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Gran ReservaGran Reserva

Gran Reserva

Ein Wein-Krimi

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Gran Reserva — Inhalt

Max hat genug von seinem Job als Modefotograf und reist nach La Rioja, in die Heimat seiner geliebten Rotweine. Im Weingut Faustino zeigt ihm die charmante Cristina den Betrieb, doch im Weinkeller stoßen die beiden auf eine Leiche. Max will die Polizei rufen, doch Cristina hält ihn davon ab: Der spanische Monarch wird zu einem Besuch erwartet, da können sie keinen Skandal gebrauchen. Max lässt sich überreden, die Leiche verschwinden zu lassen. Doch dann gibt es einen zweiten Toten …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 11.08.2014
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30495-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.11.2012
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95888-2

Leseprobe zu »Gran Reserva«

Kapitel 1


1973 – Ein gutes Jahr, das eine ganze Anzahl charaktervoller Weine hervorbrachte. Zehn Prozent der Weine wurden Gran Reservas und trinken sich heute noch sehr angenehm.


Max hatte von Menschen gehört, die im Flieger das Gespräch mit ihren Sitznachbarn suchen. Er gehörte nicht dazu und hatte auch noch nie einen solchen kennengelernt. Zum Glück. Vielleicht weil man ihm ansah, dass er in Ruhe gelassen werden wollte. Er setzte sich nie an den Gang, immer ans Fenster, die Faszination der bergigen Wolkenlandschaft hatte für ihn nie nachgelassen. Im [...]

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Kapitel 1


1973 – Ein gutes Jahr, das eine ganze Anzahl charaktervoller Weine hervorbrachte. Zehn Prozent der Weine wurden Gran Reservas und trinken sich heute noch sehr angenehm.


Max hatte von Menschen gehört, die im Flieger das Gespräch mit ihren Sitznachbarn suchen. Er gehörte nicht dazu und hatte auch noch nie einen solchen kennengelernt. Zum Glück. Vielleicht weil man ihm ansah, dass er in Ruhe gelassen werden wollte. Er setzte sich nie an den Gang, immer ans Fenster, die Faszination der bergigen Wolkenlandschaft hatte für ihn nie nachgelassen. Im Regen zu starten und über der Wolkendecke die Sonne an einem kristallblauen Himmel zu sehen, erschien ihm immer wieder wie ein Wunder. Und so war es auch heute. Der Mann neben ihm las den »Spiegel«, welcher mit dem spanischen König aufmachte, der in Russland gerade irgendein Wildtier erlegt hatte – einen Elch, einen Wolf oder einen Bär. Allerhand Tierschützer gingen dagegen auf die Barrikaden. Kein Wunder, war der König doch Ehrenpräsident des WWF. Das war, als würde man den Vorsitzenden von Amnesty International bei Fesselspielchen mit einer unfreiwilligen Sklavin erwischen. Die Dame am Gang, sicher sechzig, in einem schwarzen Dior-Kleid, die Haut glatt wie ein Kinderpopo, den Hals mittels eines Schals verdeckt, las die »Vogue«. Auf dem Titelbild Catherine Deneuve und ihre Tochter Chiara Mastroianni. Es war ein nettes Shooting gewesen, die zeitlose Schönheit, Eleganz und Würde, und der unwiderstehliche und scheinbar ebenso zeitlose Sex-Appeal Catherines, gegenüber der Energie und dem aufreizenden Witz ihrer Tochter. Sie hatten viel gelacht, Max hatte alles wie ein ungezwungenes Spiel erscheinen lassen, dabei war von vornherein klar, dass ein Coverbild herauskommen musste. Schließlich hatte er sie in ihren Lieblingskleidern in der Küche von Catherines Pariser Wohnung abgelichtet, Mehl in der Luft, vor den beiden ein dampfender Kuchen, Lachen.
Im Innenteil waren noch weitere Fotos von Max abgedruckt.
Sie zeigten Esther.
Er hatte es geschafft, sie hineinzubringen.
Weil sie schöner war als Catherine und ihre Tochter zusammen.
Und nun stand sie vermutlich in seiner leeren Wohnung und suchte nach ihm.
»Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein«, hieß es in Reinhard Meys Klassiker. »Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen, und dann wird, was einem groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.« Max hörte Reinhard Mey nicht. Doch wenn er flog, liefen diese Zeilen in seinem Kopf in Dauerschleife und ließen ihn sich fragen, welche Sorgen er gerne für immer verborgen sehen würde.
Diesmal war die Antwort leicht.
Die Wolkendecke sollte sich über sein ganzes Leben legen.
Und in Spanien, da wäre der Himmel ein anderer.
Bereits zum zweiten Mal fragte die Stewardess ihn, was er trinken wolle. Er kämpfte gegen den Drang, »Tomatensaft« zu antworten. Auf dem Boden trank er dieses Zeug niemals, warum hatte er also im Himmel plötzlich Lust darauf? Und warum ging es anderen genauso? Er schmeckte hier oben doch genauso wenig wie unten, und er schützte auch nicht vor Flugkrankheit. Tomaten waren dazu da, im Salat zu landen, in einer Soße oder auf einer Pizza. Aber doch nicht gepresst wie Äpfel oder Orangen. Wie hatte die Tomatensaftindustrie das nur geschafft? Vermutlich verkaufte sie neunundneunzig Prozent ihrer Produktion an Fluggesellschaften.
»Was darf ich Ihnen bringen?« Zum dritten Mal.
»Tomatensaft.«

