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Der Triumph der ZwergeDer Triumph der ZwergeDer Triumph der Zwerge

Der Triumph der Zwerge

Roman

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Der Triumph der Zwerge — Inhalt

Der Krieg um das Geborgene Land scheint vorüber. Frieden kehrt ein und die Völker festigen ihre Freundschaft, um geeint jeder Gefahr zu trotzen. Doch die Elben schmieden in ihren alten Reichen einen bedrohlichen Bund. Und im Grauen Gebirge wird ein Menschenkind aus dem Jenseitigen Land gefunden, das die Sprache der Albae spricht. Auf wundersame Weise gewinnt das Mädchen die Gunst vieler Bewohner des Geborgenen Landes, während die Zwerge dem Neuankömmling misstrauisch gegenüberstehen. Als ein übermächtiger Feind im Gebirge gesichtet wird, stellt sich heraus, dass das Mädchen ein Geheimnis hat, das die Zukunft des Volkes der Zwerge verändern wird. Wird eine letzte Schlacht geschlagen werden müssen? Und handelt es sich bei dem zurückgekehrten Tungdil tatsächlich um den legendären Helden der Axtschwinger? ... Der heiß ersehnte neue Band der Bestsellerserie um »Die Zwerge«.

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 16.02.2015
656 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70351-2
€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.09.2016
656 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28105-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.02.2015
656 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96961-1

Leseprobe zu »Der Triumph der Zwerge«

PROLOG

 

 

Das Geborgene Land, Elbenreich Ti Lesinteïl (einstiges Albaereich Dsôn Bhará), 6492. Sonnenzyklus, Frühsommer

 

Raikan von Auenwald zügelte sein Pferd, als der kaum noch wahrnehmbare Rand des Kraters erschien, in dem das Albaereich der verhassten Drillinge gelegen hatte. Die vierköpfige Begleiterschar des Thronanwärters von Tabaîn schloss auf, fächerte rechts und links von ihm auseinander, bevor sie anhielt. Noch in den Sätteln ließen die drei Männer und zwei Frauen, die sichtlich teure Kleidung und leichte, helle Mäntel trugen, die [...]

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PROLOG

 

 

Das Geborgene Land, Elbenreich Ti Lesinteïl (einstiges Albaereich Dsôn Bhará), 6492. Sonnenzyklus, Frühsommer

 

Raikan von Auenwald zügelte sein Pferd, als der kaum noch wahrnehmbare Rand des Kraters erschien, in dem das Albaereich der verhassten Drillinge gelegen hatte. Die vierköpfige Begleiterschar des Thronanwärters von Tabaîn schloss auf, fächerte rechts und links von ihm auseinander, bevor sie anhielt. Noch in den Sätteln ließen die drei Männer und zwei Frauen, die sichtlich teure Kleidung und leichte, helle Mäntel trugen, die ungläubigen Blicke schweifen. Mit einer solchen Veränderung hatte keiner von ihnen gerechnet.

»Ich hätte jede Wette verloren.« Der hochgewachsene, dunkelhaarige Raikan gehörte einem alten Adelsgeschlecht an und galt als kommender Regent, sofern sein älterer Bruder Natenian wie versprochen aus Krankheitsgründen seine Ansprüche zurückzog. Daher lag es an ihm, die Unterredung mit den Elben zu führen, die sich nach der Befreiung von den Albae an diesem Ort niedergelassen hatten.

»Ich auch«, gab sein Freund Tenkil von Hoge verblüfft zu und legte eine Hand als Blendschutz waagrecht gegen die Stirn; mit dem Daumen strich er einige schwarze Strähnen zur Seite. Er war der Kräftigste der Truppe, die Muskeln verlangten nach vielen Ringen, um das Kettenhemd in seiner Größe zu flechten. Der Krieger hatte sich nicht von der Rüstung abbringen lassen, obwohl es sich um einen friedlichen Besuch bei Nachbarn handelte. Er schleppte auch die meisten Waffen an seinem Wehrgehänge. »Wie gelang das?«

Lilia, Ketrin und Irtan indes schwiegen, sie waren noch zu sehr mit Staunen beschäftigt.

Raikan dachte an die vergangenen Umläufe von Herbst, Winter und Frühjahr, die Heldentaten, Sterben und Siege bargen.

Welle um Welle an Kriegern war ausgerückt, um die Dsôn Aklán und die letzten Schwarzaugen im Norden des Geborgenen Landes zu vernichten. Letztlich gelang es den tapferen Streitern – unter unglaublichen Verlusten.

