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Keine Zeit wie dieseKeine Zeit wie diese

Keine Zeit wie diese

Roman

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Keine Zeit wie diese — Inhalt

Endlich können Jabulile und Steve als Paar zusammenleben. Nach dem Ende des Apartheidregimes, unter dem ihre Liebe verboten war, bauen sie sich ein gemeinsames Leben auf. Doch das neue Südafrika ist keine Insel der Glückseligkeit: Korruption, Gewalt, disparate Besitzverhältnisse, eine große Kluft zwischen Arm und Reich bestimmen die Lebenswirklichkeit. Mit poetischer Präzision benennt Nadine Gordimer die ungelösten Probleme Südafrikas und setzt dagegen das zärtliche Einverständnis zweier Menschen, deren Vertrauen ineinander und in die Zukunft ihres Landes nicht zu erschüttern ist.

€ 10,99 [D], € 11,30 [A]
Erschienen am 12.11.2013
Übersetzer: Barbara Schaden
512 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0924-3
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 01.10.2012
Übersetzer: Barbara Schaden
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7577-2

Leseprobe zu »Keine Zeit wie diese«

Glengrove Place. Es ist weder glen noch grove, weder
Schlucht noch Hain. Sicher stammt der Name von einem
Schotten oder Engländer, der an seine zurückgelassene Heimat
dachte, als er in dieser tausend Meter hoch gelegenen Stadt Geld
machte und ins Immobiliengeschäft einstieg.
Aber ein Ort war es immerhin. Ein Platz, an dem sie leben
konnten – miteinander, zu einer Zeit, als das legal nirgendwo
ging. Die Miete für die Wohnung war hoch, für sie, damals,
schloss aber eine gewisse Komplizenschaft des Hauseigentümers
und des Hausmeisters mit ein, umsonst ist eben [...]

