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Der Turm

Roman

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Infinity — Inhalt

In seinem Schatten entstehen Städte, so groß wie Kontinente: der Turm. Er ist allwissend, übermächtig und bedrohlich – sogar für Arion, die Herrscherin über all jene Geschöpfe, die im Turm Zuflucht gefunden haben. Denn von außen droht Gefahr: Die Rebellen um den ungestümen Clanführer Craiden versuchen, die Macht des Turms zu brechen – und damit auch Arions Herrschaft zu stürzen. Wird der Turm fallen und damit den ganzen Planeten in den Abgrund reißen? »›Der Turm‹, einer der besten, weil faszinierendsten Hohlbein-Romane der letzten Jahre, spielt in ferner Zukunft. Verfasst in einer eindringlichen, bildhaften Sprache, denkt der Plot die Menschheitsgeschichte zu Ende.« Neue Westfälische

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.04.2012
624 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95624-6

Leseprobe zu »Infinity«

Dieses Buch ist für Jackson,
für den die Sonne auf- und untergeht.

 

Teil Eins

 

IN DER PROVINZ

 

Hätte es in seiner Macht gestanden,
wäre der Vaudevillekünstler ein zeitloser Wanderer
gewesen, der mit seinen Talenten eine Brücke
zwischen den Generationen geschlagen hätte.

 

Fred Allen, Much Ado About Me

 

1

 

EIN AUFBRUCH

 

Jeder Freitagvormittag verlief in Otterman’s Vaudeville Theater üblicherweise recht gemächlich, und dieser bildete bis jetzt keine Ausnahme. Vier der aktuellen Darbieter würden am Wochenende zu anderen Theatern weiterziehen, und [...]

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Dieses Buch ist für Jackson,
für den die Sonne auf- und untergeht.

 

Teil Eins

 

IN DER PROVINZ

 

Hätte es in seiner Macht gestanden,
wäre der Vaudevillekünstler ein zeitloser Wanderer
gewesen, der mit seinen Talenten eine Brücke
zwischen den Generationen geschlagen hätte.

 

Fred Allen, Much Ado About Me

 

1

 

EIN AUFBRUCH

 

