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Blutbringer Blutbringer

Blutbringer

Paul Cleave
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Thriller

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Blutbringer — Inhalt

„Der Thriller-Jackpot!“ Sebastian Fitzek

Machen Sie sich auf etwas gefasst! SPIEGEL Bestseller-Autor Paul Cleave entfesselt in „Blutbringer“ einen fulminanten Sturm der Rache. Spannender Lesestoff, den Sie nicht aus der Hand legen werden!

Paul Cleave hat ein Händchen für menschliche Abgründe – und fordert seine Leser immer heraus. Von Kidnapping bis Organhandel konfrontiert „Blutbringer“ die dunkelsten Bereiche des Lebens und legt immer wieder nach . Denn dieses Thriller-Taschenbuch stellt eine alles entscheidende Frage: Wie weit würden Sie gehen, um einen Serienkiller zur Strecke zu bringen?

Polizist Noah Harper hat bereits eine Antwort gefunden, die ihm selbst nicht gefällt. Zwölf Jahre, nachdem er das Mädchen Alyssa aus den Fängen einer Bestie befreit hat, verschwindet sie abermals spurlos. Für Harper beginnt ein Alptraum, an dessen Ende die Grenze zwischen Mensch und Monster kaum noch zu existieren scheint…

Sebastian Fitzek ist nicht der Einzige, der in Paul Cleaves Roman „Blutbringer“ einen heißen Anwärter auf die ultimative Krimi-Neuerscheinung 2021 sieht. Kritiker ziehen Vergleiche zu „Das Schweigen der Lämmer“ und anderen revolutionären Psychothrillern, in denen Gut und Böse nicht immer zu unterscheiden sind.

Treibend bis zum unfassbaren Finale – Paul Cleave erfindet den Serienmörder-Thriller neu

„Blutbringer“ krempelt Ihre Ansichten zum Krimi-Protagonisten als aufrechten Helden um. Ihnen bleibt nur die Wahl, als der zwingenden Logik dieser Story bis zum unausweichlichen Ende zu folgen. Treibend und immer haarscharf an der Unfassbarkeit vorbei, schickt Sie Paul Cleave auf einen fesselnden Wettlauf mit der Zeit, bei dem es keinen zweiten Sieger geben kann.

Endlich: Der neue Roman von Paul Cleave, dem König des bösen Thrillers!

„Ein Adrenalin-Trip vom ersten bis zum letzten Wort!“ S. J. Watson

€ 13,00 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 01.07.2021
Übersetzt von: Robert Brack
496 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31704-7
Download Cover
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.07.2021
Übersetzt von: Robert Brack
496 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99999-1
Download Cover

Leseprobe zu „Blutbringer “

1 – „Du wirst ihn umbringen“, …

„Du wirst ihn umbringen“, sagt Drew.
Ich lehne meine Stirn gegen die Wand und starre zu Boden. Versuche, meine Atmung zu kontrollieren. Eine tote Kakerlake liegt neben einer Zigarettenkippe, die ich eigentlich in den Mülleimer werfen wollte. Ich reibe mir die Schläfen, um den Schmerz loszuwerden, aber er bleibt. Wie ein Splitter, der tief in meinen Schädel eingedrungen ist und sich entzündet hat. Und die einzige Möglichkeit, ihn loszuwerden, besteht darin, diesen Kerl zu schlagen, der gefesselt auf dem Stuhl sitzt. Und [...]

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1 – „Du wirst ihn umbringen“, …