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Glengrove Place. Es ist weder glen noch grove, weder
Schlucht noch Hain. Sicher stammt der Name von einem
Schotten oder Engländer, der an seine zurückgelassene Heimat
dachte, als er in dieser tausend Meter hoch gelegenen Stadt Geld
machte und ins Immobiliengeschäft einstieg.
Aber ein Ort war es immerhin. Ein Platz, an dem sie leben
konnten – miteinander, zu einer Zeit, als das legal nirgendwo
ging. Die Miete für die Wohnung war hoch, für sie, damals,
schloss aber eine gewisse Komplizenschaft des Hauseigentümers
und des Hausmeisters mit ein, umsonst ist eben nichts,
wenn gesetzestreue
Leute das Risiko eines Gesetzesverstoßes
eingehen. Als Mieter hatte er einen englisch oder europäisch
klingenden Namen, der sich in nichts von anderen Namen
auf den Briefkästen der Mieter neben dem Aufzug im
Hauseingang
unterschied; zur Zierde stand dort übrigens, in
Ermangelung eines
Hains, ein eingetopfter Kaktus. Und sie
war einfach das hinzugefügte Anhängsel »Mrs«. Sie waren ja
wirklich verheiratet,
obwohl auch das illegal war. Im Nachbarland,
wohin sie gegangen war, um zu studieren, gleich hinter
der Grenze, und wohin er, ein junger Weißer, aufgrund seiner
politischen Gesinnung von der Universität der Stadt zeitweilig
zu verschwinden gezwungen war, hatten sie sich ineinander
verliebt und geheiratet und die in der Heimat zu erwartenden
Folgen leichten Herzens ignoriert.
Wieder zu Hause in Südafrika, wurde sie Lehrerin an einer
von katholischen Mönchen geleiteten und außerhalb des rassengetrennten
staatlichen Erziehungswesens geduldeten Privatschule und konnte dort nach nichtrassischen Prinzipien ihren
Geburtsnamen verwenden.
Sie war schwarz, er weiß. Das war alles, was zählte. Alles,
was damals Identität ausmachte. Simpel wie die schwarzen
Buchstaben auf diesem weißen Papier. In diesen zwei Identitäten
verstießen sie gegen das Gesetz. Und kamen damit durch,
mehr schlecht als recht. Sie waren nicht sichtbar genug, politisch
nicht bekannt genug, um einer strafrechtlichen Verfolgung
nach dem Unsittlichkeitsgesetz für wert befunden, vorsorglich
im Auge behalten, beschattet zu werden für den Fall, dass sie
entweder Fußspuren hinterließen, die womöglich zu bedeutenderen
Aktivisten führten, oder aber als Kandidaten für eine
Anwerbung in Frage kämen, damit sie aus den andersdenkenden
bis revolutionären Kreisen, in denen sie eben verkehrten,
berichten könnten. Tatsächlich war er einer von denen, an die
man, in Studentenzeiten, mit sorgfältig kalkulierten Anspielungen
entweder auf eine patriotische Loyalität, vielleicht auch auf
die gleichermaßen unterstellte naturgegebene Geldverlegenheit
der Jugend herangetreten war, und man hatte ihm zu verstehen
gegeben, er müsse sich keine Sorgen machen, seine persönliche
Sicherheit sei gewährleistet, er werde auch nicht länger knapp
bei Kasse sein, falls er bereit sei, sich zu erinnern, was in den Zusammenkünften,
an denen er bekanntermaßen passiven wie aktiven
Anteil habe, so geredet werde. Er schluckte den Klumpen
Abscheu hinunter und lehnte das Angebot im selben Tonfall ab,
in dem es an ihn herangetragen worden war – und natürlich begriff
der Mann, dass die Zurückweisung sich nicht allein darauf
bezog, sondern auch auf ihn, den politischen Spitzel.
Sie war schwarz; aber damit ist heute viel mehr verbunden
als damals, am Anfang und Ende einer Existenz, wie sie in
einer überholten Akte eines überholten Landes registriert war,
auch wenn der Name sich nicht geändert hat. In dieser Zeit
kam sie zur Welt; ihr Name ist eine Unterschrift unter der Vergangenheit,
aus der sie kommt, getauftes Mitglied der methodistischen
Kirche, in der einer ihrer Großväter Pastor gewesen,
ihr Vater, Direktor einer schwarzen Knabenschule, Ältester und
ihre Mutter Vorsitzende des kirchlichen Damenvereins waren.
Die Bibel war die Quelle des ersten Taufnamens vor dem zweiten,
afrikanischen, mit dem Weiße, denen das herangewachsene
Kind einst würde gefallen, mit denen es in dieser Welt würde
verkehren müssen, keine Vorstellung von Identität verknüpften.
Rebecca Jabulile.
Er war weiß. Aber auch das ist nicht so definitiv, wie es
in den alten Akten verschlüsselt ist. In derselben vergangenen
Ära wie sie, nur ein paar Jahre früher geboren, ist er eine weiße
Mischung – das war bedeutungslos, solange die Bestandteile
weiß waren. In nichtfarblichen Identitätsbegriffen gemessen,
ist seine Mischung eigentlich recht kompliziert. Sein Vater war
nichtjüdischer, weltlicher, nominell praktizierender Christ, seine
Mutter Jüdin. Es ist die Identität der Mutter, die über die
Identität eines Juden entscheidet, die Mutter, deren man sich in
puncto Abstammung sicher sein kann. Wer von einer jüdischen
Mutter geboren wurde, ist für die Religion Jude, und das schließt
selbstverständlich die rituelle Beschneidung mit ein. Sein Vater
