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Eine Prise SterneEine Prise SterneEine Prise Sterne

Eine Prise Sterne

Roman

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Eine Prise Sterne — Inhalt

Hinauf zu den Sternen – davon träumte der Astronom Marc Heller schon seit der Kindheit. Nun, da ihm die Leitung des Paranal-Observatoriums in Chile zugesagt wird, kommt er seinem Traum ein Stück näher. Ausgelassen feiert er mit Freunden in Köln und trifft dort zufällig Anne, seine große Jugendliebe, wieder. Aber ihr ist nicht nach Feiern zumute, wurde sie doch gerade sitzen gelassen. Dabei ist es ihr größter Wunsch, eine Liebe zu finden, die bleibt – für immer. Und weil er Anne glücklich wissen will, fasst Marc einen Plan. Erstens: Den perfekten Mann für sie finden. Zweitens: Es wie Schicksal aussehen zu lassen, denn daran glaubt die junge Sommelière. Drittens: Anne soll nie erfahren, dass er dahintersteckt. Mit naturwissenschaftlichem Eifer macht sich Marc ans Werk, vergisst dabei aber, dass die Liebe unberechenbar ist. Und dass manches vielleicht doch vorherbestimmt ist ...

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 02.10.2017
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-429-5
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.10.2018
336 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31402-2
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 02.10.2017
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97815-6

Leseprobe zu »Eine Prise Sterne«

Prolog
Licht ist in fünf Minuten aus!«
»Ja, klar, Mama.«
»Nicht ja, klar, Mama! Ich mein’s ernst, Großer.«
»Ja, kla–« Marc grinste. »Ich mach’s aus. Versprochen.«
»Du schreibst morgen direkt in den ersten beiden Stunden eine Mathearbeit.«
»Weiß ich doch.«
»Und Schlaf ist so wichtig.«
»Ja, Mama.«
»Morgen kommst du wieder nicht aus dem Bett!«
»Wenn du noch länger in der Tür stehst, ganz bestimmt nicht.«
Marcs Mutter straffte den Körper. »Jetzt mal nicht frech werden.«
»Nein, Mama. Ich will nur schlafen, bin ganz müde.« Er rieb sich die Augen. Hoffentlich war das [...]