„Du wirst ihn umbringen“, sagt Drew.
Ich lehne meine Stirn gegen die Wand und starre zu Boden. Versuche, meine Atmung zu kontrollieren. Eine tote Kakerlake liegt neben einer Zigarettenkippe, die ich eigentlich in den Mülleimer werfen wollte. Ich reibe mir die Schläfen, um den Schmerz loszuwerden, aber er bleibt. Wie ein Splitter, der tief in meinen Schädel eingedrungen ist und sich entzündet hat. Und die einzige Möglichkeit, ihn loszuwerden, besteht darin, diesen Kerl zu schlagen, der gefesselt auf dem Stuhl sitzt. Und genau das tue ich jetzt. Ich schlage so fest zu, wie ich kann. Dann höre ich, wie etwas knackt, aber ich weiß nicht, ob es mein Finger ist oder sein Jochbein. Ich habe schon so oft zugeschlagen, dass meine Hand höllisch wehtut, aber sein Gesicht schmerzt bestimmt noch viel mehr. Sein linkes Auge ist zugeschwollen und ganz violett, seine Nase gebrochen, seine Unterlippe aufgeplatzt. Überall Blut und zerfetzte Haut. Trotzdem grinst dieser Mistkerl mich immer noch höhnisch an. Auf eine Art, die auch jeden anderen provozieren würde, sein Gesicht zu Brei zu hauen. Leider konnte ich ihm das Grinsen noch nicht austreiben. Ich hab es bloß geschafft, mir die Knöchel aufzuschlagen.
Drew legt mir eine Hand auf die Schulter, und ich schiebe sie weg.
„Lass mich“, sage ich zu ihm.
Er legt die Hand erneut auf meine Schulter und schaut mir in die Augen. Mit Drew bin ich schon seit meiner Kindheit befreundet. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben Mädchen über den Schulhof gejagt, sind auf Bäume geklettert und angeln gegangen. Als wir älter wurden, sind wir Polizisten geworden und waren jeweils der Trauzeuge des anderen. Wenn er nicht sofort seine Hand von meiner Schulter nimmt, werde ich sie ihm brechen.
„Das bist du nicht, Noah. So was tun wir nicht.“
Er hat recht. Das bin ich nicht. Trotzdem stehen wir hier. Er nimmt die Hand von meiner Schulter.
„Verdammt noch mal, Noah, ich kann nicht zulassen, dass du ihn totschlägst.“
Drew schaut mich mit einer Mischung aus Verwirrung und Panik an. Am liebsten wäre er gar nicht hier. Mir geht’s genauso.
„Du solltest besser gehen.“
„Aber …“
Ich verpasse dem Kerl auf dem Stuhl noch einen Schlag. Blut und Schweiß sprühen durch die trockene Luft, und das Geräusch des Schlags verhallt im Raum. Ich rieche Holz und Blut und Schweiß. Der Kerl spuckt einen Schwall rötliche Flüssigkeit auf den Boden und schüttelt den Kopf. Setzt wieder dieses Grinsen auf, und mir dreht sich der Magen um.
„Mein Vater wird dich in den Knast bringen“, sagt er. Sein Name ist Conrad. Ich bin mit ihm aufgewachsen, wie ich auch mit Drew aufgewachsen bin. Aber bei Conrad und mir war es anders. Wir waren nie befreundet. Wir hatten überhaupt nichts miteinander zu tun. Mit einem wie Conrad willst du nichts zu tun haben. Er ist ein selbstsüchtiger Drecksack. Total übergriffig und ohne jede Moral. Einer, vor dem die Frauen einander warnen, einer, dem man aus dem Weg geht, indem man die Straßenseite wechselt.
Außerdem ist er der Sohn des Sheriffs.
„Du solltest dir lieber über deine Zukunft Gedanken machen, nicht über meine“, sage ich.
Er spuckt wieder aus. „Ich hab dir doch schon gesagt, ich weiß nicht, wo sie ist.“
Ich laufe im Büro auf und ab. Die Fenster sind geschlossen. Es ist nicht bloß zu warm, es ist brütend heiß. Meine Klamotten sind feucht. Sie kleben an meinem Körper. Der Holzfußboden ist blank vom nervösen Hin und Her all der Vorarbeiter, die in diesem Raum genauso herumgetigert sind wie ich. Die Holzbohlen knarren unter meinen Füßen. Conrad ist hier der aktuelle Vorarbeiter. Die Möbel im Büro sind so alt, dass sie als Prototypen durchgehen könnten. Der erste Schreibtisch, der jemals gebaut wurde, der erste Aktenschrank – meine Güte, sogar der Computer sieht so aus, als hätte man ihn schon bei der Entschlüsselung des Enigma-Codes eingesetzt. An der Wand wurde ein Fernseher festgeschraubt, der mit seinem runden Bildschirm wie ein Goldfischglas wirkt. Die Decke ist mit Fliegendreck übersät, und die Ablagen auf dem Schreibtisch quellen vor Papierkram über. Meine Kopfschmerzen werden immer schlimmer, und mein Magen rebelliert. Mir gefällt überhaupt nicht, in welche Richtung das hier läuft. Ich wünschte, wir könnten alles rückgängig machen.
Geht aber nicht.
Ich muss weitermachen.
Für das Mädchen. Für Alyssa.
Ich baue mich vor ihm auf. „Wo ist sie?“
„Ich will meinen Anwalt sprechen“, sagt er.
Drew stellt sich zwischen uns. Er drückt eine Hand gegen meine Brust, die andere liegt auf dem Griff seiner Pistole, die noch im Halfter steckt. Ich frage mich, ob er sie benutzen will, ob er es über sich bringen würde. Ich hätte ihn nicht in die Sache reinziehen sollen. „Lass uns mal rausgehen und reden“, sagt er.
Ich starre ihn kalt an. Dann lenke ich ein. Wir gehen raus und schauen in die Fabrikhalle hinab. Ich lege meine Hand auf das Eisengeländer. Ein paar Lichter sind eingeschaltet, aber sie bewirken nicht viel. Ihr Licht verliert sich in der riesigen Halle. Ich kann gerade mal zwanzig Meter weit sehen. Dort unten im Zwielicht stapeln sich Baumstämme in langen, geraden Reihen. Draußen, hinter den staubigen Fenstern, herrscht absolute Dunkelheit. Ich lehne mich gegen das Geländer, damit ich Drew ins Gesicht sehen kann, während er die Tür hinter sich schließt. Durch ein Fenster kann ich Conrad im Blick behalten. Er beobachtet uns.
Drew spricht mit leiser Stimme. „Selbst wenn er sie hat, wird er nicht reden.“
Ich löse den obersten Knopf meines Hemds. Es ist mit Blut bespritzt. Die Luft hier ist stickig. Nachts wird das Sägewerk heruntergefahren. Die Klimaanlage ist abgeschaltet.
