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Die Krone der Dunkelheit

Magieflimmern

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Die Krone der Dunkelheit — Inhalt

Freya kennt die Wahrheit. Sie hat herausgefunden, was mit ihrem Bruder im Land der Fae geschehen ist, und nun bleibt für sie nur noch eines zu tun: Sie muss nach Thobria zurückkehren und sich ihrem Schicksal als zukünftige Königin stellen. Doch der Hof ist ein goldener Käfig voller Regeln und Verbote, dabei will Freya nichts sehnlicher als Magie wirken und Larkin finden, der als gesuchter Verbrecher noch immer auf der Flucht vor dem König ist. Zeitgleich ziehen die geplatzte Krönung und das gescheiterte Attentat auf den jungen Fae-Prinzen Kheeran immer gravierendere Folgen nach sich. Unruhen brechen unter den Unseelie aus und womöglich findet diese Bedrohung schon bald einen Weg in das Reich der Menschen.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.09.2019
608 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70527-1
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 02.09.2019
608 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99374-6

Leseprobe zu „Die Krone der Dunkelheit“

1. Kapitel – Elroy

– Amaruné –


Elroy würde diesen Mistkerl töten. Er würde ihn von oben nach unten aufschlitzen und dann … neidisch dabei zusehen, wie sich die Wunden wieder schlossen.

Unsterblicher Drecksack.

Doch er war selbst schuld. Er hätte der Prinzessin und ihrem Wächter nicht so blind vertrauen dürfen. Hatten ihn die Jahre auf hoher See unter Piraten, Dieben, Hehlern und Betrügern nichts gelehrt? Man war nie der Erste, der die Ware auf den Tisch legte, und dennoch hatte er die beiden bereitwillig nach Meridian geschifft, ohne ihre Worte zu [...]

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1. Kapitel – Elroy

– Amaruné –


Elroy würde diesen Mistkerl töten. Er würde ihn von oben nach unten aufschlitzen und dann … neidisch dabei zusehen, wie sich die Wunden wieder schlossen.

Unsterblicher Drecksack.

Doch er war selbst schuld. Er hätte der Prinzessin und ihrem Wächter nicht so blind vertrauen dürfen. Hatten ihn die Jahre auf hoher See unter Piraten, Dieben, Hehlern und Betrügern nichts gelehrt? Man war nie der Erste, der die Ware auf den Tisch legte, und dennoch hatte er die beiden bereitwillig nach Meridian geschifft, ohne ihre Worte zu prüfen. Warum hatte er angenommen, Freya und Larkin seien ehrlicher als das Pack, mit dem er es gewöhnlich zu tun hatte? Alle Menschen waren gleich.

Elroys Hände umklammerten das Holz des Waschzubers, und er stemmte sich in die Höhe. Die dickflüssige braune Masse schwappte hin und her, was den Gestank noch unerträglicher machte als ohnehin schon, und lief in schwerfälligen Rinnsalen über seinen Körper. Er rümpfte die Nase und rügte sich einmal mehr für seine eigene Dummheit. Die Aussicht auf die Unsterblichkeit hatte ihn unvorsichtig und gierig gemacht. Er hätte Larkin in der Kneipe in Askane damals wohl alles geglaubt, in der Hoffnung, endlich das Geheimnis des ewigen Lebens gefunden zu haben. Stattdessen hatte er den Tiefpunkt seines zweiundzwanzigjährigen Lebens erreicht – nackt und von oben bis unten mit Scheiße beschmiert. Und übel war ihm auch. Nicht von dem Gestank, der ohnehin überall im fünften Ring herrschte, sondern von dem Gesöff, zu dem der Wächter ihn verleitet hatte. Moos, alte Kröte und Rosmarin, eingekocht mit dem Haar einer Fae. Er hatte sein Leben riskiert, um an dieses Haar zu gelangen. Auf dem Schwarzmarkt war er einem Seelie hinterhergestiegen, bis sich die Gelegenheit geboten hatte, ihm eine seiner feuerroten Strähnen abzuschneiden. Das war allerdings nicht unbemerkt geblieben, und Elroy wäre beinahe an der Luftmagie der Fae erstickt, wäre ihm seine Mannschaft nicht zu Hilfe gekommen.