Jeder Freitagvormittag verlief in Otterman’s Vaudeville Theater üblicherweise recht gemächlich, und dieser bildete bis jetzt keine Ausnahme. Vier der aktuellen Darbieter würden am Wochenende zu anderen Theatern weiterziehen, und vier andere würden herkommen, um ihre Plätze einzunehmen, darunter Gretta Mayfield, ein unbedeutender Stern am Himmel der Oper von Chicago. Unter den Musikern herrschte allgemein eine Stimmung sorgloser Zufriedenheit. Alle Vorstellungen waren gut verlaufen, und die nächsten ernsthaften Proben waren noch ein ganzes Wochenende entfernt. Was für die überarbeiteten Musiker beinahe eine Ewigkeit darstellte.
Doch dann rannte Tofty Thresinger, erster Geiger des Hauses und inoffizieller Klatschexperte des Theaters, mit einem panischen Ausdruck in den Augen in den Orchestergraben. Für einen Moment stand er nur keuchend da, die Hände auf die Knie gestützt. Dann hob er den Kopf, um eine entsetzliche Neuigkeit kundzutun: »George hat gekündigt.«
»Was?«, fragte Victor, der zweite Geiger. »George? Unser George?«
»George, der Pianist?«, fragte Catherine, die Flötistin.
»Genau der«, sagte Tofty.
»Wie gekündigt?«, hakte Victor nach. »Im Theater?«
»Ja, natürlich im Theater!«, sagte Tofty. »Wo hätte er sonst kündigen können?«
»Das muss ein Irrtum sein«, erwiderte Catherine. »Von wem haben Sie das?«
»Von George selbst!«, sagte Tofty.
»Und wie hat er sich ausgedrückt?«, fragte Victor.
»Er hat mich angesehen«, entgegnete Tofty, »und gesagt: ›Ich habe gekündigt.‹«
Schweigen trat ein, als alle Anwesenden über seine Worte nachdachten. Da blieb nicht viel Raum für eine alternative Deutung.
»Aber warum hat er gekündigt?«, fragte Catherine.
»Ich weiß es nicht!«, heulte Tofty und brach auf seinem Stuhl zusammen.
Die Neuigkeit sprach sich schnell im ganzen Theater herum: George Carole, der verlässlichste Pianist des Hauses und ein wahres Wunderkind (oder enfant terrible, je nachdem, wen man fragte), hatte das Handtuch geworfen, einfach so. Bühnenarbeiter schüttelten bestürzt die Köpfe. Künstler setzten sogleich zu klagen an. Sogar die Garderobenfrauen, die üblicherweise nur peripher am Theaterklatsch teilhatten, wurden über diese verhängnisvolle Entwicklung in Kenntnis gesetzt.
Aber die Neuigkeit erschütterte durchaus nicht jeden. »Gut, dass wir ihn los sind«, sagte Chet, der Bassist. »Ich bin es leid, diesen kleinen Gernegroß zu erdulden, der ständig so tut, als wäre er uns überlegen.« Doch viele andere brummten, er sei in der Tat überlegen. An die sieben Monate waren vergangen, seit der Sechzehnjährige am Tag des Vorspielens durch ihre Tür spaziert war und der Belegschaft mit seinem Spiel förmlich den Atem geraubt hatte. Alle waren erstaunt gewesen, dass er nicht für einen Bühnenauftritt vorspielte, sondern für eine Festanstellung als Orchestermusiker, ein Job, wie er mieser kaum sein konnte. Van Hoever, der Leiter des Otterman’s, hatte ihn zu diesem Punkt eingehend befragt, aber George hatte sich nicht aus dem Konzept bringen lassen: Er war gekommen, um als Pianist in ihrem kleinen Theater in Ohio zu spielen, weiter nichts.
»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte Archie, der Posaunist. »Ob es uns gefällt oder nicht, George war es, der uns bekannt gemacht hat.« Was mehr oder weniger die Wahrheit war. Eine Grundregel des Vaudeville, seines Zeichens ein Gewerbe, in dem Beleidigungen auf der Tagesordnung standen, lautete, dass die Person, auf die am meisten geschissen wurde, der Orchesterpianist war. Er begleitete beinahe alle Auftritte, und jedes Ego, das die Bühne betrat, suchte die Schuld für die eigenen Fehler bei ihm. Ging ein Witz daneben, lag es daran, dass der Pianist seinen Einsatz verpasst und den Auftritt versaut hatte. Stolperte ein Akrobat, so hatte der Pianist ihn abgelenkt.
Aber während seiner Zeit im Otterman’s hatte George das Unmögliche vollbracht: Er hatte ihnen keinen Grund zur Klage gegeben. Schon nach der ersten Probe kannte er die Nummer besser als der jeweilige Darbietende, was eine erstaunliche Leistung war angesichts der Sorgfalt, welche die Schauspieler bei ihren Auftritten an den Tag legten. Er traf jeden Takt, entrang jeder Pointe noch den letzten Lacher und wusste, wann er das Tempo anziehen musste und wann nicht. Er schien über die verblüffende Fähigkeit zu verfügen, jeden Auftritt, den er begleitete, zu verbessern. Das sprach sich herum, weshalb viele Künstler in Otterman’s Theater auftreten wollten, obwohl es im Keith-Albee-Circuit einen recht unbedeutenden Platz belegte.
Doch nun ging George beinahe genauso abrupt, wie er aufgetaucht war, was das Theater in eine recht prekäre Lage brachte: Gretta Mayfield kam nur her, weil sie davon ausging, dass George sie begleiten würde, und das war nur der Anfang; nach kurzer Lagebesprechung kam das Orchester zu dem erschreckenden Schluss, dass mindestens ein Viertel der für die nächste Woche vorgesehenen Künstler nur zugestimmt hatten, im Otterman’s aufzutreten, weil George ihren hohen Ansprüchen genügte.
Der Neuigkeit, die Tofty so hektisch verbreitet hatte, schlossen sich wilde Spekulationen an. Kannte jemand den Grund für Georges Kündigung? Hatte irgendjemand eine Erklärung? Vielleicht, vermutete Victor, wollte er nun doch mit einer eigenen Nummer auf Tour gehen oder sich endlich etwas Anständiges suchen (mit anderen Worten: bei angesehenen Orchestern und Symphonikern spielen, statt in einem einfachen Vaudevilletheater). Aber Tofty sagte, er hätte nichts davon gehört, dass George dergleichen im Sinn hätte, und er würde es doch wissen, nicht wahr?
Vielleicht hatte ihn ein anderes Theater abgeworben, meinte jemand. Doch Van Hoever würde definitiv darum kämpfen, George zu halten, wie Catherine einwandte, und die einzigen Theater, die imstande waren, ihn zu überbieten, waren alle sehr weit entfernt und würden doch kaum ihre Talentsucher hierherschicken. Was ging nur im Kopf des Jungen vor? Sie vergeudeten den ganzen Vormittag damit, das Thema zu diskutieren, und fanden doch keine Antwort.