„Wird er“, sage ich, um Alyssas und auch um meinetwillen. Es gibt keinen Weg zurück. „Er muss.“
Drew schüttelt den Kopf. „Wir können ihn nicht noch weiter verprügeln. Vor allem, weil wir gar nicht wissen, ob er sie wirklich hat.“
„Er hat sie“, sage ich. „Ich weiß, dass er sie hat.“
„Weißt du nicht. Du hast keine Beweise. Du glaubst es nur, willst es glauben. Aber wenn du falschliegst, dann stecken wir in der Scheiße.“ Er stöhnt laut auf und schaut zur Decke, als ob da oben eine Antwort oder ein Ausweg zu finden wäre. „Verdammt, Noah“, sagt er. „Selbst wenn wir recht haben, stecken wir in Schwierigkeiten. Selbst wenn er jetzt sofort alles gesteht, wird er ungeschoren davonkommen. Du weißt ganz genau, dass kein Richter der Welt ihn verurteilen wird. Nach dem, was wir hier veranstaltet haben.“
„Damit befassen wir uns später. Zuerst müssen wir Alyssa finden. Wir haben schon so viel erreicht. Das darf nicht umsonst gewesen sein.“
„Ich wünschte, ich könnte sagen, dass du mich dazu überredet hast. Aber das wäre naiv.“
„Ich kann ihn zum Reden bringen.“
Er schüttelt den Kopf. „Wir sind hier fertig. Wir müssen ihn jetzt ordentlich und korrekt festnehmen. Damit wir nicht in der Zelle neben ihm landen.“
„Wenn wir ihn auf die Wache bringen, wird er nie reden. Wie du schon sagtest, niemand wird ihn verurteilen. Wir kämen nicht mal bis zur Anklage. Wenn wir sie finden wollen, müssen wir hier weitermachen, das ist die einzige Möglichkeit.“
„Das dürfen wir nicht“, sagt Drew.
Ich nicke. Dann schüttle ich den Kopf. Ich atme langsam und hörbar aus. Meine Kopfschmerzen gehen nicht weg. Sie pochen unter meiner Schädeldecke. Ich schließe die Augen und massiere meine Schläfen. „Mensch, Drew, ich hab’s vermasselt. Ich hab’s total vermasselt.“
Er legt eine Hand auf meine Schulter. „Vielleicht gibt’s ja eine Möglichkeit, das wieder geradezubiegen. Aber dazu müssen wir den Sheriff rufen. Er wird nicht gerade erfreut sein, aber …“
Ich lasse eine Handschelle um sein Gelenk zuschnappen, die andere um das Geländer.
„Scheiße, Noah, was soll das?“
Ich ziehe meine Waffe und ziele auf ihn. Es ist nicht nötig, dass wir beide unsere Karriere versauen. Wir können das nicht durchziehen. Aber ich kann es. „Ich nehme alles auf meine Kappe. Ich sage ihnen, du wolltest mich aufhalten.“
„Noah …“
„Ich brauche deine Waffe und deine Schlüssel.“
„Tu das nicht, Kumpel.“
„Her damit.“
„Und wenn nicht?“
Ich antworte nicht. Ich werde ihn nicht erschießen, das weiß er. Er seufzt. Es fällt mir schwer, den enttäuschten Gesichtsausdruck meines besten Freundes zu ertragen. Er zieht die Pistole, legt sie auf den Boden und kickt sie zu mir rüber. Dann wirft er mir die Schlüssel zu. Ich schiebe die Waffe über den Rand der Brüstung und höre den Aufprall. Ich lasse die Schlüssel nach unten fallen und verlange sein Handy. Er wirft es mir zu. Ich stecke es in meine Tasche.
„Das wird nicht gut für dich enden“, sagt er.
„Weiß ich.“
Ich gehe zurück ins Büro. Schließe die Tür. Conrad grinst mich an. „Tick, tack“, sagt er.
„Was zum Teufel soll das heißen?“
Er spuckt auf den Boden, wo sein Blut mittlerweile ein Muster bildet, das ein Psychiater vielleicht interessant finden würde. „Das bedeutet, dass mein Vater bald hier auftaucht. Und ihr könnt euch denken, was er dann mit euch macht. Jede Wette, dass er euch ungespitzt in den Boden rammt.“
„Sag mir, wo sie ist.“
„Du klingst wie ’ne kaputte Schallplatte.“
„Wir haben ihr Haarband gefunden.“
„Welches Haarband?“
„Das sie verloren hat, als sie entführt wurde. Deine Fingerabdrücke sind drauf. Es hat mich auf deine Spur gebracht, Conrad.“
Er sagt nichts dazu.
„Ich hab vorhin einen Blick in deinen Wagen geworfen, der draußen auf dem Parkplatz steht. Ihre Schultasche ist im Kofferraum.“
„Du lügst. Und wenn nicht, dann hast du sie da rein gelegt.“
Ich spreize meine Finger. Sie brauchen einen Verband. Müssen gekühlt werden. Und geschient.
„Willst du mich wieder schlagen?“, fragt er. „Du warst immer ein Feigling, Noah. Wieso …“
„Ich weiß, was für ein Kerl du bist, Conrad. Und du weißt, dass ich es weiß.“
Er lacht, und mir läuft es kalt den Rücken runter. „Letzten Endes geht es doch um was ganz anderes. Dieses vermisste Mädchen hat überhaupt nichts damit zu tun“, sagt er. „Wir sind hier, weil du nachtragend bist, sogar jetzt noch, nach all den Jahren. Du bist erbärmlich.“
Ich ziehe meine Waffe und drücke sie gegen seinen Wanst. Sein Grinsen verschwindet. „Hör gut zu, Conrad. Ich weiß, dass du sie entführt hast. Sie ist erst sieben Jahre alt. Ein unschuldiges Kind. Sag mir, wo sie ist, und dann ist das hier vorbei.“ Ich drückte die Waffe noch tiefer in seinen Magen. „Wenn du’s mir nicht sagst, ist es auch vorbei. Doch dann läuft es viel schmutziger ab. Mein Partner da draußen wollte mich aufhalten, aber ich hab ihn ans Geländer gefesselt. Er kann dir nicht mehr helfen. Und es kommt auch niemand sonst. Deinen Tick-tack-Scheiß kannst du dir schenken. Weil ich nämlich schießen werde, wenn du mir nicht sagst, wo sie ist. In den Arm zum Beispiel. Oder ins Bein. Vielleicht schieße ich dir auch den Schwanz weg. Willst du für den Rest deines Lebens im Rollstuhl sitzen und aus einem Schlauch pissen?“
„Das wagst du nicht“, sagt er.
Ich nehme ein paar Rechnungen aus der Ablage, knülle sie zusammen und stopfe sie ihm in den Mund. Als ich ihm ins Bein schieße, braucht er eine Sekunde, bis er es begreift. Er wirft sich hin und her und spuckt den Papierknäuel wieder aus. Der nasse blutige Klumpen bleibt am Boden kleben. Drew schreit da draußen, dass ich aufhören soll, hier drinnen kreischt Conrad. Meine Ohren dröhnen von dem Schuss, mein Magen dreht sich um, und in meinem Kopf pocht es immer stärker und stärker. Blut strömt aus Conrads Bein und vermischt sich mit dem Blut auf dem Boden. Ich sehe einen Schmetterling. Ich sehe ein Paar Damenschuhe. Ich sehe das verschwundene Mädchen. Und ich sehe den Tod.
