10 Tipps für Reisen in den Iran
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10 Tipps für Reisende in den Iran

Freitag, 08. Juni 2018 von Piper Verlag


Urlaub im Iran

Urlaub auf der »Achse des Bösen«?

Wer in den Iran reisen will, sollte sich vorher mit einigen Besonderheiten des Landes vertraut machen. Die erfahrenen Iran-Reisenden und Autoren Stephan Orth und Nadine Pungs geben praktische Tipps und Anweisungen:

- Welche Fettnäpfchen sollte man unbedingt vermeiden?
- Welche Kleidung trägt man als Frau im Iran?
- Was ist während des Ramadan zu beachten?
- Welche Währung der Iran hat und wie man am besten bezahlt.

Beide sind überzeugt: Wer sich auf das Land und die Menschen einlässt und die gängigen Klischees über Bord wirft, wird mit eindrucksvollen Erfahrungen belohnt.

Sich trauen

Der Iran gilt seit dem ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush als »Achse des Bösen«, und seitdem ein orangefarbener Präsidentendarsteller im Weißen Haus mehr twittert als denkt, ist der Iran mittlerweile wieder auf das Niveau eines »Schurkenstaats« herabgestiegen. Dieser ganze propagandistische Dreck hat sich über die Jahre in unser (westliches) Hirn festgezeckt. Auch in meins. Ergo ist es fast unmöglich, ohne Klischees in den Mittleren Osten aufzubrechen.

Nichtsdestotrotz sollte man es dennoch wagen; man könnte überrascht werden. Die Realität sieht nämlich anders aus. Ich rate dir deshalb: Hör nicht auf Ansichten von Leuten, die nichts wissen! Nein, trau dich! Geh hin!

In einer Welt, in der Meinungen mehr zählen als Fakten, ist es unerlässlich, sich selbst auf den Weg zu machen und nachzuschauen!

 

Sich einfangen lassen

Ein Klischee über den Iran stimmt: die überbordende Gastfreundschaft. Ob eine Einladung zum Chai oder zum Abendessen – die Iraner möchten sich kümmern. Das kann zuweilen anstrengend sein, zumeist ist es aber einfach sehr liebenswürdig und bewundernswert. Sofern es sich nicht um Ta’arof handelt – also nur Höflichkeitsgeste ist – solltest du Einladungen annehmen. Lass dich einfangen! Du wirst am Ende immer reicher sein als vorher. Denn auf diese Weise lernst du Land und Leute tatsächlich und abseits westlicher Vorurteile kennen. Und die berühmte persische Freundlichkeit wird dich ganz sicher berühren. Die meisten Perser sind nämlich unglaublich großmütige Menschen. Vonwegen »Schurkenstaat«. Mir ist auf meinen Reisen nicht ein einziger »Schurke« begegnet, sondern zumeist höfliche, vorurteilsfreie und fürsorgliche Frauen und Männer, die ihre Herzen bedingunglos verschenkten.

P.S.: Mach dich bereit für viele, viele Selfies mit vielen, vielen freudigen Iranern.

 

Ramadan

Wenn du in den Iran reist, dann checke vorher unbedingt die Daten. An Ramadan schenkt ein Trip durch die Islamische Republik nur bedingt Frohsinn. Im Fastenmonat präsentiert sich das Regime nämlich totalitärer als sonst. Wer an Ramadan raucht oder isst und sich von der Polizei erwischen lässt, dem drohen Peitschenhiebe. Geraucht und gegessen wird trotzdem. Sogar in den Hinterzimmern der Moscheen.

Als Reisender hat man zwar den Touri-Bonus, und außer einer Verwarnung dürfte nicht viel passieren, doch ich würde es nicht darauf ankommen lassen. Zudem verkaufen die Imbissbuden und Restaurants tagsüber kein frisch gekochtes Essen. Und in der Öffentlichkeit ist selbst das Nippen an einer Wasserflasche verboten. Das kann für schlechte Laune sorgen.

 

Lügen

Lüg! Nenne niemals den Namen deines Couchsurfing-Gastgebers, verrate nicht, wer dir den Alkohol ausgegeben hat und halte dich mit politischen Äußerungen in der Öffentlichkeit zurück.

Die Lüge ist unausweichlich, wenn das Leben davon abhängt. Nicht dein Leben. Du kannst den Iran wieder verlassen. Doch achtzig Millionen Menschen können das nicht so leicht. Du trägst Verantwortung für das, was du über deine iranischen Bekanntschaften (z.B. in sozialen Netzwerken) preisgibst! Die Situation entscheidet über die Wahrheit. Und bedenke: Mit deiner Lüge schützt du deine Gastgeber. Also lüg!

 

 

Gastfreundlich und großherzig seien die Iraner, so berichten Wiederkömmlinge. Und – welch Überraschung – die Frauen hier seien sogar selbstbewusst und gebildet. Da staunt so mancher Westler. Verbindet er mit dem Iran doch eher Atomraketen. Persien jedoch, das zaubert eine Verklärung ins Gesicht. Da fliegen nicht Raketen, sondern Teppiche. In Persien berauschen die Gärten, die Mosaike, die Basare.

Aber ist diese Darstellung nicht auch nur Klischee? Die netten Perser, die Herzlichkeit? Gibt es nichts zwischen Morgenland-Nostalgie und finsterer Mullah-Hegemonie?


Nadine Pungs

Das Patriarchat am Leib

»Als Frau? Alleine?« Das war die häufigste Frage, die mir vor meinen Reisen in den Iran gestellt wurde. Und meine Antwort lautete stets: »Ja, klar, warum nicht?«

Grundsätzlich kannst du als Frau überall auf der Welt allein reisen. Ich verstehe die Hysterie darum nicht. Wir Frauen haben es sogar oftmals leichter, denn wir werden eingeladen, beschenkt und uns wird die Tasche getragen. Also trau dich (siehe Punkt 1)!

Was eine Reise in den Iran allerdings für Frauen schwierig macht, ist die Kleider(ver)ordnung; der Zwang zum Hejab. Also Kopftuch und ein langes Hemd, das die weiblichen Kurven verwischt. Auch bei 40 Grad Hitze. Sei dir darüber bewusst; sobald du das Haus verlässt, musst du islamkonform eingesackt sein.

Für den Anfang und gegen im Wind umherflatternde Schleier helfen übrigens Haarklammern, mit denen man das Tuch am Kopf festpinnen kann.

Doch trotz all der modischen Tricks und Raffinessen - die Verschleierung ist und bleibt Unterdrückung!

Randnotiz: Seit Ende 2017 nehmen überall im Land mutige Frauen ihre Kopftücher ab und schwenken es wie eine Friedensfahne. Auf der Facebookseite My Stealthy Freedom findest du weitere Infos.

 

 

Kleid und Kajal

Dass sich frau in der Öffentlichkeit verhängen muss, bedeutet nicht, dass die Verschleierung auch privat Vorschrift wäre. Gewiss, in konservativen Familien herrscht Hejab-Zwang für alle Damen, sobald ein nicht verwandter männlicher Zeitgenosse zugegen ist. Aber ansonsten kann es nicht schaden, Kleid und Kajal im Rucksack dabei zu haben. Denn Partys und Hochzeiten werden recht chic, recht ausgelassen und recht häufig gefeiert. Und eingeladen wird man ohnehin (siehe Punkt 2).

Als ich das erste Mal im Iran gereist bin, hatte ich aus Platzgründen außer den braven Hejabs nichts im Ranzen; und so war ich auf den persischen Hauspartys unerträglich underdressed. Denn Iranerinnen sind Meisterinnen im Stylen. Und wer sich nicht wie Fräulein Prusseliese fühlen möchte, dem sei neben den Hejabs unbedingt hübsche Ausgehkleidung empfohlen.

 

Perser und Araber

Vergleiche niemals Iraner mit Arabern. Das ist schon kein Fettnäpfchen mehr, sondern ein ganzer Fettsee. Denn Iraner sind keine Araber, sie sind Perser. Sie sprechen Farsi, nicht Arabisch (außer in Randgebieten). Und sie sind stolz. Sehr stolz.

 

Faramarz Aslani hören

Er ist der persische Bob Dylan – der Sänger, Gitarrist und Komponist Faramarz Aslani. Jeder, wirklich jeder Iraner kennt ihn. Seine Lieder werden seit den Siebzigerjahren gespielt. Er singt von Liebe und von den großen persischen Dichtern, die ihn inspirierten.

Hier drei besonders schöne und bekannte Songs:

Age ye Rooz

To

Ahooye Vahshi

 

Hafis lesen

Hafis ist nicht nur irgendein Dichter, Hafis ist Nationalheld. Sogar Goethe verehrte den im 14. Jahrhundert geborenen Poeten. Und in jedem iranischen Haushalt findet sich mindestens ein Bändchen des legendären Lyrikers, der Wein, Weib und Gesang gleichermaßen liebte. Deshalb: lies Hafis:

Droht der Weltschmerz mit steter Erweiterung,

Bleibt kein Mittel als Wein zur Erheiterung.

 

Das Herz öffnen

Hier schließt sich der Kreis und schlägt den Bogen zum allerersten Tipp. Und wahrscheinlich kommt jetzt der wichtigste Ratschlag, denn ohne geht es nicht: Öffne dein Herz! That’s it.

Der Iran fordert, der Iran bestürzt, aber der Iran beschenkt auch. Hab also den Mut und schau hin! Sei bereit, Klischees über Bord zu werfen! Freu dich über die Gastfreundschaft und über jedes ehrliche »Welcome to Iran«, das dir zugerufen wird! Lass dich einfangen, trink Chai, trink (verbotenen) Wein, iss Safraneis, tanz auf Dächern, spiel Backgammon, geh in die Moschee, sprich mit den Menschen und sei neugierig! Dann kann nichts schiefgehen und du trägst ein randvolles Herz zurück nach Hause.

