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Gebrauchsanweisung für KroatienGebrauchsanweisung für Kroatien

Gebrauchsanweisung für Kroatien

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Gebrauchsanweisung für Kroatien — Inhalt

Jagoda Marinić weiß, weshalb Kroatien als Reiseland so beliebt ist und wo man im Sommer, wenn die Autokolonnen in den Süden strömen, noch auf »echte Einheimische« trifft. Sie lieben leidenschaftlich Familie, Fitness und Fußball und lassen abends in den weißen Städten die Tradition dalmatinischer Männerchöre hochleben. Die Autorin kennt Geheimtipp-Buchten und kleine Küstenorte jenseits der »Game of Thrones«-Fans. Sie führt in die kreative Szene der Hauptstadt Zagreb; verrät die Magie Istriens; warum in Kroatien das Wasser der Adria so klar ist und selbst viele Italiener lieber hier Urlaub machen. Welche Worte Sie richtig aussprechen können sollten, um von den Kroaten als Sprachgenie gelobt zu werden. Wie Sie sich den Fisch zubereiten lassen sollten – und wie Sie sich für einen Reifenwechsel wappnen. Und nicht zuletzt, warum Marco Polo vielleicht doch Kroate war.

Erschienen am 01.03.2018
240 Seiten, Flexcover mit Klappen
ISBN 978-3-492-27722-8
Erschienen am 01.03.2018
240 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-99129-2

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Kroatien«

Statt eines ersten Händedrucks 

Machen wir uns nichts vor: Kroatien ist nicht Italien. Was kein Nachteil sein muss. Denn nur weil es nicht Italien ist, packen Sommer um Sommer jeden August Tausende von Italienern ihre Koffer, um ihren »Ferragosto« an einem kroatischen Strand zu verbringen.

Es ist unter den Bewohnern der beiden Mittelmeerländer längst kein Geheimnis mehr, dass in diesem Teil der Adria die Strömung so verläuft, dass man in Kroatien den Meeresgrund sieht und in Italien die Algen. Die beiden Nachbarländer pflegen eine sympathiegetragene [...]

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Statt eines ersten Händedrucks 

Machen wir uns nichts vor: Kroatien ist nicht Italien. Was kein Nachteil sein muss. Denn nur weil es nicht Italien ist, packen Sommer um Sommer jeden August Tausende von Italienern ihre Koffer, um ihren »Ferragosto« an einem kroatischen Strand zu verbringen.

Es ist unter den Bewohnern der beiden Mittelmeerländer längst kein Geheimnis mehr, dass in diesem Teil der Adria die Strömung so verläuft, dass man in Kroatien den Meeresgrund sieht und in Italien die Algen. Die beiden Nachbarländer pflegen eine sympathiegetragene Rivalität, aus purer Lust an Kleinkämpfen und Abgrenzung.

Die Italiener brüsten sich damit, einst, als ihre Kaiser und Könige kroatische Küstenorte als Altersresidenzen wählten, die Schönheit ins Land getragen zu haben. Die Kroaten kontern, dass die Schönheit der Natur offensichtlich schon damals auf dieser Seite des Meeres lag. Seit 2005 der beliebte Reiseführerverlag Lonely Planet Kroatien zur Destination of the Year kürte, lassen sich die Kroaten nur noch selten auf solche Diskussionen ein.

Während sich Kroaten und Italiener die Vorzüge des adriatischen Teils des Mittelmeers schon seit Jahrhunderten untereinander aufteilen, war Kroatien für viele Deutsche – bis vor Kurzem – ein weißer Fleck auf der Landkarte der europäischen Nachbarn. Natürlich gibt es einige, meist die in die Jahre gekommenen Eltern meiner Freunde, die früher mit ihrem blauen Käfer Cabrio in die Flitterwochen nach Jugoslawien gefahren sind und die nostalgisch werden, wenn sie meinen Namen hören, weil er Erdbeere heißt und sie an das Eis ihrer verliebten Zeiten erinnert. Doch bei den meisten fiel die Wahl damals auf diese Seite der Adria, weil die italienische noch nicht bezahlbar war. Das Ferienhaus kauften die Eltern meiner Freunde später trotzdem in der Toskana.

