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Weitlings Sommerfrische

Roman
12,00 €
14.05.2013
224 Seiten, Broschur
12cm x 18,7cm
978-3-492-30307-1

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info@piper.de
Piper Verlag GmbH
Georgenstraße 4
80799 München

Beschreibung

Als der angesehene Richter Wilhelm Weitling in einem Chiemseesturm mit seinem Segelboot kentert, kommt er gerade so mit dem Leben davon. Doch das Unglück versetzt ihn zurück in die eigene Jugend. Für den verblüfften Weitling wird dieses Abenteuer zur philosophischen Zeitreise – und hat unerwartete Auswirkungen auf seinen scheinbar vorgezeichneten Lebenslauf.

Über Sten Nadolny

Foto von Sten Nadolny

Biografie

Sten Nadolny, geboren 1942 in Zehdenick an der Havel, lebt in Berlin. Für sein Werk wurde er unter anderen mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 1980, dem Hans-Fallada-Preis 1985, dem Premio Vallombrosa 1986, dem Ernst-Hoferichter-Preis 1995 und dem Weilheimer Literaturpreis 2010 ausgezeichnet. Nach...

Mehr über Sten Nadolny

Aus „Weitlings Sommerfrische“

Meinem lieben und verehrten Kollegen
Horst Mönnich


Erstes Kapitel


Das Schiff


„Sicher ist, dass ich im Leben ein paar grundlegende Dinge nie begriffen habe, und ich weiß nicht einmal, welche.“
Nachts hatte Weitling diese Bemerkung auf einen Zettel geschrieben, noch halb im Schlaf, aber euphorisch, durchdrungen von einer grundlegenden Erkenntnis. Jetzt, auf der Terrasse am hellen Tage, las er die Zeilen wieder, sie kamen ihm etwas depressiv vor, allerdings nicht falsch. Es klang wie der Beginn von Selbsterkenntnis und Besserung. Nun liebte er am hellen Tage Sätze nicht, [...]

Buchcover müssen unverändert und vollständig wiedergegeben werden (inklusive Verlagslogo). Die Bearbeitung sowie die Verwendung einzelner Bildelemente ist ohne gesonderte Genehmigung nicht zulässig. Wir weisen darauf hin, dass eine Zuwiderhandlung rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Pressestimmen

„Sten Nadolny wirft (...) viele tiefgründige Fragen über Identitäten, Lebensläufe und Alternativen auf. Aber wie es seine Art ist, tut er dies behutsam, leicht und lesefreundlich.“

Westfalenpost

„Ein reizvolles Experiment, das schön und mit philosophischem Tiefsinn erzählt ist(...)“

Welt Online

„Als Romancier ist Nadolny ein glänzender Stilist. Der Aufbau der Romane ist wohl durchdacht, die Sätze sind fein ziseliert, leichtfüßig. Was auf den ersten flüchtigen Blick beschaulich wirken mag, ist Ausdruck literarischer Könnerschaft und letztlich auch wieder nur ein raffiniertes Spiel mit unseren Leseerwartungen. Understatement als rhetorischer Bluff.“

Süddeutsche Zeitung

„Einfühlsam, detailgenau, auch vergangenheitssehnsüchtig.“

SZ-Extra

„(...)ein gedanken- und perspektivenreicher Roman über Jugend und Alter, einfühlsam, gelassen und sprachmächtig erzählt - unbedingt lesenswert.“

Rheinische Post

„Ein Buch über die verlorene Identität und eine poetische Zeitreise durch das Leben des Autors als multiple Persönlichkeit.“

Radio Bremen, Literaturzeit

„Sten Nadolny schreibt mit sanftem Witz und versteckter Verve, mit Blicken auf Details, die zusammengenommen das große Ganze darstellen, das Leben genannt wird.“

Nürnberger Nachrichten

„Sten Nadolny schildert seinen Weitling liebevoll mit subtilem Humor und vielen autobiografischen Zügen.“