 

Noch mehr Tipps von Nadine Pungs und Infos zu ihrer Iran Rundreise gibt es in ihrem Buch »Das verlorene Kopftuch. Wie der Iran mein Herz berührte.«
Mai 2018

Blick ins Buch
Das verlorene KopftuchDas verlorene Kopftuch

Wie der Iran mein Herz berührte

Ohne Kopftuch auf die Straße gehen, Wein trinken und sich bis über beide Ohren in einen Mann verlieben. All das erlebt Nadine Pungs im Iran, obwohl es streng verboten ist. Von Teheran über den Persischen Golf bis fast an die Grenze zu Aserbaidschan erkundet sie, wie das Land jenseits westlicher Klischees tatsächlich tickt. Wortgewaltig schildert sie, wie es sie herausfordert und zugleich beschenkt. Wie sich ihre Schwarz-Weiß-Vorstellungen in tausendundeine Schattierung auflösen und die Perser ihr Herz schließlich zum Überlaufen bringen …»Hier ist eine Frau unterwegs, die nichts versteckt, auch nicht die Mühsal der Fremde, die Sprachlosigkeit, die Unruhe. Und die sie in einem Ton schildert, der swingt und uns daran erinnert, was dreißig stille Buchstaben vermögen.« Andreas Altmann

Teheran

Das Ende

»Und? Was denken Sie über mein Land?«

Ich schaue aus dem Fenster, über Teheran legt sich die Nacht. Stahl und Beton ziehen an mir vorüber, Lichterketten blinken, und von den Fassaden glotzen die bärtigen Ayatollahs auf mich herab. Der Taxifahrer hat die Musik leiser gedreht, lächelt in den Rückspiegel.

Was denke ich über den Iran? Jetzt im Ausklang, zum Schluss? Eine Frage, die mir in den letzten Wochen unzählige Male gestellt wurde mit den immer gleichen erwartungsfrohen Augen. Ich möchte ihm antworten und kann es nicht. Die Worte haften am Gaumen, lassen sich nicht sprechen. Was denke ich über den Iran? Über dieses Land, das mich verwirrt und das keine schlichte Antwort zulässt? Es gibt so viel, was ich sagen könnte.

Ich könnte ihm sagen, dass mich der Iran wütend macht. Dass ich die letzten 37 Jahre nicht verstehe. Dass ich die Islamische Revolution nicht verstehen will. Mit all ihrem Zorn auf Körper und Freiheit. Ich verstehe nicht, warum die Revolutionsgardisten damals Frauen auf der Straße in Stücke schlugen, nur weil das Kopftuch eine Haarlocke preisgab. Ich verstehe nicht, warum die Sittenpolizei den Mädchen ihren Lippenstift mit einem Messer vom Mund kratzte. Ich könnte ihm sagen, dass ich das Regime verachte. Dass ich niemals akzeptieren werde, wie es seine Einwohner verletzt. Immer noch. Wie es in Gottes Namen straft und schlachtet. Wie es seine Kinder frisst und auskotzt.

Ich könnte ihm sagen, dass die Iranerinnen schön sind. Doch vielleicht weiß er das bereits. Persische Männer verehren ihre Frauen. Aber die staatlich verordnete Verschleierungspflicht bleibt. Die Manteaus werden jedoch enger, und das Kopftuch rutscht nach hinten. Einzig der Haarknoten im Nacken hält das Stück Stoff. Ein religiöses Possenspiel. Auch das Rouge auf den Wangen und die operierten Nasen sind unislamisch und trotzdem da. Wenn nur noch ein Schnipsel Haut zu sehen ist, so soll er leuchten.

Ich könnte sagen, dass dies die Anekdoten sind, die Reisende über den Iran erzählen. Jedes Mal. Vielleicht, weil das Erscheinungsbild der Frauen die erste Widersprüchlichkeit ist, die ihnen ins Auge springt. Auch mir. Dabei ist im Iran alles widersprüchlich.

Ich könnte ihm sagen, dass ich Menschen traf, die das Regime hassen. Und andere, die mir Bilder der Ayatollahs auf ihrem Smartphone zeigten und dabei jubelten. Ich könnte sagen, dass ich Angst hatte, in sein Land zu reisen, und wie lächerlich ich mich aufführte. Wie ich mich die ersten 102 Minuten im Gottesstaat fürchtete, auf der »Achse des Bösen«. In einem Taxi, so wie diesem. Wie ich auf meiner Unterlippe herumkaute und mich von meinen Klischees einwickeln ließ. In mir waberte das Gefühl einer Bedrohung, einer Angst, so milchig wie die Dunstwolken über Teheran.

Doch nichts bedrohte mich. Gar nichts. Keine Pistole an meinem Kopf, kein hässliches Wort, keine Gefahr. Ich saß nur in einem Taxi und ließ die Stadt vorbeirauschen. Nichts weiter.

Ich könnte sagen, dass ich dumm war. Trotz all der Geschichtsbücher, all der Zeitungsartikel und all der Dokumentationen, die ich zuvor über Persien verschlungen hatte, war ich stockdumm. Ständig ploppten grimmgraue Bilder wie Internetwerbung in mir auf. Immer wieder sah ich Mullahs mit Zottelbärten, die ihre Fäuste in die Luft reckten, Frauen in schwarzen Tüchern spuckten auf brennende US-Flaggen. Szenen, die ich aus unseren Nachrichten kannte oder aus Spielfilmen. Sie schlichen in meinen Kopf, sickerten hinein, verklebten meine Synapsen.

Ich könnte sagen, dass ich nichts begriffen hatte. Ich dachte, es gebe zwei Seiten: die Regimeanhänger und die Regimegegner. Die Betenden und die Feiernden. Eine fromme Frau werde niemals ihren Kussmund auf Instagram posten. Ein Student, der vom Westen träume, könne Khomeini nicht verehren. So dachte ich. Ich dachte falsch.

Ich wusste nicht, wie geschmeidig sich die Iraner durch ihr System bewegen und wie jede Situation eine neue Anpassung erfordert. Dass Freiheit ohne Lüge nicht möglich ist. Und dass die heruntergleitenden Kopftücher nur Schablonen sind, nur meine westliche Vorstellung von Selbstbestimmung. Ich war zu naiv, um die tiefe Zerrissenheit im Land zu erahnen. Nicht zerrissen in Schwarz oder Weiß. Das wäre ja kinderleicht. Nein, da sind nicht nur zwei – da sind Myriaden von Seiten. Und durch all die Risse kommt das Licht hinein.

Habe ich nach dreißig Tagen überhaupt irgendetwas verstanden? Obwohl ich am Leben der Menschen teilnahm? Obwohl ich sie nach ihrer Freiheit fragte? Nach ihren Lügen und ihren Innigkeiten? Was weiß ich schon.

Ich könnte ihm sagen, dass es für mich als Europäerin schwierig war, wenn ich begafft und bedrängt wurde. Dass ich mich oft verloren fühlte, doch selten verloren ging. Ich könnte ihm sagen, dass es für mich als Europäerin leicht war, denn die Iraner zeigten mir den Weg. Wie das Mütterchen, das mich durch die Stadt zu einer Sehenswürdigkeit führte und meinetwegen seinen Bus verpasste. Wie der Mann, der mich auf dem Motorrad mitnahm und zum Ziel fuhr. Oder die Frau, die mit zehn Taxifahrern den besten Preis für mich aushandelte. Die vielen Gesichter, die mich anlächelten und auf einen Chai einluden. Fremde Menschen, die ihre Herzen bedingungslos verschenkten.

Ich könnte sagen, dass ich mich in den Iran verliebt habe. In die Einwohner, in die Landschaft. In die Poesie, die nach schwerem Jasmin duftet. Und wie ich Wüstensand im Haar trug oder unter den Nägeln.

Ich könnte sagen, wie sehr ich die Farbe von Safran mag, wenn er als gelbe Haube den Reis bedeckt, und dass die Straßen nach Qualm und Orangenblüten rochen. Süße Marihuanawolken umhingen uns auf Partys. Und der Geschmack von Hundeschweiß klebte auf unseren Zungen. So nennen sie ihren Rosinenschnaps. Ich könnte ihm sagen, dass wir auf Dächern tanzten und Schweiß tranken. Über Verbote könnte ich sprechen. Verbote, die ich brach.

Ach, die vielen Brüche. Die Knackse. Die zerschlagenen Löwenköpfe. Smog und Schnee. Schönheit, die nur sichtbar wird durch das Gegenteil.

Ich könnte ihm von tiefbraunen Augen erzählen. Von Kourosh und seinen Lachfalten. Meiner Hand in seiner.

Ich könnte sagen, dass sich meine schwarz-weißen Vorstellungen in tausendundeine Graustufe aufgelöst haben. Und wie mich der Iran berührt. Wie er Seele und Kopf und alles anfasst. Ich könnte ihm antworten, dass mein Herz randvoll ist mit Persien.

Aber ich tue es nicht. Ich kann die Worte nicht greifen, in keiner Sprache. So lüge ich und sage doch die Wahrheit: »Iran khube.« Der Iran ist gut.

Und der Taxifahrer lächelt.

 

Der Anfang

Vier Wochen zuvor. Nachts in Teheran.

Ich habe Angst. Seit 102 Minuten.

Der Mann schaut auf den Zettel, liest die Adresse, wendet das Auto, diskutiert durch das heruntergekurbelte Fenster mit anderen Taxifahrern. Teheran wuchert. Wir müssen in den Norden, dorthin, wo die reichen Iraner wohnen. Das ist alles, was ich weiß. Er dreht sich zu mir um, deutet auf das Gekritzel, runzelt die Stirn und stellt scheinbar eine bedeutende Frage.

»Farsi balad nistam«, ich spreche kein Farsi, das ist der erste persische Satz, den ich im Iran aufsage. Ich habe ihn auswendig gelernt.

Wir rollen in einen Kreisverkehr, es blinken Lichterketten in Grün und Rot. Die »Achse des Bösen« leuchtet mir entgegen.