Heute sieht das anders aus. Kroatien ist längst nicht mehr das Italien der Armen, vielmehr ist es Italien de luxe. Viele Deutsche bauen sich ein Haus an der Küste. Jahr um Jahr klopfen mehr von meinen deutschen Freunden kurz vor den Sommerferien an meine Tür und beziehen mich in ihre Urlaubsplanungen ein. Meist klingt das so: Wo genau liegt eigentlich Kroatien? Soll ja schön sein, nicht? Richtig mediterran? Ich schüttle den Kopf, gehe zum Schreibtisch, hole meine zerfledderte Landkarte aus der Schublade und breite sie vor ihnen aus. Meist staunen sie in Ahs und Ohs, wenn sie feststellen, dass Kroatien gar nicht neben Rumänien liegt. Sie machen große Augen, wenn sie sehen, wie sich das Land entlang des Mittelmeers zieht wie eine endlose Meeresbucht, so schmal ist der Küstenstreifen, so klein die Inseltropfen, die aus dem blauen Meerwasser ragen und Namen wie Krk, Brač und Korčula tragen. Meine Freunde brechen sich zwar die Zungen beim Vorlesen der Insel- und Städtenamen, doch bald schon glauben sie mir: An keinem Punkt Europas ist das Blau der Karibik so nah.

 

Kroatien sieht auf der Landkarte aus wie ein Paar Hosen. Darauf wäre ich selbst nie gekommen, darauf brachte mich die Kroatischlehrerin meiner Kindheit. Doch ganz gleich, was ich von diesem eher profanen Bild halte, sobald ich auf die Karte sehe, erkenne ich seither ein Paar Hosen. Das rechte Bein ist das Küstenbein und das linke das Landesbein. Beide zusammen bilden Kroatien. Im Landesinneren zieht sich das linke Hosenbein an Slowenien, Ungarn und Bosnien-Herzegowina vorbei bis ans heutige Serbien. Laut meiner Lehrerin sollen diese Hosen von den Kroaten pantalone genannt werden. Ein Italianismus. Manche erklären sich durch dieses Bild und seine italienische Benennung sogar die emotionale Nähe zu Italien, denn die Küstenkroaten fühlen sich seit jeher als das Hosenbein am Stiefel. Und liegen damit naturgemäß obenauf. Die von Österreich-Ungarn geprägten Nordostkroaten um Zagreb herum wollen in der Landesform partout keine Hose erkennen, sondern ein Kipferl, woran sich bereits das Gefälle zwischen dem Nordosten und dem Süden des Landes ablesen lässt: Im Süden wüsste kein Mensch, was ein Kipferl überhaupt sein soll, während im Nordosten niemand das italienische Wort für Hose auch nur gehört haben will. Dass die Halbinsel Istrien dabei sowohl das Kipferl als auch die Hose sprengt, passt genau ins Bild, denn Istrien ist eine Geschichte für sich. Manche behaupten sogar, es sei ein Märchen. Doch dazu später.

Zunächst zu den Menschen. Kroatien soll nur knapp über vier Millionen Einwohner haben. Unter diesen knapp über vier Millionen, fast alle Kroaten, finden sich immer wieder solche, die bei Europameisterschaften und Weltmeisterschaften fast aller Ballsportarten die vorderen Plätze erobern. Selbst bis nach Übersee, in die weit entfernte Redaktion der New York Times, ist dieses Phänomen vorgedrungen. So schrieb im Vorfeld der diesjährigen Europameisterschaft einer der dortigen Journalisten eine Fußballhymne auf die kroatischen Fans und ihr Team. Denn jeder, wirklich jeder in diesem Team, so der Journalist, wolle Stürmer sein. Was für ein Land, jubelt er, so klein und doch voll von großen Träumern, für die Fußballer sein das eine ist, doch Torschützenkönig das Eigentliche.