Der Flughafen Bilbao lag versteckt zwischen grünen Hügeln, ein ganzes Stück von der Küste, der Ría de Bilbao entfernt. Das vom berühmten spanischen Architekten Santiago Calatrava entworfene Gebäude wirkte wie die Enklave eines verschollenen Elben-Volkes, seine eleganten Formen wie ein auf den Boden gesunkenes Segel, das kein Wind mehr aufblähte.
Max entschied sich für einen schwarzen Jeep als Mietwagen, obwohl er nicht vorhatte, querfeldein zu fahren, und diese Spritfresser aus ökologischem Blickwinkel rigoros ablehnte. Aber er wollte ein Nutzfahrzeug ohne Schnickschnack – und musste feststellen, dass Jeeps heute auch nicht mehr das sind, was sie mal waren. Sogar seinen MP3-Player konnte er anschließen, und so sang Mike Scott von den Waterboys »Sweet Dancer«, während die Landschaft immer karger, rauer und unbesiedelter wurde. Nicht zum ersten Mal fühlte er sich wie in einem Western, und Winnetou grüßend auf einer Hügelkette zu erspähen, hätte ihn in diesem Moment weniger verwundert als das McDonaldʼs-Werbeschild an der Autobahnausfahrt. Manchem mochte dieser Teil Spaniens schroff und unwirtlich erscheinen, doch Max faszinierte diese karge Schönheit. Er genoss den weiten Blick in die trockenen Täler und das dumpfe Röhren des Motors.
Irgendwann hielt er an einem Rastplatz, rauchte eine Zigarette, aß ein paar Tapas – frisch geschnittenen Schinken, eine Tortilla, ein paar Oliven –, trank dazu einen kühlen Weißen aus Rueda und begann darüber nachzudenken, wohin er eigentlich wollte. La Rioja, klar, aber auch da schlief man nicht einfach auf der Straße. Kleine Höhlen gäbe es hier in der Gegend zur Genüge, aber er war nicht zum Eremiten geschaffen, und bei aller Liebe zur Einfachheit waren warmes Wasser, elektrischer Strom und ein gefüllter Kühlschrank für Max doch unentbehrlich. Ein Hotel? Er blickte ans andere Ende der langen Theke, wo der Wirt mit einem weißbärtigen Lkw-Fahrer redete, während aus dem in der Ecke hängenden Fernseher ein Musikkanal ohrenbetäubend laut dudelte. Die beiden Männer schafften es mit ihrem Lachen, diesen noch zu übertönen.
Mit einem Mal wusste Max, wohin er fahren würde. Zu Juan Gil de Zámora. Eine völlig verrückte Idee, wahrscheinlich wohnte Juan schon lange nicht mehr in dem kleinen Örtchen Entrena, zwischen schier endlosen Weinbergen mit knorrigen Rebstöcken, dahinter die prachtvollen Ausläufer der Sierra de la Demanda.
Wo genau er Juan dort finden sollte, wusste Max nicht, doch die Beschreibung des Hauses hatte er nicht vergessen: Die Wände mit einer Farbe wie Ochsenblut gestrichen, ein Garten, in dem alles wuchern durfte, wie es wollte, und jede Katze, die den Weg dorthin fand und blieb, wurde ein Leben lang gefüttert. Max würde es einfach versuchen.
Er hatte ja Zeit. Alle Zeit der Welt. Nachdem die Welt ihm zuvor kaum eine freie Minute gegönnt hatte.
Ab jetzt würde das anders sein. Die Welt mochte sich nicht ändern, aber er schon.
Max hatte sich mit Juan immer gut verstanden, es hatte sich fast wie Blutsbrüderschaft angefühlt, und doch war der Kontakt schon vor über einem Jahrzehnt abgebrochen. Warum? Wer wusste das schon. Die Entfernung war nur ein schwacher Grund, im Zeitalter von Internet und Billigflügen war Distanz eine Illusion, und ein Flug von Köln nach Logroño, in die kleine Hauptstadt La Riojas, dauerte wenig länger als eine Fahrt nach Hannover.
Wenn er so darüber nachdachte, fragte er sich, warum er Hannover so oft La Rioja vorgezogen hatte.
Am dort angebauten Wein konnte es schon mal nicht liegen.
Juans Häuschen war leichter zu finden als gedacht. In der kargen Landschaft wucherte direkt an der Straße Richtung Navarrete ein Garten wie eine Oase, wie ein kleines Paradies. Ein alter Zaun umgab ihn, doch rankende Pflanzen hatten diesen längst zu einem Teil des Gartens werden lassen, sie hatten die von ihm gesetzte Grenze einfach nicht akzeptiert. Und doch war es trotz all des Grüns, all des Sprießens und Blühens keine entfesselte, sich selbst überlassene Natur. Es war Menschenwerk. Juan musste sicherlich viel Wasser verteilen, um den fehlenden Regen zu ersetzen.
Das eingeschossige, ochsenblutrote Haus lag genau in der Mitte des Gartens, das Dach von Efeu überwuchert. In die Wände waren nachträglich Fenster eingesetzt worden, doch das fachgerechte Verputzen hatte man sich gespart. Es gab eckige Fenster, runde und auch völlig unförmige, zusammengesetzt aus farbigen Glasscherben und Flaschenböden. Juan schien dem Licht jede nur erdenkliche Möglichkeit zu geben, hereinzukommen. Von Mauerwerk oder gar tragenden Wänden ließ er sich dabei nicht aufhalten.
Max parkte den Jeep vor dem Haus neben zwei anderen Wagen, einem alten VW Bulli und einem kanariengelben Seat Ibiza. Keine Katze zu sehen. Wenn er eine Katze wäre, dachte Max, würde er auch nicht vor dem Haus schlummern, sondern sich irgendwo im dichten Grün ein schattiges Plätzchen suchen. Idealerweise nur eine Pfotenlänge von einem Mauseloch entfernt.
Die Tür stand weit offen, eine Klingel gab es nicht, auch keinen Türklopfer. Dieses Gottvertrauen bewunderte Max. Wer in Köln seine Tür unverschlossen ließ, musste seines Besitzes arg überdrüssig sein.
Im Flur lagen die ersten Katzen. Die ersten…vierzehn. Sie blickten nicht einmal auf, als Max sich zwischen ihnen vorsichtig einen Weg suchte. Die meisten Katzen waren recht dünn, an einigen Ohren konnte man Kampfspuren erkennen, an dem einen oder anderen Katzenkörper fehlte irgendwo ein Stückchen Fell. Sie lebten anscheinend wie echte Raubkatzen.
»Hola? Jemand zu Hause? Juan?« Sein Spanisch hörte sich noch etwas rostig an, doch mit jedem Wort erinnerte sich seine Zunge mehr an die Feinheiten, oder besser: Grobheiten der Sprache. Und seine Stimme gewann an Volumen, wurde lauter, so wie es hier üblich war.
Musik war zu hören. Ein beständiges, tiefes Wummern. Max folgte den Tönen, es gesellten sich mehr dazu, elektronische, aber keine Stimmen, der Sound war technisch und kühl, voller pulsierender Energie. Er führte Max wieder hinaus aus dem Haus, in den dahinter liegenden Gartenteil.
Dort fand er seinen Studienfreund. Malend, an einer sicher drei Quadratmeter großen Leinwand, die er gegen zwei eng stehende, knorrige Olivenbäume gelehnt hatte und auf der er entschlossen rosa Farbe verteilte.
Juan war nicht allein, sein Motiv saß wenige Schritte entfernt in der Sonne: ein nacktes Pärchen auf einer gusseisernen Gartenbank. Die Farbe war abgeblättert, Dellen und Kratzer verliehen ihr eine romantische, ungeschminkte Schönheit, die auch das ältere Paar ausstrahlte.
Beide waren schon weit im Rentenalter, er hatte eine polierte Glatze und einen ebenso runden, allerdings umso stärker behaarten Schmerbauch, sie war hager, fast dürr, ihre weißen Haare fielen wallend über ihre Schultern.
Sie winkten Max freundlich zu.
Er ging näher zu Juan, leise, um ihn nicht in seiner Konzentration zu stören. Es gelang ihm, die Schönheit der beiden so herauszuarbeiten, dass sie die Makel des Alters überstrahlte. Die ineinander verschlungenen Hände waren überlebensgroß dargestellt. Die Frau lehnte ihren Kopf an die Schulter des Mannes, in die Kuhle neben dem Halsansatz, die wie für sie geschaffen schien. Es war Liebe zwischen ihnen, um sie, hüllte sie ein, eine über Jahrzehnte gewachsene, die sich fast schon mit dem bloßen Auge erkennen ließ. Vor allem für einen Maler wie Juan. Ihre Liebe war eine Überlebende. Ein seltenes Exemplar. Sie war es wert, gemalt zu werden.
Max spürte, wie er zu seiner Notfall-Kamera griff, die er immer in der Jackentasche mit sich trug. Eine kleine kompakte mit Zeiss-Objektiv, immer schussbereit, damit ihm kein Motiv entging. Max musste einfach fotografieren, es war manchmal wie ein Zwang. So wie andere immer noch einmal prüften, ob ihr Wagen auch wirklich verschlossen war, obwohl sie gerade erst den entsprechenden Knopf auf der Fernbedienung gedrückt hatten. Seine drei Spiegelreflex lagen mit ihren Objektiven samtbehütet in einem speziellen Koffer hinten im Jeep.
Doch er drückte nicht ab.
Dies war Juans Motiv, es wäre wie Diebstahl gewesen.
Er steckte die Kamera wieder ein, und schrammte dabei mit dem Metall kurz am Reisverschluss seiner Jacke entlang.
Juan drehte sich um, ließ den Pinsel und die Malerpalette auf den Boden fallen, lief zu Max hinüber und schloss ihn in die Arme. Fest klopfte er ihm auf den Rücken. Max spürte Juans raue Bartstoppeln an der Wange, roch Zigaretten und Wein der Tempranillo-Traube. Das hatte sich also nicht geändert. Wie gut.
»Ich hab dich erwartet, Max.« Juan ließ ihn nur los, um den Arm um seine Schultern legen zu können.
Max musste grinsen. »Wir haben uns seit, warte, lass mich zählen, zehn, nein, sogar zwölf Jahren, nicht mehr gesehen. Und du willst mir erzählen, du hättest mich erwartet?«
»Ich wusste einfach, dass du irgendwann kommst, dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende ist. Das, Mamá und Papá, ist Max, mein bester Freund von der Kunstakademie in Düsseldorf. Ich hab euch doch so viel von ihm erzählt, er schießt diese tollen Fotos.«
Sie kamen rüber und schüttelten Max die Hände. Gott sei Dank sahen sie davon ab, ihn zu umarmen. Juans Mutter tätschelte ihm liebevoll die Wangen. Max versuchte krampfhaft, seinen Blick auf ihre Augen zu fixieren. Er wollte schließlich nicht den falschen Eindruck erwecken. Aber welcher Eindruck war hier eigentlich der falsche?
»Wir malen in zwei Stunden weiter, ja? Gleich nach der Siesta! Jetzt muss ich mich um Max kümmern.«
Die beiden Alten nickten verständnisvoll und zogen sich ihre Kleidung wieder an, die ordentlich über den Ast einer alten Eiche gehängt worden war.
Max lehnte sich näher zu Juan und sprach leise.
»Macht es ihnen nichts aus, dass ich sie…?« Obwohl Max beruflich häufig nackte Menschen vor der Kamera hatte, war ihm eine solche Begegnung im Privaten doch ein wenig unangenehm.
Juan winkte ab. »Sind sie gewöhnt, das hier ist ein offenes Haus. Und sie sind Anhänger der Freikörperkultur. Wenn sie könnten, würden sie sich nie wieder anziehen. Nicht wahr, ihr zwei?«
Sie lachten. »Im Winter«, sagte Juans Vater mit rauer Stimme, »ist Kleidung manchmal schon ganz nützlich. Oder wenn man anstreicht. Aber sonst? Pah! – Haben wir die Schuhe drinnen stehen lassen, Querida?«
»Aber sicher, Querido.« Seine Frau nickte mit einem nachsichtigen Lächeln, und sie gingen hinein.
»Eigentlich wollten die beiden heute eine Führung bei Faustino mitmachen«, erklärte Juan. »Aber ich muss dringend die Bilder für meine große Ausstellung in Bilbao fertigstellen. Nächsten Monat im Guggenheim! Ist das zu fassen, Max? Ich im Guggenheim! Du bist natürlich mit dabei. Keine Widerworte. Und du wohnst natürlich hier, solange du in Rioja bist, ich hab ein großes Gästezimmer, stört dich ja sicher nicht, dass da ein paar Bilder drin stehen.«
Hatte Juan gerade Faustino gesagt? Von dieser Bodega stammte der erste Rioja, den Max je getrunken hatte. Im Supermarktregal hatte er danach gegriffen, weil er sich mal etwas gönnen wollte. Er war ungemein animalisch, fast fleischig und ungezähmt gewesen. Nie zuvor hatte er so etwas verkostet. Mit einem Wein von Faustino hatte seine Liebe zu Rioja-Wein begonnen. Und von da an hatte er sich mehr und mehr mit Wein, den verschiedenen Rebsorten und Weingütern beschäftigt und sich ein stattliches Wissen angeeignet. Was für ein Zufall, dass sich schon an seinem ersten Tag hier die Chance bot, seine Liebe zu dieser wunderbaren Weingegend dort zu zelebrieren, wo sie ihren Anfang nahm. Er würde Fotos schießen können, bei deren Betrachtung man den Wein förmlich auf der Zunge spüren kann.
»Sag mal, könnte ich vielleicht auf diese Führung gehen? Das wär der Wahnsinn.«
Juan hob den Zeigefinger. »Die Führung von meinen Eltern wäre schon heute Morgen gewesen, aber warte eine Sekunde, vielleicht gibt es ja noch eine.« Schon war er verschwunden.
Erst jetzt, da Max nicht mehr von den beiden Nackten abgelenkt war, entdeckte er, dass in fast jedem Baum eine Katze lag. Es war wie in einem Wimmelbild. Nur wenn man genau hinsah, erkannte man die vierbeinigen Bewohner. Ein großer, sandfarbener Kater mit weißem Kinn und ausgesprochen wuscheligem Fell und buschigem Schwanz fixierte ihn interessiert von einer Astgabel aus. Er ließ ihn keine Sekunde aus den Augen, beobachtete jede Bewegung des Neuankömmlings aus Deutschland.
Juans Eltern traten aus dem Haus – sie hatten ihre Schuhe offensichtlich gefunden – und verabschiedeten sich von Max. Sie umarmten und küssten ihn und luden ihn zu sich zum Essen ein. Juan riefen, nein, brüllten sie ihren Abschiedsgruß zu.
Dieser brüllte zurück.
Spanien, alles ein paar Dezibel lauter. Und einige Stufen herzlicher. Max mochte das sehr.
Juans Stimme war aus dem Haus zu hören, er redete aufgebracht, aber Max konnte nicht genau verstehen, um was es ging. Dann kehrte Stille ein, und Juan kam lachend und mit weit ausgebreiteten Armen zurück. »Ich hab gerade mit der Bodega gesprochen. Sie sagen, du kannst kommen. Die Führung ist allerdings nur auf Spanisch – aber ich hab schon gemerkt, dass du fleißig geübt hast. Sogar einen kastillianischen Akzent hast du, Respekt!«
Kein bisschen hatte Max geübt, aber für die Arbeit mit spanischsprachigen Models war es sehr hilfreich. Deshalb sprach er mittlerweile auch ganz gut Portugiesisch und ein paar Brocken Russisch.
»Wann startet die Führung denn?«
Juan zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, in einer halben Stunde. Aber genau kann ich es dir nicht sagen.« Er hob sein blankes Handgelenk. »Ich hab noch immer keine Uhr. Wenn du gleich losfährst, müsstest du es aber schaffen. Bring eine Flasche Gran Reserva mit, damit stoßen wir dann heute Abend auf unser Wiedersehen an. Und für den Rest der Nacht stelle ich den Wein zur Verfügung. Mensch, Max, ich freu mich so! Dass du es endlich geschafft hast!«
Ja, dachte Max, ich habe es endlich geschafft.