„Wo ist sie?“, brülle ich ihn an.
„Fahr zur Hölle!“
Ich denke an Alyssa, die irgendwo gefesselt und mutterseelenallein Todesängste erleidet. Ich kenne Alyssa. Sie hat schwere Zeiten hinter sich. Zuerst verlor sie ihren Vater, dann ihre Mutter. Sie ist ein tapferes Mädchen, das gegen eine Welt ankämpft, die sich gegen sie verschworen hat. Sie musste so viel ertragen, dass ich sie vor noch mehr Schicksalsschlägen bewahren möchte. Das Klingeln in meinen Ohren lässt nach. Ich höre, wie das Blut auf den Fußboden tropft. Ich höre meinen eigenen Herzschlag.
Ich ramme den Lauf der Waffe in die Wunde. Mir wird schlecht. Ich halte das nicht mehr lange durch. Er muss endlich reden. Ich will, dass es aufhört. Er schreit.
„Ich meine das ernst, Conrad. Ich schwöre bei Gott, ich meine es ernst.“
„Bitte, Noah, bitte, bitte nicht.“
„Wo ist sie?“
„Warte“, sagt er. Er hyperventiliert und weint gleichzeitig. „Nur ganz kurz … Warte kurz.“
Ich warte. Gebe ihm die Chance, wieder zu sich zu kommen. Er wird mich nicht noch mal beleidigen. Er wird es nicht noch mal leugnen.
„Was wäre … Was wäre, wenn ich sie nicht entführt hätte, aber weiß, wer es war?“
Ich fühle mich erleichtert. Damit kann ich umgehen. „Und woher willst du das wissen?“
„Was wäre … Ich meine, o Gott, mein Bein … Das tut sauweh, Mann, echt. Ich brauch einen Krankenwagen.“
„Wo ist sie?“
„Du bist wahnsinnig, weißt du das? Du bist ein Psychopath.“
„Wo ist sie?“
„Was wäre …“ Er verdreht die Augen und wird total bleich. Ich schüttle ihn. Er schaut mich an. „Ich fühl mich nicht gut.“
„Sag mir, wo sie ist, dann rufe ich einen Krankenwagen.“
„Einen Krankenwagen“, sagt er und wird langsam ohnmächtig.
Ich schlage ihm ins Gesicht.
„Was?“
„Alyssa.“
„Ja, Alyssa, Alyssa … Ich hab gehört, wie ein paar Typen darüber sprachen. Gestern Abend in der Kneipe. Was wäre, wenn ich dir sage, was ich gehört habe?“
„Wenn es mir hilft, sie zu finden, dann muss ich dir nicht noch eine Kugel verpassen.“
„Das waren Typen vom Such- und Rettungsdienst“, sagt er. „Von außerhalb. Die haben nach einer Frau gesucht, die kürzlich beim Wandern verschwunden ist. Ich hab die vorher noch nie gesehen, ich schwör’s.“
Such- und Rettungsdienst. Die Stadt Acacia Pines ist umgeben von riesigen Wäldern und zahlreichen Seen. Auswärtige verlaufen sich immer wieder in dieser Gegend. Die Einheimischen nennen die Wildnis hier schlicht The Pines. Die Leute vom Rettungsdienst nennen sie das Grüne Loch – schwarze Löcher absorbieren das Licht, das Grüne Loch verschluckt Wanderer und Camper. Wir schicken dann Suchtrupps los, und gelegentlich kommen auch Leute aus anderen Städten zur Unterstützung dazu. Meistens werden die Vermissten gefunden, manchmal aber auch nicht. „Und da hast du nicht daran gedacht, deinen Vater anzurufen? Du hast lieber nichts getan und zugelassen, dass eine vermisste Siebenjährige weiterhin vermisst bleibt?“
Sein Kopf kippt nach vorn. Ich drücke einen Finger in die Schusswunde, und er schreit auf. Ich ziehe den Finger wieder raus und wische ihn an meinem Hemd ab.
„Wieso hast du niemandem etwas davon gesagt?“
Er beißt die Zähne zusammen. „Ich wollte nicht in die Sache reingezogen werden.“
Ich sollte ihn einfach abknallen. Stattdessen sage ich: „Sag mir, was du gehört hast.“
Er würgt einen weiteren Blutklumpen hoch und spuckt ihn in die Pfütze. „Sie sagten, sie wollten sie verkaufen, und dass sie …“ Er verzieht das Gesicht vor Schmerz. „Sie sagten, sie sei niedlich und würde alle Kriterien erfüllen. Sie wollten sie in den nächsten Tagen außer Landes bringen.“
„Das erklärt nicht, wie ihre Tasche in deinen Wagen gekommen ist.“
„Wenn du sie nicht reingetan hast, dann weiß ich nicht, wie das sein kann.“
„Und deine Fingerabdrücke auf ihrem Haarband?“
Seine Stimme nimmt einen weinerlichen Tonfall an, als er sagt: „Es gibt tausend Möglichkeiten, wie das passiert sein könnte. Vielleicht hab ich es aufgehoben und gedacht, es sei was anderes. Vielleicht lag es irgendwo herum, und sie hat es gar nicht getragen. Ich weiß es nicht. Vielleicht sind das ja gar nicht meine Fingerabdrücke. Es ist doch dein Job, so was rauszukriegen.“
„Was ist mit der Skibrille, die wir in deinem Handschuhfach gefunden haben?“
Er sagt nichts dazu.
„Willst du mir das nicht erklären?“
„Das ist … nicht so, wie du glaubst“, sagt er.
„Ach ja? Und was glaube ich?“
„Es ist nur eine Skibrille“, sagt er. „Die trage ich, wenn ich zum Jagen gehe, wenn’s kalt ist. Dafür werden diese Dinger doch verkauft. Komm schon, Noah, ich verblute.“
„Wo ist sie, Conrad? Du hast ihnen zugehört … Haben sie gesagt, wo sie sie hingebracht haben?“
„Weiß ich nicht“, sagt er und fängt an zu weinen. „Ich schwör dir, ich weiß es nicht.“
Ich schiebe meinen Finger wieder in die Wunde. Muss den Brechreiz unterdrücken. Er bäumt sich auf und ruckt nach vorn. Seine Adern schwellen an, und sein Gesicht wird so rot, wie ein Gesicht nur werden kann.
„Warte“, sagt er. Ich ziehe meinen Finger zurück und warte. „Sie sprachen von der alten Farm der Kellys“, sagt er. Tränen, Rotz und Blut laufen an ihm herab und sammeln sich in einer ekelhaften Lache auf seinem Hemd.
„Die Farm der Kellys“, sage ich.
„Die Farm der Kellys“, wiederholt er.
Ich stecke meine Waffe ein und verlasse das Büro.
Er schreit hinter mir her: „Du bist erledigt, Noah! Hast du gehört? Du bist fertig!“
„Was zum Teufel hast du mit ihm gemacht?“, fragt Drew.
Ich bekomme kein Wort heraus. Ich gebe Drew sein Handy zurück, steige die Treppe hinunter und schaue nicht zurück.


