals. „Du solltest die Musiker nicht aufstacheln. Sie sind hier, um zu arbeiten, nicht um über deine jämmerlichen Witze zu lachen.“

Ich wich ihrem Stock aus, humpelte zu einer Bank, schnappte mir ein Handtuch und wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht. „Seit wann ist tanzen so verdammt anstrengend? Tanzen sollte Spaß machen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Der Danzenfalter ist kein Spaß. Nicht für dich, Evie. Nicht, wenn du es schaffen willst, eine Allianz mit Königin Zariza auszuhandeln.“

„Sie ist deine Cousine. Kannst du sie nicht auf andere Weise dazu überreden, sich mit mir zu verbünden? Wir wissen doch beide, dass ein Bündnis zwischen Unger, Bellona und Andvari im besten Interesse aller drei Königreiche ist.“

„Zariza mag meine Cousine sein, aber sie ist trotzdem die Königin von Unger und ist daher niemandem Rechenschaft schuldig, nicht einmal mir“, erklärte Xenia sachlich. „Genau wie du die Königin von Bellona bist und niemandem gehorchen musst.“

Ich schnaubte. „Erzähl das mal Fullman, Diante und den anderen Adeligen. Sie scheinen davon überzeugt zu sein, dass ich ihnen und nur ihnen zu gehorchen habe.“

Xenia zuckte mit den Achseln, womit sie mir weder zustimmte noch widersprach. „Wie dem auch sei, Zariza wird dich während der Regalia zu einem Tanzwettbewerb herausfordern. Und dafür musst du bereit sein. Zariza beim Danzenfalter zu schlagen, wird deine Stärke demonstrieren. Außerdem wird sie sich nur so mit dir verbünden.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich werde nie verstehen, warum ihr Ungerer aus allem einen Tanzwettbewerb machen müsst.“

„Weil wir zivilisiert sind. Anders als ihr Bellonier mit eurer Gladiatoren-Tradition. Bei euch Barbaren endet alles immer in einem Blutbad in der Arena.“ Sie schnaubte missbilligend.

Ich wollte darauf hinweisen, wie viele ungerische Tänze damit endeten, dass der Verlierer hingerichtet wurde, doch ich hielt meine Zunge im Zaum. Zumindest in diesem Punkt. „Nun, dir ist aber schon klar, dass du die Königin von Bellona nicht mit deinem Gehstock piken solltest, oder?“

Wieder schnaubte Xenia. „Das ist mein Tanzsaal und ich pike hier, wen ich will, ob es nun du bist, Zariza oder irgendeine andere Königin, die es wagt, durch diese Tür zu treten.“

„Dann bin ich ja froh, dass ich keine Königin bin“, schaltete sich eine Stimme ein, „und dass ich nicht tanzen lernen muss.“

Eine Frau schlenderte in den Raum. Sie war ungefähr in meinem Alter, um die siebenundzwanzig, groß, muskulös, mit blondem Haar, das zu einem Zopf geflochten war, bernsteinfarbenen Augen und wunderbarer, bronzefarbener Haut. Sie trug eine dunkelgrüne Tunika, eine enge Hose und Stiefel. Ein dunkelgrüner Mantel lag um ihre Schultern und ergoss sich bis auf ihre Knöchel, doch selbst dieses Kleidungsstück konnte den riesigen, mit Stacheln bewehrten Streitkolben nicht verbergen, der von ihrem schwarzen Ledergürtel hing. Als wäre diese Waffe nicht schon einschüchternd genug, prangte an ihrem Hals noch ein Morph-Mal: ein furchterregendes Ogergesicht, ebenfalls mit geflochtenem, blondem Haar und goldbraunen Augen.

Paloma, ehemalige Gladiatorin und meine beste Freundin, musterte Xenia und mich. „Wenn ihr beide mit eurer Wirbelstunde fertig seid, könnten wir uns vielleicht den wichtigeren Geschäften des heutigen Abends zuwenden.“

Xenia schnaubte zum dritten Mal. „Nichts ist wichtiger als tanzen. Du solltest mehr Interesse dafür zeigen. Schließlich ist es Teil deines Erbes.“

Paloma runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“

Xenia deutete auf das Morph-Mal an Palomas Hals. „Du bist ein Oger, was bedeutet, dass in deinen Adern ungerisches Blut fließt. Haben deine Eltern dir das nicht gesagt? Haben sie dir keine ungerischen Tänze beigebracht?“

Unangenehm berührt trat Paloma von einem Fuß auf den anderen. „Nein. Mein Vater stammte aus Flores und ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je erzählt hätte, dass sie aus Unger kommt.“

Palomas Mutter war verschwunden, als Paloma noch ein Kind gewesen war, und meine Freundin hatte keine Ahnung, wohin sie gegangen war. Noch schlimmer aber war, dass ihr Vater sie mit sechzehn Jahren auf die Straße gesetzt hatte, weil er meinte, ihr Morph-Mal mache sie zu einem Monster. Also war Palomas innerer Oger und ihre offenbar ungerische Abstammung ein wunder Punkt für sie.

Xenia trat näher an Paloma heran und musterte den Oger an ihrem Hals. »Ich habe bisher nicht groß darauf geachtet, aber dein Mal ist bemerkenswert. Es erinnert mich an …« Ihre Stimme verklang.

„Was?“, fragte Paloma leise und wachsam.

Xenia schüttelte den Kopf. „Nichts. Nur eine alte, alberne Hoffnung.“

Sie lächelte, doch ihre Miene mit den zusammengebissenen Zähnen sprach eher von Frust als von Glück. Noch vielsagender war der Geruch ihrer rußigen Trauer, der intensiv in der Luft hing und mir in der Nase brannte. Meine Murksmagie erlaubte es mir, die Gefühle von Menschen zu riechen, von sanfter, rosiger Liebe über heißen, pfeffrigen Zorn bis hin zu Xenias plötzlichem Kummer. Sie musste an ihr Kind denken – das Kind, das sie, wie sie meinte, durch eigene Dummheit verloren hatte.