 

Am 29. Januar 2002 sprach der damalige US-Präsident George W. Bush das erste Mal von der »Axis of Evil« in seiner Rede zur Lage der Nation. Angelehnt ist der Terminus an die einstige Verbindung zwischen Deutschland, Italien und Japan im Zweiten Weltkrieg. In seiner Ansprache beschuldigte Bush den Iran, Irak und Nordkorea, Terrorismus zu fördern und Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Amerika sei bedroht. Es gab jedoch nie eine Achse, denn Iran, Irak und Nordkorea pflegten keine Allianz. Und obwohl mittlerweile Atomdeals geschlossen und Sanktionen aufgehoben werden, hat sich diese leidige Bezeichnung in den westlichen Köpfen festgezeckt. Auch in meinem.

Aus dem Taxi heraus erspähe ich nichts Böses. Im Radio läuft ein persischer Popsong, der Blick in die Nacht offenbart keine Abgründe. Nur Saipas und Peugeots auf einer sechsspurigen Autobahn.

Der Flug war ebenfalls unbedrohlich. Ein Mann rollte mitten im Gang seinen Gebetsteppich aus, ein Mädchen übergab sich nach dem Abendessen in die Spucktüte, jemand rauchte heimlich auf der Toilette, und die alte Dame neben mir schaute einen James-Bond-Film. Die restlichen Passagiere tranken sich durch das Alkoholsortiment.

Kurz vor dem Landeanflug folgende Durchsage: »Bitte stellen Sie Ihre Rückenlehne senkrecht, schließen Sie den Gurt, und legen Sie Ihre Kopftücher an.« Welcome to Iran. Ab jetzt werde ich Schleier tragen. Ständig und überall. Außer in meiner Unterkunft. Doch sobald es klopft, müssen meine Haare verhüllt sein, und meine Arme bedeckt. Die weiblichen Kurven verwischt ein Mantel oder ein weites Hemd, das bis zum Oberschenkel reicht. Dazu eine Hose, die lang genug ist, um die Knöchel zu verbergen. Nackte Füße in Sandaletten sind von Staatsseite aus unerwünscht.

Bis auf die Kopftuchträgerinnen unterschied sich der Teheraner Airport nicht von anderen Flughäfen dieser Welt. Vor der Passkontrolle warteten eine Handvoll Ausländer, müde Familien und Iranerinnen mit großen Tüten von Victoria’s Secret. Für Irritation sorgten fünf Frauen in schwarzen Tschadors, die in Rollstühlen angesaust kamen. Sie alle heulten und warfen ihre Köpfe in die Hände. Die Menge teilte sich wie das Wasser vor Moses, und die fünf flitzten durch. Guter Trick.

 

Gastfreundlich und großherzig seien die Iraner, so berichten Wiederkömmlinge. Und – welch Überraschung – die Frauen hier seien sogar selbstbewusst und gebildet. Da staunt so mancher Westler. Verbindet er mit dem Iran doch eher Atomraketen. Persien jedoch, das zaubert eine Verklärung ins Gesicht. Da fliegen nicht Raketen, sondern Teppiche. In Persien berauschen die Gärten, die Mosaike, die Basare. Aber ist diese Darstellung nicht auch nur Klischee? Die netten Perser, die Herzlichkeit? Gibt es nichts zwischen Morgenland-Nostalgie und finsterer Mullah-Hegemonie? Sind Idealisierung und Dämonisierung nicht zwei Seiten derselben Medaille?

 

Eine Stunde sitze ich jetzt schon im Taxi. Vor zweieinhalb Minuten wechselte der Fahrer die CD, und nun dröhnt deutscher Achtzigerjahre-Pop aus den Boxen. Vermutlich meint es der Mann gut mit mir. Ich sage nichts, begaffe nur still die überdimensionalen Köpfe der beiden Ayatollahs, die an einer Häuserwand prangen. Zwei Greise mit weißen Bärten und schwarzen Turbanen. Khamenei lächelt, Khomeini schaut düster in die Welt. 1989 starb der Imam. Seitdem ist Ali Khamenei der Revolutionsführer und lenkt den Staat. Als Junge liebte er Romane, las ich neulich in einer Zeitung. Leo Tolstoi, Michail Scholochow, Honoré de Balzac. Victor Hugos Les Misérables bezeichnete er gar als Wunderwerk der Literatur. Üblicherweise äußert sich Khamenei nicht so wohlwollend über die westliche Kultur.

Der Taxifahrer dreht die Musik noch lauter und lächelt mich im Rückspiegel an. Mich rührt sein Bemühen, mir eine Freude zu machen. Wahrscheinlich hat er meine Anspannung bemerkt und möchte mich beruhigen. Und vielleicht hat er recht? Vielleicht droht mir ja gar keine Gefahr. Vielleicht wird die Reise sogar schön. Ein Mutanfall?

Monatelang fieberte ich dem Aufbruch entgegen. Ich las Wäschekörbe voll Bücher, kaufte Hemden, stand vor dem Spiegel und wickelte mir einen Schal um den Kopf. Ich lernte ein paar Brocken Farsi, ließ mir Koransuren erklären und hörte persische Musik. Mir ist bang, aber ich will hier sein. Tausendundeinmal ja. Ich will mich umschauen, möchte die Wunder bestaunen, von denen berichtet wird. Ich möchte Menschen treffen und mit ihnen über ihre Träume sprechen, über ihre Sehnsüchte. Ich möchte verstehen, inwiefern die Bevölkerung ihre Regierung unterstützt. Wenn überhaupt. Gibt es einen Konsens, oder muss zwischen Oben und Unten unterschieden werden? Zwischen Drinnen und Draußen? Was ist hinter dem Schleier?

Himmel, schon der letzte Satz klingt gräulich und ausgelutscht. Glaubt nicht jeder zu wissen, wie es »hinter dem Schleier« aussieht? Weiß denn nicht jeder von Partys, Drogen und feiernden Jugendlichen in der Islamischen Republik? Reicht da nicht eine vermeintlich investigative Reportage des Galileo-Magazins über Regelverstöße im Mullah-Land? Alles schon gesehen? Alles schon gewusst?

Gewiss, das ist für manche Leute keine Neuigkeit. Aber ist sie deshalb weniger spannend? Weniger verwirrend? So darf man doch nicht vergessen, was ein Leben »hinter dem Schleier« für Konsequenzen haben kann.

Der Iran ist ein Land, in dem die Scharia herrscht, ausgeformt durch das Strafgesetz der Islamischen Republik Iran. Ein Land, in dem Frauen nur halb so viel wert sind wie Männer. Für uns alltägliche Dinge können im Gottesstaat Peitschenhiebe bedeuten oder zumindest eine Geldbuße. Manchmal baumeln die Sündigen am Strick. Es ist verboten, Alkohol zu trinken, unverschleiert über die Straße zu laufen und zu lieben, wen man möchte. Nur verheirateten Paaren ist Lust erlaubt. Das iranische Strafgesetzbuch sah 2015 immer noch die Steinigung als Hinrichtungsmethode für Ehebruch vor. Und das im 21. Jahrhundert! Mindestens zwei Personen verurteilte ein Gericht dazu. Es existieren allerdings keine Berichte, ob die Urteile tatsächlich vollstreckt worden sind. Gelebte Homosexualität und Apostasie stehen ebenfalls unter Todesstrafe. Die Anklagen für Glaubensabfall bleiben bewusst vage formuliert, wie »Feindschaft zu Gott« und »Hochverrat am Staat«. Das ist Totalitarismus. Das ist Diktatur. Viele Perser leiden unter der Staatsgewalt. Einige flüchten. Die Angst treibt sie. Tausendundeine Angst.

Auch das meint jeder zu wissen. Aber sind diese Ereignisse folglich weniger skandalös? Sollten sie deshalb nicht mehr angeprangert werden? Insbesondere, da der Iran sich derzeit öffnet?

Die Nacht vor der Abreise durchwachte ich und grübelte, weil die Sorgen wie ein Gewitter durch mein Hirn tobten. Ist es überhaupt richtig, in solch restriktive Regime zu reisen? Kann ich damit leben, mich verschleiern zu müssen? Und das Patriarchat am Leib zu tragen? Sind Ferien auf der »Achse des Bösen« moralisch vertretbar? Oder gerade deswegen? Vielleicht ist es meine Pflicht, die Welt zu begreifen? Es zumindest zu versuchen? Um eben nicht in das bornierte Geplapper über Muslime oder den Mittleren Osten mit einzustimmen und flachköpfige Kommentare auf Facebook abzulaichen.

Doch was sind schon vier Wochen, um ein Land zu verstehen? Selbst nach zwölf Monaten könnte ich mir nicht anmaßen, irgendetwas durchschaut zu haben. Ich bin keine Iranerin, und ich lebe nicht im Iran. Ich schreibe nur nieder, was ich erfahre, was ich sehe und was ich fühle. Mehr kann ich nicht wissen.

 

Nach eineinhalb Stunden erreichen wir endlich meine Unterkunft. Ein Hochhaus in einer Seitenstraße. Der Taxifahrer atmet durch, er trägt meinen Rucksack vor das Messingtor und schaut zu, wie ich die vielen Geldscheine sortiere und von Rial in Toman umrechne. Toman ist keine offizielle Währung, nur eine Bezeichnung, denn die Iraner streichen prinzipiell eine Null weg, um den Überblick über die riesigen Summen zu behalten. Aus 700 000 Rial werden folglich 70 000 Toman. Der eigentliche Rial-Betrag wird fast nie genannt. Ich bin verwirrt. In der Dunkelheit kann ich zudem die fremden Banknoten nicht voneinander unterscheiden.

Ich überlege, zähle, überlege, zähle, beginne von vorn. Bis der ganze Vorgang in meinem Oberstübchen um vier Uhr morgens endlich abgeschlossen ist, hat der Taxifahrer bereits ein Bündel aus meiner Hand genommen. Er wartet noch, bis mir der Concierge das Tor öffnet, und kurvt dann in die sterbende Nacht zurück. Beschallt von Dieter Bohlen und Thomas Anders. Ihre Musik war bisher das Schlimmste, was mir auf der »Achse des Bösen« widerfahren ist.

 

Katze im Sack

Neun Uhr. Es fehlen Vorhänge, und die Morgensonne durchflutet das Appartement. Iran. Ich bin tatsächlich im Iran.

