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Unheil

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Roman

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Unheil — Inhalt

Mitten unter uns lauert eine tödliche Bedrohung: der Vampir. Der erbarmungslose Killer foltert seine Opfer und saugt ihnen das Blut aus. Als ihm die Ermittlerin Conny in einer finsteren Gothic-Disco auf die Spur kommt, gerät sie in einen Albtraum: Immer wieder erscheint ihr ein Phantom mit offenbar übernatürlichen Kräften. Unheimliche Geschöpfe eröffnen die Jagd auf sie. Conny wird in eine tödliche Intrige verstrickt. Und diejenigen, die sie immer für ihre engsten Verbündeten gehalten hat, entpuppen sich als undurchsichtige Gegner …

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.08.2012
640 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95689-5

Leseprobe zu »Unheil«

Conny wusste selbst nicht genau, was sie erwartet hatte – dröhnende Musik, vibrierende Fußböden, verräucherte Luft und blitzendes Laserlicht – aber sie gelangte zunächst lediglich in einen schmalen Gang, der von einem schweren Vorhang begrenzt wurde. Zur Linken gab es etwas, das sie an einen vergitterten Bankschalter aus dem vorvorletzten Jahrhundert erinnerte. Eine misstrauisch dreinschauende junge Frau reichte ihr eine kleine Pappkarte, mit der sie nicht wirklich etwas anzufangen wusste, und forderte sie mit einer so ruppigen Kopfbewegung zum [...]

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Conny wusste selbst nicht genau, was sie erwartet hatte – dröhnende Musik, vibrierende Fußböden, verräucherte Luft und blitzendes Laserlicht – aber sie gelangte zunächst lediglich in einen schmalen Gang, der von einem schweren Vorhang begrenzt wurde. Zur Linken gab es etwas, das sie an einen vergitterten Bankschalter aus dem vorvorletzten Jahrhundert erinnerte. Eine misstrauisch dreinschauende junge Frau reichte ihr eine kleine Pappkarte, mit der sie nicht wirklich etwas anzufangen wusste, und forderte sie mit einer so ruppigen Kopfbewegung zum Weitergehen auf, dass sie ganz instinktiv gehorchte.

Hinter dem Vorhang wurde die Musik lauter – Rammstein, Oomph!, irgendetwas in dieser Richtung –, wenn auch nicht annähernd so laut, wie sie befürchtet hatte. Trotzdem – und obwohl sie ein paar Fotos gesehen hatte und eigentlich wissen sollte, was sie erwartete – blieb sie einen Moment stehen und sah sich staunend um. Der Raum war riesig und konnte allein aufgrund seiner Größe und der hohen Decke seine ursprüngliche Bestimmung nicht leugnen, brodelte aber jetzt vor Leben, wie es in seiner Zeit als Maschinenhalle vermutlich niemals der Fall gewesen war. Conny versuchte erst gar nicht zu schätzen, wie viele Gäste sich augenblicklich hier drinnen aufhalten mochten. Vielleicht hundert, vielleicht auch drei- oder vierhundert, oder noch mehr. Jeder Versuch, sie zu zählen, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Die vorherrschende Farbe war Schwarz (was sich nicht nur auf die Kleidung der Gäste beschränkte), und es gab nur einige wenige Ausnahmen: hier und da ein weißes Hemd oder ein totenbleich geschminktes Gesicht, ein Tupfer von Rot oder Violett, aber im Grunde war alles schwarz. Selbst das Licht.

Zumindest das kam ihr allerdings zugute, als sie die lang gestreckte Theke auf der anderen Seite des Raumes ansteuerte. Das im Rhythmus der Musik flackernde Schwarzlicht löschte die unpassende Farbe ihres Kostüms aus und ließ es weit dunkler als zuvor erscheinen…was natürlich nichts daran änderte, dass sie die erstaunten und zum Teil abfälligen Blicke fast körperlich spüren konnte, die ihr auf dem Weg quer über die nur spärlich frequentierte Tanzfläche folgten. Sie gehörte nicht hierher, das spürte sie deutlich.

Aber war sie etwa freiwillig hier?

Genau genommen ja, gestand sie sich widerwillig ein. Ganz genau genommen war sie sogar hier, obwohl ihr sehr deutlich gesagt worden war, dass sie nicht hierherkommen sollte…

Sie verscheuchte den Gedanken, drängelte sich zur Theke durch und bestellte eine Cola, wozu sie sich anstrengen musste, um die Musik zu überbrüllen, die auf dieser Seite der Halle sonderbarerweise viel lauter zu sein schien. Als sie in ihrer Handtasche nach Kleingeld kramte, schüttelte die Bedienung heftig den Kopf und begann noch heftiger zu gestikulieren. Conny sah sie verständnislos an.

»Sie müssen ihre Karte abgeben«, sagte eine Stimme hinter ihr.

Conny drehte sich um und blickte mindestens genauso verständnislos in ein Gesicht, das (allerhöchstens) halb so alt war wie ihr eigenes, aber so bleich, als wäre sein Besitzer seit mindestens der doppelten Anzahl von Jahren tot. »Wie?«

Der Junge (sie nahm zumindest an, dass es einer war) begann ebenfalls heftig zu gestikulieren. Er musste schreien, um die Musik zu übertönen, was ihn noch deutlich jünger erschienen ließ, als er vermutlich war.

»Ihre Karte! Haben Sie keine bekommen, am Eingang?« Als Conny ihn nur weiter verwirrt ansah, zog er seine eigene bedruckte Pappe aus der Hemdtasche und hielt sie der Bedienung hin. Sie stempelte sie mit einer verärgert wirkenden Geste ab, und endlich durfte Conny auch ihre mit einer Unmenge von Eis verpanschte Cola an sich nehmen, während der Junge seine Karte wieder verschwinden ließ.