 

George tat sein Bestes, das aufgeregte Gerede zu ignorieren, während er seine Sachen packte, doch das war nicht einfach; da er Van Hoever noch keine offizielle Kündigung überbracht hatte, fragten alle nach dem Grund für seine Fahnenflucht, in der Hoffnung, sie könnten es noch einmal richten.
»Geht es ums Geld, George?«, fragte Tofty. »Hat Van Hoever sich geweigert, deine Gage zu erhöhen?«
Nein, antwortete George. Nein, das Geld war es nicht.
»Sind es die Künstler, George?«, versuchte es Archie. »Hat einer von ihnen dich gekränkt? Du darfst diese Mistkerle gar nicht beachten, Georgie, die sind manchmal furchtbar!«
Aber George schnaubte nur hochmütig und sagte, dass es gewiss nicht an einem der Künstler läge. Die anderen Musiker beschimpften Archie wüst ob der dummen Frage; natürlich lag es nicht an den Künstlern, denn George gab ihnen nie einen Grund zu Beanstandungen.
»Geht es um ein Mädchen, George?«, fragte Victor. »Du kannst es mir sagen. Ich kann ein Geheimnis bewahren. Es ist ein Mädchen, nicht wahr?«
Bei diesen Worten lief George leuchtend rot an und geriet für einen Moment ungehalten ins Stottern. Nein, sagte er schließlich. Nein, vielen Dank auch, es ging nicht um ein Mädchen.
»Liegt es dann vielleicht an etwas, das Tofty gesagt hat?«, fragte Catherine. »Immerhin hast du mit ihm gesprochen, ehe du gesagt hast, dass du kündigen willst.«
»Was?«, empörte sich Tofty lauthals. »Was für eine abscheuliche Anschuldigung! Wir haben uns lediglich über Theatergerüchte unterhalten, davon dürfen Sie ausgehen! Ich habe nur erwähnt, dass Van Hoever sauer war, weil eine Truppe uns ausgelassen hat.«
Bei diesen Worten wurde Georges Miene sonderbar starr. Er hörte auf, seine Notenblätter einzusammeln, und wandte für eine Minute den Blick ab. Aber dann sagte er, nein, Tofty habe nichts damit zu tun. »Und würden Sie mich jetzt bitte alle in Ruhe lassen?«, fragte er. »Die Entscheidung hat nichts mit Ihnen zu tun, und außerdem gibt es nichts, was mich umstimmen könnte.«
Als die anderen Musiker erkannten, wie ernst es ihm war, schlurften sie grummelnd davon. Kaum waren sie fort, kratzte sich George am Kopf und kämpfte gegen den Drang zu lächeln an. Trotz seines ernsten Auftretens hatte er es genossen, zu sehen, wie sie sich gegenseitig überboten hatten, um ihm zu schmeicheln.
Das Lächeln erstarb, als er sich wieder seiner Habe widmete und der Entscheidung, die er getroffen hatte. Das Orchester war nicht von Bedeutung, sagte er sich im Stillen. Otterman’s war nicht mehr von Bedeutung. Das Einzige, was jetzt noch zählte, war, so schnell wie möglich zur Tür hinaus und auf die Straße zu kommen.
Nachdem er den Rest seiner Sachen eingesammelt hatte, ging er zu seiner letzten Station: Van Hoevers Büro. Der Theaterleiter hatte die Gerüchte sicher bereits vernommen und war vermutlich gerade dabei, eine hübsche Schimpftirade zu komponieren, doch wenn George jetzt einfach verschwand, würde er den Lohn für eine ganze Woche verlieren. Und da er die Konsequenzen dessen, was er zu tun im Begriff war, nicht überblicken konnte, hielt er es für klüger, jeden Penny mitzunehmen, den er bekommen konnte.
Als George den Büroflur erreicht hatte, saß da bereits jemand auf einem der Stühle, die aufgereiht vor Van Hoevers Tür standen: eine kleine, ältere Frau, die ihm wachsamen Auges entgegenblickte, so, als hätte sie ihn erwartet. Ihre Unterarme und Hände waren wegen ihrer Arthritis fest mit Leinen umwickelt, und zwischen zwei ihrer Finger schwitzte eine unbeholfen gedrehte Zigarette frischen Rauch. »Du willst gehen, ohne Auf Wiedersehen zu sagen?«, fragte sie ihn.
George lächelte ein wenig. »Ah«, sagte er. »Hallo, Irina.«
Die alte Frau antwortete nicht, sondern klopfte auf den freien Stuhl neben sich. George trat näher, nahm aber nicht Platz. Die alte Frau zog die Brauen hoch. »Bist du dir zu fein, um mir Gesellschaft zu leisten?«