Abseits zu stehen ist für Kroaten auch jenseits des Fußballs keine Option. So eilen sie in Zeiten der Euro-Krise allen Hiobsbotschaften zum Trotz der gemeinsamen Währung wie einem Heilsversprechen entgegen. Dass die anderen Mittelmeerländer inzwischen nicht nur geografisch zu den Rändern Europas zählen, interessiert sie nicht. Sie wollen dabei sein. Um jeden Preis. Gleichzeitig ist es ein Land von Individualisten, die sich von niemandem etwas vorschreiben lassen. Das monströse Regelwerk der EU lehnen sie bei jedem Kaffee mit Freunden lautstark und mit heftigen Gesten ab, doch wehe, die EU würde die Mitgliedschaft Kroatiens ablehnen. Der Trainer der Fußballnationalmannschaft, Slaven Bilić, zahlt nach dem Spiel gegen den Lieblingsgegner Italien lieber eine Strafgebühr, als seine Entrüstung darüber zu verschweigen, wie wenig der Schiedsrichter für das kroatische Team getan hat. Ein männlicher Fan stürmt nach dem Spiel gegen Irland den Rasen und kämpft sich durch zum Nationaltrainer. Dieser, zwar überrumpelt und sichtlich genervt, doch nicht unbeeindruckt, belohnt laut YouTube und bösen Zungen die Aktion mit einem Bruderkuss – und das als Trainer von einem als homophob geltenden Land.

Sie sehen schon, die Reise nach Kroatien wird kein leichtes Spiel. Doch Vorsicht, es birgt Suchtpotenzial.

 

Über autoput und Autobahn

Als Kind ging es für mich jeden gottverdammten Sommer nach Dalmatien. Dieses Dalmatien lag damals in Jugoslawien, das es heute nicht mehr gibt. Wenn die Eltern meiner deutschen Freunde danach fragten, wo meine Familie den Sommer verbrachte, antwortete ich: »In Jugoslawien.« Kaum war mir das Wort Jugoslawien über die Lippen gekommen, hellten sich ihre Augen auf, als hätte ich ihnen mit der Antwort einen Gefallen getan: »Über den autoput, wie wunderbar!« Was genau daran so wunderbar war, erschloss sich mir nie. Wir waren Jahr um Jahr nach über zwanzig Stunden Fahrt einfach nur froh, wenn wir heil in unserem Haus ankamen. Für die Deutschen jedoch war das Stichwort Jugoslawien ganz eng verbunden mit dem Zauberwort autoput, das Erinnerungen an die längst begrabene Abenteuerlust weckte. Sie hielten mir dieses Wort entgegen wie einen Abenteurer-Ausweis: Hier, seht nur, ihr werdet es kaum glauben, aber so waren wir, genau so, als wir noch jung waren und uns verliebt auf den Weg machten, die Welt zu sehen. Die Welt im Land nebenan. »Meeein Gott, der autoput!«, schwärmten sie. Manche holten sogar ihre vergilbten Bilder hervor, auf denen sie, kaum wiedererkennbar, in kurzen Hosen und bemerkenswert schlank, meist an einem alten Käfer lehnten, alles Anfängerglück dieser Welt in den stolzen Gesichtern. »Mensch, was war das schön damals, als wir nach Griechenland gefahren sind …« Oder in die Türkei oder nach Bulgarien. Ich fragte mich, warum die Eltern meiner deutschen Freunde immer bei mir über den autoput ins Schwärmen gerieten, nur um mir wenig später zu sagen, dass sie zwar über mein Land, aber selten in mein Land gefahren sind.