Ich fragte mich, ob Xenia etwas von ihrem verlorenen Kind in Paloma wiedererkannte. Ich hatte oft darüber nachgedacht, wie sehr sich meine beiden Freundinnen ähnelten – besonders ihre Morph-Male mit den bernsteinfarbenen Augen und den charakteristischen Haarlocken. Doch ich hatte diesen Gedanken ihnen gegenüber nie geäußert, und auch jetzt schien nicht der richtige Zeitpunkt dafür zu sein.

Ich räusperte mich, um das unangenehme Schweigen zu brechen. „Paloma hat recht. Wir müssen uns bereitmachen. Sind die anderen auf ihren Positionen?“

„Ja. Serilda, Cho und Lucas sind auf dem Platz“, antwortete Paloma. „Sie halten sich für den Fall bereit, dass etwas schiefläuft und diese mysteriöse Person doch keine Blair ist.“

Diesmal war es der Geruch meiner eigenen, rußigen Trauer, der mir in die Nase stieg. Meine Cousine Kronprinzessin Vasilia hatte vor einiger Zeit ihre Mutter Königin Cordelia und den Rest der königlichen Blair-Familie ermordet – meiner Familie. Das Massaker von Sieben Türme war Teil einer aufwendigen, mortanischen Intrige gewesen, die darauf abgezielt hatte, Vasilia auf den bellonischen Thron zu setzen und das Königreich in einen Krieg mit Andvari zu treiben. Durch eine Reihe unerwarteter Geschehnisse hatte ich das Massaker überlebt, war Gladiatorin geworden, hatte Vasilia getötet und den Thron bestiegen.

Jetzt wurde allgemein angenommen, dass ich die letzte überlebende Blair war – ein Gedanke, der mich mit mehr Trauer erfüllte, als ich je erwartet hätte. Die meisten meiner Cousins und Cousinen mochten so bösartig gewesen sein wie Korallenvipern, aber sie hatten es nicht verdient gehabt, niedergemetzelt zu werden, nur weil der mortanische König die Sommer- und die Winter-Blutlinie der Blair-Familie und damit ihre mächtige Magie ausrotten wollte.

Doch vor ein paar Wochen waren Xenia durch ihr weitläufiges Netzwerk an Spionen Andeutungen darüber zu Ohren gekommen, dass jemand in Svalin Magie einsetzte. Jemand mit graublauen Augen – Zährensteinaugen, Blair-Augen – wie meine.

Die Hoffnung, die diese Nachricht – dieses Gerücht – in mir hatte aufsteigen lassen, überraschte mich selbst.

Nach dem Massaker hatten Serilda und Cho monatelang nach einem weiteren Überlebenden aus der Blair-Familie gesucht, allerdings ohne Erfolg. Sobald ich auf dem Thron gesessen hatte, hatte ich Auster, dem Hauptmann meiner Palastwache, befohlen, die Suche auf die ländlichen Gebiete auszuweiten … in der Hoffnung, dass es einem meiner Cousins oder einer meiner Cousinen gelungen war, Vasilias mörderischen Wachen zu entkommen und sich zu verstecken. Doch wir hatten nicht den leisesten Hinweis gefunden, dass noch jemand aus der Blair-Familie das Gemetzel überlebt hatte.

Xenia allerdings schon.

Xenia führte nicht nur ein Internat und eine Tanzschule, sie war darüber hinaus auch eine Spionin – eine der besten von allen Königreichen. In den letzten Wochen hatten sie und ihre Quellen immer wieder Gerüchte darüber gehört, dass sich eine Blair irgendwo in Svalin, der Hauptstadt von Bellona, versteckte.

Und heute Abend wollte ich endlich herausfinden, ob an den Gerüchten etwas dran war.

Und falls es stimmte … falls diese Frau wirklich eine Blair war … dann hoffte ich, dass wir zusammenarbeiten konnten, um Bellona zu beschützen – nicht nur vor dem mortanischen König, sondern vor allen, die uns und unserem Volk Böses zufügen wollten. Ich saß erst seit ungefähr sechs Monaten auf dem Thron, doch ich war es jetzt schon leid, diese schwere Bürde allein zu tragen. Ich brauchte Hilfe. Ich brauchte eine weitere Blair – jemanden, auf den ich mich verlassen konnte. Und vor allem jemanden, dem ich den Thron hinterlassen konnte, falls das Schlimmste eintrat und es den Mortanern schließlich doch gelang, mich umzubringen.

Was bei den anstehenden Regaliaspielen jederzeit passieren konnte.

Mein Herz hob sich und der Geruch meiner eigenen, honigsüßen Hoffnung stieg mir in die Nase, als ich darüber nachdachte, eine weitere Blair zu finden. Doch ich zwang mich, dieses Gefühl zurückzudrängen. Alle bisherigen Gerüchte hatten sich als genau das entpuppt – Gerüchte – und dieses Mal würde es wahrscheinlich nicht anders sein.

Ich wischte mir noch einmal mit dem Handtuch übers Gesicht, dann warf ich den Stoff zur Seite, schnappte mir meinen schwarzen Ledergürtel und schloss ihn um meine Taille. An dem Gürtel hingen ein Schwert und ein dazu passender Dolch. Beide hatten eine stumpfe, silberne Farbe und dasselbe Wappen am Heft – sieben mitternachtsblaue Splitter, die so angeordnet waren, dass sie eine Krone bildeten.

Die Waffen wirkten schwer, doch tatsächlich waren sie ziemlich leicht, da sie aus Zährenstein bestanden. Zährenstein konnte nicht nur Magie aufnehmen und speichern, wie es auch gewisse Juwelen taten, der Stein besaß außerdem auch die einzigartige Fähigkeit, Schutz vor Magie zu bieten. Er lenkte sie ab, wie ein Schild einen fliegenden Pfeil in einem Gladiatorenkampf ablenkte. Die dunkelblauen Scherben im Heft würden eine ordentliche Menge Magie ablenken, genauso wie die rasiermesserscharfen Klingen der Waffen.

Dieses Schwert und der Dolch hatten mich bei Mordanschlägen mehr als einmal gerettet und ich trug sie immer bei mir. Ich besaß auch einen passenden Schild, doch der erregte zu viel Aufmerksamkeit, also hatte ich ihn in meinen Gemächern im Palast gelassen.