»Man zahlt hier, wenn man rausgeht!«, erklärte er, immer noch beinahe schreiend. »Bist du das erste Mal hier?«

Conny nickte zwar ganz automatisch, aber sie konnte nur hoffen, dass ihre Gesichtszüge nicht allzu sehr entgleisten. Hoffentlich war dieses Bübchen nicht der, der sie herbestellt hatte. Wenn doch, dann… nun ja, dann hätte sie wenigstens das Gelächter des gesamten Kommissariats auf ihrer Seite.

»Setzen wir uns?«, brüllte Junior. »Im Nebenraum ist es ein bisschen leiser. Da können wir reden!«

Reden?, dachte Conny verwirrt. Mit dir? Worüber wohl? Aber sie nickte nur und bedeutete ihm mit einer entsprechenden Kopfbewegung, vorauszugehen.

Im Nebenraum war es tatsächlich leiser, allerdings nicht viel, doch dafür herrschte ein Gedränge, bei dessen bloßem Anblick sie Atemnot bekam. Vielleicht zwei oder drei Dutzend Zuschauer hatten sich um eine kleine Bühne versammelt, auf der irgendetwas dargeboten wurde, das mit mittelalterlichen Kostümen und Schwertern zu tun hatte und ziemlich unästhetisch aussah. Sie sah einen Moment hin, deutete dann ein Kopfschütteln an und kehrte in den großen Raum zurück. Ihr jugendlicher Charmeur wirkte ein bisschen enttäuscht, wie ein Kind, das sein neues Spielzeug vorführt und nicht den erhofften Applaus bekommen hat, aber natürlich gab er nicht auf, sondern stellte sich im Gegenteil auf die Zehenspitzen und deutete dann zum anderen Ende des Raumes. Vielleicht hatte er einen freien Platz entdeckt. Conny folgte ihm, auch wenn sie inzwischen ziemlich sicher war, dass die E-Mail nicht von ihm stammte.

Tatsächlich gelangten sie nicht nur zu einem freien Platz, sondern gleich an einen komplett freien Tisch. Die Diskothek war zwar gut besucht, aber der Großteil der Gäste hielt sich auf der anderen Seite der ehemaligen Maschinenhalle auf, wo die Musik lauter war, oder folgte der Schwerter-Pantomime im angrenzenden Raum. Auf einer kleinen Empore, nicht einmal weit entfernt, saß ein langhaariger Bursche vor einem kleinen Pult und las aus einem (natürlich schwarz) eingeschlagenen Buch vor, wobei er allerdings alle Mühe zu haben schien, die dröhnende Musik zu überbrüllen. Hätte man dem armen Kerl ein Mikrofon gegeben, wäre es vielleicht einfacher gewesen.

»Zum ersten Mal hier?«, schrie ihr weißgesichtiger Begleiter. Er hatte seine Lautstärke noch dem Lärmpegel auf der anderen Seite der Tanzfläche angepasst und wirkte selbst fast ein bisschen erschrocken. Als er weitersprach, senkte er die Stimme ein wenig. »Ich meine: Gefällt es dir?«

»Schon«, antwortete Conny und nippte an ihrer Cola. Sie war hoffnungslos verwässert und so kalt, dass sie an den Zähnen schmerzte. »Es ist…interessant.«

Das schien nicht unbedingt die Antwort zu sein, die er hatte hören wollen. Er machte auch keinen Hehl aus seiner Enttäuschung, aber was hatte er erwartet?, dachte sie spöttisch. Dass sie sich mit ihren fast zweiundvierzig Jahren die Kleider vom Leib riss, sich das Gesicht weiß anmalte und ein Stachelhalsband anzog?

Selbstverständlich ließ er sich auch nicht davon entmutigen. Nachdem sie sein Gesicht unter all der weißen Schminke etwas genauer studiert hatte, korrigierte sie ihre Schätzung noch einmal ein gutes Stück nach oben. Sie war mindestens fünfundzwanzig Jahre älter als er. Sie hätte seine Mutter sein können. Aber er schien wild entschlossen, sie im Sturm zu erobern.

»Was ist das hier?«, fragte sie. »Ich meine: Ist hier immer so viel los?«

»Besuchermäßig ja«, antwortete er. »Wenn du die Vorführungen meinst, nein. Heute ist das Jahrestreffen.«

»Der Vampire?«, fragte sie amüsiert.

»Nein. Der Gothic-Szene.« Er war nicht beleidigt, sondern lachte. »Ein paar Mittelalter-Fans sind auch dabei, und der eine oder andere Punk. Aber die meisten gehören zu uns. Ich bin Tom. Und du?«

Beinahe hätte sie sich als Conny vorgestellt, nannte dann jedoch ihren richtigen Namen. »Cornelia«, um die Distanz zwischen ihnen nicht noch schmaler werden zu lassen.

»Conny also«, stellte er fest. So viel dazu. »Darf ich dir eine Frage stellen?«

»Ich dachte, das tust du schon die ganze Zeit.«

Tom ignorierte ihre Antwort. »Warum bist du hier? Ich meine, nur aus Neugier? Wenn dich das hier wirklich interessiert, könnte ich dich ein bisschen rumführen. Dir alles zeigen, deine Fragen beantworten und so.«

Verlockend wäre gewesen: Ich suche meine minderjährige Tochter, die sich gegen meinen Willen in diesem Schuppen rumtreibt, mit Typen wie dir abhängt, raucht und Alkohol trinkt. Aber so groß die Versuchung auch war, sie gab ihr nicht nach, sondern deutete nur ein Schulterzucken an und blieb – beinahe – bei der Wahrheit. »Ich bin hier verabredet.«

»Dein Freund oder Mann?« Keine Spur von Enttäuschung.