Die erste jugoslawische Autobahn diente den meisten Deutschen nur als Brücke nach Griechenland, die Türkei oder den sonstigen Balkan. Erst als Erwachsene habe ich herausgefunden, dass dieser autoput, von dem sie immer sprachen, mit der kleinen Serpentinenstraße, die in mein dalmatinisches Hinterland führte, nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte. Die Autobahn, die sie meinten, zog sich von Zagreb über Serbien tatsächlich bis nach Griechenland. Hätte mir damals einer erklärt, dass der autoput tief über das Inland verlief, hätte ich mich keinen Moment lang darüber gewundert, warum Jugoslawien nur das Brückenland war: Schön, das hatte man mir nämlich früh eingetrichtert, ist es nur am Meer. Vielleicht hätte ich die Eltern meiner Freunde einfach direkt fragen sollen, warum sie nie in Jugoslawien an der Küste Urlaub gemacht haben, sondern jedes Mal so tief runter ans Mittelmeer gefahren sind, aber sie haben die zwei t in autoput so seltsam ausgesprochen. Aus ihrem Mund, mit diesen deutschen Verschlusslauten in der Mitte und am Ende, klang autoput fast wie ein anderes Wort. Au-t-opu-t. Die haben keine Ahnung, dachte ich damals, sonst wüssten sie doch, wie man das richtig sagt. Autoput, das hieß, ganz gleich wie strahlend und wie oft nacheinander sie es aussprachen, nichts anderes als Autobahn. Stellen Sie sich vor, Sie erzählen jemandem von Deutschland, und dieser Jemand steht kurz darauf jubelnd vor ihnen und ruft zig Mal nacheinander strahlend »Autobahn!«. Ja, genau! Sie wüssten nicht, wohin mit sich. Und noch weniger wüssten Sie, wohin mit dem armen Mann oder der armen Frau. So ging es mir. Jahr um Jahr. Zumal »put« wörtlich übersetzt mehr Weg bedeutet als Bahn, was der damaligen Straßenqualität und der Zeit, der es bedurfte, auf ihr voranzukommen, wohl auch eher gerecht wurde.

Der autoput, das war eine lange, berüchtigte Straße in schlechtestem Zustand. Doch lange nicht so schlecht wie die kleinen Landstraßen bei uns im dalmatinischen Hinterland, wo ein Schlagloch das nächste jagte, eine Leitplanke nach der anderen aufgrund diverser Konfrontationen aus der Form geriet. Im Hinterland hatte man nichts vom autoput; schmale Asphaltserpentinen waren der einzige Weg, der ans Ziel führte. In der Dämmerung oder den frühen Morgenstunden war es, als würde man über eine wie von Geisterhand erbaute Straße fahren. Karstige Hügel. Vereinzelt Steinhäuser. Gebirgsketten. Die wahren Abenteurer, davon hatten die Au-t-opu-t-Eltern meiner Freunde keine Ahnung, fuhren immer schon durchs Hinterland, dachte ich. Autoput, das war im Grunde etwas für begradigte Schwächlinge. Und die richtig Lebensmüden? Die fuhren die Küste lang. Auf der Jadranska Magistrala. Von Triest bis Montenegro geht das – theoretisch. Schwindelerregend nah am Meer fährt man die asphaltierten Felsstraßen ab. Man muss sich das etwa so vorstellen, wie man es von den Bildern kennt, die nach dem Autounfall der monegassischen Fürstin Gracia Patricia alias Grace Kelly um die Welt gingen. Auf ihnen sah man die Küstenstraße, die Zypressen und das traumhafte Meer. Genauso schön ist es. Genauso lebensgefährlich. Und genauso gleichgültig gegenüber all jenen, die sich auf diesen Straßen auf den Weg nach Süden machen. Schmale Serpentinen wie im Hinterland schlängeln sich hier über tausend Meeresmeter die Küste entlang. Die Deutschen nennen sie Adria-Magistrale. Ich wollte immer schon lieber die Magistrale entlangfahren als durch das Hinterland. Wer nicht. Magistrale, das hatte etwas Majestätisches, so wie der Blick auf das türkisfarbene Meer. An manchen Stellen sah man in den Felshängen jahrzehntealte Autoleichen, die irgendwann, auf ihrem Weg nach Süden, aus der Kurve gestürzt sein mussten und nie entfernt worden waren. Da lagen sie, diese alten Karosserien wie aus Herbies Zeiten, und kein Mensch interessierte sich für sie. So also, dachte ich damals, konnte es kleinen Familien wie der meinen ergehen, wenn sie vom Norden in den Süden fuhren. Als kleine Familie sah ich uns deshalb, weil die großen Familien für uns meist in den vollgepackten türkischen VWs mit Berliner Kennzeichen saßen, bei denen wir uns ungläubig fragten, wie lange sie wohl schon auf den Straßen waren, das Gepäck bis obenhin gestopft, oft weit mehr als drei Kinder im Auto. Die Sachen, die in den Bus geladen waren, hätten für eine Zweizimmerwohnung gereicht. Zusammengepfercht saßen sie da, wurden von uns überholt und dabei schadenfroh ausgelacht. Mein Bruder und ich lehnten uns nach jedem Überholmanöver stolz zurück, beruhigt, dass es Familien gab, die weit uncooler waren als wir, bei denen das Reisetoilettenpapier sogar gut sichtbar hinter den Fensterscheiben lag und nicht unter dem Deckel des Kofferraums.