In Deutschland verlief die Suche nach einem günstigen Hotel erfolglos. Entweder waren die Internetseiten auf Persisch, oder sie verschwanden nach einer Woche wieder aus dem Netz. Und wenn sich endlich eine englischsprachige Homepage auftat, antwortete niemand auf meine Mailanfrage. Geld für ein teures Businesshotel habe ich nicht. Obendrein schleppe ich meine gesamte Reisekasse in kleinen Scheinen mit und kann nicht abschätzen, ob das Ersparte reicht. 1500 Euro sind in verschiedenen Fächern des Rucksacks versteckt. Das ist alles, was ich besitze. Geldautomaten gibt es für mich nicht.

Obwohl der Westen die Sanktionen, die er einst aufgrund der iranischen Atompolitik verhängte, aufgehoben hat, zögern die Geldhäuser immer noch. Der internationale Datenverkehr zwischen dem SWIFT-Bankensystem und der Islamischen Republik ist seit 2012 blockiert. Kein Zahlungsaustausch möglich. Irans Außenhandel brach daraufhin ein. Da SWIFT unerlässlich ist, damit sich Geldinstitute weltumfassend vernetzen, kann ohne das System keine Verbindung zu den Kreditanstalten im Gottesstaat hergestellt werden. Die Großbanken misstrauen dabei allerdings (auch) den USA. Das amerikanische Außenministerium droht mit Strafen, sollten sie mit der Islamischen Republik Geschäfte machen. Und immer noch fehlt internationalen Geldinstituten das Vertrauen in die politische Führung des Iran. Die Hardliner im Land stemmen sich gegen die wirtschaftliche Öffnung und stiften Unfrieden. Und angesichts der beharrlich geschürten Feindschaft zu den USA und Israel ist Vertrauen sowieso kaum zu erwarten.

 

Das Appartement ist modern, unbewohnt und thront hoch oben im zwölften Stockwerk. Ausgestattet mit Möbeln aus Eichenholz und karamellfarbenen Ledersofas, wartet es auf Mieter. Solange es keine gibt, wohnen gelegentlich Gäste hier. So wie ich jetzt. Die Böden sind aus Marmor, die Tische aus Glas, in der offenen Küche ist der Kühlschrank prall gefüllt mit Käse, Schokolade, Obst und der persischen Cola Zamzam. Dass ungesunde Softgetränke hier den gleichen Namen tragen wie der göttliche Brunnen in Mekka, ist komisch. Dem Wasser der Zamzam-Quelle werden heilende Kräfte nachgesagt. Frisch aus dem Paradies. Wenn das kein Grund ist, ab sofort Limonade zu trinken.

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel: »Welcome to Iran«. Ich öffne das Fenster und schaue auf den Milad Tower, den höchsten Turm des Landes und den sechsthöchsten Fernsehturm der Welt. Es riecht nach Sonne und Abgasen. Mein Blick schweift über Straßen, Autos und Motorroller. Lärm, Brausen. Reklameschilder blinken, Fenster spiegeln sich im Licht. Ein Lastwagen knattert irgendwo, jemand hupt. In der Ferne schwenken Baukräne ihre Hälse hin und her wie Giraffen. Eine Moschee ist eingeklemmt zwischen Hochhäusern. Dahinter türmt sich das schneebedeckte Elburs-Gebirge auf, das die Stadt wie eine Steilküste begrenzt. Aus den Wolken schält sich der »frostige Berg«, der Damavand. Ein ruhender Vulkan mit 5671 Metern. Höher geht’s nicht im Iran.

Wie viele Menschen leben in Teheran? Dreizehn, vierzehn, sechzehn Millionen? Eine Megalopolis, ein Moloch, der täglich wächst. »Teheran« – das Wort klingt immer noch so fern.

 

Nachdem ich die Hotelsuche kurz vor der Abreise aufgegeben hatte, schlug das Glück zu. Eine ehemalige Klassenkameradin bot mir ihre Hilfe an und stellte einen Kontakt nach Teheran her. Wie dankbar ich ihr bin, denn irgendwann kam Omid ins Spiel. Ich kenne Omid nicht. Ebenso wenig seine Frau Yasemin und auch nicht die beiden Kinder Yara und Bijan. Und sie kennen mich nicht. Ich bin für sie die Katze im Sack. Und sie sind es für mich. Dennoch stand für die »Omids« unverrückbar fest: Das Mädchen reist durch den Iran? Allein? Wir kümmern uns! Das Appartement gehört der Verwandtschaft, und ich darf so lange bleiben, wie es mir gefällt. Kostenlos und einfach so. Die berühmte persische Gastfreundschaft. Es gibt sie! Ich bin schon jetzt über alle Maßen beschenkt. Und aufgeregt. In einer halben Stunde besucht mich Omid mit seinen Kindern.

Ich räume meine Hemden in den Rucksack, stelle die Schuhe in den Flur, tusche die Wimpern und überlege, ob ich ein Kopftuch überziehen soll. Konservativ erscheint hier nichts, aber ich habe die Spielregeln in diesem Land noch nicht verstanden. Was ist erlaubt?

Stehen fremde Herren vor der Tür, wie der Pizzabote oder ein Nachbar, müsste ich mein Haar bedecken. Und bei Omid?

Es klingelt. Das Tuch hängt über dem Küchenstuhl. Ist es unhöflich, es nicht zu tragen? Oder albern, es anzulegen? Wie kann eine so simple Frage derlei Ratlosigkeit auslösen?

Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich vor Wochen gelesen hatte. Über iranische Türen. Damit die Damen des Hauses unterscheiden konnten, ob ein Mann oder eine Frau um Einlass bat, verfügten die alten Exemplare über zwei verschiedene Klopfer. Einen Eisenstab für Männlein und einen Ring für Weiblein. Der Stab knallte dumpf auf das Holz. Ein Tiefton. Der Ring klang wie ein Sopran. So wussten die Bewohnerinnen flugs, ob der Gast männlich war und ob sie sich verhüllen mussten. Keine Ratlosigkeit, kein Zögern. Geklopft, gewusst.

Es klingelt ein zweites Mal. Ich greife mir das Tuch vom Stuhl und wickele es um meinen Kopf. Lieber albern als unhöflich. Ich öffne. Omid, Yara und Bijan stehen aufgereiht im Flur und strahlen mich an. »Hello, nice to meet you!« Omid kommt auf mich zu und küsst mich auf die Wange.

Ginge es nach den Mullahs, dürften sich Männer und Frauen gar nicht berühren. In der Öffentlichkeit halten sich alle brav an die Regel, falls irgendwo verstockte Moralapostel lauern. Privat küsst jeder jeden. Jetzt der Haken: Im Iran küsst man sich dreimal auf die Wange, nicht zweimal. Das erfahre ich allerdings erst, als ich das Gesicht bereits zurückgezogen habe und Omid verloren in die Luft bützt. Wie peinlich. Da mag man noch so viele Bücher über Persien lesen, über Schia, Schah und Sassaniden – diese essenzielle Information, die solche Fettnäpfchen hätte verhindern können, bleibt in der Literatur unerwähnt.

Ich bitte die drei herein, niemand zieht die Schuhe aus. Omid hat neugierige Kinderaugen und grinst im Kreis. »Bist du gut angekommen? Wie teuer war das Taxi? Weshalb reist du allein? Was machst du heute?«, legt er los. Ich antworte, so gut ich kann, und Omid nickt dazu.

Bijan deckt einen Teller und Besteck auf, Yara schmeißt den Teeboiler an und sucht nach einer Pfanne.

»Darf ich den Schal ablegen?«, frage ich.

»Aber natürlich!«, lacht der Familienvater.

Erleichtert ziehe ich mir das Tuch vom Kopf, und auch Yara hat sich mittlerweile entschleiert. Lange pechschwarze Locken fallen ihr über den Rücken. Die Sechzehnjährige ist eine Schönheit, und offensichtlich brät sie mir gerade Spiegeleier. Nur mir. Der Fremden. Für niemanden sonst ist aufgedeckt. Mir ist das unangenehm. Unverdiente Wärme auszuhalten bereitet mir Schwierigkeiten.

Der Tisch ist überladen mit Fladenbrot, Eiern, Käse, Tee, Zamzam, Joghurt und Keksen. Während ich kaue, schauen mich drei braune Augenpaare an, dann prasseln die nächsten Fragen auf mich ein: »Was möchtest du sehen? Wo willst du hin? Was zuerst? Was danach?«

Ich weiß es nicht. Treiben lassen. Das reicht. Yasemin ruft an und lädt mich heute, morgen (und immer) zum Essen ein, Yara will mir unbedingt Teheran zeigen und ihre Musiksammlung vorspielen, Omid erzählt von Museen und einer Gondelbahn, die auf den Hausberg Tochal hinaufschwebt. Nur der elfjährige Bijan versteht von all dem nichts. In der Schule lernt er erst seit ein paar Wochen Englisch.

»Du kannst auch schwimmen gehen, da ist ein Pool im Keller«, sagt Yara, »hast du einen Bikini dabei?«

Ein Bikini stand tatsächlich nicht auf meiner Packliste für den Iran.

»Du kannst meinen haben!«, schlägt sie vor. Ich betrachte das zierliche Mädchen, das zwei Köpfe kleiner und knapp zwanzig Jahre jünger ist als ich.

»Lass uns lieber in die Stadt fahren«, sage ich und lächle.

 

Der geheime Freund

Wir brechen auf. Rasch die Kopftücher übergestreift, und schon stürzen wir uns ins orientalische Straßenchaos. Ich verstehe die Verkehrsregeln nicht. Rot wird weithin ignoriert, Zebrastreifen sowieso, Fußgänger werden angefahren und angehupt, zweispurige Straßen wachsen zu vierspurigen. Und dabei sei Teheran zurzeit menschenleer, meint Omid, während er einem SUV die Vorfahrt nimmt.