Sobald ich den Waffengürtel befestigt hatte, konzentrierte ich mich auf die zwei identischen Armbänder – die Stulpen –, die an meinen Handgelenken glänzten. Beide bestanden aus Silber, das zu scharfen Dornen geformt worden war, die sich um das Design in der Mitte wanden und es schützten – eine weitere, mitternachtsblaue Splitterkrone.

Mein persönliches Wappen als Everleigh Saffira Winter Blair, Königin von Bellona.

Noch ein Splitterkronenwappen prangte in silbernem Faden auf meiner Tunika, direkt über meinem Herzen. Daneben besaß ich mehrere echte Kronen mit demselben Wappen, auch wenn ich heute Abend keine davon trug, schließlich war ich inkognito unterwegs. Außerdem machte ich mir immer Sorgen, dass mir die Krone vom Kopf fallen könnte – besonders, wenn ich mich so anstrengenden Aktivitäten widmete wie Xenias Tanztraining.

Ich hatte die Ärmel aufgerollt, um während der Tanzstunde die Bewegungen meiner Arme besser beobachten zu können. Jetzt schob ich sie nach unten, um die Armbänder zu verbergen. Außerdem griff ich nach einem mitternachtsblauen Mantel und legte ihn mir um die Schultern, wobei ich sicherstellte, dass der Stoff das Splitterkronenwappen auf meiner Brust verdeckte.

„Wünsch uns Glück“, sagte ich zu Xenia.

„Nein.“

„Nein? Was meinst du mit Nein?“

Xenia zuckte mit den Achseln. „Jemandem Glück zu wünschen, ist sinnlos und albern. Man arbeitet hart, trainiert und bereitet sich vor. Glück hat absolut nichts mit Erfolg oder Versagen zu tun.“

Paloma nickte zustimmend. Verräterin. Ich warf meiner Freundin einen bösen Blick zu, doch sie zuckte genauso mit den Achseln, wie Xenia es getan hatte. „Sie hat recht. Glück ist etwas für Narren und Kinder.“

„Mit dir kann man auch keinen Spaß haben.“

Paloma zuckte wieder mit den Schultern. „Ich bin nicht hier, um dich zu bespaßen“, sagte sie in dem sachlichen Tonfall, den ich gleichermaßen bewunderte und hasste. „Ich bin hier, um dich am Leben zu halten.“

Ich seufzte, weil ich wusste, dass ich diese Diskussion nicht gewinnen konnte. „Nun dann, lass uns losziehen.“

Ich ging auf die offene Tür zu, doch Xenia hielt mich auf, indem sie eine Hand hob.

„Ich hoffe, du findest, wonach du suchst, Evie“, sagte sie freundlicher. „Und dass ein Teil deiner Familie überlebt hat.“

Ein trauriger, wehmütiger Ausdruck huschte über ihr Gesicht. Wieder einmal stieg mir der Geruch von Xenias rußiger Trauer in die Nase. Gleichzeitig lehnte sie sich etwas schwerer auf ihren Stock als bisher, als brauchte sie ihn wirklich als Stütze.

„Danke“, sagte ich sanft.

Sie zuckte erneut mit den Achseln, dann riss sie den Gehstock hoch und stach mir damit in den Arm. „Aber egal, was heute Abend passiert, ich erwarte dich morgen um dieselbe Zeit zu deiner nächsten Tanzstunde.“

Paloma kicherte, doch Xenia wirbelte herum und pikte meine Freundin genauso mit dem Stock, wie sie es gerade bei mir getan hatte.

„Und dich auch“, befahl sie, „selbst wenn du nichts über deine Herkunft weißt, kannst du doch die Tänze lernen.“

Paloma öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Xenia starrte sie nur unverwandt an. Meine Freundin seufzte. „Ja, meine Lady.“

Xenia nickte zufrieden, dann schlenderte sie mit klapperndem Gehstock davon.

Ich legte Paloma einen Arm um die Schultern. „Sieht aus, als hätte ich eine neue Tanzpartnerin. Stell dir vor, morgen um diese Zeit wird Xenia dich mit ihrem verdammten Stock malträtieren.“

Paloma warf mir einen missmutigen Blick zu. Ich lachte, dann folgten wir Xenia gemeinsam aus dem Tanzsaal.



2

Xenia musste sich noch um andere Dinge kümmern, also verließen Paloma und ich ihre Schule.

Es war fast sechs Uhr abends und die Sonne versank allmählich hinter den Nadelbergen, die sich um die Stadt herum erhoben. Die Dezemberluft war ziemlich kühl und sobald die letzten, goldenen Strahlen hinter den hohen, gezackten Bergspitzen verschwunden wären, würde es noch kälter werden. Meine Nase zuckte. Ein leicht metallischer Duft hing in der Luft und deutete darauf hin, dass es irgendwann heute Nacht schneien würde.

Nur wenige Leute schlenderten durch die Seitenstraßen bei Xenias Internat. Die meisten hatten die Köpfe gesenkt und die Arme vor der Brust verschränkt, um sich in ihren Schals, Mänteln und Handschuhen so warm wie möglich zu halten. Keiner von ihnen schenkte Paloma oder mir einen zweiten Blick, als wir zu einem der riesigen, überall in Svalin verteilten Plätze gingen.

Wir blieben im Schatten einer schmalen Gasse zwischen zwei Bäckereien stehen und sahen über den Platz hinweg. Die bunt gestrichenen Karren von Bäckern, Metzgern, Bauern, Schneidern und anderen Händlern standen um den Platz herum, während in der Mitte ein Brunnen mit der Statue von zwei Mädchen, die sich an den Händen hielten, fröhlich blubberte.

Leute in allen Größen, Formen, Altersklassen und von verschiedenstem Stand bewegten sich über die grauen Pflastersteine von einem Karren und Händler zum nächsten, um Brot, Fleisch, Käse, Gemüse, Kleidung und mehr zu kaufen. Andere überquerten den Platz mit schnellen Schritten, ohne die farbenfrohen Verkaufsstände und die Rufe der Händler zu beachten. Sie umrundeten den Brunnen, darauf bedacht, nach einem harten Arbeitstag schnell nach Hause zu kommen. Überwiegend waren es Minenarbeiter, deren Körper überzogen waren mit hellgrauem Fluorsteinstaub. Sie trugen dicke, blaue Overalls und Stiefel, auf dem Kopf hatten sie stabile Helme.