Früher, in diesen Zeiten, von denen die Eltern meiner deutschen Freunde schwärmen, da fing Kroatien spürbar an: Sobald ich über die Grenze war, sei es im Bus oder Auto, rumpelten mich die Schlaglöcher fast in den Schlaf. Meist fuhren wir in Deutschland so los, dass wir bei Dunkelheit die Grenze nach Kroatien passierten und bei Sonnenaufgang ankamen, um nicht in der Mittagshitze durch das Land zu fahren. Die Qualität der Straßen ließ mit jedem Meter Richtung Süden nach. Ungeduldig erwartete ich das Holpern, denn Straßenholpern, das war der Anfang vom Süden. Ich spürte, wie mein Kopf mit jedem Loch, mit jeder Unebenheit etwas schwerer wurde und ich im Polster der Rückbank versank. In diesen Schlaglöchern, so wirkte es, hielt sich die Müdigkeit versteckt und kroch mit jedem Aufprall zu uns herauf. Doch kurz bevor mir die Augen zufielen, blendete mich das Scheinwerferlicht eines ungeduldigen Irren, der meinte, gerade jetzt einen weit über dem Tempolimit fahrenden Lkw überholen zu müssen, dabei Kurven und Gegenverkehr seinem ausschlagenden Tachometer unterordnete und mit Vollgas auf unserer Seite der Fahrbahn fuhr. Diese Überholidioten vertrieben mir mit ihren Scheinwerfern den Schlaf, denn irgendeiner musste auf meinen Vater aufpassen, und schon früh war mir klar: Kleine Mädchen haben auf solchen Straßen als Schutzengel über den Fahrer und die nächtlichen Straßen zu wachen. Mein Vater war mit diesen Nachtkamikazen nicht gerade zimperlich, attestierte, nachdem der frontale Zusammenstoß erfolgreich vermieden worden war, den Irren ein amputiertes Hirn, gottlose Lebensmüdigkeit und Egoistenalkoholismus, meist in dieser Reihenfolge. Nur wenig später schien er unbeeindruckt weiterzufahren, während ich mich sichtlich beeindruckt aufsetzte, kerzengerade zwischen ihn und meine schlafende Mutter. So bestarrte ich die Straßen, als könnte ich für ihn vor-sehen, ihm die Sicht freimachen, damit er jeden Irren, der gleich hinter der Kurve oder einem Lkw hervorschießen würde, frühzeitig sah. Noch als Teenager, als ich längst nicht mehr mit meinen Eltern, sondern mit dem Reisebus nach Kroatien fuhr, blendete mich früher oder später einer dieser Irren in die Kerzengerade: Schutzengelstellung. Gedanken an Schlaf undenkbar. Engel schlafen nicht.

Wer heute nach Kroatien fährt, tut dies über eine nagelneue, garantiert schlaglochfreie Autobahn. Nirgends auch nur die geringste Unebenheit im Asphaltboden, nicht einmal bei genauestem Hinspüren. Schon früh nach der Unabhängigkeitserklärung wollte die Regierung das Land durch eine Autobahn einen. So fahren die einstigen Irren inzwischen anständig, fein durch Leitplanken im Zaum gehalten, auf der anderen Seite des autoput, im Vergleich zu früher fahren sie fast schon in einer anderen Erdumlaufbahn. Ich dachte immer, wenn es eines Tages aufhört, auf der Autostraße zu huckeln, würde es nicht mehr die Einfahrt nach Kroatien sein. Es huckelt längst nicht mehr. Die Autobahn, die echte, ist bei uns angekommen und erleichtert das Reisen ungemein. Die Strecke von Zagreb nach Split nennt sich A1. Im Volksmund Dalmatina. Der autoput heißt immer noch autoput mancherorts. In Kroatien eher autocesta. Doch ganz gleich, wie die Straßen heißen, ob sie die Stoßdämpfer einer Prüfung unterziehen oder eher das Gaspedal, noch immer, kurz nach dem Grenzübergang, fängt der wilde Schlag meines Herzens an. Ich könnte schlafen heute, die Irren fahren hinter der Leitplanke und tun einem nichts mehr, doch wieder schlafe ich nicht, weil ich zwar keine Irren, aber durchaus etwas Irres verpassen könnte: den Moment, in dem die Sonne aufgeht und das türkisblaue Meer in den ersten Morgensekunden zwischen den Bergrücken hervorblitzt … In die Kerzengerade. Nur den Schutzengel, den braucht es so nicht mehr.