Es ist Nouruz, das iranische Neujahrsfest. Wir schreiben das Jahr 1395. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, und die Hauptstädter nutzen die Gelegenheit, um aufs Land zu fahren. Hoffentlich lassen sie dort das Auto stehen. 2013 starben laut Weltgesundheitsorganisation im Iran rund 25 000 Menschen im Straßenverkehr. Zum Vergleich: Deutschland zählte bei ähnlicher Einwohnerzahl 3500 Unfalltote.

An einem Kreisel steigen Yara und ich aus. Omid und Bijan winken, fädeln sich zwischen Saipas und Peugeots ein und lassen sich von der Autoschlange schlucken.

Vor uns erhebt sich das Azadi-Monument, das Wahrzeichen des modernen Teheran. Der Turm, der wie ein zweibeiniger Atommeiler aussieht, wurde 1969 anlässlich des 2500-jährigen Jubiläums der persischen Monarchie errichtet. Damals trug er den Namen Shahyad-Turm – »Denkmal der Schahs«. Nach der Revolution wurde er in Burj-e Azadi umbenannt. Azadi bedeutet »Freiheit«. Wo die sich im Gottesstaat versteckt, gilt es noch herauszufinden.

»Salam.« Ein Jüngling mit Dreitagebart begrüßt uns und gibt Yara die Hand. Ein Klassenkamerad? Ein Nachbar? Kian heißt er, und er lächelt verlegen. Wir gehen zu dritt zum Eingang des Turms. Yara kichert, Kian kichert, und jetzt verstehe ich: Die beiden sind verliebt. Und Yara flüstert mir zu, dass Kian seit fünf Monaten ihr fester Freund sei. Ich staune.

Ist das erlaubt? »Nein«, sagt sie, »es ist geheim. Wenn uns die Sittenpolizei erwischt, gibt’s Ärger.«

»Wissen deine Eltern davon?«

Yara grinst und nickt. Ich bin beruhigt. Eine ganz normale Familie mit einer ganz normalen Teenagerin und einer ganz normalen Jugendliebe. Nur der Staat, der ist nicht normal.

Wir betreten den Kassenbereich, und bevor ich meinen Geldbeutel zücken kann, hat Yara schon die Tickets bezahlt. So wird das den gesamten Nachmittag gehen, und jeglichen Protest meinerseits wiegelt sie ab. Lehrstunden in Gastlichkeit. Ich versuche, es auszuhalten.

Wir schlendern durch das Azadi-Museum und betrachten Keramiken, Bronzebecher und Stillleben, die im Funzellicht vor sich hin schlummern. Viel fesselnder als die verstaubten Exponate sind aber die beiden Liebenden. Kein Anschmiegen, keine Hände, die sich zufällig streifen, keine Komplimente. Doch ihre Augen verraten alles. Das Kichern, die roten Backen. Ganz rein, ganz unschuldig. Im Freiheitsturm entdecke ich die erste bescheidene Freiheit. Zwei himmelhübsche Jugendliche, die nicht verliebt sein dürfen und es dennoch sind. Das hatten die Revolutionäre bei der Umbenennung des Monuments gewiss nicht im Sinn. Wie schön!

Wieder draußen, laufen wir zum Teheraner Schauspielhaus. Yara interessiert sich für Architektur, Kian interessiert sich für Yara, und ich interessiere mich für iranisches Theater. Die einzige professionelle Bühne des Landes wurde in den 1960er-Jahren errichtet und ist ein Rundbau aus Säulen. Vor dem Festspielhaus hat sich eine Menschenmenge versammelt. Ein Mann brüllt ins Megafon. »Irgendwas mit der Regierung«, meint Yara und schenkt dem Schreihals keine Beachtung. Ich bin nicht so lässig und frage nach. »Die fordern irgendein Zeug. Keine Ahnung. Solchen Versammlungen muss man immer aus dem Weg gehen«, sagt sie, und Kian öffnet die Eingangstür. Ein Wachmann döst hinter der Theaterkasse. Yara spricht ihn an, lächelt, fragt, lächelt. Er gähnt, er nickt. »Wir dürfen«, freut sie sich, »normalerweise ist das Schauspielhaus jetzt geschlossen, doch wir können ein paar Minuten rein. Aber nur ins Foyer.« Der Aufpasser bleibt auf seinem Stuhl kleben und weist mit dem Finger in die Wandelhalle. Kronleuchter hängen herab, und durch die deckenhohen Fenster sprudelt Tageslicht. Wir gehen eine Runde, und ich feiere hier Premiere, leiste das erste Mal im Iran Ungehorsam. Denn ich muss die Bühne sehen – ich kann nicht anders –, und so öffne ich die Flügeltür zum Innenraum. »Nein, das ist verboten«, entgegnet Yara, doch da bin ich schon drin.

Der Saal erinnert an mondäne Zeiten, der Zuschauerraum ist umrahmt von roten Logensitzen, der Bühnenvorhang ist aus Samt. Theaterluft. Stille.

Das allererste Stück wurde 1973 aufgeführt. Der Kirschgarten von Anton Tschechow. Im Publikum saß Schah Mohammad Reza Pahlavi mit seiner Kaiserin Farah Diba – und nun schwirren Glitzerbilder durch meinen Kopf, ich fantasiere ausverkaufte Ränge, Champagnergläser, Abendkleider, ein lampenfiebriges Ensemble herbei. Damals noch ohne Schleier. Jetzt müssen die Schauspielerinnen verhüllt sein und dürfen die männlichen Kollegen nicht berühren. Eine staatliche Behörde prüft jedes Theaterstück vor der Premiere und streicht Passagen, die nicht islamkonform sind. Ich stelle mir eine Julia mit Kopftuch vor und eine Antigone im Tschador. Schränkt die Unfreiheit die Inszenierungen ein, oder fördert sie die Kreativität?

Kunst und Kultur haben einen hohen Stellenwert im Iran. Es gibt immer wieder Austauschprojekte mit anderen Häusern. Und so spielte Anfang 2016 die Berliner Schaubühne den Hamlet in Teheran. Zensiert. Uminszeniert. Keine Küsse, keine Nackten. Doch viele Zuschauer kannten das Stück des Regisseurs Thomas Ostermeier von YouTube. Die gestrichenen Szenen liefen in ihren Köpfen als Lichtspiel mit und entgingen jeder Zensur. Es gab stehende Ovationen.

Yara ist nervös. Ich schließe die Tür und zwinkere dem Mädchen zu. Niemand hat uns gesehen.

 

Hier gehöre ich hin

Wir verlassen das Theater und machen Rast in einem angesagten Café. Backsteinwände, Bücherregale und Hipster mit Jutebeuteln. Hier tragen die Jungs die Holzfällerbärte aus modischen Gründen, nicht aus religiösen. In den Vitrinen werden keine Bronzebecher angestrahlt, sondern Cupcakes, und an den Tischen schlürfen Studentinnen ihren Latte macchiato mit Schokoherzen auf dem Schaum. Ein typisch europäisches Café, möchte man meinen. Die Perserinnen könnten auch Berlinerinnen oder Pariserinnen sein. Ihre Kleidung erinnert an westliche Großstadtmode, und das Kopftuch, das salopp übergeworfen wirkt, stört plötzlich nicht. Es fügt sich ein, schmiegt sich an. Mittlerweile ist es kein rebellischer Akt mehr, wenn junge Menschen die Grenzen der staatlichen Bekleidungsvorschriften ausloten. Es ist ebenso wenig politisch oder regimekritisch zu verstehen. Manchmal gewiss, aber oft ist es eher ein Spiel des Zeigens und Verbergens. Nicht aufreizend, doch die Ränder der Erotik streifend. Jeder Millimeter entblößte Frauenhaut bedeutet ein Stückchen mehr Selbstbestimmung. Was immer das bedeuten mag. Und umso weiter der Schleier nach hinten rutscht, umso toleranter scheint die derzeitige Regierung.

Ich lerne, dass Haarteile und Klammern, die den Hinterkopf voluminöser aussehen lassen, »totally bitchy« sind. Absolut tussig. So erklärt es mir Yara unmissverständlich. Viele Läden bieten solche Hilfsmittel zum Kauf, damit die Trägerin eine ausufernde Rapunzel-Haarpracht unter dem Tuch vorgaukeln kann. Das Gebilde gleicht dann der Kuppel einer Moschee. Die coolen Hejabistas üben sich dagegen im Understatement, sie brauchen keinen Schopf-Push-up. Sie tragen die Haare gelöst oder als Zopf, der aus dem Schal herausfließt. Eine Lehrstunde in iranischer Nonchalance.

Übrigens unterliegen auch die Männer gewissen Regeln. Kurze Hosen sind unstatthaft. Und Krawatten zu westlich. Shorts sieht man tatsächlich nicht, Schlipse an jeder Ecke.

 

Wir trinken heißen Kakao und essen Honigkekse. »Das ist unser Lieblingscafé«, sagt Yara, und Kian nickt. Er spricht kein Englisch und ist auf Yaras Übersetzungen angewiesen. Noch dazu ist er schüchtern. Doch vernarrt ist er. Sein Blick löst sich nicht von ihrem Gesicht, und immer umspielt ein Lächeln seine Lippen, wenn Yara erzählt. Damit die Sittenpolizei die Verliebten nicht aufgreift, müssen sie allerhand Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Sogar ein Kinobesuch ist riskant. Deshalb treffen sie sich mit Freunden, verrät das Mädchen. In der Gruppe fallen sie nicht auf. Und sofern jemand fragt, ist Kian ihr Cousin.

»Und was passiert, wenn ihr doch erwischt werdet?«, frage ich.

»Dann ruft die Polizei unsere Eltern an. Aber bisher ging alles gut.«

Wie praktisch, dass ich heute die Gouvernante spiele und uns deshalb niemand verdächtigt. Clever, die Kleine.

Während die Turteltäubchen Fotos von sich und den Honigkeksen schießen, beobachte ich die Studentinnen, die sich wie Pariserinnen kleiden, und frage Yara, ob sie den Schleier gern trägt.