»Nein. Ich weiß nicht, mit wem.« Jetzt wurde sein Blick ratlos, und Conny fügte mit einer Geste in die Runde hinzu: »Ich habe nur eine Nachricht bekommen, dass wir uns hier treffen wollen.«

»So eine Art Blind Date.« Tom grinste. »Lass mich raten: Als Erkennungszeichen habt ihr ausgemacht, dass er was Schwarzes anzieht.«

»Ja, so ungefähr«, seufzte Conny, musste aber zugleich und fast gegen ihren Willen lächeln. Sie hoffte, dass der Junge nicht tatsächlich recht hatte. Mittlerweile hoffte sie sogar, dass sich das Ganze nicht als übler Scherz eines ihrer netten Kollegen herausstellte, der jetzt in irgendeiner dunklen Ecke stand und sich vor Lachen krümmte, während er die Oma beobachtete, die zwischen all diesen schwarz angemalten Kids mehr als nur deplatziert wirkte. Und sie am besten auch gleich filmte, damit es sich morgen im Aufenthaltsraum auch alle ansehen konnten.

Aber das wäre vermutlich doch zu aufwendig gewesen. Ihre Kollegen kannten einfachere Methoden, sie lächerlich zu machen.

Eine Bewegung am Eingang erregte ihre Aufmerksamkeit. Über den Köpfen der schwarzhaarigen Menge erschien der Sarg, der bisher draußen auf dem Leichenwagen gelegen hatte. Er wurde von zwei kräftigen Burschen getragen und von einem stämmigen Mann mit Vollbart und schulterlangem Haar begleitet, der ein Schwert an der einen Seite seines Gürtels und einen zugespitzten Holzpflock und einen Hammer an der anderen trug. Hammer und Pflock waren vermutlich in Ordnung, doch sie fragte sich, was das Waffengesetz zu dem Schwert sagen mochte, noch dazu in einer Diskothek voller Jugendlicher, von denen die eine Hälfte inzwischen vermutlich betrunken und die andere high war.

»Keine Sorge, das gehört zur Show«, sagte Tom. »Ich hab die Nummer schon mal gesehen. Sie ist echt cool.«

»Du meinst, in dem Sarg ist gar kein richtiger Vampir?«, fragte Conny mit gespielter Überraschung. »Jetzt bin ich aber enttäuscht.«

Tom lachte, doch als er etwas sagen wollte, trat eine große, sehr schlanke Gestalt an ihren Tisch und sah sie an. Conny hätte ihr unter normalen Umständen wahrscheinlich gar keine Beachtung geschenkt. Der Mann war außergewöhnlich groß und trug ein schwarzes Cape, ein altmodisches Rüschenhemd mit einem noch altmodischeren Binder; dazu ein albernes Gehstöckchen mit einem Griff in Form eines Drachenkopfes, und sein Haar war kurz geschnitten und selbstverständlich ebenso schwarz wie sein Gesicht bleich. Kurz: Er unterschied sich nicht wirklich von mindestens neunzig Prozent der Anwesenden; sah man vielleicht von seinem Alter ab, das – wenigstens auf den zweiten Blick – mehr in ihre Richtung tendierte als dem hier vorherrschenden Durchschnitt. Und doch war irgendetwas an ihm, das ihn…anders machte. Conny sah irritiert auf und begegnete dem Blick zweier dunkler, sehr durchdringender Augen, die den Eindruck erweckten, dass ihnen nichts entging. Irgendetwas… Sonderbares schien den Mann zu umgeben, das nicht zu beschreiben, aber sehr unangenehm war.

Vielleicht war es auch die simple Tatsache, dass sie auf jemanden wartete.

Und zwar auf ihn, wie seine nächsten Worte bewiesen. »Sie sind also gekommen.«

Tom setzte dazu an, etwas zu sagen, doch der Schwarzhaarige brachte ihn mit einem einzigen eisigen Blick aus seinen sonderbaren Augen nicht nur zum Verstummen, sondern auch dazu, hastig aufzuspringen und davonzueilen. Conny sah ihm nach, bis er in der zum Takt des zuckenden Schwarzlichtes wogenden Menge verschwunden war, aber sie spürte den Blick der seltsamen Augen die ganze Zeit weiter auf sich ruhen; wie die Berührung einer warmen und unangenehm trockenen Hand.

»Wer war das?«, fragte der Fremde. Auch seine Stimme war… seltsam, fand Conny. Ein warmer, sehr weicher Bariton, der etwas Einschmeichelndes hatte und zugleich so kalt und schneidend wie scharf geschliffener Stahl klang.

»Nur ein Verehrer.« Conny blinzelte, als sie sich wieder umdrehte und zu ihm aufsehen wollte. Er hatte sich gesetzt, auf denselben Stuhl, auf dem Tom bisher gesessen hatte. Sie hatte es weder gehört noch gespürt; als hätte er sich nicht nur lautlos, sondern überhaupt nicht bewegt.

Conny rief sich in Gedanken scharf zur Ordnung. Dieser Mann war zweifellos seltsam, aber das war auch schon alles. »Haben Sie mich herbestellt?«, fragte sie, wobei sie zugleich gegen das vollkommen absurde Gefühl ankämpfen musste, dass das gar nicht sein konnte. Die Nachricht hatte sie als E-Mail erreicht, und alles in ihr sträubte sich einfach gegen die Vorstellung, dass er der Absender sein sollte. Nicht wegen ihres Inhalts oder dieses seltsamen Treffpunktes. So etwas wie eine E-Mail…passte einfach nicht zu ihm.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, lächelte er plötzlich auf eine nicht nur beunruhigend wissende, sondern auch beinahe spöttische Art und beließ es bei einem angedeuteten Nicken als Antwort. Conny überlegte, ob er das mit Absicht tat und nur aus dem einzigen Grund, um sie zu verunsichern. Wenn ja, hatte er Erfolg.