 

Der Grenzübergang

Ich möchte Sie zu Beginn, bevor wir weiter ins Land fahren, vorsichtig warnen: Kroatien ist inzwischen nicht mehr nur das Italien de luxe. Es ist zunehmend auch die Türkei de luxe, Barcelona de luxe, Tunesien de luxe und so weiter. Reisebüros am Mittelmeer beschweren sich über die Verschiebung zugunsten des kleinen Landes an der Adria. Inzwischen kommen auf jeden Einwohner sechs Touristen. Und das spült nicht nur Geld in die Kassen, sondern fordert hier und da Geduld, kreative Lösungen und eine Grundtoleranz angesichts von Stränden, die bis in die letzte Ecke mit Handtüchern übersät sind. Manche Touristen legen abends schon ihr Badetuch ans Meer, beschweren es mit Steinen und hoffen, sich so ihren Platz an der Sonne für den nächsten Tag zu sichern. Die Kommunen sind ratlos.

Die Infrastruktur des Landes ist auf einen Bruchteil der Menschen zugeschnitten, die dieses kleine Land jeden Sommer zu beherbergen hat. Das heißt im Klartext: Die Notaufnahmen sind überlastet, die Strom- und Wasserversorgung ist nicht auf die Millionen Gäste eingestellt, und es wird zu Ausfällen kommen. Das alles werden Sie gleich bemerken, wenn Sie ins Land fahren: Der Grenzübergang hat nicht auf Sie gewartet. Zumindest hat er sich nicht auf Sie vorbereitet. Auch die Zahlstellen für die A1 sind nicht so hochgerüstet, dass Sie einfach durchrauschen könnten. Sieben Stunden Wartezeit bei 37 Grad Hitze? Sollten kein Problem sein für Kroatientouristen in der Hochsaison. Jeden Sommerferienanfang dieselben Bilder in den Abendnachrichten: Kolonnen von Touristen stehen bei brütender Sommerhitze stundenlang vor dem Grenzübergang oder den Zahlstellen der Autobahnen. Bitte glauben Sie mir, ich übertreibe nicht, und bereiten Sie sich auf Folgendes vor: Es wird niemand kommen, um Ihnen Wasser zu bringen. Es wird niemand kommen und Ihnen hübsche Fächer mit chinesischen Mustern aushändigen. Es wird höchstens ein Journalistenteam mit Kamera an Ihre Autotür klopfen und Sie fragen, wie es ist, ohne Trinkwasser sieben Stunden lang am Grenzübergang auszuharren. Und wenn das Fernsehteam sich nach Ihrem Wohlbefinden erkundigt, stellen Sie sicher, dass Sie es mit Humor nehmen, um sich in den Nachrichten nicht zu blamieren. Denn jedes Jahr sieht man empörte Touristen, die bei der Einreise völlig unvorbereitet auf die Hitze und Wartezeit schimpfen und diesem Land jegliches Recht absprechen, Teil der EU zu sein. Solche Einreisebedingungen seien eines EU-Landes im 21. Jahrhundert nicht würdig, heißt es dann gern. Die kroatischen Zuschauer (1:6 zwar, aber dennoch!) stimmen entweder mit ein oder werden selbst ungehalten: Ja, hat denn der Tourist im 21. Jahrhundert keine Kühltaschen, keinen Zugang zu Stauprognosen und Wettervorhersage, um sich auf das, was ihn erwartet, vorzubereiten – oder dem Ganzen eben auszuweichen? Erboste Väter, die ihre Wutausbrüche im kroatischen Fernsehen auslassen, sind in der Ferienzeit jedoch Normalität.