Ich öffnete den Mund und atmete tief durch, ließ die Luft über meine Zunge gleiten und setzte meine Murksmagie ein, um all die Gerüche zu identifizieren, die über den Platz waberten. Frisches, warmes Brot und Mandel-Zuckerplätzchen aus den Bäckereien neben der Gasse. Der metallische Blutgestank von den Metzgerständen. Das scharfe, vielschichtige Aroma der verschiedenen Käsesorten. Die Erde an den Kartoffeln und dem anderen Gemüse. Der Duft des feinen, fast kreideartigen Staubs, der an den Minenarbeitern klebte.

Ich registrierte all das und mehr, doch eines nahm ich nicht wahr: Magie.

Normalerweise hätte ich mich darüber gefreut. Meistens nahm ich den heißen, beißenden Geruch von Magie nur wahr, wenn jemand versuchte, mich umzubringen. Doch heute Abend fand ich das Fehlen des Aromas magischer Macht ziemlich enttäuschend.

„Mir gefällt das nicht“, murmelte Paloma mit der Hand an ihrem Streitkolben. „Was, wenn dieses Gerücht über eine weitere Blair-Überlebende nur ein Trick ist, um dich aus dem Palast in die Stadt zu locken, wo du verletzlicher bist? Und Xenias Internat ohne Wachen zu verlassen, bettelt quasi um Ärger.“

Paloma war nicht nur meine beste Freundin, sondern auch meine Leibwächterin – und sie nahm ihre Aufgabe ernst.

„Ohne Wachen herzukommen, ist Teil des Plans. Wir versuchen, nicht aufzufallen, schon vergessen?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Außerdem: Hast du mir nicht einmal gesagt, eine Gladiatorin wie du, die gleichzeitig ein Ogermorph ist, wäre so viel wert wie zwanzig normale Soldaten?“

„Das war Halvar.“ Paloma richtete sich voller Stolz höher auf. „Aber er hatte recht. Ich bin so viel wert wie zwanzig Soldaten.“

Halvar war Xenias Neffe und ein mächtiger Ogermorph, genau wie Paloma. Er und Paloma waren gut befreundet. Dasselbe galt für Bjarni, einen weiteren Ogermorph. Halvar und Bjarni hatten mir bereits mehr als einmal geholfen. Im Moment wohnten die beiden Männer in Sieben Türme und arbeiteten mit Hauptmann Auster zusammen.

Ich verdrehte die Augen. „Nun, dann solltest du froh sein, dass wir das Internat verlassen haben. Xenia sieht das Gerücht genauso kritisch wie du. Wenn ihr beide recht habt, dann werden wir heute Abend wahrscheinlich noch Ärger bekommen.“

Palomas Augen leuchteten erwartungsvoll auf. Der Oger an ihrem Hals dagegen grinste so breit, dass ich seine gezackten Zähne sehen konnte. „Es ist eine Weile her, dass ich mit irgendwem kämpfen durfte.“ Sie löste den Streitkolben von ihrem Gürtel und schwang ihn testweise, sodass die Stacheln pfeifend durch die Luft sausten. „Es wäre schön, ein wenig trainieren und den Staub von Pfingstrose schütteln zu können, bevor die Regaliaspiele beginnen.“

Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, auf wen – oder vielmehr auf was – Paloma sich bezog. „Du hast deinen Streitkolben Pfingstrose getauft?“

Sie warf mir einen ungläubigen Blick zu, als wäre meine Frage vollkommen irrsinnig. „Natürlich. Schon vor Jahren. Hast du deinem Schwert keinen Namen gegeben?“

„Nein.“

„Nun, das solltest du. Und deinem Dolch und dem Schild auch.“

Ich senkte die Hand an mein Schwert, das an meinem Gürtel hing, und ließ die Fingerspitzen über das Splitterkronenwappen im Heft gleiten. Die scharfen Kanten der Zährensteinsplitter zu spüren, beruhigte mich immer. Vielleicht, weil mich das Gefühl an all die anderen bellonischen Königinnen – vor allem die Winter-Königinnen – erinnerte, die vor mir gekommen waren.

Hmmm. Vielleicht sollte ich Palomas Ratschlag annehmen und mein Schwert … Winter … nennen. Ach nein, das war zu offensichtlich, zu platt, zu klischeehaft. Ich musste mir etwas Originelleres ausdenken.

Paloma schwenkte weiter ihren Streitkolben, als wollte sie sich für einen Gladiatorenkampf aufwärmen.

„Wieso Pfingstrose?“, fragte ich.

Meine Freundin erstarrte mitten im Schwung, dann senkte sie langsam die Waffe. Sie hielt sie so fest gepackt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. „Meine Mutter trug immer Pfingstrosen-Parfüm“, erklärte sie mit heiserer Stimme.

Der Geruch salzigen Kummers stieg von Paloma auf und verdrängte ihren natürlichen Duft: ein weiches Pfingstrosen-Parfüm gepaart mit einem Anflug von feuchtem Fell. Mitgefühl stieg in mir auf. Ich hob die Hand und drückte ihren Arm. Paloma schenkte mir ein kurzes, trauriges Lächeln, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Platz vor uns.

„Mir gefällt das trotzdem nicht“, wiederholte sie. „Du bist hier viel zu ungeschützt und angreifbar. Und dieser Mantel ist keine allzu tolle Verkleidung. Zieh dir wenigstens die Kapuze über, damit die Leute dein Gesicht nicht so deutlich sehen können.“

Ich öffnete den Mund, um darauf hinzuweisen, dass die Hälfte der Leute auf dem Platz Umhänge trug und dass sie mit ihrem riesigen Streitkolben viel auffälliger war als ich, doch Paloma und ihr innerer Oger warfen mir einen wilden Blick zu. Also schluckte ich meine Worte hinunter und hob die Kapuze, um mein schwarzes Haar zu verbergen und mein Gesicht in Schatten zu tauchen.