»Warum?«

»Um mich mit Ihnen zu treffen. Und Sie wollten es doch offensichtlich auch, sonst wären Sie nicht hier.« Er beugte sich leicht vor, wobei er sich mit beiden Händen auf den Knauf seines albernen Spazierstocks stützte. Conny fiel auf, dass er sehr schlanke, fast filigrane Finger hatte, die trotzdem den Eindruck großer Kraft vermittelten; fast wie man sie bei einem Pianisten erwarten mochte, oder einem Chirurgen. Das fast resultierte aus der Tatsache, dass seine Fingernägel zwar gepflegt, aber außergewöhnlich lang und spitz zugefeilt waren. Außerdem waren sie schwarz lackiert.

»Vielleicht war ich nur neugierig«, antwortete sie.

»Neugierig?«

»Auf jemanden, der sich so viel Mühe macht, nur um mir eine kryptische Nachricht zukommen zu lassen, in der eigentlich nichts steht.«

Das war keineswegs übertrieben. Nicht einmal den Spezialisten aus der Cyberspace-Abteilung war es gelungen, den Absender der E-Mail zu ermitteln, und die Jungs waren gut; was bedeutete, dass er mindestens ebenso gut war, wenn nicht besser.

»Ganz so sinnentleert kann sie nicht gewesen sein, sonst wären Sie nicht hier, oder?«

Conny unterdrückte das Gefühl von Hilflosigkeit und Wut, das diese Antwort in ihr hervorrief. Natürlich war nichts sinnentleert, was mit Lea zu tun hatte. Sie konnte den Anblick des halb nackten toten Mädchens nicht vergessen, das jemand wie ein Stück Abfall entsorgt und in einen Altpapiercontainer am Straßenrand geworfen hatte, nicht annähernd so schlimm zugerichtet wie manche andere, die sie zuvor gesehen hatte, aber mit einem Ausdruck so abgrundtiefer Furcht in den erloschenen Augen, dass sie diesen Anblick nie wieder wirklich vergessen könnte. Erst sehr viel später in dieser Nacht, nachdem man auch die Kleider und die Handtasche des Mädchens im gleichen Altpapiercontainer gefunden hatte und sie den Namen auf dem Personalausweis las, hatte sie überhaupt begriffen, wer das tote Mädchen war.

Lea. Die Tochter ihrer besten Freundin.

»Was wollen Sie?«, fragte sie mit rauer Stimme.

»Sie kennenlernen.« Er hob besänftigend die Hand, als sie auffahren wollte. »Und Ihnen meine Hilfe anbieten.«

»Hilfe?« Conny dachte an Lea, an ihre gebrochenen Augen, die sie anklagend in ihren schlimmsten Träumen verfolgten; ein Anblick, der den abgebrühtesten Profi erschüttert hätte. Sie hatte sich vorgenommen das Schwein zu fassen, dass ihr das angetan hatte. Doch dafür brauchte sie einen klaren Kopf. Wie schon so oft zuvor verscheuchte sie die Erinnerung an das übel zugerichtete Mädchen aus ihren Gedanken und den Hass und den Abscheu, den sie tief in sich empfand.

»Ich könnte mir vorstellen, dass Sie ein bisschen Hilfe gebrauchen könnten«, setzte er nach.

Jetzt war sie wirklich beunruhigt, wenn auch aus einem anderen Grund, als er vermutlich ahnte. Es ging nicht nur um Lea, sondern auch um all die anderen Opfer des Wahnsinnigen. Das Allerletzte, was sie bei der Jagd nach ihm brauchte, war ein begeisterter Amateur, der fest davon überzeugt war, unendlich viel schlauer zu sein als sie und alle ihre Kollegen.

»Erweisen Sie mir den Gefallen, sich zuerst einige Augenblicke mit mir zu unterhalten, bevor ich diese Frage beantworte?«

Eigentlich sollte sie jetzt erst recht ärgerlich werden, doch das genaue Gegenteil war der Fall: Sie versuchte sich sogar dagegen zu wehren, aber dieser Bursche hatte einfach ihr Interesse geweckt. Allein dieser Satz: Erweisen Sie mir den Gefallen. Er sprach nicht nur altmodisch, irgendwie…war er es, angefangen von seiner Kleidung über seine gestelzte Art zu sprechen bis hin zu seinem ganzen Habitus, der lächerlich hätte wirken können, es aber nicht tat.

Wie man es von jemandem erwarten kann, der einen Ort wie diesen als Treffpunkt vorschlägt, meldete sich der logische Teil ihres Verstandes zu Wort. Er war weiß Gott nicht der einzige, der hier in Klamotten aus dem neunzehnten Jahrhundert herumlief.

Allerdings war er vielleicht der Einzige, der darin überzeugend wirkte. Wenn er eine Rolle spielte, dann perfekt.

»Wer zum Teufel sind Sie eigentlich?«, fragte sie.

»Oh, wie unhöflich von mir.« Der Ausdruck von Betroffenheit, der über sein schmales Gesicht huschte, wirkte so echt und überzeugend wie alles andere. »Ich habe es ganz versäumt, mich vorzustellen. Das ist unverzeihlich. Bitte halten Sie es dem Umstand zugute, dass mich die Gegenwart einer so charmanten und schönen Frau meine guten Manieren vergessen ließ.« Er deutete eine knappe Verbeugung an, ohne dass der Blick seiner dunklen Augen ihr Gesicht dabei losließ. »Mein Name ist Vladimir. Aber meine Freunde nennen mich Vlad.«

»Mir ist nicht nach Schmeicheleien«, sagte Conny kalt… was zugleich stimmte und auch nicht. Allmählich begann sie sich wirklich über den Kerl zu ärgern, der entweder verrückt war oder versuchte, sich über sie lustig zu machen, oder beides. Dennoch schmeichelten ihr seine Worte, und darüber ärgerte sie sich fast noch mehr.