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Prolog
Licht ist in fünf Minuten aus!«
»Ja, klar, Mama.«
»Nicht ja, klar, Mama! Ich mein’s ernst, Großer.«
»Ja, kla–« Marc grinste. »Ich mach’s aus. Versprochen.«
»Du schreibst morgen direkt in den ersten beiden Stunden eine Mathearbeit.«
»Weiß ich doch.«
»Und Schlaf ist so wichtig.«
»Ja, Mama.«
»Morgen kommst du wieder nicht aus dem Bett!«
»Wenn du noch länger in der Tür stehst, ganz bestimmt nicht.«
Marcs Mutter straffte den Körper. »Jetzt mal nicht frech werden.«
»Nein, Mama. Ich will nur schlafen, bin ganz müde.« Er rieb sich die Augen. Hoffentlich war das nicht zu dick aufgetragen.
»Ich guck gleich noch mal rein!«
»Dann schlaf ich sicher schon.« Er gähnte. Was musste er noch tun, damit sie ihm glaubte?
»Du bist so ein Schauspieler …«
»Gute Nacht, Mama. Hab dich lieb!«
»Ich dich auch. Aber manchmal könnte ich dich …« Sie ballte die Hände spielerisch zu Fäusten, dann setzte sie sich zu Marc auf die Bettkante und küsste ihn auf die Stirn. Marc kuschelte sich in seine Decke und schloss die Augen. Mit einem langen Seufzer verließ seine Mutter das Zimmer.
Die nächsten Minuten würden quälend lang werden.
Sie schaute immer noch einmal rein, gut zehn Minuten später, nachdem sie alle Türen und Fenster im Haus geschlossen hatte. Ganz leise prüfte sie dann, ob er schlief – und dachte, er merke es nicht. Marc wandte das Gesicht für diesen Moment immer zur Tür, sodass sie es direkt beim Hereinkommen sehen musste, ließ den Mund etwas offen stehen und atmete extra tief und langsam. Diesmal war er so aufgeregt, dass er das Warten kaum aushielt. Sie ließ sich heute wahnsinnig viel Zeit!
Dann endlich das verräterische Knirschen der Scharniere seiner Zimmertür. Jetzt guckte sie bestimmt. Wartete einige Sekunden und lächelte dann zufrieden. Schließlich erklang das Geräusch der sich schließenden Tür.
Noch fünf Atemzüge warten.
Auf Nummer sicher gehen!
Eins, zwei, drei … Marc öffnete die Augen. Dunkelheit. Stille. Langsam ließ er die Beine unter der Bettdecke hervor und aus dem Bett gleiten, setzte die Füße so vorsichtig auf den Flokati, als bestünde dieser aus Glasscherben. Vier Schritte bis zum Fenster. Den Rollladen zog er leise empor.
Es war dunkel genug. Und der Himmel klar. Kein Mond zu sehen, dafür Hunderte Sterne. Sein Teleskop stand ausgerichtet bereit. Jede Nacht, wenn die Wolken über Köln ihn ließen, sah er hinauf in den Himmel, immer in einen anderen Teil. Marc hatte ein Raster ausgeklügelt, um in einem Jahr möglichst viele Sterne zu Gesicht zu bekommen.
Ein Geräusch im Flur.
Marc sprang zurück ins Bett.
Doch wenn seine Mutter nochmals hereinschaute, würde das auch nichts nützen, denn der hochgezogene Rollladen war unübersehbar.
Marcs Herz pochte so laut, dass es jeder im Haus hören musste. Er würde verdammt viel Ärger bekommen.
Die Schritte seiner Mutter näherten sich zielstrebig der Zimmertür. Plötzlich rief sein Vater aus dem Wohnzimmer: »Komm schnell, du verpasst sonst deinen geliebten Professor Brinkmann!«
Die Schritte seiner Mutter entfernten sich.
Marc atmete aus.
Die Schwarzwaldklinik hatte ihn gerettet.
Diesmal stand er schnell auf, denn er wusste, dass er nur bis zum Ende der Folge Zeit hatte. Doch bevor er durch den Sucher des Teleskops blickte, schaute er hinüber zum Nachbarhaus, wo Anne Päffgen in der ersten Etage ihr Zimmer hatte. Durch die Ritzen ihres Rollladens schien Licht hindurch, und Marc konnte die Silhouette von Annes Mutter erkennen, die ihr auf dem Schreibtischstuhl sitzend etwas vorlas. Zurzeit Anne auf Green Gables, wegen des Vornamens. Das hatte Anne ihm heute auf dem Schulweg erzählt. Sie erzählte immer viel und gern, und er hörte ihr genauso gern zu und lächelte. Weil er verliebt war, was er Anne aber nie sagen würde. Sonst fände sie ihn total peinlich. Aber wenn sie älter wären, dann würde er sie heiraten, so viel war sicher.