Die Bodegas Faustino befanden sich nördlich von Logroño, an der Carretera De Logroño im kleinen Ort Oyón. Die Straße war gesäumt von Nutzbauten, bei denen nicht einmal versucht wurde, irgendetwas zu verschönern. Die Bodegas Faustino reihten sich nahtlos ein. Hier wurde Wein gearbeitet. Wer das Etikett des Gran Reserva kannte, das aus jedem Quadratmillimeter Tradition ausstrahlte wie Penélope Cruzʼ Sex-Appeal, der erwartete eine einfache Hütte, in der singende Großmütter Trauben stampften und jede Flasche per Hand aus uralten Holzfässern befüllten.
Keine einzige Großmutter zu sehen.
Weit und breit nicht.
Auch keine Hütten. Keine Penélope Cruz. Nicht einmal eine Montserrat Caballé. Wobei Max auf die am ehesten verzichten konnte.
Man fuhr durch ein Tor aus grauen Steinen mit drei Spitzen, auf dem in der Mitte das weltberühmte Porträt prangte, das den besten Wein des Hauses, den wohl bekanntesten Rioja-Wein der Welt, den Gran Reserva »Faustino I«, zierte. Ein Meisterwerk von Rembrandt. Wie Max wusste, zeigte es kein Mitglied der Familie Martinez, welcher die Bodegas gehörten, sondern den holländischen Handelsmann Nicolaes van Bambeeck, und stand für die Liebe der Familie zu Kunst und Handel. So hatte es ein Holländer geschafft, für viele Menschen auf dem Globus zu einem der bekanntesten Spanier zu werden.
Ein Weingut mit Geheimnissen.
Hinter dem Tor erhob sich ein zweigeschossiges Haus, dessen deutlich sichtbare Holzbalken fast wie Fachwerk aussahen. Links davon befand sich ein dreigeschossiges Ge„bäude, auf dem in riesigen Buchstaben »Faustino V« angebracht war, sowie eine lange Lagerhalle.
Max sollte am Haupteingang abgeholt werden, aber außer ihm stand niemand auf dem großen Parkplatz. Die Sonne schien dies bemerkt zu haben und ihre sämtlichen Strahlen auf Max zu richten. Schatten suchend, stellte er sich vor den schmucklosen Eingang.