»Und mir ist auch nicht nach albernen Spielchen«, fügte sie noch schärfer hinzu.

»Spielchen?«

»Vlad, wie? Und gleich werden Sie behaupten, Ihr Nachname wäre Tepes. Oder soll ich Sie gleich Graf Dracula nennen?«

Vlad lächelte dünn. »Sie sind eine gebildete Frau, wie ich sehe. Trotzdem erliegen Sie demselben weit verbreiteten Irrtum wie die meisten.«

»Dem Irrtum, dass ich mit meiner Zeit etwas Besseres anfangen könnte, als sie mit diesem Unsinn zu vertrödeln?«

»Dracula – und ganz genau Dracul – war nicht der Name des legendären Vlad Tepes, sondern sein Titel«, fuhr Vlad ungerührt fort. »Es heißt nichts anderes als Drache. Er war ein Ritter des berüchtigten Drachenordens.«

»Wie interessant«, sagte Conny scharf. »Und ich nehme an, Sie sind ein direkter Nachkomme…oder sind Sie es sogar selbst. Er ist ja unsterblich, wenn ich mich richtig erinnere.«

»Eine interessante Theorie«, lächelte Vlad. »Und ein großes Kompliment, vor allem aus dem Mund einer so charmanten Frau.«

»Das reicht jetzt.« Conny machte Anstalten, aufzustehen. »Ich habe wirklich Besseres mit meiner Zeit zu tun, als sie mit diesem Unsinn…«

»Aber ich bin doch schon fertig, meine Liebe«, fiel ihr Vlad ins Wort.

Conny hielt inne. Ihre Augen wurden schmal. »Womit?«

»Ich wollte mir einen Eindruck von Ihnen verschaffen, und das habe ich«, antwortete er. »Ich glaube, dass wir uns einig werden.«

»Einig? Worüber?« Widerwillig ließ sie sich wieder auf ihren Stuhl sinken. Sie hatte tatsächlich Besseres zu tun, als ihre Zeit mit diesem Irren zu verschwenden – aber auf ein paar Minuten mehr oder weniger kam es nun auch nicht mehr an. Und wenn gar nichts dabei herauskam, konnte sie ihn immer noch verhaften und ihm wegen Behinderung der Behörden und Verstoß gegen irgendein Datenschutzgesetz die Daumenschrauben anlegen.

»Ich möchte Ihnen helfen, Conny«, sagte er. »Ich darf Sie doch Conny nennen? Oder bestehen Sie auf Cornelia?Bitte verzeihen Sie mir meine Offenheit, aber ich finde, das klingt so…«, er suchte sichtbar nach dem richtigen Wort und hob dann die Schultern, »…altbacken.«

Sie reagierte gar nicht, was er selbstverständlich als Zustimmung auffasste, denn er fuhr nach einer kaum merklichen Pause und mit einem angedeuteten Nicken fort: »Ich machen keinen Hehl daraus, dass ich selbstverständlich eine gewisse…Gegenleistung erwarte, wenn wir uns einig werden.«

»Eine Gegenleistung wofür?«, fragte Conny scharf.

»Ich kann Ihnen den Vampir liefern«, antwortete Vlad.

 

 

Conny starrte ihn an. Eine Sekunde lang, dann zwei. Schließlich zehn. Dann lachte sie. »Stimmt. An Vampiren herrscht ja hier im Moment kein Mangel. Fangen wir direkt mit Ihnen an?«

Vlad blieb ernst, und plötzlich erschien in seinen Augen etwas, das ihr einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ. Vielleicht auch nicht in seinen Augen. Vielleicht war es…in ihr, dachte sie schaudernd. Sie hatte plötzlich das unheimliche Gefühl, von etwas Körperlosem und unendlich Kaltem tief in ihrer Seele berührt zu werden. »Du weißt, von wem ich spreche.«

Ob sie es wusste? Ob sie wusste, wovon er sprach?

Allein die Frage war schon beinahe lächerlich. Jeder, absolut jeder in diesem Land, der Zeitung las, einen Fernseher besaß oder ein Radio, wusste, wer der Vampir war. Die Medien beschäftigten sich seit drei Wochen praktisch mit nichts anderem – jedenfalls kam es ihr und ihren Kollegen mittlerweile so vor – und der Tenor dieser Berichterstattung war im gleichen Maße ungeduldiger und hämischer geworden, in dem ihre Menschenjagd ergebnislos verlief. Mittlerweile war die SOKO Vampir auf über hundert Köpfe angewachsen, und die aktuelle Schlagzeile der Revolverblätter hatte gelautet: Acht zu null für den Vampir. Das war nicht lustig. Die Acht stand für acht tote Teenager – keiner von ihnen älter als siebzehn – und die Null für ihre Fahndungserfolge. Acht Tote… Conny konnte sich an den einen oder anderen Serienmörder erinnern, der durchaus fleißiger gewesen war, wenn auch an keinen, der so schnell und in so kurzen Abständen gemordet hatte.