2 – In der Gegend um das …

In der Gegend um das Sägewerk herum sind Bäume gefällt, erneut gewachsen und wieder gefällt worden. Verschiedene Bereiche befinden sich in verschiedenen Stadien der Wiederaufforstung, aber die Bäume in der Nähe der Fabrik sind jung und grün und kaum größer als ich. Die Straße, die zum Highway führt, ist eine Meile lang und ziemlich gewunden. Ich fahre so schnell es geht. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Das Sägemehl auf meiner Haut juckt. Ich fahre nach Norden Richtung Stadt. Das nächste Gebäude in der Nähe ist Earls Tankstelle. Der Parkplatz und der Highway davor sind so hell erleuchtet wie ein Football-Stadion. Der Inhaber heißt Earl Winters und ruft uns alle paar Monate an, wenn mal wieder jemand eine Ladung Schrot in seine Flutlichter geschossen hat. Und alle paar Monate kriegen wir dann wieder nicht heraus, wer es war. Vielleicht immer dieselbe Person. Vielleicht auch ganz verschiedene Leute, denn das Flutlicht ist ziemlich grell und lästig. Ich rase so schnell an der Tankstelle vorbei, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn ich sie in meinem Sog mitgerissen hätte.
Auf dem Highway sind keine anderen Autos zu sehen. Kein Anzeichen von Leben. Dieser Teil des Landes ist so abgelegen, dass die Welt untergehen könnte, und niemand in Acacia Pines würde es merken. Der Highway ist die einzige Straße, die zur Stadt führt. Sie schlägt eine Schneise durch die Wälder, in denen die Geister der vermissten Wanderer herumspuken.
Jede halbe Meile passiere ich eine Abfahrt, die zu einem der kleinen oder größeren Bauernhöfe führt. Ich fahre an rot gestrichenen Scheunen vorbei, die tagsüber aussehen, als würden sie auf einem Meer von Weizen treiben, und nachts wie schwarze Löcher am Horizont. Normalerweise braucht man für die Strecke zehn Minuten, ich brauche nur sechs. Ich nehme die Abfahrt zur Kelly-Farm. Das große Zu verkaufen-Schild, das davor steht, ist während der letzten drei Jahre wegen der glühend heißen Sonne im Sommer und dem Frost im Winter schon ganz verblichen. Aus der asphaltierten Straße wird ein staubiger Kiesweg. Das Heck des Wagens schlingert, während der Split gegen den Unterboden prasselt. Das Haus liegt hinter einer Gruppe von Eichen, die verhindern, dass man es vom Highway aus sehen kann. Ich lenke den Wagen um sie herum und halte vor dem Gebäude, lasse die Scheinwerfer an und steige aus. Staubwolken wabern über den Kiesweg wie Nebelschwaden. Das Land hier draußen ist sehr trocken. Hier wachsen nur Brennnesseln, Stechginster und vereinzelte Grasballen.
Das Haus besteht aus Rotholz, die Verkleidung ist weiß, das Dach ragt spitz in den Himmel. In einem Unterstand stehen ein Auto und ein Traktor, die Reifen sind platt, an den Wänden stapeln sich Heuballen. Ich leuchte mit meiner Stablampe die Veranda ab. Kaputte Holzbohlen. Überall dichte Spinnweben. Etwas trippelt hastig davon. Die Scheinwerfer des Autos und das Mondlicht werden von den Fenstern reflektiert. Die Tür ist verschlossen, aber genauso alt und vernachlässigt wie alles andere. Sie leistet keinen großen Widerstand. Soweit ich weiß, war diese Tür während all der Jahre, in denen die Kellys hier wohnten, nie verschlossen. So ist das in dieser Gegend.
Im Haus hängt ein modriger Geruch in der Luft. Das letzte Mal war ich vor drei Jahren hier, als Jasmine Kelly, die ans andere Ende des Landes gezogen war, bei Drew anrief und ihm mitteilte, sie habe seit einer Woche nichts mehr von ihren Eltern gehört. Ich taste nach dem Lichtschalter, aber es gibt keinen Strom. Ich folge den Fußspuren im Staub. Die Dielenbretter knarren unter meinen Füßen. Ich spüre eine dumpfe Hitze. Schatten huschen über die Wände, während ich mit der Taschenlampe alles absuche. Es gibt eine Menge zu sehen – Sofas, einen Esstisch, Betten, Küchengeräte, einen Couchtisch mit Zeitschriften und einen Fernseher, der höchstens fünf Jahre alt sein kann. An den Wänden und auf den Regalen befinden sich Gemälde und Fotos. Es fühlt sich an, als würde das Haus darauf warten, dass jemand zurückkommt. Ich werfe einen Blick in das Schlafzimmer, in dem Ed und Leah Kelly sich vor drei Jahren mit Schlaftabletten umbrachten, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Der Hof war hoch verschuldet, und die Tochter erzählte immer, ihr Vater hätte behauptet, das Land sei verflucht, weil hier nur Unkraut wuchert.
Ich steige in den Keller. Keller sind die Orte, wo Männer wie Conrad Haggerty Mädchen wie Alyssa Stone gefangen halten. Ich öffne die Tür. Es riecht wie in einer Kloake. Ich halte die Luft an und beleuchte die Stufen. Sie knarren laut, als ich sie betrete. An den grauen Betonwänden hängen diverse Werkzeuge. Ich sehe eine alte Tiefkühltruhe und hoffe, dass sie leer ist. Auf einem alten Esstisch sind Stühle gestapelt, darunter stehen Kisten voller Gerümpel. Berge von Decken. Ich kann den Atem nicht länger anhalten. Der Geruch ist nicht besser geworden. Ich sehe einen alten Radiator, ein paar Fahrräder und ein altes Fernsehgerät. Auf einem Regal liegt ein Haufen ineinander verhedderter Christbaumkerzen. Hier ist es genauso staubig wie oben. Auf dem Boden sind Fußspuren von jemandem zu sehen, der in den Keller hinein und wieder hinaus ging.
Ich folge ihnen.
Ich muss nicht weit gehen.
Falls es einen Menschen gibt, der Grund hätte, an Flüche zu glauben, dann ist das Alyssa. Ihr Vater hat sein Leben dem Sägewerk geopfert. Er fing mit sechzehn an, schuftete dort achtzehn Jahre lang und verblutete auf dem Fußboden, nachdem ein Bandsägeblatt gerissen war, zehn Meter durch die Luft flog und eine Arterie in seinem Bein zerfetzte. Alyssa war damals sechs Monate alt. Vor drei Monaten ist ihre Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ihr Onkel nahm sie danach zu sich. Ich kann nur beten, dass dies hier der letzte Schicksalsschlag für sie sein wird.
In diesem Augenblick versucht Alyssa verzweifelt, sich in einer Ecke hinter ein paar Farbkanistern und alten Brettspielen zu verstecken. Sie schreckt vor dem Licht meiner Taschenlampe zurück, als hätte sie ihr ganzes Leben nur im Dunkeln verbracht. Sie sieht ausgemergelt und verängstigt aus und hat ein blaues Auge, weil jemand sie geschlagen hat. Verklebte schwarze Haarsträhnen fallen in ihr verweintes Gesicht. Als ich sie so sehe, bricht es mir das Herz. Ich möchte sie umarmen und beschützen und sie nie mehr loslassen. Ich möchte die Welt für sie wieder in Ordnung bringen. Um ihr Fußgelenk ist eine Eisenkette geschlungen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Die Kette ist an der Wand befestigt. Ihr Gelenk ist aufgerissen und angeschwollen, und mein Magen rebelliert schon wieder. Wenn ich hier fertig bin, werde ich noch mal ein Wörtchen mit Conrad Haggerty reden.
„Alyssa“, sage ich. „Ich bin Deputy Harper.“ Ich richte die Taschenlampe auf mich. Hier, das bin ich. Deputy Noah Harper, im Keller des Hauses eines toten Ehepaars, und dies ist mein letzter Einsatz.
Sie will noch weiter nach hinten rutschen, aber da ist kein Platz mehr. Sie hockt da, starrt mich an und sagt kein Wort. Ich weiß nicht, ob sie mich erkennt. An dem Tag, als ihre Mutter starb, hatten wir notgedrungen miteinander zu tun.
„Es wird alles gut.“ Ich stelle die Taschenlampe aufrecht auf den Boden, damit sie zur Decke strahlt. Ich versuche, locker zu klingen. Nett und freundlich. „Alles wird gut“, wiederhole ich, und ich meine es auch so. „Er kommt nicht wieder.“
Sie starrt mich an. Ihre Fingerspitzen sind blutig, weil sie versucht hat, den Bolzen, an dem die Kette hängt, aus der Wand zu lösen.
„Ich suche etwas, womit ich die Kette abkriege, okay? Ich finde hier bestimmt irgendwas, womit ich dich befreien kann.“
Sie sagt nichts.
„Ich hole dich hier raus, Alyssa. Und dann bringe ich dich zurück zu deinem Onkel.“