erhob offenbar keinen Einwand; vielleicht beneidete er, wie viele
Agnostiker oder gar Atheisten, Menschen, die der Illusion einer
religiösen Überzeugung anhängen – oder es war Nachgiebigkeit
aus Liebe zu seiner Frau. Wenn sie es nun einmal wollte, wenn es
ihr in einer Weise wichtig war, die er nicht nachvollziehen konnte.
Mochte die Vorhaut also abgeschnitten werden.
Es gab ein Pleistozän, eine Bronzezeit, eine Eisenzeit.
Es schien, als sei ein Zeitalter zu Ende gegangen. Gewiss
war es nichts Geringeres als eine neue Zeit, in der das Gesetz
nicht nach Farbpigmenten gemacht wird und alle in einem
Land, das gemeinhin ihres ist, überall leben, sich bewegen, arbeiten
dürfen. Etwas mit dem konventionellen Titel »Verfassung
« hat diese neue Zeit eingeläutet. Für die Millionen, denen
kein einziges der mit dem Wort Freiheit verbundenen Rechte
zuerkannt worden war, vermag nur ein bombastisches Vokabular
die Bedeutung zu fassen.
Die Folgen für die Aspekte menschlicher Beziehungen, die
früher per Dekret eingeschränkt waren, sind vielfältig. An den
Briefkästen der Mieter stehen ein paar afrikanische Namen:
ein Arzt, ein Dozent an der Universität und eine Frau, die sich
beruflich etabliert, indem sie Geschäftschancen nutzt. Jabulile
und Steve konnten miteinander ins Kino gehen, im Restaurant
essen, im Hotel übernachten. Die gemeinsame Tochter brachte
sie in einer Klinik zur Welt, die sie früher nicht aufgenommen
hätte. Es ist kein Wunder, sondern normales Leben. Es ist das
Ergebnis menschlichen Kampfes.
Er hatte sich von früher Kindheit an für Naturwissenschaften
interessiert und technische Chemie studiert. Seine Eltern
sahen darin zumindest die Hoffnung auf ein Gegengift, eine
Versicherung für seine Zukunft, im Gegensatz zu den linken,
regimefeindlichen Aktivitäten, die offensichtlich der Grund für
sein zeitweiliges Verschwinden irgendwohin über die Grenze
waren; er hätte immerhin einen anständigen Beruf. Wie nützlich
seine Kenntnis der chemischen Elemente für die Gruppe war,
die Sprengstoffe gegen Ziele wie Starkstromanlagen herzustellen
lernte, erfuhren sie nie. Tatsächlich war die Stelle als Nachwuchswissenschaftler,
die er nach seinem Studium bei einem
großen Farbhersteller antrat, eine nützliche Tarnung für eine
politisch und sexuell verdächtige Lebensweise.
Ambition. Es war nicht die Zeit, damals, in der man darüber
nachdachte, was man mit seinem Leben eigentlich anfangen
wollte. Der innere Kompass trieb die Nadel unbeirrbar zum
einzigen Pol zurück – solange die Entstellung menschlichen
Lebens schlechthin anhielt, hatte persönliches Verdienst keine
Bedeutung; auf den Mount Everest zu steigen oder reich zu
werden, das waren alles Fluchten aus der Wirklichkeit, zwielichtige
Anzeichen dafür, dass man auf der Seite derer stand, die
keine Änderung wollten.
Nun gab es keinen Grund mehr, weshalb er weiterhin die
Haltbarkeit von Anstrichen im Baugewerbe und für dekorative
Zwecke, vom Dachziegel bis zur Jukebox, vom Schlafzimmer
bis zum Sportcabrio, verbessern sollte. Wahrscheinlich hätte
er sich noch einmal an einer Uni einschreiben können, um sein
Wissen in anderen, nicht auf den äußeren Schein beschränkten
Bereichen der Chemie und Physik zu erweitern. Aber da war
ein Kind, dem sie beide ein Zuhause bieten mussten. Er machte
seine Arbeit gut, auch ohne großes Interesse, aber es war keine
Würze mehr darin wie damals, als er gewusst hatte, dass er
Sprengstoffe herstellte, um das Regime in die Luft fliegen zu
lassen, während er einer weißen Industrie den Schein wahrte (im
wahrsten Sinn). Die Firma hatte landesweit mehrere Niederlassungen;
im Firmenhauptsitz, in dem er angefangen hatte, war er
ziemlich weit gekommen. Wenn er, obwohl er ständig darüber
nachdachte, keine Entscheidung traf, der Reagenzglaschemie
nicht den Rücken kehrte und auf die andere Seite wechselte, die
zwischenmenschliche, nichtstaatliche, nichtprofitorientierte,
so arbeitete er zumindest stundenweise ehrenamtlich in einer
Kommission für Landrückgaben von Gemeinden, die unter
dem früheren Regime enteignet worden waren. Sie machte ein
Fernstudium, Wirtschaft und Recht, und war ehrenamtliche Sekretärin
einer Frauen-Aktionsgruppe gegen Frauen- und Kindesmissbrauch.
Ihre kleine Sindiswa war in einer Tagesbetreuung;
die wenige Zeit, die noch blieb, verbrachten sie mit ihr.
Zwischen Wäschegestellen mit Kindersachen, die zum Trocknen
aufgehängt waren, saßen sie auf ihrem Balkon in Glengrove
Place. Ein Motorrad zerfetzte die Straße, wie wenn ein Blatt
Papier jäh zerrissen wird.
Beide blickten aus kameradschaftlichem Schweigen auf; ihre
Lippen aufeinandergepresst, der Bogen der gemalten Brauen
auf ihrer glatten Stirn gehoben. Es war Zeit für die Nachrichten;
das Radio lag neben seinem Bier auf dem Boden. Stattdessen
sprach er.
– Wir sollten umziehen. Wie fändest du das. Ein Haus haben.