Er hasste die Fae für diese Gabe und ihr langes Leben. In Wirklichkeit sprach jedoch nur der Neid aus ihm. Die Fae besaßen, was er begehrte und nicht besaß, aber irgendwann bekommen würde. Larkin hatte ihn vielleicht täuschen können, aber er gab nicht auf. Sollte der Wächter ihm jemals wieder begegnen, würde er den Tag bereuen, an dem er Captain Elroy belogen hatte.

Manchmal fragte er sich, ob er einfach den Wächtern beitreten sollte, um sich die Unsterblichkeit verleihen zu lassen. Das wäre der einfachste Weg. Doch die Männer in Schwarz waren streng, wenn es um ihren Eid ging. Vor zwei Jahrzehnten hatte ein Mann dasselbe versucht. Er war zum Wächter geworden und anschließend geflohen. Die anderen hatten ihn gejagt, zurück an die Mauer geschleift und mit einem magischen Schwert enthauptet. Es war die einzige aufgezeichnete Hinrichtung, die es unter den Wächtern je gegeben hatte. Und obwohl sich Elroy aufs Fliehen und Untertauchen verstand, wollte er es nicht riskieren. Immerhin waren die Wächter keine gewöhnlichen Männer, und ihnen blieb die Ewigkeit, um ihm nachzujagen.

Elroy stieg aus dem Waschzuber, und Scheiße tropfte zu Boden. Immerhin musste er das Zeug nicht wegtragen und aufwischen, dafür bezahlte er dem Wirt und der Wirtin zu viel. Auf seine Anfrage nach einem Fass Gülle hatten sie sich eigenartig abweisend gezeigt, aber mit ausreichend Gold hatte er alle Bedenken zum Schweigen gebracht.

Sich an der Wand abstützend, humpelte er zu einem zweiten Zuber, der mit Wasser gefüllt war, und ließ sich in das warme Nass gleiten. Ein Seufzer entwich seinen Lippen, und er beobachtete, wie sich der Dreck von seiner braunen Haut löste, bevor er den Kopf in den Nacken legte und abermals wohlig stöhnte. Es war nicht die Wärme, sondern die Nähe zum Wasser, die seine Muskeln augenblicklich entspannte.

Über ihm kroch ein Käfer an der Decke, der mit seiner Größe selbst den Viechern aus seiner Heimat Séakis Konkurrenz machte, allerdings störte er sich nicht an dem Insekt. Was hatte er auch in einer Spelunke wie dieser erwartet? Sie lag im fünften Ring der thobrischen Hauptstadt, weit entfernt vom königlichen Schloss der Draedons, aber dafür näher am Meer, und nur das zählte.

Elroy blieb noch eine Weile im Wasser. Mit geschlossenen Augen dachte er an sein Schiff, die Helenia. Sie lag sicher im nächsten Hafen, bewacht von einem Teil seiner Mannschaft, und wartete geduldig auf seine Rückkehr, aber er hatte noch Geschäfte in Amaruné zu erledigen.

Apropos Geschäfte – es wurde Zeit.

Elroy hievte sich in die Höhe und ließ sich auf dem Rand des Waschzubers nieder. Diesmal war es nur noch Wasser, das von seinem Körper tropfte. Suchend blickte er sich um und fluchte laut, als er das Tuch, welches ihm die Wirtin gegeben hatte, am anderen Ende des Raumes auf der Pritsche entdeckte. Er blickte an sich hinab und betrachtete den Stumpf, der einst sein linkes Bein gewesen war. Inzwischen vermisste er es nicht mehr, aber manches wäre schon einfacher gewesen, wäre es noch da.