3 – Ich finde ein paar …

Ich finde ein paar Bolzenschneider, aber sie sind total verrostet und stumpf. Also schaue ich mir das andere Ende der Kette an. Es hängt in einem Bolzen an der Wand neben der Matratze, auf der Alyssa geschlafen hat. Ich finde einen Satz Steckschlüssel. Einer davon passt zu den Schrauben, die den Bolzen festhalten. Meine Finger schmerzen so stark von den Schlägen, die ich Conrad Haggerty verpasst habe, dass ich dem Schlüssel einen Tritt verpassen muss, um ihn zu bewegen. Aber schließlich kann ich ihn drehen. Die drei übrigen Schrauben lassen sich leichter lösen.
Ich habe erwartet, dass sie sofort wegläuft, wenn die Kette ab ist, doch sie bleibt sitzen. „Onkel Frank macht sich schon Sorgen um dich. Alle machen sich Sorgen wegen dir. Wir haben den Mann verhaftet, der das hier getan hat. Er kann dir nicht mehr wehtun.“
Sie zieht die Beine an und schlingt die Arme um ihre Knie.
„Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, Alyssa. Aber erst mal musst du eine wichtige Entscheidung treffen. Ich kann dich tragen, oder du kannst selber laufen. Was ist dir lieber?“
Ganz langsam streckt sie eine Hand aus. Sie zittert. Ich ergreife sie, und wir stehen zusammen auf. Einen Moment lang bewegt sie sich nicht, dann führe ich sie zur Treppe. Ich trage die schwere, rostige Kette für sie. Wir steigen nach oben, und der Modergeruch im Erdgeschoss ist geradezu erfrischend im Vergleich zum Keller, wo ein Eimer Alyssa als Toilette diente. Draußen bleiben wir kurz auf der Veranda stehen. Alyssa schaut zum Himmel, und ich lasse meinen Blick über die Felder schweifen. Wir atmen beide tief durch.
Wir gehen zum Auto. Der Staub, den ich aufgewirbelt habe, ist verschwunden. Ein warmer Lufthauch weht über das Brachland, die hohen Gräser neigen sich in unsere Richtung. Kleine Städte haben den Vorteil, dass man viel vom Himmel sehen kann. In diesem Moment ist der Anblick geradezu spektakulär. Unter dem weiten Himmel fühle ich mich sehr klein, und Alyssa wirkt noch kleiner. Indem ich zu einem Monster wurde, habe ich ihr das Leben gerettet. Ich weiß nicht, was uns beiden jetzt bevorsteht. Ob sie sich davon erholen wird, wie damals, als ihre Mutter starb, oder ob sie sich vor der Welt verstecken will. Ob ich in einer Zelle neben der von Conrad Haggerty enden oder von seinem Vater fertiggemacht werde. Große Fragen unter einem weiten Himmel.
Ich setze Alyssa auf den Beifahrersitz, lege die Kette auf den Boden und frage sie, ob das so in Ordnung ist und ob sie Schmerzen hat. Sie starrt mich an und sagt nichts. Ich lege ihr den Sicherheitsgurt an. Keine Sirenen in der Ferne, auch keine Blaulichter. Vielleicht hat Drew keine Meldung gemacht. Vielleicht hatte er keinen Empfang. Vielleicht hat er angerufen, aber Conrad hat ihnen nichts von der Kelly-Farm erzählt. Oder Conrad ist verblutet.
Ich öffnet den Kofferraum und werfe mein blutiges Hemd rein. Jetzt trage ich nur noch meine Uniformhose und das weiße T-Shirt, das halbwegs sauber aussieht. Ich steige ins Auto und betätige den Hebel für die Scheibenwaschanlage. Die Wischer bewegen sich und erzeugen erst Schlieren in der Staubschicht, dann saubere Bögen auf der Windschutzscheibe. Wir fahren in die Stadt. Alyssa schaut aus dem Fenster. Ich schalte die Klimaanlage aus und öffne das Fenster. Ich denke daran, dass ich Alyssas Onkel anrufen muss. Und Sheriff Haggerty. Ich muss meine Frau anrufen. Schließlich telefoniere ich mit Dan Peterson und bitte ihn, mich in fünfzehn Minuten vor dem Krankenhaus zu treffen. Ich bitte ihn, seinen Lieferwagen mitzubringen. Er sagt, geht in Ordnung, aber bevor er fragen kann, warum, bricht das Gespräch ab. Hier draußen, wo der Himmel frei ist von Lichtüberflutung, sind Handy-Verbindungen Glückssache.
Die Bauernhöfe stehen jetzt näher an der Straße, und bald stehen sie noch dichter zusammen. Das Handy funktioniert wieder. Die Weiden werden von Einfamilienhäusern mit kleinen Gartengrundstücken abgelöst, als wir den Stadtrand erreichen. Wir fahren über eine rote Brücke mit riesigen Stahlträgern, die über einen fünfzehn Meter breiten und endlos langen Fluss führt. Wir erreichen die Hauptstraße, fahren an Geschäften, Parkbänken und den bunt beleuchteten Bars vorbei. Eine Viertelmeile geradeaus und dann rechts liegt die Polizeistation im Zentrum von Acacia Pines, einer Provinzstadt mit rund zwanzigtausend Einwohnern. Doch wir biegen nach links ab, fahren am Kino, einer Schule und einem Park vorbei und erreichen das Acacia Hospital.
Das Krankenhaus ist ein dreistöckiges weißes Backsteingebäude mit einem flachen Dach, auf dem zahlreiche Satellitenschüsseln stehen. Quadratische Fenster, kein Licht dahinter. Auf dem Parkplatz davor stehen ungefähr ein Dutzend Fahrzeuge, die meisten gehören den Angestellten. Normalerweise befinden sich drei Krankenwagen vor dem Eingang, aber im Moment fehlt einer davon. Es ist ein Kleinstadt-Hospital mit sechzig Betten. Die Chirurgen und Ärzte können Knochenbrüche schienen und Prothesen anlegen, Herzschrittmacher einsetzen und eine Dialyse durchführen, aber eine Organtransplantation bekommt man hier nicht. Ich weiß das, weil Drew vor einigen Jahren krank wurde und eine neue Niere brauchte. Dafür musste er eine weite Reise antreten.
Ich parke direkt neben dem Lieferwagen von Dan Peterson. Das Heck ist ganz schwarz von den Abgasen. Jemand hat mit dem Finger etwas in den Dreck geschrieben: Ach, wäre deine Frau doch auch so schmutzig. Er lehnt an der Seite, mit den Händen in seinen Taschen, und seine Wampe wölbt sich über den Gürtel. Im Mundwinkel klebt eine Zigarette. Peterson ist Allround-Handwerker und schon fünf Jahre jenseits des Renteneintrittsalters. Das Sägewerk und der Steinbruch und die Farmen mögen ja für den Herzschlag des Städtchens unerlässlich sein, aber wenn Dan irgendwann in den Ruhestand geht, dann müssen wir alle lernen, wie man Vogelhäuschen baut, Dächer deckt oder Gräber auf dem Friedhof aushebt.
Ich öffne die Beifahrertür und helfe Alyssa, sich zur Seite zu drehen, damit sie ihre Füße auf den Boden stellen kann. Dan starrt sie an, er kennt sie aus den Nachrichten.
„Kannst du das Schloss knacken?“, frage ich.
„Dauert keine Minute.“
Tatsächlich braucht er drei.
„Sagst du mir, wer sie entführt hat?“, fragt er.
„Kommt morgen in den Nachrichten.“
„Jedenfalls bin ich froh, dass es ihr gut geht“, sagt er und wirft einen Blick auf meine zerschlagenen, geschwollenen Hände. Er salutiert lässig und fährt davon.
Ich lege die Kette auf den Beifahrersitz und wische mir die Hände an der Hose ab. Dann führe ich Alyssa an der Hand ins Krankenhaus, so, wie ich sie auch aus dem Haus der Kellys geführt habe. Ärzte und Krankenschwestern erwarten uns an der Tür. Ich vermute, dass der fehlende Krankenwagen unterwegs ist, um Conrad zu holen. Alyssa war in den Nachrichten, und alle erkennen sie, aber sie machen keine große Sache daraus, um sie nicht zu ängstigen.
Eine Krankenschwester in den Vierzigern, schlank und mit grauen Strähnen im Haar, kommt uns entgegen. Ich spüre, wie Alyssa mich fester anfasst. Die Krankenschwester nickt mir knapp zu, lächelt Alyssa an und geht in die Hocke. „Wie geht’s dir, Herzchen?“, fragt sie. Alyssa versteckt sich hinter mir. „Ich bin Schwester Rosie, aber du kannst mich Rose nennen, wenn du möchtest. Wollen wir dich erst mal ein bisschen waschen, hm?“
Ich schaue Alyssa an. „Du kannst mit ihr gehen“, sage ich. „Ich bleibe hier und passe auf.“
Sie hebt den Zeigefinger, um mir anzudeuten, dass sie etwas sagen will. Sie lässt mich los, und ich gehe in die Hocke. Sie beugt sich vor und legt die Hände zusammen, um mir ins Ohr zu flüstern: „Ist Onkel Frank böse auf mich?“
„Böse?“
„Weil ich mit dem Mann gegangen bin. In der Schule sagen sie immer, wir dürfen nicht in … fremde Autos … einsteigen. Ich wollte nicht, aber er hat mich gezwungen.“
„Das weiß ich doch, Herzchen.“
„Hat der Mann eine Bank ausgeraubt?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Er hat eine Maske aufgehabt, wie ein Räuber.“
Die Skibrille, die wir in Conrads Wagen gefunden haben. Das bedeutet, er wollte nicht von ihr erkannt werden. Also hatte er geplant, sie irgendwann wieder freizulassen.
„Das war kein Räuber“, sage ich. „Das war einfach nur ein böser Mann.“
„Ja, wirklich böse“, sagt sie. Sie umarmt mich fest. Ich drücke sie.
„Und jetzt gehst du mit Rose. Sie wäscht dich, und dann bringen wir dich zu deinem Onkel. In Ordnung?“
Sie umklammert mich immer noch. „Wird der böse Mann wiederkommen?“
„Nein.“
„Und wenn doch, rettest du mich dann?“
„Natürlich. Ich werde alles dafür tun.“
Sie schaut mich an. „Versprochen?“
„Versprochen.“
Die Krankenschwester führt Alyssa in ein Behandlungszimmer. Eine andere Schwester kommt zu mir. Sie ist Mitte zwanzig, hat kurze blonde Haare und trägt eine modische Brille. Sie heißt Victoria und ist meine Schwägerin.
Sie legt eine Hand auf meinen Arm. „Meine Güte, Noah, wo hast du sie gefunden?“
„Eingesperrt im Keller der alten Kelly-Farm.“
Ihre Brille bewegt sich ein wenig, als sie das Gesicht verzieht. „Wer hat sie entführt?“
„Conrad Haggerty.“
Ein paar Sekunden lang sagt sie gar nichts. Wahrscheinlich malt sie sich aus, was sie jetzt am liebsten mit Conrad tun würde. „Dieser Dreckskerl“, sagt sie, spuckt die Worte geradezu aus. „Bist du sicher?“
„Ganz sicher.“
„Das wird übel ausgehen“, sagt sie.
Ich schüttle den Kopf. „Übel ist noch untertrieben.“