Danach hatte man begonnen, die Behausungen der Albae einzureißen, den Palastberg abzutragen und das Loch aufzufüllen; der Elb Ilahín und seine Gemahlin Fiëa hatten die Arbeiten überwacht.

Einen Zyklus nach dem Ende von Lot-Ionan, den Albae, des Drachen Lohasbrand und seiner Orks sowie des Kordrion kehrte im Geborgenen Land allmählich Ruhe ein. Die Throne der Menschenreiche waren besetzt, der Willkür sowohl der Einzelnen als auch der Massen wurden Riegel vorgeschoben. Recht und Ordnung hielten Einzug.

Das Königreich Tabaîn befand sich nach Raikans Empfinden auf einem guten Weg. Ein paar Fürsten und Emporkömmlinge wollten noch in die Schranken gewiesen werden, um der Kornkammer im Nordwesten des Geborgenen Landes zur inneren Beständigkeit zu verhelfen.

Mitten in den Vorbereitungen zum Kronverzicht hatte die Brüder die Einladung des Elbenpaares Ilahín und Fiëa erreicht, nach Ti Lesinteïl zu kommen.

An den Hof.

Raikan hatte nicht gewusst, dass die wenigen Elben bereits einen König gewählt hatten oder dass ihre Anzahl so rasch gestiegen war, um einen Hof zu bilden. »Reiten wir hin und bestaunen das Wunder aus der Nähe.«

Die kleine Schar lenkte ihre Pferde auf die leicht abschüssige, breite Straße.

Die einstige Tiefe des Kraters, in denen die Hauptstadt der Nord-Albae gestanden hatte, war allenfalls zu erahnen, sofern man die alten Erzählungen kannte. Die Elben hatten es geschafft, durch Aufschüttung eine meilenweite, kreisrunde Senke daraus werden zu lassen. Doch für Raikan war der dichte, üppige Wald, der sich darin erhob, das wahre Wunder.

Die Wipfel bildeten ein stattgrünes, wogendes Blättermeer, in das er und seine Begleiter eintauchten und zwischen den mehr als hundert Schritt hohen Bäumen versanken wie auf den Grund eines Meeres.

Raikan erfreute sich an dem flirrenden Lichtspiel, den vielen Farbtönen von Laub, Rinde und frischen Knospen. Der Geruch in der Luft erinnerte an Honig, an ausgefallene Gewürze und Weihrauch. Er belebte und betörte seine Sinne.

»Ich habe noch nie Bäume gesehen, die solche Blüten hervorbringen«, sagte Tenkil und klang argwöhnisch. »Oder so schnell wachsen.«

»Ich kann daran nichts Schlechtes finden, da sie das Grauen unter der lebendigen Natur verschwinden lassen.« In Raikan stellte sich ein gutes Gefühl ein, eine übergroße Zuversicht, aus der Zusammenkunft am elbischen Hof etwas Herausragendes für Tabaîn zu erreichen.

Insgeheim war er einem Pakt mit dem Elbenreich oder gar allen dreien nicht abgeneigt. Es würde Tabaîn einen Vorteil gegenüber Gauragar und Idoslân bringen.

Zwar begann eine neue Ära im Geborgenen Land, aber Raikan traute Königin Mallenia nicht. Bei aller Kampfkraft und Entschlossenheit, die sie an den Umlauf legte, störte ihn eine Sache gewaltig: ihr Verhalten, wenn es um das Zusammenleben ging. Was kann man von einer Herrscherin erwarten, die sich einem Schauspieler hingibt, der zugleich eine offene Liebschaft mit einer Maga hat?

Raikan rechnete nicht mit einem Angriff durch Mallenia, aber er hielt sie für launisch und vorschnell. Hätte er die Elben auf seiner Seite, würde das Eindruck machen, auch beim eigenen Volk. Er wollte Sicherheit für sein Land, mehr nicht.

Die Abordnung aus Tabaîn folgte der gewundenen Straße, die sich zwischen den mächtigen Stämmen dahinschlängelte.

Der lichtdurchflutete Wald umgab sie von allen Seiten. Moos und Farne wuchsen auf dem Boden, dichtes Unterholz fehlte, sodass Raikan gelegentlich Wild entdeckte, das den Reitern nachschaute. Es wusste, dass es nichts vor den Menschen zu befürchten hatte.

»Sieh nach rechts«, meldete Tenkil. »Scheint, als wären die Elben nicht ganz so gründlich gewesen.«

Raikan drehte den Kopf und erkannte die Überreste eines imposanten Standbildes aus Knochen, das unverkennbar albischen Ursprungs war.