Im Garten der Päffgens stand ihre Schaukel, die jetzt im Licht der Nacht glänzte, als wäre sie silbern, dabei war sie eigentlich rot. Auf der schaukelte Anne so hoch, als wollte sie abheben und in den Himmel fliegen. Die einbetonierten Metallstangen wackelten dann immer ganz doll. Manchmal beobachtete er Anne dabei, dann winkte sie ihm zu, auf dem Scheitelpunkt der Bewegung, im kurzen Moment der Schwerelosigkeit. Das war der glücklichste Sekundenbruchteil für ihn. Marc fand die Schwerkraft richtig doof, weil sie Anne daran hinderte weiterzuwinken. Wenn er könnte, würde er die abstellen, wie im Weltraum, da gab es schließlich auch keine.
In Annes Zimmer ging das Licht aus. Marc wünschte ihr im Stillen Gute Nacht und sah dann durch den Sucher seines Spiegelteleskops. Eine Million Sterne waren damit sichtbar! Sagenhafte dreihundertfünfzigfache Vergrößerung! Und mit der Barlow-Linse konnte er die Auflösung sogar verdoppeln. Es war ein Traum. Das beste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten auf der ganzen Welt für immer und ewig.
Es dauerte etwas, bis Marc den ersten Ausschnitt scharf gestellt hatte. Er verglich ihn mit der unter seiner Schreibtischauflage versteckten Sternenkarte.
Heute suchte Marc am Dämmerungshimmel bis zu neunzig Grad Sonnenabstand, genau wie der berühmte neuseeländische Hobbyastronom William Ashley Bradfield, den man » Zauberer von Dernancourt « nannte, weil er so viele Kometen entdeckt hatte.
Marc kniff die Augen zusammen.
Vielleicht würde er ja heute auch …
Gleich noch mal.
Das konnte nicht sein!
Er kontrollierte die Linse. Sie war makellos sauber.
Wieder sah er durch das Teleskop.
Der helle Fleck rechts oben durfte sich nicht im Sternbild Wasserschlange befinden.
Wenn er sich bewegte, viel schneller als die Sterne, dann …
Marc hielt den Atem an.
Hatte er sich bewegt? Ja, hatte er!
Oder war das Einbildung?
Vielleicht hatte er vor Aufregung das Teleskop angerempelt?
Marc drehte mit zitternden Fingern die Barlow-Linse auf.
Dann sah er wieder hindurch.
War das ein Schweif? Das war ein Schweif, oder? Das konnte nur ein Schweif sein!
Marcs Herz raste, während er darauf wartete, eine deutliche Bewegung wahrzunehmen, wobei er diesmal tunlichst darauf achtete, das Teleskop nicht zu berühren.
Der Punkt hatte sich bewegt.
Und das hinter ihm konnte nur ein Schweif sein.
»Mama! Papa!«, brüllte Marc und sprang auf, die Hände gereckt. »Ihr müsst sofort herkommen! Es ist was passiert! Kommt schnell!«
Er hörte, wie seine Eltern zu ihm liefen. »Was ist los?« und »Ist was passiert?«, aber Marc hatte keine Zeit zu antworten, er blickte schon wieder durch das Teleskop. Da war der Komet, eine echte Schönheit. Er musste ihn gleich morgen früh bei der International Astronomical Union melden, die Formulare dafür hatte er schon besorgt. Seine Eltern hatten es belächelt, ihm aber dennoch dabei geholfen. Das Porto war ganz schön teuer gewesen. Fast ein ganzer Monat Taschengeld war dafür draufgegangen. Jeder Pfennig davon hatte sich gelohnt.
Er würde dem Kometen einen Namen geben dürfen.
Längst wusste er, welcher das sein würde. Da gab es überhaupt keine Frage.
Er würde ihn nach dem Mädchen hinter dem Rollladen benennen.
Er würde diesen Himmelskörper Anne Päffgen taufen.