»Hola, ich bin Cristina.« Max drehte sich um.
Eine ganz unbedeutende, harmlose Bewegung, wie er sie tausendfach zuvor gemacht hatte. Und doch war diese eine in der spanischen Hitze von ganz anderer Bedeutung.
Cristina lächelte ihn an und blinzelte in die Sonne. »Du musst Max sein. Sollen wir gleich loslegen? Die Gruppe hat leider abgesagt, wir sind nur zu zweit.«
Sie trug ihre Haare im Pferdeschwanz, vorne zu einem Pony geschnitten – und hatte dunkelbraune Augen, wie Max sie noch nie fotografiert hatte. Sie waren so wunderschön, so tief, und so viel lag in ihnen, Wärme, Lebensfreude und eine große Portion Vorwitz.
Er war ihr auf Anhieb verfallen.
Obwohl oder vielleicht gerade weil sie kein Supermodel war. Sie war…echt.
So wie manche Taxifahrer das Gewicht ihrer Fahrgäste auf das Kilogramm genau schätzen konnten, wenn diese Platz nahmen und die Stoßdämpfer nachgaben, so erkannte Max auf Anhieb Größe und Maße einer Frau. Cristina war einen Meter zweiundsechzig klein, schlank, mit einer sportlichen Figur, aber nicht hager, sondern mit weiblichen Formen. Eigentlich war sie so gar nicht sein Typ. Der war eher androgyn, mit langen Beinen und messerscharfen Wangenknochen. Doch mit einem Mal, mit einem Blick, hatte er keinen Typ mehr.
Obwohl sie völlig anders aussah, erinnerte Cristina ihn an die Frau, die vielleicht seine große Liebe war. Mit dieser Frau, die ihren Namen tief und mit größter Sanftheit in sein Herz geritzt hatte, war er nur wenige Wochen zusammen gewesen – doch für das Herz zählte nur Qualität, nicht Quantität. Beziehungen, die viele Jahre gedauert hatten, wie die mit Esther, verblassten neben dieser, die ihm im Nachhinein wie eine Sternschnuppe vorkam. Völlig unerwartet war sie aufgetaucht, wunderschön und hell, doch viel zu schnell verglüht.
Da war es wieder, dieses Gefühl, das er damals gehabt hatte, dieses Unbeschreibliche, das man Liebe auf den ersten Blick nennt. Diese unglaubliche Verbundenheit, und gleichzeitig diese Sehnsucht, endlich dort anzukommen, wo die Welt einen nicht mehr schwindlig dreht. An der Seite des Menschen, zu dem man gehört.
Schrecklich romantisch.
Seit Jahren nicht mehr Maxʼ Art.
Vielleicht bildete er sich das alles auch nur ein.
Oder es waren die Nachwirkungen des Tomatensaftes.

»Dann lassen Sie uns einfach beginnen, ja?« Sie breitete die Arme aus. »Willkommen in La Rioja, einem uralten Weinland. Als die Römer zu uns vordrangen – das war im ersten Jahrhundert nach Christus –, lebte hier ein Volk, das sie Celtiberi nannten – iberische Kelten. Diese zertraten Trauben in Steintrögen und ließen den Saft in Amphoren oder Zisternen laufen. Die Römer, dem Wein seit jeher zugetan, zeigten den Celtiberi, wie es noch besser ging. Springen wir nun ein wenig und noch ein bisschen mehr bis ins 16. Jahrhundert, als der Export spanischer Weine begann, nach Frankreich, Italien und Flandern. Schon 1560 schlossen sich die Winzer zu einem Verband zusammen, der ein einheitliches Brandzeichen für seine Fässer verwendete, um so die Herkunft der Weine zu garantieren. Der Wein wurde damals noch fast genauso zubereitet wie zu Zeiten der Römer und in Lederbeuteln transportiert. Erst später inspirierte der Bordeaux die spanischen Winzer dazu, Holzfässer nicht nur zum Transport, sondern zum Ausbau der Weine im Keller zu verwenden. Es entstand ein völlig neuer Weinstil, den wir heute klassisch nennen und dem wir uns noch immer verpflichtet fühlen. Willkommen bei Bodegas Faustino!«
Max fotografierte. Allerdings nicht die Bodega, sondern nur Cristina. Er suchte nicht die schönste, sondern die wahrhaftigste Perspektive, die am meisten über sie verriet. Manchmal waren es nur ihre strahlenden Augen oder die Art, wie sie ihren Kopf leicht schräg hielt, wenn sie lächelte. Ein anderes Mal waren es die ausladenden Bewegungen ihrer Hände, wenn sie etwas erklärte. Kleinigkeiten verrieten so viel, wenn man nur darauf achtete. Am häufigsten aber suchte er die Persepektive, von der er ihr linkes Ohr am besten aufs Bild bekam, denn das hatte es ihm angetan. Drei wunderschöne Perlenohrringe trug Cristina darin, darüber befanden sich drei kleine Leberflecke genau nebeneinander, sodass es aussah, als besäße sie drei weitere Ohrlöcher. Eine Frau mit eingebauter optischer Täuschung! Unfassbar. Und ein schönes Ohr war es noch dazu. Perfekt gerundet, nicht zu groß, eher klein, geradezu niedlich. Wie hätte er nicht Foto um Foto davon schießen können?
»1926 wurde der Consejo Regulador gegründet – ein Ausschuss, der Vorschriften festlegte, wie Wein erzeugt werden muss, der das Zeichen D.O. tragen darf: Denominación de Origen. Dieses garantiert seine Herkunft. Rioja-Wein war seit jeher sehr gefragt, auch von den Pilgern auf dem Jakobsweg, die maßgeblich zum Reichtum der Region beitrugen. Der spanische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg warfen die Winzer jedoch weit zurück, und es dauerte bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts, bis der Wein wieder zu verdienter Blüte kam. 1991 wurde Rioja dann D.O.Ca: Denominación de Origen Calificada. Die strengste Ursprungsbezeichnung. Man kann guten Gewissens sagen, dass bis in die 1980er-Jahre nahezu alle großen spanischen Weine aus der Rioja kamen. Und einige davon werden Sie heute verkosten.«
Max fühlte sich fast genötigt zu klatschen, ließ es aber dann. Alleine klatschen war irgendwie komisch.
»Folgen Sie mir bitte.«
Max hatte gehofft, zuerst verkosten und sich dann beschwingt die Bodega anschauen zu können. Aber seine Führerin sah das anders. Es folgten Edelstahltanks und Barrique-Fässer, Weinpressen, Filter und Schläuche. Max hatte keine Augen dafür.
Schließlich bekam er endlich den berühmten Gran Reserva des Hauses zu Gesicht, den Faustino I. Leider nicht geöffnet.
Sie befanden sich im Flaschenkeller, umringt von etlichen Jahrgängen, die darauf warteten, in den Verkauf zu kommen. Insgesamt unfassbare neun Millionen Flaschen, wie Cristina betonte.
»Dieser Wein ist eine spanische Ikone. Erstmals im Jahr 1964 auf den Markt gebracht, ist er einer der großen, im traditionellen Stil erzeugten Gran Reservas. Der aktuelle Jahrgang wurde aus fünfundachtzig Prozent Tempranillo-, zehn Prozent Graciano- und fünf Prozent Mazuelo-Trauben erzeugt und reifte für achtundzwanzig Monate in Barrique-Fässern aus französischer und amerikanischer Eiche, anschließend noch mindestens drei Jahre in der Flasche. Diese besteht bei unserem Faustino I übrigens aus gefrostetem Glas, weil es…«
»… so schön aussieht.«
Cristina schüttelte den Kopf. »Nein, das gefrostete Glas der Burgunderflasche verringert den schädigenden Lichteinfall und lässt den Wein besser reifen.«
»Schick ist es trotzdem.«
»Es geht nicht immer nur um Äußerlichkeiten.«
»Gott sei Dank.«
»Wissen Sie, was das Besondere einer Gran Reserva ist?«
Oh, Quiz. Max beschloss, sich dumm zu stellen, damit Cristina etwas zu erklären hatte. »Es ist der beste Wein eines Gutes?«
»Das auch, aber warum?«
Max schoss ein weiteres Foto von ihr. Sie schien leicht ungeduldig.
Er ließ sie etwas zappeln.
»Die besten Trauben?«
»Das auch. Aber das Geheimnis ist das Alter des Weines. Bei einer Crianza muss der Wein mindestens ein Jahr im Eichenholzfass und mindestens ein weiteres in der Flasche reifen. Bei einer Reserva mindestens ein Jahr im Eichenholzfass und mindestens zwei Jahre in der Flasche. Und bei einer Gran Reserva mindestens zwei im Eichenholzfass und mindestens drei in der Flasche. Es gibt auch Weine, die unter der Mindestdauer liegen und dann Semicrianza oder Roble genannt werden.
Gran Reserva sagt also eigentlich nichts über die Qualität eines Weines aus – doch je besser der Wein, desto länger kann er im Fass reifen. Deswegen werden auch nur die besten Weine einer Bodega als Gran Reservas ausgebaut. Und in schwachen Jahren gibt es gar keine Gran Reservas. So, das waren jetzt ganz viele Fakten. Nun etwas fürs Herz. Unsere Schatzkammer. Haben Sie Lust?«
Max schenkte ihr ein Lächeln, das als Antwort mehr als ausreichte.

Cristina trat in einen viereckigen Raum, in dessen weiße Wände gusseisern vergitterte Fächer eingelassen waren, alle rund einen Meter hoch und einen halben breit. Weinflaschen lagerten darin, Namensschilder verrieten, wem der Inhalt gehörte: Firmen, Privatpersonen, dem Königshaus. Einige Flaschen hatten bereits Staub angesetzt – was sie nur noch begehrenswerter erscheinen ließ. Große Riojas des Hauses Faustino reiften hier bei perfekter Temperatur und Luftfeuchtigkeit heran.
Max wusste, was von ihm erwartet wurde – und es kam von Herzen. »Ich bin wirklich beeindruckt. Könnte ich auch so ein Fach mieten?«
Cristina lächelte. Max schoss ein Foto davon.
»Jeder kann eines mieten – und muss nicht einmal etwas dafür bezahlen, sondern nur achtundvierzig Flaschen kaufen, die dann hier eingelagert werden. Ein Fach ist gerade erst geleert worden, wenn Sie sich jetzt entscheiden, ist es Ihres. Soll ich es Ihnen zeigen?«
Max nickte ohne Zögern. Die Vorstellung, eigene Flaschen hier unten zu besitzen, hatte etwas von einem geheimen Piratenschatz, ein Grund, immer wieder zurückzukehren.
Das fragliche Fach befand sich in der rechten Ecke, ganz unten, wenig Licht fiel dorthin, ideal für die Reifung des Weins. Die hintere Wand war nicht zu erkennen. Stattdessen ungleichmäßige Düsternis. Wie in einem Kleidersack.
Cristina trat näher heran, ging in die Knie, öffnete das Schloss und zog das Gitter zu sich. Plötzlich begann sie zu zittern.

Auch Max beugte sich hinunter. Eine Form hob sich von der Dunkelheit ab. Es war ein Kopf.
Und in diesem kein Leben mehr.
Cristina sank auf die Knie, presste sich die Hände auf den Mund, um ihr Schluchzen zu ersticken. Max kniete sich neben sie, und aus der Nähe erkannte nun auch er, dass in das Fach ein menschlicher Körper gepresst worden war.
Der Kopf war der eines hageren, alten Mannes, Haare und Vollbart grau, die Haut zerfurcht wie brüchiger Fels. Seine Augen waren noch geöffnet, blickten leer und gebrochen in Cristinas Richtung. Ein unausgesprochener Vorwurf lag darin. Über und über war sein Gesicht mit Blut bedeckt.
Max fühlte sich, als sei sämtlicher Sauerstoff aus seinen Lungen gepresst worden. Sein Herz stolperte und er wich automatisch vor dem Toten zurück. Cristina zitterte am ganzen Leib, ihre Schultern zuckten auf und ab, stockend sog sie die Luft ein.
Mit klammen Fingern wollte Max sein Handy aus der Jacke ziehen – doch das hatte er ja vor seinem Flug in einem Mülleimer versenkt. Er würde in der Bodega nach einem Telefon suchen müssen. »Welche Nummer hat die Polizei hier?«, fragte er mit brüchiger Stimme.
Cristina sagte nichts.
»Ich geh schnell rauf, oben wird es schon irgendjemand wissen.« Max war unwohl dabei, Cristina mit der Leiche im Keller zurückzulassen, doch die Behörden mussten so schnell wie möglich informiert werden, soviel wusste er aus unzähligen Filmen und Fernsehserien. »Bin gleich wieder zurück.«
Doch Cristina stand auf und schüttelte den Kopf. Ihre Augen waren glasig, ihre Lippen blass. »Keine Polizei, bitte.«
»Was? Wie meinen Sie das?«
»Davon darf keiner erfahren. Niemand.«
Max schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Richtung Treppe.
»Bitte! Tun Sie es nicht.« Cristina drehte sich um, blickte nochmals zur Leiche, als wolle sie sichergehen, dass sie es sich nicht nur eingebildet hatte. Dann schob sie Max einige Meter in die Mitte des Raumes, um Abstand zum Unfassbaren zu gewinnen. Sie schaute auf ihre schmale Damenarmbanduhr. »Es ist schon nach sechs. Da keine Lese ist, sind wir die Letzten in der Bodega.«
»Was soll das heißen? Ist mir völlig egal, wie viele noch in der Bodega sind. Wir rufen jetzt sofort die Polizei. Es gibt Angehörige, die von seinem Tod erfahren müssen. Je eher, desto besser. Und dieser Mann ist allem Anschein nach ermordet worden. Wir müssen die Polizei informieren. Sie muss den Tatort sichern, Spuren suchen, Mitarbeiter der Bodega befra…«
Cristina presste ihm ihre Hand auf den Mund. »Unser König hat sich angekündigt. Zum 50-jährigen Jubiläum der Faustino-Weine. Ein neuer Fasskeller wird zu diesem Anlass eröffnet. Wenn es einen Mordfall in der Bodega gibt, wird er seinen Besuch absagen. Und da ich die Leiche gefunden habe, wird man es mir in die Schuhe schieben.«
Max drückte ihre Hand fort. »Aber Sie haben ihn doch nicht auf dem Gewissen!«
»Ich habe ihn entdeckt und bin auch noch in der Probezeit. Ich habe mir schon ein paar Kleinigkeiten geleistet, das bringt das Fass zum Überlaufen. Bitte!« Sie strich Max zärtlich über die Wange, doch ihre Finger zitterten dabei. »Bitte.«
Max wusste, dass man manchmal nicht merkte, wenn sich das eigene Leben entscheidend änderte. Manche Abzweigungen nahm man, ohne ihre Bedeutung auch nur zu erahnen. Kleinigkeiten, wie etwa die Entscheidung, einen anderen Bus zu nehmen, in dem man dann die Frau seines Lebens trifft, einen günstigeren Urlaub zu buchen, in dem man sich später beide Beine bricht. Doch in diesem Moment war Max klar, dass sich sein Leben ändern würde.
Falls er Cristinas Bitte nachgab. Der Bitte einer Frau, die er gerade einmal eine Stunde kannte. Die wegen ihres Jobs einen Mord vertuschen wollte. Was war das nur für eine Frau?
Sollte er ihr wirklich solch einen Gefallen tun? Einen Gefallen von der Größe des Himalaja-Gebirges? Und seiner Ausläufer?
Wohl eher nicht.
»Okay«, sagte Max nach einigen kräftigen Atemzügen. »Ich rufe die Polizei nicht an. Und ich bin auch nie hier gewesen. Alles Gute für Sie. Ich finde alleine raus.«
Er kam nur bis zum Ausgang der Schatzkammer, als Cristinas Stimme wieder erklang. »Das schaff ich nicht alleine.« Ihr kamen Tränen. »Das krieg ich niemals hin.«
Max drehte sich um. »Dann rufen Sie Ihren Freund an oder jemanden aus der Familie!«
Sie schüttelte den Kopf. »Davon darf keiner wissen. Niemand.«
»Sie wollen doch nicht etwa sagen, ich soll Ihnen helfen, die Leiche zu verstecken? Damit mache ich mich strafbar. Ich bin doch nicht wahnsinnig. Nachher denkt noch einer, ich hätte was damit zu schaffen. Was, wenn ich dabei gesehen werde? Nee, niemals. Ich bin jetzt weg.«
Cristina rannte ihm nach, griff mit beiden Händen seinen Kopf und küsste ihn, leidenschaftlich. Max spürte an der Unsicherheit des Kusses, daran, wie sich ihre Lippen mit ungestümem Druck auf die seinen legten, dass sie solch einen verzweifelten, flehenden Kuss zum ersten Mal gab. Dass Küsse für sie sonst keine Währung waren, um zu bekommen, was sie wollte. Und dank der wenigen Quadratzentimeter, an denen sich ihre Körper gerade berührt hatten, änderte sich etwas in ihm. Vierunddreißig Gesichtsmuskeln hatten sich gerade bewegt, Cristinas Zungenspitze hatte seine berührt, und ein kleiner Blitzschlag war durch seinen Körper gefahren.
Max hatte in seinem Leben schon Frauen geküsst, die den Kuss zur Kunstform entwickelt hatten, doch dieser unbeholfene Kuss war vielleicht der ehrlichste von allen gewesen. Ein Flehen. Ein SOS aus tiefstem Herzen.
Und er konnte sich diesem nicht verschließen.
Er hatte doch ein neues Leben gewollt, eines mit rauen Kanten, ein ungeschöntes, ein nicht auf immer festgezurrtes. Und nun drängte es ihn beim ersten Anzeichen eines steinigen Weges zurück in seine Komfortzone? Nein. Er würde diese Frau nicht in ihrem Schmerz, ihrer Hilflosigkeit, ihrem Elend alleinlassen. Er würde etwas riskieren. Jetzt und hier.
»Was soll ich tun?«
Max hatte nicht damit gerechnet, dass seine erste Hilfe darin bestehen würde, das Fach mit einem Putzlappen von Blut zu befreien.