„Ich weiß nicht, wieso du dir solche Sorgen machst“, murmelte ich. „Es ist ja nicht so, als wären wir allein hier.“

Ich machte eine Geste in Richtung des Springbrunnens, wo eine Frau um die vierzig mit blondem, streng zurückgebundenem Haar und einer Narbe neben einem ihrer leuchtend blauen Augen Groschen in den Brunnen warf, als wünschte sie sich etwas. Sie trug zwar einen schwarzen Umhang, aber unter dem fließenden Stoff konnte ich eine weiße Tunika mit einem unverwechselbaren Wappen erkennen – einem Schwarzen Schwan. Außerdem trug sie ein Zährensteinschwert und einen Dolch aus demselben Material an der Hüfte, genau wie ich.

Serilda Swanson, die Chefin der Gladiatorentruppe zum Schwarzen Schwan und eine meiner Beraterinnen, nickte mir zu, dann deutete sie unauffällig mit dem Finger nach rechts.

Ich sah in die angegebene Richtung und konzentrierte mich auf einen ungefähr vierzigjährigen Mann mit schwarzem Haar, schwarzen Augen, goldener Haut und schmalem, muskulösem Körper, der am anderen Ende des Platzes stand. Auch er trug einen schwarzen Umhang. Darunter hatte er eine rote Jacke und ein weißes Rüschenhemd an. An seinem Gürtel hingen Schwert und Dolch und an seinem Hals konnte man ein Morph-Mal erkennen – ein Drachengesicht mit rubinroten Schuppen und glänzenden, schwarzen Augen.

Cho Yamato, der Ringmeister des Schwarzen Schwans, lehnte an einem Bäckerkarren und knabberte an einem riesigen Himbeer-Pfirsich-Keks. Cho war ein echtes Schleckermaul, genauso wie sein innerer Drache. Er bemerkte meinen Blick und zwinkerte mir zu, dann deutete er mit einer Geste auf ein Gebäude auf der anderen Seite des Platzes.

Dort, hoch oben, stand ein Mann neben einem silbernen Spitzturm, der sich an einer Seite des Daches erhob. Er war groß und gut aussehend, mit dunkelbraunem Haar, leuchtend blauen Augen und einem leichten Bartschatten auf den Wangen. Ein mitternachtsschwarzer Umhang lag um seine Schultern und eine maßgeschneiderte Tunika betonte seinen muskulösen Körper. Auch er trug Schwert und Dolch am Gürtel, bewegte außerdem aber immer wieder die Finger, um beim kleinsten Anzeichen von Ärger seine Blitzmagie freigeben zu können.

Ich atmete tief durch. Selbst über die Gerüche all der blumigen Parfüms und kühlen Rasierwasser hinweg konnte ich seinen einzigartigen Duft wahrnehmen – kalte, saubere Vanille mit einem Hauch von warmem Gewürz.

Dank meiner Murksmagie waren Gerüche und Erinnerungen in meinem Kopf oft miteinander verknüpft, daher sorgte sein vielschichtiger, berauschender Duft dafür, dass mein Herzschlag sich beschleunigte, mein Magen sich verkrampfte und heißes Verlangen meine Adern erfüllte. Verschiedenste Bilder und Empfindungen drohten mich zu überwältigen. Meine Lippen auf seinen, unsere Zungen im Duell, meine Finger in seinem dichten, seidigen Haar, meine Handfläche, die über seine nackte, muskulöse Brust glitt und langsam tiefer sank, während er mich ebenfalls berührte …

Lucas Sullivan, der magische Vollstrecker der Gladiatorentruppe zum Schwarzen Schwan und mein inoffizieller Prinzgemahl, grinste breit. Es war, als wüsste er genau, was ich gerade dachte, und könnte es gar nicht erwarten, in den Palast zurückzukehren, um all meine Fantasien wahr werden zu lassen.

Ich erwiderte sein Grinsen. Da waren wir schon zu zweit.

„Oh, hör auf, Lucas anzuschmachten“, grummelte Paloma. „Das wird dich heute Abend schneller umbringen als alles andere.“

Ich richtete den Blick wieder auf den Platz. „Siehst du? Die anderen haben ihre Positionen eingenommen, und ich bin vollkommen sicher. Jetzt müssen wir einfach abwarten, ob jemand auftaucht.“

Nachdem Xenia das Gerücht zu Ohren gekommen war, dass eine weitere Blair das Massaker überlebt haben könnte, hatten meine Beraterin und ihre vielen Quellen angefangen, ein eigenes Gerücht zu verbreiten – dass jedes Mitglied der Blair-Familie, das heute Abend zu diesem Platz kam, im Palast von Sieben Türme aufgenommen und dort beschützt würde.

Xenia und ihr Netzwerk hatten die Nachricht ungefähr zwei Wochen lang verbreitet. Und jetzt waren meine Freunde und ich hier, um herauszufinden, ob jemand den Köder geschluckt hatte.

Paloma beäugte die Menschen, die sich über den Platz bewegten. „Selbst wenn diese Frau, diese angebliche Blair, wirklich auftaucht, wie sollen wir sie in der Menge erkennen? Hier treiben sich Hunderte Leute herum. Es könnte sein, dass wir sie nicht einmal sehen.“

„Ich muss sie nicht sehen.“ Ich tippte mir an die Nase. „Meine Magie wird mich ihre Magie erkennen lassen.“

„Aber du weißt nicht mal, was sie ist“, hob Paloma hervor. „Sie könnte ein Magier oder ein Meister oder ein Morph sein. Oder einfach nur ein Murks wie du. Vielleicht ist es nicht mal eine Frau. Es könnte auch ein Mann sein.“

Ich zuckte mit den Achseln. »Magie ist Magie. Ich kann sie immer riechen, egal, wie sie aussieht oder wer sie in sich trägt. Außerdem, wenn das Gerücht auch nur den leisesten Funken Wahrheit enthält …«

Meine Stimme verklang, weil ich plötzlich einen Kloß im Hals hatte. Diese verdammte Hoffnung schnürte mir erneut die Kehle zu. Doch ich drängte die Empfindung zurück.