Löwe (24. Juli – 23. August)
Schwieriger Start. Sie geraten bereits morgens ins Grübeln. Richtig effektiv sind Sie heute nicht. Nach dem Mittag bis zum Abend kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen. Am Abend wollen Sie sich nicht mit dem abfinden, was notwendig ist. So werden Sie unzufrieden. Überlegen Sie sich Änderungsmöglichkeiten. Gehen Sie heute mal früh ins Bett. Ob allein oder zu zweit, ist Ihnen überlassen.


Kapitel 1
In dieser Nacht würden so viele Sternschnuppen über Köln fallen wie noch nie. Als sollten die Wünsche aller Stadtbewohner gleichzeitig erfüllt werden. Der Himmel über dem Rhein würde voller Lichter sein und Köln überraschende Bekanntschaft mit der Milchstraße machen. Doch bis all dies geschehen würde, sollte es noch siebenunddreißig Minuten dauern.
Marc ahnte nichts davon. Er saß schlecht gelaunt in der elften Etage des Hotels im Wasserturm und drehte kleine Kügelchen aus dem Papier seines Vortrags, um mit ihnen historische Sternbilder zu bilden. Sie zählten nicht zu den achtundachtzig von der International Astronomical Union akzeptierten, sondern waren längst verworfen worden. Marc mochte sie trotzdem, vor allem wegen ihrer Namen. Direkt vor ihm erstrahlte der »Heißluftballon«, daneben die »Buchdruckerwerkstatt« und fast am Rand des Tisches die »Katze«. Um sie herum legte er Kometenschauer.
Dies war der Abend, von dem seine Zukunft abhing, doch er wäre überall lieber gewesen als hier.
Marc blickte zu Henny, seiner Kollegin vom Radioteleskop Effelsberg, die ihn netterweise begleitet hatte. »Warum muss das hier unbedingt in der Nacht der Perseiden stattfinden? Das ist doch unglaublich!« Man nannte den Meteorstrom auch die Tränen des Laurentius. Er gehörte zu den eindrucksvollsten Schnuppenschwärmen. Doch er würde keine einzige Sternschnuppe zu sehen bekommen. »Mein nächster Bewerbungsvortrag findet dann am besten während einer totalen Sonnenfinsternis statt. Oder noch besser am Tag des Weltuntergangs!«
»Ich weiß jetzt langsam, dass es dich nervt. Du erwähnst es nämlich ungefähr alle fünf Sekunden.« Henny blickte in den Saal und lächelte ihr schönstes Lächeln. Das passte gut zu ihrem schönsten Kleid und ihren schönsten, viel zu engen, hochhackigen Schuhen. Eigentlich hieß sie Dr. Henriette Range und hätte auch viel lieber die Perseiden beobachtet. »Lächele endlich glücklich. Sonst denken die Chilenen noch, du willst lieber in der Eifel bleiben. Verbock das nicht! Ist schließlich die Chance deines Lebens.«
Marc lächelte. Es sah aus, als wäre ihm jemand auf den Fuß getreten. Dabei würde er, Dr. Marc Heller, der schlaksige Buddy-Holly-Brillenträger aus Köln-Lindenthal, der Mann, der es für seine größte Errungenschaft hielt, den Todesstern aus Lego in viereinhalb Stunden ohne Anleitung zusammengebaut zu haben, vielleicht schon mit zweiunddreißig Jahren den Zenit in der Welt der Astronomie erreichen. Indem er Leiter des ALMA wurde, des Atacama Large Millimeter/submillimeter Array, und damit des größten und teuersten Radioteleskops der Welt, in den chilenischen Anden auf dem Chajnantor-Plateau errichtet. Es empfing Millimeterwellen und sogar Submillimeterwellen. Auf fünftausend Metern Höhe war Luftverschmutzung ein Fremdwort, und man war dem Himmel ganz nah. Die Sterne glitzerten, als könnte man sie sich mit der bloßen Hand vom schwarzen Samt der Nacht greifen.