»Das ist ein Hinterhalt, richtig?«, fragte er. »Sie haben auf mich gewartet.«
»Du bildest dir wohl ein, die ganze Welt wartet nur auf dich. Komm, setz dich.«
»Ich leiste Ihnen Gesellschaft«, sagte er, »aber ich werde mich nicht setzen. Ich weiß, dass Sie vorhaben, mich aufzuhalten.«
»Wozu die Ungeduld, Kind? Ich bin nur eine alte Frau, die sich mit dir unterhalten möchte.«
»Um darüber zu diskutieren, warum ich gehe.«
»Nein. Um dir einen Rat zu geben.«
»Ich brauche keinen Rat. Und ich werde meine Meinung nicht ändern.«
»Das erwarte ich auch nicht. Ich möchte dir nur einen Vorschlag machen, ehe du gehst.«
George bedachte sie mit einem ungeduldigen Blick, wie ihn nur sehr junge Menschen für sehr alte aufzubieten haben, und hob die Faust, um an Van Hoevers Tür zu pochen. Doch noch ehe seine Knöchel auf das Holz prallen konnten, hatte die mit Stoff umwickelte Hand der alten Frau seine Faust in der Luft abgefangen. »Du wirst hören wollen, was ich zu sagen habe, George«, sagte sie. »Denn ich weiß genau, warum du gehst.«
George musterte sie. An niemand anderen hätte er eine weitere Minute vergeudet, aber Irina war eine der wenigen Personen bei Otterman’s, die ihm stets Aufmerksamkeit abverlangten. Sie war die einzige Bratschistin des Orchesters und hatte wie die meisten Bratscher (die ihr Leben immerhin einem weitgehend ignorierten und vielfach bespöttelten Instrument widmeten) eine recht sauertöpfische Lebensweisheit erlangt. Außerdem kursierten Gerüchte, denen zufolge sie in ihrer Heimat Russland schreckliche Not gelitten hatte, ehe sie nach Amerika geflohen war, was ihr, gepaart mit ihrem hohen Alter, im Otterman’s eine rätselhafte Hochachtung beschert hatte.
»Meinen Sie?«, fragte George.
»Allerdings«, sagte sie. »Und, willst du nicht hören, was ich denke?« Sie ließ ihn los und klopfte erneut auf den Stuhl neben sich. George seufzte, nahm aber, wenn auch zögerlich, Platz.
»Was denken Sie?«
»Warum hast du es so eilig, Kind?«, fragte Irina. »Es scheint, als wärst du gestern erst angekommen.«
»Das war nicht gestern«, sagte George. »Ich bin schon über ein halbes Jahr hier, viel zu lang.«
»Zu lang wofür?«
George antwortete nicht. Irina lächelte, amüsierte sich über diesen schrecklich ernsten Jungen in seinem zu weiten Anzug. »Die Zeit vergeht so viel langsamer in der Jugend. Für mich ist es, als wäre nur ein Tag vergangen. Ich weiß immer noch, wie du durch diese Tür gekommen bist. Drei Dinge sind mir damals an dir aufgefallen.« Sie reckte drei spindeldürre Finger hoch. »Das erste war, dass du talentiert bist. Sehrtalentiert. Aber das wusstest du, nicht wahr? Das wusstest du wahrscheinlich viel zu gut für so einen kleinen Jungen.«
»Einen kleinen Jungen?«, wiederholte George.
»Oh ja. Ein naives kleines Lämmchen sogar.«
»Damals vielleicht«, gab George hochnäsig zurück, griff in seine Tasche, zog einen Beutel Tabak hervor und fing an, sich eine Zigarette zu drehen. Dabei achtete er darauf, sich so lässig wie nur möglich zu geben. Immerhin hatte er den Ablauf zu Hause vor dem Spiegel geübt.
»Wenn du meinst«, sagte Irina und zog einen der drei Finger ein. Die beiden anderen reckte sie weiter hoch. »Zweitens warst du stolz und unbesonnen. Das hat mich nicht überrascht. Das habe ich schon bei vielen jungen Künstlern erlebt. Und ich habe auch zugesehen, wie viele aus diesem Grund ihre Karriere weggeworfen haben. Ganz ähnlich, wie du es jetzt tust.«
George zog eine Braue hoch, zündete seine Zigarette an und nahm einen Zug. Sein Magen verkrampfte sich, als er versuchte, einen Hustenanfall zu unterdrücken.
Irina rümpfte die Nase. »Was rauchst du da?«
»Virginia’s Finest natürlich«, entgegnete er mit einem leichten Keuchen.
»Das riecht alles andere als fein.« Sie nahm ihm den Beutel ab und lugte hinein. »Ich weiß nicht, was das ist, aber es ist nicht Virginia’s Finest.«