»Spinnst du?!«, entgegnet sie. »Ich hasse ihn. Alle meine Freundinnen hassen ihn.«

»Wenn du mit der Schule fertig bist, willst du dann das Land verlassen?«

Die Antwort folgt prompt: »Nein, niemals. Ich liebe den Iran, und ich liebe Teheran über alles. Das ist meine Heimat. Hier gehöre ich hin.«

Sie lächelt und nippt an ihrem Kakao. Ich glaube ihr jedes Wort.

 

Es dämmert. Wir bummeln durch das Viertel, und ich sauge Teheran in mich ein. Braungrauer Beton, Smog, Wohnblöcke und Asphalt. Kein Stil, keine Struktur. Faszinierend hässlich, aber abgesehen von der Luft, sauberer als so manche Großstadt in Europa. Kein Müll auf den Straßen, keine Hundehaufen auf den Gehsteigen. Der Rotz im Taschentuch ist trotzdem schwarz.

Wir stehen vor einer Buchhandlung mit bunten Schaufenstern. Im Iran sind die Straßen häufig wie Basare angeordnet. Jede Gasse ein Thema. Hier die Sportgeschäfte, dort die Juweliere, da hinten Schuhe. In dieser Straße verkaufen die Händler Bücher und Musik. In Shops oder auf dem Trottoir. Wir betreten den kleinen Laden, der bis zur Decke vollgepackt ist mit Schallplatten und CDs von Pink Floyd. Das ergibt durchaus Sinn, denn die berühmten Liedzeilen »We don’t need no education. We don’t need no thought control« beflügeln freiheitliche Ideen, verheißen Unabhängigkeit und sind in zahllose Herzen eingebrannt. Ich interpretiere den Satz in zwei Richtungen: Zum einen ist er eine klare Botschaft an das Regime, und zum anderen rät er ausländischen »Besatzungsmächten«, den Iran in Ruhe zu lassen.

Ein Regal weiter entdecke ich die Gesamtausgabe von Franz Kafka. Er gehört hier deshalb zu den meistgelesenen westlichen Schriftstellern, weil er in seinen Erzählungen von Willkür und Behördenapparaten schreibt. Das kennt man im Gottesstaat. Und manchmal nimmt der Bürokratiemumpitz sogar durchaus komische Züge an. Möchte beispielsweise jemand einen Reisepass beantragen, so wird er von Gebäude zu Gebäude, von Raum zu Raum, von Schalter zu Schalter, von Beamtem zu Beamtem geschickt. Wie Asterix, als er versucht, den »Passierschein A38« zu ergattern. Ein Land, das Verrückte macht.

Neben Kafka stapeln sich Kunstbände, in denen Gemälde der Renaissance abgebildet sind. Ich blättere in einem Wälzer und bin bestürzt. Urplötzlich. Zwischen Kafka und Pink Floyd schlagen die Mullahs zu, und ich erinnere mich wieder, dass ich nicht in Berlin oder Paris bin. Und auch nicht in einem Asterix-Comic. Die Meisterwerke in dem Buch sind zensiert. Der Raub der Europa ist verschandelt, die halb nackte Königstochter trägt ein Kleid aus dicken schwarzen Balken, ihr Körper ist übermalt und verstümmelt. Die Hintern der Putten sind ebenfalls geschwärzt. Entblößte Leiber verstoßen gegen islamische Gesetze, sogar auf Gemälden. Nur der Stier ist nicht überpinselt. Er schien den Zensoren sittlich genug und zeigt seine Muskeln.

 

Abends im Bett grüble ich. Warum fürchtet sich Religion vor Körperlichkeit? Warum wird ein gesamtes Volk wie ein unmündiges Kind behandelt? Was machen solche Verbote mit der Liebe? Wie lernen die jungen Iraner sexuelle Unbeschwertheit, wenn Lust und Nacktheit verteufelt werden? Erst Stunden später schlafe ich ein und träume von schwarzen Balken.

Ali kennen

Lerne unbedingt zwei Fußballspielernamen: Ali Daei und Mehdi Mahdavikia. Wenn du die nennst, gewinnst du auch ohne weitere Persischkenntnisse problemlos neue Freunde.
 

Nein sagen

Es ist sehr wichtig, die Taarof-Höflichkeitsprotokolle zu verstehen. In vielen Fällen gilt die Regel: Erst wenn jemand mehr als dreimal etwas anbietet, sollte man es auch tatsächlich annehmen. Selbst Taxifahrer und Teppichhändler bieten ihre Dienste manchmal gratis an – doch wer so ein Geschenk ohne Zögern annimmt, begeht einen groben Fauxpas.
 

Zebras misstrauen

Glauben Sie in einer beliebigen iranischen Großstadt niemals, dass Zebrastreifen Autofahrer zum Bremsen animieren. Iraner sind halsbrecherische Autofahrer, und Zebrastreifen sind Fallen.
 

Couchsurfing nutzen

Mehr als 13.000 Mitglieder verzeichnet die Internetseite couchsurfing.org bereits im Iran. Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und sehr interessiert an Berichten aus dem Alltag in Europa. Allerdings schläft man fast nie auf einer Couch – meistens dient ein Perserteppich als Schlafunterlage.
 

Viber klarmachen

Lade dir die Kommunikations-App „Viber“ herunter. Fast jeder junge Iraner nutzt den Dienst, WhatsApp dagegen ist blockiert.
 

Tee trinken

Es ist kaum möglich, 15 Minuten auf einem beliebigen Basar zu verbringen, ohne mindestens einmal zum Tee eingeladen zu werden. Am besten trinken wie die Einheimischen: Das Stück Zucker kommt in den Mund, dann wird das Heißgetränk daran vorbeigespült.
 

Cash bunkern

Bislang gibt es im Iran keine Geldautomaten, die europäische Karten akzeptieren. Man muss alles benötigte Geld in bar mitnehmen und vor Ort in Wechselstuben eintauschen.
 

Heiraten

Wenn ein Mann mit einer Frau reist, darf er mit ihr kein Hotelzimmer teilen, wenn sie nicht verheiratet sind. Von Ausländern wird aber zumindest in den Touristenorten wie Isfahan, Shiraz oder Yazd meist kein Beweisdokument verlangt. Es bringt also gewöhnlich keinen Ärger, wenn man sich als Ehepaar ausgibt.
 

Reisetipps Einheimischer ignorieren

Fast jeder Iraner schwärmt von der Insel Kish und von den grünen Wäldern im Norden Irans. Doch für viele europäische Gäste ist beides eher eine Enttäuschung: die Insel wegen der vielen Hotelhochhäuser und Shoppingcenter (wie Dubai vor 20 Jahren). Und die Wälder, weil sie auch nicht spektakulärer sind als der Teutoburger Wald. Lieber stattdessen in die Wüste fahren!
 

Khayyam lesen

Gotteslästerung und Saufpoesie: Die Verse, die der persische Universalgelehrte Omar Khayyam im 11. und 12. Jahrhundert schrieb, haben bis heute nichts von ihrer subversiven Frechheit eingebüßt. Unbedingt vor der Abreise lesen! Zum Beispiel dieses Gedicht:

Dass einst ich trinken würde zu meiner Zeit,

Hat Gott gewusst seit aller Ewigkeit.

Drum reich mir nur den Trunk, denn tränk ich nicht,

Wo bliebe da seine Allwissenheit?


Im März 2015
Stephan Orth

Blick ins Buch
Couchsurfing im IranCouchsurfing im Iran

Meine Reise hinter verschlossene Türen

Obwohl es offiziell verboten ist, reist Stephan Orth als Couchsurfer 9000 Kilometer durch den Iran und erlebt dabei irrwitzige Abenteuer – und ein Land, das so gar nicht zum Bild des Schurkenstaates passt. Er schläft auf Dutzenden von Perserteppichen, bricht täglich Gesetze, lebt, feiert und trauert mit dem gastfreundlichsten Volk der Welt. Und lernt den Iran dabei von einer ganz anderen Seite kennen. Denn hinter verschlossenen Türen ist das Leben bunt und rebellisch. Hier ist Platz für Sehnsüchte und Träume. Hier tut sich eine Welt auf, wie sie spannender nicht sein könnte.

An der Grenze

Wenn du Schiss hast, so richtig Schiss, wenn du denkst, jetzt geht’s dir an den Kragen, dann nimmst du plötzlich alles in doppelter Schärfe wahr. Das Gehirn schaltet in den Alarmmodus, in dem nur das Hier und Jetzt zählt. Für Dinge, die nichts damit zu tun haben, ist kein Platz mehr. Bei mir zeigt sich das daran, dass mir auf die Frage des Polizisten meine Postleitzahl nicht mehr einfällt.

Ich sitze in einem Verhörzimmer der iranischen Polizei. Die Einrichtung besteht aus einem großen Schreibtisch mit Samsung-Computer, einem flachen Glastisch in der Mitte und sieben Sesseln, deren braune Lederbezüge noch in Plastikfolie eingehüllt sind. Eine schmale Tür führt zum Eingangsbereich, eine andere zu einem Gang mit weiteren Bürotüren. Die hellgrüne Wand ist mit dem Landesemblem verziert, vier Mondsicheln und ein Schwert, daneben hängt golden gerahmt das obligatorische Diktatoren-Doppelporträt. Khomeini blickt finster drein wie immer, Chamenei dagegen grinst breit, noch nie habe ich ihn so lächeln sehen. Vielleicht ist er an Orten wie diesem besonders in seinem Element.

»Vor zwei Jahren wurden hier zwei Spione verhaftet«, sagt Yasmin, meine Begleiterin. »Die sind immer noch im Gefängnis in Teheran.«

»Was haben sie denn gemacht?«

»Weiß ich nicht.« Aber im Iran ist es ein Kinderspiel, in Spionageverdacht zu geraten. Ein paar Erinnerungsfotos von Flughäfen oder Regierungsgebäuden reichen da schon.

Oder der Umstand, dass man sich in der Nähe der Grenze zum Irak aufhält. Wir befinden uns in Nowsud im iranischen Kurdistan; nur zehn Kilometer sind es von hier bis ins Nachbarland.

