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Die Geschichte von "Böhmen liegt am Meer"

„Sehr behutsam und höchst präzise zeichnen Höller und Larcati die Entstehungsgeschichte dieses Winterreise-Zyklus nach und beleuchten methodologisch versiert dessen intertextuelle und biographische Referenzen.“ - literaturhaus.at

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Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag — Inhalt

Zum 90. Geburtstag von Ingeborg Bachmann - der Auftakt zur großen Salzburger Bachmann Edition

Ingeborg Bachmann hat von ihrem schönsten Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ gesagt, sie könne gar nicht glauben, dass sie es selbst geschrieben habe. Alles, was ihr Leben und Schreiben ausmacht, steht in diesem Gedicht. Die Entstehungsgeschichte gerade dieses Gedichts ist staunenswert und berührend: Ein Jahr nach der Trennung von Max Frisch und ihrem Zusammenbruch reiste die Dichterin im Jänner 1964 mit einem jungen Begleiter von Berlin nach Prag. Dieser Reise verdanken wir nicht nur „Böhmen liegt am Meer“, sondern einen bisher unbemerkt gebliebenen Gedichtzyklus. Hans Höller und Arturo Larcati, beide Herausgeber der Salzburger Bachmann Edition, leuchten die biografischen Hintergründe dieses Zyklus aus.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 04.10.2016
176 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05809-4
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€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 04.10.2016
176 Seiten
EAN 978-3-492-97467-7
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Leseprobe zu „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“

Vorwort


›Zufällig‹ wird Ingeborg Bachmann Anfang Jänner 1964 in Berlin von einem ihr noch kaum bekannten jungen Mann zu einer Reise nach Prag eingeladen. Sie sagt zu, und auf dieser Reise beginnt sie das Gedicht zu schreiben, das „Böhmen liegt am Meer“ heißen wird.

Die Geschichte der Entstehung dieses Gedichtes zeigt, was für sie Leben und Schreiben bedeuteten. Sie musste damals beginnen, wieder ins Leben und zum Schreiben zurückzufinden. Nach dem beinah tödlichen physischen und psychischen Zusammenbruch in Zürich Ende 1962 erhielt das Gedichteschreiben [...]

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Vorwort


›Zufällig‹ wird Ingeborg Bachmann Anfang Jänner 1964 in Berlin von einem ihr noch kaum bekannten jungen Mann zu einer Reise nach Prag eingeladen. Sie sagt zu, und auf dieser Reise beginnt sie das Gedicht zu schreiben, das „Böhmen liegt am Meer“ heißen wird.

Die Geschichte der Entstehung dieses Gedichtes zeigt, was für sie Leben und Schreiben bedeuteten. Sie musste damals beginnen, wieder ins Leben und zum Schreiben zurückzufinden. Nach dem beinah tödlichen physischen und psychischen Zusammenbruch in Zürich Ende 1962 erhielt das Gedichteschreiben einen lebensgeschichtlichen Augenblick lang eine neue Notwendigkeit. Wenn man es genau nimmt, dauerte dieser Augenblick bis 1973, von den ersten schnell hingeworfenen Gedichtentwürfen aus der Zeit der Klinikaufenthalte Ende 1962, Anfang 1963 bis zu dem begeisterten Gespräch über „Böhmen liegt am Meer“ im großen Interview mit Gerda Haller, aufgenommen für ein Filmporträt im Juni 1973, wenige Monate vor ihrem Tod. Für diese Aufnahmen hat sie auch das Gedicht noch einmal vorgelesen.

In unseren Recherchen haben wir entdeckt, dass „Böhmen liegt am Meer“, von der Autorin als einzigartiger Glücksfall bezeichnet,[1] nicht allein dasteht, sondern dass es zu einem bis jetzt unentdeckt gebliebenen Gedichtzyklus von ihrer Winterreise nach Prag gehört. Dieser beginnt, in der Chronologie der Reise, mit „Auf der Reise nach Prag“, aus dem zwei Jahre später „Enigma“ hervorgeht. Das siebte, abschließende Gedicht heißt „Heimkehr über Prag“. Der Titel des Eingangsgedichts spielt auf Eduard Mörikes Künstlernovelle Mozart auf der Reise nach Prag an, so dass Bachmanns Reiseroute auch durch den „Zauberatlas“ führt, „den nur die Literatur sichtbar macht“. Und so gibt es das Illyrien Shakespeares, das wir in „Böhmen liegt am Meer“ wiederfinden, „aber Shakespeares Illyrien deckt sich nicht damit“,[2] und so gibt es „Böhmen“ und „Prag“ in den Gedichten des Winterreise-Zyklus, deren Namen man zwar auf den geografischen Landkarten finden kann, aber für die Dichterin gehörten sie zum „Haus Österreich“, das ihr das liebste Wort für ihr Herkunftsland war. Sie hat es von ­allem befreit, was einmal territoriale Herrschaft, Besitz und Machtpolitik war, und verwendete es für eine erträumte Welt, für das in Literatur verwandelte „Geisterreich“ der Habsburgermonarchie, in welchem bei ihr die Länder, die Völker und ihre Sprachen und Träume aneinandergrenzen.

[1] Marie Luise Wandruszka hat „Böhmen liegt am Meer“ auch in sei­ner philosophischen Grundhaltung als „Gedicht des Glücks“ bezeichnet und das Zugrundegehen nicht als Untergang verstanden, sondern als ein „Auf-den-Grund-Kommen“, als „Begreifen des Grunds der Dinge“. Hier werde nirgends in eine Gegenwelt geflüchtet, weil das Ich, zugrunde gegangen im Sinne der Mystik Meister Eckharts, auch die Welt besser sehen könne und die anderen Menschen (M. L. Wandruszka: Ingeborg Bachmanns „ganze Gerechtigkeit“. Wien: Passagen 2011, S. 65).

[2] Ingeborg Bachmann: Frankfurter Vorlesungen. In: I. Bachmann: Kritische Schriften. Hg. v. Monika Albrecht u. Dirk Göttsche. Mün­chen u. Zürich: Piper 2005, S. 313.


Über Hans Höller

Biografie

Der Herausgeber Hans Höller, geboren 1947, lehrt als Professor für Germanistik an der Universität Salzburg und hat u.a. Ingeborg Bachmanns „Letzte Gedichte“ herausgegeben sowie zahlreiche Monographien über sie veröffentlicht. Seit 2014 arbeitet er am Salzburger Literaturarchiv als federführender...

Arturo Larcati

Über Arturo Larcati

Biografie

Arturo Larcati ist Professor an der Universität Verona. Er arbeitet an der Salzburger Bachmann Edition mit.

Pressestimmen
literaturhaus.at

„Sehr behutsam und höchst präzise zeichnen Höller und Larcati die Entstehungsgeschichte dieses Winterreise-Zyklus nach und beleuchten methodologisch versiert dessen intertextuelle und biographische Referenzen.“

Die Presse (A)

„Solange Germanisten solche Bücher zu schreiben verstehen, braucht es uns um die Zukunft der Zunft nicht bange zu sein.“

Deutschlandradio Kultur

„›Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag‹ ist ein eindringliches, erschütterndes Buch über die Krisenjahre der 35jährigen Dichterin, deren Praggedichte da wie Leuchttürme, rettende Orte, ja Lebensarten herausragen.“

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