Es wirkte wie ein gewaltiger Kriegeroberkörper, der sich aus dem Boden stemmte, um sich auf seine Feinde zu werfen. Ranken hatten sich um das schaurige Gebeinkunstwerk geschlungen und sich straff gespannt.

»Es wird nicht lange dauern, und die Gewächse zerreißen es«, schätzte Raikan und fühlte einen Schauer über den Rücken rinnen. Die Albae werden getilgt. Sie und alles, was sie erschufen.

Die fünf Reiter gelangten auf einen großen Platz, in dessen Mitte sich ein kolossaler Baum erhob, der mit seinen Ästen und Zweigen einen natürlichen Schirm über der Siedlung aufspannte. Raikan vermochte sich nicht auszumalen, wie tief die Wurzeln reichen mussten, um das Gewicht zu halten.

In lichten Schatten des Baumes erhoben sich geschätzt vier Dutzend Häuser, gänzlich aus Stein errichtet, die nach kleinen Festungen aussahen und doch genügend verspielte Elemente in sich bargen, um nicht wie verloren gegangene Bauklötze eines Riesen umherzustehen. Die behauenen Quader waren in Grüntönen sowie mit geschwungenen Ornamenten bemalt und von Pflanzen bewachsen. Sie fügten sich perfekt in die Umgebung ein.

Tenkil schien sich bereits Gedanken zu machen. »Wer die Siedlung einnehmen will, müsste sich von Haus zu Haus kämpfen.«

Raikan verübelte dem Krieger die Bemerkung nicht. Er hatte lange Zeit gegen die Feinde von Tabaîn gefochten; daher beurteilte er jeden Ort nach taktischen Maßstäben, bevor er ihn mit friedlichen Augen betrachten konnte.

Elbinnen und Elben gingen auf den befestigen Straßen umher, man warf den Neuankömmlingen freundliche Blicke zu. Raikan zählte mindestens vierzig Bewohner, die durch die Siedlung liefen. Er gab das Zeichen zum Anhalten. »Ich hörte etwas von einer Handvoll Elben, die ins Geborgene Land kamen.«

»Das sind mehr.« Tenkil atmete laut aus. »Viel mehr.«

»Aber unbewaffnet.« Raikan lächelte seinem Freund zu. »Man will uns nichts Böses.«

In der Mitte der kleinen Siedlung stand ein hundert mal hundert Schritt großes Haus, dessen geschwungenes Dach sich gut fünfzig Schritte über ihnen befand. Vier Balustraden zogen sich im Abstand zehn Schritt außen entlang.

Es war überwiegend aus Holz errichtet, die Balken kunstvoll mit Schnitzereien versehen, und zahllose weiße Lampions mit roten Runen pendelten leicht. Zwei riesige schwarze Banner hingen von ganz oben bis auf den Boden herab, die weißen Ornamente leuchteten beinahe. Sie rahmten im unteren Teil ein massives doppelflügeliges Bronzetor ein, auf dem sich noch mehr Runen befanden.

»Die Elben sind die schnellsten Baumeister, die ich jemals sah«, bekannte Tenkil, ohne es lobend zu meinen. In seinen Worten schwang sein Unglaube mit, es sei mit rechten Dingen zugegangen.

Nun reicht es mit seiner Unkerei. Raikan wollte etwas Rügendes erwidern, als der Eingang aufschwang und ein Elb in weiten, dunkelgrünen Gewändern heraustrat. Auf seinen Händen balancierte er ein Tablett mit einer Wasserkaraffe und fünf Kelchen. Seine kurzen schwarzen Haare hatte er streng nach hinten gelegt, was die leicht spitz zulaufenden Ohren betonte; am Gürtel um seine schmale Hüfte trug er einen unterarmlangen Dolch.

Er näherte sich der Gruppe getragenen Schrittes.

Raikan empfand es nicht als angemessen, den Trunk aus dem Sattel heraus anzunehmen, also stieg er ab; Tenkil, Lilia, Ketrin sowie Irtan taten es ihm nach.

Ein leichter Wind zog durch das Waldmeer und ließ zahlreiche Glöckchen erklingen, die unsichtbar in den Ästen hingen. Es machte den Moment feierlich.

Der Elb deutete eine Verbeugung an, reckte das Tablett anbietend. »Willkommen, ihr Menschen aus Tabaîn. Mein Herr ist erfreut, dass ihr seine Einladung annahmt.«

»Wir haben zu danken.« Raikan und seine Truppe nahmen je einen Kelch.