George sah geknickt aus. »N… nicht?«, fragte er.
»Nein. Hast du das von einem der Orchestermusiker gekauft?«
»Na ja, schon, aber ich dachte, ich könnte ihm vertrauen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Man hat dich reingelegt, Kind. Das ist Abfall. Beim nächsten Mal gehst du zum Tabakhändler wie jeder normale Mensch.«
George grummelte etwas wie, das könne gar nicht sein, drückte aber hastig die Zigarette aus und steckte den Tabakbeutel weg.
»Wie auch immer«, sagte sie. »Ich erinnere mich an eine dritte, letzte Sache, die mir aufgefallen ist, als du zu uns gekommen bist.« Ein zitternder, blauer Finger krümmte sich ihrer Handfläche entgegen. Den verbliebenen benutzte sie dazu, ihm in den Arm zu piksen. »Du schienst weniger daran interessiert zu sein, was du spielst, und das war auffällig. Nein, stattdessen hast du dich vorwiegend nach einer bestimmten Künstlertruppe erkundigt, die in den Theatern des Keith-Albee-Circuits aufgetreten ist.«
George erstarrte an Ort und Stelle, leicht gekrümmt, die Hand an dem Tabakbeutel, den er gerade in die Tasche hatte stecken wollen. Ganz langsam drehte er sich, um die alte Frau anzusehen.
»Hast du es immer noch so eilig, Kind?«, fragte Irina. »Oder bin ich da auf etwas gestoßen?«
Er antwortete nicht.
»Ich verstehe«, sagte sie. »Nun, ich erinnere mich, dass du immer wieder nach dieser Truppe gefragt hast, fast täglich. Du wolltest wissen, ob irgendjemand dir sagen könnte, wann sie bei uns auftreten werden. Sie waren doch schon bei uns aufgetreten, nicht wahr? Meint jemand, sie würden zumindest irgendwo in der Nähe auftreten? Ich glaube, ich erinnere mich sogar an den Namen … Ach, ja, es war die Silenus-Truppe, richtig?«
Georges Miene wirkte nun sehr verschlossen, er nickte kaum wahrnehmbar.
»Ja«, sagte die alte Frau und rieb sich die Handgelenke, um die Arthritisschmerzen zu lindern. »Das war es. Dich hat nichts interessiert außer diesem Silenus. Nach dem hast du ständig gefragt. Aber wir haben immer nur gesagt, nein, wir wissen nichts über diese Truppe. Und wir wussten auch nichts. Einmal ist er hier aufgetreten, dieser Silenus, vor vielen, vielen Monaten. Damals hat der Mann Van Hoever mit seinen zahlreichen Forderungen fürchterlich verärgert, aber seitdem haben wir nichts mehr von ihm zu sehen bekommen, und niemand wusste, wo er als Nächstes auftreten würde. Erinnerst du dich daran, Junge?«
Dieses Mal nickte George nicht, aber das war auch nicht nötig.
»Ja«, sagte Irina, »ich denke, das tust du. Und dann, heute Morgen, höre ich, dass Van Hoever sehr wütend ist. Er ist wütend, weil ein Künstler uns im Circuit übergangen hat und nun in Parma auftritt, westlich von hier. Und kaum habe ich die Neuigkeit über Van Hoever gehört, da kommt mir eine weitere zu Ohren, aber in der geht es um unseren jungen, sagenhaften Pianisten. Er verlässt uns. Hat einfach ganz plötzlich beschlossen zu gehen. Ist das nicht merkwürdig? Wie eine Neuigkeit auf die andere folgt?«
George schwieg. Irina nickte und nahm einen langen Zug von ihrer Zigarette. »Ich war nicht überrascht, als ich herausgefunden habe, dass es sich bei diesem Künstler um Silenus handelt«, sagte sie. »Und wenn ich nicht irre, hast du vor, ihm nachzulaufen. Habe ich recht?«
George räusperte sich. »Ja«, bestätigte er heiser.
»Ja. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann kommt es mir vor, als wäre diese Truppe der einzige Grund dafür, dass du bei uns als Hauspianist unterschrieben hast. Immerhin hättest du auch eine bessere Stelle finden können. Aber du wusstest, dass Silenus schon einmal hier aufgetreten war, also würde er es vielleicht wieder tun, und wenn ja, dann wolltest du hier sein, um ihn zu sehen, nicht wahr?«
George nickte.