»Das ist nicht komisch«, sagte sie ernst. »Ich weiß nicht, was in Ihrem Kopf vorgeht. Wenn Sie glauben, dass ich in dieser Sache auch nur über einen Funken Humor verfüge, dann täuschen Sie sich. Das hier ist kein Spiel, und ich bin keine Kindergärtnerin. Also, wenn Sie mir nicht einen verdammt guten Grund liefern, warum Sie mich hierher zitiert haben, dann machen Sie sich darauf gefasst, verhaftet und so lange durch die Mangel gedreht zu werden, bis Sie sich wünschen, meinen Namen niemals gehört zu haben.«

»Er ist hier«, sagte Vlad.

Diesmal starrte Conny ihn noch länger an. »Hier?«, murmelte sie schließlich. »Sie… Sie meinen, hier in diesem Lokal?«

»Sogar in diesem Raum«, antwortete Vlad ruhig. »Wenn du dich umdrehst, kannst du ihn sehen.«

Alles in Conny schrie danach, ganz genau das zu tun. Stattdessen beherrschte sie sich und blickte ihr sonderbares Gegenüber nur noch durchdringender an.

»Schade«, seufzte sie schließlich. »Ich hatte gehofft, dass Sie es nicht so weit treiben. Ich weiß zwar nicht warum, aber irgendwie… möchte ich Sie nicht verhaften. Allerdings fürchte ich, dass Sie mir da keine andere Wahl lassen.«

»Du glaubst mir nicht«, seufzte Vlad. Er klang nicht etwa enttäuscht, sondern allenfalls auf eine Art resigniert, als hätte er genau das gehört, was er erwartet hatte, aber bis zuletzt auf etwas anderes gehofft. Seine schlanken Finger spielten mit dem silbernen Drachenkopf des Stöckchens, als wären es kleine, eigenständige Wesen. Er stand auf. »Komm mit.«

Aus keinem anderen Grund als dem, mit dem sie sich gerade schon einmal selbst beruhigt hatte – nämlich, dass es auf ein paar Sekunden jetzt auch nicht mehr ankam – erhob sie sich tatsächlich und folgte ihm. Außerdem hatte sie gerade die Wahrheit gesagt: Aus irgendeinem Grund wollte sie ihn nicht verhaften.

Was sie nicht daran hindern würde, es zu tun, wenn der Kerl sich einbildete, sie verarschen zu können.

Sie gingen nur ein paar Schritte, gerade weit genug, um die Tanzfläche überblicken zu können, auf der jetzt wieder nur mäßiges Gedränge herrschte. Anscheinend wechselte die Frequenz von Lied zu Lied; falls man das Röcheln eines gerade an Kehlkopfkrebs Sterbenden wirklich Musik nennen wollte.

»Dort drüben.« Vlad machte eine Kopfbewegung. »An der Theke. Der Langhaarige mit dem schwarzen T-Shirt.«

Davon gab es gleich drei, aber Conny wusste trotzdem, wen er meinte. Der Junge lehnte ganz außen an der Theke, ein großer, schlaksiger Bursche in der hier allgemein angesagten schwarzen Kleidung und mit ebenfalls schwarzem Haar, das er zu einem bis in die Mitte des Rückens hinunterfallenden Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Er wäre vollkommen unauffällig gewesen (zumindest in diesem Umfeld), wäre da nicht sein Blick gewesen, der einen krassen Gegensatz zu der betont lässigen Haltung bildete, in der er an der Theke lehnte. Er suchte etwas. Vielleicht auch jemanden.

»Dieses Bürschchen?«, fragte sie ungläubig. Der Junge war vielleicht gerade zwanzig.

»Er ist auf der Jagd«, sagte Vlad ungerührt. »Er hält gerade Ausschau nach seiner nächsten Beute. Das spüre ich. Und du spürst es auch.«

Das Verrückte war, dachte sie bestürzt, dass es stimmte. Es blieb dabei. Der Bursche war ein…Kind, nicht nur äußerlich, sondern viel mehr noch von seiner Ausstrahlung her. Jeder, der freiwillig in einen Schuppen wie diesen ging und nicht nur Geld dafür bezahlte, sich das Gehör ruinieren zu lassen, sondern auch noch Spaß daran hatte, sich von Kopf bis Fuß in Schwarz zu hüllen, das Gesicht totenweiß zu schminken und sich an den unmöglichsten Stellen zu piercen, musste tief drinnen ein Kind sein. Und das war er auch, ganz zweifelsfrei… aber zugleich hatte er auch etwas von einem Raubtier an sich. Kein Jäger. Er war kein Leopard oder Tiger, der seine Beute zu Tode hetzte und dann mit einem Prankenhieb niederstreckte, sondern eine Spinne, die lautlos und mit unendlicher Geduld auf ihre Beute lauerte, um dann aus dem Hinterhalt heraus zuzuschlagen; heimtückisch, aber nicht weniger tödlich.

»Das ist lächerlich«, sagte sie trotzdem, wenn auch mit einem deutlichen Zittern in der Stimme, das sie selbst erschreckte. »Der Kerl ist ein…ein Kind. Kaum älter als die meisten seiner Opfer.«

»Und das bedeutet automatisch, dass er unschuldig sein muss?«, fragte Vlad. »Weil er jung ist?«

Conny biss sich auf die Unterlippe und schwieg. Das Schlimme war, dass er recht hatte. Sie spürte es einfach.

»Und was soll ich jetzt tun…«, um ein Haar hätte sie ihn geduzt, »…Ihrer Meinung nach?«

»Ihn verhaften?«, schlug Vlad vor.