»Wir haben den Hinweis bekommen, dass sich Ausländer hier aufhalten«, sagt einer der beiden Beamten. Er trägt eine kurdische Pumphose und ein khakifarbenes Hemd. »Eigentlich haben wir heute frei«, fügt er hinzu, um die fehlende Polizeiuniform zu erklären. Bulliges Gesicht, muskulöse Oberarme. Er scheint viel Zeit an Kraftgeräten im Fitnessstudio zu verbringen. Sein Kollege in Rosa dagegen wirkt sanfter, wohlwollender, er hat einen Bauchansatz unter dem breiten Gürteltuch und erweckt den Eindruck, als sei ihm die ganze Sache selbst unangenehm. »Bad cop« und »good cop«, die Rollen sind eindeutig verteilt.

Meine Postleitzahl?

Ich nenne vor lauter Angst eine falsche.

Der »good cop« fragt, ob wir Tee möchten, im Iran gibt es immer Tee. Kurz darauf bringt ein junger Mann in Militäruniform ein Tablett herein. Beim Trinken merke ich, dass meine Hand zittert, dabei wäre es jetzt wirklich besser, keine Nervosität zu zeigen.

»Guck lieber noch mal, ob du nicht doch deinen Pass findest«, sagt Yasmin. Vorher hatte ich nur eine Kopie gezeigt und behauptet, der Ausweis sei im Hotel. In Wirklichkeit habe ich seit Wochen keine Nacht in einem Hotel verbracht.

Ich wühle angemessen lange in diversen Rucksackfächern und fördere mit gespielter Überraschung das verlangte Dokument zutage. Ein Mitarbeiter im Anzug kommt durch die hintere Tür herein und nimmt den Pass mit in den Nebenraum.

»Er macht Kopien und ruft die Einreisebehörde an, ob alles in Ordnung ist«, erklärt Yasmin.

Weiter mit dem Verhör. Handynummer? Familienstand? Name des Vaters?

Der Khakimann hält meine Daten auf einem DIN-A4-Blatt mit Durchschlag fest, Typ Pelikan Handicopy 303H. Yasmin übersetzt die Fragen und Antworten.

Beruf?

»Er ist Student«, lügt sie, ohne mich zu konsultieren. Beim Visumsantrag hatte ich noch »Website Editor« angegeben, das ist näher an der Wahrheit.

Wie alt?

»34.«

»Was studierst du?«, übersetzt sie eine Nachfrage.

»Englische und amerikanische Literatur«, sage ich. Das war vor acht Jahren, das anschließende Journalismusstudium erwähne ich nicht.

Was machen Sie hier?

Wie ist euer Verhältnis?

»Er ist ein Freund meiner Familie. Er macht Urlaub hier«, sagt Yasmin.

Ein Soldat holt unser Gepäck von draußen aus dem Taxikofferraum und lehnt die Sachen an den Glastisch in der Mitte.

»Alles auspacken«, verlangt der Khakimann.

Staatsführer Chamenei scheint noch etwas breiter von seiner Wand zu grinsen. Gute Zähne für sein Alter, er ist über siebzig. Während ich die ersten Klamottentüten herausziehe und ein Handtuch, das nach nassem Hund riecht, gehe ich in Gedanken alles durch, was ich dabeihabe.

Reiseführer und Iran-Bücher? Nichts Kritisches im Gepäck, das einzige verbotene Buch, »Persepolis« von Marjane Satrapi, habe ich in Teheran gelassen. Zum Glück habe ich kein deutsches Nachrich­tenmagazin dabei und keine Illustrierte, in der unverschleierte Frauen zu sehen sind.

Drogen, Alkohol, Schweinefleisch? Nicht vorhanden.

Die Notizbücher? Sehr verdächtig. Ich habe schon zweieinhalb Moleskine-Kladden vollgeschrieben. Auf der jeweils ersten Seite steht unübersehbar »Iran 1«, »Iran 2« und »Iran 3«.

Presseausweis? In der Geldbörse. Ich Idiot, den hätte ich zu Hause lassen sollen.

Die Kamera? Da wird es heikel. Militäranlagen, ein Atomkraftwerk, Mädchen ohne Schleier, Alkoholpartys, alles dabei. Ich könnte sogar ein paar meiner Freunde in Gefahr bringen damit. Wenigstens sind einige besonders brisante Bilder auf einer Speicherkarte, die sich nicht in der Kamera befindet, sondern etwas versteckt in der Fototasche.

Erstes Interesse erregt der Kulturbeutel mit meiner Reiseapotheke. Der Beamte in Pumphose schaut sich jede Tablettenpackung genau an. Imodium, GeloMyrtol, Aspirin, Paracetamol, Iberogast, Umckaloabo. Ein Drogenschmuggler bin ich offensichtlich nicht. Dann mein Netbook: einmal anschalten, auf dem Desktop findet er keine verdächtigen Ordner, ist alles mit unverfänglichen Dateinamen getarnt. Ich darf wieder ausschalten. Interessiert dreht und wendet er den E-Book-Reader, lässt ihn ungeschickt auf den Boden fallen, entschuldigt sich, dann schmökert er ein bisschen im »Dumont-Kunst-Reiseführer Iran«. Sehr touristisch, sehr harmlos, sehr gut.

Er findet einen Notizblock, einen iranischen allerdings, den mir ein Gastgeber geschenkt hat. »In the name of god, presented to Mr Stephan during his travel to Lorestan Province, 3.2.1393.« Der Polizist blättert alle Seiten durch: nach der Widmung vorn nur leeres Papier, ein besseres Geschenk habe ich nie bekommen. Zum Glück findet der Kerl die anderen Notizbücher nicht, die zwischen ein paar Eintrittskarten und Rechnungen verborgen sind.

Fertig. Alles wieder einpacken. Ich muss mich beherrschen, nicht tief durchzuatmen. Wäre auch deshalb nicht so klug, weil das Verhörzimmer unverkennbar nach feuchtem Handtuch riecht. Ich zurre die Rucksackgurte fest, setze mich wieder auf den Plastikfolienstuhl und greife nach meinem Teeglas. Die Hand zittert nicht mehr.

»Und jetzt zeigen Sie mal Ihre Kamera«, sagt der Khakimann, und hinter ihm an der Wand lacht Chamenei in seinen ­Riesenbart. Er lacht und lacht und hört gar nicht mehr auf damit.

 

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Teheran

Einwohner: etwa 10 Millionen
Provinz: Teheran

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Welcome to Iran!

»Pass auf vor Terroristen und Entführern!« Ein Freund

»Das ist wie Saudi-Arabien, oder? Schau bloß keiner Frau in die Augen.« Ein Reisejournalist

»Lässt du dir einen Bart wachsen? Bringst du mir einen Teppich mit?« Eine Freundin

»Du bist verrückt. Ich verstehe nicht, was du da willst.« Ein Arbeitskollege aus dem Iran


Vier Wochen vorher. Sobald die Räder des Flugzeugs TK898 aus Istanbul den Boden berühren, gilt eine andere Zeitrechnung. Iran­zeit, zweieinhalb Stunden vor, 621 Jahre zurück. Willkommen am Imam-Khomeini-Flughafen, wir schreiben den 7. Farwar­din 1393, »happy Nowruz«, frohes neues Jahr. Ein rundlicher Mann auf 14B kippt sich den letzten Schluck einer mitgebrachten Flasche Efes-Bier in den Rachen, ein Teenagermädchen auf 17F zieht sich Socken über, um die Knöchel zu verbergen. Schwarze, blonde, braune, rote, graue, gefärbte, gestylte, gekämmte, verwuschelte, kurze und lange Haare verschwinden unter schwarzen, braunen und roten Kopftüchern.

Ausländerinnen unterscheiden sich von Iranerinnen dadurch, dass bei ihnen das ungewohnte Stück Stoff schon beim Öffnen des Gepäckfaches in den Nacken rutscht und sie es neu binden müssen. »Respected Ladies: Observe the Islamic dress code«, steht auf einem Poster im Terminal, ohne »please« oder »thank you«, versteht sich.

Über einer Leuchtreklame für Sony-Handys am Gepäckband begrüßen mich die ersten Poster der beiden Bartträger, in zehnfacher Lebensgröße. Ruhollah Khomeini blickt listig und düster, selbst auf einem Foto scheinen seine Augen alles zu durchdringen. Mit großer Klugheit und unendlicher Kälte blickt der Revolutionsführer auf die Welt hinab. Der amtierende Oberste Führer Ali Chamenei dagegen wirkt mit seiner zu großen Brille und ausdruckslosen Augen einfältig und harmlos, was bemerkenswert ist, weil Chamenei zu den mächtigsten und brutalsten Staatsführern der jüngeren Geschichte gehört.

Aber vielleicht ist die Blässe nur relativ: Neben der dunklen Eminenz Khomeini würden selbst Saddam Hussein und Muammar Gaddafi wie nervöse Koranschüler beim Auswendiglerntest wirken. Der Blick der beiden Ajatollahs sagt: Ab jetzt beobachten wir dich, egal wo du hingehst. Die Porträts hängen in jedem Shop und jedem Restaurant, an Wohnhäusern und Regierungsgebäuden, in Moscheen, Hotels und Busterminals. Wer im Iran den Bildnissen von Khomeini und Chamenei entkommen will, muss sich in einer Wohnung einschließen oder blind sein.

7. Farwardin 1393. Auch was die Gesetzeslage angeht, muss ich um ein paar Jahrhunderte umdenken. Im Iran herrscht die Scharia, im Iran gelten Frauen gesetzlich halb so viel wie Männer und können für Ehebruch gesteinigt werden. Im Iran bin ich ein Verbrecher, weil ich 1,5 Kilo Lübecker Marzipan im Rucksack habe (mit ein bisschen Alkohol drin) und ein paar Kabanossi aus Schweinefleisch. Fehlen nur noch ein paar »Playboy«-Hefte, und ich hätte einen Pokal verdient mit der Aufschrift »Teherans größter Einreisedepp«. Andererseits: Ohne ein paar Gesetzesverstöße ist das, was ich vorhabe, nicht zu machen. Warum also nicht gleich damit anfangen? Je früher ich mich an meine neue Rolle als Gauner, Schwindler und Schauspieler gewöhne, desto besser.