Ich möchte hier meinen Leserinnen und Lesern gleich zum Auftakt einen Vorteil verschaffen: Wenn Sie zu dieser Gebrauchsanweisung greifen, müssen Sie sich nicht schon am ersten Einreisetag blamieren. Sie gehen dem gelassen entgegen, planen es ein, bringen ihren Kindern bei, bei Stau den anderen Autos strahlend zuzuwinken. Vielleicht holen Sie sich vorab einen Pass für die Video-Maut, um zumindest an den Zahlstellen schneller zu sein als die anderen. Nehmen Sie ausreichend Wasser und Essen mit für ihre Kinder, und wenn Sie ein Baby an Bord haben, fahren Sie so von zu Hause los, dass Sie nicht zur Mittagshitze an den Grenzübergängen stehen. Wenn Sie tief in den Süden des Landes reisen, ziehen Sie in Betracht, eine Übernachtung in Zagreb einzulegen. Auch Zagreb lohnt sich – und selbst langes Warten dehnt die Reise nicht in die Ewigkeit. Wobei sich aus dem Ärger der Touristen auch immer unterhaltsame Szenen ergeben: Letzten Sommer ging das Video eines einreisenden Vaters viral, der aufgebracht über das fehlende Organisationstalent seines Gastlandes schimpfte. Am Ende des Kurzinterviews sah er hilflos auf sein Baby auf dem Rücksitz und schimpfte in die Kamera: »Kind kaputt!«. Das Interview wurde zum Lacher.

Als Leser dieser Gebrauchsanweisung können Sie ja auf der Seite der Lachenden statt der Verlachten stehen. Daher denken Sie daran: Sie sind inzwischen einer von sehr vielen, die in dieses Land reisen. Kroatien ist kein Geheimtipp mehr, und je früher Sie sich demütig ihre wartenden Leidensgenossen zu Verbündeten machen, desto schöner wird Ihre Zeit in Kroatien werden. Als ich klein war, hatten viele noch Kartenspiele dabei oder Federballschläger im Kofferraum, oder andere Ablenkungen, mit denen man sich die Beine vertreten und Aggressionen abbauen kann. Für manche beginnt der Urlaub in dem Moment, in dem sie sich auf den Weg machen, für andere erst dann, wenn sie angekommen sind. Erstere haben mit Sicherheit mehr Spaß an der Einreise.

Jagoda Marinić

Über Jagoda Marinić

Biografie

Jagoda Marinić, 1977 in Waiblingen geboren, stammt aus Dalmatien, dem südlichsten Zipfel Kroatiens. Nach dem Studium lebte sie in Zagreb und Split.

Sie ist Autorin u.a. von »Eigentlich ein Heiratsantrag« und »Die Namenlose« und erhielt zahlreiche Preise, darunter den Grimmelshausen-Förderpreis und...

Inhaltsangabe

Statt eines ersten Händedrucks
Über autoput und Autobahn
Der Grenzübergang
Streitdorf und Sommerland
Orient und Okzident
Im Land der Regionen
Die Familienmast
Körperkult
Wo geht’s jetzt lang ?
Zagreb. Immer ein Stockwerk kleiner als Wien
Oberzagreb und Unterzagreb
Das Museum der gebrochenen Herzen
Die letzten Überlebenden der Wiener Boheme
Die Beer Kings
Der Lebensbrunnen
Die Hauptstadt der Krawatten oder: Wer hat’s erfunden ?
Harmlose Großmütterchen mit Zahnlückenlächeln oder Baba Jaga ?
Istrien – die Toskana, wie sie früher war
Wer isst heute noch italienisch?
Brijuni – oder Titostalgija
Die Poren von Tilda Swinton
Motovun – der Zauberberg
Poreč und Rovinj
Grožnjan – wo die Musik spielt

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