»Und mit welcher Begründung?« Conny schüttelte heftig den Kopf, ohne den Langhaarigen auch nur für den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen zu lassen. Er lehnte noch immer in scheinbar vollkommen entspannter Haltung an der Theke, nippte ab und zu an einem Glas Cola mit Eis und erweckte vollkommen überzeugend den Eindruck, sich ohne irgendein spezielles Interesse umzusehen… bei allen anderen. Conny entging keineswegs, wie taxierend seine Blicke unter dieser Maske waren; Blicke, denen nicht die geringste Kleinigkeit entging. Obwohl es nicht den Eindruck erweckte, war sein Kopf (und vor allem seine Augen) in ununterbrochener Bewegung. Ein oder zwei Mal streifte sein Blick sogar Conny, aber sie war vermutlich zu weit weg, als dass er sie genau erkennen konnte, und außerdem passte sie nicht in sein Beuteschema, ganz egal, nach welcher Art von Wild er auch Ausschau hielt. »Ich kann ihn nicht einfach verhaften, nur weil mir jemand, den ich noch nicht einmal kenne, gesagt hat, dass er ein Serienkiller sei.«

Sie bekam keine Antwort, und als sie sich ärgerlich zu Vlad umdrehte, begriff sie auch, warum.

Er war nicht mehr da, und einen Moment lang fragte sie sich ganz ernsthaft, ob er überhaupt jemals da gewesen war oder sie vielleicht allmählich durchdrehte.

Das war natürlich Unsinn. An einem Ort wie diesem einen Kerl mit Pelerine, Rüschenhemd und Gehstock zu sehen, den es gar nicht gab, das mochte ja noch angehen (vor allem, wenn man in den letzten beiden Nächten so gut wie nicht geschlafen hatte), aber sie hatte schließlich mit ihm gesprochen. Und nicht nur das.

Trotzdem blieb er verschwunden, so aufmerksam sie sich auch umsah.

Und als sie sich wieder zur Theke umdrehte, war auch der Langhaarige nicht mehr da.

Für eine oder zwei Sekunden drohte sie fast in Panik zu geraten, doch dann sah sie eine schlanke Gestalt mit einem auffällig langen, gepflegten Pferdeschwanz im anderen Saal verschwinden und machte sich hastig daran, ihr zu folgen. Sie hatte nicht vor, ihn anzusprechen oder gar etwas wirklich Dummes zu tun (wie zum Beispiel ihn zu verhaften), aber es konnte nicht schaden, ihn einfach noch ein paar Minuten im Auge zu behalten. Außerdem stieg in seiner Nähe vermutlich die Wahrscheinlichkeit, den selbst gebastelten Vlad Dracul wieder zu treffen.

Auf der Bühne im angrenzenden Saal war mittlerweile eine andere Inszenierung im Gange. Der Pappsarg, den man vorhin hereingebracht hatte, stand im Zentrum eines Dutzends unterschiedlicher, ausnahmslos grellbunter Scheinwerferstrahlen, die im Licht der hämmernden Heavy-Metal-Musik zuckte, die das Röcheln des Krebskandidaten abgelöst hatte. Eine Trockeneismaschine produzierte brodelnden weißen Dampf, und der Typ mit Hammer und Schwert trat gemessenen Schrittes auf die Bühne hinauf. Wahrscheinlich, dachte sie, würde gleich der Sargdeckel aufspringen, und eine totenblass geschminkte Frau in zerrissenen Kleidern würde heraussteigen, um von ihrem Kollegen möglichst publikumswirksam gepfählt zu werden.

Eigentlich sollte diese Vorstellung lächerlich sein. Sie dachte diesen Gedanken sogar ganz bewusst, um sich im Stillen darüber lustig zu machen, aber es wollte ihr nicht gelingen. So naiv und dilettantisch diese Laienvorstellung auch war, der Gedanke an das, was gleich dort oben auf der Bühne passieren würde, bereitete ihr fast körperliches Unbehagen.

Sie schüttelte den Gedanken ab, trat ganz instinktiv aus dem hellsten Licht heraus und machte dann noch einmal einen raschen Schritt zurück, nachdem sie sich suchend umgesehen hatte. Die Scheinwerfer, die die Bühne beleuchteten, waren so hell, dass alles andere ringsum praktisch unsichtbar wurde. Auch wenn der Kerl mit dem Pferdeschwanz ganz bestimmt kein Interesse an ihr hatte (Conny bezweifelte, dass er sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte), musste sie den Langhaarigen ja nicht unbedingt mit der Nase darauf stoßen, dass sie sich für ihn interessierte; schon, um im Zweifelsfall sich selbst ein paar sehr unangenehme Fragen zu ersparen…

Conny fragte sich erneut und mit immer größerer Verwunderung, was zum Teufel sie hier eigentlich tat. Ganz egal, wie man es drehte oder wendete, es lief genau auf das hinaus, was sie gerade selbst zu Vlad gesagt hatte: Sie bespitzelte einen ihr völlig unbekannten jungen Mann (einen Bürger, und somit per Definition jemanden, der so lange unschuldig wie ein neugeborenes Baby war, wie sie ihm nichts nachweisen konnte oder zumindest einen vernünftigen Anfangsverdacht hatte), und das nur auf die wilden Anschuldigungen eines vollkommen Fremden hin. Die Chancen, dass sich hier heute jemand gehörigen Ärger einhandelte, standen gar nicht schlecht. Sie war nur nicht sicher, wer das sein würde.

Der Pferdeschwanzträger schien sich weder für sie noch für das Geschehen auf der Bühne zu interessieren. Conny musste nach ihm suchen, um ihn in der dicht an dicht stehenden Zuschauermenge überhaupt zu entdecken. Er war nicht allein, sondern unterhielt sich in scheinbar vertrautem Ton mit einem vielleicht sechzehn- oder siebzehnjährigen Mädchen, das ihm kaum bis zur Brust reichte und ein schwarzes T-Shirt, einen gleichfarbigen Minirock (der eigentlich nur ein breiter Gürtel war) und sorgsam zerrissene Netzstrümpfe über einer weißen Strumpfhose trug. Anders als die meisten hier hatte sie ihre Haare nicht schwarz gefärbt, sondern in einem strähnigen Violett, und all ihre Mühe, sich mit totenbleicher Schminke, schwarzem Lippenstift und bitumenähnlichem Mascara zu entstellen, konnte ihre natürliche Schönheit nicht verhehlen.