7. Farwardin 1393. Mein Handy weigert sich, die Jahreszahl einzustellen, unter 1971 (warum 1971?) geht nichts. Zur Strafe für seine Befehlsverweigerung führe ich dem rebellischen Gerät eine iranische SIM-Karte ein. Für ihren Erwerb muss ich gleich drei auf Persisch bedruckte Formulare unterschreiben. Ich frage den Verkäufer, was da draufsteht, er spricht nicht gut Englisch.

»No problem!«, antwortet er, und als er meinen zweifelnden Blick sieht, wiederholt er noch einmal in einem sanfteren, fast freundschaftlichen Ton: »No problem!«

Ich brauche unbedingt eine einheimische Handykarte, also unterschreibe ich. Vielleicht habe ich gerade mein Einverständnis erklärt, dass jedes Gespräch und jede SMS vom Geheimdienst überprüft wird, aber das wäre auch wurscht. Machen die sowieso, steht sogar im Sicherheitshinweis des Auswärtigen Amtes.

Mehr Freude habe ich beim Geldwechseln: Ein Mitarbeiter am Schalter der Melli Bank sagt, er könne 35.000 Rial pro Euro zahlen, aber ein Stockwerk höher sei eine Wechselstube, wo ich 40.000 bekäme. Tatsächlich kriege ich dort sogar 41.500, kein schlechter Kurs. Bis in den Iran musste ich reisen, um einmal von einem Bankangestellten gut beraten zu werden.

Ich werde es noch mit einigen Geldwechslern zu tun bekommen, weil die hiesigen Automaten keine europäischen Karten akzeptieren. Das ist unpraktisch für Langzeitreisende, ich habe für zwei Monate 2000 Euro und 1000 US-Dollar in kleinen Scheinen dabei, strategisch gut verteilt in verschiedenen Ecken des Gepäcks. Hoffentlich erinnere ich mich noch an die Stellen, wenn ich das Geld brauche.

Der Flughafen ist mit sechs Gepäckbändern kleiner, als man es bei einer Zehn-Millionen-Metropole wie Teheran erwarten würde. Hohe Säulen, viel Glas, viel Beton. Kein Starbucks, kein McDonald’s, kein Louis Vuitton, nur einheimische Fast-Food-Läden, Banken und Souvenirshops. Ein riesiges Poster wünscht alles Gute zum neuen Jahr. Darauf ist ein Goldfischglas abgebildet, das steht für das Leben. Wahrscheinlich gibt es kein anderes Land auf der Welt, in dem ein Fisch im Glas ein Lebenssymbol ist.

Komplette Großfamilien warten mit Blumensträußen auf Neuankömmlinge. Mitten in der Nacht sind sie aufgestanden, um rechtzeitig hier zu sein. Jetzt ist es kurz nach vier. Bei ihrem Anblick fühle ich mich sehr blond und relativ groß. Sagen wir es mal so: Die Wahrscheinlichkeit, dass mich jemand auf der Straße nach dem Weg fragen wird, geht gegen null.

»Welcome to Iran«, sagen stattdessen zwei junge Frauen, die Tschadors tragen. Tschador heißt auf Persisch »Zelt«, und damit ist über Wesen und Weiblichkeit dieses Kleidungsstücks eigentlich alles gesagt. »Where are you from?«, wollen sie wissen. »Are you married or single?«, und schon schweben sie grinsend davon in ihren schwarzen Gespensterzelten.

Besonders verbreitet ist ihr Outfit am Flughafen nicht, die meisten Frauen tragen einfache Kopftücher. Je jünger die Trägerin, desto modischer die Farben. Und desto länger wirkt der Hinterkopf, weil Hochsteckfrisuren total angesagt sind: Mit Tuch drüber wirkt das ein bisschen so, als hätten viele junge Iranerinnen Schädel wie die Aliens von HR Giger. Die meisten Männer dagegen tragen keine Kopfbedeckung, die Kombination Turban und Vollbart ist viel seltener, als Iranklischees vermuten lassen. Ich sehe sie nur zweimal im ganzen Terminal.

Wenn nach Begegnungen mit einem wohlwollenden Banker und flirtenden Tschadormädchen jetzt noch der Taxifahrer davon absieht, mich zu bescheißen, muss ich schon nach einer Stunde Iran meinen Vorurteilskompass neu justieren.

Jeder Iranbesucher, der am Internationalen Flughafen ankommt, muss auf der Fahrt ins Zentrum an den Märtyrern vorbei und an Khomeini persönlich, es gibt keinen anderen Weg in die Stadt. Links vom Highway ruhen 200.000 Opfer des Irakkriegs auf dem größten Friedhof des Landes. Und gegenüber, auf der rechten Straßenseite, ruht Khomeini selber, der Mann, der so viele von ihnen in den Tod schickte. Jeder der vier Türme um sein prachtvolles Mausoleum ist 91 Meter hoch, ein Meter für jedes Lebensjahr. Eine riesige goldene Kuppel reflektiert nächtliches Scheinwerferlicht. Der erste religiöse Prachtbau, den Touristen zu Gesicht bekommen, ist der Schrein des Ajatollah. Dies ist mein Land, hier gelten meine Regeln, signalisiert Khomeini noch fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod jedem Gast.

Das Taxi stoppt, der Fahrer will kein Geld, für einen Freund wie mich sei die Fahrt umsonst. Ich lehne so entschieden ab, wie es das komplizierte Höflichkeitsprotokoll Irans verlangt, und er sagt: »70.000.«

»Rial oder Toman?«, frage ich. Es gibt zwei Währungsbezeichnungen, die sich um eine Null unterscheiden, was es für Touristen nicht einfacher macht.

»Toman natürlich.« Also alles mal zehn.

Ich drücke ihm zwei Hunderttausender und einen Fünfhunderttausender in die Hand. Knapp drei Euro mehr, als auf einer Tafel am Flughafen als angemessener Preis angeschlagen war. Charmanter Kerl, aber natürlich bescheißt er. Wenigstens auf die Taxifahrer ist Verlass.

 

 

 

Persische Party: Ein Reisetipp von Nadine Pungs

Da es im Iran keine offiziellen Discos oder Bars gibt, feiern die Menschen ihre Partys im Wohnzimmer. Stühle und Teppiche werden beiseitegeschoben, die Vorhänge zugezogen, und die Musik laut aufgedreht. Der Tisch biegt sich unter süßen Küchlein, Pizzen, Salat, ein paar Schüsseln Joghurt, Nüssen, Chee.Toz (Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Cheetos-Käsecrackern sind rein zufällig), Auberginenmousse, Fladenbrot, und Vater holt den Rosinenschnaps aus dem Einbauschrank. Nicht nur Nouruz, Geburtstage oder das Sonnenwendfest Yalda werden zelebriert. Für ausgelassene Feten braucht es keinen Anlass. Perser feiern die Feste, wie sie fallen oder nicht fallen. Hauptsache, sie feiern. Frauen tragen Eyeliner und Miniröcke, die Männer klemmen die Smartphones an die Stereoanlage. Persische und westliche Popmusik dröhnt aus den Boxen, und Finger schnipsen. Omas und Opas, Jungs und Mädels – alles tanzt. Während sich deutsche Eltern abmühen, ihre Sprösslinge mit Sätzen wie »Ab ins Bett!« zum Einschlafen zu zwingen, schwofen iranische Kinder einfach so lange, bis sie vor Müdigkeit umkippen. Matratzen gibt es sowieso genug.

Wer also jemals zu einer persischen Hausparty eingeladen ist und nicht tanzen mag (was sich per se ausschließt), verlässt den Raum, denn andernfalls zerren steppende Iraner ihn auf den wohnzimmerlichen Dancefloor. Weigert man sich immer noch, so kann man gewiss sein, dass die gesamte Gesellschaft in Sprechchören den Namen des Spielverderbers ruft und dabei im Takt klatschen wird. Ein Graus für deutsche Tanzmuffel, doch besser, man fügt sich dem Schicksal und lernt von den Persern. Männer tanzen mit Frauen, Frauen tanzen mit Männern. Berührungen zwischen Unverheirateten. Eine Lehrstunde in Lebenslust.

 

Aus »Das verlorene Kopftuch« von Nadine Pungs

Sightseeing in Teheran: Ein Reisetipp von Couchsurfer Stephan Orth

»Teherans Nationalmuseum des Iran wird von denen, die sich auskennen, als »Mutter aller Museen« angesehen.

Behauptet zumindest eine Plakette an seiner Außenmauer. Die Ausstellungsstücke sind tatsächlich sensationell. Wer weiß schon, dass die Perser den ersten Trickfilm der Welt gedreht haben! »Gedreht« im wahrsten Sinn des Wortes. Es handelt sich um einen runden Tonkelch, auf dem ein Steinbock zu sehen ist, der zu den Ästen eines Baumes hochspringt. Aus fünf Einzelbildern besteht die Szene, wer das Gefäß schnell genug dreht, kann die Bewegung wahrnehmen wie bei einem Daumenkino.

Bei den Oscars 2300 vor Christus hätte »Bock frisst Blätter« in allen Kategorien abgeräumt, Drehbuch, Regie, Hauptdarsteller und Spezialeffekte sowieso, außerdem Soundtrack (Ton reibt auf Sandboden) und bester Nebendarsteller (der Baum). Leider gab es die Oscars damals noch nicht. Das kulturelle Geschehen in Deutsch­land zur gleichen Zeit? Ein paar langhaarige Zausel, die abends in der Höhle von der Jagd erzählten. Die Kulturszene in den USA damals? Nun, Sie verstehen schon.«

Aus »Couchsurfing im Iran« von Stephan Orth

Bücher Iran

Kommentare

1. Gotteslästerung und Saufpoesie
Iranerin am 01.05.2015

Gotteslästerung und Saufpoesie? Da sind Sie in einem Fettnäpfchen getretten!

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