Irina lächelte, zufrieden mit ihren eigenen Schlussfolgerungen. »Der berühmte Silenus«, sagte sie. »Zu meiner Zeit habe ich viele Gerüchte über ihn gehört. Zum Beispiel, dass seine Truppe aus einer Horde Zigeuner bestünde, die aus dem Ausland gekommen seien. Man sagt, er würde die Theater des Circuits ganz nach seinem Gutdünken besuchen. Und dass er schon Vaudevillekünstler war, ehe es Vaudeville überhaupt gegeben hat.«
»Haben Sie auch gehört, dass jedes Hotel ein Separee für ihn reserviert?«, fragte George. »Das ist ein ziemlich bekanntes Gerücht.«
»Nein, das habe ich noch nicht gehört. Aber ich frage mich, warum du so an diesem Mann interessiert bist.«
George dachte darüber nach. Dann griff er gemächlich in seine Brusttasche und holte ein Stück Papier hervor. Zwar waren die Ecken im Lauf der Zeit weich und rund geworden, doch hatte er es sorgsam verwahrt: Das Papier war säuberlich gefaltet und mit einem Stück Schnur zusammengebunden worden, so, als handele es sich um eine wichtige Botschaft. George zupfte an der Schlinge und löste die Schnur, ehe er das Stück Papier mit dem feierlichen Ernst eines Priesters, der ein heiliges Dokument abrollt, auseinanderfaltete.
Es war – zumindest früher einmal – eine Theaterkarte. Nach den wenigen gebotenen Darbietungen und dem einfachen, schludrigen Druckbild zu urteilen, stammte sie von einem sehr kleinen Theater, unbedeutender noch als das Otterman’s. Dennoch nahm eine große, eindrucksvolle Illustration die Hälfte einer Seite ein, und wenngleich die Tinte stellenweise stark verblasst war, konnte man doch sehen, dass die Illustration einen kleinen, stämmigen Mann mit Zylinder in der Mitte einer Bühne darstellte, gebadet in dem reinen, klaren Licht der Scheinwerfer. Seine Hände hatte er in extrem theatralischer Geste dem Publikum entgegengereckt, als wäre er gerade dabei, den Zuschauern die packendste Geschichte der Welt vorzutragen. Unter dem Bild standen in einer verschnörkelten Schrift, die man in diesem kleinen Theater wohl als schick erachtet hatte, die Worte: DIE SILENUS-TRUPPE.
George berührte die Illustration ehrfürchtig; es schien, als würde er am liebsten hineintauchen, um sich die Geschichte anzuhören, die der Mann erzählte. »Das habe ich aus meiner Heimatstadt«, sagte er. »Dort war er auch einmal, aber ich bin nicht hingegangen.« Dann sah er Irina mit eigentümlich glänzenden Augen an und fragte: »An was können Sie sich erinnern von damals, als er hier war?«
»An was ich mich erinnere?«
»Ja. Sie müssen mit ihm geprobt haben, als er hier aufgetreten ist, nicht wahr? Sie müssen seinen Auftritt gesehen haben. Also, an was erinnern Sie sich?«
»Jeder weiß doch, woraus seine Vorstellung besteht, oder? Warum fragst du dann mich?«
Aber George antwortete nicht. Er beobachtete sie nur aufmerksam.
Sie ächzte. »Also gut, lass mich nachdenken. Es ist schon so lange her …« Sie nahm einen kontemplativen Zug von ihrer Zigarette. »Es waren vier Darbietungen, das weiß ich noch. Das war merkwürdig. Heutzutage reist niemand mit mehr als einer Nummer an. Das war es auch, was Van Hoever so aufgeregt hat.«
George beugte sich vor. »Was sonst?«
»Ich erinnere mich … ich erinnere mich an einen Mann mit Marionetten, der gleich zu Beginn aufgetreten ist. Aber das waren keine lustigen Puppen. Und dann war da eine Tänzerin und eine … eine starke Frau. Moment, nein. Das war auch eine Marionette, oder nicht? Ich glaube, es könnte eine gewesen sein. Und dann war da noch eine vierte Nummer, und sie … sie …« Sie verstummte verwirrt.
»Sie erinnern sich nicht«, stellte George fest.
»Natürlich erinnere ich mich«, widersprach Irina. »Zumindest glaube ich, dass ich mich erinnere … ich erinnere mich an jede Nummer, für die ich je gespielt habe, aber diese … Vielleicht irre ich mich. Ich hätte schwören können, dass ich bei dieser Nummer gespielt habe. Aber habe ich das wirklich?«
»Das haben Sie.«
»So? Wieso bist du da so sicher?«