Zum Glück konnte ihn niemand sehen, als er zur Pritsche hüpfte. Er trocknete sich ab und legte die Prothese an. Sie hatte ihn ein Vermögen gekostet, war aber jedes Stück Gold wert gewesen. Die meisten Menschen bemerkten nicht einmal, dass ihm ein Bein fehlte. Die Männer, die mit ihm auf See waren, wussten Bescheid, aber auch nur, weil sie dabei gewesen waren, als er es verloren hatte.

Nachdem das künstliche Glied an seinem Platz saß, legte er seine Uniform an, die aus braunen, dunkelroten und goldenen Stoffen bestand.

Gerade als er sich seine Ringe über die Finger streifte, war ein Klopfen an der Tür zu hören. „Herein!“, rief er und war nicht überrascht, Yale zu sehen, das älteste Mitglied seiner Mannschaft. Nicht in dem Sinn, dass Yale alt war, er war nur ein Jahr älter als Elroy selbst, aber er begleitete ihn bereits, seit sein Schiff vor sechs Jahren erstmals Segel gesetzt hatte.

„Hier stinkt es, als hättest du eine Verabredung mit einer Giftmischerin gehabt“, sagte Yale und rümpfte die Nase. Dennoch lag ein Schmunzeln auf seinen Lippen. Sie alle würden sich auf ewig über Braxton lustig machen, ein weiteres Mitglied der Mannschaft. Vor zwei Jahren hatte er eine Giftmischerin so lange in einer Taverne bedrängt, bis sie ihn mit zu sich nach Hause genommen hatte. Drei Wochen lang hatte sein Atem nach vergorenem Fisch und ranziger Butter gerochen. Bisher hatten sie nicht herausgefunden, was die Mischerin ihm damals verabreicht hatte.

„Das ist der Gestank des Verrats“, antwortete Elroy und blickte in den Spiegel, um sich den goldenen Ring durch die Nase zu schieben.

In der Spiegelung des trüben Glases beobachtete er, wie sich Yales Stirn in Falten legte. Die Haut des Steuermannes war dunkler als seine eigene, und während ihm das schwarze Haar bis auf die Schultern fiel, wenn er es offen trug, war Yales Kopf kahl geschoren. „Es ist also nicht gelungen?“

Elroy richtete sich auf. „Was glaubst du?“

„Ich glaube, du könntest etwas zu trinken vertragen. Die anderen und ich besuchen die Spielhalle, die wir gestern entdeckt haben.“ Das erklärte seinen Aufzug. Statt der dunklen Leinenhose und des Hemdes, die immerzu nach Salz und Schweiß rochen, trug er ein Gewand, das Elroy noch nie an ihm gesehen hatte. Hoffentlich hatte der Tölpel es nicht geklaut. Das Letzte, was sie brauchten, war Ärger in einer Stadt, in der es von Gardisten nur so wimmelte. „Kommst du mit, Captain?“

Elroy schüttelte den Kopf. „Später. Ich habe noch etwas zu erledigen.“ Sein Blick zuckte zu den beiden Waschzubern hinüber. „Und sag dem Wirt, dass er hier aufräumen kann.“

Yale nickte. „Aye.“

Elroy wartete, bis der andere Mann das Zimmer verlassen hatte, bevor er vor seiner Pritsche auf die Knie ging und einen länglichen Koffer darunter hervorzog. Er öffnete die Schnallen, und mit einem Klicken sprangen sie auf.

Sein Schatz war noch da.

 

Auf den ersten Blick war Amaruné keine prächtige Stadt. Angeordnet wie eine Zielscheibe, empfing sie Ankommende im äußersten und schäbigsten Bezirk. Die unebenen Straßen mit den verfallenen Hütten wiesen so viele Löcher auf, dass sich die Schrauben aus den Karren drehten. Dieser hässliche erste Eindruck wirkte alles andere als einladend auf einen Fremden. Das Elend verschwand jedoch, je tiefer man in die Stadt vordrang. Aus verkommenen Hütten wurden Häuser und schließlich Villen. Holperige Wege weiteten sich zu befestigten Straßen, und der Unrat wich unter die Erde.