Gerade lobte der Vorstandsvorsitzende des ALMA, Dr. Juan Antonio Pizzi, seine herausragende Bewerbung. Ende sechzig und von kleinem Wuchs, machte Pizzi mit grellen Farben wett, was ihm an Größe fehlte. Er liebte knallbunte Krawatten und farblich darauf abgestimmte Schuhe. Heute war Rot angesagt. Pizzi galt als Enfant terrible der astronomischen Gemeinschaft, aber ebenfalls als brillanter Geist.
»Als wir einen Mann seines Alters in die Endrunde der Bewerber beriefen, waren fast alle Fachleute …«, er legte eine dramatische Pause ein, in der er die rechte seiner buschigen Augenbrauen langsam nach oben zog, »… kein bisschen überrascht!«
Pizzi erntete wie erhofft Lacher.
Nur von Marc nicht, der aus den Fenstern hinaus in die Nacht über Köln blickte. Er hasste es, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Man wurde nicht Astronom, weil man die Einsamkeit verachtete und stattdessen lieber vor vielen Menschen sprach. Marc würde es vor Henny nie zugeben, aber er hatte unfassbare Angst, die sich gerade in seinem Inneren verteilte wie dunkle Tinte in einem Wasserglas.
»Wenige Menschen sind so sehr den Sternen verbunden wie er. Marc Heller verbindet ein Herz für die Sterne mit dem Intellekt für ihre Erforschung. Als stellarer Archäologe steht er an vorderster Front der Erforschung unserer ältesten Gestirne. Kaum jemand blickt weiter in der Zeit zurück als er, fast bis zum Urknall. Es war sein untrüglicher Instinkt, der zu einer spektakulären Entdeckung führte, die eigentlich gar nicht in sein Forschungsgebiet fällt: eines neunten Planeten im Sonnensystem, der etwa zehnmal so massereich wie die Erde ist. Dieser äußerste, echte Planet braucht für den Umlauf um die Sonne zehn- bis zwanzigtausend Jahre – sein Vortrag wird sicher kürzer dauern, aber viel unterhaltsamer sein. Meine Damen und Herren, begrüßen Sie bitte mit mir den Mann, der möglicherweise in einem Jahr das ALMA übernehmen wird: Marc Heller!«
Henny stupste den neben ihr in seinen Papierkugel-Konstellationen versunkenen Marc mit dem Ellbogen an. »Dein großer Auftritt. Und für jedes Mal wenn du rausguckst, esse ich dir einen von den Snickers aus deinem Geheimvorrat in Effelsberg weg.«
»Woher weißt du von dem …?«
»Später! Jetzt rock den Saal!«
Marc schaute nochmals durch die dunkle Fensterfront. Ein Wunder, nur ein winzig kleines, mehr verlangte er gar nicht vom Leben. Zum Beispiel, dass ein Meteor in Köln einschlug, das Stromnetz zerstörte und so den Blick auf den Nachthimmel freigab. War das etwa zu viel verlangt? Marc wartete kurz, stand dann enttäuscht auf, als nichts durch das Dach krachte.
»Ein Snickers ist schon gegessen«, sagte Henny.
Marc trat ans Mikrofon des Rednerpults. Stellte es quietschend auf seine Höhe ein. Dann wieder herunter. Abermals hoch. Er zupfte an seinem Hemdkragen. Das Sakko schien falsch zu hängen. Er zog es gerade. An allen Seiten.
»Fang an!«, zischte Henny.
Marc nickte. »Eine der wichtigsten Folgen der britischen Science-Fiction-Serie Doctor Who heißt Der zehnte Planet. Bei Nummer neun sind wir jetzt schon.«
Wenn das kein super Einstieg war.
Henny schlug sich vor die Stirn, und Marc wusste, warum. Sie hatte ihm gestern eine Liste zugemailt mit Dingen, die er auf keinen Fall erwähnen sollte: Doctor Who, Star Wars, Star Trek, Firefly, Plan 9 aus dem Weltall sowie, und das dreimal dick unterstrichen, die Perseiden.