Bereits der erste Schluck war köstlich: Das Wasser schmeckte rein und erfrischte mehr als alles, was der angehende König jemals zuvor getrunken hatte. Das leichte Aroma konnte er nicht zuordnen, doch es hinterließ in der Kehle eine angenehme Kühle.

Nachdem sie den Trunk zu sich genommen und die Kelche abgestellt hatten, wandte sich der Elb mit einem Lächeln um. »Folgt mir, bitte. Mein Herr erwartet euch.«

Raikan blieb auf doppelter Armlänge Abstand zu ihm und setzte sich in Bewegung. »Ketrin, du wartest bei den Pferden.«

Die blonde Frau nickte und fasste die Zügel in ihrer Hand zu einem dicken Strang zusammen.

Tenkil nickte andeutend in die Höhe. »Wächter. Neun Bogenschützen, wenn ich es richtig sehe. Sie stehen im Schatten der zweiten Balustrade.«

Alles andere hätte Raikan verwundert. »Nehmen wir einfach an, sie stünden zu unserem Schutz dort.«

Damit wurden es noch mehr Elben, die in Ti Lesinteïl lebten. Woher kamen sie?

Tenkil stieß ein raues Lachen aus. »Wie die verborgenen Späher im Wald, die auf uns zielten, als wir sie passierten?«

Raikan schwieg. Er hatte die elbischen Soldaten nicht bemerkt. Seinem Freund gelang es mit den Bemerkungen, die gute Stimmung mit Makeln zu versehen.

Sie gelangten durch das Doppeltor in eine große, schmucklose Halle, in der es durchdringend nach Weihrauch und Blüten roch. An den Wänden waren aufgemalte Schriftzeichen zu erkennen, ebenso stilisierte Landschaften mit Vögeln. Die Farben schimmerten mitunter, als wäre flüssiges Metall dünn über die Darstellungen aufgetragen worden.

Der hintere Teil der Halle war durch ein Podest und Schilfmatten erhöht, und dort saß ein beeindruckender, braunhaariger Elb auf seinen angewinkelten Unterschenkeln, was nicht bequem aussah. Sein raffiniert geschnittenes Gewand bestand aus weißem Stoff mit eingewobenen Gold- und Silberfäden. Sonnenstrahlen fielen aus drei verschiedenen Richtungen durch Öffnungen in der Decke; die Reflexionen machten den Elb zu einer Lichtgestalt. Die ringverzierten Hände lagen geöffnet auf den Oberschenkeln, die Augen waren auf die Besucher gerichtet.

Bislang hatte Raikan nur die Bekanntschaft von Ilahín und seiner Gemahlin Fiëa gemacht, und insgeheim hatte er damit gerechnet, Ilahín auf einem prunkvollen Thron vorzufinden. Die Schlichtheit der Umgebung überraschte ihn ebenso wie der fremde König.

Ihr Führer deutete eine Verbeugung an und sagte etwas auf Elbisch.

»Nutzen wir die Sprache der Menschen«, fiel ihm der Herrscher ins Wort, zum einen mit dem bekannten schmeichelnden Singsang, zum anderen mit einem ungewöhnlich harten Zungenschlag. »Es ist unhöflich. Raikan könnte annehmen, wir hätten etwas vor ihm zu verheimlichen.« Der Elb vollführte eine einladende, elegante Geste mit der Rechten, in der etwas Befehlendes lag.

Raikan nickte und setzte sich in Bewegung, da packte ihn Tenkil am Arm.

»Ich knie nicht«, raunte er; die Beschaffenheit des Raumes verstärkte seine Worte, sodass es alle Anwesenden hörten.

»Der Herrscher der Elben kniet nicht minder.«

»Er kann tun, was er möchte, aber ich beuge meine Knie allerhöchstens nach meinem letzten Atemzug. Ich habe lange genug gefochten, um vor keinem mehr …«

Es reicht! Raikan blickte ihm tadelnd ins Gesicht. »Dann warte bei den Pferden.«

Tenkils Lippen öffneten sich einen Spalt, doch er war klug genug, die Worte nicht auszusprechen. So wandte er sich auf den Fersen um und verließ die Halle.

Er war zu lange Krieger. Raikan sowie seine verbliebenen zwei Begleiter Lilia und Irtan begaben sich auf das Podest und setzen sich auf dieselbe Weise auf die Unterschenkel, in großem Abstand vor den Herrscher, den eine Aura von Macht und Selbstsicherheit umgab. Alleine der Blick aus den wachen, graugrünen Augen barg Überlegenheit.