»Ich habe auch mit anderen Leuten gesprochen, die seine Vorstellung gesehen haben, Irina«, sagte er. »Mit Dutzenden. Und sie sagen alle das Gleiche. Sie erinnern sich vage an die ersten drei Nummern – die Marionetten, die Tänzerin in Weiß und die starke Frau –, aber nicht an die vierte. Und wenn sie versuchen, sie sich ins Gedächtnis zu rufen, fragen sie sich hinterher alle, ob sie die Vorstellung wirklich gesehen haben. Das ist so seltsam. Jeder hat von der Vorstellung gehört und viele haben sie besucht, aber niemand kann sich daran erinnern, was er gesehen hat.«
Irina rieb sich die Seite ihres Kopfes, als wollte sie die Erinnerung aus irgendeinem Sprung im Schädel herausmassieren, aber es wollte nicht gelingen. »Was willst du damit sagen?«
»Ich will damit sagen, dass, wenn Leute Silenus’ Vorstellung besuchen … irgendwas passiert. Ich weiß nicht, was es ist. Aber sie können sich anschließend nie erinnern. Sie können kaum beschreiben, was sie gesehen haben. Es ist, als wäre es nur ein Traum gewesen.«
»Das ist unmöglich«, meinte Irina. »Es kommt mir unwahrscheinlich vor, dass eine Darbietung so auf einen Menschen wirken kann.«
»Und doch können selbst Sie sich nicht erinnern«, gab George zurück. »Und auch niemand sonst. Die Leute hier wissen nur, dass Silenus in diesem Theater aufgetreten ist, aber was er auf der Bühne getan hat, ist ihnen ein Rätsel, obwohl sie während seiner Auftritte gespielt haben.«
»Und das willst du dir persönlich ansehen? Darum geht es?«
George zögerte. »Na ja, etwas mehr ist schon dran. Aber, ja, ich möchte ihn sehen.«
»Aber warum, Kind? Was du mir erzählst, ist wirklich seltsam, das gebe ich zu, aber du hast es mit uns sehr gut getroffen. Du verdienst Geld. Du kannst deinen Lebensunterhalt bestreiten, dich einkleiden …« Sie warf einen argwöhnischen Blick auf Georges cremefarbenen Anzug. »… und das sogar einigermaßen ordentlich. Du setzt eine Menge aufs Spiel.«
»Was geht es Sie an? Warum interessieren Sie sich überhaupt so für mich?«
Irina seufzte. »Tja, sagen wir einfach, dass ich auch mal in deinem Alter war. Und ich hatte etwa genauso viel Talent wie du, Junge. Aber manche Entscheidungen, die ich getroffen habe, waren … töricht. Ich habe dafür einen hohen Preis bezahlt, und ich bezahle ihn noch immer.« Ihre Stimme verlor sich, und sie rieb sich den Hals. George sagte nichts; Irina sprach nur sehr selten über ihre Vergangenheit. Endlich räusperte sie sich und fuhr fort: »Ich würde nur ungern erleben, dass dir das Gleiche widerfährt. Du hattest bisher Glück, George. Wenn du aber das, was du hast, zurücklässt und Silenus nachjagst, dann wirst du dein Glück auf die Probe stellen.«
»Ich brauche kein Glück«, sagte George. »Sie haben selbst gesagt, ich könnte bessere Engagements finden. Jeder sagt das.«
»Du bist hier verhätschelt worden«, entgegnete sie streng. »Ständig wurdest du nur gelobt, und das verleitet dich zu Dummheiten.«
George richtete sich gekränkt auf, faltete die Theaterkarte sorgsam zusammen und steckte sie wieder in die Tasche. »Vielleicht. Aber ich würde alles auf Erden riskieren, um ihn zu sehen, Irina. Sie haben keine Ahnung, was ich auf mich genommen habe, um diese Chance zu bekommen.«
»Und was, denkst du, wird passieren, wenn du diesen Silenus findest?«, fragte sie.
Schweigend dachte George über die Frage nach, aber noch ehe er etwas sagen konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Van Hoever stolzierte heraus.
Als er George dort sitzen sah, blieb Van Hoever stehen. Ein kaltes Glitzern zeigte sich in seinen Augen. »Du.«
»Ich«, entgegnete George milde.
Van Hoever deutete auf sein Büro. »Rein da. Sofort.« George stand auf, schnappte sich seine Sachen und ging mit einem letzten Blick auf Irina in Van Hoevers Büro. Irina sah ihm nach, schüttelte den Kopf. »Du bist immer noch ein Junge. Vergiss das nicht«, sagte sie. Dann schloss sich die Tür hinter ihm, und sie war fort.