Nürnberger Nachrichten

„Ein kluges, schönes Buch.“

Inforadio

„Diese philosophische Lebensreise ist ein inhaltlicher und sprachlicher Genuss. Unbedingt lesen!“

Hessische/Niedersächsische Allgemeine

„'Sommerfrische' ist ein Juwel.“

Handelsblatt

„Schön und mit philosophischem Tiefsinn erzählt.“

Fuldaer Zeitung

„Dieser charmant verspielte Roman ist tiefsinnig, ohne verblasen zu sein, ist tröstlich ohne jeden Anflug von Kitsch.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Sten Nadolny ist ein Erzähler unvergesslicher Geschichten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Kühn konstruiert, elegant erzählt.“

Die Zeit

„Warum er Schriftsteller geworden ist? Sten Nadolny hat mit dem Roman 'Weitlings Sommerfrische' eine witzig-ironische Antwort darauf gegeben. Eine Art literarische Autobiographie und ein philosophisches Gedankenexperiment.“

Die Presse

„(...) ein altersweises Stück Literatur, das still und heiter die Versöhnung mit dem Leben feiert.“

Badische Zeitung

„Ein Roman, der Ferien vom Ich macht, so erfrischend wie ein sommerlicher Segeltörn.“

Westfälische Rundschau

Die erste Bewertung schreiben

Sten Nadolny
Weitlings Sommerfrische.
Dankesrede von Sten Nadolny zum Buchpreis Stiftung Ravensburger Verlag 2012

Ich freue mich über diesen sympathischen Buchpreis, der so eng mit einem ehrwürdigen alten Verlag und seiner guten, kinderfreundlichen Vergangenheit und Gegenwart zu tun hat. Ich danke der Stiftung und der Jury und freue mich speziell darüber, dass die Jury, die ja die Aufgabe hatte, einen „Familienroman“ zu prämieren, „Weitlings Sommerfrische“ als einen solchen erkannt hat, obwohl er ein ziemlich verkappter Familienroman ist!

Er unternimmt den Versuch, gegebene Familienverhältnisse zu überlisten und andere an deren Stelle zu setzen - durch Setzung eben, Autoren können das. Darin sind sie ein klein bisschen gottähnlich. In jeder anderen Hinsicht sind ihre Möglichkeiten eher begrenzt. Und jetzt zitiere ich Kurt Tucholsky: „Irgendeine Möglichkeit, sich der Familie zu entziehen, gibt es nicht.“ Mein alter Freund Theobald Tiger singt zwar: „Fang nie was mit Verwandtschaft an – denn das geht schief, denn das geht schief!“, aber diese Verse sind nur einer stupenden Lebensunkenntnis entsprungen. Man fängt ja gar nichts mit der Verwandtschaft an – die Verwandtschaft besorgt das ganz allein. Und wenn die ganze Welt zugrunde geht, so steht zu befürchten, dass dir im Jenseits ein holder Engel entgegenkommt, leise seinen Palmenwedel schwingt und spricht: „Sagen Sie mal – sind wir nicht miteinander verwandt –?“ Und eilends, erschreckt und im innersten Herzen gebrochen, enteilst du. Zur Hölle. Das hilft dir aber gar nichts. Denn da sitzen alle, alle die andern.«

Man sollte vielleicht den von Tucholsky erwähnten Theobald Tiger etwas ausführlicher zitieren, damit seine Abneigung wenigstens verständlich wird: „Fang nie was mit Verwandschaft an, denn das geht schief, denn das geht schief. Sieh lieber dir ne fremde Landschaft an, die Familie wird gleich so massiv. Denn so von Herzen hundsgemein kann auf der Welt kein Fremder sein. Fang nie was mit Verwandtschaft an, dann bist du wirklich glücklich dran.“Hinter Theobald Tiger verbirgt sich im übrigen niemand anderes als Kurt Tucholsky selbst. Beiden sollte aber nun widersprochen werden. Denn es muss nicht alles schiefgehen mit der Familie, sonst wären wir ja samt und sonders unrettbar Schiefgegangene. Richtig ist, dass wir aus Familien kommen und daran nichts ändern können.