„Du musst trotzdem vorsichtig sein“, meinte Paloma. „Ich wäre nicht überrascht, wenn Maeven das Gerücht in die Welt gesetzt hätte, um dich aus dem Palast zu locken, damit sie und der Rest der Bastard-Brigade ein weiteres Mal versuchen können, dich umzubringen.“

Maeven war die uneheliche Schwester des Königs von Morta und auch diejenige, die das Massaker an meiner Familie in Sieben Türme orchestriert hatte. Außerdem war sie die Anführerin der Bastard-Brigade, einer Gruppe aus unehelichen Verwandten des Königs und der anderen legitimen Thronerben. In den letzten paar Monaten hatten Maeven und ihre Bastard-Brigade unzählige Male versucht, mich zu töten, auch wenn es mir gelungen war, die meisten ihrer fiesen Pläne zu vereiteln und am Leben zu bleiben – bisher zumindest.

„Du könntest recht haben“, gab ich zu. „Maeven ist auf jeden Fall clever und verschlagen genug, um mich mit dem Gerücht über eine weitere Überlebende hierher zu locken. Aber ich muss selbst herausfinden, ob es wahr ist. Und wenn alles nur eine Intrige von Maeven ist, dann werden wir ihre Meuchelmörder umbringen, genau, wie wir es bisher getan haben.“

„Und wenn es kein mortanisches Komplott ist?“, fragte Paloma.

„Dann werden wir herausfinden, wer genau diese Person ist, wo sie sich bisher aufgehalten hat und wie es ihr gelungen ist, am Leben zu bleiben. Vor allem, wieso sie nicht nach Sieben Türme gekommen ist, nachdem ich den Thron bestiegen und verkündet habe, dass alle Blair-Überlebenden in den Palast zurückkehren sollen.“

Ein Teil von mir war glücklich über den Gedanken, dass eine meiner Blair-Cousinen vielleicht das Gemetzel überlebt hatte. Doch ein kleiner Teil von mir fürchtete sich auch vor dem Familientreffen. Was, wenn diese mysteriöse Cousine in der Thronfolge einen höheren Rang einnahm als ich? Was, wenn ihr Anspruch auf die Krone mehr Berechtigung hatte? Was, wenn sie mehr Magie besaß als ich?

Und wenn das so war, dann stellte sich die größte Frage von allen: Sollte ich zurücktreten?

So würden es Protokoll und Tradition verlangen. Doch was war das Beste für Bellona? Denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendwem dort draußen – ob nun eine Blair oder nicht – wichtiger war, mein Königreich und sein Volk zu beschützen als mir.

Ich hatte nicht Königin werden wollen. Aber jetzt, da ich endlich sicher auf dem Thron saß, wollte ich ihn auch nicht einfach wieder aufgeben, nur weil jemand anderes das Massaker glücklicherweise auch überlebt hatte. Wenn ich schonungslos ehrlich war, wollte ich auch all die Macht und Privilegien nicht aufgeben, die damit einhergingen, Königin von Bellona zu sein. Es war berauschend und aufregend, respektiert und sogar gefürchtet zu werden – besonders, nachdem ich all diese Jahre in Sieben Türme als königlicher Lückenbüßer verbracht hatte, als königliche Marionette. Vielleicht machte mich das genauso kleinlich und selbstsüchtig, wie Vasilia es gewesen war.

Vor allem aber wollte ich den Thron nicht aufgeben, weil ich nicht wusste, wie das meine Chancen beeinflussen würde, mich endlich an Maeven und dem mortanischen König zu rächen. Ich wollte die beiden für das leiden lassen, was sie den Blairs, meiner Familie – mir – angetan hatten. Und meine Chancen darauf standen als Königin sehr viel besser, als wenn ich wieder einfach nur Lady Everleigh wäre.

„Nun, ich hoffe jedenfalls, dass diese Person bald auftaucht“, grummelte Paloma und riss mich damit aus meinen trüben Gedanken. „Ich will nicht die ganze Nacht in der Kälte herumstehen.“

Sie trat von einem Fuß auf den anderen und zog sich ihren waldgrünen Umhang ein wenig enger um den Körper. Der Herbst war vergangen und der Winter breitete sich in den Nadelbergen aus. Zusätzlich zum erwarteten Schneefall heute Nacht pfiff auch ein eisiger Wind, der noch harschere Wetterbedingungen ankündigte.

„Keine Sorge, Xenia und ihre Spione haben die Nachricht verbreitet, dass die Person um sechs Uhr abends an diesem Brunnen auftauchen soll, also ungefähr jetzt. Es kann nicht mehr lange dauern.“

Paloma seufzte und stampfte mit den Füßen, doch wir blieben in der Gasse. Serilda, Cho und Sullivan hielten wachsam ihre Stellungen rund um den Platz.

Die Sonne mochte langsam untergehen, doch in den umstehenden Gebäuden erwachten flackernd Fluorsteinlampen zum Leben. Und auch die Laternen an den Straßen, die auf den Platz führten, begannen zu leuchten. Anscheinend ließ das sanfte, goldene Licht die Waren noch verlockender wirken, denn die Händler machten immer noch gute Geschäfte. Daher fiel es schwer, irgendetwas Verdächtiges zu bemerken – und noch schwerer, ein vertrautes Gesicht zu entdecken.

Seitdem Xenia mir erzählt hatte, dass vielleicht eine meiner Cousinen noch am Leben war, hatte ich mir das Hirn zermartert, wer es sein könnte. Doch mir war niemand eingefallen. Also starrte ich auf den Platz und sah mir jede vorbeikommende Person genau an.

Ich war so sehr damit beschäftigt, die Erwachsenen zu mustern, dass ich das Mädchen fast übersehen hätte.

Es war jung, vielleicht vierzehn Jahre, und trug mehrere Schichten dreckiger, zerfetzter Lumpen. Diese Kleidung mochte einmal dunkelblau gewesen sein, doch jetzt wirkte sie fast schwarz vor Dreck. Das Gesicht der Kleinen war nicht viel sauberer. Schmutz zog sich über ihre Wangen und ihre Nase war von der Kälte gerötet. Sie trug eine hellgraue Kopfbedeckung, die wohl einmal eine Strickmütze gewesen war, doch ihr dunkelbraunes Haar stand in seltsamen Winkeln aus Löchern daraus hervor.