Für die Kunst der Diplomatie war in den vergangenen Zyklen wenig Zeit gewesen, und so schwebte der junge Tabaîner auf einer Wolke der Unsicherheit; zudem war nicht überliefert, wie man sich einem elbischen Herrscher gegenüber verhielt. Ich warte ab.

Mit einem lauten metallischen Klang, der an einen Gong erinnerte, schlug das bronzene Tor zu. Es hallte nach, dann drängten sich die Töne der leisen Glöckchen durch das verebbende Echo.

Lange Zeit geschah nichts, man saß sich gegenüber, wartete ab.

Raikan musste bald ein Gähnen unterdrücken. Er fand die Stimmung im Raum dank Weihrauch und den harmonisch gestimmten Glöckchen zunehmend entspannend, obwohl das Sitzen von Herzschlag zu Herzschlag unbequemer wurde. Aber seine Aufregung legte sich.

Darauf schien der Gastgeber gewartet zu haben.

»Ich bin Ataimînas, Regent über Ti Lesinteïl und Naishïon der Elben. Wie ich sehe, sandte mir Tabaîn seinen kommenden Herrscher.« Er legte eine Hand auf Herzhöhe gegen die Brust. »Ich fühle mich geehrt.«

»Die Ehre ist ganz meinerseits.« Raikan fühlte sich geschmeichelt, zugleich bemerkte er, dass seine Füße und Unterschenkel kribbelten. Es würde nicht lange dauern, und die Gliedmaßen wären dank der ungewohnten Haltung eingeschlafen. »Ihr habt hier ein Wunder vollbracht.«

Ataimînas lächelte dankend. »Maga Coïra und unsere bescheidenen Zauberkünste wirkten zusammen, damit der Schrecken begraben und vergessen wird.« Er breitete die Arme aus. »Reden wir über die Zukunft, junger König. Alles andere darf uns nicht mehr interessieren.«

Raikan stimmte zu. »Wie kann Euch Tabaîn beistehen?«

»Mit Korn.« Ataimînas legte die Hände in den Schoß, die Ringe und Steine daran funkelten. »Die Elbenreiche formieren sich neu, und da bleibt wenig Gelegenheit, Felder zu bestellen und sich dem Bauerntum hinzugeben. Die nächsten zehn Zyklen beabsichtigen wir, unseren Getreidebedarf durch das fruchtbare Tabaîn zu decken. Ich hörte, dass Eure Felder nach wie vor reiche Ähren tragen.«

Es geht gut los. Das bringt mich einem Bündnis näher. Raikan lächelte ungewollt. »Die paar Sack Roggen werden wir entbehren können.«

»Ich rede von sämtlichen Elbenreichen: Ti Âlandur, die Ti Singàlai, das Ihr Goldene Ebene nennt, und Ti Lesinteïl. Alles in allem rechnen wir mit einem Bedarf von elfhundert Zehntnern.«

Raikan hörte Lilia neben sich vor Überraschung durchatmen.

»Wie viele Münder sind zu stopfen, Regent Ataimînas?«

Der Elb schien erstaunt über die Frage. »Ich dachte, Vraccas’ Kinder hätten euch über unseren Zuzug umfassend berichtet? Wir machen kein Geheimnis daraus.«

»Die Zwerge senden regelmäßig Botschaften an den Rat der Könige, doch das letzte Treffen liegt einen halben Zyklus zurück«, erklärte Raikan seine Unwissenheit. »Es gab viel zu tun.«

»Ich verstehe. Dann werdet Ihr lesen, dass wir aus Süden, Westen und Osten gezogen kamen, nachdem uns das Zeichen der Schöpferin erreichte, die Bedrohungen für unser Volk seien zu Ende.« Ataimînas wies zum Tor. »Dies ist nur eine Siedlung von vielen, König Raikan. Wir erstehen auf, und wir werden uns nicht von den Menschen und Zwergen abgrenzen, wie es unsere Vorgänger taten.« Der Elb richtete seinen Oberkörper auf, sein Gewand leuchtete in den Sonnenstrahlen. »Ich kenne den Ruf, den die Elben im Geborgenen Land haben, und ich fürchte: Sie hatten ihn zu Recht. Dies wird in weniger als einer Menschengeneration behoben sein.« Er zeigte auf Raikan. »Handelsbeziehungen mit Tabaîn bilden den Anfang. Wenn Ihr es möget.«