– Was meinst du –
Er lächelt beinahe gönnerhaft. – Wie ich es sage. Ein Haus. –
– Wir haben doch kein Geld. –
– Ich rede nicht von kaufen. Sondern mieten, irgendwo. Ein
Haus. –
Sie drehte den Kopf halb zu ihm und versuchte seinem Gedanken
zu folgen.
– Eine der Vorstädte, aus denen die Weißen in die bewachten
Anlagen weggezogen sind. Ein paar Genossen haben dort Häuser
gefunden, die vermietet werden. –
– Wer? –
– Peter Mkize, glaube ich. Isa und Jake. –
– Warst du dort? –
– Natürlich nicht. Aber Jake sagte am Donnerstag in der
Kommission, sie mieten sich was in der Nähe einer guten Schule,
wo ihre Jungs hingehen können. –
– Sindiswa braucht keine Schule. – Sie lachte, und wie in
spöttischem Einvernehmen bekam das keksknabbernde Kind
einen Schluckauf.
– Die Straßen sind ganz ruhig, sagt er. –
Es war also das Motorrad, das den Gedanken aufgerissen hat.
– Viele alte Bäume. –
Man weiß nie, wann die Fallstricke eines überholten Lebens,
die man abgeschüttelt glaubt, unbemerkt zurückkehren: Bestimmte
Privilegien der weißen Vororte, in denen er aufgewachsen
ist, holen ihn unversehens wieder ein. Er weiß nicht – sie
schon –, dass auf dem Grund seines Bewusstseins das Reed-
Haus steht, dessen Abschottung gegen die Realität er für immer
hinter sich gelassen hat. Wie sollte sie es nicht verstehen: Gerade
dort, mitten in der Umsetzung ihrer neuen, mit der Freiheit
gewonnenen Unabhängigkeit, als einer ihrer Brüder, der ältere
natürlich, ihre Meinung zu irgendeinem traditionsbestimmten
Familienverhalten verwirft, stellt sie fest, dass eine, wie ihr Fernstudium
das nennen würde, atavistische Stimme der Unterwerfung
die Stimme in ihrer Kehle übertönt.
Während er Sindiswa auf dem Weg ins Bett hoch durch die
Luft fliegen lässt (vom Vatersein hat die ältere Generation, ob
weiß oder schwarz, sich abgesondert), sagt er: – Sie wird bald
genug eine gute Schule in der Nähe brauchen. –
Man weiß auch nicht, was in den dunklen, abgeschiedenen Stunden
der Stille, um zwei, drei Uhr morgens, im Geist des Menschen,
der neben einem atmet, vor sich geht. Vielleicht schickte
der Keim dieser Idee, der während eines Sonnenuntergangs vor
einer Woche – wenigen Tagen – gepflanzt worden war, ein Echo
durch das Unbewusste.
Jake Anderson ruft an und fragt, ob er und Isa in letzter
Zeit eigentlich vergessen seien, ob die Genossen am Sonntag
vorbeikommen wollten – ob der Mann, der an sie geschmiegt
schlief, dabei nachgeholfen hatte, erfuhr sie nicht. Es bedeutete
jedenfalls, dass sie Sindiswa und ein paar Flaschen Wein ins
Auto packten und an einer unvertrauten Ausfahrt den Freeway
verließen. Sie gerieten in Straßen, über denen ausufernde, altersschlaffe
Pfefferbäume brüteten und andere, Jacarandas vermutlich,
allerdings nicht blühend, mit ihren Wurzeln das Straßenpflaster
aufstemmten. Alle Häuser verrieten irgendwo zwischen
den nachträglichen Verbesserungen ihren Ursprung: vorn die
stoep, die Veranda, und zu beiden Seiten ein Zimmer unter
das steife Blechdach geschoben; aber manche hatten Anbauten,
verschiebbare, in den begrenzten Raum des schmalen Grundstücks
zwischen den Mauern irgendwie eingefügte Glasfronten
oder schlingpflanzenüberwucherte Zäune, die das Territorium
absteckten. Steve, der offensichtlich Jakes Anweisungen folgte,
bremste vor einem Gebäude ab, das eine die Nachbarhäuser
überragende kleine Backsteinkirche zu sein schien, aber als er
links abbog und daran vorbeifuhr, zeigte sich, dass dort, wo
einst der Vorplatz der Kirche gewesen sein musste, jetzt ein
Swimmingpool war und drei, vier junge, vielleicht auch ältere,
aber beherzt um Jugendlichkeit bemühte Männer in Stringtangas
zu lautem Reggae tanzten und im Wasser miteinander rangelten.
Die umliegenden Gärten enthielten die erwartbaren
Fahrräder, Gartenstühle, Grillsachen. Jakes Garten war einer
davon. Hier war die übliche stoep um eine weinrankenüberdachte
Pergola erweitert. Auf der Straße vor dem Tor standen
ein Wagen und ein Motorrad; anscheinend eine Party. Nein,
doch nicht, nur ein paar Genossen, denen eingefallen war, einander aus den unterschiedlichen Verläufen ihres Leben heraus
wieder einmal zu treffen.
Sie sind alle jung, und doch ist es, als wären sie alte Männer,
die in der Vergangenheit leben; dort ist alles passiert. Ihre Lebenserfahrung
klar umrissen: Jetzt ist alles danach. Gefängniszellen,
die Anekdoten aus dem Straflager in Angola, die schwierige
Verständigung mit den Kubanern, die – so entschlossen,
so idealistisch tapfer – kamen, um unter Einsatz ihres Lebens
diesen Kampf mitzukämpfen, unvereinbare Persönlichkeiten,
Marotten in der Isolation der Kader, alles getragen von der
geteilten Gefahr, der Anwesenheit des Todes, der immer in der
Nähe saß, in der Wüste, im Busch, und mithörte. Peter Mkize ist
auch auf dieser sonntäglichen Zusammenkunft und wendet mit
fachmännischer Hand Koteletts und Würste auf dem Holzkohlegrill
unter den Weinreben; in der anderen Hand ein Bier. Sein
Bruder war einer von denen, die gefangen und getötet worden
waren; die zerstückelten Leichen wurden auf einem braaivleis,
einem Grillfest, von betrunkenen weißen südafrikanischen Soldaten
verbrannt und in den Komati geworfen, eine der Grenzen
zu Mosambik. Hoffentlich kommt ihm nicht diese Geschichte
in den Sinn, während er die brutzelnden Würste für seine
Genossen wendet.
Jetzt ist alles danach.
Steve fühlt seine Lunge von einem Atmen der Ablehnung
emporgehoben. Was sie damals getan haben, manche der Anwesenden
viel tapferer und unter Höllenqualen, weit jenseits von
allem, was er riskiert hat, auch allem, was Jabu, selbst schwarz
und zwangsläufig Opfer, auf sich genommen hat – es kann doch
nicht die Summe der Lebenserfahrung sein? Um davon wegzukommen,
wirft er eine private Ablenkung ein. – Jake, wo ist
denn das Haus, von dem du erzählt hast? Wär doch nett, es mal
anzuschauen. –
– Klar, Zeit ist genug. Trink noch ein Glas von diesem köstlichen
Wein, den ihr mitgebracht habt, während die Sonne untergeht.