Das Mädchen hielt ungefähr zehn Meter vor uns im Schatten eines Bäckerkarrens an. Es sah sich ständig um, als hielte es nach jemandem Ausschau, doch hauptsächlich schien es sich auf den Bereich um den Brunnen zu konzentrieren. Die junge Unbekannte trommelte nervös mit den Fingern auf einen Schenkel und trat von einem Fuß auf den anderen, als wäre sie jeden Moment bereit wegzulaufen. Ein paar rot glühende Funken blitzten im Takt ihrer Bewegungen um ihre Finger auf, doch dann ballte sie die Hand zur Faust, um diese verräterischen Hinweise auf ihre Magie zu unterdrücken.

Ich atmete tief ein, ließ die Luft über meine Zunge gleiten und testete erneut alle Gerüche. Das Brot, die Kekse, den blutigen Geruch des Fleisches, den Fluorsteinstaub. All diese Aromen ignorierte ich, um mich ganz auf das Mädchen zu konzentrieren. Meine Nasenspitze zuckte und endlich fing ich einen Eindruck seines Geruchs auf – den heißen, beißenden Gestank von Magie, unterlegt von einer an Rosen erinnernden Note.

„Da“, flüsterte ich und wies Paloma diskret auf das Mädchen hin. „Ich glaube, sie könnte es sein.“

Paloma spähte in die angegebene Richtung. „Wer ist sie? Erkennst du das Mädchen?“

„Nein. Ich habe sie noch nie gesehen. Aber ich kann ihre Magie riechen. Sie ist definitiv eine Feuermagierin.“ Ich zögerte und versuchte erneut, meine verräterische Hoffnung zurückzudrängen. „Sie könnte aus der Sommer-Linie der Blair-Familie stammen. Viele von ihnen besaßen Feuermagie.“

„Worauf wartet sie dann?“, fragte Paloma. „Serilda wirft immer noch Groschen in den Brunnen. Das ist das Signal.“

Es war Xenias Idee gewesen, zu verbreiten, dass jede Blair, die in Sieben Türme Zuflucht suchen wollte, sich an die blonde Frau wenden sollte, die Groschen in den Brunnen warf. Das Mädchen war zur richtigen Zeit zum richtigen Platz gekommen, also musste es die Gerüchte gehört haben. Trotzdem näherte es sich dem Brunnen nicht.

Stattdessen starrte es Serilda noch einen Moment an, um sich dann umzudrehen und wegzulaufen.

Für einen Augenblick stand ich wie erstarrt da. Meine Freunde und ich hatten den heutigen Abend tagelang geplant und bisher war alles wunschgemäß verlaufen. Doch jetzt tauchte das Mädchen tiefer in die Menge ein, statt mit Serilda zu reden und entfernte sich mit jeder Sekunde weiter von uns.

Verzweiflung stieg in mir auf. Ich setzte mich in Bewegung und rannte aus der Gasse.

„Evie!“, zischte Paloma. „Evie, warte auf mich!“

Doch ich konnte nicht warten – nicht, wenn ich das Mädchen nicht aus den Augen verlieren wollte. Also tauchte ich in die Menge ein und verfolgte die Flüchtige.

 

Das Mädchen hatte anscheinend Übung darin, sich in Menschenmengen zu bewegen, weil es so geschickt zwischen den Körpern hindurchglitt, wie die Akrobaten des Schwarzen Schwans durch die Arena wirbelten.

Mehrfach verlor ich es aus den Augen, um dann an jemandem vorbeizueilen und erneut die graue Mütze zu sehen, die sich vor mir durch die Menge bewegte. Ich fühlte mich wie ein Fischer, der versucht, einen besonders schwierigen Fang einzuholen. Jedes Mal, wenn ich glaubte, ich wäre nah genug an sie herangekommen, um ihre Schulter zu packen, wurde die Kleine noch schneller und brachte mehrere andere Leute zwischen uns. Sie sah kein einziges Mal zurück. Allerdings ging ich bei meiner Verfolgung nicht gerade subtil vor und stieß immer wieder Leute aus dem Weg. Daher musste ihr klar sein, dass ihr jemand folgte – schließlich waren die genervten Rufe um mich herum kaum zu ignorieren.

„Evie!“, zischte Paloma irgendwo hinter mir erneut. „Langsamer! Du Närrin lässt dich noch umbringen!“

Wahrscheinlich hatte sie recht, doch ich durfte es mir nicht erlauben, meine Schritte zu verlangsamen. Nicht, ehe ich herausgefunden hatte, ob dieses Mädchen wirklich eine Blair war. Der brennende Drang, das zu erfahren – und die Hoffnung, dass ich nicht die einzige Überlebende war –, trieben mich weiter.

Das Mädchen verließ den Platz und sprang in eine Seitenstraße. Ich sah kurz über die Schulter zurück. Paloma drängte sich hinter mir immer noch durch die Menge, Serilda, Cho und Sullivan konnte ich aber nirgendwo entdecken. Wenig überraschend, wenn man bedachte, wie weit entfernt sie gestanden hatten. Nun, meine Freunde würden mich einfach einholen müssen.

Ich eilte die Seitenstraße entlang und um die Flaneure vor den Schaufenstern herum. Meine Stiefel klapperten über das Pflaster, die Kapuze rutschte von meinem Kopf und mein Umhang flatterte hinter mir wie ein blaues Band im Wind, doch ich rannte weiter.

Ich erreichte das Ende der Straße. Gerade als ich schon dachte, ich hätte das Mädchen endgültig verloren, erhaschte ich einen kurzen Blick auf die graue Mütze, die in einer schmalen Gasse verschwand. Ich eilte zum Eingang und blieb stehen, um in die Dunkelheit der engen Passage zu spähen.

Die Gasse war vielleicht zehn Meter lang, bevor sie auf einen weiteren, viel kleineren Platz führte. Hier gab es allerdings keine Verkaufskarren und auch keinen hübschen Springbrunnen. Stattdessen bestanden die Häuser aus bröckelnden Ziegeln und rissigen Brettern. Zerbrochene Flaschen und anderer Müll lagen auf dem Boden verteilt.

Gebäude umringten den gesamten Platz und nur eine einzelne Gasse führte auf der anderen Seite weiter. Der Müll lag in Haufen an den Rändern des Platzes, als würden die Anwohner hier einfach ihre Fenster öffnen und alles nach draußen werfen, ohne sich darum zu kümmern, wo es landete. Der Gestank von geronnener Milch, ranzigem Fleisch und anderen verdorbenen Lebensmitteln traf mich wie ein Schlag. Ich musste mir die Nase reiben, um ein Niesen zu unterdrücken.