Der Mensch ist kein Individuum aus eigener Kraft, er hat sich nicht selbst gezeugt, geboren und aufgezogen, er hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern – wenn man es weit genug zurückverfolgt, ist er mit der Bevölkerung ganzer Kontinente verwandt.Vielleicht liegen im unausweichlichen Verwandtsein manche Übel begründet. In einem Menschen setzen sich zweifelhafte Charakterzüge seiner Vorfahren fort. Er übernimmt Ehrvorstellungen und Vorurteile aus der Steinzeit. Und wenn er dann auch noch selbst eine Familie gründet, stellt er deren Wohl über das von Staat und Gesellschaft, hält seine Kinder skrupellos von Tagesstätten fern, rafft Geld und hinterzieht Steuern, all das in der Annahme, dass die Seinen es dadurch einmal besser haben.Andererseits muss man sagen: Wir werden als Familienwesen ja manchmal auch bessere Menschen: Nur wer Liebe erfahren hat, kann auf die Idee kommen, sie an andere weiterzugeben. Und noch eines: In der Familie wird Hilflosigkeit erfahren – die eigene, die der Kinder, die der Alten. Wer das bei den Menschen erfahren hat, die ihm lieb sind, lässt wohl auch andere nicht im Stich, die er in einer vergleichbaren Lage sieht, vielleicht erkennt er solche Situationen auch einfach rascher. Und der egozentrische Standpunkt: „nach mir die Sintflut“ fällt wohl nicht ganz so leicht, wenn man Enkel hat.

Ich will jetzt aber keine Liste vorlesen - wenn ich für die Familie oder für die Gründung von Familien Reklame machen wollte, könnte sie recht lang werden. Allerdings, Tucholsky und der Wahrheit zuliebe müsste ich bei jedem Punkt vermerken: „Kann schiefgehen!“ Womit wir beim Konjunktiv wären: Hätte ich ein anderer, womöglich sogar besserer Mensch werden können, wenn dies und jenes geschehen, oder wenn dies und jenes nicht geschehen wäre?Wie wäre ich geworden, wenn mein Vater ein bisschen anders oder wenn meine Mutter gar nicht meine Mutter gewesen wäre?

Dass solche Fragen keine sichere Antworten finden können, vermindert nicht ihren Reiz im Leben und in den Geschichten. Die Sehnsucht des Menschen, ein anderer zu sein, wird stets auch zum Vergangenheitskonjunktiv: Wenn mir X nicht passiert wäre, dann hätte ich Y versuchen können und wäre heute mit großer Wahrscheinlichkeit einer von den Z-s, einer, den alle um sein Glück beneiden.Müßig sind solche Fragen nicht. Denn gerade wenn wir unserer Phantasie, diesem allzeit jungen Hund in uns, ein bisschen Auslauf erlauben, bequemen wir uns anschließend besser gelaunt zu der Weisheit, dass wir einiges im Leben nicht nachhaltig kontrollieren oder gar ändern können, auch nicht konnten, sondern nur hinnehmen und das Beste daraus machen. Genau dann wird uns wenigstens das, in der verbliebenen Zeit, einigermaßen gelingen.

Ich lese jetzt noch – erwartungsgemäß! – etwas aus meinem Buch vor, aus dem vertrackten und verspiegelten Familienroman also, der aber vielleicht eben dadurch ein bisschen sehender und sogar ein bisschen dankbarer machen könnte. So hoffe ich jedenfalls. Aus dem Konjunktiv wird Indikativ: Der Held, Wilhelm Weitling, findet ein anderes Leben nicht in der Phantasie, sondern, nach einem schwer erklärlichen Zwangsaufenthalt in seiner eigenen Jugend, in der Wirklichkeit nach dem Zurückkehren – er trägt immer noch den gleichen Namen, aber er ist ein anderer. Wer, das muss er noch herausfinden.