Elroy mochte schöne Dinge, und anfangs hatte dieser Aufbau sein ästhetisches Empfinden gestört, aber der Stratege in ihm wusste die Architektur zu schätzen. Sollte ein Krieg ausbrechen, würden erst die unbedeutenden Teile der Stadt zerstört, und die Verluste wären geringer. Dennoch war er froh, nun durch einen der nobleren Stadtteile zu spazieren.

Hier war es nicht nur schöner, sondern es gab auch Menschen, bei denen sich der Betrug lohnte. Zwar hatte er diesmal nicht vor, die Taschen irgendwelcher Adliger zu leeren, aber zumindest konnte er sich einen Überblick verschaffen. Außerdem gefiel es ihm, wie das Licht an diesem trüben Tag durch die Fenster der Häuser hereinfiel. Als wäre jede Hütte ein eigener kleiner Leuchtturm. Alles, was fehlte, waren das Meer und sein Schiff.

Er folgte dem Weg aus Lichtern, bis er sein Ziel erreichte – das Königlich, ein Laden im ersten Ring der Stadt, in dem wohlhabende Bürger und reiche Kaufleute mit ihrem Geld unnütze Dinge erwerben konnten. Bei dem Gedanken, seinen Schatz an einen Ort wie diesen zu bringen, blutete Elroy das Herz. Sein Schatz gehörte nicht hierher und sollte auch nicht als Wanddekoration in den Häusern gelangweilter Adliger enden. Der Inhaber des Königlich konnte ihm jedoch sicher mehr bezahlen als jene Menschen, die seines Schatzes würdig waren. Zwar mangelte es Elroy nicht an Gold, aber das meiste davon lag sicher in seiner Schatzkammer in Séakis, und seine Mannschaft wollte vor Ort bezahlt werden. Männer wie Yale machten ihre Treue nicht vom Gold abhängig, aber nicht alle waren wie er, zumal sein Wunsch nach der Unsterblichkeit die Helenia schon an so manchen gefährlichen Ort gebracht hatte. Melidrian war harmlos dagegen.

Das Läuten einer hellen Glocke kündigte Elroy an, als er das Königlich betrat.

„Seid gegrüßt, mein Herr“, sagte ein Mann, der hinter dem Tresen stand. Doch es war kein gewöhnlicher hölzerner Tresen, vielmehr bestand dieser aus Glas. Darin wurden Waren zur Schau gestellt. Filigrane Figuren, goldene Kompasse und üppige Ringe. Über dem Kopf des Mannes schwebte der Nachbau eines Schiffes, das an Fäden von der Decke hing. Ringsum säumten Regale mit alten Büchern und Schriftrollen die Wände. Glänzende Steine und Kristalle, für deren Besitz arme Bürger schon als angebliche Anhänger der Alchemie auf dem Scheiterhaufen gelandet waren, häuften sich in den Vitrinen und wurden für ein Vermögen verkauft, das in keinem Verhältnis zu ihrer Herkunft stand.

Elroy durchquerte den Laden und blieb vor dem Mann stehen. Ein Monokel klemmte in dessen rechtem Auge, das von Fältchen umgeben war. „Seid Ihr Norwell?“

Der Mann nickte. Weder Skepsis noch Misstrauen spiegelten sich in seinen Gesichtszügen. Der Blick aus seinen blauen Augen war klar. Dies war die Überheblichkeit eines Mannes, der noch keinen Tag seines Lebens in Angst verbracht hatte. „Und wer seid Ihr?“

„Ich habe etwas für Euch“, erwiderte Elroy, ohne auf die Frage einzugehen, und hob seinen Koffer auf den Tresen. Als er die Schnallen öffnete, hob Norwell vor Neugier die Brauen. Zum Vorschein kamen zehn sorgfältig zusammengerollte Landkarten. An den Schnüren, die sie zusammenhielten, hingen silberne Taler, in denen ein Emblem eingeprägt war.