Jabulile lächelt, die Gönnerhaftigkeit der Intimität. – Er hat
einen plötzlichen Bewegungsdrang. –
Bewegung, ja. Bewegen wir uns weiter. – Ist es hier in dieser
Straße? –
– Nein, aber Nachbarn wären wir trotzdem. Es ist ein paar
Häuser hinter der Ecke, an der ihr abgebogen seid. –
– Vor diesem komischen Haus, das aussieht wie eine Kirche?
Dort tanzen ein paar Typen um einen Minipool herum. –
– Es war eine Kirche; wir sind hier in einem alten ware
Burenvorort, kein Zutritt für Kaffer zum Altar der Apartheid,
blankes alleen. –
Alles lacht befreit von der Vergangenheit. Die Handflächen
gehoben und den Kopf gesenkt in gespielter Verantwortung
für die Schuld der Generation seiner Eltern: Pierre du Preez
ist der Besitzer des draußen geparkten Motorrads; es ist so herausgeputzt,
so kunstvoll ausstaffiert wie eine Königskutsche –
glänzende Flanken, gemeißelter Sattel, blitzende Kolben und
Speichen. Er ist ein Afrikaaner, der Sticheleien so wenig übel
nimmt wie Mkize das verpönte Wort Kaffer.
– Wer sind die ausgelassenen neuen Besitzer? –
Pierre beantwortet jedermanns Fragen. – Das ist eine unserer
Schwulenfamilien. –
Weiteres Gelächter – nun ist auch die letzte Blasphemie unter
Dach und Fach.

Nadine Gordimer

Über Nadine Gordimer

Biografie

Nadine Gordimer, geboren 1923 in dem Minenstädtchen Springs, Transvaal, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Jahrzehntelang schrieb sie gegen das Apartheidregime an und setzt sich bis heute mit dessen zerstörerischen Folgen für die schwarze und weiße Bevölkerung auseinander. 1991...

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