Paul Cleave

Über Paul Cleave

Biografie

Mit düsteren Thrillern begeistert Paul Cleave seine treue Fanschar, die Cleaves böse Helden liebt. Er lebt in Christchurch (Neuseeland), aber hat seine Frisbees schon in mehr als 40 Ländern geworfen. Seine Lesetouren gelten als legendär. Zahlreiche Preise und Nominierungen säumen den Weg von Paul...

Paul Cleave im Interview

„Paul Cleave ist der Thriller-Jackpot!“ Sebastian Fitzek

Paul Cleave ist für viele der König des zeitgemäßen Serienkiller-Romans. Dies hat er schon mehrfach bewiesen, seine Thriller sorgen international für Begeisterung und Adrenalinschübe, Spannungsautoren von S. J. Watson bis Mark Billingham loben Cleave enthusiastisch. Und seine Fans lieben ihn. Davon hat er viele. Gerade in Deutschland folgt Paul Cleave eine große Fanschar, die jedem seiner Bücher entgegenfiebert. Seine Lesungen gelten als legendär. Bei alldem ist Paul Cleave nahbar, sympathisch und offen geblieben – sozusagen ein netter Kerl, der über böse Menschen schreibt. Nach einer Pause erscheint jetzt endlich sein neuer Roman „Blutbringer“ in Deutschland. Zeit für gepflegte Konversation mit dem Meister des Bösen …

Mr Cleave, wovon handelt Ihr neuer Thriller „Blutbringer”?