Die Neugier in Norwells Gesicht verwandelte sich in blankes Erstaunen. Seine Lippen teilten sich, und seine Augen glänzten vor Aufregung. »Sind das …?«

„Ja“, antwortete Elroy und ließ den Händler nicht aussprechen. „Zehn Morthimer. Handgefertigt. Unbenutzt.“

„Woher habt Ihr sie?“

„Spielt das eine Rolle?“, fragte Elroy. Die Wahrheit hätte Norwell ihm ohnehin nicht abgenommen.

Andächtig, als würde er eine Geliebte liebkosen, ließ der Händler die Finger über das Papier gleiten. Und es war nicht irgendein Papier. Es war das Papier, das die Hohepriester von Khariore für ihre heilige Schrift herstellten. Unbezahlbar für die Anhänger ihres Glaubens. Nicht, dass Norwell das wusste, vermutlich hatte er Thobria noch nie in seinem Leben verlassen. „Wie viel verlangt Ihr dafür?“

„Hundert Goldstücke.“

„Hundert Goldstücke für alle Karten?“

Elroy lachte. „Pro Karte.“

Empört starrte Norwell ihn an. „Das ist zu viel!“

„Ist es nicht, und das wissen wir beide. Ihr könnt zweihundert pro Karte verlangen. Für diese beiden vermutlich sogar mehr.“ Er deutete auf zwei der Rollen. Es waren Landkarten von Grahúll und Ivregos, und die darauf abgebildeten Symbole der Städte waren aus flüssigem Gold gezeichnet.

Norwell seufzte. „Ich bezahle Euch achtzig.“

„Hundert.“

„Fünfundachtzig.“

„Hundert.“

„Neunzig.“

Elroy biss die Zähne zusammen. Dank Larkin und dessen Lüge hing seine Geduld ohnehin schon an einem seidenen Faden. Er wollte hier nicht herumstehen und handeln. Er wollte sein Geld, ein Bier und eine hübsche Frau, bei der er vergessen konnte, dass er vor Kurzem eine Stunde lang in Pferdedung gesessen hatte. „Hundert.“

„Fünfundneunzig.“

„Wisst Ihr was? Vergesst es! Ich finde einen anderen Käufer.“ Elroy griff nach dem Koffer, um ihn zu schließen, als Norwells Hand nach vorn schoss und sein Handgelenk packte. Es lag erstaunlich viel Kraft in den filigranen Fingern.

„Ich nehme sie.“

Elroy blickte auf die Hand, die ihn festhielt, und ließ vom Koffer ab. „Einverstanden, hundertzehn Goldmünzen pro Karte, und sie gehören Euch.“

Eine Furche bildete sich in Norwells Stirn. Ein Wunder, dass ihm das Monokel nicht vom Auge fiel. „Ihr sagtet hundert Goldmünzen.“

Elroy setzte ein Lächeln auf, das alles andere als freundlich war. „Das war der Preis, bevor Ihr mich verärgert und angefasst habt.“

Norwell zog seine Hand zurück. »Aber …«

„Spart Euch Euren Atem!“, unterbrach er ihn. „Hundertzehn Goldmünzen. Nicht mehr und nicht weniger. Und das nächste Mal, wenn Ihr mich herunterzuhandeln versucht, wandert der Preis auf hundertfünfzig Dukaten. Also, kommen wir ins Geschäft oder nicht?“

Norwell presste die Lippen aufeinander, bis die Haut um seinen Mund blass wurde. Er wusste, dass er gerade erpresst wurde, doch die Aussicht auf die Morthimers war für ihn genauso reizvoll wie die Unsterblichkeit für Elroy. „Aber zuerst muss ich die Karten auf ihre Echtheit hin überprüfen.“