Vielleicht war es der Anblick des Mädchens, der Connys letzte Zweifel beseitigte. Sie passte einfach zu gut ins Beuteschema des Vampirs: irgendetwas zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren alt, hübsch und auf eine Art selbstbewusst, die ihr nichts von ihrer mädchenhaften Ausstrahlung nahm. Und unter dieser Maske schrecklich verwundbar.

Für einen Moment erschien ein knappes drei Viertel Dutzend anderer Gesichter vor ihrem inneren Auge, säuberlich aufgereiht und mit der unbarmherzigen Detailtreue moderner Digitalfotos. Acht bleiche Gesichter, denen man gnädigerweise die Augen geschlossen hatte, damit das Foto den abgrundtiefen Schrecken nicht festhielt, der sich im Angesicht des Todes in ihre Augen gekrallt hatte. Jedes Einzelne dieser Gesichter war ebenso bleich und starr gewesen wie das der Kleinen, der der Langhaarige mittlerweile den Arm um die Schulter gelegt hatte, nur dass die Blässe in diesen Gesichtern nicht aufgeschminkt war, sondern nie wieder verschwinden würde.

Eines dieser Gesichter hatte sie gekannt, bevor diese monströsen Fotos entstanden waren…

Ein paar Sekunden lang drohten sie die Erinnerungen zu überwältigen, aber sie drängte die schrecklichen Bilder zurück, auch wenn es ihr wirklich große Mühe bereitete. Sie presste die Kiefer so fest zusammen, dass ihre Zähne knirschten und ein dünner Schmerz bis in ihre linke Schläfe hinaufstieg; schlimm genug, um ihr Tränen in die Augen schießen zu lassen.

Sie blinzelte sie weg, atmete drei oder vier Mal bewusst tief und lang ein und aus und verscheuchte auch noch die letzten Bilder aus ihrem Kopf. Pferdeschwanz hatte inzwischen nicht nur den Arm um die Schulter der Kleinen gelegt, sondern zog sie auch unauffällig zu sich heran. Seine Fingerspitzen spielten an ihrem Hals. Sie schien nichts dagegen zu haben, sondern hatte ganz im Gegenteil den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen halb geschlossen. Ihr Fuß wippte im Takt der hämmernden Bässe. Das alles machte einen so vertrauten Eindruck, dass Conny sich automatisch fragte, ob sie sich vielleicht geirrt hatte, und die beiden alte Freunde waren. Aber vielleicht ging so etwas heutzutage ja auch einfach schneller. Manchmal kam sie sich mit ihren gerade einmal etwas über vierzig vor wie ein Dinosaurier; ein Mitglied einer vom Aussterben bedrohten Spezies, das unversehens in eine fremde Welt versetzt worden war, deren Regeln sie nicht mehr verstand.

Jemand rempelte sie an. Conny machte einen hastigen halben Schritt zur Seite, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, und murmelte eine Entschuldigung, obwohl sie es gewesen war, die man angerempelt hatte, und fing einen ärgerlichen Blick eines dunkel umrandeten Augenpaares auf, in den sich in der nächsten Sekunde ein deutlich überraschter Ausdruck mischte.

Das war nicht gut. Der junge Mann, der sie angerempelt hatte, ging kopfschüttelnd weiter und hatte sie im nächsten Augenblick wahrscheinlich schon wieder vergessen, aber das kurze Erstaunen, das in seinen Augen aufgeblitzt war, machte ihr sehr deutlich, wie auffällig sie war; zumindest in dieser Umgebung.

Die Grundregeln der Observierung, dachte sie ärgerlich. Tag eins, Stunde eins, Lektion eins. Versuch dich deiner Umgebung anzupassen – oder wenigstens nicht aufzufallen wie ein bunter Hund. Sie benahm sich tatsächlich wie eine Anfängerin!

Sie schrak auch wie eine ebensolche zusammen, als Pferdeschwanz plötzlich die Schulter der Kleinen losließ und zielsicher auf sie zukam ...

Wolfgang Hohlbein

Über Wolfgang Hohlbein

Biografie

Wolfgang Hohlbein, Jahrgang 1953, war Industriekaufmann, bevor er 1982 mit seinem Debüt »Märchenmond« einen Autorenwettbewerb gewann. Seitdem schreibt er einen Erfolgsroman nach dem anderen und gilt als der Großmeister der deutschen Phantastik. Titel wie »Die Tochter der Himmelsscheibe«, »Das...

Pressestimmen

Wiener Journal (A)

»Ein virtuoses Spiel zwischen Möglichem und Phantastischem, realen Mordermittlungen und mysteriösen Manipulationen, machen diesen fantastischen Krimi zu einem der besten Bücher, die Wolfgang Hohlbein in letzter Zeit veröffentlicht hat.«

Süddeutsche Zeitung

»Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Wolfgang Hohlbein, dem deutschen Großmeister der Fantasy gelingt, aktuelle Trends der literarischen Unterhaltung in neuen Plots mit überraschenden Wendungen zu erzählen. (…) Seine bewährten Mittel sind detailgenaue Szenenbeschreibungen und der geschickte Aufbau eines Spannungsbogens, der aus überraschenden Handlungs- und Motivsprüngen lebt.«

Lausitzer Rundschau

Horror vom Feinsten, vom Schlimmsten und Pessimistischsten.

Hörzu

So einen fesselnden Roman haben wir von Wolfgang Hohlbein noch nicht gelesen.

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