In „Blutbringer” geht es um Noah Harper, einen Polizisten, der alles aufs Spiel setzt, um ein kleines Mädchen zu retten. Dabei überschreitet er moralische und gesellschaftliche Grenzen, verliert sich in Gewalt. In der Folge wird Noah gezwungen, seine Heimatstadt zu verlassen, er verliert seine Frau, seinen Beruf, seine Freunde. 12 Jahre später verschwindet das Mädchen, das er damals gerettet hat, erneut. In dieser Situation wird Noah trotz seiner Untaten zur Hilfe gerufen, denn man weiß, dass er alles tun wird, um sie noch einmal zu retten – einfach alles!

Die Hauptfiguren in Ihren Büchern tun meist wirklich böse Dinge – und doch mag man sie auf eine gewisse Weise; sie haben ihre guten Seiten, so scheint es. Zumindest kann man verstehen, warum sie tun, was sie tun – wenn auch nicht billigen. Glauben Sie, dass in uns allen irgendwo ganz tief ein potenzieller Mörder verborgen ist?

Ja, das halte ich für möglich. Es kommt immer auf die Umstände an. Darum geht es in vielen meiner Bücher: Wie böse kann selbst der netteste Mensch sein – oder zumindest der, den wir für den nettesten halten? Sicher stellen wir uns alle einmal in Extremsituationen diese Frage: „Was würde ich tun, wenn man mich zum Äußersten treiben würde?” Eine zugegeben heikle Frage, aber sie gehört zum Menschen. Würde ich jemals so etwas tun wie Noah in „Blutbringer”? Nun, ganz gewiss nicht – aber es ist faszinierend, mit dieser Frage zu spielen.

Noah ist ein biblischer Name und sein Rachefeldzug hat geradezu biblische Ausmaße. Finden Sie Religion inspirierrend?

Nein. Ich bin nicht religiös – aber das biblische Motto „Auge um Auge” spielt eine Rolle in meinen Geschichten.

Wie kamen Sie auf die Idee zu „Blutbringer”?

Die Idee wurde zufällig geboren, beim Gespräch mit einem befreundeten Schriftsteller. Wir unterhielten uns über dies und das, und plötzlich sagte mein Kumpel: „Stell dir einen Typen vor, der seinen Heimatort verlassen muss, weil alle sich von ihm abwenden. Er schwört, nie wieder zurückzukehren.

Was würde ihn wohl dazu bringen, seinen Schwur zu brechen?” Ich überlegte kurz und meinte dann: „Stell dir einen Polizisten vor, der ein kleines Mädchen retten will, das entführt wurde. Er ist verzweifelt, er wird gewalttätig, er überschreitet alle Grenzen. Und Jahre später, nachdem er seine Leute verlassen hat, verschwindet das gleiche Mädchen wieder.“ Und da merkte ich, dass dies der Anfang eines neuen Romans sein könnte.

Wenn „Blutbringer” verfilmt würde … wer wäre Ihr Traumregisseur? Und wer wäre in Ihren Augen die Idealbesetzung für Noah Harper?

Eine schwierige Frage. Als Regisseur wäre David Fincher cool. Und in der Rolle des Noah würde ich gerne jemanden wie Patrick Wilson sehen.

Können Sie sich vorstellen, einmal einen Thriller zu schreiben, der in Deutschland spielt?

Absolut! Vor Covid habe ich Deutschland mehrmals im Jahr besucht, ich war regelmäßig dort, um Freunde zu treffen. Ich habe nämlich viele gute Freunde dort, ich reise gerne und ich liebe Deutschland. Ich hoffe, bald einmal wieder bei Euch sein zu können.

Was inspiriert Sie? Haben Sie Vorbilder?

Andere Schriftsteller natürlich. Zu viele, um sie aufzuzählen. Ich bin zudem ein großer Filmfan, seit einiger Zeit auch Serienfan. Allerdings gibt es nichts, was ich kopieren oder nachahmen möchte – es ist mir wichtig, mich beim Schreiben von allem zu lösen und nur aus meiner eigenen Ideenwelt zu schöpfen.

Haben Sie abschließend einige Worte an Ihre deutschen Fans?

Unbedingt! Ich weiß, es ist einige Zeit her, dass mein letztes Buch in Deutschland erschienen ist – aber jetzt habe ich ein neues Zuhause im Piper Verlag! Es ist sehr aufregend für mich, dass meine Romane jetzt auch wieder in Deutschland erscheinen – und ja, ich kann euch sagen, ich habe noch einige wirklich böse Geschichten auf Lager!

Pressestimmen
angelina_reads

„›Blutbringer‹ war mein 1. Buch von Paul Cleave und wird nicht mein letztes gewesen sein. Der Schreibstil ist super, die Kapitel haben eine angenehme Länge und das Buch sieht echt klasse aus. (...) Ich kann das Buch jedem Thrillerfreund empfehlen.“

nadine_dietz

„Der Schreibstil ist flüssig, bildgewaltig und schockierend, es entfaltete sich eine Sogwirkung, die mich daran hinderte, den Thriller aus der Hand legen.“

nadine_dietz

„Der Schreibstil ist flüssig, bildgewaltig und schockierend, es entfaltete sich eine Sogwirkung, die mich daran hinderte, den Thriller aus der Hand legen. Das Cover ist ein Hingucker mit dem Schriftzug am schwarzen Bildschnitt.“

nadine_dietz

„Der Schreibstil ist flüssig, bildgewaltig und schockierend, es entfaltete sich eine Sogwirkung, die mich daran hinderte, den Thriller aus der Hand legen.“

matoms_buecherwelt

„Das ist wirklich ganz großes Kino und hat mich schwer beeindruckt. Es war mein erstes Buch von Paul Cleave, jedoch ganz sicher nicht mein Letztes.“

chrissysbooks

„Wer sich auf eine packende Story mit vielen überraschenden Wendungen und einer nicht zu übersehenden Blutspur einlassen möchte, kann sich bei diesem Thriller auf ereignisreiche Lesestunden freuen.“

booksurfer

„Paul Cleave ist endlich zurück und das, wie ich finde, mit einer Killer-Story“

musenblaetter.de

„Er hält die Spannung über die gesamten 487 Seiten des Romans auf fiebernder Höhe, setzt seinen Anti-Helden gleichermaßen unter Adrenalin wie den Leser, lässt die Angst der Opfer und die Wut anderer fühlen, er führt an Abgründe und er lässt nicht immer das Gute siegen.“

maskedbookblogger

„Mit ›Blutbringer‹ schreibt Paul Creave einen sehr actionreichen sowie atmosphärischen Thriller, der an vielen Stellen unter die Haut geht.“

claudiasbuecherregal

„Aktuell, gut durchdacht und interessant aufgebaut – Paul Cleave weiß zu unterhalten.“

magazin-koellefornia.com

„Absolut nichts für schwache Nerven. Hier werden Serienmorde auf ein ganz neues Level gehoben.“

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