Elroy lehnte sich gegen den gläsernen Tresen und machte eine auffordernde Handbewegung. Das Licht der Petroleumlampen, die an der Decke des Ladens hingen, brachte seine Ringe zum Glänzen. „Nur zu!“

Norwell nahm die erste Karte aus dem Koffer, löste vorsichtig die Schnüre und legte den Taler mit dem Emblem – ein kunstvoll geschwungenes M – vorsichtig zur Seite. Dann rollte er die Karte aus, und ein andächtiger Laut entfuhr seinen Lippen. Elroy konnte der Bewunderung nur zustimmen. Dies war mit Abstand eine der besten Arbeiten Morthimers. Vielleicht sogar die beste.

„Erstaunlich“, murmelte Norwell und beugte sich mit einem Vergrößerungsglas über die Karte, deren Farben leuchteten wie der Sonnenaufgang. „Ist das Gold?“ Ohne die Tinte zu berühren, deutete er auf eine Krone, welche die Stadt Vreéwth symbolisierte.

Elroy nickte.

„Erstaunlich“, wiederholte Norwell. Dabei lehnte er sich so weit nach vorn, als wollte er in die Karte hineinkriechen.

Hinter Elroy erklang das Läuten der Glocke. Er drehte sich um und beobachtete, wie eine Frau den Laden betrat. Sie trug ein schlichtes blaues Kleid, und ohne die glänzende Spange, die ihr hellbraunes Haar zusammenhielt, hätte Elroy sie der neuen Mittelschicht zugeordnet. So jedoch war ihr Wohlstand deutlich zu erkennen. Ungeniert betrachtete er sie, und ihre Blicke begegneten sich.

Der Atem der Frau stockte. Sie wandte sich eilig ab und tat so, als würde sie eins der Ausstellungsstücke bewundern, während ihr die Röte in die blassen Wangen kroch. Beinahe glaubte Elroy ihr Herz schneller schlagen zu hören. Er wusste um seine Wirkung auf Frauen und so manch einen Mann. Nicht einmal Prinzessin Freya hatte sich bei ihrem ersten Treffen seiner Ausstrahlung entziehen können. Er war schön, und das wusste er. Oft verschaffte ihm sein Aussehen Vorteile, aber manchmal wünschte er sich ein weniger auffälliges Gesicht, das nicht ständig die Blicke irgendwelcher Fremder auf sich zog.

Zögernd hob die Frau den Kopf und blinzelte verlegen in seine Richtung. Ein zartes Lächeln trat auf ihre Lippen, und er fragte sich, ob sie ihm später womöglich Gesellschaft leisten würde. „Guten Abend“, sagte er und hob die Mundwinkel.

„Seid gegrüßt“, erwiderte die Frau mit einer Stimme seicht wie das Meer vor dem Sturm.

„Gefällt Euch die Uhr?“

Verwirrt runzelte sie die Stirn, und er deutete auf die Uhr, die sie betrachtet hatte, um seinem Blick zu entgehen. Ihre Wangen nahmen eine noch dunklere Farbe an. „Sie ist schön, aber nicht außergewöhnlich.“

„Ihr mögt es außergewöhnlich?“, fragte Elroy und war sich der Zweideutigkeit seiner Worte bewusst. Denn in einer Stadt wie Amaruné und einem Land wie Thobria war er außergewöhnlich. Und vielleicht wollte sie ihn ihrer Sammlung hinzufügen.