»Ob in Star Wars oder Star Trek, das Auftauchen eines neuen Planeten wäre in jedem Universum eine Sensation. Mancher hält es vielleicht für so unglaubwürdig wie den berühmten Plan 9 aus dem Weltall …«, Marc hörte das wiederholte Klatschen von Hennys Hand gegen ihre Stirn, »… aber oft ist das Unglaubwürdige nur das, was wir noch nicht kennen. Was werden die Menschen wohl gedacht haben, als sie erstmals die Perseiden sahen, die auch in dieser Nacht wieder die Erde passieren?«
Hennys Kopf knallte auf den Tisch.
Ohne auch nur einmal in den Saal zu sehen, las Marc weiter sein Manuskript vor und blätterte dann zur nächsten Seite.
Doch die existierte nicht.
Oder nur noch in Form von Papiersternen an seinem Platz.
Auf Seite zwei hatte er alle Zahlen zu seiner Forschung zusammengetragen. Marc starrte einige Sekunden vor sich auf das Pult, dann blickte er auf und versuchte, ein Lächeln zustande zu bringen. Teile seines Gesichtes weigerten sich jedoch mitzumachen. Er verbockte tatsächlich gerade die Chance seines Lebens.
Ein Murmeln war aus dem Saal zu hören, das mit jeder Sekunde anschwoll, wie ein sich näherndes Gewitter. Pizzi blickte demonstrativ auf seine rote Armbanduhr. Marc spürte die Blicke auf sich haften, als wären es Blutegel, die weitere Kraft aus ihm saugten.
Er prüfte noch einmal das Manuskript, aber die Seite blieb verschwunden. Dann suchte er auf dem Boden, obwohl ihm natürlich klar war, dass die Seite in kleinen Kügelchen auf dem Tisch lag. Zusammenkleben ausgeschlossen.
Tief Luft holend blickte er auf. Als Astronom wusste er: Wenn ein Stern erlosch, konnte man absolut nichts machen. Es dauerte nur immer etwas, bis alle es mitbekamen.
Der Zeitpunkt im Saal war genau jetzt.
Er würde also in der Eifel bleiben. Das Radioteleskop Effelsberg gehörte zu einem Ortsteil Bad Münstereifels mit hundertneunundsechzig Einwohnern. Nachts war das beruhigende Summen des sich ausrichtenden Hundert-Meter-Parabolspiegels das einzige Geräusch. Hase und Igel sagten sich hier nicht gute Nacht, denn selbst ihnen war es schlicht zu einsam. Er würde für immer dort bleiben. Diese Schmach würde sich in der astronomischen Szene herumsprechen, und keine Universität blamierte sich gerne mit einem ihrer hochrangigen Wissenschaftler.
Das Murmeln war nun durchsetzt mit mürrischen Worten.
Marc wollte etwas Entschuldigendes sagen, doch er bekam den Mund nicht auf. Sie starrten ihn nun alle fassungslos an.
Er würde einfach gehen.
Aus dem Saal. Aus dem Hotel. Aus Köln. Einfach gehen. Nicht zurückschauen.
Seine Hände ließen die einzige noch existierende Seite des Manuskripts los.
Er wollte gerade gehen, als die Lichter ausgingen.
In der elften Etage.
Im ganzen Hotel im Wasserturm.
In der Kölner Altstadt.
Dann zog die Dunkelheit immer weitere Kreise. Die Stadtteile Bayenthal, Raderberg und Sülz verloren ihr Licht. Nicht nur die Häuser, auch sämtliche Werbeanzeigen, die Straßenlaternen, alle Ampeln, nur das Fahrtlicht der Autos war noch zu sehen, die sich nun langsam und vorsichtig über den Asphalt bewegten.
Marc spürte, dass sich die Blicke von ihm gelöst hatten, und die Verspannung in seinem Körper, der Druck auf seiner Lunge schwand. Es gab auch kein Murmeln mehr, sondern aufgeregte Stimmen.
Dann fiel die erste Sternschnuppe über Köln.