In nur ein paar Minuten hatte ich die wohlhabenden Bereiche von Svalin hinter mir gelassen und war am Rand der Slums gelandet. Trauer erfüllte mich wie immer, wenn ich darüber nachdachte, dass Menschen – meine Untertanen – so leben mussten, doch ich drängte das Gefühl zurück.

Ich verharrte in meiner Position am Eingang der Gasse, blickte mich um und lauschte angestrengt, doch weder sah ich das Mädchen auf der anderen Seite des vermüllten Platzes wegrennen, noch hörte ich Schritte. Die Unbekannte musste hier irgendwo sein. Vielleicht hielt sie mich für eine Bedrohung. Vielleicht wollte sie sich verstecken, bis ich verschwand. Oder vielleicht lebte sie hier.

Ich musterte die Haufen von Unrat an den Seiten der Gasse, doch ich konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Und ich sah auch keine improvisierten Hütten aus losen Brettern und zusammengesammeltem Metall und Steinen. Trotzdem – so geschickt, wie das Mädchen sich durch die Menge bewegt hatte, hätte sie sich mühelos hinter einem Stapel Bretter verstecken oder hinter einen der überquellenden, riesigen Mülleimer ducken können.

Ich schaute über die Schulter zurück, konnte Paloma aber immer noch nicht sehen. Trotz ihrer finsteren Warnung, dass ich mich noch umbringen würde, war ich keine leichtsinnige Idiotin. Mir war durchaus bewusst, dass dies der perfekte Ort für Attentäter war, um mir aufzulauern. Doch ich konnte nicht riskieren, das Mädchen zu verlieren, also zog ich mein Schwert und schlich vorsichtig die Gasse entlang, wobei ich in jeden Schattenfleck spähte. Ich testete auch erneut die Luft, in dem Versuch, die Magie des Mädchens aufzuspüren. Doch das machte der vermodernde Müll um ein Vielfaches schwieriger.

Ich hörte ein Rascheln hinter einem Mülleimer und erstarrte. Gleichzeitig packte ich mein Schwert fester.

Eine riesige, schwarze Ratte trippelte hinter dem Eimer hervor. Sie blieb für einen Moment stehen, um mich aus glänzenden, schwarzen Knopfaugen anzustarren, bevor sie eilig hinter einem Müllhaufen auf der anderen Seite verschwand.

Ich stieß den Atem aus, den ich angehalten hatte, schlich weiter und blieb schließlich mitten auf dem kleinen Platz stehen, wo ich mich langsam einmal im Kreis drehte.

Die Sonne war untergegangen und das dämmrige Zwielicht wurde von der hereinbrechenden Nacht verdrängt. In ein paar der Gebäude um den Platz brannten schwache Lichter, doch sie konnten die Finsternis kaum zurückdrängen. Wenn das Mädchen sich hier versteckte, dann würde ich es nicht sehen können, also atmete ich immer wieder tief durch, um erneut alle Gerüche in der Luft zu testen. Es kostete mich ein paar Sekunden, den Gestank auszublenden, doch schließlich stieg mir der beißende Geruch von Magie in die Nase.

Für einen Moment glaubte ich, es wäre die Magie des Mädchens, und mein Herz machte einen hoffnungsvollen Sprung. Dann atmete ich erneut durch und mir wurde klar, dass diese Magie mehr Knistern enthielt als die Feuermacht des Mädchens – und dass der Geruch viel zu stark war, als dass er nur von einer Person stammen konnte.

Genau in dem Moment, in dem mir das bewusst wurde, begannen die Schatten um mich herum, sich zu bewegen. Um den ganzen Platz herum erhoben sich Leute aus ihren Verstecken hinter Müllbergen und richteten sich auf.

In der einen Sekunde war ich allein. In der nächsten war ich von ungefähr einem Dutzend Magier umzingelt. Paloma hatte recht gehabt.

Es war eine Falle.

Jennifer Estep

Über Jennifer Estep

Biografie

Jennifer Estep ist SPIEGEL-Bestsellerautorin und lebt in Tennessee, USA. Sie schloss ihr Studium mit einem Bachelor in Englischer Literatur und Journalismus und einem Master in Professional Communications ab. Bei Piper erscheinen ihre Young-Adult-Serien um die „Mythos Academy“, »Mythos Academy...

Pressestimmen
schreiblust-leselust.de

„Auch der dritte Band der Reihe knistert vor Magie und Spannung.“

literaturmarkt.info

„Hier erfährt man Unterhaltung, wie es romantischer, magischer und actionreicher kaum sein könnte. Vor lauter Spannung, aber auch Phantasie verschlägt es einem ab dem ersten Satz glatt den Atem. Das geht definitiv nicht besser.“

jugendbuch-couch.de

„Für mich ist die gesamte Reihe ein Highlight und bringt Jennifer Estep ganz weit nach oben auf der Liste der Top-Jugendbuchautoren. Die komplette Welt ist ein Lesegenuss voller Geheimnisse, Intrigen und magischer Mächte, die geschickt gegeneinander ausgespielt werden.“

wordworld.books

„Ein hochspannendes, originelles und atmosphärisches Finale, das mit einer starken und reifen Protagonistin, einem temporeichen Schreibstil und tollen Ideen überzeugt.“

phantastiknews.de

„Die Trilogie liest sich wunderbar kurzweilig in einem Rutsch durch, birgt stundenlange gute Unterhaltung ohne großen Tiefgang und entführt uns in eine Welt der einfachen Lösungen.“

bookpassion4life

„Die Bücher von Jennifer Estep geben mir immer wieder das Gefühl, nach Hause zu kommen.“

pierrepetermichl

„Jennifer Estep hat hier eine HIGH LEVEL Geschichte aufs Papier gebracht. Hier hat für mich einfach alles gestimmt. Ich gebe sowohl KILL THE QUEEN, PROTECT THE PRINCE und CRUSH THE KING die absolute volle Punktzahl. Und ich gebe sogar noch ein paar Punkte mehr.“

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden

Jennifer Estep - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Jennifer Estep - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Jennifer Estep nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen