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Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel (Mitford-Schwestern 2)

Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel (Mitford-Schwestern 2) - eBook-Ausgabe

Jessica Fellowes
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Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel (Mitford-Schwestern 2) — Inhalt

Band 2 der großen Mitford-Familiensaga!
Es ist ihr großer Tag: Pamela Mitford wird 18. Doch die Party endet in einer Tragödie, als der charismatische Adrian vom Kirchturm auf dem Anwesen der Mitfords in den Tod stürzt. Die Polizei hält das Dienstmädchen Dulcie für die Täterin. Louisa Cannon, Anstandsdame und Vertraute der Mitford-Schwestern, hält ihre langjährige Freundin allerdings für unschuldig. Aber welcher Gast wurde dann an diesem Abend zum Mörder?

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.09.2019
Übersetzt von: Andrea Brandl
464 Seiten
EAN 978-3-492-99437-8
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Leseprobe zu „Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel (Mitford-Schwestern 2)“

Kapitel 1

1925

Im Leben jedes Menschen gibt es jenen Moment, der den endgültigen Übergang ins Erwachsenendasein kennzeichnet. Für Pamela Mitford war dieser Moment noch nicht gekommen. Mürrisch stand sie auf den Stufen vor einem schmalen Haus in Mayfair, doch es war nicht nur die kalte Abendluft, die sie zittern ließ, sondern vor allem ihre flatternden Nerven. Louisa Cannon war sehr wohl bewusst, dass Pamela sich vorkam, als stünde sie vor der Höhle der Löwen, die nur darauf warteten, sich auf das blonde Mitford-Mädchen zu stürzen.

»Sag Koko, sie soll [...]

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Kapitel 1

1925

Im Leben jedes Menschen gibt es jenen Moment, der den endgültigen Übergang ins Erwachsenendasein kennzeichnet. Für Pamela Mitford war dieser Moment noch nicht gekommen. Mürrisch stand sie auf den Stufen vor einem schmalen Haus in Mayfair, doch es war nicht nur die kalte Abendluft, die sie zittern ließ, sondern vor allem ihre flatternden Nerven. Louisa Cannon war sehr wohl bewusst, dass Pamela sich vorkam, als stünde sie vor der Höhle der Löwen, die nur darauf warteten, sich auf das blonde Mitford-Mädchen zu stürzen.

„Sag Koko, sie soll rauskommen und mich holen“, sagte Pam, den Rücken zur Tür gekehrt. „Wenn du mich hineinbegleitest, glauben alle, ich wäre ein Baby.“

„Das muss ich aber tun, weil ich es Ihrer Mutter versprochen habe. Außerdem weiß sowieso keiner hier, dass ich Euer Kindermädchen bin“, erinnerte Louisa sie nicht zum ersten Mal an diesem Tag. Die Fahrt vom Familienwohnsitz in Oxfordshire, der eigentlich Asthall Manor hieß, aber von allen Mitford Manor genannt wurde, nach London war lang gewesen, obwohl sie den üblichen Zug nach Paddington Station genommen und praktisch sofort ein Taxi gefunden hatten, sobald sie aus dem Bahnhofsgebäude getreten waren.

„Bitte. Geh rein und hol Koko.“

Koko war der Spitzname von Nancy, des ältesten der sieben Mitford-Kinder – sechs Schwestern und ein Bruder. Seit fünf Jahren arbeitete Louisa mittlerweile für die Familie und konnte die Spitznamen wie einen französischen Vokabeltest im Schlaf herunterbeten. Sie läutete widerstrebend, und erschreckend schnell wurde die Tür von einer jungen Frau geöffnet, die wie ihr Abziehbild aussah: Sie war ähnlich groß, ihr Haar hatte einen ähnlichen Braunton wie Louisas, wenngleich sie es unter einem Häubchen zusammengesteckt hatte, und sie trug ein solide gearbeitetes Kleid, das jedoch aufgetragen aussah, so wie sie selbst häufig Nancys aussortierte Kleider anhatte. Das Mädchen wirkte müde, aber die Sommersprossen auf ihrer kleinen Nase verliehen ihrem Gesicht etwas Lebhaftes. Ihr Blick fiel auf Pamela, die immer noch mit dem Rücken zur Tür stand. Louisa und das Dienstmädchen tauschten einen Blick, der ihr Wissen bestätigte, dass sie im selben Boot saßen.

„Guten Abend“, sagte Louisa. „Könnten Sie mir bitte sagen, ob sich Miss Nancy Mitford hier aufhält?“

Das Dienstmädchen sah aus, als würde sie gleich in Gelächter ausbrechen. „Zuerst sollte ich wohl fragen, wer das wissen möchte.“ Ihr Tonfall verriet Louisa, dass sie wohl aus einem der Viertel südlich der Themse stammte.

„Ihre Schwester, Miss Pamela“, antwortete Louisa. „Sie will nicht, dass ich sie begleite, und ich möchte sie nicht alleine hineingehen lassen. Darf ich vielleicht reinkommen und kurz mit Miss Nancy sprechen?“

Das Mädchen nickte und hielt die Tür auf. „Folgen Sie mir, bitte.“

Das Mädchen führte sie einen Korridor entlang, deutete auf eine Tür und verschwand durch eine andere. Louisa wunderte sich ein wenig, dass sie sie nicht formell hineingeführt hatte, verstand jedoch sehr schnell, warum. Im spärlich beleuchteten Salon standen zwei große, abgenutzte Sessel vor einem knisternden Kamin, mit den Rückenlehnen zu Louisa. Über die eine Armlehne ragte ein Frauenarm, der in einem schwarzen, bis über den Ellbogen reichenden Seidenhandschuh steckte, über die andere ein Männerarm in einer steifen weißen Manschette und dem Ärmel eines Dinnerjackets. An einem Finger des Mannes steckte ein schwerer goldener Siegelring. Ihre Hände schienen in einer Art Spiel miteinander vertieft zu sein; immer wieder schnellte die Männerhand nach vorn, wich aus, während die Frauenhand sich vorsichtig herantastete, wieder zurückzog, nur um sich gleich danach bereitwillig wieder umfangen zu lassen.

Louisa hatte dem Treiben eine Sekunde zu lange zugesehen, als sich die zu dem schlanken Frauenarm gehörende Gestalt im Sessel umwandte und ein Gesicht erschien. Der Schock über Nancys neuen Bob war inzwischen verflogen, und Louisa bewunderte die Frisur sogar. Nancy mochte nicht hübsch im konventionellen Sinne sein, hatte jedoch durchaus ihren Reiz mit einem dunkelrot geschminkten „runden Schmollmund“, wie es in Filmstarkreisen bezeichnet wurde, der kecken Stupsnase und großen runden Augen, die nun auf ihr einstiges Kindermädchen gerichtet waren. Ihre Miene verriet die vertraute Mischung aus Zuneigung und leiser Verärgerung.

„Ich bitte um Entschuldigung, Miss Nancy“, sagte Louisa, „aber ich bin hier, um Sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass Miss Pamela vor der Tür steht.“

Nun erschien auch das Gesicht des Mannes hinter der Sofalehne; es war markant geschnitten, und sein blondes Haar war so glatt gekämmt, dass es aussah, als hätte jemand flüssiges Gold über seinem Kopf ausgekippt. Sebastian Atlas. Er hatte Mitford Manor bereits mehrmals in Nancys Begleitung besucht, obwohl Lord Redesdale bei seinem Anblick jedes Mal puterrot anlief, sehr zur Belustigung seiner Tochter und zum Missfallen Lady Redesdales, die ihre Gefühle jedoch weit weniger offensichtlich zur Schau trug. Wo Lord Redesdale zu hitzigem Temperament und Zornanfällen neigte, zeigte seine Gattin eiserne Härte und kalte Wut.

„Wieso kommt sie dann nicht einfach herein?“, fragte Sebastian gedehnt, schob mit der einen Hand Nancys Finger weg und ließ sich in den Sessel zurücksinken, während er die andere nach einem Whiskyglas ausstreckte.

Nancy erhob sich mit einem dramatischen Seufzer und schüttelte ihr zerknittertes Seidenkleid zurecht, dessen Saum mit Hunderten in schwarz-weißem Zickzackmuster angeordneten Perlenschnüren besetzt war. Es war das modischste, vielleicht das einzig wirklich schicke Kleid, das sie hatte und mit einer Häufigkeit trug, die Nanny Blor schier um den Verstand brachte.

„Es tut mir leid, Miss Nancy“, sagte Louisa und beschloss, lieber bei der förmlichen Anrede zu bleiben, obwohl sie darauf verzichtete, wenn sie unter sich waren. „Aber Miss Pamela will nicht, dass ich sie hereinbegleite. Sie findet, es wirkt kindisch, in Begleitung eines Kindermädchens aufzutauchen.“

Augenblicklich entspannten sich Nancys Züge, und ein angedeutetes Lächeln breitete sich darauf aus. „Was für ein Dummchen“, sagte sie. „Anstandsdamen sind inzwischen fast wieder in Mode, aber natürlich weiß sie das nicht.“

 

Nancy war diejenige gewesen, die ihren Eltern vorgeschlagen hatte, dass Pamela nach London kommen sollte. Dahinter steckte die Idee, sie zu ein paar Partys zu begleiten und neue Leute kennenzulernen, von denen Pam wiederum einige zu ihrer Geburtstagsfeier im nächsten Monat einladen könnte.

„Sonst kriegen sie eine Einladung zum Geburtstag einer Wildfremden, noch dazu an einem Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, und denken am Ende, wir hätten es nötig. Es ist nicht mehr wie früher. Wir schreiben das Jahr 1925, Farve“, hatte sie gesagt.

„Ich verstehe nicht, inwiefern die Jahreszahl eine Rolle spielen soll“, hatte ihr Vater knapp erwidert.

„Tut es aber, und zwar gewaltig. Man muss zur richtigen Clique gehören. Kein Mensch geht zu irgendeiner x-beliebigen Feier.“ Was, wie sie Louisa heimlich anvertraute, nicht ganz der Wahrheit entsprach. Nichts tat „die Clique“ lieber, als bei irgendeiner Party aufzutauchen, wo der Alkohol in Strömen floss und die Chance bestand, eine heiße Sohle aufs Parkett zu legen. Sie wussten nur zu gut, dass sie diejenigen waren, die erst so richtig Leben in die Bude brachten und alle anderen in ihrem Glanz verblassen ließen. Louisa war sich im Klaren, dass es zwar offiziell Pamelas Geburtstagsfeier war, Nancy jedoch alles daransetzen würde, die Party zu ihrer eigenen zu machen.

 

An diesem Abend stand ein Dinner im Haus von Lady Curtis, Adrians und Charlottes Mutter, auf dem Programm. Nancy hatte Adrian über Sebastian im Zuge der sogenannten Eights Week in Oxford kennengelernt, der alljährlichen Ruderregatta und einzigen Gelegenheit, bei der dem weiblichen Geschlecht gestattet wurde, den Studenten innerhalb der Steinmauern der altehrwürdigen Universität beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Nancy hatte wenige Monate zuvor angefangen, Ukulele zu spielen, und Louisa von der fast magischen Wirkung des Instruments auf die jungen Männer vorgeschwärmt … Sie sei sich wie ein Schlangenbeschwörer auf einem Basar in Marrakesch vorgekommen, hatte sie gemeint.

Nachdem sie Pamela an der Haustür abgeholt hatten, stand das Trio in der Eingangshalle. Von dem Dienstmädchen war nichts zu sehen, doch aus dem oberen Stockwerk wehten Jazzklänge aus einem Grammofon durchs Haus.

„Musst du unbedingt mitkommen?“, flüsterte Pamela Louisa zu, als sie Nancy die Treppe hinauf folgten. „Ich bin doch mit Nancy hier.“

„Ich habe es Lady Redesdale versprochen“, erinnerte Louisa sie ein weiteres Mal. Sie empfand beinahe Mitleid mit ihrem Schützling. Bevor sie aufgebrochen waren, hatte sie Pamela leise im Badezimmer weinen hören, ehe das Mädchen schließlich mit einem abgeplatzten Knopf an ihrem Rockbund in der Hand herausgekommen war. Wortlos hatte Pamela ihn Louisa in die Hand gedrückt, die ebenso kommentarlos Nadel und Faden geholt hatte, um ihn wieder anzunähen, während sich das Mädchen allmählich beruhigt hatte.

Louisa wappnete sich innerlich für den Abend. Zwar hatte sie in Mitford Manor den einen oder anderen Blick auf Nancys Freunde erhascht, doch das war nicht dasselbe, als sie in ihrem gewohnten Umfeld zu erleben, wo sie sich hemmungslos den Freuden der neuen Zeit hingaben. Den Raum zu betreten fühlte sich an, als würde sie Teil der Gesellschaftsseiten des Tatler werden, bloß in Farbe. Louisa brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten und sie die dicht beisammenstehenden jungen Männer und Frauen ausmachen konnte, deren Gesichter das Flackern des Kaminfeuers und der Schein der Tiffany-Lampen in weiches Licht tauchte. Es waren vor allem die Details, die ihr ins Auge stachen: ein dunkelroter Lippenstiftabdruck auf einem Glas, in langen Spitzen steckende Zigaretten, die das Haar der Umstehenden zu versengen drohten, mit Federn besetzte Haarbänder und gewagte lila Socken, die unter den Hosenbeinen hervorblitzten, als einer der jungen Männer die Knöchel kreuzte. Pamela war regelrecht von der Menge verschlungen worden, wie Jona vom legendären Walfisch, also suchte Louisa sich einen Stuhl an der Wand, von wo aus sie ihren Schützling und Nancys Freunde im Blick hatte.

Neben dem ausladenden Kamin, die Fingerspitzen um den Sims gelegt, stand Adrian und streckte sein Glas vor, ohne dem anderen jungen Mann Beachtung zu schenken, der es mit einem weiteren Whisky füllte. Louisa kannte ihn von den Fotografien aus der Zeitung, für gewöhnlich im Zusammenhang mit einer Skandalmeldung über die jüngsten Eskapaden der sogenannten „Bright Young Things“, und von Nancys Beschreibung. Seine sonore Stimme war ein echter Schock – sie schien so gar nicht zu seiner mageren, heuschreckenartigen Gestalt zu passen. Er hatte dunkles, gewelltes Haar, das sich auch mit der Pomade nicht vollständig bändigen ließ, und seine hellblauen Augen hefteten sich trotz einer gewissen Glasigkeit sofort auf Nancys Schlüsselbein, als sie näher trat. Seine Fliege hatte sich gelöst, und auf seinem Hemd prangte ein nasser Fleck von einem verschütteten Drink. Louisa wusste, dass Adrian als guter Fang galt – sollte er zu Pamelas Party kommen, wäre er der entscheidende Dominostein, dessen Zusage dafür sorgen würde, dass alle anderen folgten.

„Wen bringst du mir denn da Schönes, Süße?“, fragte er Nancy, richtete den Blick jedoch auf Pamela. „Das arme Ding sieht ja aus wie das Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank.“ Lachend leerte er sein Glas.

„Das ist Pamela“, sagte Nancy. „Sie ist erst siebzehn und tatsächlich noch ein Lämmchen. Sei also bitte nett zu ihr, Adrian.“ Sie warf ihm einen Blick zu, der Louisa verriet, dass sie genau das Gegenteil meinte.

Pamela streckte die Hand aus und sagte mit betont erwachsener Stimme: „Guten Tag, wie geht es Ihnen, Mr Curtis?“, woraufhin er nur noch lauter lachte.

„Wie altmodisch“, sagte er und schlug ihre Hand weg. „So reden wir hier nicht, Kleine. Du kannst Adrian zu mir sagen. Was möchtest du gern trinken?“ Er drehte sich um und tippte dem Mann mit der Whisky-Flasche auf die Schulter, als eine Frau auf dem Stuhl neben ihm laut aufstöhnte. Sie hatte noch wildere und wesentlich längere Locken als er und braune Augen, in denen ein ähnlich mürrischer Ausdruck lag. Auch sie war dünn, mit Wangenknochen, die von selektiver Fortpflanzung über die Jahrhunderte hinweg kündeten.

„Bitte beachte meinen Bruder gar nicht“, sagte sie. „Er ist ein Langweiler und unverschämt noch dazu. Ich bin übrigens Charlotte.“

„Pamela“, erwiderte das Mädchen und verstummte wieder. Abgesehen von ein paar Monaten in Frankreich hatte Pamela ihr ganzes bisheriges Leben in der Gesellschaft ihrer Geschwister und ihrer Kindermädchen Louisa und Nanny Blor im Haus ihrer Eltern verbracht. Dies war unbekanntes Terrain für sie.

„Komm, setz dich.“ Charlotte erhob sich und nahm zwei Gläser von einem Tablett, von denen sie ihr eines reichte. Pamela bedankte sich und nahm einen kräftigen Schluck, nur um ihn gleich wieder auszuspucken. Sie wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, wobei sie prompt den Lippenstift verschmierte, den sie in einem Anfall von Wagemut im Taxi aufgelegt hatte.

„Verflixt und zugenäht!“, stieß sie hervor, was Charlotte ein Kichern entlockte.

„Du bist wirklich niedlich. Moment, ich habe ein Taschentuch. Wir müssen dein Gesicht erst ein bisschen sauber machen. Das war wirklich drollig, was?“

Pamela nickte erleichtert und kicherte ebenfalls.

Bevor Charlotte die Tropfen von Pamelas Kinn wischen konnte, hielt sie inne und sah zu Nancy hinüber. Louisa folgte ihrem Blick und beobachtete, wie Pamelas Schwester die Standuhr auf dem Kaminsims aufzog. „Ist sie stehen geblieben?“, fragte Charlotte.

Nancy unterbrach ihre Tätigkeit und zwinkerte ihr übertrieben zu. „Partyzeit“, erklärte sie. „Ich stelle die Uhren eine halbe Stunde zurück, damit wir noch ein bisschen länger feiern können.“

„Wie witzig“, bemerkte Charlotte und widmete sich wieder Pamela.

In diesem Moment sah Louisa zu ihrer Freude Clara Fischer auf die beiden zusteuern. Mit ihren knapp einundzwanzig war Clara, von den Mitfords nur „die Amerikanerin“ genannt, eher in Nancys Alter, verhielt sich Pamela gegenüber jedoch immer sehr freundlich. Die beiden hatten in Mitford Manor schon häufiger zusammen mit den Hunden gespielt, über deren Eigenschaften und Besonderheiten geplaudert und gerätselt, was sie wohl sagen würden, wenn sie sprechen könnten – etwas, das sich beide sehnlich wünschten. Clara war ein offenes, unkompliziertes Mädchen und sehr hübsch mit ihrem blonden, in perfekte Wellen gelegten Haar und einem üppigen rosigen Mund. Sie trug stets Kleider in hellen Farben aus zarten, durchscheinenden Stoffen, die ihr eine chiffonartige Leichtigkeit verliehen.

Sie kam auf Pamela zu. „Hallo, ich wusste ja gar nicht, dass du heute Abend auch hier sein würdest.“

„Es kam ganz kurzfristig zustande“, erwiderte Pamela. „Farve war nicht allzu begeistert davon.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Clara lächelte ironisch. „Und wenn ich mir diese dekadenten Gestalten hier ansehe, muss ich sagen, dass ich es ihm nicht verdenken kann.“

Pamela sah sich um. „So schlimm sehen sie eigentlich nicht aus, finde ich.“

„Lass dich nicht täuschen. Los, rück mal ein Stück.“

„Clara“, sagte Charlotte nicht gerade freundlich, „hast du Ted gesehen? Er verdrückt sich pausenlos … nur um mit dieser fürchterlichen Dolly zu telefonieren, hab ich recht?“

„Ja. Dort drüben steht er.“ Clara zog eine ihrer sorgfältig gezupften Brauen hoch und blickte zum Kamin hinüber. „Ich frage mich, worüber sich die drei vor Lachen ausschütten.“

Nancy stand am Kamin mit Adrian und einem etwas kleineren, dunkelhaarigen Mann mit länglichem Kinn und so tief liegenden Augen, dass sie kaum zu erkennen waren. Clara und Charlotte hatten ihn Ted genannt, doch Louisa erkannte ihn unter seinem richtigen Namen aus der Zeitung: Lord De Clifford. Die drei schienen ein klein wenig unsicher auf den Beinen zu sein und brachen in johlendes Gelächter aus, noch bevor der jeweils andere seinen Satz zu Ende gebracht hatte. Nancy, die die Blicke offenbar gespürt hatte, drehte sich um und winkte ihnen zu.

„Kommt doch rüber“, rief sie. „Wir schmieden gerade einen wunderbaren Plan.“

Charlottes Widerstreben spiegelte sich in der Langsamkeit, mit der sie zum Kamin schlenderte; Clara folgte ihr, ehe sie sich noch einmal umwandte und Pamela auffordernd anstieß. „Du bist auch gemeint.“

„Los, kommt rüber, Leute“, rief Adrian. Auf seine Anweisung hin erschien Sebastian wie aus dem Nichts und trat neben Charlotte. Er wirkte zutiefst gelangweilt, doch Louisa wusste, dass er vor Nancy und ihren Freundinnen nur so tat. Sie spitzte die Ohren, als die jungen Leute sich vor dem Kamin zu einem Kreis formierten. Adrians Stimme hatte zwar nichts von ihrer Lautstärke eingebüßt, allerdings begann er zu nuscheln und redete plötzlich ganz langsam, wie eine Schallplatte, die bei falscher Geschwindigkeit abgespielt wurde.

„Ted hat eine super Idee“, sagte er. „Wir veranstalten eine Schnitzeljagd.“

„Was? Jetzt?“ Charlottes Mundwinkel sackten noch weiter nach unten. „Ich habe keine Ahnung, wieso ihr euch wie Idioten …“

„Nein, nicht jetzt“, unterbrach Adrian. „So etwas muss geplant werden. Ich rede von Pamelas Geburtstagsparty nächsten Monat.“ Er grinste breit und riss die Hände hoch wie ein Zirkusdirektor, der gerade verkündet hatte, dass nach den Trapezkünstlern die Tigernummer folgen würde.

Pamela wurde blass. „Oh, ich glaube nicht, dass Farve …“

„Halt den Mund, Mollie!“ Louisa zuckte zusammen, als sie Nancys fiesesten Spitznamen für ihre Schwester hörte, den sie vor Jahren ersonnen hatte, um sie mit ihrer üppigen Figur aufzuziehen. „Er braucht es ja nicht zu erfahren. Wir warten einfach, bis die alten Herrschaften in ihren Betten liegen. Dann können wir uns im ganzen Haus ausbreiten. Und sogar im Dorf, wenn wir wollen.“

„Wir sollten aber dafür sorgen, dass uns keiner dieser lächerlichen Zeitungsschreiberlinge auf den Fersen ist“, warf Sebastian mit einem Seitenblick auf Ted ein. Es war ein gefundenes Fressen für die Zeitungen, wenn ein junger Adliger bei einer der berüchtigten Londoner Schnitzeljagden erwischt wurde. Die Journaille stürzte sich mit Begeisterung darauf; Louisa konnte sich erinnern, dass sogar Lord Rothermere höchstpersönlich im Evening Standard einen Hinweis veröffentlicht hatte.

Clara klatschte in die Hände. „Draußen auf dem Land, meinst du? Oh, da ist es so dunkel, dass man die Hand nicht vor Augen sieht. Richtig schön gruselig! Perfekt, absolut perfekt!“

„Genau“, meinte Adrian. „Und Nancy hat gerade erzählt, hinter der Gartenmauer sei sogar ein Friedhof!“ Er gluckste vor Vergnügen und taumelte ein paar Schritte rückwärts, ehe er sich fing. Nancy lachte, als sie das sah.

„Und keine wilde Herumkurverei mit quietschenden Reifen. Das Ganze geht ausschließlich zu Fuß vonstatten. Jeder darf einen Hinweis zu einem Gegenstand schreiben, den man für gewöhnlich in einem Haus finden kann. Also, wenn alle mit von der Partie sind, können wir uns immer paarweise zusammentun.“ Eine schlaue Idee, um sich die Zusagen zu sichern, dachte Louisa.

„Und wer gewinnt?“, fragte Clara.

„Logischerweise derjenige, der als Einziger zum Schluss alle Lösungen parat hat“, warf Adrian ein.

Und so kam es, dass Adrian Curtis, zweiundzwanzig Jahre alt, seinen eigenen Tod plante, der ihn drei Wochen später ereilen sollte.

Kapitel 2

Guy Sullivan saß bereits seit acht Uhr morgens am Empfang des Polizeireviers und hatte gerade einmal drei Fälle aufgenommen: Eine alte Dame war hereingekommen, um sich bei dem reizenden jungen Sergeant zu bedanken, der ihr am Vortag geholfen hatte, ihren geliebten Kater Tibbles vom Dach herunterzuholen; ein Mann war wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen worden und schlief nun in der Ausnüchterungszelle seinen Rausch aus; außerdem war, ausgerechnet am Golden Square, ein goldener Ring gefunden worden. Guy hatte pflichtschuldig die Meldungen auf- und das Fundstück entgegengenommen und alles ordnungsgemäß abgezeichnet und abgeheftet. Nun hatte er nichts mehr zu tun, außer sich zu bemühen, aufrecht dazustehen und nicht zum fünften Mal hintereinander zu gähnen. Es war halb elf Uhr vormittags und damit noch mindestens zwei Stunden bis zur Mittagspause und sieben bis Dienstschluss. Aber er wollte nicht undankbar sein; war es nicht sein größter Wunsch gewesen, zur Londoner Metropolitan Police zu gehören? Es erfüllte ihn immer noch mit Stolz, die Marke an seinem Helm zu polieren, und er achtete stets darauf, dass seine schwarzen Stiefel glänzten, allerdings war es manchmal schwer zu sagen, ob seine Arbeit wirklich etwas nützte oder wie er jemals die Karriereleiter erklimmen sollte. Inzwischen war Guy seit drei Jahren Polizist – ein richtiger Polizist, nicht länger im Dienst der Eisenbahngesellschaft wie zuvor – und konnte es kaum erwarten zu erfahren, wann er endlich seine Laufbahn als Detective in Angriff nehmen durfte.

Das Gespräch mit seinem Vorgesetzten, Inspector Cornish, war in die Hose gegangen, noch bevor es richtig angefangen hatte. Cornish hatte den jungen Sergeant nur allzu gern daran erinnert, dass er für die beste Polizei der Welt arbeitete und schon einen guten Grund liefern musste, wenn er eine Beförderung anstrebte; so etwas bekäme man nicht vom Herumstehen, hatte er erklärt. Aber solange er bloß auf der Wache herumsaß, so wie in den vergangenen sieben Monaten auf diesem Revier, konnte Guy schlecht Initiative an den Tag legen und zeigen, was in ihm steckte. Die Polizisten, die die echten Fälle an Land zogen, ließen nicht zu, dass ein Anfänger wie er mitmischte, und wenn jemand aufs Revier kam, um eine Straftat zu melden, wurde derjenige automatisch einem anderen Sergeant zugeteilt, weil er seinen Posten nicht verlassen durfte.

Guy strich sich das Haar glatt und putzte zum hundertsten Mal an diesem Morgen seine Brille, während er sich fragte, ob seine mangelnde Sehkraft – schlimm genug, dass er deswegen aus dem Kriegsdienst ausgemustert worden war und nicht an die Front hatte ziehen dürfen – der Grund war, weshalb ihm der Superintendent keine richtigen Fälle anvertraute. Er hatte einiges an Spott über sich ergehen lassen müssen, nachdem er den Chief Inspector des Reviers nicht erkannt hatte, als dieser eines Morgens in Zivilkleidung zur Tür hereingekommen war. Guy hatte sich verteidigt, nicht sein schlechtes Sehvermögen sei schuld daran, sondern die Tatsache, dass er schlicht nicht daran gewöhnt sei, den Mann in Straßenkleidung zu sehen, wodurch er jedoch nur Öl ins Feuer gegossen hatte. Wie um alles in der Welt wolle er einen stadtbekannten Verbrecher erkennen, wenn dieser sich maskiere?, hatten die Kollegen ihn gefoppt. Cornish, der das Gefrotzel mitbekommen hatte, war zu ihnen getreten und hatte wissen wollen, was los sei, und seit diesem Tag war Guy unten durch. Zumindest hatte es den Anschein.

Während er noch überlegte, ob er die Ausgangspost alphabetisch sortieren oder lieber die Pflanze neben der Tür gießen sollte, bemerkte er eine junge Frau in Uniform, die auf ihn zukam. Es war ein recht seltener Anblick; Gerüchten zufolge gab es gerade einmal fünfzig Frauen bei der gesamten Londoner Polizei. Erst vor wenigen Jahren war es ihnen überhaupt gestattet worden, Festnahmen vorzunehmen, was unter den Männern für einigen Aufruhr gesorgt hatte. Doch normalerweise wurden den weiblichen Beamten die leichteren Fälle zugeteilt; sie wurden beispielsweise losgeschickt, um kleine Kinder oder ausgerissene Katzen aufzustöbern. Guy hatte kaum ein Wort mit seinen Kolleginnen gewechselt. Die, die gerade hereinkam, hatte er schon einmal gesehen, und auch ihr reizendes Lächeln war ihm nicht entgangen, aber an diesem Tag galt seine Aufmerksamkeit dem zappelnden Jungen, den sie am Ohr gepackt hatte. Sie marschierte geradewegs auf Guy zu und blieb schwer atmend stehen; sie schien zu allem entschlossen und gleichzeitig überaus zufrieden mit sich zu sein.

„Ich hab ihn erwischt, als er Äpfel von einem Karren auf dem St James’s Market geklaut hat“, sagte sie in einem Tonfall, mit dem sie andeuten wollte, dass sie alle naslang unbelehrbare Missetäter auf das Revier in der Vine Street schleppte. Guy beschloss spontan mitzuspielen.

„Ich gehe jede Wette ein, dass er das nicht zum ersten Mal getan hat, stimmt’s?“

Die Polizistin lächelte dankbar. „Nein. Ganz gewiss nicht.“ Allmählich beruhigte sich ihre Atmung, doch sie machte keine Anstalten, ihren Griff zu lockern. Der Junge – er musste etwa vierzehn sein – war recht klein für sein Alter und drahtig, hätte sich aber jederzeit losreißen können. Das legte den Verdacht nahe, dass er in Wahrheit sogar auf eine Nacht in der Arrestzelle hoffte, wo ihn eine warme Suppe und ein Stück Brot erwarteten. „Ich denke, wir sollten seine Personalien aufnehmen und dann den Superintendent fragen, wie es weitergehen soll.“

„So machen wir es, Constable“, sagte Guy, woraufhin sie erneut das Gesicht zu einem – ausnehmend anziehenden – Lächeln verzog. Er richtete sich zu voller Größe auf, wie ein Kater mit stolz geschwellter Brust. Seit Louisa Cannon hatte niemand mehr diese Wirkung auf ihn gehabt. Beim Gedanken an sie schüttelte er den Kopf und beschloss, sich lieber wieder seiner Arbeit zuzuwenden. Er nahm den Namen und die Adresse des Jungen auf, beides vermutlich falsch, und rief einen Kollegen herbei, der den jungen Übeltäter zu den Arrestzellen bringen sollte. Guy bemerkte die enttäuschte Miene der Polizistin, als sie entlassen und an die Arbeit zurückgeschickt wurde.

„Sie haben Ihre Sache wirklich gut gemacht“, meinte er. „Eine Verhaftung, dabei ist es noch nicht einmal Mittag.“

„Ja, wahrscheinlich haben Sie recht“, gab sie wehmütig zurück. Guy betrachtete ihre schlanke Figur in der gut sitzenden Uniform und ihre hübschen, wohlgeformten Beine, die so gar nicht zu den schweren schwarzen Schnürstiefeln passen wollten. Sie ließ den Blick umherschweifen, um sicherzugehen, dass niemand sie hören konnte. „Es ist nur …“

„Was denn?“

„Nie kriege ich einen richtigen Fall zugeteilt. Sie wissen schon, etwas, das echte Polizeiarbeit erfordert. Ich dachte, ich dürfte ihn wenigstens zu den Zellen bringen, auch wenn sie ihn heute Nachmittag bestimmt schon wieder laufen lassen, stimmt’s?“

Guy zuckte mit den Schultern und beschloss, sie mit gönnerhaftem Gefasel zu verschonen. „Ja“, räumte er ein. „Wahrscheinlich. Es liegt nicht genug gegen ihn vor, um Anklage zu erheben. Trotzdem war es richtig, was Sie getan haben. Nächstes Mal überlegt er es sich bestimmt zweimal, bevor er zugreift.“

„Ja, das wird er wohl. Danke.“ Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal zu Guy um. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Sergeant Sullivan“, antwortete er, ehe er ein wenig sanfter hinzufügte: „Aber Sie können Guy zu mir sagen.“

„Gern“, gab sie zurück, „aber nur, wenn Sie mich Mary nennen. Ich bin Constable Moon.“

„Mary Moon?“

„Ja, aber sparen Sie es sich. Ich habe bereits jeden erdenklichen Witz über meinen Namen gehört, den Sie sich vorstellen können … und ein paar mehr.“

Sie lachten beide schallend, als ein weiterer Sergeant erschien und neben Guy trat. „Wenn Sie beide nichts Besseres zu tun haben, als hier herumzustehen und zu kichern, können Sie ebenso gut zur Einsatzbesprechung kommen. Cornish will jeden dabeihaben, der noch nicht zur Streife eingeteilt wurde.“ Damit ging er davon und suchte sich das nächste Opfer.

Marys Miene erhellte sich. Sie wandte sich zum Gehen, blieb jedoch stehen und sah über die Schulter. „Kommen Sie nicht mit?“

„Nein, ich darf hier nicht weg.“

„Nicht mal für fünf Minuten?“

Guy kam sich wie ein Narr vor, als er den Kopf schüttelte.

Mary kam zurück. „Vorschlag – Sie gehen, und ich bleibe so lange hier. Das kann ja nicht so schwer sein, eine Weile Wache zu schieben.“

„Aber was ist …?“

„Die geben mir sowieso nichts Anständiges. Gehen Sie hin, und erzählen Sie mir dann, wie es war.“

Guy bemühte sich, noch ein wenig zu zögern, um ihr Gelegenheit zu geben, ihr Angebot zurückzuziehen, doch in Wahrheit konnte er es kaum erwarten.

 

Im Versammlungsraum war es rammelvoll. Inspector Cornish stand vorn und richtete das Wort bereits an die aufmerksam lauschenden Polizisten. Guy schlich sich hinein und stellte sich ganz hinten an die Wand. Er konnte seinen Eifer nur mit Mühe bezähmen. Cornish galt als beinharter Typ, stand jedoch zugleich in dem Ruf, Ergebnisse zu liefern, daher wurde seine derbe Ausdrucksweise toleriert und von vielen sogar als angemessen für die zu bewältigenden Aufgaben empfunden. „Wenn du das nicht aushältst, bist du bei der Met fehl am Platz“, war ein Spruch, den Guy schon mehrmals gehört hatte, wenngleich glücklicherweise nie an ihn gerichtet. Cornishs Anzug saß besser, als man es für einen Inspector erwarten würde, zudem fuhr er einen schicken neuen Chrysler, was für jemanden seiner Gehaltsklasse ebenfalls ungewöhnlich erschien. Immer wieder kamen Gerüchte über Schmier- und Bestechungsgelder auf, Beweise gab es jedoch keine dafür, und wenn, dann wurden sie häufig von Achselzucken à la „Wieso auch nicht?“ begleitet, was Guy reichlich deprimierend fand. Doch nach drei Jahren bei der Londoner Polizei war von seinem Glauben an das Gute im Menschen nicht mehr allzu viel übrig geblieben.

„Für euch Jungs bedeutet Weihnachten, dass ein Fettsack durch den Kamin klettert, um euch warme Handschuhe in den Strumpf zu stecken“, bellte Cornish, „oder ein riesiger, gefüllter Truthahn für Tiny Tim“ – er hielt inne, um sich über seinen eigenen Scherz auszuschütten –, „aber für dieses elende Pack da draußen geht es nur ums Nehmen und nicht ums Geben. Und die warten nicht, bis wir das erste Türchen am Adventskalender aufmachen dürfen“, fügte er hinzu, woraufhin ein paar Polizisten höflich lachten. „Nun, meine Herren, wir haben Grund zur Annahme, dass Miss Alice Diamond und ihre Forty Thieves in der Oxford Street, der Regent Street und der Bond Street ihr Unwesen treiben werden. In den vergangenen zwei, drei Jahren hat sie unseren heißen Atem im Nacken gespürt und sich daher auf die Provinzen und Kleinstädte konzentriert. Aber es sieht so aus, als würde sie zu Weihnachten nach Hause kommen, daher müssen wir unser Netz auswerfen, um sie endlich zu schnappen. Deshalb will ich, dass so viele von euch wie möglich Streife gehen und mir zu Schichtende Bericht erstatten. Verstanden?“ Er ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. „Gut, Jungs. Stellt euch auf, damit Sergeant Cluttock die Instruktionen erteilen kann. Ihr werdet paarweise und in Zivil arbeiten.“ Mit einem letzten finsteren Blick auf die Mannschaft verließ er den Raum.

Hilflos sah Guy sich um. Die anderen hatten im Handumdrehen ihren Partner gefunden … manchmal genügte schon ein flüchtiges Zwinkern oder ein Nicken, um ein festes Gespann zu bilden. In Momenten wie diesem vermisste Guy seinen einstigen Partner Harry schmerzlich. Nachdem Guy zur Met gewechselt war, hatte der zwar weiterhin für die London, Brighton and South Coast Railway Police gearbeitet, vor ein paar Monaten jedoch hatte er gekündigt, um endlich als Musiker in einem der vielen Jazzclubs auftreten zu können, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Guy mochte durchaus den einen oder anderen Freund auf dem Revier haben oder sich zumindest auf kollegialer Ebene gut verstehen, doch hier ging es um mehr als belanglose Plaudereien bei Fleischpastete und Kartoffelbrei in der Kantine. Es ging darum, wer einem helfen könnte, einen Fall an Land zu ziehen, der einem Cornishs Aufmerksamkeit, ein Lob und damit über kurz oder lang eine Beförderung einbrachte. Sieben Monate am Empfangstresen hatten nicht dazu beigetragen, Guy als ehrgeizige Spürnase dastehen zu lassen. Wie gelähmt sah er zu, als die Männer in Zweierteams den Raum verließen, wie die Pärchen auf dem Weg in Noahs Arche. Sobald das letzte Gespann, das eher an zwei lachende Hyänen erinnerte, verschwunden war, sammelte Sergeant Cluttock seine Unterlagen zusammen und wollte ebenfalls aufbrechen. Guy trat zu ihm, aber sein Mund war so trocken, dass nur ein Krächzen herauskam.

„Entschuldigen Sie, Sir.“

Cluttock sah auf, sein Schnurrbart zitterte. „Was gibt’s?“

„Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht auch eingeteilt werden könnte.“

Cluttock machte eine übertriebene Geste um sich herum. „Ich sehe keinen Partner. Sie haben doch gehört, was der Boss gesagt hat. Paarweise.“

„Aber ich habe eine Partnerin, Sir. Sie ist nur gerade …“ Er unterbrach sich und überlegte kurz. „Sie ist mit etwas anderem beschäftigt und sollte gleich fertig sein. In ein paar Minuten könnten wir los.“

„Name?“

„Meiner, Sir?“

„Nein, der vom Schuhputzer des Königs. Natürlich Ihrer.“

„Sergeant Sullivan, Sir. Und mein Partner ist Constable Moon.“

Cluttock blickte auf seine Liste. „Sie können die Great Marlborough Street nehmen. Dort gibt es kleinere Geschäfte. Die werden zwar weniger häufig überfallen, aber man weiß ja nie. Um Punkt sechs will ich Ihren Bericht haben. Halten Sie alles fest, was Ihnen verdächtig vorkommt, reden Sie mit Verkäuferinnen und so weiter. Sie wissen ja, wie das geht.“ Er zog eine Braue hoch. „Das tun Sie doch, oder?“

„Natürlich ja, Sir. Vielen Dank, Sir.“ Guy strahlte, als hätte er gerade seinen Weihnachtsstrumpf vom Kamin genommen und darin echte Goldmünzen statt welche aus Schokolade gefunden. Erst jetzt merkte er, dass Cluttock ihn ansah. „Ich bin immer noch hier, stimmt’s?“

„Sieht ganz so aus, Sergeant Sullivan.“

„Aber nicht mehr lange, Sir.“ Guy stürmte hinaus und zurück zum Empfang.

 

Mary war vor Freude völlig aus dem Häuschen, als Guy ihr die Neuigkeiten überbrachte. „Sie haben ihm meinen Namen genannt?“, fragte sie zum dritten Mal. „Und er hat nicht gesagt, ich soll hierbleiben?“

„Ja, genau das habe ich getan“, beteuerte Guy. „Und nein, er hat nichts dergleichen gesagt. Aber es gibt ein anderes Problem.“

„Und zwar?“

„Ich soll eigentlich am Empfang bleiben.“

„Aber wieso sagen Sie nicht demjenigen, der Sie eingeteilt hat, dass Sie anderweitig gebraucht werden. Dann muss eben ein anderer Kollege übernehmen.“ Sie riss die Augen auf und legte die Hände zum Gebet zusammen. „Bitte, Sie müssen es versuchen. Das ist meine einzige Chance, mich zu beweisen. Es muss klappen!“

Guy wusste nur zu gut, wie sie sich fühlte. Er nickte und machte sich auf den Weg, bevor ihn der Mut verlassen konnte. Zu seiner Verblüffung ließ sein Vorgesetzter ihn ohne viele Fragen ziehen. Offensichtlich hatte sich herumgesprochen, dass jede verfügbare Kraft benötigt wurde, um Alice Diamond und ihre Spießgesellinnen zu schnappen. In Rekordzeit waren Mary und Guy jeweils nach Hause gefahren, um sich umzuziehen. Nun gingen sie die Great Marlborough Street entlang, und es galt nichts weniger, als die dreisteste Verbrecherin Englands und ihre Bande zu schnappen.

Jessica  Fellowes

Über Jessica Fellowes

Biografie

Jessica Fellowes, bekannt durch ihre Begleitbücher zur weltberühmten Serie „Downton Abbey“, arbeitet als Journalistin und Referentin und war früher als stellvertretende Chefredakteurin von Country Life tätig. Sie ist die Nichte von Julian Fellowes, Schauspieler, Romanautor und Verfasser der »Downton...

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