Kurz nach Mitternacht parkten sie Maxʼ Jeep am Ufer des Ebro, weit außerhalb Logroños, an einer Stelle, wo nicht einmal mehr die Lichter der Stadt zu sehen waren. Nur Felder wurden vom Mond beschienen. Der bei der Fahrt über den Feldweg aufgewirbelte Staub wehte wie Gewitterwolken über Max, als er ausstieg.
Er wartete.
Ob sich irgendwo etwas tat, jemand zu hören war, zu sehen.
Dann erst trat er zur Beifahrertür und öffnete sie für Cristina. Doch sie stieg nicht aus.
»Sicher?«
»Sicher.«
»Willst du nicht noch näher ans Ufer fahren?« In der Zwischenzeit war das Sie schnell dem vertrauteren Du gewichen. Doch weitere Küsse hatte es für Max nicht gegeben. Cristinas erster lag immer noch wie Zucker auf seinen Lippen.
»Es ist nicht genau zu erkennen, wo die Böschung beginnt. Lass uns lieber kein Risiko eingehen.«
»Ich will die Leiche nicht weit schleppen müssen. Es ist schrecklich. Sie ist so schwer und so…«
»…tot«, ergänzte Max und öffnete den Kofferraum. »Wir sollten es hinter uns bringen.« Er zündete sich eine filterlose Zigarette an, sog jedoch nur dreimal daran, bevor er sie nervös und ohne einen Gedanken daran zu verschwenden auf den Weg warf. Dann zog er die Spülhandschuhe an und reichte Cristina ein weiteres Paar. Kein einziger Fingerabdruck würde sich an der Leiche finden, die sie notdürftig in durchsichtige Folie gewickelt hatten, welche normalerweise für Paletten von Weinkartons verwendet wurde. Sie hatten nichts anderes gefunden. Und den Toten einfach so zu transportieren, erschien ihnen viel zu gefährlich, sie hätten überall Blutspuren hinterlassen.
Das Plastik verzerrte das Gesicht des Toten. Paketband hielt alles notdürftig zusammen. Cristina war stärker, als sie aussah, und griff sich die Beine, Max packte den Toten unter den Schultern an. Gute zwanzig Meter waren es bis zum Ebro, der sich breit und langsam wie schwarze Lava dahinschob.
»Wir müssen ein Stück rein, damit die Strömung die Leiche fortträgt.«
Max zögerte, die Kälte des Wassers war auch aus der Entfernung auf der Haut zu spüren, doch die Leiche zog an seinen Armen, er wollte sie loswerden, keine Sekunde länger berühren müssen.
Als er ins eisige Wasser trat, nagte es mit spitzen Zähnen an seinen Füßen und Unterschenkeln.
Cristina ließ los und lief zurück ans Ufer, sodass Max den leblosen Körper die letzten Meter alleine ziehen musste, bis er weit über die Knie im Strom stand.
Dann übergab er ihn dem Wasser. Ob die Leiche unterging oder weitertrieb, egal, sie war endlich weg.
»Es ist vorbei«, sagte er leise, doch in der Stille der Nacht trugen seine Worte bis zu Cristina. »Wenn uns niemand gesehen hat.«
»Keiner war mehr da«, sagte Cristina, mehr um sich selbst zu beruhigen. »Und wir haben alles geputzt. Videoaufzeichnungen gibt es nicht.«
»Aber ich sag es dir noch mal: Irgendjemand muss gesehen haben, wie dieser Mann reingegangen ist. Man kommt doch nicht so einfach bei euch in die Schatzkammer.«
»Lass uns fahren. Ich will ins Bett.«
»Du kannst jetzt schlafen?« Max trat zurück ans Ufer und presste das Flusswasser mit den Händen aus seiner Kleidung.
»Bitte. Ich bin erschöpft.«
Er wurde nicht schlau aus dieser Frau. War sie etwa nicht so aufgewühlt wie er?
Auf dem Weg zum Auto sah er auf dem Boden etwas im Mondlicht schimmern, an einer Stelle, über die sie gerade noch die Leiche gezerrt hatten. Er bückte sich hinunter und hob es auf. Ein goldenes Kreuz an einer ebensolchen Kette. Es musste dem alten Mann gehört haben. Max steckte es ein und bekreuzigte sich. Er glaubte immer noch nicht an Gott, aber in dieser Nacht hätte er gut einen gebrauchen können.
Als sie sich ins Auto setzten, starrte Cristina vor sich hin. Max beschloss zu schweigen.
Er brachte sie zurück zu Faustino, hielt jedoch nicht vor dem Gebäude, sondern gute hundert Meter entfernt.
Cristina stieg ohne ein Wort aus. Es gab keine Verabschiedung. Keinen weiteren Kuss.
Sie verschwand nur in der Dunkelheit.

Carsten Sebastian Henn

Über Carsten Sebastian Henn

Biografie

Carsten Sebastian Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker. Er ist Chefredakteur des Gault & Millau WeinGuides sowie Redaktionsleiter Deutschland des Weinmagazins Vinum. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit alten...

Medien zu »Gran Reserva«

Pressestimmen

OÖ Nachrichtenn (A)

»Das Buch eignet sich ideal für das Kopfkissen, eine anregende Lektüre.«

Schweizer Familie (CH)

»Carsten Sebastian Henn schreibt mit viel Humor, und auch seine Ausführungen zu den Gran Reserva-Weinen sind äußerst lesenswert.«

BernerBär (Berns Wochenzeitung)

»Die Geschichte ist, wie es sich für einen Weinroman gehört, süffig geschrieben«

Hellweger Anzeiger

»Ein Krimi, den man wahrlich mit Genuss lesen kann.«

Weinfeder

»Henn schreibt locker und flockig. (...) Dieses Buch liest sich kurzweilig und amüsant, da Henn die Charaktere mit gutem Gespür beschreibt und dem Leser nahe bringt.«

EatSmarter!

»Der Crime- und Weinkenner Carsten Sebastian Henn schreibt mit leichter Hand.«

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