Natürlich! Raikan hielt sich mit lauten Zusagen jedoch zurück. »Ihr habt noch immer nicht gesagt, wie viele Elben zureisten.«

»Bis zum heutigen Umlauf werden es um die zehntausend sein.« Ataimînas sah die Überraschung auf den Gesichtern seiner Besucher und quittierte es mit seinem freundlichen Auflachen. »Ihr müsstet Euch sehen, junger König. Wir sind keine Eroberer. Wir kehren lediglich zurück an den Ort, an dem unsere Schöpferin uns formte. Und damit benötigen wir auch mehr Getreide.«

Die Aussicht auf dieses Geschäft und das Bündnis war verlockend. Raikan sollte jubilieren. Das Unwohlsein über diese gewaltige Menge Elben im Geborgenen Land ließ sich jedoch nicht ausblenden. Es war, als hätte Tenkil vor seinem Hinausgehen sein Misstrauen als unsichtbaren Hauch in der Halle gelassen. Das ärgerte Raikan.

»Wir stellen Euch weiteres Saatgut zur Verfügung, das Tabaîn für uns auf eigenen Feldern anbauen wird«, redete Ataimînas weiter. »Es ist Weizen von besonderer Qualität, und Ihr werdet die Flächen bewachen lassen, König Raikan. Dafür bezahle ich Euch weiteres Gold.« Er lächelte gönnerhaft. »Ich mache Euch reich.«

Anschließend legte er dar, wie hoch das Entgelt dafür sein sollte; auch den Preis für einen Zehntner Korn gab er vor.

Raikan widersprach nicht und handelte nicht. Das zu erwartende Gold lag weit über dem, was man verlangen konnte.

»Ich freue mich, den Elbenreichen helfen zu können«, erwiderte er stattdessen. Mit einem solchen Handel konnte er seine Bitte um ein Bündnis im Anschluss leichter vorbringen.

»Vergeuden wir keine Zeit.« Auf Ataimînas’ Wink hin öffnete sich eine in der Täfelung verborgene Seitentür, und zwei Elben kamen herein.

Sie trugen Pergament und Feder mit sich, der Vertrag über Lieferung und Anbau war bereits vorgefertigt. In beiderseitigem Einvernehmen wurden die Papiere um Menge und Goldbetrag ergänzt, sodann gegengezeichnet.

Raikan wusste, dass er damit einen Vorgriff auf die Königskrone seines Landes tätigte, doch die Gelegenheit durfte er sich nicht entgehen lassen. Es geht um Tabaîn.

»Ich bedanke mich vielmals«, sagte er zum Elb und bekam die unterschriebene Abmachung gereicht. »Darf ich die Gelegenheit nutzen, um …«

»Dann ist dieses Geschäft erledigt.« Ataimînas sah erfreut aus. »Reden wir über ein weiteres: Land.«

Nun war der junge König überrascht. »Ich verstehe nicht. Wolltet Ihr die Ackerflächen für Eure eigene Getreidesorte …«

»Dieses Elbenreich, auf dem Ihr und Eure Freunde sich befinden, wird mit den anderen beiden zusammengefügt. Wir kaufen die Erde, die dazwischenliegt.« Ataimînas langte hinter sich und nahm eine Karte, rollte sie aus. Die neuen Grenzverläufe waren bereits eingezeichnet. »Von Tabaîn hätten wir gerne das Stück, das im Norden von Âlandur liegt, bis hinauf zum Gebirgsbeginn. Dieses Gebiet liegt nicht zwischen unseren Landen, doch es würde den perfekten Abschluss bilden.«

Raikan hörte heraus, dass der Elb nicht mit Widerstand gegen die Pläne rechnete. Das muss unweigerlich zu Schwierigkeiten führen. Auf einen Schlag wurde das Elbenreich zu einem ungeeigneten Bündnispartner, der anstelle von Sicherheit eine Auseinandersetzung prophezeite. Für Raikan sah es aus, als habe er den Weg umsonst gemacht. »Ich nehme an, Ihr werdet noch vor dem Königsrat sprechen? Euer Anliegen betrifft in erster Linie Königin Mallenia.«

»So ist es. Allerdings befürchte ich Widerstand aus nichtigen Gründen. Sie ist als Doppelherrscherin gleichzeitig mit dem König von Urgon verbandelt, somit könnten drei Stimmen gegen mich sprechen.« Ataimînas musterte Raikan. »In Euch möchte ich einen Fürsprecher.«

Nun verstand der junge Mann, warum das Getreide so großzügig bezahlt wurde. »Ich muss mit meinem Bruder darüber sprechen«, suchte Raikan nach einem Ausweg, der sehr brüchig klang. »Es ist eine Entscheidung von größerer Tragweite als Getreidelieferung und -anbau.« Tenkils Unkerei scheint sich zu bewahrheiten. Der nächste Krieg lauerte, nur einen Zyklus nach der Befreiung.