 

Keine halbe Stunde später trat George aus der Theatertür hinaus in das unwirtliche Februarwetter. Van Hoevers Tirade war erstaunlich knapp ausgefallen; der Mann hatte sich verzweifelt darum bemüht, George wenigstens so lange zu halten, bis er Ersatz für ihn gefunden hatte, und war bereit gewesen, ihn entsprechend zu bezahlen, aber George wollte sich nicht darauf einlassen. Er hatte erst heute, am Freitag, Neuigkeiten über Silenus’ Vorstellung am selben Abend erhalten, und der Mann würde Parma mit seiner Truppe schon morgen verlassen. Dies war seine einzige Chance, und es würde so oder so recht knapp für ihn werden, da die Zugfahrt nach Parma beinahe den ganzen Tag dauern würde.
Nachdem er die Gage für die vergangene Woche eingestrichen hatte, kehrte er in seine Unterkunft zurück, packte seine Sachen (was auch eine Weile dauerte, da George sehr auf eine anständige Garderobe bedacht war), bezahlte seine restliche Miete und nahm die Straßenbahn zum Bahnhof. Dort wartete er auf den Zug, unterdrückte das Zittern in der winterlich kalten Luft und sah jede Minute zur Uhr. Es war schon eine Weile her, seit er sich das letzte Mal so verwundbar gefühlt hatte. Viel zu lange hatte er sich in die Abgeschiedenheit des Orchestergrabens zurückgezogen, sich zusammengekauert in der Dunkelheit auf der anderen Seite des Rampenlichts. Aber nun war das alles vorbei, und sollte irgendetwas schiefgehen, ehe er Parma erreicht hatte, dann wären die Monate im Otterman’s umsonst gewesen.
Erst, als George eingestiegen war und der Zug den Bahnhof verließ, atmete er wieder ruhiger. Und dann fing er an, ungläubig zu grinsen. Es passierte wirklich: Nachdem er ein halbes Jahr um Neuigkeiten geradezu gebettelt hatte, war er nun endlich unterwegs, um den legendären Heironomo Silenus zu sehen, den Leiter einer Gruppe wundersamer Künstler, den berühmten Impresario, den am schwersten greifbaren und rätselhaftesten Künstler, der je in den Theatern des Keith-Albee-Circuits aufgetreten war. Und – und das war vielleicht das Unfassbarste – den Mann, den George Carole verdächtigte, sein Vater zu sein.

Wolfgang Hohlbein

Über Wolfgang Hohlbein

Biografie

Wolfgang Hohlbein, Jahrgang 1953, war Industriekaufmann, bevor er 1982 mit seinem Debüt »Märchenmond« einen Autorenwettbewerb gewann. Seitdem schreibt er einen Erfolgsroman nach dem anderen und gilt als der Großmeister der deutschen Phantastik. Titel wie »Die Tochter der Himmelsscheibe«, »Das...

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Pressestimmen

phantastik-couch.de

»Der Roman ist definitiv kein All-Age-Buch, und wahrscheinlich muss man ihn auch zweimal lesen, um den vollen Genuss zu erfahren. Außerordentlich lesenswert ist das Buch allemal – nicht nur für eingefleischte Hohlbein-Fans.«

Neue Westfälische

»›Der Turm‹, einer der besten, weil faszinierendsten Hohlbein-Romane der letzten Jahre, spielt in ferner Zukunft. Verfasst in einer eindringlichen, bildhaften Sprache, denkt der Plot die Menschheitsgeschichte zu Ende.«

Sonic Seducer

»Mit dieser Geschichte schuf Wolfgang Hohlbein ein gigantisches futuristisches Szenario.«

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