Carsten Sebastian Henn

Über Carsten Sebastian Henn

Biografie

Carsten Sebastian Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker. Er ist Chefredakteur des Gault & Millau WeinGuides sowie Redaktionsleiter Deutschland des Weinmagazins Vinum. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit alten...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Dienstag, 30. Oktober 2018 in Bergisch Gladbach
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Café Credo,
Kirchplatz 20
51427 Bergisch Gladbach
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Pressestimmen

literaturmarkt.info

»›Eine Prise Sterne‹ macht einen so (freude)trunken wie mehrere Gläser Champagner auf ex. Diese originelle Liebeskomödie erfreut nicht nur Frauen über alle Maßen.«

familie.de

»Großes Lesevergnügen!«

Kommentare zum Buch

Eine Mischung aus "Das Rosie-Projekt" und "Der Algorithmus der Liebe" - allerdings weniger humor- und gefühlvoll
Lena am 03.11.2017

Der passionierte Astronom Marc Heller trifft zufällig in Köln auf seine Freundin Anne Päffgen aus seiner Jugend wieder, für die er geschwärmt und nach der er sogar einen Kometen benannt hatte. Die Sommeliere im Sternerestaurant "Champagne Supernova" ist todunglücklich, wurde sie doch ausgerechnet an ihrem Kennenlerntag von ihrem Freund Dirk betrogen.   Marc möchte Anne wieder lächeln sehen und beschließt, ihr mit Hilfe der Sterne und seiner naturwissenschaftlichen Analyse den perfekten fürs Leben zu suchen. Durch einen Fragebogen, den er nach mehreren Pleiten schrittweise optimiert, versucht Marc rein aufgrund von Logik, Gesetzmäßigkeiten und deren Schlussfolgerungen den für Anne optimalen Partner zu finden.   Marc ist ein Nerd, der sich leidenschaftlich seiner Berufung, der Astronomie, widmet und sich deshalb auch erfolgreich für die Leitung des Paranal-Observatoriums in Chile empfohlen hat, der aber im Umgang mit Menschen sehr unbeholfen ist. Da Marc wenig empathisch und sozial inkompetent ist, Anne aber nichts von seinen Anstrengungen erfahren soll, sorgt er für die ein oder andere witzige Situation, wenn Anne "rein zufällig" auf den für sie ausgesuchten und vermeintlich perfekten Partner trifft.   Ich empfand den Roman insgesamt zu gewollt komisch, einzelne Begegnungen mehr albern als amüsant. Auch Annes Hobby als begeisterte Taubenfütterin oder Marcs Umgang mit dem Hummer, den er zu einem Haustier umfunktionierte, waren in dem Ausmaß nur bedingt komisch und zogen die Handlung ins Lächerliche. Darüber hinaus war mir die Beschreibung von Annes Arbeit als Sommelière mit dem Hintergrund wissen zu Champagner zu sehr in den Vordergrund gerückt., so dass diese Details den Roman unnötig in die Länge zogen und mich persönlich langweilten. Hierbei wurde sehr deutlich, dass der Autor Restaurantkritiker und als Winzer tätig ist und ich hatte den Eindruck, dass er einen Teil seines Fachwissens zum Thema Champagner zum Besten geben wollte.   "Eine Prise Sterne" bietet eine leichte Unterhaltung, traf aber nicht ganz meinen Humor und ist kein Roman, der mir länger im Gedächtnis bleiben wird. Das mag auch daran liegen, dass der Roman wenig Neues bot. So fühlte ich ich während des Lesens einerseits an "Das Rose-Projekt", nur weniger komisch, und andererseits an "Der Algorithmus der Liebe", nur mit weniger Gefühl, erinnert.   Als Wahl-Kölnerin fand ich dagegen interessant, dass der Schauplatz des Romans in der Domstadt ist und man durch die detaillierten Ortsbeschreibungen mitten im Geschehen ist. Diese Details hätte ich mir auch in Bezug auf eine tiefgründigere Charakterisierung der Protagonisten gewünscht. So blieb sowohl Marc als auch Anne sehr eindimensional. 

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