Der Elb lächelte weiterhin unverbindlich, goldene und silberne Reflexionen huschten über das schöne Antlitz. »Tut das, Raikan von Auenwald. Ihr werdet ihn überzeugen können. Wer hätte nicht gerne den Naishïon zum Freund?«

Raikan erinnerte sich, dass Ataimînas den Begriff eingangs erwähnt hatte. »Verzeiht mir meine Unwissenheit, doch die letzten zweihundertfünfzig Zyklen vergingen, ohne dass man Elben sah oder gar sprach. Dieser Titel bedeutet …?«

»Übersetzen ließe es sich in Eure Sprache mit unumschränkter Herrscher.« Der Elb blieb vollkommen freundlich. »Meines Volkes. Nicht des Geborgenen Landes«, fügte er nach einer Weile mit verschmitztem Lächeln hinzu. »Um Missverständnissen vorzubeugen.«

»Natürlich.« Raikan war sehr froh, Tenkil bei den Pferden gelassen zu haben. Sein Krieger hätte sich sofort auf einen Disput eingelassen. Auf dem Nachhauseritt gibt es viel zu überlegen. Das Bündnis muss wohlbedacht sein.

»Habt Ihr von dem Kind gehört, das sie im Grauen Gebirge fanden?«, sagte Raikan, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

»Ihr meint das Mädchen?« Ataimînas wirkte sofort verschlossener, er reckte sich und lehnte sich leicht zurück. »Wenn Ihr mich fragt: Belogar Streithammer hätte es erschlagen sollen. Der Zwerg und ich denken das Gleiche. Ich fürchte wie er, dass sich das Kind nicht als Segen für unser aller Heimat erweisen wird.«

Das muss er mir näher erklären. Raikan setzte zu einer weiteren Frage an – da erklangen von draußen ein lauter Schrei und das Sirren von Pfeilen, gefolgt von weiteren Schreien und dem Wiehern von aufgeregten, verängstigten Pferden.

Tabaîns baldiger König sprang auf, neben ihm erhoben sich Lilia und Irtan – doch sanken sie ebenso wie er nach dem ersten Versuch auf die Schilfmatten zurück. Sie hatten wegen der vorangegangenen abgeschnürten Blutzufuhr kein Gefühl in den Beinen, von den Knien abwärts schienen sie gelähmt. Hilflos lagen sie im Saal und waren leichte Opfer.

»Tenkil!« Raikan blickte zum verschlossenen Tor, dann zum Elbenherrscher.

Aber Ataimînas saß nicht mehr an seinem Platz.

Markus Heitz

Über Markus Heitz

Biografie

Markus Heitz, geboren 1971, lebt als freier Autor im Saarland. Seine Romane um »Die Zwerge«, alle bei Piper erschienen, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mit »Die Legenden der Albae« führt Markus Heitz alle Fans in die Welt der Dunkelelfen. Als einziger deutscher Autor gewann er bereits...

Medien zu »Der Triumph der Zwerge«










Pressestimmen

literaturmarktinfo

»Hier handelt es sich tatsächlich um ein Muss. Ein Muss, das gekonnt an seine Vorgänger anknüpft. Die Zwerge sind eben von einem Meister seines Faches geschrieben.«

Die Rheinpfalz

»Geprägt von unerwarteten Wendungen, von Verrat, von Wahnsinn, von großartigen Helden und von tiefsinnigen Fragen, die der Autor glücklicherweise nicht trivial beantwortet.«

literatopia

»Ein unterhaltsamer Roman, der den Leser ein weiteres Mal in das Geborgene Land entführt. Hoffentlich lässt der sechste Band der Reihe nicht so lange auf sich warten, damit die noch offenen Fragen aufgelöst werden.«

Fürstenfeldbrucker Tagblatt

»Ein Buch für jeden, der in eine abenteuerliche und spannende Welt voll bösartiger Orks, magischer Geschöpfe und weiser Zauberer eintauchen möchte.«