Die Frau nickte und blieb neben ihm stehen. Der Duft von Rosen haftete ihr an, und als sie sich über den Tresen beugte, streifte ihre Hand seinen Arm. Norwell war gerade mit der Überprüfung der zweiten Karte beschäftigt. Sie zeigte die Ansicht einer Insel, jenseits der grauen See. „Die ist wirklich sehr schön“, sagte die Frau. „Morthimer?“

Norwell hob den Kopf. „Ja. Der Herr will sie mir gerade verkaufen. Findet Ihr Gefallen daran?“

Die Frau sah von der Karte auf und wandte sich an Elroy. Er war gut einen Kopf größer als sie. Ihre grünen Augen schimmerten begierig. „Seid Ihr ein Kaufmann?“

„Das oder ein Pirat. Wer weiß das schon!“

Sie lachte. „Welche Karte gefällt Euch am besten?“

„Diese hier.“ Elroy griff nach der Karte, die Norwell zuvor gesichtet hatte. Dabei entging ihm dessen mürrische Miene nicht. Doch noch hatte er kein Gold gesehen, also gehörten die Karten ihm, und er durfte damit tun und lassen, was er wollte. Also konnte er sie auch ohne Zwischenhändler verkaufen.

Nachdenklich studierte die Frau die Karte. „Wusstet Ihr, dass Morthimer verrückt ist?“, fragte sie, ohne Elroy anzusehen. „Angeblich hat er sich selbst ein Bein abgehackt.“

„Wieso sollte er das tun?“

„Er ist verrückt. Ist das nicht Grund genug?“

Elroy biss sich auf die Unterlippe. Er hatte sich sein Bein nicht aus Vergnügen oder Tollheit abgeschlagen. Ein Seetyrann hatte sich darin verbissen, und er hatte eine Entscheidung treffen müssen – ohne Bein zu leben oder mit Bein zu sterben. Er hatte das Leben gewählt. Das machte ihn nicht verrückt, sondern vernünftig. Doch das sagte er nicht. „Und, was denkt Ihr? Wollt Ihr die Karte?“

Laura Kneidl

Über Laura Kneidl

Biografie

Laura Kneidl, 1990 in Erlangen geboren, begann 2009 an ihrem ersten Roman zu arbeiten. Seitdem schreibt sie u.a. über die große Liebe und phantastische Welten und hat bereits sehr erfolgreich in verschiedenen Genres veröffentlicht. Ihre New-Adult-Reihe „Berühre mich. Nicht.“ stürmte die...

Pressestimmen
buecherbasar

Kneidls Schreibstil ist weiterhin wortgewand, bildhaft und seht atmosphärisch, weshalb man nur so durch die Seiten fliegt.

explosionofmyownreality

Ich fand den zweiten Band von "Die Krone der Dunkelheit" wirklich annährend perfekt.

my.book.journal_

Genau wie das Cover konnte mich die Geschichte total umhauen.

letterheart

Der Schreibstil ist weiterhin leicht und flüssig und die Charaktere interessant – so gibt es auch hier wieder ein paar weitere Details, die es sich zu erfahren lohnen.

kathaflausch

Laura Kneidl schafft es aber auch immer wieder so emotional und bildlich zu schreiben.

damarisliest.

Das ist Fantasy, wie ich sie mag - hochwertig und süffig zu lesen.

Annas Welt der Bücher

Insgesamt ist auch der zweite Band wieder ein absolutes Highlight für mich.

cat-buecher-welt

Anders als der 1. Band. Ruhiger, aber emotionaler.

prettytigerbuch

Magie, Liebe, Intrigen, Kämpfe, Ehrgefühl - die Autorin bedient alle gängigen Elemente der klassischen High Fantasy.

cozybibliophilie

Ein spannender zweiter Band, nachdem ich jetzt sehnlichst auf den Dritten warte.

valerialiest

Empfehlen kann ich die Reihe allen Fans das High Fantasy Genres.

magischemomentefuermich

Am Ende wurde mir einfach nur wieder das Herz aus der Brust gerissen.

buecherbunny

Eine großartige Story rund um viele tolle und ausgereifte Charaktere, die alle ihre eigene Geschichte erzählen können.

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