Sonic Seducer

»Ihm ist gelungen, wovon viele seiner Kollegen ein Leben lang nur träumen. Mit ›Die Zwerge‹ startete Markus Heitz eine Fantasy-Reihe, deren Erfolg hierzulande ihresgleichen sucht. Kauzig, stets ein wenig missmutig, aber durchschlagend kraftvoll begegnen die bärtigen Helden lebensbedrohlichen Situationen, schließen Bündnisse und trotzen ihren dunklen Feinden.«

agm Magazin

»Jetzt, wo die Bedrohung von innen kommt, verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse immer mehr, wodurch die Handlung an Komplexität gewinnt und trotz des Fantasy-Hintergrunds realistischer wirkt. Dennoch: Action und Spannung... gibt es immer noch mehr als genug«

book-walk.de

»Zwergischer Humor, tolle Kämpfe, eine fantastische Erzählung und das alles in einem gut abgestimmten Kontext der gesamten Reihe. Hier passt quasi alles.«

booksection

»Dank einiger großartiger Einfälle wird es nie langweilig. Auch weil der fünfte Band wieder ein herrlicher Mix aus Fantasy, Thriller und Horror geworden ist. Ganz so, wie sich das ein ›Zwerge‹-Fan eben wünscht.«

necroweb.de

»ein sehr gutes Buch mit großem Unterhaltungswert, das definitiv in die Sammlung jedes Zwergenliebhabers gehört«

Kommentare zum Buch

Hab es jetzt auch Durchgelesen
Marc Senn am 26.02.2016

Hab teil 1 bis 4 Verschlungen 4 mal jedes Band. So jetzt kamm das 5the und ich wusst es nicht mal, war nur mal wider in die Fantasie Ecke eines bekannten Buch Händlers. das gesehen und gekauft.   Gelesen gelesen gelesen, Nun auf einmal Ömm kenne ich, wieso kenne ich das, ach so Die Flüchtlichgswelle, du darfst rein Du nicht du bis kein echter Flüchtling, sogar Terroristen gab es Die Albaen(IS). Die rechten(Die Elben Führer und ein paar Aufpasser und die wo das Land für sich wollen) die in der Mitte und Links (die Menschen und die Zwerge) Das erstechen von einer Elbin mit Kind(Ist ja nur ein Flüchtling und kein Mensch, gleich noch die zukunft des Kindes und des Leben zerstören beider vernichten das ja nichts nachzieht ins Land wo sie gerufen wurden(Familien nachzug), der Zwerg wo zuschaute und wusste was passiert und nicht mal eingriff und sich mitschuldig macht. Gut verpackt in ein Fantasie Roman und die Geschichte eines Mädchen das der tot oder das leben bringt eingebettet.   Bisschen zufiel Realität war verpackt.   Klar beeinflusst das auch ein Roman Schreiber was in der Welt Passiert aber zu genau muss man es auch nicht beschreiben, die Realität sehe ich jeden Tag in Sachsen.

birgit pech am 09.12.2015

gefällt mir

Alle Zwerge Romane
Die Jessi H. am 23.11.2015

Einfach: DANKE !!! für die Albae und Zwerge Bücher

Philip / lovelybooks.de am 01.04.2015

Grandiose Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Seite. Ein absolutes Fantasy-Feuerwerk!   Die Rezension wurde ursprünglich auf www.lovelybooks.de veröffentlicht

horrorbiene / lovelybooks.de am 01.04.2015

Der Triumph der Zwerge ist wie die Vorgänger auch, ein klassicher Zwerge-Roman. Für Freunde der Reihe demnach absolut zu empfehlen.   Die Rezension wurde ursprünglich auf www.lovelybooks.de veröffentlicht

Seriendreh von,, Die Zwerge"
Leo am 10.12.2014

Guten Tag Herr Heitz,   Erst einmal ein Lob an ihre grandiose Buchreihe. Ich habe jedes (Hör-) Buch der Zwerge- und Albaereihe nun schon mindestens jeweils 3 mal durchgehört und mich dürstet förmlich nach neuem Hörmaterial. Vor allem die Albaereihe ist ihnen sehr gut gelungen. Ich kann es kaum erwarten bis das neue Buch erscheint, dessen Handlung (hoffe ich zumindest) noch ein wenig in Phondrason spielt, da ich die Albae und andere Bestien persönlich interessanter finde als die Zwerge. Was ich sie noch fragen wollte: Sind eigentlich schon Neuigkeiten wegen des Seriendrehs der Zwergereihe in Sicht oder wird es die Serie doch nicht geben? Eine erste Ausstrahlung wurde ja eigentlich für Ende 2014 angegeben. Oder verzögert sich das nur?

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